Capulet.
Der Tod, der mir die Freude meines Alters geraubt hat, bindet meine
Zunge, und will mich nicht reden lassen. (Bruder Lorenz und Paris
mit Musicanten.)
Bruder Lorenz.
Kommt, ist die Braut fertig zum Kirchgang?
Capulet.
Zum Kirchgang, aber nicht zur Heimholung. O Sohn, in der Nacht vor
deinem Hochzeit-Tag ist der Tod bey deinem Weibe gelegen. Sieh,
hier ligt sie, die holde Blume die sie war, nun von ihm ihres
Schmuks beraubt: Der Tod ist mein Tochter-Mann.
Paris.
Hab ich so lange mich gesehnt, diesen Morgen zu sehen, und giebt er
mir nun einen solchen Anblik?
Lady Capulet.
Verfluchter, elender, unseliger, verhaßter Tag! Jammervolleste
Stunde, die jemals die Zeit auf ihrer immerwährenden Pilgrimschaft
erblikte! Nur ein einziges, ein armes, einziges, liebes, zärtliches
Kind; nur ein einziges, das mir zur Freude und zum Trost war, und
der unbarmherzige Tod hat es mir weggenommen.*
{ed.-* Paris hat hier im Original eine Rede, die vollkommner (Non-
Sense) ist, und durch die er die Amme ablößt, die sich mit
unaufhörlichen Ausruffungen "O weh, o weh; o Tag, o Tag," heiser
geschrien. Man hat beyde dem Genius des Shakespears aufgeopfert.}
Capulet.
Unseliger Zufall!--Mußte unsre Freude auf eine so meuchelmördrische
Art ermordet werden! O mein Kind, mein Kind! Meine Seele, nicht
mein Kind, sollst du todt seyn? O Gott, todt!--Mein Kind ist todt--
alle meine Hoffnungen sinken mit ihm ins Grab.
Bruder Lorenz.
Nun, so hemmt doch endlich diesen Ausbruch der Ungeduld und
Verzweiflung! Alle diese trostlosen Klagen können euer Weh nicht
heilen: Der Himmel und ihr hattet Antheil an diesem liebenswürdigen
Mädchen; nun hat der Himmel Alles, und desto besser ist es für sie.
Euern Antheil an ihr konntet ihr nicht vor dem Tode bewahren: Aber
der Himmel erhält den seinen bey ewigem Leben. Alles was ihr
suchtet, war ihre Erhebung--und ihr weint nun, sie über die Wolken,
so hoch als der Himmel selber ist, erhoben zu sehen? Was für eine
verkehrte Liebe zu euerm Kind ist das, daß ihr von Sinnen kommen
wollt, da ihr seht daß sie glüklich ist! Troknet eure Thränen,
umstekt diese schöne Leiche mit Rosmarin, und traget sie, wie es
der Gebrauch ist, in ihrem besten Anzug in die Kirche.
Capulet.
Alle Zurüstungen, die wir zu unserm Fest gemacht haben, verwandeln
sich nun in ein trauervolles Leichen-Gepränge. Unsre musicalischen
Instrumente in melancholische Todten-Gloken, unser hochzeitliches
Gastmahl in ein schwermüthiges Leichen-Mahl, unsre festlichen
Lobgesänge in bange Klaglieder, und unsre hochzeitlichen Blumen-
Kränze dienen nun eine Todten-Baare zu schmüken--O der kläglichen
Verwandlung!
Bruder Lorenz.
Gnädiger Herr, geht hinein, und ihr, Madam, geht mit ihm, und ihr,
Signor Paris; ein jedes bereite sich, diese schöne Leiche zu ihrem
Grabe zu begleiten; und hütet euch, durch murrende Ungeduld den
über euch schwebenden Zorn des Himmels noch mehr zu reizen.
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Die Amme und die Musicanten bleiben, wie natürlich, zurük. Die
leztern sind so fein, es von sich selbst zu merken, daß sie hier zu
nichts mehr nuzen, und die weise Amme sagt es ihnen noch zum
Überfluß; sie steken also ihre Pfeiffen ein, und wollen gehen.
Aber zu grossem Vergnügen der Zuschauer in den obersten Gegenden
kommt Peter, und verlangt, daß sie ihm ein lustiges Stükchen
aufspielen sollen; dieses giebt dann den Anlaß zu einem kleinen)
Divertissement (von Wortspielen und Spässen im Geschmak des Wiener-
Harlequins; einer Abwechslung, die freylich, (wie der sinnreiche
Herr von Voltaire weislich bemerkt,) dem Geschmak unsers Autors und
seiner Zeitgenossen wenig Ehre macht, aber doch den Vortheil mit
sich führt, daß die Zuschauer, (welche ans Ende doch in die Comödie
gegangen sind, um sich einen Spaß zu machen,) durch die kläglichen
Scenen nicht gar zu sehr gerührt werden.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
(Mantua.)
(Romeo tritt auf.)
Romeo.
Wenn ich den schmeichelnden Eingebungen des Schlafs trauen dürfte,
so würden mir meine Träume angenehme Neuigkeiten vorbedeuten. Ein
ungewöhnlicher Geist der Frölichkeit erfüllt meinen Busen, und hebt
mich mit angenehmen Gedanken über den Boden empor: Ich träumte,
meine Geliebte käme und fände mich todt--(Was für ein seltsames
Ding ein Traum ist, daß er todten Leuten doch noch die Erlaubniß
giebt zu denken!)--und hauchte durch ihre Küsse ein solches Leben
in meine Lippen, daß ich wieder von den Todten auferstand und ein
Kayser wurde. O Himmel! wie süß ist der würkliche Genuß der Liebe,
da ihre Schatten schon so reich an Wonne sind! (Balthasar tritt auf.)
Neue Zeitungen von Verona--Wie steht's Balthasar? Bringst du mir
Briefe vom Pater? Was macht meine Geliebte? Ist mein Vater wohl?
Was macht meine Juliette? Das muß ich noch einmal fragen; denn wenn
sie wohl ist, so ist nichts übel.
Balthasar.
So ist sie denn wohl und nichts ist übel. Ihr Leichnam schläft in
dem Begräbniß der Capulets, und ihr unsterblicher Theil lebt mit
Engeln. Ich sah sie in das Gewölb ihrer Familie legen, und nahm
sogleich die Post es euch zu berichten. Vergebung, Gnädiger Herr,
daß mein Dienst mich nöthigt, euch eine so böse Zeitung zu bringen!
Romeo.
Ist es würklich so?--So biet' ich euch Troz, ihr Sterne!--Du kennst
meine Wohnung, geh, hole mir Dinte und Papier, und bestelle Post-
Pferde--Ich will diese Nacht noch fort.
Balthasar.
Um Vergebung, Gnädiger Herr, ich darf euch nicht so verlassen. Eure
Blike sind düster und wild, und bedeuten nichts Gutes.
Romeo.
Stille! du betrügst dich. Verlaß mich und thu was ich dir sage:
Hast du keine Briefe vom Pater an mich?
Balthasar.
Nein, gnädiger Herr.
Romeo.
Das hat nichts zu bedeuten: geh, und bestelle die Pferde; ich will
gleich bey dir seyn.
(Balthasar geht ab.)
Gut, Juliette, heute Nacht will ich bey dir ligen--Laß sehen, wie
machen wir das? Wie schnell findet Unheil den Eingang in ein
verzweifelndes Gemüth!--Ich erinnre mich eines Apothekers, der hier
irgend wohnt, und den ich lezthin in einem zerlumpten Kittel, mit
überhangenden Augbrauen, Kräuter suchend fand. Ich faßte den Mann
ins Auge; seine Blike sahen mager und verhungert aus, Kummer und
Elend schien ihn bis auf die Knochen abgenuzt zu haben; in seiner
armseligen Bude hieng eine Schildkröte, ein ausgestopfter Alligator,
und ein paar andre Häute von mißgeschaffnen Fischen; und rings um
auf dem Gestelle stuhnd ein bettelhaftes Gepränge von leeren
Büchsen, grünen irdnen Töpfen, Blasen, muffigen Saamen, Resten von
Pakfaden, und alte Rosen-Kuchen dünn genug zerstreut, damit es doch
etwas gleich sehen sollte. In dem Augenblik da mir dieser armselige
Zustand in die Augen fiel, dacht' ich bey mir selbst, wenn izt
einer Gift brauchte, dessen Verkauff in Mantua ohne Gnad' am Leben
gestraft wird, so lebt hier ein armseliger Tropf, der ihm's zu
kauffen gäbe. O! dieser Gedanke war eine Ahnung, daß ich diesen
Mann bald selber nöthig haben würde. So viel ich mich erinnere,
sollte diß das Haus seyn; weil heut ein Feyertag ist, so ist des
Bettlers Bude geschlossen. Holla! he! Apotheker. (Der Apotheker
kommt heraus.)
Apotheker.
Wer ruft so laut?
Romeo.
Komm hervor, Mann! Ich sehe, du bist arm; sieh, da sind vierzig
Ducaten, gieb mir eine Drachme Gift davor, von so schneller Würkung,
daß es sich in einem Augenblik durch alle Adern verbreite, und der
Lebens-überdrüssige, der es einnimmt, so plözlich und mit solcher
Gewalt des Athemholens entladen werde, als das unaufhaltsame Pulver,
sobald es sich entzündet, aus dem fatalen Bauch einer Canone
losbricht.
Apotheker.
Dergleichen tödtliche Präparata hab' ich; aber das Gesez ist Tod
für den, welcher sie hergiebt.
Romeo.
Bist du so nakend und mit Elend beladen, und fürchtest den Tod?
Hunger sizt auf deinen Wangen, Mangel und Kummer schauen aus deinen
holen Augen hervor, Verachtung und Betteley hangen auf deinem Rüken,
und du fürchtest den Tod? Die Welt ist nicht dein Freund, und ihr
Gesez auch nicht; die Welt giebt kein Gesez dich reich zu machen;
sey also klüger, brich es, und nimm mein Gold.
Apotheker.
Meine Dürftigkeit williget ein, nicht mein Wille.
Romeo.
Auch bezahl' ich nicht deinen Willen, sondern deine Dürftigkeit.
Apotheker.
Gießt dieses in was für einen Liquor ihr wollt, und trinkt es aus;
und wenn ihr die Stärke von zwanzig Männern hättet, so wird es euch
in die andre Welt schiken.
Romeo.
Hier ist dein Gold; ein schädlichers Gift für die Seelen der
Menschen, und welches mehr Mordthaten in dieser heillosen Welt
verursacht, als diese arme Quaksalbereyen, die du nicht verkauffen
kanst: Ich habe dir Gift verkauft, nicht du mir--fahre wohl, kauf
dir zu essen, und mach, daß du zu Fleisch kommst--Komm, Herz-
Stärkung, nicht Gift; komm mit mir, wo ich dich brauche, zu
Juliettens Grab.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in das Kloster zu Verona.)
(Bruder Johann tritt auf.)
Johann.
Ehrwürdiger Sohn des heiligen Franciscus, Bruder! he! (Bruder
Lorenz kommt heraus.)
Lorenz.
Das sollte Bruder Johanns Stimme seyn--Willkommen von Mantua; was
sagt Romeo? Oder habt ihr mir einen Brief von ihm?
Johann.
Da ich abreisen wollte, gieng ich, einen Baarfusser-Bruder von
unserm Orden zum Reise-Gefährten zu suchen, der hier in der Stadt
war, um Kranken beyzustehen. Ich fand ihn; aber wie wir aus dem
Hause gehen wollten, kamen die Visitatoren der Stadt, und weil sie
einen Argwohn hatten, daß in dem Hause worinn sie uns fanden, eine
anstekende Krankheit grassiere, versiegelten sie die Thüren und
liessen uns nicht fort; so daß also meine Reise nach Mantua
unterbleiben mußte.
Lorenz.
Wer brachte dann dem Romeo meinen Brief?
Johann.
Ich konnt' ihn nicht fortschiken, hier ist er wieder; ich konnte
nicht einmal jemand finden, der ihn dir wiedergebracht hätte, so
groß war ihre Furcht, sie möchten angestekt werden.
Lorenz.
Das ist ein unglüklicher Zufall! Bey meinem Ordens-Gelübd, der
Brief enthielt Sachen von der grössesten Wichtigkeit, und diese
Versäumung kan böse Folgen haben. Bruder Johann, geh, schaff mir
ein Brech-Eisen und bring mirs in meine Celle.
Lorenz.
Nun muß ich allein in die Gruft; in den nächsten drey Stunden wird
die schöne Juliette erwachen--Wie wird sie über mich schmählen, daß
ihr Romeo von allen diesen Vorfällen keine Nachricht bekommen hat!
Aber ich will noch einmal nach Mantua schreiben, und sie indeß in
meiner Celle verbergen, bis Romeo kommt. Arme lebende Leiche, ich
eile, dich aus deiner Todten-Gruft zu ziehen!--
(Er geht ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in einen Kirchhof--auf demselben die Familien-
Gruft der Capulets.)
(Paris und sein Edelknabe, mit einer Fakel, treten auf.)
Paris.
Gieb mir deine Fakel, Junge: Geh und steh von Ferne. Doch nein,
lösche sie aus, ich möchte nicht gesehen werden--Leg dich, so lang
du bist, unter jenen Taxus-Bäumen hin, und halte dein Ohr dicht an
den hohlen Boden, so wird kein Fuß auf diesen Kirchhof treten
können, ohne daß du es hörst; und sobald du hörst, daß sich etwas
nähert, so zische mir zu; das soll das Zeichen seyn. Gieb mir diese
Blumen--thu, was ich dir sage, geh.
Edelknabe.
Ich fürchte mich herzlich, so allein hier auf dem Kirchhof zu seyn,
und doch will ich es wagen.
(Geht ab.)
Paris
(geht an die Gruft, und streut Blumen über sie.)
Anmuthsvolle Blume! So bestreu' ich mit Blumen dein Brautbette:
Schöne Juliette, nun die Gespielin der Engel, nimm dieses lezte
Merkmal der Liebe, von einem der im Leben dich verehrte, und nun im
Tode--
(der Knabe zischt)
Der Junge giebt ein Zeichen, es nähert sich was--was für
verfluchte Füsse wandern in dieser späten Nacht hieher, mich in den
zärtlichen Gebräuchen der traurenden Liebe zu stören?--Wie? ein
Licht? Verhülle mich eine Weile, o Nacht--
(Er geht bey Seite.)
Vierte Scene.
(Romeo und Balthasar mit einem Lichte.)
Romeo.
Gieb mir den Karst und das Heb-Eisen. Hier, nimm diesen Brief, und
sieh daß du ihn morgen früh meinem Herrn und Vater überlieferst.
Gieb mir das Licht; so lieb dir dein Leben ist, befehl' ichs dir,
du magst hören oder sehen, was du willst, so bleib von ferne stehen,
und unterbrich mich nicht in meinem Vorhaben. Warum ich in diese
Gruft herabsteige, ist, theils meine Geliebte noch einmal zu sehen,
hauptsächlich aber um von ihrem todten Finger einen kostbaren Ring
zu ziehen, einen Ring den ich zu einem wichtigen Gebrauch nöthig
habe; entfern dich also von hier, geh--unterfängst du dich aber aus
Fürwiz zurükzukehren, um zu sehen, was ich noch mehr zu thun im
Sinn habe, beym Himmel, so will ich dich Gelenk für Gelenk in Stüke
reissen, und diesen hungrigen Kirchhof mit deinen Gliedern
bestreuen. Die Zeit und meine Absichten sind grausam und wild,
grimmiger und unerbittlicher als blut-lechzende Tyger und die
heulende See.
Balthasar.
Ich will gehen, Gnädiger Herr, und euch nicht stören.
Romeo.
So kanst du mir deine Freundschaft beweisen--Nimm du das; leb und
sey glüklich, fahrwohl, guter Junge.
Balthasar (im Weggehen vor sich.)
Das alles ist mir ein desto stärkerer Beweggrund, mich hier in der
Nähe zu verbergen. Ich fürchte seine Blike, und zweifle, daß er was
Gutes im Sinn habe.
Romeo.
Du abscheulicher Schlund, verfluchter Rachen des Todes, der das
kostbarste was die Welt hatte, verschlungen hat, so zwing ich deine
morschen Kinnbaken sich zu öfnen,
(er bricht die Gruft auf)
um dich mit Gewalt mit noch mehr Speise vollzustopfen.
Paris (kommt hervor.)
Diß ist der verbannte übermüthige Montague, der den Vetter meiner
Geliebten erschlug, (welches durch den Kummer den sie darüber hatte,
wie man glaubt, die Ursach ihres Todes gewesen ist), und nun ist
er gekommen, irgend eine niederträchtige Schmach an ihren
Leichnamen auszuüben: Ich will ihn anhalten--Halt ein mit deiner
verdammlichen Arbeit, nichtswürdiger Montague: Willt du deine Wuth
bis auf die Todten ausdehnen? Verurtheilter Bösewicht, ich
bemächtige mich deiner; gehorche, geh mit mir, du must sterben.
Romeo.
Ich muß, in der That, und darum kam ich hieher--Guter junger Mensch,
reize nicht einen verzweifelnden Mann; flieh von hinnen, und laß
mich: Denk an diese, die hier ligen, und laß sie dich schreken. Ich
bitte dich, Jüngling, häuffe nicht noch eine neue Sünde über mein
Haupt, treibe mich nicht zur Wuth. O geh! Beym Himmel! ich liebe
dich besser als mich selbst; denn ich bin gegen mich bewaffnet
hieher gekommen. Verweile nicht, geh, und sage, daß du dein Leben
der Barmherzigkeit eines rasenden Mannes zu danken habest.
Paris.
Ich verschmähe dein Mitleiden, und arrestiere dich hier als einen
Hochverräther.
Romeo.
So willst du mich denn mit Gewalt reizen? Hab es dann an dir selber,
Junge.
(Sie fechten. Paris fällt.)
Edelknabe.
O Gott, sie fechten, ich will gehen und die Wache holen.
Paris.
Oh, ich bin des Todes; wenn du einiger Erbarmung fähig bist, so
öffne die Gruft und lege mich zu Julietten.
(Er stirbt.)
Romeo.
Auf meine Ehre, das will ich: Laß mich dieses Gesicht in der Nähe
besehen--Mercutio's Vetter! der edle Graf Paris! was sagte mir mein
Diener unterwegs, indem meine im Sturm herumgewälzte Seele nicht
darauf Acht gab, was er sagte--Mich däucht, er erzählte mir, Paris
habe Julietten heurathen sollen. Sagte er das nicht? oder träumte
mir's nur? Oder bin ich unsinnig, daß ich mir einbilde es sey so,
weil ich ihn so zärtlich von Julietten reden hörte?--O gieb mir
deine Hand, du, den das Schiksal in mein Unglük verflochten hat,
ich will dir ein beneidenswürdiges Grab gewähren--Ein Grab? O nein,
eine Glorie, ermorderter Jüngling; denn Juliette ligt hier, und
ihre Schönheit erfüllt diese grauenvolle Gruft mit Licht und
Herrlichkeit; Todter, lige du hier, von einem Todten begraben.
(Er legt ihn in die Gruft.)
Wie oft ist es schon begegnet, daß Sterbende kurz vor ihrem lezten
Augenblik noch aufgeräumt gewesen sind--O gönne mir noch einen
solchen Augenblik!--Meine Geliebte, mein Weib, der Tod, der den
Honig deines Athems aufgesogen, hat noch keine Gewalt über deine
Schönheit gehabt; du bist nicht besiegt; noch schwebt die purpurne
Fahne der Schönheit auf deinen Lippen und Wangen, und die blasse
Flagge des Todes ist hier noch nicht aufgestekt--Tybalt, ligst du
hier in deinem blutigen Leichen-Tuch? O was kan ich mehr thun, wie
kan ich dich besser rächen, als eben diese Hand, die dein
jugendliches Leben geendigt hat, gegen deinen Mörder zu gebrauchen?
Vergieb mir, theurer Vetter!--Ach! liebste Juliette, warum bist du
noch so schön? Soll ich glauben, der unwesentliche Tod sey in dich
verliebt worden, und das dürre scheußliche Ungeheuer unterhalte
dich hier im Dunkeln, um seine Liebste zu seyn? Aus Furcht es
möchte so seyn, will ich immer bey dir bleiben, und von diesem
Augenblik diesen Palast der düstern Nacht nimmermehr verlassen;
hier, hier will ich bleiben, bey den Würmern, die deine Kammer-
Mädchen sind; hier will ich eine immerwährende Ruhe finden, wenn
ich das tyrannische Joch erboßter Sterne von diesem Lebens-
überdrüssigen Fleisch abgeschüttelt habe--Mein Auge, sieh' sie zum
leztenmal an; umfanget sie zum leztenmal, meine Arme, und ihr,
siegelt, o meine Lippen, mit dem lezten Kuß dem wuchernden Tod eine
Verschreibung, die nie wieder abgelößt werden kan--Diß, meine Liebe,
trink ich dir zu!--o ehrlicher Apotheker,
(er trinkt das Gift aus,)
Deine Tränke würken gut--Noch diesen Kuß.
(Er stirbt.)
(Bruder Lorenz mit einer Laterne, einem Brech-Eisen, und einer
Spathe.)
Bruder Lorenz.
St. Franciscus steh mir bey! Wie manchmal haben schon in später
Nacht meine alten Füsse an Gräbern gestolpert! Wer ist hier?
(Balthasar kommt hervor.)
Balthasar.
Ein Freund, der euch wol kennt.
Lorenz.
Heil sey dir! Sage mir, guter Freund, was für eine Fakel seh ich
dort, die ihr Licht so vergeblich Würmern und auglosen Schädeln
leiht? Wie mich däucht, so brennt sie in der Gruft der Capulets.
Balthasar.
Es ist würklich so, heiliger Vater, und derjenige, der darinn ist,
ist mein Herr, einer von euern liebsten Freunden.
Lorenz.
Wie nennt er sich?
Balthasar.
Romeo.
Lorenz.
Wie lang ist er schon da?
Balthasar.
Eine volle halbe Stunde.
Lorenz.
Geh mit mir in die Gruft.
Balthasar.
Ich habe das Herz nicht, ehrwürdiger Herr--Mein Herr weiß nichts
anders als daß ich weggegangen sey, und bedräute mich auf eine
fürchterliche Art, daß er mich umbringen wolle, wenn ich
zurükbleiben und sein Vorhaben belauschen würde.
Lorenz.
So bleibe du hier, ich will allein gehen--mich kommt ein Grauen an--
ich fürcht', ich fürcht' es ist ein Unglük geschehen.
Balthasar.
Wie ich unter diesem Taxus-Baum schlief, da träumte mir mein Herr
und ein andrer fechten mit einander und mein Herr habe ihn
erschlagen.
Lorenz (bey dem Eingang der Gruft.)
Romeo! O Himmel! was bedeutet dieses Blut das den steinernen
Eingang dieser Gruft beflekt? Was bedeuten diese herrenlose
Schwerdter, die mit geronnenem Blut beschmizt an diesem Ort des
Friedens ligen? Romeo! o Gott, ohne Leben! und dieser?--Wie? Paris?--
im Blute schwimmend? Ha, was für eine unselige Stunde ist an
diesem jammervollen Zufall schuldig?--Das Fräulein rührt sich--
Juliette (erwachend.)
O Trostbringender Vater! wo ist mein Gemahl? Ich erinnre mich wohl,
wo ich seyn soll, und ich bin da--Aber wo ist Romeo?
Lorenz.
Ich hör ein Getöse--Fräulein, komm hervor aus dieser Höle des Todes,
der Verwesung und des unnatürlichen Schlafs; eine grössere Macht,
als der wir wiederstreben könnten, hat unsern Entwurf
durchschnitten; komm, komm mit mir--dein Gemahl ligt todt hier, und
Paris auch--Komm, ich will dich in ein Kloster von heiligen
Schwestern führen: Halte dich nicht mit Fragen auf, ich sehe die
Wache kommen--Komm, geh, liebste Juliette; ich kan nicht länger
bleiben--
(Er geht.)
Juliette.
Geh, geh du, und laß mich hier bleiben--Was ist hier? Ein Becher,
in meines Geliebten Hand?--Gift, wie ich seh, ist sein unzeitiger
Tod gewesen--O du Unfreundlicher, alles auszutrinken, und nicht
einen freundschaftlichen Tropfen übrig zu lassen, der mir dir nach
helfe! Ich will deine Lippen küssen; vielleicht hängt noch so viel
Gift daran, als ich nöthig habe--Deine Lippen sind noch warm--
(Der Edelknabe, mit der Wache treten auf.)
Wache.
Weis' uns den Weg, Junge.
Juliette.
So? Kommt jemand? So will ich's kurz machen--
(sie findt einen Dolch.)
O glüklicher Dolch! hier ist deine Scheide, hier roste und laß
mich sterben.
(Sie ersticht sich.)
Knabe.
Hier ist der Ort; dort, wo die Fakel brennt.
Wache.
Der Boden ist voller Blut. Sucht auf dem ganzen Kirchhof, geht,
etliche von euch, macht feste wen ihr findet. Erbärmlicher Anblik!
Hier ligt der Graf erschlagen, und Juliette in ihrem Blut, noch
warm, und kaum entseelt, die doch diese zween Tage schon hier
begraben gelegen ist. Geht, zeigt es dem Fürsten an, rennt zu den
Capulets, wekt die Montaguen auf--Und ihr andere sucht--Die
Umstände allein können diese klägliche Begebenheit begreiflich
machen. (Etliche Wächter mit Balthasar.)
2. Wächter.
Hier ist ein Bedienter von Romeo, den wir auf dem Kirchhof gefunden
haben.
1. Wächter.
Haltet ihn auf, bis der Fürst kommt. (Ein andrer Wächter, mit
Bruder Lorenzen.)
3. Wächter.
Hier ist ein Franciscaner, der zittert, ächzt und weint; wir fanden
dieses Brech-Eisen und diese Spathe bey ihm, und er kam von dieser
Seite des Kirchhofs her.
1. Wächter.
Das ist sehr verdächtig; haltet ihn auch auf.
Fünfte Scene.
(Der Fürst und sein Gefolge, treten vorn auf der Schaubühne auf.)
Fürst.
Was für ein Unheil ist so früh auf, daß es uns aus unserm Morgen-
Schlaf wekt? (Capulet und Lady Capulet, treten auf der andern Seite
auf.)
Capulet.
Was mag das seyn, daß ein so gräßliches Geschrey auf den Strassen
ist?
Lady Capulet.
Die Strassen sind voll Volks das Romeo schreyt; einige schreyen,
Juliette; einige Paris; und alle rennen mit Entsezen und Geschrey
unserm Begräbniß zu.
Fürst.
Was für Töne des Schrekens stürzen sich in unser Ohr?
1. Wächter.
Gnädigster Herr, hier ligt der Graf Paris ermordet, und Romeo todt,
und Juliette, die zuvor todt war, warm, und vor wenigen Minuten
umgebracht.
Fürst.
Sucht, forscht nach, und späht aus, woher diese scheußliche
Mordthaten kommen?
1. Wächter.
Hier ist ein Mönch, und des erschlagnen Romeo's Diener, die mit
Werkzeugen, diese Todten-Gräber aufzubrechen, ertappt worden sind.
Capulet.
O Himmel!--O Weib! Sieh, wie unsre Tochter blutet! Dieser Dolch hat
sich verfehlt; sieh, die Scheide ligt auf dem Rüken des Montaguen,
und die entblößte Klinge in meiner Tochter Busen--
Lady Capulet.
O Gott, dieser Anblik ist wie eine Todten-Gloke, die meinem grauen
Alter zu Grabe läutet. (Montague zu den Vorigen.)
Fürst.
Komm, Montague--und sieh hier deinen einzigen Sohn und Erben--
Montague.
Weh mir!--Mein Weib, Gnädigster Herr, ist in dieser Nacht
verschieden--Der Gram über ihres Sohnes Verbannung hat ihr das Herz
gebrochen--Was für ein neues Weh verschwört sich gegen mein graues
Alter?
Fürst.
Schau hieher, so wirst du's sehen.
Montague.
O du Übelgezogner, was für Lebens-Art war das, dich vor deinem
Vater so in's Grab zu drängen?
Fürst.
Haltet noch mit euern Klagen ein, bis wir diese verworrene
Geschichte ins Klare gesezt, und ihren Ursprung und wahren Hergang
herausgebracht haben; alsdann will ich selbst der Anführer euers
Klag-Geschreys seyn--Bis dahin, haltet inn!--bringet die
verdächtigen Personen herbey!
Bruder Lorenz.
Ich, der unvermögendste, bin derjenige, den der stärkste Verdacht
drükt; Zeit und Ort scheinen mich dieses gräßlichen Mords
anzuklagen; und hier steh ich, zugleich mein eigner Ankläger und
Advocat zu seyn.
Fürst.
So sage dann, ohne Umschweiffe, was dir davon bekannt ist.
Bruder Lorenz.
Ich will kurz seyn, mein Athem ist ohnehin nicht lang genug für
eine langweilige Historie. Romeo, der hier todt ligt, war
Juliettens Gemahl, und Sie, die hier todt ligt, Romeo's getreues
Weib: Ich segnete ihre Ehe ein; und der Tag ihrer heimlichen
Vermählung war Tybalts Sterb-Tag, dessen unzeitiger Tod den neuen
Bräutigam aus dieser Stadt verbannte, und dieses, nicht Tybalts Tod,
war die Ursache von Juliettens Gram. Ihr,
(zu Capulet)
um ihr diesen Kummer aus dem Sinn zu bringen, versprachet sie dem
Grafen Paris, und waret im Begriff, sie zu dieser Heurath mit
Gewalt zu zwingen. In diesen Umständen kommt sie zu mir, und, mit
wilden Bliken, bittet sie mich daß ich ihr ein Mittel an die Hand
gebe, diese zweyte Heurath zu vermeiden, oder sie wolle sich in
meiner Celle selbst ums Leben bringen. In diesem schwürigen
Augenblik kam mir meine Wissenschaft zu Hülfe; ich gab ihr einen
Schlaf-Trunk, dessen Würkung meiner Absicht vollkommen antwortete--
denn er sezte sie in einen Zustand, der dem Tode so gleich sah, daß
sie für eine Leiche angesehen, und so behandelt wurde. Inmittelst
schrieb ich an Romeo, und bestellte ihn, daß er in eben dieser
schreklichen Nacht, als der Zeit, worinn die Würkung des Tranks zu
Ende gehen würde, hieher kommen, und mir helfen möchte, sie aus
ihrem geborgten Grabe heraus zu holen. Allein, Bruder Johann, der
ihm meinen Brief überbringen sollte, wurde durch einen Zufall
aufgehalten, und gestern kam mein Brief mir wieder zu; ich war also
genöthigt, um die bestimmte Zeit ihres Erwachens ganz allein hieher
zu kommen, und sie aus der Gruft ihrer Familie zu befreyen: Des
Vorhabens, sie so lange in meiner Celle verborgen zu halten, bis
ich Gelegenheit fände, den Romeo hieher zu beruffen. Aber wie ich
kam, (wenige Minuten vor ihrem Erwachen) da lag der edle Paris hier
erschlagen, und der allzugetreue Romeo todt. Sie erwacht, und ich
bitte sie inständigst mit mir zu gehen, und diese Schikung des
Himmels mit Geduld zu tragen: Allein ein Getöse, das ich gleich
darauf hörte, scheuchte mich von der Gruft weg, und sie,
verzweifelnd und entschlossen zu sterben, wollte nicht mit mir
gehen, sondern legte, wie es scheint, gewaltsame Hand an sich
selbst. Alles dieses weiß ich, und von der heimlichen Heurath kan
auch ihre Amme Zeugniß geben: Ist aber in allem diesem etwas durch
meine Schuld gefehlt und zu diesem unglüklichen Ausgange gebracht
worden, so laßt immer mein altes Leben, etliche Stunden vor meiner
bestimmten Zeit, der Strenge des Gesezes aufgeopfert werden.
Fürst.
Wir haben dich jederzeit als einen heiligen Mann gekannt. Wo ist
Romeo's Diener? Was kan Er von der Sache berichten?
Balthasar.
Ich brachte meinem Herren die Zeitung von Julia's Tod, und sogleich
kam er mit Post-Pferden von Mantua hieher, unmittelbar hieher, zu
dieser nehmlichen Gruft; übergab mir diesen Brief an seinen Vater,
und dräute mir, indem er auf die Gruft zugieng, den Tod, wenn ich
nicht weggehen und ihn allein lassen wollte.
Fürst.
Gieb mir den Brief, ich will ihn übersehen--Wo ist des Grafen Knabe,
der die Wache herbeyholte? Bursche, was machte dein Herr an diesem
Orte?
Knabe.
Er kam, das Grab seiner Geliebten mit Blumen zu bestreuen, und
befahl mir von Ferne stehn zu bleiben, wie ich auch that; bald
darauf kommt einer mit einem Licht, die Gruft zu öffnen, und
augenbliklich zieht mein Herr den Degen gegen ihn; und da lief ich
und holte die Wache.
Fürst.
Dieser Brief bekräftiget die Erzählung des Ordens-Manns--und hier
schreibt er, daß er Gift von einem armen Apotheker gekauft, und
damit in diese Gruft gekommen sey, um zu sterben und in Juliettens
Grab zu ligen--Wo sind diese Feinde? Capulet! Montague! Seht hier
die Ruthe, womit euere Unversöhnlichkeit gezüchtiget wird; seht wie
der Himmel Mittel findet, durch die Liebe selbst die Freuden euers
Lebens zu tödten. Auch ich, weil ich zuviel Nachsicht gegen euere
Uneinigkeiten hatte, habe zween Verwandte verlohren: Wir sind alle
gestraft!
Capulet.
O Bruder Montague, gieb mir deine Hand; das ist meiner Tochter
Witthumb--mehr kan ich nicht verlangen.
Montague.
Aber ich kann dir mehr geben; denn ich will ihre Bild-Säule von
gediegnem Gold aufstellen, daß, so lange Verona diesen Namen trägt,
kein Denkmal dem Denkmal der zärtlichen und getreuen Juliette
gleich geschäzt werde!
Capulet.
Eben so glänzend soll Romeo bey seiner Gattin ligen; theure,
unglükliche Opfer unsrer unseligen Feindschaft!
Fürst.
Dieser Morgen bringt uns einen düstern Frieden, und die Sonne
selbst scheint trauernd ihr Haupt verhüllt zu haben--Geht, und
erwartet unsre Entscheidung, was in diesem unglüklichen Handel
Strafe und was Verzeihung verdient--[Ihr aber, getreue Liebende,
die ein allzustrenges Schiksal im Leben getrennt, und nun ein
freiwilliger Tod auf ewig vereiniget hat, lebet, Juliette und Romeo,
lebet in unserm Andenken, und die späteste Nachwelt möge das
Gedächtniß eurer unglüklichen Liebe mit mitleidigen Thränen ehren!]
Romeo und Juliette, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).
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