Romeo und Juliette.
William Shakespeare
Ein Trauerspiel.
Übersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen.
Escalus, Fürst von Verona.
Paris, ein junger Cavalier, dem Fürsten verwandt, und Juliettens
Liebhaber.
Montague und Capulet, die Häupter von zween edlen Geschlechtern,
die in Feindschaft mit einander stehen.
Romeo, Montaguens Sohn.
Mercutio, ein Verwandter des Fürsten, und Romeos Freund.
Benvolio, Vetter und Freund des Romeo.
Tybalt, Neffe des Capulet.
Bruder Lorenz und Bruder Johann, Mönche.
Balthasar, Bedienter von Romeo.
Ein Edelknabe des Paris.
Sampson und) Gregorio(, Capulets Bediente.
Abraham, ein Bedienter von Montague.
Ein Apotheker.
Simon Kazen-Darm, Hug Leyermann und Samuel Windlade, Musicanten.
Peter, der Amme Diener.
Lady Montague.
Lady Capulet.
Julietta, Capulets Tochter.
Die Amme derselben.
Bürger von Verona, Masken, Trabanten, Wache, und andre stumme
Personen.
Die Scene ist im Anfang des fünften Aufzugs in Mantua, und sonst
immer in Verona.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse in Verona.)
(Sampson und Gregorio, zween Bediente der Capulets, treten mit
Schwerdtern und Schilden bewaffnet auf, und ermuntern einander sich
tapfer gegen die Montägues zu halten; ihre ganze Unterredung ist
ein Gewebe von Wortspielen, Doppelsinn und Zoten.)
(Abraham und Balthasar zu den Vorigen.)
Gregorio (zu Sampson.)
Zieh vom Leder, hier kommen ein Paar von den Montägischen--
Sampson.
Meine Fuchtel ist heraus; fang nur Händel an, ich will dir den Weg
weisen--
Gregorio.
So? Willt du davon lauffen?
Sampson.
Sey ohne Sorge, ich will stehen wie eine Mauer; aber es ist doch
das Sicherste, wenn wir das Gesez auf unsrer Seite haben; wir
wollen sie anfangen lassen.
Gregorio.
Ich will die Nase rümpfen, indem ich bey ihnen vorbeygehe; sie
mögen's dann aufnehmen, wie sie es verstehen.
Sampson.
Oder wie sie das Herz dazu haben. Ich will meinen Daumen gegen sie
beissen, welches eine Beschimpfung für sie ist, wenn sie's leiden.
Abraham.
Beißt ihr euern Daumen gegen uns, Herr?
Sampson.
Ich beisse meinen Daumen, Herr.
Abraham.
Beißt ihr euern Daumen gegen uns, Herr?
Sampson (zu Gregorio leise.)
Ist das Gesez auf unsrer Seite, wenn ich sage, ja?
Gregorio.
Nein.
Sampson (laut.)
Nein, Herr, ich beisse meinen Daumen nicht gegen euch, Herr: Aber
ich beisse doch meinen Daumen, Herr.
Gregorio.
Sucht ihr Händel, Herr?
Abraham.
Händel, Herr? Nein, Herr.
Sampson.
Wenn ihr's thut, Herr, so bin ich auch da, ich diene einem so
brafen Mann als ihr.
Abraham.
Keinem bessern.
Sampson.
Gut, Herr. (Benvolio zu den Vorigen.)
Gregorio (zu Sampson leise.)
Sag, einem bessern: Hier kommt einer von unsers Herrn Neffen.
Sampson (laut.)
Ja, einem bessern, Herr.
Abraham.
Ihr lügt.
Sampson.
Zieht, wenn ihr Männer seyd--Gregorio, das war eine Ohrfeige, die
du nicht einsteken must--
Benvolio.
Aus einander, ihr Narren, stekt eure Degen ein, ihr wißt nicht was
ihr thut. (Tybalt zu den Vorigen.)
Tybalt.
Wie, du ziehst deinen Degen gegen diese verzagten Hasen? Kehre dich
um, Benvolio, und sieh deinen Tod an.
Benvolio.
Ich mache nur Frieden; stek deinen Degen ein, oder brauch' ihn, mir
Friede unter diesen Leuten machen zu helfen.
Tybalt.
Wie, mit gezogenem Degen von Frieden schwazen? Ich hasse diess Wort
wie die Hölle, wie alle Montägues und dich--wehr dich, H**
(Sie fechten.)
(Drey oder vier Bürger mit Knitteln treten auf.)
Ein Bürger.
Knittel, Spiesse, Hellebarden her! Schlagt zu! Schlagt sie nieder!
Zu Boden mit den Capulets! Zu Boden mit den Montägues! (Der alte
Capulet in einem Schlafrok, und Lady Capulet.)
Capulet.
Was für ein Lerm ist das? Gebt mir meinen langen Degen, he!
Lady Capulet.
Eine Krüke, eine Krüke--was wollt ihr mit einem Degen machen?
Capulet.
Meinen Degen, sag ich; da kommt der alte Montague, und fuchtelt mir
mit seiner Klinge unter die Nase--
(Der alte Montague, und Lady Montague.)
Montague.
Du nichtswürdiger Capulet--Halt mich nicht, laß mich gehn!
Lady Montague.
Du sollt mir keinen Fuß rühren, um einen Feind zu suchen.
(Der Fürst von Verona mit seinem Gefolge tritt auf, erzürnt sich
gewaltig über diesen Unfug, wirft den beyden Alten vor, daß sie
ihrer Familien-Feindschaft wegen Verona schon dreymal in Aufruhr
gesezt, verbietet ihnen bey Todes-Straffe die Strassen nicht mehr
zu beunruhigen, und tritt, nachdem er sie geschieden, wieder ab.)
Zweyte Scene.
(Der alte Montague, Lady Montague, und Benvolio bleiben zurük.)
Lady.
Wer brachte diesen alten Handel wieder in Bewegung? Redet, Neffe,
war't ihr dabey, wie er angieng?
Benvolio.
Hier fand ich die Bedienten euers Gegentheils, und die eurigen, die
sich mit einander herumschlugen, wie ich kam; ich brachte sie aus
einander: In dem nemlichen Augenblik kam der feurige Tybalt mit
gezognem Degen, den er unter drohenden Herausforderungen über
meinem Kopf schwang, und damit auf die Winde zuhieb, die so wenig
nach seinen Streichen fragten, daß sie ihn noch dazu auszischten.
Wie wir nun an einander waren, so kamen immer mehr Leute, und
fochten zu beyden Seiten, bis der Fürst kam, und uns aus einander
sezte.
Lady.
O wo ist Romeo? Habt ihr ihn heute nie gesehen? Ich bin recht froh,
daß er nicht bey dieser Schlägerey war.
Benvolio.
Madam, eine Stunde eh die* Sonne aufgieng, trieb mich ein
beunruhigtes Gemüth aufzustehen, und vor die Stadt hinaus zu gehen;
und da traf ich auf der West-Seite der Stadt euern Sohn einsam
unter einem Gang von Egyptischen Feigen-Bäumen an. Ich gieng auf
ihn zu; aber kaum ward er mich gewahr, so schlich er sich in das
dichteste Gehölze. Ich urtheilte von seiner Gemüths-Beschaffenheit
nach der meinigen, (denn wir sind innerlich nie mehr beschäftigst,
als wenn wir die Einsamkeit suchen,) und anstatt ihm nachzugehen,
gieng ich meinen Gedanken nach, und war so vergnügt, daß er mich
ausgewichen hatte, als er selbst.
{ed.-* Im Original: "Eh die angebetete Sonne sich durch das goldne
Fenster des Osten sehen ließ." Es ist nichts leichters, als durch
eine allzuwörtliche Übersezung den Shakespear lächerlich zu machen,
wie der Herr von Voltaire neulich mit einer Scene aus dem Hamlet
eine Probe gemacht, die wir an gehörigem Ort ein wenig näher
untersuchen wollen. Indeß erzürnt sich doch Herr Freron zu sehr
über diese und andre Alters-Schwachheiten des Autors der Zayre. Er
mag seine Ursachen dazu haben; aber die Welt urtheilt mit kälterm
Blute; wenigstens werden die Briten, welche sehr wol wissen warum
sie auf ihren Shakespear stolz sind, es dem französischen Poeten
sehr leicht zu gut halten können, daß er (in einem Alter, wo er
sich nicht mehr stark genug fühlt, sich mit der Beute die er ihrem
Shakespear abgenommen zu brüsten) seine Freude daran hatte, durch
eine Schulknaben-mäßige Nachäffung den Narren mit ihm zu spielen,
und dadurch dem Publico wenigstens eben so viel Spaß zu machen, als
er selbst von einer so kindischen Kurzweil nur immer haben kann.}
Montague.
Schon manchen Morgen ist er dort gesehen worden, wie er den
frischen Morgenthau mit seinen Thränen, und die Morgen-Wolken mit
tieffen Seufzern vermehrte; aber kaum fängt die alles erfreuende
Sonne an, im fernsten Osten die Vorhänge von Aurorens Bette
wegzuziehen, so schleicht sich der schwermüthige Jüngling vom Licht
nach Hause und kerkert sich in sein Zimmer ein, versperrt seine
Fenster, schließt das schöne Tageslicht hinaus, und macht sich
selbst eine erkünstelte Nacht. Er muß nothwendig in einen schwarzen
und Unglük-brütenden Humor verfallen wenn nicht bey Zeiten darauf
gedacht wird, die Ursache des Übels wegzuräumen.
Benvolio.
Mein edler Oheim, kennt ihr die Ursache?
Montague.
Ich kenne sie nicht, und kan sie auch nicht aus ihm herausbringen.
Benvolio.
Habt ihr schon in ihn gedrungen?
Montague.
Durch euch selbst und durch viele andre Freunde, aber vergebens;
seines eignen Herzens geheimer Rathgeber, ist er gegen sich selbst,
ich will nicht sagen so getreu, aber doch so geheim und
verschwiegen, so entfernt sich selbst zu verrathen, oder nur einer
Muthmassung Grund zu geben, als eine Blumen-Knospe, die von einem
inwendig verborgnen Wurm gebissen worden, eh sie ihre zarten
Schwingen an der Luft ausspreiten, und ihre Schönheit der Sonne
wiedmen konnte. Könnt' ich nur erfahren, woher sein Kummer
entspringt, es sollte ihm augenbliklich abgeholfen werden. (Romeo
tritt auf.)
Benvolio.
Hier kommt er selbst; wenn's euch beliebt, so gehet bey Seite; ich
will sein Geheimniß ausfündig machen, oder ich müßte mich sehr
betrügen.
Montague.
Ich wünsche, daß du so glüklich seyn mögest--Kommt Madam, wir
wollen gehen.
(Sie gehen ab.)
Benvolio.
Guten Morgen, Vetter.
Romeo.
Ist der Tag noch so jung?
Benvolio.
Es hat eben neune geschlagen.
Romeo.
Weh mir! Wie lang scheinen uns Kummer-volle Stunden! War das mein
Vater, der so eilfertig sich entfernte?
Benvolio.
Er war's; aber was für ein Kummer verlängert Romeo's Stunden?
Romeo.
Der Kummer, das nicht zu haben, was sie verkürzen würde.
Benvolio.
Seyd ihr verliebt?
Romeo.
Ohne Hoffnung wieder geliebt zu werden.
Benvolio.
Wie Schade, daß die Liebe, die von Ferne so reizend anzusehen ist,
so grausam und tyrannisch seyn soll, so bald sie uns erreicht!
Romeo.
Wie Schade, daß die Liebe, mit verbundnen Augen, Pfade zu ihrem
Unglük sehen soll!--Wo werden wir zu Mittag essen?--Weh mir!--Was
für ein Tumult war vorhin?--Doch sagt mir nichts davon, ich hab
alles schon gehört. Der Haß macht hier viel zu thun, aber die Liebe
noch mehr: Wie dann, o mißhellige Liebe! o liebender Haß! O
unwesentliches Etwas, und würkliches Nichts! So leicht und doch zu
Boden drükend! So ernsthaft und doch Tand! Du ungestaltes Chaos von
reizenden Phantomen! Bleyerne Feder, glänzender Rauch, kaltes Feuer,
kranke Gesundheit, immer-wachender Schlaf--o! du wunderbares
Gemisch von Seyn und Nichtseyn!--Das ist die Liebe die ich fühle,
ohne in dem was ich fühle die Liebe zu erkennen--Lachst du nicht?
Benvolio.
Nein, Vetter, ich möchte lieber weinen.
Romeo.
Du gutes Herz! Worüber?
Benvolio.
Dein gutes Herz so beklemmt zu sehen.
Romeo.
Du vermehrest meinen Kummer durch den deinigen, anstatt ihn zu
erleichtern.**--Liebe ist ein Rauch, der vom Hauch der Seufzer
erregt wird, aber gereinigt ein Feuer das in der Liebenden Augen
schimmert--Unglükliche Liebe ist eine See, die mit den Thränen der
Liebenden genährt wird; was ist sie noch mehr? Eine vernünftige
Tollheit, eine erstikende Galle, eine erquikende Herzstärkung--Lebt
wohl, Vetter.
{ed.-** Es ist ein Unglük für dieses Stük, welches sonst so viele
Schönheiten hat, daß ein grosser Theil davon in Reimen geschrieben
ist. Niemals hat sich ein poetischer Genie in diesen Fesseln
weniger zu helfen gewußt als Shakespear; seine gereimten Verse sind
meistens hart, gezwungen und dunkel; der Reim macht ihn immer etwas
anders sagen als er will, oder nöthigt ihn doch, seine Ideen übel
auszudrüken. Die Feinde des Reims werden dieses vielleicht als eine
neue Instanz anziehen, um diese vergebliche Fesseln des Genie den
Liebhabern und Lesern so verhaßt zu machen, als sie ihnen sind.
Aber warum hat z. Ex. Pope die schönsten Gedanken, die
schimmerndste Einbildungskraft, den feinsten Wiz, den freyesten
Schwung, den lebhaftesten Ausdruk, die gröste Anmuth, Zierlichkeit,
Correction, und über alles dieses, den höchsten Grad der
musicalischen Harmonie, deren die Poesie in seiner Sprache fähig
ist, in seinen Gedichten mit dem Reim durchaus zu verbinden gewußt?
Die Reime können vermuthlich nichts dazu, wenn sie für einige
Dichter schwere Ketten mit Fuß-Eisen sind; für einen Prior oder
Chaulieu sind sie Blumen-Ketten, womit die Grazien selbst sie
umwunden zu haben scheinen, und in denen sie so leicht und frey
herumflattern als die Scherze und Liebes-Götter, ihre beständigen
Gefehrten. Shakespears Genie war zu feurig und ungestüm, und er
nahm sich zu wenig Zeit und Mühe seine Verse auszuarbeiten; das ist
die wahre Ursache, warum ihn der Reim so sehr verstellt, und seinen
Übersezer so oft zur Verzweiflung bringt.}
(Er will gehen.)
Benvolio.
Sachte, ich will mitgehen. Ihr beleidigt meine Freundschaft, wenn
ihr mich auf eine solche Art verlaßt.
Romeo.
Still! Ich habe mich selbst verlohren, ich bin nicht hier; das ist
nicht Romeo, er ist sonst irgendwo.
Benvolio.
--*** Aber wer ist dann die Person, die du liebst?
{ed.-*** Hier haben etliche (Non-Sensicalische) Zeilen ausgelassen
werden müssen.}
Romeo.
Ich will dir's sagen, Vetter; ich liebe--ein Weibsbild.
Benvolio.
Das errieth ich, sobald ich merkte, daß ihr verliebt wäret.
Romeo.
Du hast eine vortreffliche Gabe zum Errathen--und sie ist schön,
die ich liebe.
Benvolio.
Ein schönes Ziel ist desto leichter zu treffen.
Romeo.
Aber sie wird von Cupido's Pfeile nicht getroffen werden; sie hat
Dianens Sprödigkeit, und lebt in der wolgestählten Rüstung ihrer
Keuschheit sicher vor Amors kindischem Bogen. Sie sezt sich keinen
nachstellenden Bliken aus, sie öffnet ihr Ohr keinen Liebes-
Erklärungen, noch ihren Schooß dem Golde, das sonst oft die
Heiligen selbst verführt. O! Sie ist reich an Schönheit, und allein
darinn arm, daß der ganze Schaz der Schönheit, in ihr versammelt,
sterblich ist.
Benvolio.
Hat sie denn geschworen, daß sie in ewiger Jungfrauschaft leben
will?
Romeo.
Sie hat, und macht sich durch diese Sparsamkeit einer ungeheuren
Verschwendung schuldig. Denn Schönheit, die durch ihre eigne
Strenge umkommt, vernichtet auf einmal die Schönheit einer ganzen
Nachkommenschaft. Sie ist zu weise um so schön, oder zu schön um so
weise zu seyn; und es ist grausam an ihr, den Himmel damit
verdienen zu wollen, daß sie mich zur Verzweiflung treibt--
Benvolio.
Laßt euch einen guten Rath geben, und vergeßt, an sie zu denken.
Romeo.
O lehre mich erst, wie ich vergessen kan, mich meiner selbst zu
erinnern.
Benvolio.
Gieb deinen Augen ihre Freyheit wieder; lenke deine Aufmerksamkeit
auf andre Schönheiten.
Romeo.
Das wäre das Mittel, alle Augenblike an den Vorzug der ihrigen
erinnert zu werden. Diese glüklichen Schleyer, die die Stirne
schöner Damen küssen, erheben durch ihre Schwärze, die Schönheit,
so sie verbergen. Wer durch einen Unfall blind worden ist, kan
nicht vergessen, was für einen kostbaren Schaz er mit seinem
Gesicht verlohren hat. Zeigt mir ein Frauenzimmer, das unter
tausenden die schönste ist; wozu kan mir ihre Schönheit dienen, als
zu einem Spiegel, worinn ich diejenige erblike, die noch schöner
als die schönste ist? Lebe wohl, und gieb' es auf, mich sie
vergessen zu lehren.
Benvolio.
Ich will diesen Unterricht bezahlen, oder als Schuldner sterben.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Capulet, Paris, und ein Bedienter treten auf.)
Capulet.
Montague ist so gut gebunden als ich; er hat die nemliche Straffe
zu befürchten; und für alte Leute wie wir sind, sollt' es nicht
schwer seyn, Frieden zu halten.
Paris.
Ihr seyd beyde rechtschaffne Männer, und es ist recht zu bedauren,
daß ihr so lang in Mißhelligkeit gelebt habt--Aber nun, gnädiger
Herr, was sagt ihr zu meiner Anwerbung?
Capulet.
Ich kann euch nichts anders sagen, als was ich schon gesagt habe:
Mein Kind ist noch ein neu angekommener Fremdling in der Welt, sie
hat noch nicht vierzehn Jahre gesehen; laßt wenigstens noch zween
Sommer verblühen, eh wir denken können, daß sie zum Braut-Stande
reif sey.
Paris.
Jüngere als sie, sind schon glükliche Mütter geworden.
Capulet.
Und verderben auch desto früher, je frühzeitigere Früchte von ihnen
erzwungen werden. Die Erde hat alle meine andern Hoffnungen
verschlungen; ich habe kein Kind als sie; sie ist das einzige
Vergnügen meines Alters, indeß bewirb dich bey ihr selbst um sie,
mein lieber Paris, such ihr Herz zu gewinnen; wenn du ihren Beyfall
hast, so hast du meine Einwilligung. Diese Nacht geb' ich, einer
alten Gewohnheit nach, ein Gastmahl, wozu ich viele werthe Freunde
eingeladen habe: Vermehret ihre Anzahl, unter allen soll mir keiner
willkommner seyn. Ihr werdet diese Nacht in meinem armen Haus
irdische Sterne sehen, welche die himmlischen selbst verdunkeln
können.* Ihr werdet mit dem Vergnügen, das muntre junge Leute
fühlen wenn der schmuke April den hinkenden Winter vor sich
hertreibt, unter einem Frühling voll neu entfalteter Mädchen-
Knospen wandeln; betrachtet sie alle, höret alle, und laßt euch
diejenige am besten gefallen, die es am meisten verdient; ihr
werdet so viele liebenswürdigere finden, daß die meinige sich
unbemerkt in der Menge verliehren wird. Kommt, geht mit mir--Du,
Bursche, geh, trotte ganz Verona durch, und lade die Personen zu
mir ein, deren Namen auf diesem Zettel stehen--
{ed.-* Hr. Warbürton ist der Welt als ein grosser Criticus bekannt, und
es ist gewiß, daß wir seiner Scharfsinnigkeit viele Verbesserungen
unsers durch die Schauspieler so übel zugerichteten Autors zu
danken haben. Dem ungeachtet, scheint er zuweilen in den fast
allgemeinen Fehler der Verbal-Critiker zu fallen, und mit dem
Shakespear nicht viel besser zu verfahren, als der gelehrte Bentley
mit dem Horaz. Hier ist ein Beyspiel davon, das wir zur Probe
anführen wollen, ob es gleich sonst desto unnöthiger ist, die Leser
mit critischen Noten zu behelligen, da selbige die Kenntniß der
Englischen Sprache voraussezen, und diese Übersezung nur für
diejenige gemacht ist, die das Original nicht lesen können.
Warbürton nennt den Vers: (Earthtreading stars that make dark
heaven's Light), Unsinn, und will daß man lesen soll: (That make
dark Even light)--Eine Verbesserung im echten Bentleyischen
Geschmak! Die Verbesserung ist wahrer Unsinn, der Text aufs höchste
eine weder ungewöhnliche noch unschikliche Hyperbole. Es ist etwas
sehr mögliches, daß die irdischen Sterne, welche Shakespear meynt,
bey einem Bal den Glanz der himmlischen in den Augen eines jungen
Liebhabers verdunkeln; und das ist der natürlichste Sinn des Texts:
Aber daß eine ganze Schaar der schimmerndsten Schönen durch den
blossen Glanz ihrer Augen, einen Tanzsaal so wol erleuchten sollte,
daß man die Lichter dabey ersparen könnte, ist mehr als man auch
der feurigsten Orientalischen Einbildungskraft zumuthen dürfte.
Wenn wir, wie schon öfters geschehen ist, die Lesart des Texts der
vermeynten Verbesserung des Hrn. Warbürtons vorziehen, so geschieht
es allemal mit so gutem Grund als dieses mal, obgleich manche von
denenjenigen, die wir verwerfen, seinem Wiz mehr Ehre machen, als
die gegenwärtige.}
(Capulet und Paris gehen ab.)
Bedienter.
Lade mir die Personen ein, die auf diesem Zettel stehen--Es steht
geschrieben, der Schuster soll sich mit seinem Ellen-Stab abgeben,
der Schneider mit seinem Leist, der Fischer mit seinem Pinsel, und
der Mahler mit seinem Nez. Aber ich soll die Personen finden, deren
Namen hier geschrieben sind, und kan doch nicht finden, was für
Namen die schreibende Person hieher geschrieben hat. Ich muß mich
bey den Gelehrten Raths erholen--Da lauffen mir gerad ihrer ein
Paar in die Hände--
(Benvolio und Romeo treten auf.)
Benvolio.
Still, Mann! Eine Hize treibt die andre aus, und die Pein eines
Schmerzens wird durch einen andern Schmerz vermindert; wenn dir
taumlicht ist, so hilfst du dir damit, daß du dich wieder zurük
drehest, und deiner Hoffnungslosen Liebe kan nicht besser als durch
eine neue geholfen werden.
Romeo.
Wegbreit-Blätter sind unvergleichlich für das.
Benvolio.
Für was, wenn man bitten darf?
Romeo.
Für euern Beinbruch.
Benvolio.
Wie, Romeo, bist du toll?
Romeo.
Nicht toll, aber fester angebunden als irgend einer im Tollhause;
in ein Gefängniß eingesperrt, zur Hunger-Cur verurtheilt,
gepeitscht und gepeinigt: Und--guten Abend, Camerad--
(Zum Bedienten.)
Bedienter.
Einen guten Abend geb' euch Gott: Ich bitte euch, Herr, könnt ihr
lesen?
Romeo.
Ja, mein Schiksal in meinem Unglük.
Bedienter.
Vielleicht habt ihr ohne Buch lesen gelernt; aber ich bitte euch,
könnt ihr alles lesen was ihr seht?
Romeo.
Ja, wenn ich die Buchstaben und die Sprache weiß.
Bedienter.
Das ist gesprochen wie ein Bidermann--Gott behüt' euern guten Humor!
(Er will gehen.)
Romeo.
Bleib, Bursche, ich kan lesen--(Er ließt das Papier.) Signor
Martino und seine Frau und Töchter: Graf Anselmo und seine schönen
Schwestern; die verwittibte Donna Vitruvia; Signor Placentio und
seine liebenswürdige Nichten; Mercutio und sein Bruder Valentin;
mein Oheim Capulet mit Frau und Töchtern; meine schöne Nichte
Rosalinde; Livia, Signor Valentio und sein Vetter Tybalt; Lucio,
und die lebhafte Signora Helena--
Eine hübsche Assamblee, und wohin sollen sie kommen?
Bedienter.
Herauf--
Romeo.
Wohin?
Bedienter.
Zum Nacht-Essen in unser Haus.
Romeo.
In wessen Haus?
Bedienter.
In meines Herren seines.
Romeo.
In der That, das hätte ich dich vorher fragen sollen.
Bedienter.
Nein, ich will euch eine Müh ersparen. Mein Herr ist der grosse
reiche Capulet, und wenn ihr keiner vom Haus der Montägues seyd, so
bitt' ich euch, kommt, und helft uns die Gläser ausleeren. Eine
gute Zeit.
(Geht ab.)
Benvolio.
Wie wohl sich das fügt! die schöne Rosalinde, in die du so verliebt
bist, wird mit allem was das Schönste in Verona ist, diesem
Familien-Gastmal der Capulets beywohnen. Geh du auch hin, vergleich
mit unpartheyischen Augen ihr Gesicht mit einigen, die ich dir
zeigen will, und du sollst finden, daß dein Schwan eine Krähe ist.
Romeo.
**--Eine schönere als meine Liebe! die allsehende Sonne sah niemals
ihres gleichen, seit die Welt begann.
{ed.-** Eine Lüke von vier abgeschmakten Reimen.}
Benvolio.
Gut, gut! Ihr habt sie nur gesehen, wenn keine andre dabey war, und
ihr sie, in beyden Augen, nur mit sich selbst abwoget; aber laßt
ihre Reizungen in diesen crystallnen Waagschaalen gegen ein
gewisses andres Mädchen, das ich euch bey diesem Gastmahl in seinem
vollen Glanze zeigen will, abgewogen werden; so wird euch diejenige
kaum noch erträglich vorkommen, die izt die beste scheint.
Romeo.
Ich will mit dir gehen, nicht weil ich dir glaube, sondern um das
Vergnügen zu haben, dich von dem Triumph meiner Geliebten zum
Zeugen zu machen.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Lady Capulet und die Amme treten auf.)
Lady.
Amme, wo ist meine Tochter? Ruffe sie zu mir heraus.
Amme.
Nun, bey meiner Jungferschaft, (wie ich zwölf Jahre alt war, meyn'
ich;) ich sagte ihr, sie möchte kommen; wie, Schäfchen--he! Mein
Däubchen--daß uns Gott behüte! Wo ist das Mädchen? he! Juliette!
(Juliette zu den Vorigen.)
Juliette.
Was ists? Wer ruft?
Amme.
Eure Frau Mutter.
Juliette.
Madam, hier bin ich, was ist euer Wille?
Lady.
Das ist eben die Sache--Amme, verlaß uns eine Weile, wir müssen
allein mit einander reden; Amme, komm wieder zurük, ich habe mich
anders besonnen, du darfst wohl bey unsrer Unterredung zugegen seyn:
du weist, meine Tochter hat ein artiges Alter.
Amme.
Mein Treu, ich kan ihr Alter bey einer Stunde sagen.
Lady.
Sie ist noch nicht vierzehn.
Amme.
Ich will gleich vierzehn Zähne daran sezen, (und doch muß ich's zu
meiner Schande sagen, ich habe nur noch vier,) sie ist nicht
vierzehn; wie lang ist es noch von izt bis an St. Peters-Tag?
Lady.
Vierzehn Tage, oder noch ein paar drüber.
Amme.
Sey es vierzehn Tage oder fünfzehn, das thut nichts, kommt St.
Peters-Abend, so wird sie vierzehn seyn. Süßchen und sie (Gott
tröst ihre Seele!) waren von gleichem Alter. Wohl, Süßchen ist im
Himmel, sie war zu gut für mich. Aber, wie ich sagte, an St. Peters-
Abend des Nachts wird sie vierzehn seyn, das wird sie, meiner Six,
ich erinnre mich's als ob's seit gestern wäre. Es ist seit dem
Erdbeben nun eilf Jahre daß sie entwöhnt wurde; unter allen Tagen
im Jahr will ich den Tag nicht vergessen; ich hatte denselben Tag
Wermuth an meine Brust gestrichen, und saß in der Sonne an der
Mauer unter dem Dauben-Schlag; der Gnädige Herr und Eu. Gnaden
waren damals zu Mantua--gelt, ich kan etwas im Kopf behalten?--Aber,
wie ich sagte, wie das Kind den Wermuth an meiner Brustwarze
kostete, und schmekte daß es bitter war, das artige Närrchen, da
hättet ihr sehen sollen, wie es so gescheid war und augenbliklich
die Brust fahren ließ. Schüttle dich, sagte der Dauben-Schlag--mein
Treu! es mußte mir niemand sagen, daß ich hurtig lauffen sollte;
und seitdem ist es nun eilf Jahre, denn sie konnte damals schon
allein stehen; ja, bey meiner Treu, sie, konnte schon lauffen, und
watschelte schon allenthalben herum; dann just den Tag vorher, da
sie das Loch in ihre Stirne fiel, und da hub mein Mann (Gott tröst
ihn, er war ein muntrer Mann) da hub er das Kind auf; so, sagt' er,
fällst du auf die Nase? Du wirst auf den Rüken fallen, wenn du mehr
Verstand haben wirst; wirst du nicht Julchen? Und, bey unsrer
lieben Frauen! Das artige Tröpfchen hörte auf schreyen, und sagte,
Ay--so daß man sehen kan, wie endlich aus Spaß Ernst wird--Da steh
ich dafür, und wenn ich tausend Jahre leben sollte, so vergeß ichs
nicht: Wirst du nicht, Julchen, sagt' er? Und das artige Närrchen,
es hörte auf schreyen, und sagte, Ay!
Lady Capulet.
Genug hievon, ich bitte dich, stille!
Amme.
Ja, Gnädige Frau; und doch kan ich mir nicht helfen, ich muß lachen,
wenn ich dran denke daß es aufhörte zu schreyen, und Ay sagte; und
doch bin ich gut dafür, daß es eine Beule an der Stirne hatte, so
dik wie ein junger Hahnen-Stein, eine recht gefährliche Beule, und
es weinte bitterlich. So, sagte mein Mann, fällst du auf die Nase?
Du wirst rükwärts fallen, wenn du älter wirst, wirst du nicht,
Julchen? Und da schwieg es, und sagte, Ay.
Juliette.
Und schweig du auch, ich bitte dich, Amme, sag ich.
Amme.
Still, ich bin fertig: Gott zeichne dich zu seinem Segen aus! Du
warst das holdseligste Kind, das ich gesäugt habe; und wenn ich nur
so lange lebe, daß ich dich verheurathet sehe, so wünsch' ich mir
nichts mehr.
Lady Capulet.
Diese Heurath ist eben die Sache, wovon ich reden wollte. Sagt mir,
Tochter Juliette, habt ihr Lust zum Heurathen?
Juliette.
Es ist eine Ehre, von der ich mir nicht träumen lasse.
Amme.
Eine Ehre? Wenn ich nicht deine leibliche Amme wäre, so würd' ich
sagen, du habst die Weisheit mit der Milch eingezogen.
Lady Capulet.
Gut, es ist nun Zeit daran zu denken; es giebt hier in Verona
jüngere als ihr, und Frauenzimmer von Stand und Ansehen, die schon
Mütter sind. Bey meiner Ehre, in dem Alter worinn ihr noch ein
Mädchen seyd, war ich schon eure Mutter. Ich will's also kurz
machen, und euch sagen, daß sich der junge Paris um euch bewirbt.
Amme.
Ein Mann, junges Fräulein, ein Mann, dessen gleichen in der ganzen
Welt--Sapperment! es ist ein Mann wie in Wachs boßiert.
Lady Capulet.
Verona's Sommer hat keine schönere Blume.
Amme.
Das ist wahr, er ist eine Blume; mein Treu, eine wahre Blume.
Lady Capulet.
Was sagt ihr dazu? Gefällt euch der Cavalier? Ihr werdet ihn diese
Nacht bey unserm Gastmahl sehen; beobachtet ihn recht, ihr werdet
gestehen müssen, daß nichts liebenswürdigers seyn kan. Er ist eurer
würdig, und wird euch glüklich machen*--Doch, ihr habt ihn ja sonst
schon gesehen; sagt, mit einem Wort, könnt ihr euch seine Liebe
gefallen lassen?
{ed.-* Man hat gut gefunden diese Rede zu verändern und
abzukürzen. Sie ist im Original die Grundsuppe der abgeschmaktesten
Art von Wiz, und des Characters einer Mutter äusserst unwürdig.
Pope scheint zu vermuthen, daß sie von Schauspielern eingeflikt
worden sey.}
Juliette.
Ich will ihn erst genauer betrachten; alles was ich izt sagen kan,
ist, daß meine Augen allezeit durch euern Willen geleitet werden
sollen. (Ein Bedienter zu den Vorigen.)
Bedienter.
Gnädige Frau, die Gäste sind angekommen, das Essen ist aufgetragen,
man wartet auf Euer Gnaden und mein junges Fräulein, man flucht auf
die Amme im Speißgewölbe, und alles ist in der Extremität. Ich muß
wieder zur Aufwartung; ich bitte euch, kommet augenbliklich.
Lady Capulet.
Wir kommen--Juliette, es wird den Grafen nach dir verlangen.
Amme.
Geh, Mädchen, und suche zu deinen guten Tagen auch glükliche Nächte.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene.
(Eine Strasse vor Capulets Haus.)
(Romeo, Mercutio, Benvolio mit fünf oder sechs andern Masken,
Fakel-Trägern und Trummeln.)
Romeo.
Wie, soll diese Rede unsre Entschuldigung machen, oder wollen wir
ohne Apologie auftreten?
Benvolio.
Diese Weitläufigkeiten sind nicht mehr Mode. Wir brauchen keinen
Cupido, mit einer Schärpe von Flittergold und einem gemahlten
Tartar-Bogen von Schindeln, der die armen Mädchen, wie ein Vögel-
Schrek die Krähen, zu fürchten macht. Sie mögen von uns halten was
sie wollen, wenn wir ihnen nicht gefallen, oder sie uns nicht, so
gehen wir wieder.
Romeo.
Gebt mir eine Fakel; ich bin nicht im Humor, Sprünge zu machen.
Mercutio.
Nicht doch, mein lieber Romeo, ihr müßt eins tanzen.
Romeo.
Ich gewiß nicht, das glaubt mir; ihr habt Tanzschuhe mit dünnen
Solen, ich habe eine Seele von Bley,* die mich so zu Boden zieht,
daß ich nicht von der Stelle kommen kan.
{ed.-* Wortspiel mit Sole, und Soul, welche fast gleich ausgesprochen
werden. }
Mercutio.
Ihr seyd ein Liebhaber; borgt dem Cupido seine Flügel ab, und
schwingt euch damit empor.**
{ed.-** In dieser Rede, der Antwort des Romeo, und etlichen
folgenden Zeilen, die man gänzlich weglassen mußte, dreht sich
alles um Wortspiele mit (Bound) und (bound, soar) und(sore), und
ein paar eben so frostige Antithesen herum. Alles dieses armselige
Zeug findet sich, wie Pope bemerkt, nicht in der ersten Ausgabe
dieses Stüks von 1597.}
Romeo.
Ich bin zu hart von seinem Pfeil verwundet, als daß ich mich auf
seinen Flügeln erheben könnte--
Mercutio.
Gebt mir ein Futteral, worein ich mein Gesicht steken kan--
(Er nimmt seine Maske ab.)
--Eine Maske für ein Frazen-Gesicht!--wozu brauch ich eine Maske?
Es wird niemand so vorwizig seyn, ein Gesicht wie das meinige genau
anzusehen.
Benvolio.
Kommt, wir wollen anklopfen und hineingehn; und wenn wir einmal
drinn sind, dann mag ein jeder seinen Füssen zusprechen.
(Hier fallen noch etliche sinnreiche Wizspiele von der
grammaticalischen Art, zwischen Mercutio und Romeo weg.)
Romeo.
Wir gedenken uns bey diesem Ball eine Kurzweil zu machen, und doch
sind wir nicht klug, daß wir gehen.
Mercutio.
Warum, wenn man fragen darf?
Romeo.
Mir träumte vergangne Nacht--
Mercutio.
Mir auch.
Romeo.
Gut, was träumte euch?
Mercutio.
Daß Träumer manchmal lügen.
Romeo.
Ja, in ihrem Bette,*** wo sie oft wahre Dinge träumen.
{ed.-*** Wortspiel mit lie und lye, liegen, und lügen, welches sich
zu gutem Glük übersezen läßt.}
Mercutio.
O, dann seh ich, daß ihr einen Besuch von der Königin Mab gehabt
habt. Sie ist die Heb-Amme der Phantasie, kommt bey Nacht, nicht
grösser als ein Agtstein am Zeigfinger eines Aldermanns, und fährt
euch mit einem Gespan von kleinen Atomen über die Nasen der
Schlafenden hin. Ihre Rad-Speichen sind von langen Spinnen-Beinen,
die Deken von Grashüpfers-Flügeln, das Geschirr vom feinsten
Spinnen-Web, die Kummet von Mondscheins-Stralen; ihre Peitsche von
einem Grillen-Bein, und der Riemen von der feinsten Membrane; ihr
Kutscher eine dünne grau-rokichte Schnake, nicht halb so dik als
ein kleiner runder Wurm, den der schleichende Finger eines kleinen
Mädchens aufgestochert hat. Ihr Wagen ist eine leere Hasel-Nuß, von
Schreiner Eichhorn, oder Meister Wurm gemacht, die seit
unfürdenklicher Zeit die Wagner der Feen sind: und in diesem Staat
galloppiert sie, Nacht für Nacht, durch das Gehirn der Verliebten,
und dann träumen sie von Liebe; über die Kniee der Hofleute, welche
dann straks von Aufwartungen; über die Finger der Advocaten, die
straks von Sporteln; über die Lippen der Damen, die straks von
Küssen träumen, aber oft von der erzürnten Mab mit Hiz-Blattern
gestraft werden, wenn ihr Athem nach parfümiertem Zuker-Werk riecht.
Zuweilen galloppiert sie über eines Hofschranzen Nase, und da
träumt er, er hab' eine Pension ausgespürt: ein andermal kommt sie
mit dem Wedel eines Zehend-Schweins in der Hand, und küzelt den
schnarchenden Pfarrer; straks träumt er, daß er eine bessere
Pfründe bekommen habe. Zuweilen fährt sie über eines Soldaten Hals,
und da träumt er von ausländischen Hälsen die er abgeschnitten, von
Friedens-Brüchen, Scharmüzeln, Spanischen Klingen, und fünf-Faden-
tieffen Gesundheiten; dann trummelt sie wieder in seinen Ohren und
er fährt erschroken auf, und erwacht, schwört ein paar Stoß-Gebette,
und schläft wieder ein. Das ist die nemliche Mab, die den Kühen
die Milch aussaugt, und den Pferden im Schlaf die Mähne verstrikt;
das ist die Drutte,
(der Alp,)
welche die Mädchens drükt, wenn sie Nachts auf dem Rüken ligen--
das ist--
Romeo.
Stille, Stille, Mercutio, wie lange kanst du von nichts reden?
Mercutio.
In der That, ich rede von Träumen, diesen Kindern die ein müßiges
Hirn mit der eiteln Phantasie erzeugt, welche so wenig Leib hat als
die Luft, und unbeständiger ist als der Wind, der nur eben um den
kalten Busen des Nords buhlte, und den Augenblik drauf, in einem
Anstoß von Laune, hinwegstürmt, und sein Gesicht dem thauichten Sud
zudreht.
Benvolio.
Dieser Wind von dem ihr euch so gelassen besprecht, bläßt uns von
uns selbst weg; das Gastmal ist indeß vorbey, und wir werden zu
spät kommen.
Romeo.
Ich fürchte, nur zu früh--Denn mein Gemüth weissagt mir irgend eine
schwarze noch in den Sternen hangende Begebenheit, die von den
Spielen dieser Nacht ihren furchtbaren Anfang nehmen, und
vielleicht das Ziel meines verhaßten Lebens durch die gewaltsame
Hand eines frühzeitigen Todes beschleunigen wird. Doch Er, der das
Steuer-Ruder meines Lauffes führt, lenk' ihn nach seinem Gefallen!--
Wohlan, meine muntern Freunde!
Benvolio.
Rührt die Trummel!--
(Sie ziehen über den Schauplatz, und treten ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in eine Halle in Capulets Hause.)
(Etliche Bediente, mit Handtüchern.)
1. Bedienter.
Wo ist Potpan, daß er uns nicht aufräumen hilft--er hat einen
Teller weggeschnappt! Er hat einen Teller mit sich gehen heissen!
2. Bedienter.
Wenn gute Manieren alle in eines oder zweener Händen liegen, und
die noch dazu ungewaschen sind, das ist eine garstige Sache.
1. Bedienter.
Fort mit den Lehnstühlen, das kleine Schenk-Tisch'gen aus dem Wege,
seht zu dem Silber-Geschirr; du, guter Freund, mache daß du mir ein
Stük Marzipan auf die Seite kriegst; und wenn du mich lieb hast, so
sorge, daß der Thorhüter Susanna Mühlstein und Nell, Antoni und den
Potpan hereinläßt--
2. Bedienter.
Gut, Junge, das will ich.
3. Bedienter.
Man sieht sich nach euch um, man ruft euch, man fragt nach euch,
man sucht euch, im grossen Saal.
2. Bedienter.
Wir können nicht an zween Orten zugleich seyn; hurtig, ihr Jungens;
seyd eine Weile munter, und wer alle andre überlebt, kriegt alles!--
(Sie gehen ab.)
(Die Gäste und Damen, nebst den Masken treten sämtlich auf.)
1. Capulet.
Willkommen, meine Herren--Und ihr, meine Damen, ihr habt noch keine
Hüner-Augen an den Zehen, wir wollen eins lustig mit einander
machen. Ich will doch nicht hoffen, meine Königinnen, daß mir eine
unter euch ein Tänzchen abschlagen wird--eine jede, die sich lange
bitten läßt, hat Hüner-Augen, das schwör' ich;--He? bin ich euch zu
nah gekommen?--Willkommen allerseits, ihr Herren; ich weiß die Zeit
auch noch, da ich eine Maske trug, und einem jungen Fräulein
hübsche Sachen ins Ohr flüstern konnte; aber es ist vorbey, vorbey,
vorbey!
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