Der lebende Leichnam
Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)
von
L. N. Tolstoi
[Illustration]
Übertragen von H. Röhl
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Personen:
-Fjodor Wasiljewitsch Protasow- (-Fedja-).
-Jelisaweta Andrejewna Protasowa- (-Lisa-), seine Frau.
-Mischa-, der Sohn der beiden.
-Anna Pawlowna-, Lisas Mutter.
-Sascha-, ein junges Mädchen, Lisas Schwester.
-Viktor Michailowitsch Karenin.-
-Anna Dmitrijewna Karenina.-
-Fürst Sergei Dmitrijewitsch Abreskow.-
-Mascha-, eine junge Zigeunerin.
-Iwan Makarowitsch-, ein alter Zigeuner } Maschas
-Nastasja Iwanowna-, eine alte Zigeunerin} Eltern.
Ein Offizier.
Ein Musiker.
Erster Zigeuner.
Zweiter Zigeuner.
Eine Zigeunerin.
Zigeuner und Zigeunerinnen (Chor).
Ein Arzt.
-Michail Andrejewitsch Afremow.-
-Stachow- }
-Butkewitsch- } Freunde Fedjas.
-Korotkow- }
-Iwan Petrowitsch Alexandrow.-
-Wosnesenski-, Karenins Sekretär.
-Pjetuschkow-, ein Künstler.
-Artemjew.-
Ein Kellner in einer =chambre séparée=.
Ein Kellner im Restaurant.
Der Wirt des Restaurants.
Ein Schutzmann.
Der Untersuchungsrichter.
-Melnikow.-
Der Protokollführer des Untersuchungsrichters.
Ein Gerichtsdiener.
Ein junger Rechtsanwalt.
-Petruschin-, Rechtsanwalt.
Eine Dame.
Ein Offizier.
Ein Gerichtsbeamter.
Die Kinderfrau bei Protasows.
Das Stubenmädchen bei Protasows (-Dunjascha-).
Afremows Diener.
Ein Diener bei Karenins.
Erster Akt
Erstes Bild
Die Handlung spielt in Moskau, in Protasows Wohnung. Die Szene stellt
ein kleines Speisezimmer vor.
Erster Auftritt
-Anna Pawlowna-, eine korpulente, grauhaarige Dame, sitzt im Korsett
allein am Teetisch.
Zweiter Auftritt
Anna Pawlowna und die Kinderfrau, die mit einer Teekanne hereinkommt.
-Kinderfrau-: Kann ich bei Ihnen etwas heißes Wasser bekommen?
-Anna Pawlowna-: Jawohl. Was macht der kleine Mascha?
-Kinderfrau-: Er ist sehr unruhig. Es ist recht übel, daß die gnädige
Frau ihn selbst nährt. Sie hat so ihren Kummer, und das Kind leidet
darunter. Was muß das für eine Milch geben, wenn die gnädige Frau bei
Nacht nicht schläft, sondern immerzu weint.
-Anna Pawlowna-: Aber ich denke, sie hat sich jetzt beruhigt?
-Kinderfrau-: Gott bewahre! Es zieht einem das Herz zusammen, wenn man
sie ansieht! Sie hat da etwas geschrieben und dabei immerzu geweint.
Dritter Auftritt
Anna Pawlowna, die Kinderfrau und Sascha, welche eintritt.
-Sascha- ($zur Kinderfrau$): Lisa sucht Sie.
-Kinderfrau-: Ich geh schon, ich geh schon. ($Ab.$)
Vierter Auftritt
Anna Pawlowna und Sascha.
-Anna Pawlowna-: Die Kinderfrau sagt, sie weint immerzu. Daß sie sich
immer noch nicht beruhigen kann!
-Sascha-: Nein, Mama, über Sie muß man sich wirklich wundern. Sie
soll sich von ihrem Manne, dem Vater ihres Kindes, lossagen, und Sie
verlangen, sie solle dabei ruhig sein!
-Anna Pawlowna-: Daß sie dabei ruhig sein soll, verlange ich nicht.
Aber was geschehen ist, das ist geschehen. Wenn ich als Mutter es
nicht nur zugelassen habe, sondern mich sogar darüber freue, daß
meine Tochter sich von diesem Manne lossagt, so muß er das doch wohl
verdienen. Nicht grämen sollte sie sich, sondern sich freuen, daß sie
von einem so schlechten Subjekte, von einem solchen Goldmenschen frei
kommt.
-Sascha-: Mama, warum reden Sie so? Sie wissen ja doch, daß das
nicht wahr ist. Er ist kein schlechter, sondern im Gegenteil ein
vortrefflicher, ganz vortrefflicher Mensch, trotz seiner Schwächen.
-Anna Pawlowna-: Na ja, ein vortrefflicher Mensch! Sobald er nur Geld
in die Hände bekommt, sei es eigenes oder fremdes ...
-Sascha-: Mama, er hat nie fremdes Geld genommen.
-Anna Pawlowna-: Ganz egal, das Geld seiner Frau.
-Sascha-: Aber er hat ja doch sein ganzes Vermögen seiner Frau
hingegeben.
-Anna Pawlowna-: Warum hätte er es ihr auch nicht hingeben sollen, da
er ja wußte, daß er sonst doch alles durchbringen würde.
-Sascha-: Ob er es nun durchbringt oder nicht, ich weiß nur, daß man
sich von seinem Manne nicht scheiden lassen darf, und am wenigsten von
einem solchen wie Fedja.
-Anna Pawlowna-: Nach deiner Meinung muß man damit warten, bis er alles
durchgebracht hat und seine Zigeunerliebsten ins Haus bringt?
-Sascha-: Er hat keine Liebsten.
-Anna Pawlowna-: Das ist eben das Malheur, daß er euch alle irgendwomit
behext hat. Nur mich nicht; ich durchschaue ihn, und er weiß das. An
Lisas Stelle würde ich mich nicht erst jetzt von ihm losmachen, sondern
ich hätte es schon vor einem Jahre getan.
-Sascha-: Wie Sie das nur so leichten Herzens sagen können!
-Anna Pawlowna-: Nein, nicht leichten Herzens. Mir als Mutter ist es
ein Schmerz, meine Tochter als geschiedene Frau zu sehen. Glaube mir,
daß mir das ein großer Schmerz ist. Aber es ist doch immer noch besser,
als daß sie ihr junges Leben zugrunde richtet. Nein, ich danke Gott,
daß sie sich jetzt entschlossen hat, und daß nun alles zu Ende ist.
-Sascha-: Vielleicht ist es doch noch nicht zu Ende.
-Anna Pawlowna-: Ach was! Wenn er nur erst in die Scheidung einwilligt.
-Sascha-: Was soll daraus Gutes hervorgehen?
-Anna Pawlowna-: Nun, sie ist noch jung und kann noch glücklich werden.
-Sascha-: Ach, Mama, es ist schrecklich, was Sie da sagen; Lisa kann
doch keinen andern liebgewinnen.
-Anna Pawlowna-: Warum sollte sie das nicht können? Wenn sie erst frei
sein wird? Es gibt Männer, die tausendmal besser sind als euer Fedja,
und die sich glücklich schätzen werden, Lisa zur Frau zu bekommen.
-Sascha-: Mama, es ist nicht recht von Ihnen, so zu reden. Ich weiß,
Sie denken dabei an Viktor Karenin.
-Anna Pawlowna-: Warum soll ich nicht an ihn denken? Er liebt sie schon
zehn Jahre lang, und sie liebt ihn.
-Sascha-: Sie liebt ihn, aber nicht so wie ihren Mann. Das ist eine
Jugendfreundschaft.
-Anna Pawlowna-: Diese Jugendfreundschaften kennt man! Wenn nur erst
die Hindernisse beseitigt sind.
Fünfter Auftritt
Anna Pawlowna und Sascha. Das Stubenmädchen kommt herein.
-Anna Pawlowna-: Was willst du?
-Stubenmädchen-: Die gnädige Frau hat den Hausknecht mit einem Briefe
zu Viktor Michailowitsch geschickt.
-Anna Pawlowna-: Welche gnädige Frau?
-Stubenmädchen-: Jelisaweta Andrejewna, unsere gnädige Frau.
-Anna Pawlowna-: Nun, und?
-Stubenmädchen-: Viktor Michailowitsch hat sagen lassen, er werde
sogleich selbst herkommen.
-Anna Pawlowna- ($erstaunt$): Eben erst haben wir von ihm gesprochen.
Ich verstehe nur nicht, warum sie ihn hat rufen lassen. ($Zu Sascha:$)
Weißt du es nicht?
-Sascha-: Vielleicht weiß ich es, vielleicht aber auch nicht.
-Anna Pawlowna-: Immer Geheimnisse.
-Sascha-: Lisa kommt gleich; die wird es Ihnen sagen.
-Anna Pawlowna- ($kopfschüttelnd zu dem Stubenmädchen$): Der Samowar
muß wieder in Glut gesetzt werden. Nimm ihn mit, Dunjascha! ($Das
Stubenmädchen nimmt den Samowar und geht hinaus.$)
Sechster Auftritt
Anna Pawlowna und Sascha.
-Anna Pawlowna- ($zu Sascha, die aufgestanden ist und hinausgehen
will$): Es ist gekommen, wie ich gesagt habe. Sofort hat sie ihn rufen
lassen.
-Sascha-: Vielleicht hat sie ihn in ganz anderer Absicht rufen lassen.
-Anna Pawlowna-: In welcher Absicht denn?
-Sascha-: Jetzt, in diesem Augenblicke, ist Karenin ihr ebenso
gleichgültig wie jeder andere.
-Anna Pawlowna-: Nun, du wirst ja sehen. Ich kenne sie doch. Sie läßt
ihn rufen, um sich von ihm trösten zu lassen.
-Sascha-: Ach, Mama, wie wenig kennen Sie sie, wenn Sie denken
können ...
-Anna Pawlowna-: Du wirst ja sehen. Ich freue mich sehr; sehr freue ich
mich.
-Sascha-: Wir werden ja sehen. ($Sie geht, vor sich hinsingend, ab.$)
Siebenter Auftritt
Anna Pawlowna allein.
-Anna Pawlowna- ($schüttelt den Kopf und murmelt$): Sehr schön; lassen
wir sie nur gewähren. Sehr schön; lassen wir sie nur gewähren. Ja ...
Achter Auftritt
Anna Pawlowna und das Stubenmädchen, welches eintritt.
-Stubenmädchen-: Viktor Michailowitsch ist gekommen.
-Anna Pawlowna-: Nun schön; bitte ihn hereinzukommen und sage es der
gnädigen Frau. ($Das Stubenmädchen geht hinaus.$)
Neunter Auftritt
Anna Pawlowna und Viktor Karenin.
-Viktor Karenin- ($tritt ein und begrüßt Anna Pawlowna$): Jelisaweta
Andrejewna hat mir einen Brief geschickt mit der Aufforderung
herzukommen. Ich hatte sowieso die Absicht, heute abend bei Ihnen
vorzusprechen, und habe mich daher sehr gefreut ... Befindet sich
Jelisaweta Andrejewna wohl?
-Anna Pawlowna-: Sie befindet sich wohl; aber das Kindchen ist ein
bißchen unruhig. Sie wird gleich kommen. ($In traurigem Tone:$) Ja, ja,
es ist eine schwere Zeit. Sie wissen ja wohl alles?
-Karenin-: Allerdings. Ich war ja vorgestern hier, als sein Brief
ankam. Aber ist denn das wirklich unwiderruflich beschlossen?
-Anna Pawlowna-: Aber selbstverständlich. Das alles noch einmal
durchzumachen wäre doch schrecklich.
-Karenin-: Ein solcher Trennungsschnitt will doch zehnmal überlegt
sein. Ins lebendige Fleisch zu schneiden, das ist doch eine schwere
Aufgabe.
-Anna Pawlowna-: Natürlich ist es eine schwere Aufgabe. Aber die
Ehe der beiden war ja schon längst halb zerschnitten. Und daher war
die vollständige Trennung weniger schwer, als es scheint. Er sieht
selbst ein, daß nach allem Geschehenen seine Rückkehr ein Ding der
Unmöglichkeit ist.
-Karenin-: Wieso?
-Anna Pawlowna-: Aber wie können Sie das nur für möglich halten
nach all den garstigen Dingen, die er begangen hat, und nachdem er
geschworen hat, dergleichen werde nicht wieder vorkommen, und wenn es
doch vorkäme, so verzichte er auf alle seine Rechte als Ehemann und
gebe ihr ihre volle Freiheit wieder ...
-Karenin-: Ja, aber was will die Freiheit einer Frau besagen, die durch
die Ehe gebunden ist?
-Anna Pawlowna-: Es soll die Scheidung erfolgen. Er hat ihr die
Scheidung versprochen, und wir werden darauf bestehen.
-Karenin-: Ja, aber Jelisaweta Andrejewna hat ihn so geliebt ...
-Anna Pawlowna-: Ach, ihre Liebe ist so harten Prüfungen ausgesetzt
gewesen, daß von ihr kaum etwas übriggeblieben ist. Es fallen ihm
Trunksucht, Hintergehung und Untreue zur Last. Kann man denn einen
solchen Mann lieben?!
-Karenin-: Der Liebe ist alles möglich.
-Anna Pawlowna-: Sie reden von Liebe; aber wie kann man denn einen
solchen Waschlappen lieben, auf den gar kein Verlaß ist? Was hat er
noch jetzt eben für einen Streich begangen! ($Sie sieht sich nach
der Tür um und beeilt sich mit ihrer Erzählung.$) Der ganze Haushalt
ist ruiniert, alles versetzt, kein bares Geld vorhanden. Da schickt
ihm sein Onkel endlich zweitausend Rubel, um die Zinsen der Schulden
zu bezahlen. Er entfernt sich mit diesem Gelde und ist verschwunden.
Seine Frau sitzt mit dem kranken Kinde da und wartet; endlich erhält
sie einen Brief, sie möchte ihm Wäsche und andere Sachen seines
persönlichen Bedarfes schicken.
-Karenin-: Ja, ja, ich weiß.
Zehnter Auftritt
Anna Pawlowna, Karenin. Lisa und Sascha treten ein.
-Anna Pawlowna-: Nun, siehst du, Viktor Michailowitsch ist auf deine
Aufforderung erschienen.
-Karenin-: Ja, ich wurde ein wenig aufgehalten. ($Er begrüßt die
Schwestern.$)
-Lisa-: Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich habe an Sie eine große Bitte.
Und ich kann mich damit an niemand wenden als an Sie.
-Karenin-: Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht.
-Lisa-: Sie wissen ja doch wohl alles?
-Karenin-: Ja, ich weiß es.
-Anna Pawlowna-: Ich werde euch also allein lassen. ($Zu Sascha:$)
Komm, wir wollen die beiden allein lassen. ($Sie geht mit Sascha
hinaus.$)
Elfter Auftritt
Lisa und Karenin.
-Lisa-: Ja, er hat mir einen Brief geschrieben, er betrachte alles
zwischen uns als beendet. Ich ($sie drängt die Tränen zurück$) fühlte
mich so gekränkt, so ... nun, mit einem Worte, ich war mit der Trennung
einverstanden ... und antwortete ihm, ich nähme seine Absage an.
-Karenin-: Und jetzt bereuen Sie das?
-Lisa-: Ja, ich bin zu der Empfindung gelangt, daß das von meiner
Seite schlecht gehandelt war, daß ich es nicht tun kann. Ich will
lieber alles erdulden, als mich von ihm trennen. Nun, kurz gesagt,
händigen Sie ihm diesen Brief ein! Bitte, Viktor, händigen Sie ihm
diesen Brief ein, und sagen Sie ihm ... und bringen Sie ihn her!
-Karenin- ($verwundert$): Ja, aber wie soll ich das machen?
-Lisa-: Sagen Sie ihm, ich bäte ihn, alles zu vergessen und
zurückzukehren. Ich könnte ihm ja den Brief einfach zuschicken; aber
ich kenne ihn: die erste Regung würde, wie immer, eine gute sein; aber
dann macht sich irgendein fremder Einfluß geltend, und er wird anderen
Sinnes und tut nicht das, was er in Wahrheit will.
-Karenin-: Ich werde tun, was ich kann.
-Lisa-: Sie wundern sich wohl, daß ich gerade Sie bitte?
-Karenin-: Nein ... übrigens, um die Wahrheit zu sagen: ja, ich wundere
mich ...
-Lisa-: Aber Sie sind mir nicht böse?
-Karenin-: Als ob ich Ihnen überhaupt böse sein könnte.
-Lisa-: Ich habe Sie deswegen gebeten, weil ich weiß, daß Sie ihm
zugetan sind.
-Karenin-: Sowohl ihm als auch Ihnen. Das wissen Sie. Ich bin ihm nicht
um seinetwillen zugetan, sondern um Ihretwillen. Und ich bin Ihnen
dankbar für das Vertrauen, das Sie mir schenken. Ich werde tun, was ich
kann.
-Lisa-: Das weiß ich. Ich werde Ihnen alles sagen: ich bin heute bei
Afremow gewesen, um zu erfahren, wo er sich jetzt aufhält. Es wurde mir
gesagt, er habe sich zu den Zigeunern begeben. Und gerade das ist es,
was ich fürchte. Diese Verlockung fürchte ich. Ich weiß, daß, wenn man
ihn nicht rechtzeitig zurückhält, er sich verlocken und hinreißen läßt.
Darum muß das geschehen. Also Sie werden hinfahren?
-Karenin-: Selbstverständlich, sofort.
-Lisa-: Fahren Sie hin, machen Sie ihn ausfindig, und sagen Sie ihm,
daß alles vergessen ist und ich ihn erwarte.
-Karenin- ($steht auf$): Aber wo soll ich ihn suchen?
-Lisa-: Er ist bei den Zigeunern. Ich bin selbst dort gewesen. Ich
war an der Haustür und wollte ihm den Brief hineinschicken; aber dann
besann ich mich anders und beschloß, Sie zu bitten ... Hier ist die
Adresse. Sagen Sie ihm also, er möchte zurückkehren; es sei nichts
geschehen; alles sei vergessen. Tun Sie das aus Liebe zu ihm und aus
Freundschaft gegen uns.
-Karenin-: Ich werde alles tun, was ich kann. ($Er verbeugt sich und
geht hinaus.$)
Zwölfter Auftritt
Lisa allein.
-Lisa-: Ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich will lieber alles
erdulden als ... ich kann es nicht.
Dreizehnter Auftritt
Lisa, Sascha, welche eintritt.
-Sascha-: Nun, wie ists? Hast du ihn hingeschickt?
-Lisa- ($nickt bejahend mit dem Kopfe$).
-Sascha-: Und er hat sich dazu bereitfinden lassen?
-Lisa-: Natürlich.
-Sascha-: Warum hast du gerade ihn geschickt? Das ist mir unbegreiflich.
-Lisa-: Wen hätte ich sonst schicken sollen?
-Sascha-: Aber du weißt doch, daß er in dich verliebt ist?
-Lisa-: Das gehört alles der Vergangenheit an und ist vorüber. Aber
wen hätte ich denn deiner Meinung nach sonst darum bitten sollen? Wie
denkst du darüber: wird er zurückkehren?
-Sascha-: Ich bin davon überzeugt; denn ...
Vierzehnter Auftritt
Lisa, Sascha. Anna Pawlowna, welche eintritt. (Sascha verstummt.)
-Anna Pawlowna-: Nun? Wo ist Viktor Michailowitsch?
-Lisa-: Er ist weggefahren.
-Anna Pawlowna-: Wieso weggefahren?
-Lisa-: Ich habe ihn gebeten, mir eine Bitte zu erfüllen.
-Anna Pawlowna-: Was für eine Bitte? Das ist wohl wieder ein Geheimnis?
-Lisa-: Ein Geheimnis ist es nicht: ich habe ihn einfach gebeten, einen
Brief an Fedja persönlich zu bestellen.
-Anna Pawlowna-: An Fedja? An Fjodor Wasiljewitsch?
-Lisa-: Ja, an Fedja.
-Anna Pawlowna-: Ich dachte, zwischen euch beiden wären alle
Beziehungen abgebrochen?
-Lisa-: Ich kann mich nicht von ihm trennen.
-Anna Pawlowna-: Also soll die ganze Geschichte wieder von vorn
anfangen?
-Lisa-: Ich wollte mich von ihm lossagen und habe mir alle Mühe
gegeben; aber ich kann es nicht. Ich will alles tun, was Sie wollen,
wenn ich mich nur nicht von ihm zu trennen brauche.
-Anna Pawlowna-: Dann möchtest du ihn also wohl wieder zurückholen?
-Lisa-: Ja.
-Anna Pawlowna-: Und du willst dieses schändliche Subjekt wieder zu dir
ins Haus lassen?
-Lisa-: Mama, ich bitte Sie, von meinem Manne nicht in solchen
Ausdrücken zu reden.
-Anna Pawlowna-: Dein Mann ist er gewesen.
-Lisa-: Nein, er ist auch jetzt noch mein Mann.
-Anna Pawlowna-: Ein Verschwender, ein Trunkenbold, ein Liedrian ist
er, und du kannst dich nicht von ihm trennen?
-Lisa-: Warum quälen Sie mich? Es ist mir so schon schwer genug ums
Herz, und Sie scheinen mein Leid absichtlich noch vergrößern zu wollen.
-Anna Pawlowna-: Ich quäle dich! Nun, dann will ich abreisen. Das kann
ich nicht mit ansehen.
-Lisa- ($schweigt$).
-Anna Pawlowna-: Ich sehe, daß ihr das wollt, und daß ich euch im Wege
bin. Ich kann nicht hier bleiben. Ich verstehe euch gar nicht. Immer
etwas Neues. Erst beschließt du, dich von ihm zu trennen; dann berufst
du auf einmal einen Mann her, der in dich verliebt ist ...
-Lisa-: Das ist nicht der Fall.
-Anna Pawlowna-: Karenin hat dir einen Heiratsantrag gemacht, und nun
schickst du ihn zu deinem Manne, um diesen holen zu lassen. Was stellt
das vor? Willst du deinen Mann eifersüchtig machen?
-Lisa-: Mama, es ist schrecklich, wie Sie da reden. Gönnen Sie mir Ruhe!
-Anna Pawlowna-: Nun, dann jage deine Mutter aus dem Hause und laß
deinen liederlichen Mann herein! Aber ich werde das nicht abwarten.
Lebt wohl; Gott sei mit euch; meinetwegen macht, was ihr wollt! ($Sie
geht hinaus und schlägt die Tür heftig zu.$)
Fünfzehnter Auftritt
Lisa und Sascha.
-Lisa- ($läßt sich auf einen Stuhl sinken$): Das fehlte noch!
-Sascha-: Nun, das ist nicht so schlimm. Es wird noch alles gut werden.
Mama werden wir schon wieder beruhigen.
Sechzehnter Auftritt
Lisa, Sascha und Anna Pawlowna, welche durchs Zimmer geht.
-Anna Pawlowna-: Dunjascha, meinen Koffer!
-Sascha-: Mama! So hören Sie doch! ($Sie eilt ihr nach und zwinkert
dabei ihrer Schwester zu.$)
Vorhang.
Zweites Bild
Ein Zimmer bei den Zigeunern.
Erster Auftritt
Der Chor singt ein Lied. Fedja liegt rücklings in Hemdsärmeln
auf dem Sofa. Afremow sitzt dem Vorsänger gegenüber rittlings
auf einem Stuhl. Ein Offizier sitzt an einem Tische, auf welchem
Champagnerflaschen und Gläser stehen. Ebendort sitzt ein Musiker, der
sich Notizen macht.
-Afremow-: Fedja, schläfst du?
-Fedja- ($richtet sich auf$): Schwatzt nicht! Jetzt: „Nicht der
Abendstern”!
-Ein Zigeuner-: Das geht nicht, Fjodor Wasiljewitsch. Jetzt soll Mascha
erst allein singen.
-Fedja-: Na, gut! Aber dann: „Nicht der Abendstern”! ($Er legt sich
wieder hin.$)
-Der Offizier-: „Die Schicksalsstunde”!
-Der Zigeuner-: Einverstanden?
-Afremow-: Meinetwegen.
-Der Offizier- ($zu dem Musiker$): Nun, haben Sie es sich
aufgeschrieben?
-Der Musiker-: Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Jedesmal klingt es
anders. Und was ist das manchmal für eine Tonart! So gleich dieses
hier. ($Er ruft eine Zigeunerin herbei und fragt sie.$) Stimmt das so?
($Er singt.$)
-Die Zigeunerin-: Ja, ganz richtig. Wundervoll.
-Fedja- ($sich aufrichtend$): Er wird es nicht aufschreiben können, und
wenn er es aufschreibt und in einer Oper anbringt, so wird er alles
verhunzen. Na, Mascha, dann mal los mit der „Schicksalsstunde”! Nimm
die Gitarre! ($Er steht auf, setzt sich vor sie hin und sieht ihr in
die Augen.$)
-Mascha- ($singt$).
-Fedja-: Gut gemacht! Bravo, Mascha! Na, aber jetzt: „Nicht der
Abendstern”!
-Afremow-: Nein, warte mal! Erst mein Lied, mein Begräbnislied!
-Der Offizier-: Wieso denn Begräbnislied?
-Afremow-: Deswegen: wenn ich sterbe ... du verstehst, ich werde
sterben und im Sarge liegen, und dann werden die Zigeuner kommen ...
verstehst du? Das werde ich vorher meiner Frau zur Pflicht machen. Und
wenn sie dann anstimmen: „Komm, mein Freund”, dann werde ich aus dem
Sarge herausspringen, -- verstehst du?! ($Zu dem Musiker:$) Das schreib
einmal auf! Na, nun vorwärts! ($Die Zigeuner singen.$)
-Afremow-: Nun, was sagt ihr dazu? Jetzt: „Ihr meine braven Burschen”!
($Die Zigeuner singen.$)
-Afremow- ($steht auf und macht ein paar Fechterbewegungen$). ($Die
Zigeuner applaudieren ihm lächelnd und fahren fort zu singen.$)
-Afremow- ($setzt sich hin$). ($Das Lied ist zu Ende.$)
-Die Zigeuner-: Bravo, Michail Andrejewitsch! Sie sind ein echter
Zigeuner!
-Fedja-: Na, jetzt aber: „Nicht der Abendstern”! ($Die Zigeuner
singen.$)
-Fedja-: Das ist mal ein Lied! Das ist mal ein Lied! Wundervoll! An
das, was hier ausgesprochen wird, reicht keine Wirklichkeit heran! Ach,
wie schön! Und warum kann der Mensch in ein solches Entzücken geraten,
wenn es ihm doch nicht möglich ist, in diesem Zustande zu verharren?
-Der Musiker- ($macht sich Notizen$): Ja, es ist sehr originell.
-Fedja-: Nicht originell, sondern echt.
-Afremow-: Na ... nun erholt euch! ($Er nimmt die Gitarre und setzt
sich zu Katja.$)
-Der Musiker-: Im Grunde ist alles ganz einfach; nur der Rhythmus, der
Rhythmus!
-Fedja- ($macht ihm eine geringschätzige Handbewegung, geht zu Mascha
und setzt sich neben sie auf das Sofa$): Ach Mascha, Mascha, wie du
mein ganzes Inneres umkehrst!
-Mascha-: Nun, und um was habe ich Sie gebeten?
-Fedja-: Um was? Um Geld? ($Er nimmt welches aus der Hosentasche.$) Na,
schön; da, nimm!
-Mascha- ($lacht, nimmt das Geld und steckt es in den Busen$).
-Fedja- ($zu den Zigeunern$): Da soll ein Mensch daraus klug werden!
Mir schließt sie den Himmel auf, und sie selbst bittet um ein
Trinkgeld. Du verstehst ja nicht das geringste von dem, was du selbst
tust.
-Mascha-: Wie sollte ich es nicht verstehen? Ich verstehe, daß ich,
wenn ich jemanden liebe, mir für ihn mehr Mühe gebe und besser singe.
-Fedja-: Und mich liebst du?
-Mascha-: Gewiß tue ich das.
-Fedja-: Das ist herrlich! ($Er küßt sie.$) ($Die Zigeuner und
Zigeunerinnen gehen hinaus. Es bleiben nur die Paare zurück.$)
Zweiter Auftritt
Fedja mit Mascha, Afremow mit Katja, der Offizier mit Sascha. Der
Musiker schreibt. Ein Zigeuner klimpert auf der Gitarre einen Walzer.
-Fedja-: Ich bin ja aber verheiratet. Und dir wird es der Chor nicht
erlauben.
-Mascha-: Der Chor ist eine gute Sache; aber das Herz bleibt doch
immer das Herz. Wenn ich einen liebe, so liebe ich ihn, und wenn mir
einer zuwider ist, dann ist er mir zuwider.
-Fedja-: Ach mir ist so wohl! Ist dir auch wohl?
-Mascha-: Natürlich ist mir wohl. Wenn wir nette Gäste hier haben, sind
auch wir vergnügt.
Dritter Auftritt
Ein Zigeuner tritt ein.
-Der Zigeuner- ($zu Fedja$): Ein Herr fragt nach Ihnen.
-Fedja-: Was für ein Herr?
-Der Zigeuner-: Ich kenne ihn nicht. Er ist gut gekleidet. Trägt einen
Zobelpelz.
-Fedja-: Ein vornehmer Herr? Na, gut, ruf ihn her!
Vierter Auftritt
Dieselben ohne den Zigeuner.
-Afremow-: Wer mag dich denn hier aufsuchen?
-Fedja-: Weiß der Teufel! Wer kann etwas von mir wollen?
Fünfter Auftritt
Dieselben. Karenin tritt ein und sieht sich ringsum.
-Fedja-: Ah, Viktor! Na, dich hätte ich hier nicht zu sehen erwartet!
Leg ab! Welcher Wind hat dich hierher geweht? Na, setz dich! Hör mal
das Lied „Nicht der Abendstern” mit an.
-Karenin-: =Je voudrais vous parler sans témoins.=
-Fedja-: Worüber?
-Karenin-: =Je viens des chez vous. Votre femme m'a chargé de cette
lettre, et puis ...=
-Fedja- ($nimmt den Brief hin, liest ihn und macht ein finsteres
Gesicht; dann lächelt er wieder freundlich$): Hör mal, Karenin, du
weißt gewiß, was in diesem Briefe steht?...
-Karenin-: Ja; und ich möchte dir sagen ...
-Fedja-: Warte mal, warte mal! Bitte, glaube nicht, daß ich betrunken
bin und meine Worte unzurechnungsfähig sind, ich will sagen, daß ich
nicht zurechnungsfähig bin. Ich bin betrunken; aber in dieser Sache
sehe ich ganz klar. Nun also, was ist dir aufgetragen zu sagen?
-Karenin-: Es ist mir aufgetragen, dich aufzusuchen und dir zu sagen,
daß ... sie ... dich erwartet. Sie bittet dich, alles zu vergessen und
zurückzukehren.
-Fedja- ($hört schweigend zu und sieht ihm in die Augen$): Ich verstehe
aber nicht, warum gerade du ...?
-Karenin-: Jelisaweta Andrejewna ließ mich rufen und bat mich ...
-Fedja-: So ...
-Karenin-: Aber ich bitte dich nicht sowohl im Namen deiner Frau als in
meinem eigenen Namen: komm mit nach Hause!
-Fedja-: Du bist besser als ich. Was rede ich da für Unsinn! Besser als
ich zu sein, das ist nicht schwer. Ich bin ein Taugenichts; aber du
bist ein guter, ein sehr guter Mensch. Und gerade deswegen werde ich
meinen Entschluß nicht ändern. Und nicht allein deswegen. Ich kann es
einfach nicht und will es nicht ... Na, sag selbst: wie könnte ich so
hinfahren?
-Karenin-: Komm jetzt mit mir in meine Wohnung. Ich werde ihr sagen,
daß du zurückkehren wirst, und morgen ...
-Fedja-: Und morgen was? Ich werde immer ich bleiben, und sie immer
sie. ($Er tritt an den Tisch und trinkt.$) Das Beste ist, den Zahn mit
einem Male auszuziehen. Ich habe ihr ja gesagt, wenn ich wieder mein
Wort nicht hielte, dann solle sie sich von mir lossagen. Ich habe mein
Wort nicht gehalten, und nun ist alles zu Ende.
-Karenin-: Für dich, aber nicht für sie.
-Fedja-: Es ist erstaunlich, wieviel Mühe du dir gibst, daß unsere Ehe
nicht zerstört werde.
-Karenin- ($will etwas erwidern. Mascha tritt hinzu$).
-Fedja- ($läßt ihn nicht zu Worte kommen$): Hör mal zu, wie sie das
„Flachslied” singt. Mascha! ($Die Zigeuner sammeln sich.$)
-Mascha- ($flüsternd$): Wie redet man ihn an?
-Fedja- ($lacht$): Sage zu ihm: Herr Viktor Michailowitsch. ($Die
Zigeuner singen.$)
-Karenin- ($hört zerstreut zu; dann erkundigt er sich, wieviel er geben
soll$).
-Fedja-: Na, gib fünfundzwanzig Rubel!
-Karenin- ($gibt das Geld$).
-Fedja-: Das war wundervoll. Jetzt das „Flachslied”. ($Die Zigeuner
singen.$)
-Fedja- ($blickt sich um$): Karenin hat sich davongemacht. Na, hol ihn
der Teufel! ($Die Zigeuner zerstreuen sich.$)
Sechster Auftritt
Fedja und Mascha.
-Fedja- ($setzt sich mit Mascha hin$): Weißt du, wer das ist?
-Mascha-: Ich habe seinen Namen gehört.
-Fedja-: Das ist ein vortrefflicher Mensch. Er ist hergekommen, um mich
nach Hause zu holen, zu meiner Frau. Sie liebt mich Dummkopf, und ich
führe mich hier so auf.
-Mascha-: Nun, das ist nicht hübsch von Ihnen. Sie müssen zu ihr
zurückkehren, mit ihr Mitleid haben.
-Fedja-: Meinst du, daß ich das muß? Aber ich meine, nein.
-Mascha-: Freilich, wenn Sie sie nicht lieben, dann kehren Sie nicht
zurück! Nur die Liebe hat Wert.
-Fedja-: Aber du, woher weißt du das?
-Mascha-: Natürlich weiß ich das.
-Fedja-: Na, gib mir einen Kuß! Ihr Zigeuner! Noch einmal das
„Flachslied” -- und dann Schluß! ($Die Zigeuner beginnen zu singen.$)
-Fedja-: Ach, wie wohl mir ist! Wenn man nur nie wieder erwachte!... So
möchte ich sterben!...
Vorhang.
Zweiter Akt
Drittes Bild
Nach dem ersten Akte sind zwei Wochen vergangen. Bei Lisa.
Erster Auftritt
Karenin und Anna Pawlowna sitzen im Eßzimmer. Sascha kommt herein.
-Karenin-: Nun, wie steht es?
-Sascha-: Der Arzt hat gesagt, es sei jetzt keine Gefahr mehr
vorhanden. Nur dürfe er sich nicht erkälten.
-Anna Pawlowna-: Na, aber Lisa ist dabei ganz heruntergekommen.
-Sascha-: Er sagt, es sei unechter Krupp in gelinder Form. Was ist das?
($Sie zeigt auf ein Körbchen.$)
-Anna Pawlowna-: Viktor hat Weintrauben mitgebracht.
-Karenin-: Mögen Sie nicht zulangen?
-Sascha-: Ja, die ißt sie gern. Sie ist sehr nervös geworden.
-Karenin-: Wenn sie auch zwei Tage lang nichts gegessen, zwei Nächte
nicht geschlafen hat.
-Sascha- ($lächelnd$): Sie selbst haben es doch ebenso gemacht.
-Karenin-: Mit mir ist das etwas anderes.
Zweiter Auftritt
Dieselben. Der Arzt und Lisa treten ein.
-Der Arzt- ($nachdrücklich$): Also so: wechseln Sie alle halbe Stunde
den Umschlag, wenn er nicht schläft. Wenn er schläft, stören Sie ihn
nicht! Den Rachen zu pinseln ist nicht nötig. Die Zimmertemperatur
halten Sie auf gleichmäßiger Höhe!...
-Lisa-: Aber wenn er wieder Atemnot bekommt?
-Der Arzt-: Das ist nicht wahrscheinlich. Sollte es aber eintreten, so
wenden Sie den Zerstäuber an! Außerdem geben Sie ihm Pulver, morgens
eines und abends eines! Ich werde sie sogleich verschreiben.
-Anna Pawlowna-: Mögen Sie nicht ein Glas Tee trinken, Doktor?
-Der Arzt-: Nein, ich danke; meine Kranken warten. ($Er setzt sich an
den Tisch, Sascha bringt Papier, Tinte und Feder.$)
-Lisa-: Also es ist bestimmt nicht Krupp?
-Der Arzt- ($lächelnd$): Ganz bestimmt nicht. ($Er schreibt.$)
-Karenin- ($zu Lisa$): Nun, jetzt trinken Sie aber ein Glas Tee, oder,
noch besser, gehen Sie hin und ruhen Sie sich aus; sehen Sie nur, wie
entstellt Sie aussehen!
-Lisa-: Jetzt fühle ich mich neu belebt. Ich danke Ihnen. Sie sind ein
wahrer Freund. ($Sie drückt ihm die Hand. Sascha geht ärgerlich zur
Seite.$)
-Lisa-: Ich bin Ihnen herzlich dankbar. Da sieht man, wo ...
-Karenin-: Was habe ich denn getan? Zum Danken ist gar kein Anlaß.
-Lisa-: Aber wer hat die Nächte über nicht geschlafen? Wer hat uns
diese Zelebrität ins Haus geholt?
-Karenin-: Ich bin schon dadurch hinlänglich belohnt, daß Mischa außer
Gefahr ist, und besonders durch Ihre Güte.
-Lisa- ($drückt ihm wieder die Hand und zeigt ihm lachend ein
Goldstück, das sie in der Hand hält$): Das ist für den Arzt. Nur weiß
ich nicht, wie ich es ihm geben soll.
-Karenin-: Ja, ich verstehe mich auch nicht darauf.
-Anna Pawlowna-: Worauf verstehen Sie sich nicht?
-Lisa-: Dem Arzte das Geld zu geben. Er hat mir mehr als das Leben
gerettet, und ich gebe ihm Geld! Das ist eine peinliche Empfindung.
-Anna Pawlowna-: Gib her; ich werde es ihm geben. Ich verstehe, wie man
das macht. Es ist ganz einfach.
-Der Arzt- ($steht auf und reicht das Rezept hin$): Also diese Pulver
rühren Sie in einem Eßlöffel voll abgekochten Wassers gut um und ($er
spricht weiter$) ... ($Karenin trinkt am Tische Tee; Anna Pawlowna und
Sascha gehen nach vorn.$)
-Sascha-: Ich kann das Benehmen der beiden gar nicht mehr mit ansehen.
Sie ist ordentlich verliebt in ihn.
-Anna Pawlowna-: Was ist daran Verwunderliches?
-Sascha-: Es ist widerwärtig!
-Der Arzt- ($empfiehlt sich allen und geht weg. Anna Pawlowna begleitet
ihn hinaus$).
Dritter Auftritt
Lisa, Karenin und Sascha.
-Lisa- ($zu Karenin$): Er ist jetzt so lieb und nett. Sowie ihm besser
wurde, fing er sogleich an zu lächeln und zu plaudern. Ich will zu ihm
gehen. Aber auch von Ihnen fortzugehen wird mir schwer.
-Karenin-: Sie sollten ein Glas Tee trinken und etwas essen.
-Lisa-: Ich brauche jetzt nichts. Es ist mir so wohl zumute nach all
diesen Beängstigungen. ($Sie fängt an zu schluchzen.$)
-Karenin-: Da sehen Sie, wie schwach Sie sind.
-Lisa-: Ich bin so glücklich. Wollen Sie ihn sich ansehen?
-Karenin-: Natürlich.
-Lisa-: So kommen Sie mit! ($Sie gehen hinaus.$)
Vierter Auftritt
Anna Pawlowna kommt zu Sascha zurück.
-Anna Pawlowna-: Warum machst du denn ein so finsteres Gesicht? Ich
habe ihm das Geld in sehr schöner Form gegeben, und er hat es ebenso
genommen.
-Sascha-: Es ist geradezu empörend! Sie hat ihn mit in das Kinderzimmer
genommen. Gerade als ob er ihr Bräutigam oder ihr Mann wäre.
-Anna Pawlowna-: Aber was geht es dich an? Weshalb wirst du so hitzig?
Oder hast du vielleicht darauf spekuliert, ihn zu heiraten?
-Sascha-: Ich?! Diesen langen Tölpel?! Da würde ich lieber ich
weiß nicht wen heiraten, aber nicht ihn. Das ist mir überhaupt nie
in den Kopf gekommen. Es ist mir nur zuwider, daß Lisa nach ihrem
Zusammenleben mit Fedja es fertigbekommt, einem fremden Menschen in
dieser Weise näher zu treten.
-Anna Pawlowna-: Wie kannst du ihn einen fremden Menschen nennen? Er
ist ihr Jugendfreund.
-Sascha-: Aber ich sehe ja an dem Lächeln, an den Augen der beiden, daß
sie ineinander verliebt sind.
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