Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der
Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu
bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was beinahe
jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu überzeugen, daß sie
ebensogut in einem einfacheren Gasthofe zusammen kommen könnten.
Sie wollte jedoch nichts davon hören.
Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes Dutzend
vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk ihres Vaters. Sie
bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er gehorchte, obgleich ihm
dieser Gang sehr peinlich war. Er fürchtete, sich bloßzustellen.
Als er hinterher noch einmal darüber nachdachte, fand er, daß
seine Geliebte überhaupt recht seltsam geworden sei und daß es
vielleicht ratsam wäre, mit ihr zu brechen. Seine Mutter hatte
übrigens einen langen anonymen Brief bekommen, in der ihr von
irgendwem mitgeteilt worden war, ihr Sohn »ruiniere sich mit einer
verheirateten Frau.« Der guten alten Dame stand sofort der
konventionelle Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene,
die Teufelin, die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie
wandte sich brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem
die Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die
Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem er
zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei seine
weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das Verhältnis
abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so doch in seinem,
des Notars.
Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was für
Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von den
Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich losließen, wenn
sie sich am Kamine wärmten. Er sollte demnächst in die erste
Adjunktenstelle rücken. Es ward also Zeit, ein gesetzter Mensch zu
werden. Aus diesem Grunde gab er auch das Flötespielen auf. Die
Tage der Schwärmereien und Phantastereien waren für ihn vorüber!
Jeder Philister hat in seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und
wenn der auch nur einen Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist
jeder der ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender
Pläne fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach
einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat sich
irgendwann einmal der Dichter geregt.
Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung an
seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik nur in
gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die
Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde
Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht.
Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz sie
noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander
überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der Ehe
wieder.
Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr die
Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus Gewohnheit oder
Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der Sinnengenuß ward
ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch nach höheren
Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt und betrogen.
Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre Entzweiung zur
Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich aus freien Stücken
von ihm zu trennen.
Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu überschütten.
Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer Frau, ihrem Geliebten
alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben stand vor ihrer
Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, sondern ein
Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten Erinnerungen, eine
Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, das leibhaft gewordne
Idol ihrer heißesten Gelüste. Allmählich ward ihr dieser imaginäre
Liebling so vertraut, als ob er wirklich existiere, und sie
empfand die seltsamsten Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte,
obgleich sie eigentlich gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er
war ihr ein Gott, in der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er
wohnte irgendwo hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer
Abenteuer, unter Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war
ihr nahe. Er umarmte und küßte sie ...
Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. Die
Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr als die wildeste
Ausschweifung.
Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie zu
lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar
geschlafen.
Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie nahm am
Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten Strümpfen, eine
Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster auf dem linken
Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. Es bildete sich
eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand sie unter der
Vorhalle des Theaters, umringt von einem halben Dutzend Masken,
Bekannten von Leo: Matrosen und Fischerinnen. Man wollte irgendwo
soupieren. Die Restaurants in der Nähe waren alle überfüllt.
Schließlich entdeckte man einen bescheidenen Gasthof, in dem sie
im vierten Stock ein kleines Zimmer bekamen.
Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der
medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was für
eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? An
ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast alle der
untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann sie sich zu
ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und schlug die
Augen nieder.
Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn glühte,
ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte ihr über
die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des Tanzsaals; es
war ihr, als stampften tausend Füße im Takte um sie herum. Dazu
betäubte sie der Zigarrenrauch und der Duft des Punsches. Sie
wurde ohnmächtig. Man trug sie ans Fenster.
Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein
breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
Brücken. Die Laternenlichter verblichen.
Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in
Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll langer
Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte in
eigentümlichen Tönen ...
Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo
und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr
eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, sich
wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
kristallklaren Äther.
Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ sie den
Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, durch die
Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. Sie ging rasch.
Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach vergaß sie die
lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das
Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im
»Roten Kreuz« angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in
demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen
ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von
Hivert geweckt.
Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der Uhr
steckte. Emma las:
»Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...« Sie hielt inne.
»Was für ein Urteil?« Sie besann sich.
Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben worden,
das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie
weiter:
»Im Namen des Königs! ...« Sie übersprang einige Zeilen.
»... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend
Franken ...« Und unten: »Vorstehende Ausfertigung wird ... zum
Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...«
Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
»Die sind morgen abgelaufen!« sagte sie sich. »Unsinn! Lheureux
will mir nur angst machen!«
Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was sie
etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der Schuldsumme. Durch
ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das
Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen,
Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Höhe
angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er
brauchte es zu neuen Geschäften.
Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.
»Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist wohl ein
Scherz!«
»Bewahre!«
»Wieso aber?«
Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte:
»Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich
bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? Für
nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die höchste Zeit, daß
ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie doch einsehen!«
Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme.
»Ja, das tut mir leid!« erwiderte der Händler. »Das Gericht hat
die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist nichts zu
machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! Übrigens bin ich
nicht der Kläger, sondern Vinçard.«
»Könnten Sie denn nicht ...«
»Ich kann gar nichts!«
»Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...«
Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei überrascht
worden ...
»Ist das denn meine Schuld?« fragte Lheureux mit einer höhnischen
Geste. »Während ich mich hier abplagte, haben Sie herrlich und in
Freuden gelebt!«
»Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?«
»Das könnte nichts schaden!«
Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so weit,
daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand berührte.
»Lassen Sie mich zufrieden!« wehrte er ab. »Am Ende wollen Sie
mich gar noch verführen!«
»Sie sind ein gemeiner Mensch!« rief sie aus.
»Na, na!« lachte er. »Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!«
»Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie sind! Ich
werde meinem Manne sagen ...«
»Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...«
Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung der Summe
für das verkaufte Grundstück.
»Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl halten
wird, der arme gute Mann?«
Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. Lheureux
lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und her und
sagte immer wieder:
»Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...«
Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
Tone:
»'s ist grade kein Vergnügen -- das weiß ich wohl! -- aber es ist
noch niemand dran gestorben, und da es der einzige Weg ist, der
Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...«
»Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?« jammerte Emma
und rang die Hände.
»Na, wenn man Freunde hat wie Sie!«
Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch
Mark und Bein ging.
»Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...«
»Danke! Habe genug von den alten!«
»Könnte ich nicht was verkaufen?«
»Was denn?« fragte er achselzuckend. »Sie besitzen doch gar
nichts!« Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in seinen
Laden hinein: »Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch Nummer
vierzehn!«
Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen sollte. Sie
machte einen letzten Versuch.
»Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung
aufzuhalten?«
»Es ist schon zu spät!« antwortete Lheureux.
»Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel
der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?«
»Das hätte alles keinen Zweck!«
Er drängte sie sanft dem Ausgange zu.
»Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage Zeit!«
Sie schluchzte.
»Donnerwetter! Gar noch Tränen!«
»Sie bringen mich zur Verzweiflung!« jammerte sie.
»Mir auch egal!«
Er machte die Türe zu.
Siebentes Kapitel
Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie sich
einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen.
Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen Schädel
schrieben sie indessen nicht mit in das Sachenverzeichnis. Sie
erklärten ihn als zur Berufsausübung nötig. Aber in der Küche
zählten sie die Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in
ihrem Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der
Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward bis in
die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der Anatomie
-- den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der
Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, eine
weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
wiederholte immer wieder:
»Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!«
Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:
»Wunderhübsch! Sehr nett!«
Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis,
wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn
tauchte, das er in der linken Hand hielt.
Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die
Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult bemerkte,
in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er an, daß es
geöffnet werde.
»Ah! Briefe!« meinte er, geheimnisvoll lächelnd. »Sie erlauben
wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst noch was
drinnen steckt!«
Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten Goldstücke
herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie seine plumpe rote
Hand mit den molluskenhaften Fettfingern diese Blätter anfaßte,
bei deren Empfang ihr Herz einst höher geschlagen hatte.
Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag
gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände
zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.
Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in den
Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte sie
kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid mit sich
selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als unterdrückte.
Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich.
Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige
langweilte.
»Ging da nicht oben einer?« fragte Karl.
»Nein!« beschwichtigte sie ihn. »Da war wahrscheinlich ein
Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.«
Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie
alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich
nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich zurückzahlen.
Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie ab.
Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es öffnete
niemand. Endlich kam er von der Straße her.
»Was führt dich her?«
»Störe ich dich?«
»Nein ... aber ...«
Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man »Damen« bei
sich empfinge.
»Ich muß dich sprechen!« sagte sie.
Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen.
»Nein! Nicht hier! Bei uns!«
Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.
Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz bleich.
Dann sagte sie:
»Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!«
Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu:
»Hör mal: ich brauche achttausend Franken!«
»Du bist verrückt!«
»Noch nicht!«
Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und klagte
ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer Schwiegermutter
stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater könne ihr wirklich
nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese unbedingt nötige Summe
schleunigst verschaffen.
»Wie soll ich das?«
»Du willst bloß nicht!« sagte sie aufgeregt.
Er stellte sich dumm:
»Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird der
Biedermann schon zufrieden sein!«
»Vielleicht. Schaff sie mir nur!« sagte sie. Dreitausend Franken
seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf
seinen Namen aufnehmen.
»Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will dich dafür
auch recht liebhaben!«
Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, als
ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er:
»Ich war bei drei Personen ... umsonst!«
Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, ohne zu
sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor Ungeduld
mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte:
»Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld
auftriebe!«
»Wo denn?«
»In eurer Kanzlei!«
Sie sah ihn starr an.
Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen ihren
sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so stark,
daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft dieses
Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe daran war, zu
erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht ergriff ihn,
und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug er sich vor
die Stirn und rief aus:
»Morel kommt ja heute nacht zurück!« Morel war ein Freund von ihm,
der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. »Der schlägts mir
nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen vormittag bringen.«
Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie seine
Lüge?
Errötend fuhr er fort:
»Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich
fort! Entschuldige mich! Lebwohl!«
Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma hatte
alle Kraft verloren ...
Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit.
Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne
strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete
Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma den
Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. Die
Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals wie ein Strom
aus einer dreibogigen Brücke.
Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in das
Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr wölbte und
ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu ihrer grenzenlosen
Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier strömten die
Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie schwankte und
war einer Ohnmacht nahe.
»Vorsehen!« rief eine Stimme aus einem Torwege.
Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause herauskam. Ein
Herr in einem Zobelpelz kutschierte ...
»Wer war das doch?« fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. Das
Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.
»Aber das war doch der Vicomte!«
Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich so
niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand eines
Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie grübelte darüber
nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen war. Vielleicht,
vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war eine Verlassene, vor
sich selber und vor andern! Eine Verlorene, vom Geratewohl gegen
die Klippen des Lebens getrieben ... Und so empfand sie beinahe
Freude, als sie, am »Roten Kreuz« angelangt, den trefflichen
Homais traf, der das Aufladen einer großen Kiste voll
Apothekerwaren in die Post überwachte. In der Hand hielt er, in
ein Halstuch eingewickelt, sechs Stück Pumpernickel, die er seiner
Frau mitbringen wollte.
Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der
Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und
in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk
sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten
Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim
gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen
riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden,
Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit
nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nämlich abscheulich
schlechte Zähne.
»Bin entzückt, Sie zu sehen!« rief Homais, bot Emma die Hand und
half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, nahm
seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und einer
napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer
der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er:
»Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor dieses
schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren
und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im
Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in Barbarei!«
Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er wie
eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
»Er hat eine skrofulöse Affektion«, dozierte der Apotheker.
Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, als
sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star,
Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in
salbungsvollem Tone:
»Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du
solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu
betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.«
Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig
beschränkt.
Schließlich zog Homais seine Börse.
»Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus und
vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut
bekommen!«
Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu
bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine
»antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats« könne ihn heilen. Er
gab ihm seine Adresse:
»Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!«
»So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schönes
kannst!« rief ihm Hivert zu.
Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück,
rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge heraus.
Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und stieß ein
dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.
Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein
Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor,
es so wegzuwerfen.
Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich Homais
plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:
»Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!«
Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog,
lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und verschlafen
langte sie in Yonville an.
»Mag nun kommen, was will!« dachte sie beim Aussteigen. »Zu guter
Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes
Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...«
Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach.
Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, das an einem
der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf
einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im selben Moment faßte
ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus
seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in
der Volksmenge auf.
»Gnädige Frau! Gnädige Frau!« rief Felicie, die ins Zimmer
stürzte.
Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der
Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma überflog
ihn. Es war die Versteigerungsankündigung.
Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten
längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
nach einer Weile:
»An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar
Guillaumin.«
»Meinst du?«
Diese Frage bedeutete: »Durch dein Verhältnis mit dem Diener
dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich dieser
Junggeselle für mich?
»Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!«
Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte
einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht sähe -- es
standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie
zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.
Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war
grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor
in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und öffnete
ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob
sie ins Haus gehörte, und führte sie in das Eßzimmer.
Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem
ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wänden hingen
in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollüstige
Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schüsselwärmer,
der Kristallgriff der Türklinke, der Parkettboden, die Möbel,
alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit.
»So ein Eßzimmer müßte ich haben!« dachte Emma.
Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei
verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum Gruße ab
und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett etwas auf der
rechten Seite seines kahlen Schädels, über den drei lange blonde
Haarsträhnen liefen.
Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser
Unhöflichkeit.
»Herr Notar,« sagte sie, »ich möchte Sie bitten ...«
»Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!«
Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer
Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die
Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma --
die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen
ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt
hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf seinen
Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem
Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern nicht in
den Ruf eines Halsabschneiders gerate.
Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen
Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden
Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen
Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer
Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. Ein sonderbares,
süßliches und zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen. Als er
sah, daß Emma nasse Schuhe hatte, sagte er:
»Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
doch an die Kacheln ... höher!«
Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
Notar sagte galant:
»Schöne Sachen verderben nie etwas!«
Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber nur
selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres häuslichen
Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedürfnissen. Der
Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen
abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er
berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heißen Ofen
zu dampfen begann.
Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die
Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die
Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände bekommen
habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für eine Dame, ihr
Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wären die Torfgruben
von Grümesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen.
Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die
sie zweifellos dabei gewonnen hätte.
»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?«
»Das weiß ich selber nicht«, erwiderte sie.
»Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns schon
längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!«
Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und
behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die Ärmelöffnung
von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fühlte
seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
Sie sprang auf und sagte:
»Herr Guillaumin, ich warte ...«
»Worauf?« sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden.
»Auf das Geld!«
»Aber ...« In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu sagen:
»Na ja ...«
Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und
keuchte:
»Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!«
Er umschlang ihre Taille.
Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von
dem Manne los und rief:
»Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich bin
beklagenswert, aber nicht käuflich!«
Damit eilte sie hinaus.
Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel ihm
ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was hätte
verleiten können.
»Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!« sagte Emma bei
sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre
Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung ihres
Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick,
und dieses Gefühl erfüllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem
Leben war sie hochmütiger und selbstbewußter gewesen und noch nie
so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie
hätte alle Männer schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie
niedertreten mögen. Während sie weitereilte, bleich, zitternd,
verbittert, irrten ihre tränenreichen Augen den grauen Horizont
hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Haß hinein.
Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine
versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte sein!
Wohin hätte sie fliehen können?
Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
»Gnädige Frau?«
»Es war umsonst!«
Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen,
den Felicie nannte, wandte Emma ein:
»Unmöglich! Die tun es nicht!«
»Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!«
»Ich weiß es! Laß mich allein!«
Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf
lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen:
»Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser.
In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm
Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!«
Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos weinen, und
wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde er ihr
verzeihen!
»Ja! Er wird mir verzeihen!« murmelte sie in verhaltener Wut. »Er!
Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich die
Seine geworden bin! Niemals! Niemals!«
Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen,
empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, jetzt
sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch alles
erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie hatte die
Zentnerlast seiner Großmut zu tragen!
Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen
solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu
war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefügig
gewesen zu sein, -- da hörte sie den Hufschlag eines Pferdes in
der Allee. Es war Karl. Er öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war
weißer als Kalk.
Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustür hinaus
nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister stand vor der Kirchentür
und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem
Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie
zu Frau Caron, die ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte,
und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen
zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte
Wäsche, so aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen
sehen konnten.
Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei
beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz
fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle
Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter den
Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder schnurrten
und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf
etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken in sein
Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, das der Intelligenz nur
leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein,
wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales
Darüberhinaus, das man ersehnen könnte.
»Ah, da ist sie!« sagte Frau Tüvache.
Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu
verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie,
das Wort »Taler« zu hören, worauf Frau Caron flüsterte:
»Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.«
»Es scheint so«, meinte die andre.
Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und
die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der
Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich.
»Will sie bei ihm etwas bestellen?« fragte Frau Tüvache.
»Er verkauft doch nie etwas!«
Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die Augen
weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich
erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
»Macht sie ihm gar einen Antrag?« flüsterte Frau Tüvache. Binet
bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände.
»Nein, das ist doch stark!« zischelte Frau Caron.
In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet gefordert
haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig
mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich plötzlich vor ihr
zurück, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus:
»Frau Bovary, was muten Sie mir zu!«
»Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!« eiferte
Frau Tüvache.
»Wo ist sie denn mit einem Male hin?« erwiderte die andre.
Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße
hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof
abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in allerhand
Vermutungen.
Emma lief zur alten Frau Rollet.
»Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!«
Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett
und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu
und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad und
begann zu spinnen.
»Ach, hören Sie auf!« sagte Emma leise. Es war ihr, als höre sie
noch Binets Drehbank.
»Was mag sie nur haben?« fragte sich Frau Rollet. »Warum ist sie
hergekommen?«
Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause
gejagt hatte?
Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen
Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, das
im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über ihr an
einem rissigen Deckenbalken hinkroch ...
Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... Tausend
andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt,
und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten Erlebnissen.
»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie.
Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle
des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemächlich
wieder herein.
»Bald drei Uhr!« sagte sie.
»Schön! Ich danke!«
Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld
aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie hier
war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet,
sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
»Machen Sie recht schnell!«
»Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!«
Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er
gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch.
Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, um ihrem Manne
die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter
schlimm!
Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es schien der
Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte,
redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das
Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein
Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber plötzlich wieder
um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch auf einem andern Wege
nach Hause kommen. Schließlich war sie des Wartens müde. Bange
Ahnungen quälten sie. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie
seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert?
Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich
die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
»Es war niemand da!«
»Niemand?«
»Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. Alles
ist auf den Beinen!«
Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkürlich
lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden.
Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein heller
Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig,
rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zögerte,
ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein einziger voller
Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu
zwingen!
So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu haben,
daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so
verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
daran, daß sie sich prostituierte.
Achtes Kapitel
Auf dem Wege fragte sie sich:
»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?«
Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und
Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor
ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf,
und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen
Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender
Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen
hernieder ins Gras.
Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige.
Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells
erschien niemand.
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