halten. Er brachte drei Bücher und ein Notizbuch mit. Er pflegte
sich Auszüge zu machen.
Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen
brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem Alkoven
hervorgerückt hatte.
Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
Jeremiaden über die »unglückliche junge Frau«. Der Priester
unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als für sie zu beten.
»Immerhin«, versetzte Homais, »sind nur zwei Fälle möglich.
Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrückt, selig
verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie ist als
Sünderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier der
kirchliche Ausdruck? Dann ...«
Bournisien unterbrach ihn und erklärte in mürrischem Tone, man
müsse in jedem Falle beten.
»Aber sagen Sie mir,« wandte der Apotheker ein, »da Gott stets
weiß, was uns not tut, wozu dann erst das Gebet?«
»Wozu das Gebet?« wiederholte der Priester. »Ja, sind Sie denn
kein Christ?«
»Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst die
Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral geschenkt,
die ...«
»Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...«
»Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...«
Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die
Vorhänge beiseite.
Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. Ihr
Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren Teil
ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest in die
Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in ihren Wimpern,
und die Augen verschwammen bereits in blassem Schleim, der wie ein
dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen ihr Netz darüber gesponnen.
Das Bettuch senkte sich von ihren Brüsten bis zu den Knien und hob
sich von da an nach ihren Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung,
ein schweres Etwas, ein ungeheures Gewicht laste auf ihr.
Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang das
dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne strömte. Von
Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien geräuschvoll, und Homais
kritzelte Notizen auf das Papier.
»Lieber Freund,« sagte er, »gehn Sie nun! Dieser Anblick zerreißt
Ihnen das Herz!«
Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden ihre
Erörterung von neuem.
»Lesen Sie Voltaire!« sagte der eine. »Lesen Sie Holbach! Die
Enzyklopädisten!«
»Lesen Sie die 'Briefe einiger portugiesischen Juden'«, sagte der
andre, »lesen Sie die 'Grundlagen des Christentums' von Nicolas!«
Sie regten sich auf, bekamen rote Köpfe und sprachen gleichzeitig
ineinander hinein. Bournisien war entrüstet über die Vermessenheit
des Apothekers, Homais erstaunt über die Beschränktheit des
Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen zu
sagen, da kam plötzlich Karl abermals herein. Eine
unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mußte immer wieder die
Treppe hinauf.
Er setzte sich der Toten gegenüber, so daß er ihr voll ins Antlitz
sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.
Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er könne sie wieder
aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft konzentriere. Einmal
beugte er sich sogar über sie und rief ganz leise: »Emma, Emma!«
Er atmete so heftig, daß die Flammen der Kerzen flackerten ...
Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte sie
und brach von neuem in Tränen aus. Ebenso wie der Apotheker
versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim Begräbnisse
Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, daß sie schwieg.
Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die Stadt zu
fahren und das Nötige zu besorgen.
Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
Homais. Felicie saß mit Frau Franz bei der Toten.
Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drückte dem
Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, die
nach und nach einen großen Halbkreis um den Kamin bildeten. Alle
hatten die Köpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, schaukelten sie
mit den Beinen und stießen von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer
aus. Alle langweilten sich maßlos, aber keinem fiel es ein, wieder
zu gehen.
Um neun Uhr kam Homais zurück, beladen mit einer Menge Kampfer,
Benzoe und aromatischen Kräutern. Auch ein Gefäß voll Chlor
brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, die
Löwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma herum,
damit beschäftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu legen. Sie
zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis hinab an die
Atlasschuhe reichte.
Felicie wehklagte:
»Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!«
»Sehn Sie nur!« sagte die Witwe Franz seufzend, »wie reizend sie
noch immer ausschaut! Man möchte drauf schwören, daß sie gleich
wieder aufstünde!«
Dann beugten sie sich über sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
mußten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze Flüssigkeit
aus dem Munde hervor, als erbräche sie sich.
»Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!« schrie Frau Franz. Und zum
Apotheker gewandt: »Helfen Sie uns doch! Oder fürchten Sie sich
vielleicht?«
»Ich mich fürchten?« erwiderte er achselzuckend. »Nein, so was!
Ich habe in den Spitälern noch ganz andres gesehen und erlebt, als
ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns unsern Punsch im
Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen nicht. Ich habe
sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe --, meinen
Körper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst der
Wissenschaft noch etwas nützt.«
Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des
Apothekers erwiderte er:
»Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.«
Darauf pries Homais ihn glücklich, weil er nicht darauf gefaßt zu
sein brauche, eine teure Gefährtin zu verlieren, worauf sich ein
Disput über das Zölibat entspann.
»Es ist unnatürlich,« sagte der Apotheker, »daß sich ein Mann des
Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...«
»Aber, zum Kuckuck!« rief der Priester. »Kann denn ein
verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?«
Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
zählte ihre guten Wirkungen auf. Er wußte Geschichten von Dieben,
die auf einmal ehrliche Menschen geworden wären. Sogar Soldaten
seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Sünden ledig gesprochen,
fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein Diener ...«
Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwüle Luft im Zimmer
immer unerträglicher wurde, öffnete der Pfarrer das Fenster. Da
ward der Apotheker wieder wach.
»Wie wärs mit einer Prise?« fragte er ihn. »Hier! Das hält
munter!«
In der Ferne bellte irgendwo fortwährend ein Hund.
»Hören Sie, wie der Hund heult?« fragte der Apotheker.
»Man sagt, daß sie die Toten wittern«, sagte der Priester.
Ȁhnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, wenn im
Haus ein Mensch stirbt.«
Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er war
bereits wieder eingeschlafen.
Bournisien, der widerstandsfähiger war, bewegte noch eine Zeitlang
leise die Lippen. Dann senkte sich allmählich sein Kinn, sein
dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu schnarchen.
So saßen sie einander gegenüber, mit vorgestreckten Bäuchen, mit
ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all ihrem
Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwäche. Sie regten
sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu schlummern
schien.
Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
Abschied von ihr zu nehmen.
Das Räucherwerk qualmte noch. Die bläuliche Wolke vermählte sich
am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Draußen blinkten
einige Sterne. Die Nacht war mild.
Das Wachs der Kerzen träufelte in langen Tränen herab auf das
Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. Der
Lichtschimmer machte ihm die Augen müde.
Über das Atlaskleid huschten Reflexe; es war weiß wie
Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, als
gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher über, als lebe sie nun
in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem wirbelnden
Kräuterdufte ...
Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der Gartenbank
unter dem blühenden Weißdornbusch ... dann in Rouen auf dem Gange
durch die Straße ... und dann auf der Schwelle ihres Vaterhauses,
im Gutshofe, in Bertaux ... Es war ihm, als höre er das Jodeln der
lustigen Burschen, die unter den Apfelbäumen tanzten bei seiner
Hochzeitsfeier. Wie hatte das Brautgemach nach ihrem Haar
geduftet! Wie hatte ihr Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie
sprühende Funken! Dasselbe Kleid! Damals und heute!
Langsam zog sein ganzes einstiges Glück noch einmal an ihm
vorüber. Er sah sie vor sich in ihren eigentümlichen Bewegungen,
ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hörte den Klang ihrer Stimme. Immer
wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhörlich,
unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande.
Eine gräßliche Neugier überkam ihn. Langsam und klopfenden Herzens
hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da schrie er vor
Schrecken laut auf, und die beiden andern Männer erwachten. Sie
zogen ihn fort und führten ihn hinunter in die Große Stube.
Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar
der Toten haben.
»Schneiden Sie ihr welches ab!« befahl der Apotheker.
Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere heran.
Er zitterte so stark, daß er die Haut an der Schläfe an mehreren
Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und schnitt
blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein paar kahle
Stellen mitten in dem schönen schwarzen Haar der Toten.
Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
Bücher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, wenn
sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. Der
Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais schüttete
ein wenig Chlor auf die Dielen.
Felicie hatte für sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
Branntwein, Käse und ein langes Weißbrot bereitgestellt. Gegen
vier Uhr früh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. Er seufzte:
»Wahrhaftig. Eine Stärkung wäre nicht übel!«
Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber erst die
Messe lesen. Als er wieder zurückkam, aßen und tranken beide,
wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen warum, verführt
von der sonderbaren Fröhlichkeit, die den Menschen nach
überstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten Gläschen klopfte
der Priester dem Apotheker auf die Schulter und sagte:
»Wir werden uns am Ende noch verstehen!«
In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg brachten.
Zwei Stunden lang mußte sich Karl von den Hammerschlägen martern
lassen, die von den Brettern zu ihm hallten. Dann legte man die
Tote in den Sarg aus Eichenholz und diesen in die beiden andern.
Aber da der letzte zu breit war, füllte man die Hohlräume mit Werg
aus einer Matratze. Als der letzte Deckel zurechtgehobelt und
vernagelt war, stellte man den Sarg vor die Tür. Das Haus ward
weit geöffnet, und die Leute von Yonville begannen
herbeizuströmen.
Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er mitten
auf dem Markte ohnmächtig.
Elftes Kapitel
Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig Stunden
nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so
geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich
geschehen war.
Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. Dann
sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch noch
leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut
aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst.
Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte
Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand.
Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung.
Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre
Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen
Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.
In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof munter,
rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich auf einen
Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich
wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, daß die Funken
stoben.
Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die
Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie tot.
Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er riß in
die Zügel. Da schwand die Erscheinung.
In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
Tassen Kaffee.
Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender in der
Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe,
fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein
schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines
Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte er
es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle
Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre Wipfel. Eine
Herde Schafe trottete friedlich vorüber.
Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen vorwärts
gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte
Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in
Bovarys Arme.
»Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...«
Der andre antwortete schluchzend:
»Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!«
Der Apotheker zog sie auseinander.
»Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn
schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man muß
Philosoph sein!«
Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male
wiederholte er:
»Ja, ja ... Mut! Mut!«
»Na, wenns sein muß!« sagte Rouault. »Ich hab welchen!
Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und
wenns noch so weit wäre!«
Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich
in Bewegung.
Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die
drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor
und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.
Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen würde.
Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg
und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, daß sie
dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende war, daß man
sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde Wut und schwarze
Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfände er überhaupt
nichts mehr. Er fühlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber
alsbald warf er sich vor, eine erbärmliche Kreatur zu sein.
Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas wie
ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem
Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes
aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mühsam
nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Löwen. Heute hatte
er sein Bein erster Garnitur angeschnallt.
Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld
einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem
andern in der silbernen Schale.
»Schnell weg! Ich leide!« rief Bovary und warf zornig ein
Fünffrankenstück hinein.
Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das
nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in der ersten
Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten
rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu
läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing an. Die Sargträger hoben
die drei Stangen der Bahre in die Höhe. Man verließ die Kirche.
Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
blaß und taumelnd.
Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug
eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, der aus
den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge anzuschließen.
Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam
vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die
Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald
leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte,
verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz
schimmerte immer zwischen den Bäumen.
Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit
zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende
Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen unter der
ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden
Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein frischer Wind wehte
herüber. Roggen und Raps grünten, und Tautropfen zitterten auf den
Dornenhecken am Wege. Allerlei fröhliche Laute erfüllten die Luft:
das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener
Straße, das wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines
Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der klare Himmel
war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter spielten um
die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl erkannte im
Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten
Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier
vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem Rückwege zu »ihr«.
Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte
Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger
verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie
eine Schaluppe auf bewegter See.
Endlich war man da.
Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen,
wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf.
Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten
aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und
ununterbrochen.
Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll
wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois
reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel
schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und
das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein
Widerhall aus der Ewigkeit.
Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war
Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie dann
Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde hinabwarf und
»Lebe wohl!« rief. Er sandte ihr Küsse und beugte sich über das
Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte.
Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand
er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß alles
überstanden war.
Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an,
was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er
berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß sich Tüvache
nach der Messe »gedrückt« hatte und daß Theodor, der Diener des
Notars, einen blauen Rock getragen hatte, »als ob nicht ein
schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da es nun einmal so üblich
ist, zum Teufel!« So hechelte er alles durch, was er beobachtet
hatte.
Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht
verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen.
»Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!«
Der Apotheker antwortete:
»Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus
Verzweiflung Selbstmord begangen.«
»Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie vorigen
Sonnabend noch in meinem Laden war!«
»Ich hatte nur keine Zeit,« sagte der Apotheker, »sonst hätte ich
mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab
nachgerufen hätte!«
Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs
öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, hatte sie
Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man
sah, wo die Tränen herabgerollt waren.
Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
»Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach
Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals
tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ...« Er
stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. »Ach, nun ist
es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen
Sohn ... und heute meine Tochter!«
Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch
seine Enkelin wollte er nicht sehen.
»Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse sie mir
ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier,« er
schlug auf sein Bein, »das werde ich dir nie vergessen. Hab keine
Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!«
Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, ganz
wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf
der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter
umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie im Feuer unter
den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete
die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein
Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen
weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ...
Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
geworden war.
Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und
plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von
vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen
und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und
Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie
immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«.
Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald
geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte
Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck
einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und
geheimnisvoll wie die Nacht.
Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel
vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich
über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer
Kartoffeln stahl.
Letztes Kapitel
Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus kommen.
Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei verreist
und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das Kind tat noch
ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der Zeit, sprach sie
nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des Kindes bereitete Bovary
Schmerzen. Ganz unerträglich aber waren ihm die Trostreden des
Apothekers.
Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen
Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm
beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis zulassen
wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, auch nur das
geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer sich darüber. Das
empörte ihn wiederum maßlos. Er war überhaupt ein ganz andrer
geworden. So verließ sie das Haus.
Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr »Schnittchen« zu machen.
Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate Stundengeld, obgleich
Emma doch niemals Unterricht bei ihr genommen hatte. Die
quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt bekommen hatte, war
nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt worden. Der Leihbibliothekar
verlangte Abonnementsgebühren auf eine Zeit von drei Jahren und
Frau Rollet Botenlohn für zwanzig Briefe. Als Karl Näheres wissen
wollte, war sie wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten:
»Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.«
Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei nun
zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue Gläubiger.
Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man
ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch
entschuldigen.
Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich in
ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr Emmas
Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal den
Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, ihr
nachzurufen: »Emma, bleib, bleib!«
Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener
des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas Kleidern noch
übrig war.
Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die
Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu Yvetot, mit Fräulein
Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz ergebenst mitzuteilen. In
Karls Glückwunschbrief kam die Stelle vor:
»Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!«
Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs Haus irrte,
kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich unter einem seiner
Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück Papier. Er entfaltete es
und las: »Liebe Emma! Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz
nicht zertrümmern ...« Es war Rudolfs Brief, der zwischen die
Kisten gefallen und dort liegen geblieben war, bis ihn der durchs
Dachfenster wehende Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl
stand ganz starr da, mit offnem Munde, just auf demselben Platz,
wo dereinst Emma, bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den
Tod gehen wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift
ein kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche
und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen
Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn er
ihnen später -- es war zwei- oder dreimal gewesen -- begegnet war.
Aber der achtungsvolle Ton des Briefes täuschte ihn.
»Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu sein!«
sagte er sich.
Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen bis
auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen
Schmerze.
»Man mußte sie anbeten!« sagte er bei sich. »Es ist ganz
natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!« Nunmehr erschien
sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein beständiges heißes
Verlangen nach ihr, das ihn trostlos machte und das keine Grenzen
kannte, weil es nicht mehr zu stillen war.
Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach
ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus
ihrem Grabe heraus.
Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein Stück
nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle Zimmer wurden
kahl, nur »ihr Zimmer« blieb wie früher. Nach dem Essen pflegte
Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den Kamin und
rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich gegenüber. Eine
Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. Berta, neben ihm,
tuschte Bilderbogen aus.
Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des Kleidchens
aufgerissen, denn darum kümmerte sich die Aufwartefrau nicht.
Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie das Köpfchen graziös
neigte und ihr die blonden Locken über die rosigen Wangen fielen,
dann sah sie so reizend aus, daß ihn unendliche Zärtlichkeit
ergriff, eine Freude, die nach Wehmut schmeckte, wie ungepflegter
Wein nach Pech. Er besserte ihr Spielzeug aus, machte ihr
Hampelmänner aus Pappe und flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer
Puppen. Wenn seine Augen dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen,
auf ein Band, das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel,
die noch in einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in
Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit traurig
wurde.
Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des Apothekers
ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater bei der
jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse auf
eine Fortsetzung des näheren Verkehrs keinen Wert legte.
Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen können,
war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und erzählte allen
Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. Wenn Homais zur Stadt
fuhr, versteckte er sich infolgedessen hinter den Vorhängen der
Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er haßte ihn,
und da er ihn zugunsten seines Rufes als Heilkünstler um jeden
Preis aus dem Wege räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt.
Die Art und Weise, wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso
seinen Scharfsinn wie seine bis zur Verruchtheit gehende
Eitelkeit. Sechs Monate hintereinander konnte man im »Leuchtturm
von Rouen« Nachrichten wie die folgenden lesen:
»Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt
haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den abscheulichen
Zeiten des Mittelalters, wo es den Landstreichern erlaubt war, auf
den öffentlichen Plätzen die Lepra und die Skrofeln zur Schau zu
stellen, die sie von einem der Kreuzzüge mitgebracht hatten?«
Oder:
»Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die
Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von Bettlerscharen
heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und das sind
vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem Grunde duldet
das eigentlich die Obrigkeit?«
Daneben erfand Homais auch Anekdoten:
»Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd durchgegangen
...«
Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche Auftauchen des
Blinden verursachten Unfalls.
Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der Unglückliche
in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder frei. Er trieb es
wie vorher. Ebenso Homais. Es begann ein Kampf. Der Apotheker
blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu lebenslänglichem Aufenthalt in
ein Krankenhaus gesteckt.
Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund
überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel
bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte --,
geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß gegen die
Priester.
Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von den
»Ignorantinern« geleiteten, die natürlich zum Nachteil der
letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung von
hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die
Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. Dabei
wurde er ein gefährlicher Intrigant.
Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch
Schreiben, ein »Werk«. So verfaßte er eine »Allgemeine Statistik
von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen Beobachtungen«.
Die damit verbundenen Studien führten ihn ins volkswirtschaftliche
Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen Fragen, in die Theorien
über die Volkserziehung, in das Verkehrswesen und andres mehr. Nun
begann er sich seiner kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er
bekam genialische Anwandlungen.
Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im Gegenteil, er
verfolgte alle neuen Entdeckungen seines Faches. Beispielsweise
interessierte ihn der große Aufschwung in der Schokoladenindustrie.
Er war weit und breit der erste, der den Schoka (eine Mischung von
Kakao und Kaffee) und die Eisenschokolade einführte. Er
begeisterte sich für die hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers
und trug selbst eine. Wenn er beim Schlafengehen das Hemd
wechselte, staunte Frau Homais diese goldene Spirale an, die ihn
umschlang, und entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann,
der wie ein Magier glänzte.
Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug er
einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
»künstliche Ruine«. Keinesfalls aber dürfe die Trauerweide fehlen,
die er für das »traditionelle Symbol« der Trauer hielt.
Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein Kunstmaler
begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des Apothekers
Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte Witze. Man
besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich die
Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein zweitesmal allein
nach Rouen und entschloß sich zu einem Grabstein, über dem ein
Genius mit gesenkter Fackel trauert.
Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: STA VIATOR!
Diese Worte schlug er immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in
sie. Beständig flüsterte er vor sich hin: »Sta viator!«
Endlich kam er auf: AMABILEM CONJUGEM CALCAS! Das wurde
angenommen.
Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere
Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild seinem
Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, es zu
bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war immer
derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber sobald er
sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja fanatisch,
wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist des
Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der Predigt
vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im Todeskampfe
seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie jedermann wisse.
Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden
heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und so
stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an seine
Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. Aber im
Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen Emma. Als
Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, der Felicies
Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. Darüber
entzweiten sie sich.
Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung.
Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. Aber
als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande sich von ihm
zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, völliger Bruch.
Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen war,
und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch dies
machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote Flecken
auf den Wangen.
Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die
Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, gelang ihm.
Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia stickte ihm ein
neues Käppchen, Irma schnitt Pergamentpapierdeckel für die
Einmachegläser, und Franklin bewies ihm bereits schlankweg den
pythagoreischen Lehrsatz. Der Apotheker war der glücklichste Vater
und der glücklichste Mensch.
Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient hätte
er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich während der
Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. Zweitens hatte
er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- verschiedene
gemeinnützige Werke veröffentlicht, beispielsweise die Schrift
»Der Apfelwein. Seine Herstellung und seine Wirkung«, sodann seine
»Abhandlung über die Reblaus«, die er dem Ministerium unterbreitet
hatte, ferner seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen
von seiner ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles
auf. »Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
Gesellschaften.« In Wirklichkeit war es nur eine einzige.
»Eigentlich müßte es schon genügen,« rief er und warf sich
selbstbewusst in die Brust, »daß ich mich bei den Feuersbrünsten
hervorgetan habe!«
Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der Wahlen
erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. Schließlich
verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er reichte ein
Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn
alleruntertänigst bat, »ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
Er nannte ihn »unsern guten König« und verglich ihn mit Heinrich
dem Vierten.
Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging so
weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des Kreuzes der
Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von Geranien
umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste er dieses
bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der Regierung und
über den Undank der Menschen nach.
Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus einer Art
Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich haben wollte, hatte
Karl das geheime Fach des Schreibtisches aus Polisanderholz, den
Emma benutzt hatte, noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er
sich endlich davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten
heraus. Da lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel
möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten Zeile.
Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, allen
Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend,
halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit einem
Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm buchstäblich ins Gesicht.
Es lag neben einem ganzen Bündel von Liebesbriefen.
Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. Er
ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich sogar,
seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er
sich einschließe, um zu trinken. Neugierige aber, die hin und
nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, sahen zu ihrer
Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem langen Bart und in
schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging und laut weinte.
An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf den
Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, wenn auf
dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer aus dem Stübchen
Binets.
Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines Schmerzes
nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit ihm teilte.
Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von »ihr« sprechen
zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem Ohre zu, da auch
sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich seine Postverbindung
zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und Hivert, der ob seiner
Zuverlässigkeit in Kommissionen allenthalben großes Vertrauen
genoß, verlangte Lohnerhöhung und drohte, »zur Konkurrenz«
überzugehen.
Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen war, um sein
Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, begegnete er
Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide blaß. Rudolf, der
bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine Visitenkarte bezeigt
hatte, murmelte zunächst einige Worte der Entschuldigung, dann
aber faßte er Mut und hatte sogar die Dreistigkeit, -- es war ein
heißer Augusttag -- Karl zu einem Glas Bier in der nächsten Kneipe
einzuladen.
Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, plauderte
und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in tausend Träumen
vor diesem Gesicht, das »sie« geliebt hatte. Es war ihm, als sähe
er ein Stück von ihr wieder. Das war ihm selber sonderbar. Er
hätte der andre sein mögen.
Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So
vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm gar
nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter diesem
zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen röteten
sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, seine Lippen
bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in so düsterem
Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im Satz
steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere
Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht.
»Ich bin Ihnen nicht böse!« sagte er.
Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und
wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
Schmerzen:
»Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!«
Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je in seinem
Leben sprach:
»Das Schicksal ist schuld!«
Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, für
einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig,
eigentlich sogar komisch und verächtlich.
Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter zeichneten
ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete süß, der Himmel
war blau, Insekten summten um die blühenden Lilien. Karl atmete
schwer; das Herz war ihm beklommen und tieftraurig vor unsagbarer
Liebessehnsucht.
Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine
lange schwarze Haarlocke.
»Papa, komm doch!« rief die Kleine.
Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da
fiel er zu Boden. Er war tot.
Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des
Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand aber
nichts.
Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und dreiviertel
Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise der kleinen Berta
Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die gute alte Frau starb
aber noch im selben Jahre, und da der Vater Rouault gelähmt war,
nahm sich eine Tante des Kindes an. Sie ist arm und schickt Berta,
damit sie sich das tägliche Brot verdient, in eine
Baumwollspinnerei.
Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander in
Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten können.
Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine Kurpfuscherei
hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde duldet ihn,
und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
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Die Übertragung des Romans Madame Bovary besorgte Arthur Schurig.
Insel-Verlag. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
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