Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als einen
gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres Heiligtum, aus
dem, von seiner Hand hergestellt, alle die verschiedenen Sorten
von Pillen, Pasten, Säften, Salben und Arzneien hervorgingen, die
ihn in der ganzen Gegend berühmt machten. Niemand durfte das
Kapernaum betreten. Das ging soweit, daß er es selbst ausfegte.
Die Apotheke stand für jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er
würdevoll amtierte. Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo
sich Homais selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und
Experimenten hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine
unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine Johannisbeeren,
wetterte er:
»Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch
genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel,
daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn man
sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...«
»Aber so beruhige dich doch!« mahnte Frau Homais.
Und Athalia zupfte ihn am Rock.
»Papachen, Papachen!«
»Laßt mich!« erwiderte der Apotheker. »Zum Donnerwetter, laßt
mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen!
Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die
Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!«
»Sie hatten mir doch ...«, begann Emma.
»Einen Augenblick! -- Weißt du, mein Junge, was dir hätte
passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten
Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen Ton
von dir!«
»Ich ... weiß ... nicht«, stammelte der Lehrling.
»Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da eine
Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben Deckel, gefüllt
mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von mir eigenhändig
draufgeschrieben: 'Gift! Gift! Gift!' Und weißt du, was da drin
ist? Ar -- se -- nik! Und so was rührst du an? Nimmst einen
Kessel, der daneben steht!«
»Daneben!« rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände über
dem Kopfe zusammen. »Arsenik! Du hättest uns alle miteinander
vergiften können!«
Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits die
schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
»Oder du hättest einen Kranken vergiften können«, fuhr der
Apotheker fort. »Wolltest du mich gar auf die Anklagebank bringen,
vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem Schafott sehen?
Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen Arbeiten kolossal in
acht nehmen muß, trotz meiner großen Routine darin? Oft wird mir
selber angst, wenn ich an meine Verantwortung denke. Denn die
Regierung sieht uns tüchtig auf die Finger, und die albernen
Gesetze, denen wir unterstehen, schweben unsereinem faktisch wie
ein Damoklesschwert fortwährend über dem Haupte!«
Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr
wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort:
»So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden sind?
So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und Sorgfalt, die
ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn ohne mich? Wie
ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, erzogen, gekleidet? Wer
ermöglicht es dir, daß du eines Tages mit Ehren in die
Gesellschaft eintreten kannst? Aber um das zu erreichen, mußt du
noch feste zugreifen, mußt, wie man sagt, Blut schwitzen!
Fabricando sit faber, age, quod agis!«
Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte
Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt
hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie das
Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den Grund und
Boden öffnet.
Er predigte immer weiter:
»Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein Haus
genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend Und dem
Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du wirst
niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als zum
Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! Du
kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt
dirs über die Maßen wohl gehn!«
Emma wandte sich an Frau Homais:
»Man hat mich hierher gerufen ...«
»Ach, du lieber Gott!« unterbrach die gute Frau sie mit trauriger
Miene. »Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... Es ist nämlich ein
Unglück passiert ...«
Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie:
»Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!«
Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel
Justins Tasche ein Buch.
Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, hob den
Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen und
offenem Mund.
»Liebe und Ehe«, las er vor. »Aha! Großartig! Großartig! Wirklich
nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein bißchen starker
Tobak!«
Frau Homais wollte nach dem Buche greifen.
»Nein, das ist nichts für dich!« wehrte er sie ab.
Die Kinder wollten die Bilder sehn.
»Geht hinaus!« befahl er gebieterisch.
Und sie gingen hinaus.
Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab,
das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren sollte.
Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit
verschränkten Armen vor ihn hin:
»Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? Nimm
dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! Hast
du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch meinen Kindern
in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde in ihre Sinne
streuen, die Unschuld Athaliens trüben und Napoleon verderben? Er
ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens beschwören, daß die
beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du mir das schwören?«
»Aber so sagen Sie mir doch endlich,« unterbrach ihn Emma, »was
Sie mir mitzuteilen haben!«
»Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!«
In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener Rücksichtnahme
hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die schreckliche
Nachricht schonend mitzuteilen.
Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens
überlegt und ausgeklügelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht,
Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine
Sprachkunst triumphiert.
Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da
Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er
sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte er
sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über:
»Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. Der
Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche Tatsachen
darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja die er
vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch
wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!«
Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie erwartet
hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
»Meine liebe Emma!«
Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber
bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. Da
fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht:
»Ja ... ich weiß ... ich weiß ...«
Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis ohne
jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, daß
ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod hatte
ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines
Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
einem Liebesmahl teilgenommen hatte.
Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus
konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. Als
er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl
unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß.
Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
»Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!«
Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas entgegnen
müsse, fragte sie:
»Wie alt war dein Vater eigentlich?«
»Achtundfünfzig!«
»So!«
Das war alles.
Eine Viertelstunde später fing er wieder an:
»Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?«
Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse.
Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt sei,
und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, um
ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
zusammenraffend, fragte er sie:
»Hast du dich gestern gut amüsiert?«
»Ja!«
Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung ansah,
um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen bis auf den
letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, wie eine Null
vor. Er war wirklich in jeder Beziehung »ein trauriger Kerl«. Wie
konnte sie ihn nur loswerden? Welch endloser Abend! Etwas
Betäubendes ergriff sie, wie Opium.
In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. Es war
Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm viel Mühe, es
abzulegen.
»Karl denkt schon gar nicht mehr daran«, dachte Emma, als sie den
armen Teufel sah, dem das rote Haar in die schweißtriefende Stirn
herabhing.
Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein
Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen Anwesenheit
dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein leibhaftiger Vorwurf
der heillosen Unfähigkeit des Arztes herum?
»Ein hübscher Strauß!« sagte er, als er auf dem Kamin Leos
Veilchen bemerkte.
»Ja!« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe ihn einer armen Frau
abgekauft.«
Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine von
Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie ihm aus
der Hand und stellte sie in ein Wasserglas.
Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
Wirtschaft zu tun.
Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den
Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube
hinten im Garten am Bachrande.
Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große
Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum
Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den Toten
nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst begehrenswert.
Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit geworden, daß sie nun
Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann eine dicke Träne über
ihre Nase und blieb einen Augenblick daran hängen. Dabei nähte sie
ununterbrochen weiter.
Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit
sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz
trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen Tages ins
Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit ihres Mannes und
ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie hätte nichts hören und
nichts sehn mögen, um nicht in ihren Liebesträumereien gestört zu
werden, die gegen ihren Willen unter den äußeren Eindrücken zu
verwehen drohten.
Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um sich
ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere und
Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in den
Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und sprach auch
kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen umhatte, spielte mit
ihrer Schaufel im Sande.
Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen.
Er bot in Anbetracht des »betrüblichen Ereignisses« seine Dienste
an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu können, aber
der Händler wich nicht so leicht.
»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte er, »aber ich muß
Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.« Und flüsternd
fügte er hinzu: »Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen schon
...«
Karl wurde rot bis über die Ohren.
»Gewiß ... freilich ... natürlich!«
In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
»Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?«
Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
Mutter:
»Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine Kleinigkeit, die
den Haushalt betrifft.«
Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die Vorgeschichte des Wechsels erführe.
Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in ziemlich
eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
seiner Gesundheit, die immer »so lala« sei. Er müßte sich wirklich
höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, ihm fehle doch
die Butter zum Brote.
Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
entsetzlich.
»Und sind Sie völlig wiederhergestellt?« fuhr er fort. »Ich sag
Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung
gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch
ordentlich einander in die Haare gefahren sind.«
Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die
Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
»Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur Reise ...«
Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf
den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit
einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? Emma
verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er fort:
»Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin gekommen,
ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...«
Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt hatte,
zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache ganz nach
seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu ängstigen,
noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft sei.
»Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders übernähme. Sie
zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das wäre das Bequemste.
Wir könnten dann unsere kleinen Geschäfte miteinander abmachen.«
Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam er
auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse
unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege schicken,
zu einem neuen schwarzen Kleide.
»Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie brauchen noch noch
ein andres für die Besuche. Gleich beim Eintreten habe ich das
bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein Amerikaner!«
Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen
anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig und
dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand »gehorsamst zur
Verfügung«, wie Homais zu sagen pflegte. Dabei flüsterte er Emma
immer wieder irgendwelche Ratschläge wegen der Generalvollmacht
zu. Den Wechsel erwähnte er nicht mehr, und Emma dachte auch nicht
daran. Karl hatte wohl kurz nach ihrer Genesung mit ihr darüber
gesprochen, aber es war ihr seitdem so viel durch den Kopf
gegangen, daß sie das vergessen hatte. Sie hütete sich überhaupt,
Geldinteressen an den Tag zu legen. Frau Bovary wunderte sich
darüber, aber sie schrieb das der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der
Krankheit in ihr erstanden sei.
Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse
Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob
nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte auf
gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von Ordnung des
Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung usw., und übertrieb
immerfort die Schwierigkeiten der Erbschaftsregelung. Eines Tages
zeigte sie ihm sogar den Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr
das Recht übertrug, das Vermögen zu verwalten, Darlehen
aufzunehmen, Wechsel auszustellen und zu akzeptieren, jederlei
Zahlung zu leisten und zu empfangen usw.
Lheureux war ihr Lehrmeister.
Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe.
»Notar Guillaumin.« Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte sie
hinzu: »Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. Die
Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch einen
Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein ...
keinen.«
»Höchstens Leo«, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei schwierig,
sich brieflich zu verständigen.
Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es
nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit
nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn aus:
»Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!«
»Wie gut du bist!« sagte er und küßte sie auf die Stirn.
Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
Drittes Kapitel
Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre
Flitterwochentage.
Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter
überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man ihnen alle
Morgen in der Frühe brachte.
Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer der
Inseln.
Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen die
Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer stieg
zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man breite
ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der Sonne wie
schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten.
Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen
hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen Ankertaue.
Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, das Stimmengewirr,
das Bellen der Hunde auf den Schiffen wurde ferner und ferner.
Emma knüpfte ihre Hutbänder auf.
Sie landeten an »ihrer Insel«. Sie setzten sich in eine Herberge,
vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen gebackene Fische,
Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich ins Gras, küßten
einander im Schatten der hohen Pappeln und hätten am liebsten wie
zwei Robinsons immer auf diesem Erdenwinkel leben mögen, der ihnen
in ihrer Glückseligkeit als das schönste Fleckchen der ganzen Welt
erschien. Sie sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht
zum ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern
der Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es
war ihnen, als hätten sie das alles niemals so genossen, als wäre
die Natur vorher gar nicht dagewesen oder als wäre sie erst schön,
seitdem ihr Begehren gestillt war.
Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank unter
dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die vierkantigen
Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen Gabeln,
taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das Wasser leise
um das herrenlose Steuer.
Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom stillen
Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und Emma begann
sogar zu singen:
»Weißt du, eines Abends
Fuhren wir dahin ...«
Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut,
vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang Leos
Ohr.
Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer erscheinen. Die
Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum Himmel empor. Von
Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der Weiden, an denen der
Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie plötzlich wieder auf, im
Lichte des Mondes, wie eine Geistererscheinung.
Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges gelagert hatte,
hob ein Band aus roter Seide auf. Der Bootsmann sah es und meinte:
»Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein
Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem
schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
immer: 'Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem Leben, Adolf!'
Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...«
Emma fuhr zusammen.
»Ist dir nicht wohl?« fragte Leo und legte ihr die Hand um den
Nacken.
»Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.«
»Er mochte auch viel Glück bei den Frauen haben«, redete der
Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar eine
Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hände und begann
von neuem zu rudern.
Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig.
Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
Umschläge verwenden. Er wunderte sich über ihre Schlauheit in
Liebesdingen.
»Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht wahr?« fragte
sie nach dem letzten Kusse.
»Aber gewiß!«
Als er dann allein durch die Straßen heimging, dachte er bei sich:
»Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer
Generalvollmacht?«
Viertes Kapitel
Leo begann vor seinen Kameraden den Überlegenen zu spielen. Er
mied ihre Gesellschaft und vernachlässigte seine Akten. Er wartete
nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in ihnen und
schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in der
Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heißes Begehren
kühlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im Gegenteil, sein
Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaßen, daß er an einem
Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.
Als er von der Höhe herab unten im Tale den Kirchturm mit seiner
sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
durchschauerte ihn ein sonderbares Gefühl von Eitelkeit und
Rührung, wie es vielleicht ein Milliardär empfindet, der sein
Heimatdorf wieder aufsucht.
Er ging um Emmas Haus. In der Küche war Licht. Er wartete, ob
nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar würde. Es erschien
nichts.
Als Mutter Franz ihn gewahrte, stieß sie Freudenschreie aus. Sie
fand ihn »größer und schlanker geworden«, während Artemisia im
Gegensatze dazu meinte, er sähe »stärker und brauner« aus.
Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nämlich
»satt bekommen«, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
seine Tischzeit ein für allemal auf Punkt fünf Uhr verlegt, was
ihn indessen nicht hinderte, darüber zu räsonieren, daß der »alte
Klapperkasten egal zu spät« käme.
Endlich faßte Leo Mut und klingelte an der Haustüre des Arztes.
Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer Viertelstunde kam
sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn wiederzusehen; aber
weder am Abend noch andern Tags wich er von Emmas Seite. Erst
nachts kam sie allein mit Leo zusammen, auf dem Wege hinter dem
Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, wie einst mit dem andern.
Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
Regenschirm, bei Donner und Blitz.
Die Trennung war ihnen unerträglich.
»Lieber sterben!« sagte Emma.
Sie entwand sich seinen Armen und weinte.
»Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?«
Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
versprach ihm Emma, sie wolle demnächst Mittel und Wege finden,
damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen könnten. Emma
zweifelte nicht an der Möglichkeit. Sie war überhaupt voller
Zuversicht. Lheureux hatte ihr für die nächste Zeit Geld in
Aussicht gestellt.
Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores für ihr Zimmer an.
Lheureux rühmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen Teppich,
den der Händler bereitwillig zu besorgen versprach, wobei er
versicherte, er werde »die Welt nicht kosten«. Lheureux war ihr
unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie nach ihm,
und immer ließ er alles stehen und liegen und kam, ohne auch nur
zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte Frau Rollet
täglich zum Frühstück und auch außerdem noch häufig kam.
Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma plötzlich einen ungemein
regen Eifer im Musizieren.
Eines Abends spielte sie dasselbe Stück viermal hintereinander,
ohne über eine bestimmte schwierige Stelle glatt hinwegzukommen.
Karl, der ihr zuhörte, bemerkte den Fehler nicht und rief:
»Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!«
»Nein, nein! Ich stümpere. Meine Finger sind zu steif geworden.«
Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen.
»Meinetwegen! Wenn es dir Spaß macht.«
Karl gab zu, daß sie ein wenig aus der Übung sei. Sie griff
daneben, blieb stecken, und plötzlich hörte sie auf zu spielen.
»Ach, es geht nicht, ich müßte wieder Stunden nehmen, aber ...«
Sie biß sich in die Lippen und fügte hinzu: »Zwanzig Franken für
die Stunde, das ist zu teuer.«
»Allerdings ... ja ...«, sagte Karl und lächelte einfältig, »aber
es gibt doch auch unbekannte Künstler, die billiger und manchmal
besser sind als die Berühmtheiten.«
»Such mir einen!« sagte Emma.
Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene an
und sagte schließlich:
»Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
Barfeuchères, und da hat mir Frau Liégeard erzählt, daß ihre drei
Töchter für zwölf Groschen die Stunde bei einer ganz
vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.«
Emma zuckte mit den Achseln und öffnete fortan nicht mehr das
Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging,
seufzte sie allemal:
»Ach, mein armes Klavier!«
Wenn Besuch da war, erzählte sie jedermann, daß sie die Musik
aufgegeben und höheren Rücksichten geopfert habe. Dann beklagte
man sie. Es sei schade. Sie hätte soviel Talent. Man machte ihrem
Manne geradezu Vorwürfe, und der Apotheker sagte ihm eines Tages:
»Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem die
Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Außerdem sparen Sie,
wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, später bei der
musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mütter
sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon
Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber das
wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernährung der Säuglinge
durch die eigenen Mütter und wie die Schutzpockenimpfung! Davon
bin ich überzeugt!«
Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprächsweise auf diese
Angelegenheit zurück. Emma erwiderte ärgerlich, daß es besser
wäre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte sich Bovary.
Das kam ihm wie die Preisgabe eines Stückes von sich selbst vor.
Das brave Klavier hatte ihm so oft Vergnügen bereitet und ihn
einst so stolz und eitel gemacht!
»Wie wäre es denn,« schlug er vor, »wenn du hin und wieder eine
Stunde nähmst? Das wird uns wohl nicht gleich ruinieren!«
»Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmäßig erfolgt«, entgegnete
sie.
Und so kam es schließlich dahin, daß sie von ihrem Gatten die
Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
habe bedeutende Fortschritte gemacht.
Fünftes Kapitel
An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich geräuschlos
an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe wegen ihres zu
frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief sie in ihrem Zimmer
herum, stellte sich ans Fenster und sah auf den Marktplatz hinaus.
Das Morgengrauen huschte um die Pfeiler der Hallen und um die
Apotheke, deren Fensterläden noch geschlossen waren. Die großen
Buchstaben des Ladenschildes ließen sich durch das fahle
Dämmerlicht erkennen.
Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und fachte
der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. Ganz
allein saß Emma dann in der Küche.
Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst gemächlich
die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, die in der
Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster heraussah und ihm
tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln erteilte, die jeden
andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die Absätze von Emmas
Stiefeletten klapperten laut auf dem Pflaster des Hofes.
Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die
Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.
Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie allerorts
Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor den Hoftoren
standen und warteten. Leute, die sich Plätze vorbestellt hatten,
ließen meist auf sich warten; ja es kam vor, daß sie noch in ihren
Betten lagen. Dann rief, schrie und fluchte Hivert, stieg von
seinem Sitz herunter und pochte mit den Fäusten laut gegen die
Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind durch die schlecht
schließenden Wagenfenster.
Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt
schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten sich
rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser gefüllten
Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin bis in den
Horizont.
Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, wann eine
Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine Scheune, das
Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal schloß sie die Augen eine
Weile, um sich überraschen zu lassen. Aber sie verlor niemals das
Gefühl für Zeit und Ort.
Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte
unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch deren
Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken und
Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.
Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das Häusermeer in
undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich flaches Land in
eintönigen Linien, bis es weit in der Ferne im fahlen Grau des
Himmels verschwamm. So aus der Vogelschau sah die ganze Landschaft
leblos wie ein Gemälde aus. Die vor Anker liegenden Zillen
drängten sich in einem Winkel zusammen. Der Strom wand sich im
Bogen um grüne Hügel, und die länglichen Inseln in seinen Fluten
glichen großen schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen
Fabrikessen quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in
der Luft auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich
das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste
hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards wuchsen
aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, und die vom
Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder schwächer, je nach der
höheren oder tieferen Lage der Stadtteile. Bisweilen trieb ein
frischer Windstoß das dunstige Gewölk nach der Sankt
Katharinen-Höhe hin, an deren steilen Hängen sich die luftige Flut
geräuschlos brach.
Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut stürmte
ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die hundertundzwanzigtausend
Herzen, die da unten schlugen, den Brodem der Leidenschaften, die
in ihnen lodern mochten, in einem einzigen Hauche entgegensandten.
Vor der Gewalt dieses Anblicks wuchs ihre eigene Liebe, und das
dumpfe Rauschen des Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre
Stimmung. Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und
vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie Einzug hielt.
Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die frische
Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger,
die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, wo sie
die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren Familienkutschen
gemächlich aus.
Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
und stieg aus.
In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die
Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den
Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit
niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem
herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um nicht
beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre Gassen
hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen am Ende
der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt es dort die
meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. Ein paarmal fuhren
Karren mit Bühnendekorationen an Emma vorüber. Beschürzte Kellner
streuten Sand auf das Trottoir, zwischen Kästen mit grünen
Gewächsen. Es roch nach Absinth, Zigarren und Austern.
Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie erkannte
ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich unter seinem
Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm nach dem
Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, öffnete die Tür
und trat ein ...
Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne Ende!
Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von ihrem
Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber dann war
das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu Auge, unter dem
Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der Zärtlichkeit.
Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten des
Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge herab. Wenn
sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von diesem Purpurrot
abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme verschämt hob und ihr
Gesicht in den Händen verbarg: was hätte Leo Schönres schauen
können?
Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
alles, was blank im Gemache war, hell auf: die Messingbeschläge an
der Tür, an den Gardinenhaltern und am Kamin.
Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles so vor,
wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die Haarnadeln noch auf
dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am Donnerstag vorher liegen
gelassen hatte.
Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen eingelegten
Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte alles zurecht
und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den Teller, unter tausend
süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über den Rand des dünnen
Kelches auf die Finger perlte, lachte sie lustig auf. Sie waren
beide in den gegenseitigen Genuß versunken und vergaßen völlig,
daß sie in einer Mietwohnung hausten. Es war Ihnen, als wären sie
Jungvermählte und hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder
zu verlassen brauchten. Sie sagten »unser Zimmer, unser Teppich,
unsre Stühle,« wie sie »unsre Pantoffeln« sagten, wobei sie die
meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa Atlas
mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten Füßen. Wenn
sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir ihren Beinen
und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen Zehen.
Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen
Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese
entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen,
dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte
Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er hatte
eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen?
Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald
schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die
Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der »Badenden
Odaliske«, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen Vrouwen
der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, die
spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als alles das:
sie war sein »Engel«.
Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich seine
Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz und von
da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr zu Füßen
auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah zu ihr empor
und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu ihm herab und
flüsterte wie im Rausche:
»O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist etwas
Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern habe!«
Sie nannte ihn »mein Junge«.
»Mein Junge, liebst du mich?«
Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie
nicht.
Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus Bronze,
der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande trug. Er
machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde schlug, kam
ihnen alles ernsthaft vor.
Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer wiederholten
sie:
»Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!«
Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, küßte
ihn rasch auf die Stirn, und mit einem »Adieu!« stürmte sie die
Treppe hinunter.
Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße und
ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. Im Laden
brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das Klingeln drüben im
Theater, das dem Personal den Beginn der Vorstellung anzeigte.
Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit bleichen Gesichtern und
Frauen in abgetragenen Kleidern im hinteren Eingang des
Theatergebäudes verschwanden.
Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken
und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen Brennscheren
und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu schaffen
machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, so wäre sie
unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.
Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an.
Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins »Rote
Kreuz«. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am Vormittag
unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und nahm ihren
Platz ein, unter den bereits ungeduldigen Mitfahrenden. Wo die
steile Strecke begann, stiegen alle aus. Emma blieb allein im
Wagen zurück.
Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites
Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster
kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in Gedanken
und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind verschlang.
Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter
Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit
Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in roten
Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, die an der
Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. Wenn man ihn
ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten seine bläulichen
Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager.
Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:
»Wenns Sommer worden weit und breit,
Wird heiß das Herze mancher Maid ...«
Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich hinter
Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.
Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf dem
nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er fragte
ihn, wie es seiner Liebsten ginge.
Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch das
Wagenfenster herein. Er war draußen auf das kotbespritzte
Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand fest. Sein
erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er heulte durch
die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das Schellengeläut
der Pferde, das Rauschen der Bäume und das Rasseln des Wagens
tönten in diese Jammerlaute hinein, so daß sie wie aus der Ferne
zu kommen schienen. Emma war tieferschüttert. Empfindungen
brausten ihr durch die Seele wie wilder Wirbelsturm durch eine
Schlucht. Grenzenlose Melancholie ergriff sie.
Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen Wagen
beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf den
Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus.
Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die einen
schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die Brust
gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des Nachbars,
und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je nach den
Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der Schein der
Laterne drang durch die schokoladenbraunen Kattunvorhänge und
bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit blutroten Lichtstreifen.
Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie fror unter ihren Kleidern.
Ihre Füße wurden ihr kälter und kälter. Sie fühlte sich
sterbensunglücklich.
Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer
Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, aber
was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte jetzt machen, was
es wollte.
Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie fragte, ob
ihr etwas fehle.
»Nein!« antwortete sie.
»Aber du bist so sonderbar heute abend?«
»Ach nein, nicht im geringsten!«
Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser als
eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die Streichhölzer
zurecht, legte ihr ein Buch hin und das Nachthemd und deckte das
Bett auf.
»Gut!« sagte sie. »Du kannst gehn.«
Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und
blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.
Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch
qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor
Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre
Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen befriedigt
wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich unter
leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. Seine
anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie hegte und
pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, sein Herz zu
verlieren.
Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:
»Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! Wirst
es machen wie alle andern!«
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