Und es behält den Eindruck deine Hand
Auf einen Augenblick; allein die Augen,
Womit ich auf dich blitzte, tun dir nichts,
Und sicher ist auch keine Kraft in Augen,
Die Schaden tun kann.
Silvius.
O geliebte Phöbe!
Begegnet je--wer weiß, wie bald dies je!--
Auf frischen Wangen dir der Liebe Macht,
Dann wirst du die geheimen Wunden kennen
Vom scharfen Pfeil der Liebe.
Phöbe.
Doch bis dahin
Komm mir nicht nah, und wenn die Zeit gekommen,
Kränk mich mit deinem Spott, sei ohne Mitleid,
Wie ich bis dahin ohne Mitleid bin.
Rosalinde (tritt vor).
Warum? ich bitt Euch--Wer war Eure Mutter,
Daß Ihr den Unglückselgen kränkt und höhnt
Und was nicht alles? Hättet Ihr auch Schönheit
(Wie ich doch wahrlich mehr an Euch nicht sehe,
Als ohne Licht--im Finstern geht zu Bett),
Müßt Ihr deswegen stolz und fühllos sein?
Was heißt das? Warum blickt Ihr mich so an?
Ich seh nicht mehr an Euch, als die Natur
Auf Kauf zu machen pflegt. So war ich lebe!
Sie will auch (meine) Augen wohl betören?
Nein, wirklich, stolze Dame! hofft das nicht.
Nicht Euer Rabenhaar, kohlschwarze Brauen,
Glaskugelaugen, noch die Milchrahmwange
Bezwingen meinen Sinn, Euch zu verehren.--
O blöder Schäfer, warum folgt Ihr ihr
Wie feuchter Süd, von Wind und Regen schwellend?
Ihr seid ja tausendfach ein hübschrer Mann
Als sie ein Weib. Dergleichen Toren füllen
Die ganze Welt mit garstgen Kindern an.
Der Spiegel nicht: Ihr seid es, der ihr schmeichelt;
Sie sieht in Euch sich hübscher abgespiegelt,
Als ihre Züge sie erscheinen lassen.--
Doch, Fräulein, kennt Euch selbst, fallt auf die Knie,
Dankt Gott mit Fasten für 'nen guten Mann;
Denn als ein Freund muß ich ins Ohr Euch sagen:
Verkauft Euch bald, Ihr seid nicht jedes Kauf.
Liebt diesen Mann! fleht ihm als Eurem Retter:
Am häßlichsten ist Häßlichkeit am Spötter!--
So nimm sie zu dir, Schäfer. Lebt denn wohl!
Phöbe.
O holder Jüngling, schilt ein Jahr lang so!
Dich hör ich lieber schelten als ihn werben.
Rosalinde.
Er hat sich in ihre Häßlichkeit verliebt, und sie wird sich in
meinen Zorn verlieben. Wenn das so ist, so will ich sie mit
bittern Worten pfeffern, so schnell sie dir mit Stirnrunzeln
antwortet.--Warum seht Ihr mich so an?
Phöbe.
Aus üblem Willen nicht.
Rosalinde.
Ich bitt Euch sehr, verliebt Euch nicht in mich,
Denn ich bin falscher als Gelübd' im Trunk;
Zudem, ich mag Euch nicht. Sucht Ihr etwa mein Haus:
's ist hinter den Oliven, dicht bei an.
Wollt Ihr gehn, Schwester?--Schäfer, setz ihr zu.--
Komm, Schwester!--Seid ihm günstger, Schäferin,
Und seid nicht stolz; konnt alle Welt auch sehn,
So blind wird keiner mehr von hinnen gehn.
Zu unsrer Herde, kommt!
(Rosalinde und Celia ab.)
Phöbe.
O Schäfer! nun kommt mir dein Spruch zurück:
"Wer liebte je und nicht beim ersten Blick?"
Silvius.
Geliebte Phöbe--
Phöbe.
Ha, was sagst du, Silvius?
Silvius.
Beklagt mich, liebe Phöbe.
Phöbe.
Ich bin um dich bekümmert, guter Silvius.
Silvius.
Wo die Bekümmernis, wird Hilfe sein.
Seid Ihr um meinen Liebesgram bekümmert,
Gebt Liebe mir; mein Gram und Euer Kummer
Sind beide dann vertilgt.
Phöbe.
Du hast ja meine Lieb, ist das nicht nachbarlich?
Silvius.
Dich möcht ich haben.
Phöbe.
Ei, das wäre Habsucht.
Die Zeit war, Silvius, da ich dich gehaßt:
Es ist auch jetzt nicht so, daß ich dich liebte;
Doch weil du kannst so gut von Liebe sprechen,
So duld ich deinen Umgang, der mir sonst
Verdrießlich war, und bitt um Dienste dich.
Allein, erwarte keinen andern Lohn
Als deine eigne Freude, mir zu dienen.
Silvius.
So heilig und so groß ist meine Liebe,
Und ich in solcher Dürftigkeit an Gunst,
Daß ich es für ein reiches Teil muß halten,
Die Ähren nur dem Manne nachzulesen,
Dem volle Ernte wird. Verliert nur dann und wann
Ein flüchtig Lächeln: davon will ich leben.
Phöbe.
Kennst du den jungen Mann, der mit mir sprach?
Silvius.
Nicht sehr genau, doch traf ich oft ihn an.
Er hat die Weid und Schäferei gekauft,
Die sonst dem alten Carlot zugehört.
Phöbe.
Denk nicht, ich lieb ihn, weil ich nach ihm frage.
's ist nur ein dummer Bursch--doch spricht er gut;
Frag ich nach Worten?--Doch tun Worte gut,
Wenn, der sie spricht, dem, der sie hört, gefällt.
Es ist ein hübscher Junge--nicht gar hübsch;
Doch wahrlich, er ist stolz--zwar steht sein Stolz ihm:
Er wird einmal ein feiner Mann. Das Beste
Ist sein Gesicht, und schneller als die Zunge
Verwundete, heilt' es sein Auge wieder.
Er ist nicht eben groß, doch für sein Alter groß;
Sein Bein ist nur so so, doch macht sich's gut;
Es war ein lieblich Rot auf seinen Lippen,
Ein etwas reiferes und stärkres Rot
Als auf den Wangen: just der Unterschied
Wie zwischen dunkeln und gesprengten Rosen.
Es gibt der Weiber, Silvius: hätten sie
Ihn Stück für Stück betrachtet so wie ich,
Sie hätten sich verliebt; ich für mein Teil,
Ich lieb ihn nicht, noch hass' ich ihn, und doch
Hätt ich mehr Grund zu hassen als zu lieben.
Denn was hatt er für Recht, mich auszuschelten?
Er sprach, mein Haar sei schwarz, mein Auge schwarz,
Und, wie ich mich entsinne, höhnte mich.
Mich wundert's, daß ich ihm nicht Antwort gab.
Schon gut! Verschoben ist nicht aufgehoben;
Ich will ihm einen Brief voll Spottes schreiben,
Du sollst ihn zu ihm tragen: willst du, Silvius?
Silvius.
Phöbe, von Herzen gern.
Phöbe.
Ich schreib ihn gleich;
Der Inhalt liegt im Kopf mir und im Herzen,
Ich will ganz kurz und bitter zu ihm sein.
Komm mit mir, Silvius!
(Ab.)
Vierter Aufzug
Erste Szene
Der Wald
(Rosalinde, Celia und Jacques treten auf)
Jacques.
Ich bitte dich, artiger, junger Mensch, laß uns besser miteinander
bekannt werden.
Rosalinde.
Sie sagen, Ihr wärt ein melancholischer Gesell.
Jacques.
Das bin ich; ich mag es lieber sein als lachen.
Rosalinde.
Die eins von beiden aufs äußerste treiben, sind abscheuliche
Burschen und geben sich jedem Tadel preis, ärger als Trunkenbolde.
Jacques.
Ei, es ist doch hübsch, traurig zu sein und nichts zu sagen.
Rosalinde.
Ei, so ist es auch hübsch, ein Türpfosten zu sein.
Jacques.
Ich habe weder des Gelehrten Melancholie, die Nacheifrung ist, noch
des Musikers, die phantastisch ist, noch des Hofmanns, die
hoffärtig ist, noch des Soldaten, die ehrgeizig ist, noch des
Juristen, die politisch ist, noch der Frauen, die zimperlich ist;
noch des Liebhabers, die das alles zusammen ist, sondern es ist
eine Melancholie nach meiner Weise, aus mancherlei Ingredienzien
bereitet, von mancherlei Gegenständen abgezogen, und wirklich die
gesamte Betrachtung meiner Reisen, deren öftere Überlegung mich in
eine höchst launische Betrübnis einhüllt.
Rosalinde.
Ein Reisender? Meiner Treu, Ihr habt große Ursache, betrübt zu
sein; ich fürchte, Ihr habt Eure eignen Länder verkauft, um andrer
Leute ihre zu sehn. Viel gesehn haben und nichts besitzen, das
kommt auf reiche Augen und arme Hände hinaus.
Jacques.
Nun, ich habe Erfahrung gewonnen.
(Orlando tritt auf.)
Rosalinde.
Und Eure Erfahrung macht Euch traurig. Ich möchte lieber einen
Narren halten, der mich lustig machte, als Erfahrung, die mich
traurig machte. Und noch obendrein darum zu reisen?
Orlando.
Habt Gruß und Heil, geliebte Rosalinde.
Jacques.
Nein, dann Gott befohlen, wenn Ihr gar in Versen sprecht.
(Ab.)
Rosalinde.
Fahrt wohl, mein Herr Reisender! Seht zu, daß Ihr lispelt und
ausländische Kleidung tragt, macht alles Ersprießliche in Eurem
eignen Lande herunter, entzweit Euch mit Eurer Geburt und scheltet
schier den lieben Gott, daß er Euch kein andres Gesicht gab: sonst
glaub ich es kaum, daß Ihr je in einer Gondel gefahren seid.--Nun,
Orlando, wo seid Ihr die ganze Zeit her gewesen? Ihr, ein
Liebhaber?--Spielt Ihr mir noch einmal so einen Streich, so kommt
mir nicht wieder vors Gesicht.
Orlando.
Meine schöne Rosalinde, es ist noch keine Stunde später, als ich
versprach.
Rosalinde.
Ein Versprechen in der Liebe um eine Stunde brechen?--Wer tausend
Teile aus einer Minute macht und nur ein Teilchen von dem
tausendsten Teil einer Minute in Liebessachen versäumt, von dem mag
man wohl sagen, Cupido hat ihm auf die Schulter geklopft; aber ich
stehe dafür, sein Herz ist unversehrt.
Orlando.
Verzeiht mir, liebe Rosalinde.
Rosalinde.
Nein, wenn Ihr so saumselig seid, so kommt mir nicht mehr vors
Gesicht; ich hätte es ebenso gern, daß eine Schnecke um mich freite.
Orlando.
Eine Schnecke?
Rosalinde.
Ja, eine Schnecke! Denn kommt solch ein Liebhaber gleich langsam,
so trägt er doch sein Haus auf dem Kopfe; ein besseres Leibgedinge,
denk ich, als Ihr einer Frau geben könnt. Außerdem bringt er sein
Schicksal mit sich.
Orlando.
Was ist das?
Rosalinde.
Ei, Hörner! die solche, wie Ihr, sich gern von ihren Weibern
aufsetzen lassen. Aber er kommt mit seinem Lose ausgerüstet und
verhütet den üblen Ruf seiner Frau.
Orlando.
Tugend dreht keine Hörner, und meine Rosalinde ist tugendhaft.
Rosalinde.
Und ich bin Eure Rosalinde.
Celia.
Es beliebt ihm, Euch so zu nennen; aber er hat eine Rosalinde von
zarterer Farbe als Ihr.
Rosalinde.
Kommt, freit um mich, freit um mich, denn ich bin jetzt in einer
Festtagslaune und könnte wohl einwilligen.--Was würdet Ihr zu mir
sagen, wenn ich Eure rechte, rechte Rosalinde wäre?
Orlando.
Ich würde küssen, ehe ich spräche.
Rosalinde.
Nein, Ihr tätet besser, erst zu sprechen, und wenn Ihr dann
stocktet, weil Ihr nichts mehr wüßtet, nähmt Ihr Gelegenheit zu
küssen. Gute Redner räuspern sich, wenn sie aus dem Text kommen,
und wenn Liebhabern (was Gott verhüte!) der Stoff ausgeht, so ist
der schicklichste Behelf, zu küssen.
Orlando.
Wenn nun der Kuß verweigert wird?
Rosalinde.
So nötigt sie Euch zum Bitten, und das gibt neuen Stoff.
Orlando.
Wer könnte wohl stocken, wenn er vor seiner Liebsten steht?
Rosalinde.
Wahrlich, das solltet Ihr, wenn ich Eure Liebste wäre, sonst müßte
ich meine Tugend für stärker halten als meinen Witz. Bin ich nicht
Eure Rosalinde?
Orlando.
Es macht mir Freude, Euch so zu nennen, weil ich gern von ihr
sprechen mag.
Rosalinde.
Gut, und in ihrer Person sage ich: ich will Euch nicht.
Orlando.
So sterbe ich in meiner eignen Person.
Rosalinde.
Mitnichten: verrichtet es durch einen Anwalt. Die arme Welt ist
fast sechstausend Jahre alt, und die ganze Zeit über ist noch kein
Mensch in eigner Person gestorben: nämlich in Liebessachen. Dem
Troilus wurde das Gehirn von einer griechischen Keule zerschmettert;
doch tat er, was er konnte, um vorher noch zu sterben, und er ist
eins von den Mustern der Liebe. Leander, der hätte noch manches
schöne Jahr gelebt, wär Hero gleich Nonne geworden, wenn eine heiße
Sommernacht es nicht getan hätte; denn der arme Junge, er ging nur
hin, um sich im Hellespont zu baden, bekam den Krampf und ertrank,
und die albernen Chronikenschreiber seiner Zeit befanden, es sei
Hero von Sestos. Doch das sind lauter Lügen; die Menschen sind von
Zeit zu Zeit gestorben, und die Würmer haben sie verzehrt, aber
nicht aus Liebe.
Orlando.
Ich möchte meine rechte Rosalinde nicht so gesinnt wissen; denn ich
beteure, ihr Stirnrunzeln könnte mich töten.
Rosalinde.
Bei dieser Hand! es tötet keine Fliege. Aber kommt! nun will ich
Eure Rosalinde in einer gutwilligeren Stimmung sein, und bittet von
mir, was Ihr wollt, ich will es zugestehn.
Orlando.
So liebe mich, Rosalinde.
Rosalinde.
Ja, das will ich, Freitags, Sonnabends und so weiter.
Orlando.
Und willst du mich haben?
Rosalinde.
Ja, und zwanzig solcher.
Orlando.
Was sagst du?
Rosalinde.
Seid Ihr nicht gut?
Orlando.
Ich hoff es.
Rosalinde.
Nun denn, kann man des Guten zuviel haben?--Kommt, Schwester, Ihr
sollt der Priester sein, um uns zu trauen.--Gebt mir Eure Hand,
Orlando.--Was sagt Ihr, Schwester?
Orlando.
Bitte, trau uns.
Celia.
Ich weiß die Worte nicht.
Rosalinde.
Ihr müßt anfangen: "Wollt Ihr, Orlando--"
Celia.
Schon gut.--Wollt Ihr, Orlando, gegenwärtige Rosalinde zum Weibe
haben?
Orlando.
Ja!
Rosalinde.
Gut, aber wann?
Orlando.
Nun, gleich: so schnell sie uns trauen kann.
Rosalinde.
So müßt Ihr sagen: "Ich nehme dich, Rosalinde, zum Weibe."
Orlando.
Ich nehme dich, Rosalinde, zum Weibe.
Rosalinde.
Ich könnte nach Eurem Erlaubnisschein fragen, doch--ich nehme dich,
Orlando, zu meinem Manne. Da kommt ein Mädchen dem Priester zuvor,
und wirklich, Weibergedanken eilen immer ihren Handlungen voraus.
Orlando.
Das tun alle Gedanken, sie sind beflügelt.
Rosalinde.
Nun sagt mir: wie lange wollt Ihr sie haben, nachdem Ihr ihren
Besitz erlangt?
Orlando.
Immerdar und einen Tag.
Rosalinde.
Sagt, einen Tag, und laßt immerdar weg. Nein, nein, Orlando!
Männer sind Mai, wenn sie freien, und Dezember in der Ehe. Mädchen
sind Frühling, solange sie Mädchen sind, aber der Himmel verändert
sich, wenn sie Frauen werden. Ich will eifersüchtiger auf dich
sein als ein Turteltauber auf sein Weibchen, schreiichter als ein
Papagei, wenn es regnen will, putzsüchtiger als ein Affe und
launischer in Gelüsten als eine Meerkatze. Ich will um nichts
weinen, wie Diana am Springbrunnen, und das will ich tun, wenn du
zur Lustigkeit gestimmt bist; ich will lachen wie eine Hyäne, und
zwar wenn du zu schlafen wünschest.
Orlando.
Aber wird meine Rosalinde das tun?
Rosalinde.
Bei meinem Leben, sie wird es machen wie ich.
Orlando.
Oh, sie ist aber klug.
Rosalinde.
Sonst hätte sie nicht den Witz dazu. Je klüger, desto verkehrter.
Versperrt dem Witz eines Weibes die Türen, so muß er zum Fenster
hinaus; macht das zu, so fährt er aus dem Schlüsselloch; verstopft
das, so fliegt er mit dem Rauch aus dem Schornstein.
Orlando.
Ein Mann, der eine Frau mit soviel Witz hätte, könnte fragen: "Witz,
wo willst du mit der Frau hin?"
Rosalinde.
Nein, das könntet Ihr versparen, bis Ihr den Witz Eurer Frau auf
dem Wege zu Eures Nachbars Bett anträft.
Orlando.
Welcher Witz hätte Witz genug, das zu entschuldigen?
Rosalinde.
Nun, etwa:--sie ginge hin, Euch dort zu suchen. Ihr werdet sie nie
ohne Antwort ertappen. Ihr müßtet sie denn ohne Zunge antreffen.
Oh, die Frau, die die Schuld an ihren Fehlern nicht auf ihren Mann
zu schieben versteht, die laßt nie ihr Kind säugen; sie würde es
albern großziehn.
Orlando.
Auf die nächsten zwei Stunden, Rosalinde, verlasse ich dich.
Rosalinde.
Ach, geliebter Freund, ich kann dich nicht zwei Stunden entbehren.
Orlando.
Ich muß dem Herzoge beim Mittagstisch aufwarten. Um zwei Uhr bin
ich wieder bei dir.
Rosalinde.
Ja, geht nur, geht nur! Das sah ich wohl von Euch voraus; meine
Freunde sagten mir's, und ich dacht es ebenfalls--Eure
Schmeichelzunge gewann mich--es ist nur eine Verstoßne mehr--und
also: komm, Tod!--Zwei Uhr ist Eure Stunde?
Orlando.
Ja, süße Rosalinde.
Rosalinde.
Bei Treu und Glauben, und in vollem Ernst, und so mich der Himmel
schirme, und bei allen artigen Schwüren, die keine Gefahr haben,
brecht Ihr ein Pünktchen Eures Versprechens, oder kommt nur eine
Minute nach der Zeit, so will ich Euch für den feierlichsten
Wortbrecher halten und für den falschesten Liebhaber und den
Allerunwürdigsten derer, die Ihr Rosalinde nennt, welcher nur aus
dem ganzen Haufen der Ungetreuen ausgesucht werden konnte. Darum
hütet Euch vor meinem Urteil und haltet Euer Versprechen.
Orlando.
So heilig, als wenn du wirklich meine Rosalinde wärst. Leb denn
wohl!
Rosalinde.
Gut, die Zeit ist der alte Richter, der solche Verbrecher ans Licht
zieht, und die Zeit muß es ausweisen. Lebt wohl!
(Orlando ab.)
Celia.
Du hast unserm Geschlecht in deinem Liebesgeschwätz geradezu übel
mitgespielt. Wir müssen dir Hosen und Wams über den Kopf ziehn,
damit die Welt sieht, was der Vogel gegen sein eignes Nest getan
hat.
Rosalinde.
O Mühmchen! Mühmchen! Mühmchen! mein artiges kleines Mühmchen!
wüßtest du, wieviel Klafter tief ich in Liebe versenkt bin! Aber
es kann nicht ergründet werden; meine Zuneigung ist grundlos wie
die Bucht von Portugal.
Celia.
Sag lieber, bodenlos: soviel Liebe du hineintust, sie läuft alle
wieder heraus.
Rosalinde.
Nein, der boshafte Bastard der Venus, der vom Gedanken erzeugt, von
der Grille empfangen und von der Tollheit geboren wurde, der blinde
schelmische Bube, der jedermanns Augen betört, weil er selbst keine
mehr hat: der mag richten, wie tief ich in der Liebe stecke.--Ich
sage dir, Aliena, ich kann nicht ohne Orlandos Anblick sein; ich
will Schatten suchen und seufzen, bis er kommt.
Celia.
Und ich will schlafen.
(Beide ab.)
Zweite Szene
Ein anderer Teil des Waldes
(Jacques und Edelleute des Herzogs in Jägerkleidung treten auf)
Jacques.
Wer ist's, der den Hirsch erlegt'?
Erster Edelmann.
Ich tat es, Herr.
Jacques.
Laßt uns ihn dem Herzog vorstellen, wie einen römischen Eroberer,
und es schickte sich wohl, ihm das Hirschgeweih wie einen
Siegeskranz aufzusetzen. Habt ihr kein Lied, Jäger, auf diese
Gelegenheit?
Zweiter Edelmann.
O ja, Herr.
Jacques.
Singt es; es ist gleichviel, ob Ihr Ton haltet, wenn es nur Lärm
genug macht.
Lied. (Erste Stimme.) Was kriegt er, der den Hirsch erlegt?
(Zweite Stimme.) Sein ledern Kleid und Horn er trägt. (Erste
Stimme.) Drum singt ihn heim:
Ohn allen Zorn trag du das Horn;
Ein Helmschmuck war's, eh du geborn.
(Dieser Zuruf wird im Chor von den übrigen wiederholt.)
(Erste Stimme.) Deins Vaters Vater führt' es.
(Zweite Stimme.) Und deinen Vater ziert' es.
(Alle.)
Das Horn, das Horn, das wackre Horn
Ist nicht ein Ding zu Spott und Zorn.
(Ab.)
Dritte Szene
(Rosalinde und Celia treten auf)
Rosalinde.
Was sagt Ihr nun? Ist nicht zwei Uhr vorbei? Und kein Orlando zu
sehen!
Celia.
Ich stehe dir dafür, mit reiner Liebe und verwirrtem Gehirn hat er
seinen Bogen und Pfeile genommen und ist ausgegangen--zu schlafen.
Seht, wer kommt da?
(Silvius tritt auf.)
Silvius.
An Euch geht meine Botschaft, schöner Jüngling.
Dies hieß mich meine Phöbe übergeben;
Ich weiß den Inhalt nicht; doch, wie ich riet
Aus finstrer Stirn und zorniger Gebärde,
Die sie gemacht hat, während sie es schrieb,
So muß es zornig lauten; mir verzeiht,
Denn ich bin schuldlos, Bote nur dabei.
Rosalinde.
Bei diesem Briefe müßte die Geduld
Selbst sich empören und den Lärmer spielen;
Wer das hier hinnimmt, der nimmt alles hin.
Sie sagt, ich sei nicht schön, sei ungezogen,
Sie nennt mich stolz, und könne mich nicht lieben,
Wenn Männer selten wie der Phönix wären.
Ihr Herz ist auch der Hase, den ich jage.
Potz alle Welt! was schreibt sie so an mich?
Hört, Schäfer, diesen Brief habt Ihr erdacht.
Silvius.
Nein, ich beteur', ich weiß vom Inhalt nicht.
Sie schrieb ihn selbst.
Rosalinde.
Geht, geht! Ihr seid ein Narr,
Den Liebe bis aufs Äußerste gebracht.
Ich sah wohl ihre Hand: sie ist wie Leder,
'ne sandsteinfarbne Hand; ich glaubte in der Tat,
Sie hätte ihre alten Handschuh an,
Doch waren's ihre Hände--sie hat Hände
Wie eine Bäurin--doch das macht nichts aus;
Ich sage, nie erfand sie diesen Brief,
Hand und Erfindung ist von einem Mann.
Silvius.
Gewiß, er ist von ihr.
Rosalinde.
Es ist ein tobender und wilder Stil,
Ein Stil für Raufer; wie ein Türk dem Christen,
So trotzt sie mir. Ein weibliches Gehirn
Kann nicht so riesenhafte Dinge zeugen,
So äthiopsche Worte schwärzern Sinns,
Als wie sie aussehn.--Wollt Ihr selber hören?
Silvius.
Wenn's Euch beliebt; noch hört ich nicht den Brief,
Doch schon zuviel von Phöbes Grausamkeit.
Rosalinde.
Sie phöbet mich; hör an, wie die Tyrannin schreibt:
(Liest.)
"Bist du Gott im Hirtenstand,
Der ein Mädchenherz entbrannt?"
Kann ein Weib so höhnen?
Silvius.
Nennt Ihr das höhnen?
Rosalinde.
"Des verborgne Götterschaft
Qual in Weiberherzen schafft?"
Hörtet Ihr je solches Höhnen?
"Männer mochten um mich werben,
Nimmer bracht es mir Verderben."
--Als wenn ich ein Tier wäre.
"Wenn deiner lichten Augen Hohn
Erregte solche Liebe schon,
Ach, wie müßt' ihr milder Schein
Wunderwirkend in mir sein!
Da du schaltest, liebt ich dich;
Bätest du, was täte ich?
Der mein Lieben bringt zu dir,
Kennt dies Lieben nicht in mir.
Gib ihm denn versiegelt hin,
Ob dein jugendlicher Sinn
Nimmt das treue Opfer an
Von mir und allem, was ich kann.
Sonst schlag durch ihn mein Bitten ab,
Und dann begehr ich nur ein Grab."
Silvius.
Nennt Ihr das schelten?
Celia.
Ach, armer Schäfer!
Rosalinde.
Habt Ihr Mitleid mit ihm? Nein, er verdient kein Mitleid.--Willst
du solch ein Weib lieben?--Was? dich zum Instrument zu machen,
worauf man falsche Töne spielt? Nicht auszustehn!--Gut, geht Eures
Weges zu ihr (denn ich sehe, die Liebe hat einen zahmen Wurm aus
dir gemacht), und sagt ihr dies: Wenn sie mich liebt, befehle ich
ihr an, dich zu lieben; wenn sie nicht will, so habe ich nichts mit
ihr zu tun, es sei denn, daß du für sie bittest.--Wenn Ihr wahrhaft
liebt, fort, und keine Silbe mehr, denn hier kommt jemand.
(Silvius ab.)
(Oliver tritt auf.)
Oliver.
Guten Morgen, schöne Kinder! Wißt ihr nicht,
Wo hier im Wald herum 'ne Schäferei,
Beschattet von Olivenbäumen, steht?
Celia.
Westwärts von hier, den nahen Grund hinunter,
Bringt Euch die Reih von Weiden längs dem Bach,
Laßt Ihr sie rechter Hand, zum Orte hin.
Allein um diese Stunde hütet sich
Die Wohnung selber; es ist niemand drin.
Oliver.
Wenn eine Zung ein Auge kann belehren,
Müßt ich euch kennen der Beschreibung nach:
Die Tracht, die Jahre so. "Der Knab ist blond,
Von Ansehn weiblich, und er nimmt sich aus
Wie eine reife Schwester; doch das Mädchen
Ist klein und brauner als ihr Bruder." Seid ihr
Des Hauses Eigner nicht, das ich erfragt?
Celia.
Weil Ihr uns fragt: ja, ohne Prahlerei.
Oliver.
Orlando grüßt Euch beide, und er schickt
Dem Jüngling, den er seine Rosalinde
Zu nennen pflegt, dies blutge Tuch. Seid Ihr's?
Rosalinde.
Ich bin's. Was will er uns damit bedeuten?
Oliver.
Zu meiner Schand etwas, erfahrt Ihr erst,
Was für ein Mensch ich bin, und wo und wie
Dies Tuch befleckt ward.
Celia.
Sagt, ich bitt Euch drum.
Oliver.
Da jüngst Orlando sich von Euch getrennt,
Gab er sein Wort, in einer Stunde wieder
Zurück zu sein; und schreitend durch den Wald
Käut' er die Kost der süß und bittern Liebe.--
Seht, was geschah! Er warf sein Auge seitwärts
Und denkt, was für ein Gegenstand sich zeigt:
Am alten Eichbaum mit bemoosten Zweigen,
Den hohen Gipfel kahl von dürrem Alter,
Lag ein zerlumpter Mann, ganz überhaart,
Auf seinem Rücken schlafend; um den Hals
Wand eine grün und goldne Schlange sich,
Die mit dem Kopf, zu Drohungen behend,
Dem offnen Munde nahte; aber schnell,
Orlando sehend, wickelt sie sich los
Und schlüpft im Zickzack gleitend in den Busch.
In dessen Schatten hatte eine Löwin,
Die Euter ausgezogen, sich gelagert,
Den Kopf am Boden, katzenartig lauernd,
Bis sich der Schläfer rührte; denn es ist
Die königliche Weise dieses Tiers,
Auf nichts zu fallen, was als tot erscheint.
Dies sehend, naht' Orlando sich dem Mann
Und fand, sein Bruder war's, sein ältster Bruder.
Celia.
Oh, von dem Bruder hört ich wohl ihn sprechen,
Und als den unnatürlichsten, der lebte,
Stellt' er ihn vor.
Oliver.
Und konnt es auch mit Recht;
Denn gar wohl weiß ich, er war unnatürlich.
Rosalinde.
Orlando aber?--Ließ er ihn zum Raub
Der hungrigen und ausgesognen Löwin?
Oliver.
Zweimal wandt er den Rücken und gedacht es;
Doch Milde, edler als die Rache stets,
Und die Natur, der Lockung überlegen,
Vermochten ihn, die Löwin zu bekämpfen,
Die baldigst vor ihm fiel. Bei diesem Strauß
Erwacht ich von dem unglückselgen Schlummer.
Celia.
Seid (Ihr) sein Bruder?
Rosalinde.
Hat er (Euch) gerettet?
Celia.
Ihr wart es, der so oft ihn töten wollte?
Oliver.
Ich war's, doch bin ich's nicht; ich scheue nicht
Zu sagen, wer ich war; da die Bekehrung
So süß mich dünkt, seit ich ein andrer bin.
Rosalinde.
Allein das blutge Tuch?
Oliver.
Im Augenblick,
Da zwischen uns, vom ersten bis zum letzten,
Nun Tränen die Berichte mild gebadet,
Wie ich gelangt an jenen wüsten Platz--
Geleitet' er mich zu dem edlen Herzog,
Der frische Kleidung mir und Speise gab,
Der Liebe meines Bruders mich empfehlend,
Der mich sogleich in seine Höhle führte.
Er zog sich aus, da hatt ihm hier am Arm
Die Löwin etwas Fleisch hinweggerissen,
Das unterdes geblutet; er fiel in Ohnmacht
Und rief nach Rosalinden, wie er fiel.
Ich bracht ihn zu sich selbst, verband die Wunde,
Und da er bald darauf sich stärker fühlte,
Hat er mich hergesandt, fremd, wie ich bin,
Dies zu berichten, daß Ihr ihm den Bruch
Des Wortes mögt verzeihn; und dann dies Tuch,
Mit seinem Blut gefärbt, dem jungen Schäfer
Zu bringen, den er seine Rosalinde
Im Scherz zu nennen pflegt.
Celia.
Was gibt es, Ganymed? mein Ganymed?
(Rosalinde fällt in Ohnmacht.)
Oliver.
Wenn manche Blut sehn, fallen sie in Ohnmacht.
Celia.
Ach, dies bedeutet mehr! Mein Ganymed!
Oliver.
Seht, er kommt wieder zu sich.
Rosalinde.
Ich wollt, ich wär zu Haus.
Celia.
Wir führen dich dahin.--
Ich bitt Euch, wollt Ihr unterm Arm ihn fassen?
Oliver.
Faßt nur Mut, junger Mensch!--Ihr ein Mann?--Euch fehlt ein
männlich Herz.
Rosalinde.
Das tut es, ich gesteh's. Ach, Herr, jemand könnte denken, das
hieße sich recht verstellen. Ich bitte Euch, sagt Eurem Bruder,
wie gut ich mich verstellt habe.--Ah! ha!
Oliver.
Das war keine Verstellung; Eure Farbe legt ein zu starkes Zeugnis
ab, daß es eine ernstliche Gemütsbewegung war.
Rosalinde.
Verstellung, ich versichre Euch.
Oliver.
Gut also, faßt ein Herz und stellt Euch wie ein Mann.
Rosalinde.
Das tu ich, aber von Rechts wegen hätte ich ein Weib werden sollen.
Celia.
Kommt--Ihr seht immer blässer und blässer--ich bitte Euch, nach
Hause. Lieber Herr, geht mit uns.
Oliver. Gern, denn ich muß ja meinem Bruder melden, wie weit Ihr
ihn entschuldigt, Rosalinde.
Rosalinde.
Ich will etwas ausdenken; aber ich bitte Euch, rühmt ihm meine
Verstellung.--Wollt Ihr gehn.
(Alle ab)
Fünfter Aufzug
Erste Szene
Der Wald
(Probstein und Käthchen kommen)
Probstein.
Wir werden die Zeit schon finden, Käthchen. Geduld, liebes
Käthchen!
Käthchen.
Wahrhaftig, der Pfarrer war gut genug, was auch der alte Herr sagen
mochte.
Probstein.
Ein abscheulicher Ehrn Olivarius, Käthchen, ein entsetzlicher
Textdreher. Aber, Käthchen, da ist ein junger Mensch hier im Walde,
der Anspruch auf dich macht.
Käthchen.
Ja, ich weiß, wer es ist; er hat in der Welt nichts an mich zu
fordern. Da kommt der Mensch, den Ihr meint.
(Wilhelm kommt.)
Probstein.
Es ist mir ein rechtes Labsal, so einen Tölpel zu sehen. Meiner
Treu, wir, die mit Witz gesegnet sind, haben viel zu verantworten.
Wir müssen necken, wir können's nicht lassen.
Wilhelm.
Guten Abend, Käthchen.
Käthchen.
Schönen guten Abend, Wilhelm.
Wilhelm.
Und Euch, Herr, einen guten Abend.
Probstein.
Guten Abend, lieber Freund. Bedeck den Kopf! bedeck den Kopf!
Nun, sei so gut, bedecke dich! Wie alt seid Ihr, Freund?
Wilhelm.
Fünfundzwanzig, Herr.
Probstein.
Ein reifes Alter. Ist dein Name Wilhelm?
Wilhelm.
Wilhelm, Herr.
Probstein.
Ein schöner Name. Bist hier im Walde geboren?
Wilhelm.
Ja, Herr, Gott sei Dank!
Probstein.
"Gott sei Dank"--eine gute Antwort. Bist reich?
Wilhelm.
Nun, Herr, so, so.
Probstein.
"So, so" ist gut, sehr gut, ganz ungemein gut--nein, doch nicht, es
ist nur so so. Bist du weise?
Wilhelm.
Ja, Herr, ich hab einen hübschen Verstand.
Probstein.
Ei, wohl gesprochen! Da fällt mir ein Sprichwort ein: "Der Narr
hält sich für weise, aber der Weise weiß, daß er ein Narr ist."
Wenn der heidnische Philosoph Verlangen trug, Weinbeeren zu essen,
so öffnete er die Lippen, indem er sie in den Mund steckte; damit
wollte er sagen, Weinbeeren wären zum Essen gemacht und Lippen zum
Öffnen. Ihr liebt dieses Mädchen?
Wilhelm.
Das tu ich, Herr.
Probstein.
Gebt mir Eure Hand. Bist du gelehrt?
Wilhelm.
Nein, Herr.
Probstein.
So lerne dieses von mir: haben ist haben, denn es ist eine Figur in
der Redekunst, daß Getränk, wenn es aus einem Becher in ein Glas
geschüttet wird, eines leer macht, indem es das andere anfüllt;
denn alle unsre Schriftsteller stimmen darin überein: (ipse) ist er;
Ihr seid aber nicht (ipse,)denn ich bin "er".
Wilhelm.
Was für ein "er", Herr?
Probstein.
Der "er", Herr, der dies Mädchen heiraten muß. Also, Ihr Tölpel,
meidet--was in der Pöbelsprache heißt, verlaßt--den Umgang--was auf
bäurisch heißt, die Gesellschaft--dieser Frauensperson--was im
gemeinen Leben heißt, Mädchen; welches alles zusammen heißt: meidet
den Umgang dieser Frauensperson, oder, Tölpel, du kommst um; oder,
damit du es besser verstehst, du stirbst; nämlich ich töte dich,
schaffe dich aus der Welt, bringe dich vom Leben zum Tode, von der
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