Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange zur Kirche.
Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter
leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich gewesen,
ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ...
Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch nicht besudelt
durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem Ehebruch, auf ein
festes edles Herz bauen und Tugend, Zärtlichkeit, Sinnenlust und
Pflichttreue zusammen fühlen dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe
solcher Glückseligkeit herabgesunken! »Nein, nein!« rief sie
schmerzlich bei sich aus. »All das große Glück da unten ist doch
nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder verzweifelten
Phantasten!« Jetzt erkannte sie, daß die Leidenschaften in der
Wirklichkeit armselig sind und nur in der Überschwenglichkeit der
Kunst etwas Großes. Sie versuchte sich zur nüchternen Anschauung
zu zwingen. Sie wollte in dieser Wiedergabe ihrer eigenen
Schmerzen nichts mehr sehen als ein plastisches Phantasiegebilde,
nichts mehr und nichts weniger als eine amüsante Augenweide. Und
so lächelte sie in Gedanken überlegen-nachsichtig, als im
Hintergrunde der Bühne hinter einer Samtportiere ein Mann in einem
schwarzen Mantel erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei
einer Körperbewegung vom Kopfe fiel.
Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. Edgard
rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen entgegen,
Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im Maße der
Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie Orgelgebraus. Die Frauen
des Chors wiederholen die Worte, ein köstliches Echo.
Gestikulierend stehen sie alle in einer Reihe. Zorn, Rachgier,
Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen entströmen gleichzeitig
ihren aufgerissenen Mündern. Der wütende Liebhaber schwingt seinen
blanken Degen. Der Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden
Brust auf und nieder, während er mächtigen Schritts in seinen
sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet.
»Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,« dachte Emma,
»daß er sie an die Menge so verschwenden kann.« Ihre Anwandlung
von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner Rolle. Sie
fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter dieser
Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen,
sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes Leben, an dem sie hätte
teilnehmen können, wenn es der Zufall gefügt hätte. Warum hatten
sie sich nicht kennen gelernt und sich ineinander verliebt! Sie
wäre mit ihm durch alle Länder Europas gereist, von Hauptstadt zu
Hauptstadt, hätte mit ihm Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen
aufgelesen, die man ihm streute, und seine Bühnenkostüme
eigenhändig gestickt. Alle Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge,
hinter vergoldetem Gitter aufmerksam den Sängen seiner Seele
gelauscht, die einzig und allein ihr gewidmet wären. Von der
Szene, beim Singen, hätte er zu ihr geschaut ...
Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. Kein
Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, in
seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der Liebe, und
ihm laut zurufen:
»Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir
gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!«
Der Vorhang fiel.
Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der Fächer machte
die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge verlassen, aber
die Gänge waren durch die vielen Menschen versperrt. Sie sank in
ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen und Atemnot. Da Karl
fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, eilte er nach dem Büfett,
um ihr ein Glas Mandelmilch zu holen.
Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das Glas in
beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er tat, jemanden
mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er dreiviertel des Inhalts
einer Dame in ausgeschnittener Toilette über die Schulter. Als sie
das kühle Naß, das ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie
laut auf, als ob man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit.
Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas von
Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich bei
Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr:
»Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, diese
Menschheit! Diese Menschheit!« Nach einigem Verschnaufen fügte er
hinzu: »Und ahnst du, wer mir da oben begegnet ist? Leo!«
»Leo?«
»Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!«
Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt auch
schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer Ungezwungenheit
reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau Bovary die
ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren Willens. Diesen fremden
Einfluß hatte sie lange nicht empfunden, seit jenem
Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie voneinander Abschied
genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und draußen war leiser
Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch besann sie sich auf
das, was die jetzige Situation und die Konvenienz erheischten.
Mit aller Kraft schüttelte sie den alten Bann und die alten
Erinnerungen von sich ab und begann ein paar hastige Redensarten
zu stammeln:
»Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?«
»Ruhe!« ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte nämlich
der dritte Akt begonnen.
»So sind Sie also in Rouen?«
»Ja, gnädige Frau!«
»Und seit wann?«
»Hinaus! Hinaus!«
Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit vorbei. Der
Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton und seinem
Diener, das große Duett in D-Dur, alles das spielte sich für sie
wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, als klänge das Orchester
nur noch gedämpft, als sängen die Personen ihr weit entrückt. Sie
dachte zurück an die Spielabende im Hause des Apothekers, an den
Gang zu der Amme ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an
die Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von
neuem ihren Lebenspfad kreuzen?
Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte.
»Macht Ihnen denn das Spaß?« fragte er sie, indem er sich über sie
beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts ihre Wange streifte.
»Nein, nicht besonders!« entgegnete sie leichthin.
Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und
irgendwo eine Portion Eis zu essen.
»Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!« sagte Bovary. »Sie hat
aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!«
Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das Spiel
der Sängerin schien ihr übertrieben.
»Sie schreit zu sehr!« meinte sie, zu Karl gewandt, der aufmerksam
zuhörte.
»Möglich! Jawohl! Ein wenig!« gab er zur Antwort. Eigentlich
gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig.
Leo stöhnte:
»Ist das eine Hitze!«
»Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!« sagte Emma.
»Verträgst dus nicht mehr?« fragte Bovary.
»Ich ersticke! Wir wollen gehen!«
Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie versuchte
mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie die
Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne das langweilen.
Darauf erzählte dieser, er müsse sich in Rouen zwei Jahre tüchtig
auf die Hosen setzen, um sich in die hiesige Rechtspflege
einzuarbeiten. In der Normandie mache man alles anders als in
Paris. Dann erkundigte er sich nach der kleinen Berta, nach der
Familie Homais, nach der Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in
Karls Gegenwart nicht sagen, und so stockte die Unterhaltung.
Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und
trällernd:
'O Engel reiner Liebe!'
Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu
sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im
Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar
nichts.
Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
unterbrach ihn:
»Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich bedaure,
daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es fing mir grade an
zu gefallen!«
»Demnächst gibts ja eine Wiederholung!« tröstete ihn Leo.
Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause müßten.
»Es sei denn,« meinte er, zu Emma gewandt, »du bliebst allein
hier, mein Herzchen?«
Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner Begehrlichkeit
bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun lobte er das Finale
des Sängers. Er sei da köstlich, großartig!
Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
»Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! Es
wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern du dir auch
nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!«
Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff und
zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren ließ.
»Es ist mir wirklich nicht recht,« murmelte Bovary, »daß Sie für
uns Geld ...«
Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut.
»Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!«
Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben könne.
Emma indessen sei durch nichts gehindert.
»Es ist nur ...«, stotterte sie, verlegen lächelnd, »... ich weiß
nicht recht ...«
»Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber reden, wenn
dus beschlafen hast!« Und zu Leo gewandt, der sie begleitete,
sagte er: »Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend sind, hoffe ich,
daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch ansagen!«
Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
demnächst in Yonville beruflich zu tun habe.
Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf.
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle fleißig
besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den Grisetten
gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick aus. Übrigens war
er der mäßigste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu
lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes
Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von
wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten,
aus Ängstlichkeit und weil ihm das wüste Leben zu grob war.
Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden
des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein Code-Napoléon aus den
Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmählich verblaßte
diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien überwucherten sie, ohne
sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle
Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der
Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume.
Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte
seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt gälte es,
sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen wollte. Seine
ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im Verkehr mit
leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz
zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht
schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt abgetreten
hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berühmten
Professors mit Orden und Equipage, hätte der arme Adjunkt
sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen,
vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fühlte er sich
überlegen und eines leichten Sieges gewiß. Sicheres Auftreten
hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als
im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer
reichen Frau ihr Tugendwächter. Sie trägt sie alle mit sich wie
ein Panzerhemd unter ihrem Korsett.
Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen
gefolgt, bis er sie im »Roten Kreuz« verschwinden sah. Dann machte
er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen
Kriegsplan.
Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof mit
beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, vor
nichts zurückzuscheuen.
»Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!« vermeldete ihm ein
Kellner.
Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.
Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn
kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm
mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.
»O, das habe ich erraten«, sagte Leo.
»Wieso?«
Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn hierher
geleitet.
Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er
nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
Gasthöfen nach ihnen zu fragen.
»Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?« fügte er hinzu.
»Ja,« gab sie zur Antwort, »aber ich hätte es lieber nicht tun
sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen gewöhnen,
wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...«
»Ja, das kann ich mir denken ...«
»Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.«
Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer
philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.
Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher
Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit
ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich
zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter
quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie
sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so
stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen
waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie
die nackte Wahrheit umschreiben könnten. Emma verheimlichte es,
daß sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, daß
er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht
mehr an die Soupers nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich
nicht ihrer Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem
Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte
nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr
Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid
aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des
alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete
umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem
schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel.
»Ach, verzeihen Sie!« sagte sie. »Es ist unrecht von mir, Sie mit
meinen ewigen Klagen zu langweilen.«
»Keineswegs!«
»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort und schlug ihre schönen Augen,
aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, »was ich mir alles
erträumt habe!«
»Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais entlang
geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und
die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort
verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthändlers auf dem
Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen,
der eine Muse darstellt. Sie trägt eine Tunika, einen
Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor.
Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich
stundenlang davor gestanden ...« Und mit zitternder Stimme fügte
er hinzu: »Sie sah Ihnen ein wenig ähnlich.«
Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre Lippen
nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte.
»Und wie oft«, fuhr er fort, »habe ich an Sie Briefe geschrieben
und hinterher wieder zerrissen.«
Sie antwortete nicht.
»Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir
wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an der
nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken
hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie
Sie welche zu tragen pflegen ...«
Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen
Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen
machte.
Endlich sagte sie mit einem Seufzer:
»Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben so wie ich
führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem
nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem Bewußtsein
trösten, sich für etwas zu opfern.«
Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er
selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas
aufzugehen, die er nicht befriedigen könne.
»Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein«, behauptete sie.
»Ach ja!« erwiderte er. »Aber für uns Männer gibt es keinen
solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung ... es
sei denn vielleicht die des Arztes ...«
Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. Wie
schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden.
Sofort schwärmte Leo für die »Ruhe im Grabe«. Ja, er hätte sogar
eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt,
daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit der Seidenstickerei
legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem,
wie alles hätte sein können, also nach einem imaginären Zustand,
änderten sie jetzt in der Erzählung ihre Vergangenheit. Ist doch
die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefühle breitdrückt.
Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie:
»Warum denn?«
»Warum?« Er zögerte. »Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!«
Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete
Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn
der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber war, zerreißt.
Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus
ihren Augen wie weggeweht.
Er wartete. Endlich sagte sie:
»Ich hab es immer geahnt ...«
Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in
ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich der
Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem Zimmer,
ihres ganzen Hauses.
»Und unsere armen Kakteen, was machen die?«
»Sie sind letzten Winter alle erfroren!«
»Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie mir
gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im
Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und Sie
mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...«
»Armer Freund!« sagte sie und reichte ihm ihre Hand.
Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
tief auf und sagte:
»Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich
war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen ...
aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?«
»Doch, fahren Sie nur fort!«
»Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, gerade
im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen
Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete
ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es
mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen das von mir war.
Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es
doch nicht über mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen
Laden traten, wartete ich draußen auf der Straße und sah Ihnen
durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und
das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei
Frau Tüvache; man öffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener
Pudel vor der mächtigen Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß
gefallen war.«
Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon
her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen,
erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Unendlich
viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit
leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:
»Ja ... So war es ... So war es ... So war es!«
Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den
Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen
nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein
Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, dieses
Rauschen ströme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre
Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft,
Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der zärtlichen Wonne
des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete sich an den Wänden, und
halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen
Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. Durch das oben
offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein
Stück des schwarzen Himmels.
Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder.
»Was ich sagen wollte ...«, begann Leo von neuem.
»Was war es?«
Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
anzuknüpfen, da fragte sie ihn:
»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse
anvertraut hat?«
Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe
sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn
zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden
worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt
hätte.
»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie.
»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der
Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels
hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn
anzufangen?«
»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt ... und
Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ...
und Sie werden sie wieder lieben!«
»Nicht so, wie ich Sie liebe!«
»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!«
Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der
Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder
lieben könnten, wie ehemals.
Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht.
Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und
daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß
sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu
liebkosen versuchten.
»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück.
Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit
ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein
Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche
Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig
aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut
seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie
glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit
ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr.
»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns
verplaudert!«
Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein
armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau
Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten ...«
Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein.
»So?« fragte Leo.
»Gewiß!«
»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu
sagen!«
»Was denn?«
»Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht
heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten ... Hören Sie
mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn
nicht ...«
»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!«
»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid
mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein
einziges ...«
»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders,
sagte sie: »Aber nicht hier!«
»Wo Sie wollen!«
Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
»Morgen um elf in der Kathedrale!«
»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren
Händen. Sie entzog sie ihm.
Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf
ihren Nacken.
»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem
eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals
immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über
ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen.
Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb
er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
»Auf Wiedersehn morgen!«
Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle
beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig
war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was
sollte sie tun?
»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen,
wenn er kommt.«
Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre,
reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich
hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes
Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete
seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum
Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil
sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte.
»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des
Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war.
Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den
Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum
Notre-Dame-Platze.
Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg
auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen
Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um
die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte
Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und
Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren
tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein
Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen
Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden
kleine Veilchensträuße.
Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau
kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der
Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen
wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und
rasch trat er in die Kirche.
Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der
'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf,
den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als
ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo
in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das
Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden:
»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die
Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?«
»Nein!«
Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging
abermals bis zum Chor.
Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den
gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende
Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte
Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen
des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen
Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan
hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die
übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen
Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine
silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel
gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder
das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den
hohen Gewölben widerhallten.
Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so
schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und
stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten
Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten,
in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem
unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und
um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler
neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe
entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes
Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die
Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen
erscheine.
Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und
seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit
Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte
die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während
seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ...
Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich
erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging
geradezu eine Tempelschändung.
Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte
auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen.
Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht
doch!«
Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der
Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand
er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines
Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte,
langweilte er sich.
Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung
begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören,
starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der
weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe
Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte.
Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der
Schweizer rasch auf sie zu:
»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die
Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?«
»Aber nein!« rief der Adjunkt aus.
»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich
an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden
Vorwand.
Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück
und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen
Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten
Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte
ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist
vor Freude gestorben ...«
»Weiter!« drängte Leo.
Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten
zeigt, auf eine Grabplatte.
»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr
von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser
der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli
1465.«
Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße
auf den andern.
»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und
Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des
Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie,
gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift
besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen
will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der
irdischen Vergänglichkeit!«
Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der
einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite.
Der unermüdliche Cicerone fuhr fort:
»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois,
geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche
Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt
bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die
Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und
Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des
Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem
Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.«
Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die
beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er
öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer,
»das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von
der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine
Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier
sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die
Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern
von Lagargouille!«
Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und
nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die
Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle
Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!«
»Danke!« erwiderte Leo.
»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt
vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte ägyptische
Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...«
Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen,
den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt
hatte. Das wäre ihr Tod gewesen.
»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma.
Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie
plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen
eines Stockes hörten. Leo wandte sich um.
»Meine Herrschaften!«
»Was gibts?«
Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale.
»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche.
Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
»Hol uns eine Droschke!«
Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten
allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
verlegen.
»Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!« Es klang
wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr
unschicklich, wissen Sie das?«
»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In _Paris_ macht mans so!«
Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument.
Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in
die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der
Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das
'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der
Hölle' an!«
»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher.
»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung.
Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der
Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte
vor dem Denkmal Corneilles Halt.
»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren.
Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme.
Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut
zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee
dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg
hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu,
über die Inseln hinaus.
Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville,
die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum
drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend.
Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt
Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die
Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum,
wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen
überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte
die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer
Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller
Höhe.
Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über
die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden
und am Hauptfriedhof vorüber.
Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut
in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen
wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich
hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine
warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob
er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe
vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an
den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz
ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der
immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen
wie ein Grab.
Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am
heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine
bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine
Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße
Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen.
Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der
Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus
und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
Zweites Kapitel
Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma
gewartet, schließlich aber war er abgefahren.
Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu Hause
sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene
feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe
und zugleich der Preis für den Ehebruch ist.
Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. Unterwegs
trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte aller
Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten
Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern
von Quincampoix ein.
Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als sie
erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah sie
Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie wartete. Hivert
hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das sich bis zum Fenster
hinaufreckte, flüsterte ihr geheimnisvoll zu:
»Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es
handelt sich um etwas sehr Dringliches!«
Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine
dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des
Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am
selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man sah,
daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde.
Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, und
sogar der »Leuchtturm von Rouen« lag am Boden zwischen zwei
Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in der
Küche -- inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll
abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und
zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
über dem Feuer -- die ganze Familie Homais, groß und klein, alle
in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den Händen. Der
Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten Kopfes
dastand, und schrie ihn eben an:
»Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?«
»Was ist denn los? Was gibts?« fragte die Eintretende.
»Was los ist?« antwortete der Apotheker. »Ich mache hier
Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft zu
dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem andern
Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus Faulheit hin
und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an einem Nagel
aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!«
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