ärgern solle.
»Lestiboudois, Sie leben von den Toten!« sagte eines Tages der
Pfarrer zu ihm.
Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine
Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis
auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er
versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber.
Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in
Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf der
Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch immer
flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei Kattunwimpel im
Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der Apotheke häßliche
Präparate in Glasbüchsen voll trübgewordnem Alkohol, und ganz wie
einst zeigt der alte, von Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe
über dem Tore des Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne.
An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen sollte,
war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig beschäftigt, daß
ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der Schweiß von der Stirne
perlte. Am folgenden Tag war nämlich Markttag im Städtchen. Da
mußte Fleisch zurechtgehackt, Geflügel ausgenommen, Bouillon
gekocht und Kaffee gebrannt werden. Daneben die regelmäßigen
Tischteilnehmer und heute obendrein der neue Doktor nebst Frau
Gemahlin und Dienstmädchen! Am Billard lachten Gäste, und in der
kleinen Gaststube riefen drei Müllerburschen nach Schnaps. Im
Herde prasselte und schmorte es, und auf dem langen Küchentische
paradierten neben einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die
nach dem Takte des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat
zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker der
Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
Köpfe abschneiden wollte.
Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an seinem
schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des Gastzimmers den
Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar Blatternarben. Sein ganzes
Wesen strahlte förmlich von Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte
er genau so gleichmütig dahin wie der Stieglitz, der oben an der
Decke in seinem Weidenbauer herumhüpfte. Dieser Herr war der
Apotheker.
»Artemisia!« rief die Wirtin. »Leg noch ein bißchen Reisig ins
Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps hinein! Und
mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich den Herrschaften,
die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen soll? Heiliger
Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft hören mit ihrem
Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und der Möbelwagen
steht draußen immer noch mitten auf der Straße, gerade vor der
Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine Karambolage geben.
Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen beiseiteschieben ... Was
ich sagen wollte, Herr Apotheker, diese Leute spielen schon den
ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei der fünfzehnten Partie und
beim achten Schoppen Apfelwein! Man wird mir noch ein Loch ins
Tuch stoßen!«
Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins
Gastzimmer gelaufen.
»Das wär auch weiter kein Malheur!« meinte Homais. »Dann schaffen
Sie gleich ein neues Billard an!«
»Ein neues Billard!« jammerte die Witwe.
»Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr viel!
Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr eigner Schaden!
Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen passionierte Spieler
große Bälle und schwere Queues. Mit solchen Bällchen spielt man
nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! Man muß modern sein! Sehen Sie
sich mal bei Tellier im Café Français ...«
Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort:
»Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist handlicher als
Ihrs. Und wenn es heißt, eine patriotische Poule zu entrieren,
sagen wir: zum Besten der vertriebenen Polen oder für die
Überschwemmten von Lyon ...«
»Ach was!« unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. »Vor dem
Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen Sies nur
gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe bestehen wird,
sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber Ihr geliebtes
Café Français, das wird eines schönen Tages die Bude zumachen!
Oder vielmehr der Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres
Billard anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und
wenn Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten!
Nee, nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
Hivert!«
»Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die Post
gekommen ist?« fragte Homais ungeduldig.
»Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag sechs,
einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit gibts auf der
ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit urdenklichen Zeiten seinen
Stammplatz in der kleinen Stube. Er ließe sich eher totschlagen,
als daß er wo anders äße. Was Schlechtes darf man dem nicht
vorsetzen. Und auf den Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er
ist nicht wie Herr Leo, der heute um sieben und morgen um halb
acht erscheint und alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein
feiner junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm
gehört.«
»Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und
jetzigen Steuereinnehmer!«
Es schlug sechs. Binet trat ein.
Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte
ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem
langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug eine Weste
aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen und tadellos
blankgewichste Schuhe, die vorn besonders ausgearbeitet waren,
weil er dauernd an geschwollenen Zehen litt. Sein blonder
Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte ihm das lange
bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der Adlernase wie eine
Hecke den Garten. Er war ein Meister in jeglichem Kartenspiel und
ein guter Jäger, hatte eine hübsche Handschrift und besaß zu Hause
eine Drehbank, auf der er zu seinem Vergnügen Serviettenringe
drechselte. Er hatte ihrer schon eine Unmenge, die er mit der
Eifersucht eines Künstlers und dem Geiz des Spießers hütete.
Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber die
drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während man drin
für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm in der Nähe
des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte die Türe ein und
nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so seine Ordnung.
»An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!« bemerkte
der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein war.
»Er redet nie viel,« entgegnete diese. »Vergangene Woche waren
zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend
Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen.
Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
verzogen.«
»Ja, ja,« sagte der Apotheker, »der Mensch hat keine Phantasie,
keinen Witz, keinen geselligen Sinn!«
»Er soll aber wohlhabend sein,« warf die Wirtin ein.
»Wohlhabend?« echote Homais. »Der und wohlhabend!« Und gelassen
fügte er hinzu: »Gott ja, so für seine Verhältnisse. Das ist schon
möglich!«
Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: »Hm! Wenn ein Kaufmann, der
ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein Arzt, ein
Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum Griesgram
oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor gibt es Beispiele
und Exempel. Solche Leute haben immerhin Gedanken im Kopfe. Wie
oft ists mir nicht selber passiert, daß ich meinen Federhalter auf
meinem Schreibtische gesucht habe, um ein Schildchen auszufüllen
oder so was, -- und weiß der Kuckuck, schließlich hatte ich ihn
hinterm rechten Ohre stecken!«
Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob die
Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da trat
ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das Dämmerlicht
beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß seine herkulischen
Linien.
»Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?« fragte die Wirtin und
nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren weißen
Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. »Haben Ehrwürden
einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen Schoppen Wein?«
Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines
Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte stehen
lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn gelegentlich
holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er sich, um
nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria geläutet ward.
Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, machte
der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben sehr
ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung abzuschlagen,
sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche Heuchelei. Die
Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am liebsten möchten sie
den Zehnten wieder einführen.
Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
»Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
zugleich auf!« meinte sie. »Voriges Jahr hat er unsern Leuten beim
Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf einmal
getragen. So stark ist er!«
»Natürlich!« rief Homais aus. »Schickt nur Eure Mädels solchen
Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate was zu sagen hätte,
dann kriegte jeder Pfaffe aller vier Wochen einen Blutegel
angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier Wochen einen
ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und Sittlichkeit im
Lande!«
»Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!«
Homais erwiderte:
»Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert als
die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. Ich
verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine höhere
Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht in Frage.
Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre Pflichten als
Staatsbürger und Familienväter erfüllen. Aber ich habe kein
Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, silbernes Gerät zu küssen und
eine Bande von Possenreißern aus meiner Tasche zu mästen, die sich
besser hegen und pflegen als ich mich selber. Gott kann man viel
schöner verehren im Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach
antiker Anschauung angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott
ist der Gott der Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus
Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die unsterblichen
Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den sogenannten
lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der Hand gemütlich
durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in einem
Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an und
für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! Es
beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der schmachvollen
Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen möchten, mir
Wollust selber herumsielen.«
Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich ins
Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem Gemeinderat. Die
Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. Sie lauschte draußen
und vernahm ein fernes rollendes Geräusch. Bald hörte sie deutlich
das Rasseln der Räder und das Klappern eines lockeren Eisens auf
dem Pflaster. Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre.
Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die bis an
das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem Reisenden jegliche
Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. Die winzigen Scheiben in
den Wagenfenstern klirrten in ihrem Rahmen. Wenn man sie
heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und Straßenschmutz starrten.
Der stärkste Platzregen hätte sie nicht rein gewaschen. Das
Fahrzeug war mit drei Pferden bespannt: zwei Stangen- und einem
Vorderpferde.
Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles
redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine
Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er
zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei Aufträge
für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er machte Einkäufe,
brachte dem Schuster Leder und dem Schmied altes Eisen mit; er
besorgte der Posthalterin eine Tonne Heringe, holte von der
Modistin Hauben und vom Friseur Lockenwickel. Auf dem Rückwege
verteilte er dann die Pakete längs seiner Fahrstraße. Wenn er am
Gehöft eines Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle
und warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er sich
von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke ohne
Zügel laufen ließ.
Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys Windspiel
querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff man nach
ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller
Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich
aber mußte weitergefahren werden.
Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück
schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post
fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten
von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen
Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von
Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben sollte.
Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen gelaufen und
hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein eigner Vater
hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf Jahre weg. Eines
Abends, als der alte Lheureux durch die Stadt nach dem Gasthaus
ging, sprang der Hund an ihm hoch.
Zweites Kapitel
Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der »gnädigen Frau«
und dem »Herrn Doktor« gegenüber in Galanterien und Höflichkeiten.
Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben,
ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in herzlichem Tone fügte er
hinzu, er lüde sich für heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei
Strohwitwer.
Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den
Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu
den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit schwarzledernen
Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in der die Hammelkeule
am Spieß gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt
und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre
poröse weiße Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von
Zeit zu Zeit schlössen. Der Luftzug strich durch die halboffene
Tür und rötete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am
Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem
Haar, der sie stumm betrachtete.
Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der
Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich gehörig in
Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters absichtlich zu spät,
in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause
verplaudern zu können. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar
nichts zu tun hatte, mußte er aus Langeweile wohl oder übel
pünktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Käse Binets
Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht,
heute mit den neuen Gästen zusammen zu essen; er war mit Vergnügen
darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal für vier
Personen gedeckt worden.
Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht.
Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten.
»Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?« begann er. »In
unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerüttelt.«
»Freilich!« gab Emma zur Antwort. »Aber dieses Drüber und Drunter
macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.«
»Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!« seufzte
der Adjunkt.
»Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen müßten ...«,
warf Karl ein.
Leo wandte sich an Emma:
»Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein guter
Reiter sein.«
»Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend
ziemlich bequem«, meinte der Apotheker. »Die Wege sind nämlich
soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im
allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und
Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl Fälle
von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten schwere
Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die zahlreichen
skrofulösen Leiden, die zweifellos von den kläglichen hygienischen
Verhältnissen in den Bauernhäusern herrühren. Ja, ja, Herr Bovary,
Sie werden öfters mit altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und
vielfach werden Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle
Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute
hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit
Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt daß sie von
vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im übrigen ist
das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche
Neunzigjährige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die
Maximalkälte im Winter 4° Celsius, während wir im Hochsommer auf
25°, höchstens 30° kommen. Das wäre ein Maximum von 24° Reaumur.
Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor
den Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den
Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese
Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses
und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten
hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also
Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff
und Sauerstoff!), -- diese Wärme, die den Humus aussaugt und alle
Dünste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke
zusammenballt und sich mit der Elektrizität der Atmosphäre
verbindet, die könnte schließlich (wie in den Tropenländern)
gesundheitsschädliche Miasmen erzeugen --, diese Wärme, sag ich,
wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen
könnte, das heißt im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die
ihre Kühle über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich
als sanftes Mailüfterl wehen ...«
»Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?«
fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches mit dem jungen Manne.
»Leider nur sehr wenige«, entgegnete er. »Einen hübschen Ort gibt
es auf der Höhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort
sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh
mir den Sonnenuntergang an.«
»Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,« schwärmte
Emma, »zumal am Gestade des Meeres!«
»Ach, ich bete das Meer an!« stimmte Leo bei.
»Haben Sie nicht auch die Empfindung,« fuhr Frau Bovary fort, »daß
die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt,
die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben,
in die Sphäre der Ideen, der Ideale?«
»Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso«, meinte Leo. »Ich habe
einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht
hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, könne man sich
den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber
der Wasserfälle und den großartigen Eindruck der Gletscher. Über
Gießbächen hängen riesige Fichten, und am Rande von tiefen
Abgründen kleben Alpenhütten; und wenn die Wolken einmal
zerreißen, erblickt man tausend Fuß unten in der Tiefe die langen
Täler. Wer das schaut, muß in Begeisterung geraten, in
Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen
berühmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften
arbeiten konnte.«
»Treiben Sie Musik?« fragte Emma.
»Nein, aber ich liebe die Musik!« antwortete er.
»Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!« mischte sich Homais ein.
»Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewiß, mein
Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das
Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem
Laboratorium aus gehört. Sie haben eine Stimme wie ein
Opernsänger!«
Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im zweiten
Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem
Komplimente seines Hauswirtes wurde er über und über rot.
Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er wußte
tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das Vermögen des
Notars könne er nichts Genaues sagen. Auch über die Familie
Tüvache munkele man so allerlei.
Emma fuhr fort:
»Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?«
»Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...«
»Kennen Sie die Italiener?«
»Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich habe die
Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu
vollenden.«
»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,«
sagte wiederum der Apotheker, »als ich ihm von dem armen
Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den
Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der
komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre
Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das Vorhandensein einer
Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch
unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle
denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein großes Eßzimmer, eine
Küche mit Speisekammer, eine Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr
Vorgänger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht
ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen,
da hat er sich ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an
Sommerabenden sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die
Blumenzucht liebt ...«
»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl.
»Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie
lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.«
»Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als
abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen,
während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?«
»So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen
schwarzen Augen voll an.
Er fuhr fort:
»Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man
sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man
wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden
Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich
in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der
Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigne
Herz in ihnen.«
»Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus.
»Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit
einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem,
als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...«
»Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie.
»Und darum«, fuhr er fort, »liebe ich die Dichter über alles. Ich
finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren so schön zu
Tränen!«
»Aber sie ermüden auf die Dauer,« wandte Emma ein, »und daher
ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und
aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.«
»Gewiß,« bemerkte der Adjunkt, »die naturalistischen Romane haben
dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner
Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so süß, sich
aus den Häßlichkeiten des Daseins herauszuzüchten, wenigstens in
Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu
glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen
Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville
wenig Gelegenheit ...«
»Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich
ständig in einer Leihbibliothek abonniert.«
Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau
mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu
benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten
Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein
paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von
Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges,
Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.«
Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne
Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen
saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln
hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer
wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend
von selber zuklappte.
Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte,
einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem
Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen
und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie
mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder
entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich
Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen
Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen
andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu
bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze,
die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte,
und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in
ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war.
Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen
Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die
kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen
Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben.
Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau
Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem
Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch
hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran.
Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem
Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war
hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur
fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich
alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander.
Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die
Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte
Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen
Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden
Dämpfe.
Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen,
Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer
hatten alles so stehen und liegen lassen.
Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das
erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das
zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß
Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein
neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß
sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen
könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so
müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein.
Drittes Kapitel
Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
schloß das Fenster.
Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es
sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand
er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische
saß.
Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis
dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame«
geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche
Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem
unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine
gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei
zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er
hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich
in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen
Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er
aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen
Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten
spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und
Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war;
öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem
Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und
dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch
besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens
Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von
diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art
»Mann für alles« geworden war.
Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary
die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen
Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an
der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen
geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und
billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den
Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und
Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von
Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs
Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde.
Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem
Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich
früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI
verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der
sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines
Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor
den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte
ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf
dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer
Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem
Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es
war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser.
Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren.
Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die
Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier
Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem
Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine
bringen.
Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und
Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche
Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war
und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden.
Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ
er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein
wenig mit ihm zu schwatzen.
Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang
saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er
machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau
beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen,
verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die
Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die
Anstreicher dagelassen hatten.
Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes
eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im
Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug.
Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren
daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war
vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in
tausend Stücke zerschellt war.
Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so
liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande
von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen
Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen
Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer
miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem
Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte
ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer
herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend
zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der
Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte
ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was
Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt
sein.
In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann
kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als
sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen
und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine
plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung
selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in
Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden
dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich
stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe
von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei
allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch
Emma mehr daran zu denken.
Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem
männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein
nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier
Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf
gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten
Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten.
Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den
Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt
es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen
möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht
losläßt.
An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als
die Sonne aufging.
»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl.
Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich
auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu
umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige
Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue
Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind
bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch
klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte
den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber
davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch
und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber
gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen
Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die
Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau
Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für
Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke
erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen
Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia
(zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine
philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der
Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den
Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu
scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört
hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise«
angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die
Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde
Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk
allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs
Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade
und sechs Päckchen Malzbonbons.
Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein
patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole
vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze
aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand
darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine
»Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß.
Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen
Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches
Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen
baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich
ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen.
Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten
Kaffeetasse.
Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit
Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf
dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker
Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen
Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was
selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine
Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an
Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß.
Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in
der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg,
von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten,
die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte
Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte
er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!«
Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück
ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen
unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben,
und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch
schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen.
Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in
die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht,
das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den
Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes,
zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag.
Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen.
Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren
Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte.
Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen
weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo
eintreten und sich ausruhen sollte.
In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine
Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und
stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem
Lheureuxschen Modewarenladen.
Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
aber müde zu werden beginne.
»Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
»Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des
Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend
desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die
Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens,
Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der
Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen,
der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der
Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den
Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden
Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken
in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der
kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre
Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte.
Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich
auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor
ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit
ganz leisem Summen.
Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es
umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache.
Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine
Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat,
Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An
der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen
rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch
verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote
baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke
flatterte ein großes Stück Leinwand.
Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind
an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich
aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines
Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in
Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten.
»Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft
drinnen.«
In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein
großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der
Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In
der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit
blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder
herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein
Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen
Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine
»trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik,
das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie
nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann
es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang.
Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen
Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind
wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am
Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke
abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon.
»Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe
weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie
doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß
ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche
brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann
nicht immer zu stören.«
»Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!«
Beim Hinausgehen schüttelte sie sich.
Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie
in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so
häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen,
daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen
gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch
trinke, reiche ich damit vier Wochen.«
Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich
hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie
das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte
sich um. Es war die Amme.
»Was wollen Sie noch?«
Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von
ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs
Franken Pension im Jahre ...«
»Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall.
»Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen
jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird
böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie
wissen, wie die Männer sind ...«
»Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
Sie langweilen mich.«
»Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die
schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...«
»Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma.
»Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte,
»wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals
einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...«
Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus:
»Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer
Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...«
Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie
Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde
sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war,
glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen
Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes
wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand
fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst
trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten;
er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
aufbewahrte.
Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in
der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man
drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von
den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß
lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser
neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung
treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und
wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen
und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen
Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die
Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen
Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so
verlassen ...
Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die
junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang
ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie
redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.
Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die
Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen
Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres
Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab.
Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder
Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick
in den Spitzen hängen.
Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst
im Rouener Theater gastieren sollte.
»Werden Sie hinfahren?« fragte Emma.
»Wenn ich kann, ja!«
Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen
sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so
banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im
Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem
oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen
Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit
über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch
herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne
den Horizont nach dem Woher zu fragen.
An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen
und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die
.
1
2
»
,
!
«
3
.
4
5
.
6
.
7
.
,
8
,
.
9
10
,
,
11
.
12
-
-
,
13
14
,
15
,
16
,
17
.
18
19
,
,
20
,
,
,
21
22
.
.
23
,
,
24
.
25
26
!
,
27
.
28
,
29
,
30
,
31
.
32
,
,
33
.
34
35
,
36
,
37
.
.
38
.
39
,
40
.
41
.
42
43
»
!
«
.
»
44
!
!
!
45
!
,
,
,
46
,
?
47
!
48
!
49
,
50
!
,
.
51
!
.
.
.
52
,
,
53
.
54
!
55
!
«
56
57
,
,
58
.
59
60
»
!
«
.
»
61
!
«
62
63
»
!
«
.
64
65
»
,
!
!
66
.
!
67
!
68
.
69
.
!
!
70
.
.
.
«
71
72
,
:
73
74
»
,
!
75
.
,
,
76
:
77
.
.
.
«
78
79
»
!
«
.
»
80
!
81
,
!
,
82
!
!
83
,
!
84
!
85
?
!
86
,
!
87
,
.
.
.
,
88
!
«
89
90
»
,
91
?
«
.
92
93
»
?
!
,
94
!
95
.
96
.
,
97
.
98
.
.
99
,
100
,
!
101
!
102
.
«
103
104
»
,
105
,
106
!
«
107
108
.
.
109
110
,
111
.
112
,
113
.
114
,
,
115
,
,
116
.
117
118
119
.
120
,
121
,
122
.
,
123
.
124
125
.
126
.
127
,
128
,
,
129
.
.
130
131
»
!
«
132
,
.
133
134
»
,
«
.
»
135
,
,
136
.
.
137
138
.
«
139
140
»
,
,
«
,
»
,
141
,
!
«
142
143
»
,
«
.
144
145
»
?
«
.
»
!
«
146
:
»
,
.
147
!
«
148
149
:
»
!
,
150
,
,
,
151
,
152
,
.
153
.
.
154
,
155
,
156
,
-
-
,
157
!
«
158
159
,
,
160
.
.
161
.
162
163
.
164
165
»
?
«
166
,
167
.
»
168
?
?
«
169
170
.
171
,
172
.
,
173
,
,
174
,
-
.
175
176
,
177
,
178
.
,
179
.
180
.
181
.
182
183
.
184
185
»
,
186
!
«
.
»
187
.
188
.
!
«
189
190
»
!
«
.
»
191
!
,
192
193
.
,
,
194
195
!
«
196
197
»
!
!
!
«
198
199
:
200
201
»
:
!
202
.
203
.
.
204
,
.
.
205
,
206
.
207
,
,
208
,
209
.
210
,
211
.
212
.
213
.
214
!
215
,
216
,
217
,
218
.
219
!
220
,
221
,
,
222
.
«
223
224
.
225
,
.
226
.
227
.
228
229
.
.
230
231
,
232
.
233
.
234
.
235
,
,
.
236
.
237
:
-
238
.
239
240
.
241
.
,
242
,
243
.
,
,
,
244
.
245
.
,
246
;
247
,
248
.
249
.
250
,
251
,
252
253
.
254
255
.
256
.
257
.
;
258
,
.
259
.
260
261
.
262
.
,
,
263
,
,
264
,
265
.
266
,
267
.
268
269
.
270
;
.
271
,
272
,
.
273
274
275
276
277
278
279
280
,
,
281
.
.
282
.
283
284
.
»
«
285
»
«
.
286
,
,
,
287
.
288
,
.
289
.
290
291
.
292
,
293
294
,
295
.
296
,
297
,
298
.
299
.
300
.
301
,
.
302
303
,
,
304
.
305
,
,
306
,
307
.
308
,
309
310
.
,
311
;
312
.
313
.
314
315
.
,
316
.
.
317
318
.
319
320
»
?
«
.
»
321
.
«
322
323
»
!
«
.
»
324
.
.
«
325
326
»
,
!
«
327
.
328
329
»
.
.
.
«
,
330
.
331
332
:
333
334
»
.
335
.
«
336
337
»
338
«
,
.
»
339
,
.
340
.
341
.
,
342
,
343
,
344
,
345
.
346
,
347
.
,
,
,
348
,
349
350
.
351
352
,
,
353
.
354
.
355
.
356
,
357
,
.
.
358
.
,
359
,
360
.
361
,
362
363
,
,
,
(
364
,
,
,
365
!
)
,
-
-
,
366
,
367
368
,
(
)
369
-
-
,
,
,
370
,
,
,
371
,
,
,
372
373
.
.
.
«
374
375
»
?
«
376
.
377
378
»
«
,
.
»
379
,
,
'
'
.
380
381
.
«
382
383
»
,
«
384
,
»
!
«
385
386
»
,
!
«
.
387
388
»
,
«
,
»
389
,
390
,
,
391
,
?
«
392
393
»
«
,
.
»
394
,
395
.
:
,
396
,
397
.
398
,
399
;
400
,
401
.
,
,
402
,
!
403
,
404
.
«
405
406
»
?
«
.
407
408
»
,
!
«
.
409
410
»
,
!
«
.
411
»
.
.
.
,
412
!
,
,
413
.
414
.
415
!
«
416
417
418
,
.
419
.
420
421
,
422
.
423
.
424
.
425
.
426
427
:
428
429
»
!
?
«
430
431
»
!
.
.
.
«
432
433
»
?
«
434
435
»
.
.
436
,
,
437
.
«
438
439
»
,
,
«
440
,
»
441
,
:
442
,
,
443
.
444
445
.
446
.
447
;
,
448
,
,
.
449
,
450
.
,
,
451
,
,
452
.
453
.
.
.
«
454
455
»
«
,
.
456
»
,
457
.
«
458
459
»
!
«
.
»
,
460
,
461
?
«
462
463
»
!
«
464
.
465
466
:
467
468
»
,
.
469
,
.
470
.
471
,
;
472
;
473
,
,
474
.
«
475
476
»
!
!
«
.
477
478
»
,
479
,
480
?
481
,
,
,
482
.
.
.
«
483
484
»
!
«
.
485
486
»
«
,
,
»
.
487
,
.
488
!
«
489
490
»
,
«
,
»
491
,
492
.
493
.
.
«
494
495
»
,
«
,
»
496
,
497
,
.
,
498
,
499
:
,
500
.
,
501
,
.
502
.
.
.
«
503
504
»
!
«
.
»
505
.
«
506
507
.
»
508
,
«
,
»
509
,
.
510
:
,
,
,
,
511
,
»
512
«
,
,
,
,
513
,
.
«
514
515
,
516
,
517
,
518
,
,
519
,
520
.
521
522
,
,
,
523
,
524
.
525
,
,
526
,
527
.
,
528
,
529
,
530
,
531
.
,
,
,
532
,
,
,
533
,
,
534
,
.
535
536
,
,
537
.
538
.
539
.
.
540
,
541
.
,
542
.
,
543
,
,
.
544
545
.
546
.
547
.
548
,
549
,
.
550
551
,
552
,
553
.
.
554
.
,
,
555
.
556
,
557
.
558
.
559
560
,
,
,
561
.
562
.
563
564
.
565
,
566
,
567
.
568
.
,
569
570
;
,
571
,
,
.
572
573
574
575
576
577
578
579
,
,
580
.
.
581
.
582
.
583
584
,
585
.
,
586
,
587
.
588
589
.
590
»
«
591
.
,
592
?
593
.
594
,
595
.
.
596
,
,
597
,
598
.
:
599
,
,
600
,
-
-
601
.
,
602
,
;
603
,
604
,
605
606
,
,
607
.
,
608
,
609
»
«
.
610
611
.
612
,
613
,
614
,
615
.
616
,
617
,
;
618
619
;
»
«
»
620
«
,
.
621
622
623
.
624
.
625
,
,
626
.
627
628
.
629
,
,
630
,
.
,
631
.
,
,
632
.
633
,
.
634
,
.
635
,
,
636
637
.
638
639
.
640
641
,
642
643
.
644
,
645
.
646
,
647
,
648
.
649
»
«
,
650
,
651
.
652
653
.
.
654
,
.
655
656
.
,
657
.
,
658
,
659
.
660
661
.
662
663
,
.
664
,
,
665
.
666
,
667
,
668
.
669
670
:
671
.
,
672
.
673
674
.
675
,
676
,
677
,
,
678
.
,
,
679
,
»
«
,
680
681
,
,
.
682
,
,
.
683
.
,
684
,
685
.
686
687
.
688
,
.
689
,
,
.
690
,
-
691
,
692
;
,
-
693
,
694
.
695
,
696
,
,
697
.
698
,
699
.
700
701
.
,
702
,
!
,
703
,
704
,
705
.
706
.
,
707
708
.
.
709
,
710
.
711
,
712
,
713
,
,
714
.
715
716
,
,
717
.
718
719
»
!
«
.
720
721
.
722
,
723
.
724
.
725
.
726
727
,
728
.
729
:
,
,
,
.
730
,
.
731
,
,
732
.
733
.
734
735
»
,
«
,
»
736
,
,
737
.
.
«
738
739
.
740
,
,
741
.
742
:
(
!
)
,
(
743
!
)
,
(
!
)
744
(
!
)
.
745
,
,
746
.
747
.
,
748
.
749
750
,
751
,
»
-
«
752
.
753
.
,
754
,
.
755
,
:
756
,
,
757
.
758
759
,
760
.
.
761
,
762
(
)
763
.
764
,
,
765
»
«
,
.
766
767
,
768
,
.
769
,
770
.
,
.
771
772
.
773
774
775
776
,
,
777
.
778
779
,
,
780
.
781
,
782
,
.
783
784
.
785
.
,
,
,
786
,
,
,
787
.
788
,
,
,
789
:
»
,
!
«
790
791
792
.
,
793
,
794
.
795
.
.
796
797
798
.
,
799
.
800
,
,
801
,
.
802
803
.
.
804
,
805
.
.
806
.
807
.
,
808
.
809
810
,
811
.
,
812
813
.
814
815
,
,
816
.
817
818
»
.
.
.
«
,
,
.
819
820
»
?
«
.
821
,
.
(
822
,
,
823
,
,
824
.
)
825
826
,
827
,
828
829
.
,
830
,
,
,
831
,
.
832
833
,
834
.
835
836
.
837
,
.
838
839
.
840
841
,
842
.
.
843
.
844
,
845
,
.
846
.
847
;
848
,
849
,
850
.
851
852
,
853
,
,
,
854
,
.
855
,
856
.
857
858
»
!
«
.
»
859
.
«
860
861
862
.
,
863
,
.
864
865
,
,
866
.
867
,
,
868
.
869
»
«
,
,
870
.
871
872
.
873
,
,
874
,
.
875
876
.
877
,
878
.
.
,
,
879
.
880
.
,
881
.
,
882
.
,
.
883
884
»
!
«
.
»
885
,
.
886
,
887
,
888
.
.
889
.
«
890
891
»
!
«
.
»
,
!
«
892
893
.
894
895
,
896
,
,
897
.
»
,
898
.
899
.
900
,
.
«
901
902
903
,
.
904
,
905
.
906
.
.
907
908
»
?
«
909
910
,
911
.
»
912
.
.
.
«
913
914
»
!
«
.
915
916
»
,
,
«
,
917
,
»
,
918
,
,
.
919
,
.
.
.
«
920
921
»
,
!
922
.
«
923
924
»
,
,
,
'
925
,
926
.
.
.
.
«
927
928
»
,
?
«
.
929
930
»
,
«
,
,
931
»
.
.
.
«
932
.
»
.
.
.
«
933
934
.
:
935
936
»
!
937
.
.
.
.
«
938
939
,
940
.
.
941
,
,
,
942
.
943
,
944
.
945
;
,
946
.
;
947
,
948
.
949
950
.
951
,
952
.
953
.
954
,
.
,
955
956
;
,
,
.
957
958
.
959
,
,
960
.
961
.
962
.
.
.
963
964
,
.
965
966
,
967
,
.
968
969
,
970
,
971
.
972
.
973
;
.
974
-
-
975
-
976
.
977
978
,
979
.
980
981
»
?
«
.
982
983
»
,
!
«
984
985
?
986
,
987
,
988
.
,
989
990
.
991
,
,
992
.
993
:
994
,
,
995
,
,
,
996
.
997
998
999
;
,
1000