Zigarette$): Nein! Nur Frau Karenina oder richtiger nach ihrem ersten
Manne, Frau Protasowa.
-Melnikow- ($geht weg$): Ach, es handelt sich um Frau Karenina!
-Der Untersuchungsrichter-: Ja, es ist eine unsaubere Sache. Allerdings
fange ich die Untersuchung eben erst an; aber schön ist die Geschichte
nicht. Na, dann adieu! ($Melnikow ab.$)
Zweiter Auftritt
Der Untersuchungsrichter und Lisa, die schwarz gekleidet und
verschleiert eintritt.
-Der Untersuchungsrichter-: Bitte ergebenst. ($Er weist auf einen
Stuhl.$) Wollen Sie mir glauben, daß ich die Notwendigkeit, Ihnen
einige Fragen vorzulegen, sehr bedauere; aber ich befinde mich in
einer Zwangslage ... Bitte, beruhigen Sie sich; ich mache Sie darauf
aufmerksam, daß Sie die Antwort auf meine Fragen verweigern dürfen.
Nur bin ich der Ansicht, daß es für Sie und für alle das Beste ist,
alles der Wahrheit gemäß auszusagen. Das ist immer das Beste und
Zweckmäßigste.
-Lisa-: Ich habe nichts zu verheimlichen.
-Der Untersuchungsrichter-: Also hier ($er blickt in ein Aktenstück$).
Ihren Namen, Ihren Stand, Ihre Religion, das habe ich alles schon
hingeschrieben; stimmt es?
-Lisa-: Ja.
-Der Untersuchungsrichter-: Sie werden beschuldigt, obwohl Sie wußten,
daß Ihr Mann am Leben war, einen andern geheiratet zu haben.
-Lisa-: Ich wußte es nicht.
-Der Untersuchungsrichter-: Und ferner werden Sie beschuldigt, durch
Zahlung einer Geldsumme ihren Mann zur Begehung eines Betruges, nämlich
zur Vorspiegelung eines Selbstmordes, veranlaßt zu haben, in der
Absicht, von ihm loszukommen.
-Lisa-: Das ist alles nicht wahr.
-Der Untersuchungsrichter-: Gestatten Sie mir also einige Fragen. Haben
Sie ihm im Juli vorigen Jahres zwölfhundert Rubel übersandt?
-Lisa-: Dieses Geld gehörte ihm. Es war der Erlös aus seinen Sachen.
Und in der Zeit, als ich mich von ihm getrennt hatte und darauf
wartete, daß er die Scheidung in die Wege leite, da schickte ich es ihm.
-Der Untersuchungsrichter-: So so, sehr wohl. Dieses Geld wurde ihm am
17. Juli übersandt, das heißt zwei Tage vor seinem Verschwinden.
-Lisa-: Es mag am 17. Juli gewesen sein. Ich erinnere mich nicht.
-Der Untersuchungsrichter-: Warum wurden aber die Bemühungen beim
Konsistorium zu derselben Zeit eingestellt und dem Rechtsanwalt das
erteilte Mandat wieder abgenommen?
-Lisa-: Das weiß ich nicht.
-Der Untersuchungsrichter-: Nun, aber als die Polizei Sie aufforderte,
die Leiche zu rekognoszieren, auf welche Weise erkannten Sie in
derselben Ihren Mann?
-Lisa-: Ich war damals so aufgeregt, daß ich die Leiche nicht genauer
ansah, und war so davon überzeugt, daß er es war, daß ich, als ich
gefragt wurde, antwortete, er sei es wohl.
-Der Untersuchungsrichter-: Ja, Sie haben ihn in einer sehr
erklärlichen Aufregung nicht genauer angesehen. Sehr wohl. Nun aber
gestatten Sie die Frage: warum haben Sie denn allmonatlich Geld nach
Saratow geschickt, nach eben der Stadt, wo Ihr erster Mann wohnte?
-Lisa-: Dieses Geld hat mein Mann hingeschickt. Und über die Bestimmung
desselben kann ich nichts aussagen, da das nicht mein Geheimnis ist.
Nur soviel: es wurde nicht an Fjodor Wasiljewitsch geschickt. Wir waren
fest davon überzeugt, daß er nicht mehr am Leben sei. Das kann ich
Ihnen wahrheitsgemäß sagen.
-Der Untersuchungsrichter-: Sehr wohl. Gestatten Sie mir nur die
eine Bemerkung, gnädige Frau: wir sind Diener des Gesetzes; aber das
hindert uns nicht, Menschen zu sein. Wollen Sie mir glauben: ich
habe ein volles Verständnis für Ihre Lage und wende ihr meine ganze
Teilnahme zu. Sie waren an einen Menschen gebunden, der das Vermögen
verschwendete, Sie hinterging, mit einem Worte ein schweres Kreuz für
Sie war ...
-Lisa-: Ich liebte ihn.
-Der Untersuchungsrichter-: Ja, aber es mußte doch in Ihnen ganz
natürlicherweise der Wunsch rege werden, von ihm loszukommen, und
Sie wählten diesen einfachen Weg, ohne zu bedenken, daß er Sie zu
etwas führte, was als ein Verbrechen angesehen wird, zur Bigamie; das
ist auch mir verständlich. Und auch die Geschworenen werden dafür
Verständnis haben. Und daher würde ich Ihnen raten, alles offen zu
gestehen.
-Lisa-: Ich habe nichts zu gestehen. Ich habe nie gelogen. ($Sie
weint.$) Bin ich nicht mehr nötig?
-Der Untersuchungsrichter-: Ich möchte Sie bitten, noch ein Weilchen
hier zu bleiben. Ich werde Sie nicht weiter mit Fragen belästigen.
Haben Sie nur die Güte, dies hier durchzulesen und zu unterschreiben.
Es ist das Protokoll über Ihre Vernehmung. Sind Ihre Antworten richtig
wiedergegeben? Bitte ergebenst, dort Platz zu nahmen. ($Er zeigt auf
einen Lehnstuhl am Fenster.$) ($Zu dem Protokollführer:$) Rufen Sie
Herrn Karenin!
Dritter Auftritt
Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa. Karenin tritt
mit ernster, feierlicher Miene ein.
-Der Untersuchungsrichter-: Bitte ergebenst!
-Karenin-: Ich danke. ($Er bleibt stehen.$) Was steht zu Ihren Diensten?
-Der Untersuchungsrichter-: Ich bin verpflichtet, Sie zu vernehmen.
-Karenin-: In welcher Eigenschaft?
-Der Untersuchungsrichter- ($lächelnd$): Ich in meiner Eigenschaft als
Untersuchungsrichter bin verpflichtet, Sie in Ihrer Eigenschaft als
Beschuldigter zu vernehmen.
-Karenin-: Wieso? Weswegen?
-Der Untersuchungsrichter-: Wegen einer Ehe mit einer verheirateten
Frau. Gestatten Sie aber, daß ich die Fragen der Reihe nach stelle.
Nehmen Sie Platz!
-Karenin-: Ich danke.
-Der Untersuchungsrichter-: Ihr Name?
-Karenin-: Viktor Karenin.
-Der Untersuchungsrichter-: Stand?
-Karenin-: Kammerherr, Wirklicher Staatsrat.
-Der Untersuchungsrichter-: Alter?
-Karenin-: Achtunddreißig Jahre.
-Der Untersuchungsrichter-: Religion?
-Karenin-: Rechtgläubig. Vor Gericht habe ich noch nie gestanden und
bin nie in Untersuchung gewesen. Nun?
-Der Untersuchungsrichter-: War Ihnen damals, als Sie die Ehe mit Ihrer
Frau eingingen, bekannt, daß Fjodor Wasiljewitsch Protasow am Leben war?
-Karenin-: Nein, das war mir nicht bekannt. Wir waren beide der
Überzeugung, daß er ertrunken sei.
-Der Untersuchungsrichter-: An wen haben Sie nach der unwahren
Nachricht von Protasows Tode allmonatlich Geld nach Saratow geschickt?
-Karenin-: Diese Frage möchte ich nicht beantworten.
-Der Untersuchungsrichter-: Sehr wohl. In welcher Absicht haben
Sie Herrn Protasow kurz vor der Simulation seines Todes am 17. Juli
zwölfhundert Rubel übersandt?
-Karenin-: Dieses Geld hatte mir meine Frau übergeben.
-Der Untersuchungsrichter-: Frau Protasowa?
-Karenin-: Meine Frau hatte es mir übergeben zur Absendung an ihren
Mann. Sie hielt dieses Geld für sein Eigentum, und da sie alle
Beziehungen zu ihm abgebrochen hatte, so hielt sie es für unrecht,
dieses Geld zurückzubehalten.
-Der Untersuchungsrichter-: Jetzt noch eine Frage: warum haben Sie die
Bemühungen um die Ehescheidung eingestellt?
-Karenin-: Weil Fjodor Wasiljewitsch diese Bemühungen auf sich genommen
und mich davon brieflich verständigt hatte.
-Der Untersuchungsrichter-: Besitzen Sie diesen Brief?
-Karenin-: Der Brief ist verloren gegangen.
-Der Untersuchungsrichter-: Merkwürdig, daß alles das, was geeignet
wäre, das Gericht von der Richtigkeit Ihrer Angaben zu überzeugen,
verloren gegangen und nicht zur Stelle ist.
-Karenin-: Wünschen Sie sonst noch etwas?
-Der Untersuchungsrichter-: Ich wünsche weiter nichts als meine Pflicht
zu erfüllen; Ihnen aber liegt ob, sich zu rechtfertigen, und ich habe
soeben Frau Protasowa einen Rat gegeben und möchte ebendenselben
auch Ihnen erteilen: nicht zu verheimlichen, was doch für einen
jeden offensichtlich ist, und alles so zu erzählen, wie es sich in
Wirklichkeit zugetragen hat. Um so mehr, da Herr Protasow schon alles
so ausgesagt hat, wie es gewesen ist, und wahrscheinlich auch vor
Gericht bei seiner Aussage verbleiben wird. Ich möchte Ihnen raten ...
-Karenin-: Ich würde Sie bitten, sich innerhalb des Rahmens der
Erfüllung Ihrer Pflichten zu halten und Ihre Ratschläge beiseite zu
lassen. Dürfen wir weggehen? ($Er tritt zu Lisa hin; sie steht auf und
nimmt seinen Arm.$)
-Der Untersuchungsrichter-: Ich bedauere lebhaft, daß ich Sie noch
zurückhalten muß ... ($Karenin wendet sich erstaunt um.$) O nein, nicht
in dem Sinne, als ob ich Sie verhaften lassen wollte. Wiewohl das zur
Erforschung der Wahrheit ganz zweckdienlich sein würde, werde ich doch
nicht zu dieser Maßregel greifen. Ich möchte nur Herrn Protasow in
Ihrer Gegenwart verhören und Sie mit ihm konfrontieren; Sie werden
dabei eine bequeme Möglichkeit haben, ihn der Unwahrheit zu überführen.
Bitte, nehmen Sie Platz! ($Zum Protokollführer:$) Rufen Sie Herrn
Protasow herein!
Vierter Auftritt
Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa, Karenin. Fedja,
schmutzig und verkommen, tritt ein.
-Fedja- ($wendet sich zu Lisa und Karenin$): Lisa, Jelisaweta
Andrejewna, Viktor, ich bin nicht schuld daran. Ich wollte es recht
gut machen. Wenn mich aber doch eine Schuld trifft, so verzeiht mir,
verzeiht mir! ($Er verbeugt sich tief vor ihnen.$)
-Der Untersuchungsrichter-: Ich bitte Sie, auf meine Fragen zu
antworten.
-Fedja-: Fragen Sie!
-Der Untersuchungsrichter-: Ihr Name?
-Fedja-: Den wissen Sie ja doch.
-Der Untersuchungsrichter-: Ich bitte Sie zu antworten.
-Fedja-: Na, Fjodor Protasow.
-Der Untersuchungsrichter-: Ihr Stand, Ihr Lebensalter, Ihre Religion?
-Fedja- ($schweigt zunächst$): Schämen Sie sich denn nicht, solche
dummen Fragen zu stellen? Fragen Sie doch, was nötig ist, und nicht
solche Torheiten!
-Der Untersuchungsrichter-: Ich ersuche Sie, in Ihren Ausdrücken
vorsichtiger zu sein und auf meine Fragen zu antworten.
-Fedja-: Na, wenn Sie sich nicht schämen, dann hören Sie! Stand:
Kandidat[3]; Lebensalter: vierzig Jahre; Religion: rechtgläubig; na,
nun weiter!
-Der Untersuchungsrichter-: War es Herrn Karenin und Ihrer Frau
bekannt, daß Sie am Leben geblieben waren, als Sie Ihre Kleider am
Flußufer hatten liegen lassen und selbst verschwunden waren?
-Fedja-: Bestimmt nicht. Ich hatte mich wirklich töten wollen, aber
dann ... na, das brauche ich nicht zu erzählen. Tatsache ist, daß sie
nichts wußten.
-Der Untersuchungsrichter-: Wie kommt es denn, daß Sie dem
Polizeibeamten ganz andere Aussagen gemacht haben?
-Fedja-: Welchem Polizeibeamten? Ach so, als einer zu mir in das
Nachtasyl kam? Ich war betrunken und log ihm etwas vor; was, das
weiß ich nicht mehr. Das ist alles dummes Zeug. Jetzt bin ich nicht
betrunken und sage die volle Wahrheit. Sie haben nichts gewußt. Sie
glaubten, ich sei nicht mehr am Leben. Und ich freute mich darüber. Und
es wäre auch alles so geblieben, wenn sich nicht dieser Schuft Artemjew
hineingemischt hätte. Und wenn jemand eine Schuld trägt, so ist er es
allein.
-Der Untersuchungsrichter-: Ich verstehe, daß Sie sich großmütig
zeigen wollen; aber das Gesetz verlangt Wahrheit. Warum ist Ihnen Geld
geschickt worden?
-Fedja- ($schweigt$).
-Der Untersuchungsrichter-: Sie haben durch Simonow das Geld erhalten,
das Ihnen nach Saratow geschickt wurde?
-Fedja- ($schweigt$).
-Der Untersuchungsrichter-: Warum antworten Sie nicht? Es wird im
Protokolle vermerkt werden, daß der Beschuldigte auf diese Fragen nicht
geantwortet hat, und das kann sowohl Ihnen als auch jenen beiden sehr
schaden. Also wie wollen Sie sich nun verhalten?
-Fedja- ($nach anfänglichem Schweigen$): Ach, Herr
Untersuchungsrichter, daß Sie sich nicht schämen! Warum stöbern Sie in
einem fremden Leben herum? Sie freuen sich darüber, daß Sie die Macht
haben, und um diese Macht zu beweisen, martern Sie, wenn auch nicht
physisch, so doch seelisch, Leute, die tausendmal besser sind als Sie.
-Der Untersuchungsrichter-: Ich ersuche Sie ...
-Fedja-: Da ist nichts zu ersuchen. Ich sage alles, was ich denke.
($Zum Protokollführer:$) Schreiben Sie es nur nieder! Wenigstens werden
auf diese Art zum erstenmal in einem Protokolle vernünftige menschliche
Gedanken stehen. ($Dann mit erhobener Stimme:$) Da waren drei Menschen:
ich, er und sie. Unter uns bestanden komplizierte Beziehungen; es
war ein Kampf des Guten mit dem Bösen, ein seelischer Kampf, von dem
Sie keinen Begriff haben. Dieser Kampf endete mit einer bestimmten
Situation, die alle Schwierigkeiten löste. Alle Beteiligten kamen zur
Ruhe. Jene beiden waren glücklich und bewahrten mir ein freundliches
Andenken. Und auch ich war trotz meines tiefen Falles glücklich
darüber, daß ich meine Pflicht getan hatte, daß ich unnützer Mensch aus
dem Leben gegangen war, um nicht zwei andern, braven, lebensfrischen
Menschen im Wege zu sein. Und wir waren alle drei am Leben geblieben.
Auf einmal erschien ein Taugenichts, ein Erpresser, der von mir
verlangte, ich solle mich an der von ihm geplanten Erpressung
beteiligen. Ich wies ihn von mir. Er ging zu Ihnen, dem Kämpfer für das
Recht, dem Hüter der Moral. Und Sie, der Sie an jedem Zwanzigsten des
Monats Ihr Gehalt für die Gemeinheiten erhalten, die Sie verüben, Sie
zogen sich Ihre Uniform an und tun sich nun leichten Herzens diesen
beiden Menschen gegenüber wichtig, denen Sie nicht wert sind die
Schuhriemen aufzulösen, und die Ihnen nicht einmal den Eintritt in ihr
Vorzimmer gestatten würden. Aber Sie haben sich diese beiden Menschen
vorgenommen und freuen sich ...
-Der Untersuchungsrichter-: Ich werde Sie hinausbringen lassen ...
-Fedja-: Ich fürchte mich vor niemand; denn ich bin ein Leichnam, und
Sie können mir nichts antun; es gibt keine Lage, die schlimmer wäre als
die meinige. Na, dann lassen Sie mich nur hinausbringen!
-Karenin-: Dürfen wir nun gehen?
-Der Untersuchungsrichter-: Sofort; ich bitte Sie nur, erst noch das
Protokoll zu unterschreiben.
-Fedja-: Was würden Sie für eine komische Person sein, wenn Sie nicht
so ekelhaft wären.
-Der Untersuchungsrichter-: Führen Sie ihn ab! Ich verhafte Sie.
-Fedja- ($zu Karenin und Lisa$): Also verzeiht mir!
-Karenin- ($tritt zu ihm und gibt ihm die Hand$): Es hat wohl alles so
sein sollen ... ($Lisa geht vorüber. Fedja verbeugt sich tief.$)
Vorhang.
Zwölftes Bild
Korridor im Gebäude des Bezirksgerichts.
Im Hintergrunde eine Glastür, bei der ein Gerichtsdiener steht.
Rechts eine andere Tür, durch die die Angeklagten hineingeführt
werden. Der ersteren Tür nähert sich Iwan Petrowitsch Alexandrow, in
zerlumpter Kleidung, und will hineingehen.
Erster Auftritt
Der Gerichtsdiener und Iwan Petrowitsch.
-Der Gerichtsdiener-: Wo wollen Sie da hin? Es ist nicht erlaubt.
Solche Dreistigkeit!
-Iwan Petrowitsch-: Warum ist das nicht erlaubt? Das Gesetz sagt: die
Sitzungen sind öffentlich. ($Man hört Beifallsklatschen.$)
-Der Gerichtsdiener-: Es ist nicht erlaubt; das genügt. Es ist verboten.
-Iwan Petrowitsch-: Flegel! Du weißt nicht, mit wem du sprichst. ($Ein
junger Rechtsanwalt im Frack kommt heraus.$)
Zweiter Auftritt
Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und der junge Rechtsanwalt.
-Der junge Rechtsanwalt-: Was ist mit Ihnen? Sind Sie bei dem Prozeß
beteiligt?
-Iwan Petrowitsch-: Nein, ich bin Publikum. Aber der Flegel von
Cerberus hier läßt mich nicht hinein.
-Der junge Rechtsanwalt-: Das ist ja auch kein Eingang für das Publikum.
-Iwan Petrowitsch-: Das weiß ich; aber mich könnte er schon
hineinlassen.
-Der junge Rechtsanwalt-: Warten Sie einen Augenblick; es wird gleich
eine Pause gemacht werden. ($Im Begriff wegzugehen begegnet er dem
Fürsten Abreskow.$)
Dritter Auftritt
Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch, der junge Rechtsanwalt und
Fürst Abreskow.
-Fürst Abreskow-: Gestatten Sie mir die Frage: wie weit ist die
Verhandlung gediehen?
-Der junge Rechtsanwalt-: Die Verteidiger halten ihre Plädoyers. Jetzt
spricht Petruschin. ($Erneutes Beifallsklatschen.$)
-Fürst Abreskow-: Nun, und wie ertragen denn die Angeklagten ihre
Situation?
-Der junge Rechtsanwalt-: Mit großer Würde, namentlich Karenin und
Jelisaweta Andrejewna. Es ist, als ob sie nicht angeklagt wären,
sondern über die Gesellschaft zu Gericht säßen. Das ist das allgemeine
Gefühl. Und auf diesen Ton hat auch Petruschin seine Rede gestimmt.
-Fürst Abreskow-: Nun, und Protasow?
-Der junge Rechtsanwalt-: Er ist furchtbar aufgeregt. Er zittert
am ganzen Leibe; indes ist das freilich bei seinem Lebenswandel
erklärlich. Aber er ist von einer besonderen Reizbarkeit und hat
mehrmals den Staatsanwalt und die Verteidiger unterbrochen. Er befindet
sich in einer eigentümlichen Erregung.
-Fürst Abreskow-: Was meinen Sie? Wie wird das Urteil ausfallen?
-Der junge Rechtsanwalt-: Das ist schwer zu sagen; die Zusammensetzung
der Geschworenenbank weist eine bunte Mischung auf. Jedenfalls werden
sie keinen Vorbedacht annehmen; aber trotzdem ... ($Ein Herr kommt
heraus. Fürst Abreskow geht auf die Tür zu.$) Wollen Sie hineingehen?
-Fürst Abreskow-: Ja, ich möchte gern.
-Der junge Rechtsanwalt-: Sie sind Fürst Abreskow?
-Fürst Abreskow-: Ja.
-Der junge Rechtsanwalt- ($zu dem Gerichtsdiener$): Lassen Sie den
Herrn hindurch! Gleich linker Hand ist ein Stuhl frei.
Vierter Auftritt
Der Gerichtsdiener läßt den Fürsten Abreskow hindurch. Man sieht
einen plädierenden Verteidiger. Der Gerichtsdiener, der junge
Rechtsanwalt und Iwan Petrowitsch.
-Iwan Petrowitsch-: Ja, ja, diese Aristokraten! Ich bin ein Aristokrat
des Geistes, und das ist noch etwas Höheres.
-Der junge Rechtsanwalt-: Nun, entschuldigen Sie mich jetzt! ($Er geht
fort.$)
Fünfter Auftritt
Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und Pjetuschkow, welcher eilig
kommt.
-Pjetuschkow-: Ah, guten Tag, Iwan Petrowitsch! Wie weit ist die Sache?
-Iwan Petrowitsch-: Bei den Plädoyers der Verteidiger. Aber man wird
nicht hineingelassen.
-Der Gerichtsdiener-: Machen Sie hier keinen Lärm! Hier ist keine
Schenke. ($Wieder Beifallsklatschen. Die Tür öffnet sich, und es kommen
Rechtsanwälte und Zuhörer heraus: Herren und Damen.$)
Sechster Auftritt
Dieselben, eine Dame und ein Offizier.
-Die Dame-: Herrlich; er hat mich geradezu bis zu Tränen gerührt.
-Der Offizier-: Das ist schöner als jeder Roman. Unbegreiflich ist mir
nur, wie sie ihn hat lieben können. Ein entsetzliches Subjekt!
Siebenter Auftritt
Dieselben. Es öffnet sich die andere Tür, und die Angeklagten kommen
heraus, zuerst Lisa und Karenin, die dann auf dem Korridor auf und ab
gehen; nach ihnen Fedja, allein.
-Die Dame-: Still, still! Das ist er. Sehen Sie nur, wie aufgeregt er
ist. ($Die Dame und der Offizier entfernen sich.$)
-Fedja- ($tritt an Iwan Petrowitsch heran$): Hast du ihn mitgebracht?
-Iwan Petrowitsch-: Da ist er. ($Er gibt ihm etwas.$)
-Fedja- ($steckt den erhaltenen Gegenstand in die Tasche und will
gehen; dabei erblickt er Pjetuschkow$): Die ganze Gerichtsverhandlung
ist dumm und gemein; langweilig, langweilig; sinnlos. ($Er will
weggehen.$)
Achter Auftritt
Dieselben und Petruschin (Rechtsanwalt, wohlbeleibt, mit frischer
Gesichtsfarbe und lebhaftem Wesen; er tritt zu Fedja heran).
-Petruschin-: Nun, lieber Freund, unsere Sache steht gut; verderben Sie
sie mir nur nicht durch Ihre letzte Ansprache!
-Fedja-: Ich werde gar nicht reden. Was sollte ich ihnen sagen?! Ich
werde es nicht tun.
-Petruschin-: Nicht doch; reden müssen Sie. Haben Sie nur keine Angst!
Wir haben jetzt schon so gut wie gewonnenes Spiel. Sagen Sie nur das,
was Sie schon zu mir gesagt haben: daß Sie im Falle einer Verurteilung
nur deswegen verurteilt werden würden, weil Sie einen Selbstmord, das
heißt eine nach bürgerlichem und kirchlichem Rechte als Verbrechen
geltende Handlung nicht begangen hätten.
-Fedja-: Ich werde nichts sagen.
-Petruschin-: Warum nicht?
-Fedja-: Ich will es nicht und werde es nicht tun. Sagen Sie mir nur:
was kann im schlimmsten Falle erfolgen?
-Petruschin-: Das habe ich Ihnen bereits gesagt: im schlimmsten Falle
Verschickung nach Sibirien.
-Fedja-: Das heißt, wer würde verschickt werden?
-Petruschin-: Sowohl Sie als auch Ihre Frau.
-Fedja-: Und im besten Falle?
-Petruschin-: Kirchenbuße und selbstverständlich Annullierung der
zweiten Ehe.
-Fedja-: Das heißt also, man würde mich wieder an sie fesseln, oder
vielmehr sie an mich.
-Petruschin-: Ja, so wird es wohl kommen. Aber regen Sie sich nicht
auf! Und bitte, sprechen Sie nur so, wie ich es Ihnen sage, und nur die
Hauptsache, nichts Überflüssiges! Na, aber ... ($er bemerkt, daß sich
ein Kreis von Zuhörern um sie gebildet hat$) ich bin müde geworden und
will weggehen und mich ein Weilchen still hinsetzen. Sie sollten sich
ebenfalls ein bißchen erholen. Die Hauptsache ist: nicht ängstlich sein!
-Fedja-: Und anders kann die Entscheidung nicht ausfallen?
-Petruschin- ($im Weggehen$): Nein, anders nicht.
Neunter Auftritt
Dieselben außer Petruschin; ein Gerichtsbeamter.
-Der Gerichtsbeamte-: Gehen Sie weiter, gehen Sie weiter! Nicht auf dem
Korridor stehen bleiben!
-Fedja-: Sofort. ($Er nimmt den Revolver heraus und schießt sich ins
Herz. Er fällt zu Boden. Alle stürzen zu ihm hin.$) Es ist nichts
Schlimmes; mir ist wohl. Ruft Lisa!...
Zehnter Auftritt
Aus allen Türen kommen die Zuhörer, die Richter, die Angeklagten
und die Zeugen herbeigelaufen. Allen voran Lisa. Hinter ihr Mascha,
Karenin, Iwan Petrowitsch und Fürst Abreskow.
-Lisa-: Was hast du getan, Fedja! Warum nur?!
-Fedja-: Verzeih mir, daß ich dich ... nicht anders frei machen konnte.
Nicht um deinetwillen ... für mich selbst ist es so das Beste. Ich
wollte es ja ... schon längst tun ...
-Lisa-: Du wirst am Leben bleiben. ($Ein Arzt biegt sich zu ihm herab
und horcht.$)
-Fedja-: Ich weiß auch ohne Arzt Bescheid ... Viktor, leb wohl ... Und
Mascha ist zu spät gekommen ... ($Er weint.$) Wie wohl ist mir! Wie
wohl!... ($Er stirbt.$)
Vorhang
Ende.
Fußnoten:
[1] Ein berühmt gewordener, nihilistisch gefärbter Tendenzroman von
Tschernyschewski, erschienen im Jahre 1863.
Anmerkung des Übersetzers.
[2] Ein säuerliches Getränk aus Roggenmehl und Malz.
Anmerkung des Übersetzers.
[3] Ein juristischer Grad, mit der Berechtigung auf die zehnte
Rangklasse.
Anmerkung des Übersetzers.
-Druck von Breitkopf
und Härtel in Leipzig-
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