-Fedja-: Auch damit habe ich es versucht. Aber es war alles nicht das
Richtige; mit allem war ich unzufrieden. Aber wozu rede ich da von mir
selbst? Ich danke Ihnen.
-Fürst Abreskow-: Was soll ich also meinen Auftraggebern sagen?
-Fedja-: Sagen Sie ihnen, ich würde tun, was sie wünschen. Sie wollen
sich ja doch heiraten und wünschen, daß ihnen dabei nichts im Wege
stehe?
-Fürst Abreskow-: Gewiß.
-Fedja-: Ich werde das bewirken; sagen Sie ihnen, ich würde das
bestimmt bewirken.
-Fürst Abreskow-: Wann denn?
-Fedja-: Warten Sie einmal! Nun, sagen wir: in vierzehn Tagen. Genügt
das?
-Fürst Abreskow- ($steht auf$): Das darf ich also bestellen?
-Fedja-: Ja. Leben Sie wohl, Fürst; ich danke Ihnen nochmals. ($Fürst
Abreskow geht hinaus.$)
Fünfter Auftritt
Fedja allein.
-Fedja- ($sitzt lange da und lächelt schweigend vor sich hin$): Gut,
sehr gut! Das ist das Richtige, das ist das Richtige, das ist das
Richtige. Vortrefflich!
Vorhang.
Vierter Akt
Siebentes Bild
In einem Restaurant. =Chambre séparée.=
Ein Kellner führt Fedja und Iwan Petrowitsch Alexandrow herein.
Erster Auftritt
Fedja, Iwan Petrowitsch und der Kellner.
-Der Kellner-: Bitte hier herein! Hier wird Sie niemand stören; das
Papier werde ich sofort bringen.
-Iwan Petrowitsch-: Protasow! Ich werde auch mit hereinkommen.
-Fedja- ($ernsthaft$): Meinetwegen, komm herein; aber ich bin
beschäftigt und ... Wenn du willst, so komm herein!
-Iwan Petrowitsch-: Du willst auf die Forderungen dieser Leute
antworten? Ich werde dir sagen, wie du es machen mußt. Ich würde es
anders machen. Ich spreche immer offen und handle entschieden.
-Fedja- ($zum Kellner$): Eine Flasche Champagner! ($Der Kellner ab.$)
Zweiter Auftritt
Fedja und Iwan Petrowitsch. (Fedja zieht einen Revolver hervor und
legt ihn auf den Tisch.)
-Fedja-: Warte ein Weilchen!
-Iwan Petrowitsch-: Was ist denn das? Du willst dich erschießen? Das
ist auch ein Weg, gewiß. Ich verstehe dich. Sie wollen dich demütigen;
aber du zeigst ihnen, wer du bist. Dich tötest du mit dem Revolver und
die beiden durch deine Großmut. Ich verstehe dich. Ich verstehe alles;
denn ich bin ein Genie.
-Fedja-: Nun ja, nun ja. Nur ... ($Der Kellner kommt herein mit einer
Flasche Champagner, Papier und Schreibzeug.$)
Dritter Auftritt
Fedja, Iwan Petrowitsch und zu Anfang der Kellner.
-Fedja- ($bedeckt den Revolver mit einer Serviette$): Zieh die Flasche
auf! Laß uns trinken! ($Sie trinken.$) ($Fedja schreibt.$) Warte ein
bißchen!
-Iwan Petrowitsch-: Auf deine ... große Reise! Ich nehme da einen
höheren Standpunkt ein. Ich werde dich nicht zurückhalten. Leben und
Tod, das macht für ein Genie keinen Unterschied. Ich sterbe im Leben
und lebe im Tode. Du tötest dich, damit sie, diese beiden Menschen,
dich bedauern. Ich aber, ich töte mich, damit die ganze Welt begreift,
was sie verloren hat. Ich werde nicht schwanken, nicht überlegen. Ich
ergreife ihn ($er faßt den Revolver$), bautz -- und alles ist erledigt.
Aber es ist noch nicht an der Zeit. ($Er legt den Revolver wieder
hin.$) Und etwas zu schreiben beabsichtige ich auch nicht; sie müssen
es von selbst begreifen ... Ach, ihr ...
-Fedja- ($schreibt$): Warte ein bißchen!
-Iwan Petrowitsch-: Klägliche Menschen! Da wimmeln sie umher und
mühen sich geschäftig ab. Und sie verstehen nicht, daß ... gar nichts
verstehen sie. Ich rede nicht zu dir. Ich rede nur so für mich, spreche
meine Gedanken aus. Aber was tut der Menschheit not? Sehr wenig: daß
sie ihre Genies zu schätzen wüßte; aber die hat sie immer hingerichtet,
vertrieben, gefoltert ... Nein! ich werde nicht euer Spielzeug sein!
Ich werde euch entlarven. Neei--n! Ihr Heuchler!
-Fedja- ($ist mit Schreiben fertig, trinkt sein Glas aus und liest das
Geschriebene noch einmal durch$): Nun, bitte, geh weg!
-Iwan Petrowitsch-: Ich soll weggehen? Na, dann leb wohl! Ich werde
dich nicht davon zurückhalten. Ich werde dasselbe tun. Aber es ist noch
nicht Zeit für mich. Ich will dir nur sagen ...
-Fedja-: Schön! Du kannst es mir sagen, aber erst nachher. Jetzt paß
mal auf, lieber Freund: bitte, gib doch dies hier dem Wirt ($er gibt
ihm Geld$) und frage, ob ein Brief oder ein Paket für mich da ist. Sei
so gut!
-Iwan Petrowitsch-: Schön! Du wirst also warten, bis ich zurückkomme?
Ich will dir noch etwas Wichtiges sagen. Etwas Derartiges, wie du
es weder in dieser Welt noch im Jenseits zu hören bekommen wirst,
wenigstens nicht, bevor ich dorthin komme. Also soll ich das Ganze
abliefern?
-Fedja-: So viel, wie nötig ist. ($Iwan Petrowitsch ab.$)
Vierter Auftritt
Fedja allein.
-Fedja- ($seufzt erleichtert auf, schließt hinter Iwan Petrowitsch die
Tür zu, nimmt den Revolver, spannt den Hahn, setzt die Waffe an die
Schläfe, zuckt zusammen und läßt sie sachte wieder sinken. Er stöhnt$):
Nein, ich kann es nicht, ich kann es nicht, ich kann es nicht! ($Es
wird an die Tür geklopft.$) Wer ist da?
-Maschas Stimme- ($von außen$): Ich.
-Fedja-: Wer ist das: „ich”? Ah, Mascha ... ($Er schließt die Tür auf.$)
Fünfter Auftritt
-Mascha-: Ich bin in deiner Wohnung gewesen und bei Popow und bei
Afremow, und dann fiel mir ein, daß du wohl hier sein würdest. ($Sie
erblickt den Revolver.$) Na, das ist ja nett! Bist du ein Dummkopf!
Wirklich, ein Dummkopf! Hast du das denn wirklich gewollt?
-Fedja-: Ich habe es nicht gekonnt.
-Mascha-: Und an mich hast du wohl gar nicht gedacht? Gottloser! Mit
mir hast du kein Mitleid gehabt! Ach, Fjodor Wasiljewitsch, schäme
dich, schäme dich! Ist das der Dank für meine Liebe?...
-Fedja-: Ich wollte den beiden die Freiheit geben; ich habe es ihnen
versprochen. Und meinem Worte untreu werden, das kann ich nicht.
-Mascha-: Und ich, ich?
-Fedja-: Du? Dich würde ich damit auch von einer Fessel losmachen.
Willst du dich denn lieber noch länger mit mir abplagen?
-Mascha-: Ich muß es doch wohl lieber wollen. Ich kann ohne dich nicht
leben.
-Fedja-: Was hast du für ein Leben mit mir zusammen? Du würdest ein
bißchen weinen und dann ruhig weiterleben.
-Mascha-: Ich würde überhaupt nicht weinen! Hol dich der Teufel, wenn
du mit mir kein Mitleid hast! ($Sie weint.$)
-Fedja-: Mascha, mein Herzchen! Ich wollte es doch recht gut machen!
-Mascha-: Ja, recht gut für dich!
-Fedja- ($lächelnd$): Aber inwiefern wäre es denn für mich recht gut,
wenn ich mir das Leben nähme?
-Mascha-: Selbstverständlich wäre es für dich recht gut. Aber was
beabsichtigst du denn eigentlich damit? Das sage mir mal!
-Fedja-: Was ich damit beabsichtige? Gar vieles.
-Mascha-: Na was? was?
-Fedja-: Erstens beabsichtige ich damit, mein Versprechen zu halten.
Das ist das Erste, und das genügt schon. Zu lügen und all die andern
garstigen Dinge zu tun, die zu einer Scheidung erforderlich sind, das
bringe ich nicht fertig.
-Mascha-: Das ist allerdings garstig. Ich selbst ...
-Fedja-: Ferner beabsichtige ich, den beiden, das heißt meiner Frau und
ihm, Freiheit des Handelns zu geben. Sie sind ja doch gute Menschen.
Wozu sollen sie sich quälen? Das war Nummer zwei.
-Mascha-: Na, an ihr kann doch nicht sehr viel Gutes sein, wenn sie
sich von dir losgesagt hat.
-Fedja-: Nicht sie hat sich von mir losgesagt, sondern ich mich von ihr.
-Mascha-: Na gut, gut! Du nimmst immer alle Schuld auf dich. Sie ist
ein Engel. Und was nun noch?
-Fedja-: Dann sage ich mir noch, daß du ein gutes, liebes Mädchen bist
und ich dich liebe und dich, wenn ich am Leben bleibe, unglücklich
mache.
-Mascha-: Das ist ja nicht deine Sache. Ich weiß schon allein, wo ich
glücklich und wo ich unglücklich werde.
-Fedja- ($seufzt$): Und die Hauptsache, die Hauptsache: was ist mein
Leben? Ich sehe ja doch, daß ich ein tief heruntergekommener Mensch bin
und zu nichts tauge. Allen und mir selbst bin ich nur zur Last, wie
dein Vater gesagt hat. Ich bin zu nichts nütze ...
-Mascha-: Dummes Zeug! Ich lasse nicht von dir. Ich halte dich fest,
und damit basta! Und wenn du ein unordentliches Leben führst, trinkst
und dich herumtreibst, so läßt sich das doch abstellen. Du bist ja ein
verständiger Mensch. Wirf das von dir! Ganz einfach!
-Fedja-: Leicht gesagt.
-Mascha-: Mach es so!
-Fedja-: Ja, wenn ich dich so ansehe, so meine ich, ich könnte alles
ausführen.
-Mascha-: Und du wirst es auch ausführen. Alles wirst du ausführen.
($Sie erblickt den Brief.$) Was ist das? Hast du an die beiden
geschrieben? Was hast du geschrieben?
-Fedja-: Was ich geschrieben habe? ($Er nimmt den Brief und will ihn
zerreißen.$) Der Brief ist jetzt nicht mehr erforderlich.
-Mascha- ($entreißt ihm den Brief$): Hast du geschrieben, du werdest
dir das Leben nehmen? Ja? Von der Pistole hast du nichts geschrieben,
sondern nur im allgemeinen, daß du dir das Leben nehmen werdest?
-Fedja-: Ja, daß ich bald nicht mehr sein werde.
-Mascha-: Warte mal, warte mal, warte mal! Hast du „Was ist zu tun?”[1]
gelesen?
-Fedja-: Ich glaube, ich habe es gelesen.
-Mascha-: Es ist ein langweiliger Roman; aber eines ist darin sehr
gut, sehr gut. Er, dieser, wie heißt er doch? Rachmanow, erweckt den
Anschein, daß er ertrunken sei. Das könntest du auch tun! Schwimmen
kannst du nicht?
-Fedja-: Nein.
-Mascha-: Na, siehst du wohl! Du mußt alle deine Kleider hergeben,
alles, auch die Brieftasche.
-Fedja-: Und wie weiter?
-Mascha-: Warte, warte, warte! Wir fahren zu dir nach Hause. Da
kleidest du dich um.
-Fedja-: Aber das ist ja ein Betrug.
-Mascha-: Das schadet nichts. Du bist baden gegangen und hast deine
Kleider am Ufer gelassen. Und in der Tasche steckt die Brieftasche und
dieser Brief.
-Fedja-: Nun, und dann?
-Mascha-: Und dann? Dann fahren wir weg und führen ein wunderschönes
Leben.
Sechster Auftritt
Fedja, Mascha und Iwan Petrowitsch, welcher eintritt.
-Iwan Petrowitsch-: Nun sehe mal einer an! Und was wird mit dem
Revolver? Den werde ich mir nehmen.
-Mascha-: Nimm ihn, nimm ihn; wir wollen fahren.
Vorhang.
Achtes Bild
Salon bei Protasows.
Erster Auftritt
Karenin, Lisa.
-Karenin-: Er hat es so fest versprochen, daß ich bestimmt glaube, er
wird sein Versprechen zur Ausführung bringen.
-Lisa-: Es ist mir peinlich, aber ich muß es doch sagen, daß das, was
ich über diese Zigeunerin erfahren habe, mir ein vollständiges Gefühl
innerer Freiheit gegeben hat. Glaube nicht, daß das Eifersucht wäre. Es
ist nicht Eifersucht, sondern, weißt du, ein Gefühl der Befreiung. Wie
soll ich Ihnen das deutlich machen?...
-Karenin-: Wieder „Ihnen”.
-Lisa- ($lächelnd$): Nun also: dir. Aber lassen Sie mich, laß mich
meine Empfindungen aussprechen! Was mich am meisten quälte, war das
Gefühl, daß ich zwei Männer liebte. Denn das bedeutet, daß ich eine
sittenlose Frau bin.
-Karenin-: Du eine sittenlose Frau?!
-Lisa-: Aber seit ich erfahren habe, daß er mit einer anderen Frau
zusammenlebt und ich also für ihn keine Bedeutung mehr habe, seitdem
bin ich innerlich frei geworden und fühle, daß ich ohne zu lügen sagen
darf: ich liebe Sie, -- dich. Jetzt ist in meiner Seele alles hell und
klar, und nur meine äußere Lage quält mich noch. Diese Scheidung. Das
ist alles so qualvoll! Dieses Warten!
-Karenin-: Es wird sich in allernächster Zeit entscheiden. Abgesehen
davon, daß Fedja uns sein Versprechen gegeben hat, habe ich auch noch
meinen Sekretär ersucht, sich mit einem Bittgesuche an das Konsistorium
zu ihm zu begeben und nicht eher wieder fortzugehen, als bis er seine
Unterschrift gegeben hat. Wenn ich ihn nicht so genau kennte, so würde
ich glauben, daß sein Zaudern Absicht ist.
-Lisa-: Absicht? Nein, das ist alles bei ihm nur Schwäche und
Ehrenhaftigkeit. Er will nicht die Unwahrheit sagen. Aber du hast nicht
gut daran getan, ihm Geld zu schicken.
-Karenin-: Es ging nicht anders. Das konnte die Ursache der Verzögerung
sein.
-Lisa-: Nein, Geld hat etwas Unschönes.
-Karenin-: Nun, er könnte schon weniger =pointilleux= sein.
-Lisa-: Was wir für Egoisten geworden sind!
-Karenin-: Ja, ich bekenne es auch von mir. Aber daran bist du selbst
schuld. Nach all diesem Warten und dieser Hoffnungslosigkeit bin ich
jetzt so glücklich. Und das Glück macht egoistisch. Du bist daran
schuld.
-Lisa-: Du glaubst, du allein seist glücklich. Ich bin es ebenfalls.
Ich fühle, daß meine Seele ganz voll Glücksempfindung ist, sich
gleichsam in ihrem Glücke badet. Alles kommt zusammen: Mischa ist
wieder gesund geworden, und deine Mutter liebt mich, und du liebst
mich, und, was die Hauptsache ist, ich, ich selbst liebe.
-Karenin-: Ja? Und du befürchtest nicht, es jemals zu bereuen und
anderen Sinnes zu werden?
-Lisa-: Seit jenem Tage hat sich alles in mir umgewandelt.
-Karenin-: Und das Alte kann nicht wiederkehren?
-Lisa-: Nein, niemals. Ich habe nur einen Wunsch: daß auch in deiner
Seele alles Vergangene ebenso vollständig abgetan sein möchte wie in
der meinigen.
Zweiter Auftritt
Karenin, Lisa. Die Kinderfrau mit dem Knaben tritt ein. (Der Knabe
geht zur Mutter. Sie nimmt ihn auf den Schoß.)
-Karenin-: Was sind wir doch für unglückliche Menschen!
-Lisa-: Wieso? ($Sie küßt das Kind.$)
-Karenin-: Als du dich verheiratet hattest und ich bei meiner Rückkehr
aus dem Auslande dies erfuhr und fühlte, daß ich dich verloren hatte,
da war ich unglücklich; aber ich freute mich, als ich erfuhr, daß du
dich meiner noch erinnertest. Das genügte mir. Als sich dann später
freundschaftliche Beziehungen zwischen uns herausbildeten und ich
fühlte, daß du mir freundlich gesinnt warst, und daß in unserer
Freundschaft ein Fünkchen eines Gefühles glimmte, das stärker war als
bloße Freundschaft, da war ich beinahe glücklich. Es quälte mich nur
das ängstliche Gefühl, daß ich Fedja gegenüber nicht ehrlich war.
Indessen hatte ich immer ein so festes Bewußtsein von der Unmöglichkeit
anderer als rein freundschaftlicher Beziehungen zu der Gattin meines
Freundes (und ich kannte ja auch dich hinlänglich), daß ich mich nicht
mit Selbstanklagen peinigte und ganz zufrieden war. Als dann nachher
Fedja dich durch seinen Lebenswandel zu quälen begann und ich fühlte,
daß ich dir eine Stütze war, und daß du dich vor meiner Freundschaft
fürchtetest, da war ich bereits sehr glücklich, und eine unbestimmte
Hoffnung regte sich in mir. Später, als er schon unmöglich geworden
war und du dich entschlossen hattest, dich von ihm zu trennen, und
ich dir zum erstenmal alles sagte und du nichts erwidertest, aber in
Tränen von mir weggingst, da war ich schon vollkommen glücklich. Und
wenn ich gefragt worden wäre, welchen Wunsch ich noch hätte, so würde
ich erwidert haben: keinen. Aber dann zeigte sich die Möglichkeit, mein
Leben mit dem deinigen zu vereinigen; meine Mutter gewann dich lieb;
diese Möglichkeit begann sich zu verwirklichen; du sagtest mir, daß du
mich geliebt hättest und liebtest; und dann sagtest du mir, wie jetzt
eben, daß er für dich nicht mehr existiere, daß deine Liebe nur mir
gelte: was bleibt mir da noch zu wünschen übrig, sollte man meinen?
Aber nein, jetzt, jetzt quäle ich mich mit der Vergangenheit herum
und möchte, daß diese Vergangenheit nicht vorhanden wäre, daß nichts
vorhanden wäre, was mich an sie erinnert.
-Lisa- ($vorwurfsvoll$): Viktor!
-Karenin-: Verzeih mir, Lisa! Ich sage das nur, weil ich nicht will,
daß irgendein Gedanke in meiner Seele, der dich betrifft, dir verborgen
sei. Alles dies habe ich absichtlich gesagt, um dir zu zeigen, wie
schlecht ich bin, und wie wohl ich weiß, daß ich mit mir selbst kämpfen
und mich überwinden muß. Und ich habe mich überwunden. Ich liebe ihn.
-Lisa-: So ist es recht. Ich habe alles getan, was ich konnte. Oder
vielmehr: in meinem Herzen hat sich alles so herausgebildet, wie du es
nur wünschen konntest; jedes andere Bild außer dem deinen ist daraus
verschwunden.
-Karenin-: Jedes?
-Lisa-: Ja, jedes, jedes. Sonst würde ich es nicht sagen.
Dritter Auftritt
Karenin, Lisa, die Kinderfrau mit dem Knaben und ein Diener.
-Der Diener-: Herr Wosnesenski.
-Karenin-: Er bringt die Antwort von Fedja.
-Lisa- ($zu Karenin$): Lassen Sie ihn in dieses Zimmer eintreten!
-Karenin- ($steht auf und geht zur Tür$): Nun, da werden wir die
Antwort zu hören bekommen.
Vierter Auftritt
Karenin, Lisa. (Sie gibt der Kinderfrau das Kind zurück. Die
Kinderfrau ab.)
-Lisa-: Wird sich jetzt wirklich alles entscheiden, Viktor? ($Sie küßt
ihn.$)
Fünfter Auftritt
Karenin, Lisa und Wosnesenski, welcher eintritt.
-Karenin-: Nun, wie steht es?
-Wosnesenski-: Er war nicht zu Hause.
-Karenin-: Nicht zu Hause? Und er hat die Bittschrift nicht
unterschrieben?
-Wosnesenski-: Die Bittschrift hat er nicht unterschrieben; aber er
hat einen Brief an Sie und Jelisaweta Andrejewna hinterlassen. ($Er
zieht einen Brief aus der Tasche und reicht ihn Karenin hin.$) Ich kam
nach seiner Wohnung; dort wurde mir gesagt, er sei in einem bestimmten
Restaurant; ich ging dorthin, und da sagte mir Fjodor Wasiljewitsch,
ich möchte in einer Stunde wiederkommen. Ich kam wieder hin, und da
hatte er diesen Brief hinterlassen ...
-Karenin-: Ob er wirklich immer neue Verschleppungsversuche und
Ausflüchte macht? Nein, das ist geradezu häßlich von ihm. Wie tief ist
er doch gesunken!
-Lisa-: So lies doch; mach!
-Karenin- ($öffnet den Brief$).
-Wosnesenski-: Bedürfen Sie meiner noch?
-Karenin-: Nein, adieu, ich danke Ihnen ... ($Er liest und stutzt
erstaunt. Wosnesenski ab.$)
Sechster Auftritt
Karenin und Lisa.
-Lisa-: Was steht darin? Was steht darin?
-Karenin-: Das ist schrecklich!
-Lisa- ($greift nach dem Briefe$): So lies doch vor!
-Karenin- ($liest$): „Lisa und Viktor, ich wende mich an Euch beide.
Ich will nicht lügen, indem ich Euch die Beiworte ‚lieb’ und ‚teuer’
gäbe. Wenn ich an Euch und Eure wechselseitige Liebe und an Euer
Glück denke, so kann ich mich eines bitteren Gefühles nicht erwehren;
Vorwürfe mache ich allerdings nur mir selbst, aber doch bereiten sie
mir Qual. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich, trotzdem ich der Ehemann
bin, Euch seinerzeit doch nur infolge einer Reihe von Zufälligkeiten
gehindert habe, ein Paar zu werden. =C'est moi qui suis l'intrus.= Aber
doch kann ich ein Gefühl der Bitterkeit und der Kälte Euch gegenüber
nicht unterdrücken. Theoretisch liebe ich Euch beide, besonders Lisa,
die gute Lisa; aber in Wirklichkeit bin ich mehr als kalt. Ich weiß,
daß ich daran unrecht tue; aber ich kann mich nicht ändern.”
-Lisa-: Wie kann er nur ...
-Karenin- ($liest weiter$): „Aber zur Sache! Eben dieses zwiespältige
Gefühl veranlaßt mich dazu, Euren Wunsch in anderer Weise, als Ihr
es gewollt habt, zur Ausführung zu bringen. Zu lügen, eine unwürdige
Komödie aufzuführen, die Beamten des Konsistoriums zu schmieren, und
was der garstigen Dinge mehr sind, all das ist mir widerwärtig und
unerträglich. Wie garstig ich auch selbst sein mag, wenn auch garstig
in einem anderen Sinne, so kann ich mich doch an diesem garstigen Tun
nicht beteiligen; ich kann es einfach nicht. Der andere Ausweg, den ich
jetzt einschlage, ist der allereinfachste! Ihr wollt Euch heiraten, um
glücklich zu werden; ich bin Euch hinderlich; folglich muß ich aus dem
Leben scheiden!...”
-Lisa- ($faßt Karenin an den Arm$): Viktor!
-Karenin- ($liest weiter$): „... muß ich aus dem Leben scheiden. Und
das werde ich auch zur Ausführung bringen. Wenn Ihr diesen Brief
erhaltet, bin ich nicht mehr. =P.S.= Es tut mir sehr leid, daß Ihr
mir Geld zur Betreibung der Scheidung geschickt habt. Mir war das
unangenehm, und Eurem ganzen Wesen entsprach es nicht. Na, da hilft nun
nichts. Ich habe so viele Fehler begangen, da könnt Ihr auch einmal
einen begehen. Das Geld geht Euch wieder zu. Mein Ausweg ist kürzer,
billiger und sicherer. Um eines bitte ich Euch: seid mir nicht böse
und behaltet mich in gutem Andenken! Und noch etwas: hier lebt ein
Uhrmacher, namens Jewgenjew; könnt Ihr dem nicht helfen und seine
wirtschaftlichen Verhältnisse ordnen? Er ist ein schwacher, aber braver
Mensch. Lebt wohl! Fedja.”
-Lisa-: Er hat sich das Leben genommen! Ja ...
-Karenin- ($klingelt und läuft in das Vorzimmer$): Rufen Sie Herrn
Wosnesenski zurück!
-Lisa-: Ich habe es gewußt, ich habe es gewußt! Fedja, lieber Fedja!
-Karenin-: Lisa!
-Lisa-: Es ist nicht wahr, nicht wahr, daß ich ihn nicht geliebt hätte
und auch jetzt nicht liebte. Ich liebe nur ihn allein. Ich liebe ihn.
Und ich habe ihn ins Verderben getrieben! Laß mich! ($Wosnesenski tritt
ein.$)
Siebenter Auftritt
Karenin, Lisa und Wosnesenski.
-Karenin-: Wo ist Fjodor Wasiljewitsch? Was hat man Ihnen gesagt?
-Wosnesenski-: Man hat mir gesagt, er sei am Morgen unter Hinterlassung
dieses Briefes weggegangen und nicht wieder zurückgekehrt.
-Karenin-: Das muß ich in Erfahrung bringen, Lisa; ich verlasse dich.
-Lisa-: Verzeih mir, aber auch ich kann nicht lügen. Laß mich jetzt
allein! Geh und stelle fest, was geschehen ist!...
Vorhang.
Fünfter Akt
Neuntes Bild
Ein schmutziges Zimmer in einer Schenke. Ein Tisch mit Gästen, welche
Tee und Branntwein trinken. Im Vordergrunde ein Tischchen, an welchem
Fedja, ganz heruntergekommen und in zerlumpten Kleidern, sitzt und
bei ihm Pjetuschkow, ein höflicher, zarter Mensch, dem seine langen
Haare ein geistliches Aussehen verleihen. Beide sind ein wenig
angetrunken.
Erster Auftritt
Fedja und Pjetuschkow.
-Pjetuschkow-: Ich verstehe, ich verstehe. Ja, das ist echte Liebe.
Nun, und was dann?
-Fedja-: Ja, wissen Sie, wenn diese Gefühle bei einem jungen Mädchen
aus unserer Sphäre zutage kämen, so daß sie für den geliebten Mann
alles zum Opfer brächte, dann würde man das noch erklärlich finden;
aber hier handelt es sich um eine Zigeunerin, deren ganze Erziehung auf
Eigennutz gerichtet war; und dabei doch diese reine, selbstlose Liebe!
Sie gibt alles hin, ohne für sich selbst auch nur das geringste zu
verlangen. Dieser Kontrast ist besonders merkwürdig.
-Pjetuschkow-: Ja, das nennt man bei uns in der Malerei =valeur=.
Ein volles, grelles Rot kann man nur dann herausbringen, wenn
ringsumher Grün ist. Na, aber das gehört nicht hierher. Ich verstehe,
ich verstehe ...
-Fedja-: Ja, und das ist, glaube ich, die einzige gute Tat, die ich zur
Rettung meiner Seele getan habe, daß ich ihre Liebe nicht mißbrauchte.
Und wissen Sie warum?
-Pjetuschkow-: Aus Mitleid.
-Fedja-: Ach nein. Mein Gefühl ihr gegenüber war nicht Mitleid. Ich
war, wenn ich sie sah, immer voller Entzücken, und wenn sie sang, --
ach, wie sang sie! Auch jetzt singt sie vielleicht noch -- Und immer
blickte ich zu ihr wie zu einem höheren Wesen empor. Ich habe sie
einfach deswegen nicht unglücklich gemacht, weil ich sie liebte, sie
innig liebte. Und selbst jetzt noch ist das für mich eine schöne,
schöne Erinnerung. ($Er trinkt.$)
-Pjetuschkow-: Sehen Sie, ich verstehe das, ich verstehe das. Das ist
etwas Ideales.
-Fedja-: Ich will Ihnen was sagen: ich habe seinerzeit auch so meine
Schwärmereien und Liebschaften gehabt. Und so war ich denn auch
einmal verliebt, in eine schöne Dame, und ich war in einer häßlichen,
sinnlichen Art verliebt, und sie gab mir ein Rendezvous. Und ich blieb
weg, weil ich der Ansicht war, das sei eine Gemeinheit gegen den
Ehemann. Und bis auf den heutigen Tag geht es mir merkwürdig: wenn ich
daran zurückdenke, so möchte ich mich freuen und mich dafür loben, daß
ich ehrenhaft gehandelt habe; aber -- ich bereue es wie eine Sünde.
Aber hier, bei Mascha, ist es gerade umgekehrt. Ich freue mich immer,
freue mich sehr, daß ich dieses mein Gefühl mit nichts beschmutzt habe.
Ich kann noch tiefer sinken, kann ganz verkommen, alles, was ich auf
dem Leibe habe, verkaufen, kann verlaufen und die Krätze bekommen; aber
dieser Brillant, oder besser, dieser Sonnenstrahl, ja, der bleibt für
immer das Eigentum meiner Seele.
-Pjetuschkow-: Ich verstehe, ich verstehe. Wo ist sie denn jetzt?
-Fedja-: Ich weiß es nicht. Und ich möchte es auch gar nicht wissen.
Das gehörte alles einem andern Leben an. Und jenes Leben will ich nicht
mit meinem jetzigen vermischen. ($Man hört das Geschrei einer Frau an
dem hinteren Tische. Der Wirt tritt heran; ein Schutzmann erscheint;
die Frau wird abgeführt. Fedja und Pjetuschkow schauen hin, hören zu
und schweigen.$)
-Pjetuschkow- ($nachdem es dort wieder ruhig geworden ist$): Ja, Ihr
Leben ist ein ganz wundersames gewesen.
-Fedja-: Nein, ein ganz gewöhnliches. Wir alle in der Lebenssphäre, in
der ich geboren bin, haben zwischen drei Dingen die Wahl, nur zwischen
dreien. Erstens, ein Amt zu bekleiden, Geld zu verdienen, den Schmutz,
in dem wir leben, noch zu vergrößern; das war mir zuwider; vielleicht
verstand ich es auch nicht; aber die Hauptsache war: es war mir
zuwider. Zweitens, diesen Schmutz zu bekämpfen; dazu muß man ein Held
sein, und ich bin kein Held. Oder drittens, sich selbst zu vergessen,
zu trinken, zu bummeln, zu singen; und eben dies habe ich getan. Und
nun ist das Lied ausgesungen. ($Er trinkt.$)
-Pjetuschkow-: Nun, und das Familienleben? Ich wäre glücklich, wenn ich
eine Frau hätte. An meinem Unglück ist meine Frau schuld.
-Fedja-: Das Familienleben? Ja. Meine Frau war eine ideale Frau. Sie
ist auch jetzt noch am Leben. Aber was soll ich Ihnen sagen? Es fehlten
die kleinen Rosinen. Wissen Sie, die kleinen Rosinen im Kwas?[2] Es
fehlte in unserm Leben das Element des heiteren Spieles. Und es war mir
doch Bedürfnis, mich zu vergessen. Und ohne solches heiteres Spiel kann
man sich nicht vergessen. Und da fing ich an, garstige Dinge zu tun.
Sie wissen ja aber: wir lieben die Menschen wegen des Guten, das wir
ihnen getan haben, und empfinden Abneigung gegen sie wegen des Bösen,
das wir ihnen zugefügt haben. Und ich habe ihr viel Böses zugefügt. Sie
schien mich zu lieben.
-Pjetuschkow-: Warum sagen Sie: „Sie schien”?
-Fedja-: Das sage ich, weil sie mir seelisch nie so nahe gestanden hat
wie Mascha. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sie war in andern
Umständen, und dann nährte sie das Kind; ich aber trieb mich umher
und kam betrunken nach Hause. Natürlich liebte ich sie eben deswegen
immer weniger. Ja, ja. ($Er gerät in Entzücken.$) Da fährt mir eben
ein Gedanke durch den Kopf: darum liebe ich Mascha, weil ich ihr Gutes
getan habe und nicht Übles. Darum liebe ich sie. Jene aber habe ich
gequält, und darum ... aber ich kann nicht sagen, daß ich Abneigung
gegen sie empfände; nein ich liebe sie einfach nicht. Eifersüchtig bin
ich gewesen, ja; aber auch das gehört der Vergangenheit an.
Zweiter Auftritt
Fedja, Pjetuschkow und Artemjew, welcher herantritt. (Er trägt eine
Kokarde, einen alten, geflickten Anzug und hat einen gefärbten
Schnurrbart.)
-Artemjew-: Guten Appetit. ($Er verbeugt sich vor Fedja.$) Sind Sie mit
dem Künstler bekannt geworden?
-Fedja- ($kühl$): Ja, wir sind miteinander bekannt.
-Artemjew- ($zu Pjetuschkow$): Nun, haben Sie das Porträt fertiggemacht?
-Pjetuschkow-: Nein, ich war nicht bei Stimmung.
-Artemjew- ($setzt sich$): Ich störe Sie doch nicht? ($Fedja und
Pjetuschkow schweigen.$)
-Pjetuschkow-: Fjodor Wasiljewitsch hat allerlei aus seinem Leben
erzählt.
-Artemjew-: Geheimnisse? Dann will ich nicht stören; fahren Sie
nur fort! Was mach ich mir aus euch, ihr Ochsen! ($Er geht zum
Nachbartische und läßt sich Bier geben. Während der ganzen folgenden
Zeit biegt er sich zu Fedja und Pjetuschkow hin und behorcht ihr
Gespräch.$)
Dritter Auftritt
-Fedja-: Ich kann diesen Herrn nicht leiden.
-Pjetuschkow-: Er hat sich beleidigt gefühlt.
-Fedja-: Na, meinetwegen. Ich kann mir nicht helfen: wenn so ein
Mensch dabeisitzt, bringe ich kein Wort heraus. Sehen Sie, in Ihrer
Gesellschaft fühle ich mich wohl und behaglich. Wovon redete ich doch
gerade?
-Pjetuschkow-: Sie sagten, Sie seien eifersüchtig gewesen. Nun, und auf
welche Weise haben Sie sich von Ihrer Frau getrennt?
-Fedja-: Ach! ($Er wird nachdenklich.$) Das ist eine wunderliche
Geschichte. Meine Frau ist verheiratet ...
-Pjetuschkow-: Wie denn das? Ist eine Scheidung erfolgt?
-Fedja-: Nein. ($Er lächelt.$) Sie ist als meine Witwe zurückgeblieben.
-Pjetuschkow-: Aber wie meinen Sie denn das?
-Fedja-: Nun ja, als meine Witwe. Ich lebe nicht mehr.
-Pjetuschkow-: Sie leben nicht mehr?
-Fedja-: Nein. Ich bin ein Leichnam. Ja. ($Artemjew biegt sich herüber
und horcht.$) Sehen Sie, Ihnen kann ich es ja sagen. Es ist schon lange
her, und meinen richtigen Familiennamen kennen Sie nicht. Die Sache
trug sich so zu. Als ich meine Frau schon ganz zermartert, alles, was
ich konnte, vergeudet hatte und ganz unerträglich geworden war, da
erschien ein Beschützer für sie. Glauben Sie nicht, daß da irgendetwas
Schmutziges, Häßliches vorgegangen wäre; nein, der Betreffende war
mein eigener Freund und ein guter, sehr guter Mensch, nur in jeder
Hinsicht das gerade Gegenteil von mir. Und da ich viel mehr schlechte
Eigenschaften besitze als gute, so war und ist er denn ein guter, sehr
guter Mensch: ehrenhaft, charakterfest, enthaltsam, mit einem Worte
tugendhaft. Er hatte meine Frau von Jugend auf gekannt, sie geliebt und
dann, als sie mich heiratete, sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt.
Später aber, als ich so garstig wurde und anfing, sie zu quälen, da
begann er häufiger bei uns zu verkehren. Ich wünschte das selbst. Und
sie gewannen einander lieb; ich aber geriet zu jener Zeit ganz und gar
auf Abwege und sagte mich selbst von meiner Frau los. Und dann kam noch
Mascha hinzu. Ich machte ihnen selbst den Vorschlag, sie möchten sich
heiraten. Sie wollten es nicht. Aber ich machte mich immer unmöglicher,
und die Sache endete damit, daß ...
-Pjetuschkow-: Wie immer ...
-Fedja-: Ich bin davon überzeugt und weiß, daß sie rein blieben. Er ist
ein religiöser Mensch und hielt eine Ehe ohne kirchlichen Segen für
Sünde. Na, sie begannen also die Scheidung zu verlangen; ich sollte
dazu meine Einwilligung geben. Wenn aber die Scheidung durchgesetzt
werden sollte, mußte ich die ganze Schuld auf mich nehmen und mich
zu einer großen Lügerei verstehen. Und das brachte ich nicht fertig.
Werden Sie es glauben: es wäre mir leichter geworden, mir das Leben zu
nehmen als zu lügen. Und ich wollte mir auch schon das Leben nehmen.
Aber da sagte eine gute Person zu mir: „Warum willst du das tun?”
Und es wurde alles arrangiert. Ich ließ ihnen einen Abschiedsbrief
zukommen, und am andern Tage fand man am Ufer meine Kleider und meine
Brieftasche mit verschiedenen an mich gerichteten Briefen. Schwimmen
kann ich nicht.
-Pjetuschkow-: Nun, und wie war es mit der Leiche? Wurde die nicht
gefunden?
-Fedja-: Ja, die wurde gefunden; denken Sie sich nur: eine Woche
darauf wurde eine Leiche gefunden. Meine Frau wurde zur Besichtigung
hinzugerufen. Die Leiche war schon stark in Verwesung übergegangen.
Meine Frau sah sie an. „Ist er es?” wurde sie gefragt. „Ja, er
ist es!” antwortete sie. Und dabei blieb es denn auch. Ich wurde
begraben, und sie heirateten sich und leben hier und fühlen sich
glücklich. Und ich lebe auch; ich lebe und trinke. Gestern ging ich
an dem Hause der beiden vorbei. Hinter den Fenstern war Licht; der
Schatten eines Menschen glitt an dem Rouleau vorüber. Manchmal ist mir
dabei scheußlich zumute; aber manchmal mache ich mir nichts daraus.
Scheußlich ist mir zumute, wenn ich kein Geld habe ... ($Er trinkt.$)
-Artemjew- ($tritt näher$): Na, nehmen Sie es nicht übel, ich habe Ihre
Geschichte mit angehört. Es ist eine sehr nette und vor allen Dingen
eine sehr nützliche Geschichte. Sie sagen, es sei Ihnen scheußlich
zumute, wenn es Ihnen an Geld fehle. Allerdings, es gibt nichts
Scheußlicheres. Aber Sie in Ihrer Lage müßten doch eigentlich immer
Geld haben. Sie sind ja ein Leichnam. Nun gut ...
-Fedja-: Erlauben Sie! Ihnen habe ich das nicht erzählt, und ich
wünsche Ihre Ratschläge nicht.
-Artemjew-: Ich aber wünsche sie Ihnen dennoch zu geben. Sie sind ein
Leichnam, und wenn Sie wieder aufleben, dann sind jene beiden, Ihre
Gattin und der betreffende Herr, die sich jetzt so glücklich fühlen,
einfach Bigamisten und spazieren günstigsten Falls nach einem nicht
allzu entlegenen Verbannungsorte. Also warum sollte es Ihnen an Geld
fehlen?
-Fedja-: Ich ersuche Sie, mich in Ruhe zu lassen.
-Artemjew-: Schreiben Sie ganz einfach einen Brief! Oder wenn Sie
wollen, werde ich einen schreiben; Sie brauchen mir nur die Adresse zu
geben. Sie werden mir später noch dankbar sein.
-Fedja-: Scheren Sie sich weg, sage ich Ihnen! Ich habe Ihnen nichts
mitgeteilt.
-Artemjew-: Doch, das haben Sie getan. Da ist ein Zeuge. Der Kellner
hat es gehört, daß Sie sagten, Sie seien ein Leichnam.
-Der Kellner-: Ich weiß von nichts.
-Fedja-: Sie Taugenichts!
-Artemjew-: Ich ein Taugenichts?! He, Schutzmann! Es muß ein Protokoll
darüber aufgenommen werden!
-Fedja- ($steht auf und geht hinaus$). ($Artemjew halt ihn fest. Ein
Schutzmann kommt.$)
Vorhang.
Zehntes Bild
Die Handlung spielt auf einem Gute, in einer von Efeu umrankten
Veranda.
Erster Auftritt
Anna Dmitrijewna, Karenin, Lisa (die in andern Umständen ist), die
Kinderfrau mit dem Kinde.
-Lisa-: Jetzt fährt er schon vom Bahnhof im Wagen hierher.
-Der Knabe-: Wer fährt?
-Lisa-: Der Papa.
-Der Knabe-: Papa fährt schon vom Bahnhof im Wagen hierher!
-Lisa-: =C'est étonnant, comme il l'aime, tout-à-fait comme son père.=
-Anna Dmitrijewna-: =Tant mieux! Se souvient-il de son père véritable?=
-Lisa-: Ich spreche nie mit ihm von diesem. Ich denke, wozu soll ich
ihm den Kopf wirr machen? Manchmal aber denke ich wieder, ich müßte es
ihm eigentlich doch sagen. Was meinen Sie, Mama?
-Anna Dmitrijewna-: Ich meine, Lisa, das ist Sache des Gefühls, und
wenn du dich deinem Gefühle überläßt, so wird dein Herz dir schon
zuflüstern, was du ihm sagen sollst und wann. In wie wunderbarer Weise
doch der Tod versöhnend wirkt! Ich muß gestehen, es hat eine Zeit
gegeben, wo er, Fedja (ich habe ihn ja gekannt, als er noch ein Kind
war), für mich etwas Unangenehmes hatte; aber jetzt erinnere ich mich
seiner nur als eines liebenswürdigen jungen Mannes, als eines Freundes
von Viktor und als jenes leidenschaftlichen Menschen, der, ob auch in
gesetzwidriger, nicht religiöser Weise, sich selbst für diejenigen zum
Opfer brachte, die er liebte. =On aura beau dire, l'action est belle=...
Hoffentlich hat Viktor nicht vergessen, Wolle mitzubringen; meine
ist gleich alle. ($Sie strickt.$)
-Lisa-: Da kommt er. ($Man hört Rädergerassel und Schellengeklingel.
Lisa steht auf und tritt an den Rand der Veranda.$)
-Lisa-: Er hat jemand bei sich. Eine Dame mit einem Hute. Es ist meine
Mama! Es ist eine Ewigkeit, daß ich sie nicht gesehen habe. ($Sie geht
zur Tür.$)
Zweiter Auftritt
Lisa, Anna Dmitrijewna Karenina, die Kinderfrau mit dem Kinde.
Karenin und Anna Pawlowna treten ein.
-Anna Pawlowna- ($küßt Lisa und Anna Dmitrijewna$): Viktor hat mich
getroffen und hergebracht.
-Anna Dmitrijewna-: Sehr recht von ihm.
-Anna Pawlowna-: Ja, gewiß. Ich dachte oft, ich möchte euch einmal
wiedersehen, schob es aber immer auf. Da bin ich nun mitgekommen und
werde, wenn ihr mich nicht fortjagt, bis zum Abendzuge hier bleiben.
-Karenin- ($küßt seine Frau, seine Mutter und den Knaben$): Und ich bin
so glücklich, -- ihr könnt mir gratulieren. Ich kann zwei Tage zu Hause
bleiben. Morgen werden sie sich auf dem Büro ohne mich behelfen.
-Lisa-: Das ist ja prächtig! Zwei Tage! Das ist lange nicht dagewesen.
Laß uns nach dem Klösterchen fahren; ja?
-Anna Pawlowna-: Wie ähnlich das Kind seinem Vater ist! Und was ist er
für ein forscher Junge geworden! Wenn er nur nicht alles von seinem
Vater geerbt hat; dessen gutes Herz, nun ja ...
-Anna Dmitrijewna-: Aber nicht seine Schwäche.
-Lisa-: Er ist sein vollständiges Ebenbild. Aber Viktor ist mit mir
derselben Ansicht, daß, wenn er nur von klein auf richtig erzogen
wird ...
-Anna Pawlowna-: Nun, ich verstehe das alles nicht; ich kann nur sagen:
ich vermag nicht an ihn zurückzudenken, ohne daß mir die Tränen kommen.
-Lisa-: Mir geht es ebenso. Wie er in unserer Erinnerung gewachsen ist!
-Anna Pawlowna-: Ja, das finde ich auch.
-Lisa-: Wie schien doch eine Zeitlang alles unlösbar verworren zu sein!
Und wie entwirrte sich dann plötzlich alles!
-Anna Dmitrijewna-: Nun, Viktor, hast du die Wolle mitgebracht?
-Karenin-: Gewiß, gewiß! ($Er nimmt seine Reisetasche und holt allerlei
daraus hervor.$) Da ist die Wolle, und da die =Eau de Cologne=, und da
die angekommenen Briefe, und da ein amtliches Schreiben an dich. ($Er
gibt es seiner Frau.$) Nun, Anna Pawlowna, wenn Sie Lust haben, sich
nach der Fahrt zu waschen, so werde ich Sie führen. Auch ich muß mich
säubern; wir essen sogleich zu Mittag. Lisa, ich soll Anna Pawlowna
doch wohl in das Eckzimmer im Parterre bringen? ($Lisa, die ganz blaß
geworden ist, hält das Schriftstück in den zitternden Händen und liest
es.$)
-Karenin-: Was ist dir, Lisa? Was steht darin?
-Lisa-: Er ist am Leben. Mein Gott! Wann wird er mich endlich
freigeben?! Viktor! Wie hängt das zusammen? ($Sie schluchzt.$)
-Karenin- ($nimmt das Schriftstück und liest es$): Das ist entsetzlich!
-Anna Dmitrijewna-: Was denn? So sprich doch!
-Karenin-: Das ist entsetzlich. Er ist am Leben. Und sie ist eine
Bigamistin, und ich bin ein Verbrecher. Dieses Schreiben kommt vom
Untersuchungsrichter, der Lisa vorladet.
-Anna Dmitrijewna-: Welch ein entsetzlicher Mensch! Warum hat er das
angerichtet?!
-Karenin-: Es ist alles Lüge, alles Lüge.
-Lisa-: O, wie ich ihn hasse! Ich weiß nicht, was ich rede. ($Sie geht
weinend ab, Karenin folgt ihr.$)
Dritter Auftritt
Anna Dmitrijewna und Anna Pawlowna.
-Anna Pawlowna-: Wie in aller Welt geht das zu, daß er noch lebt?
-Anna Dmitrijewna-: Ich weiß nur, daß Viktor, seit er mit dieser Welt
des Schmutzes in Berührung gekommen ist, immer mehr hineingezogen wird.
Und jetzt versinkt er darin. Alles ist Betrug, alles Lüge!
Vorhang.
Sechster Akt
Elftes Bild
Amtszimmer des Untersuchungsrichters. Der Untersuchungsrichter sitzt
am Tische und unterhält sich mit Melnikow. Seitwärts blättert der
Protokollführer in Akten.
Erster Auftritt
Der Untersuchungsrichter, Melnikow, der Protokollführer.
-Der Untersuchungsrichter-: Ich habe ihr das nie gesagt. Sie hat sich
das ausgesonnen und macht mir nun Vorwürfe.
-Melnikow-: Sie macht dir keine Vorwürfe; sie ist nur sehr betrübt.
-Der Untersuchungsrichter-: Nun gut, ich werde zum Mittagessen
kommen. Aber jetzt haben wir hier eine sehr interessante Sache. ($Zum
Protokollführer:$) Lassen Sie sie eintreten!
-Der Protokollführer-: Beide?
-Der Untersuchungsrichter- ($hört auf zu rauchen und verwahrt die
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