Uber die Dichtkunst
Von
Aristoteles
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ÜBER DIE DICHTKUNST
BEIM
ARISTOTELES
NEU ÜBERSETZT UND
MIT EINLEITUNG UND EINEM ERKLÄRENDEN
NAMEN- UND SACHVERZEICHNIS VERSEHEN
VON
ALFRED GUDEMAN
1921
* * * * *
VORWORT
Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen (s. III) Bibliothek
eine Neuauflage der vergriffenen -Ueberwegschen- Übersetzung der
aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der
Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins
und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen
Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die
mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die
unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen
Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken
habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen.
Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil
derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen
Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes
Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke
größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten
auch nur annähernd im voraus zu bestimmen.
Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht
festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine
solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die
-Ueberwegsche- Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene
beruhte nämlich noch auf dem -Bekkerschen- Texte, der im wesentlichen
nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus
konservativ, selbst von dem -Vahlen-'s (1886) an fast 300 Stellen
abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend
ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.[1]
Sodann hatte sich -Ueberweg-, ebenso wie (s. IV) seine Vorgänger und
Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen
und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen,
lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark
elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig
und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer
Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis
attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an
einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein
Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu
erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei
Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der
weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß
ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung -Ueberwegs- nicht
aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen
und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen.
Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio
gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne
Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der
textkritische Anhang -Ueberwegs- in Wegfall kommen mußte, versteht sich
von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden
Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser
selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen".
Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben,
in jedem Fall waren auch sie, (s. V) einige rein sachliche Belege
ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek"
vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich
jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte
Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun
erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich
das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich
schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen
Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden
Raum nicht zu überschreiten.
Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt
auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren
Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die
obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen
dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird.
Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine
wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet.
München, Juli 1920.
Alfred Gudeman.
* * * * *
INHALTSVERZEICHNIS (s. VI)
* * * * *
/*
I. Allgemeiner Teil: c. 1--5.
1. Kurze Inhaltsangabe: c. 1, 1.
2. Dichtungen sind nachahmende Darstellungen: c. 1, 2.
3. Dreifacher Unterschied: c. 1, 3--3, 2.
a) Nach den Mitteln: c. 1, 4--6.
(1) Harmonie und Rhythmus (Instrumentalkünste): c. 1, 4.
(2) Bloßer Rhythmus (Tanzkunst): c. 1, 4.
(3) Bloße Rede, in Prosa oder Versen (Epos, Mimen, Sokratische
Dialoge): c. 1, 5.
(4) Harmonie, Rhythmus, Verse (Dithyrambos, Nomos, Drama): c. 1, 6.
b) Nach den Gegenständen (Edle und unedle Handlungen): c. 2, 1--3.
c) Nach der Art und Weise: c. 3, 1--2.
(1) Erzählend (Epos): c. 3, 1.
(2) Handelnd (Drama): c. 3, 1.
(3) Schlußfolgerung: c. 3, 2.
4. Einschaltung über die dorischen Ansprüche auf die Erfindung des Dramas,
insbesondere der Komödie: c. 3, 3--4.
5. Die zwei natürlichen, der Poesie zugrundeliegenden Ursachen.
a) Nachahmungstrieb und Freude an der Nachahmung: c. 4, 1--2.
b) Gefühl für Rhythmus und Harmonie: c. 4, 3.
6. Spaltung der Dichtungsgattungen nach der Sinnesart der Dichter.
Die literargeschichtliche Entwicklung: c. 4, 4--5, 2.
7. Unterschied zwischen Epos und Tragödie, insbesondere den Umfang betreffend:
c. 5, 3--4.
* * * * *
II. Besonderer Teil: c. 6--26.
A. -Die Tragödie-: c. 6--22.
1. Die Definition der Tragödie: c. 6, 1--2.
2. Die sechs qualitativen Teile: c. 6, 3--5.
3. Deren Rangordnung: c. 6, 6--15.
a) Die Fabel: c. 6, 6--10.
b) Die Charaktere: c. 6, 11.
c) Die Gedanken: c. 6, 12-13.
d) Der sprachliche Ausdruck: c. 6, 14.
e) Die musikalische Komposition: c. 6, 15.
f) Die szenische Ausstattung: c. 6, 15.
4. Die Fabel: c. 7--14. 16--18. (s. VII)
a) Sie muß ein richtiges Ganze von einem bestimmten Umfang sein:
c. 7, 1--3.
b) Einheit der Handlung, nicht Einheit der Person erforderlich:
c. 8, 1--4.
c) Der Unterschied des Dichters und des Geschichtsschreibers:
c. 9, 1--7.
d) Episodische Fabeln ein Verstoß gegen die Einheit: c. 9, 8.
e) Das Wunderbare und der Zufall als dramatische Motive: c. 9, 9.
f) Einfache und verflochtene Fabeln: c. 10, 1--2.
g) Die drei Teile der Fabel: c. 11.
(1) Peripetie: c. 11, 1.
(2) Erkennung: c. 11, 2--4.
(3) Die leidvolle Tat (Pathos): c. 11, 5.
h) Exkurs über die quantitativen Teile der Tragödie: c. 12, 1--2.
(1) Prolog.
(2) Epeisodion.
(3) Chorlied (Parodos, Stasimon, Kommos).
(4) Exodos.
i) Wie die Fabel beschaffen sein muß, um Mitleid und Furcht zu
erregen: c. 13--14.
(1) Der Held muß eine Mittelstellung einnehmen zwischen
dem Makellosen und dem Bösewicht: c. 13, 1--3.
(2) Der einfache Ausgang dem doppelten vorzuziehen: c. 13, 4--6.
(3) Die vier Arten der Handlung, die Mitleid und Furcht erregen
und deren Rangordnung: c. 14,1--9.
(a) A kennt B und tötet ihn.
(b) A kennt B nicht und tötet ihn, mit oder ohne
Erkennung nach der Tat.
(c) A kennt B und steht von dem Versuch ab, ihn
zu töten.
(d) A kennt B nicht, durch Erkennung an dem
Versuch ihn zu töten verhindert.
5. Die vier Charaktereigenschaften und ihre Gegensätze: c. 15, 1--10.
a) Sittlich-gut: c. 15, 1.
b) Angemessen: c. 15, 2.
c) Historisch ähnlich: c. 15, 3.
d) Konsequent: c. 15, 4.
e) Gegensätze: 15, 5--10.
6. Die verschiedenen Erkennungsarten und ihr Kunstwert: (s. VIII)
c. 16, 1--5.
a) Zeichen: c. 16, 1.
(1) Angeborene.
(2) Erworbene.
(a) Körperliche.
(b) Andere äußerliche.
b) Vom Dichter erfundene Erkennungsarten: c. 16, 2.
c) Vermittelst der Erinnerung: c. 16, 3.
d) Vermittelst einer Schlußfolgerung: c. 16, 4.
7. Vorschriften für die Komposition der Tragödie: c. 17--18.
a) Der Dichter muß sich die Situation leibhaft vergegenwärtigen
c. 17, 1.
b) Er muß die Gefühlsstimmungen seiner Personen an sich selbst
darstellend erproben: c. 17, 2.
c) Er muß erst einen allgemeinen Umriß der Fabel entwerfen
und dann Namen und Episoden einfügen: c. 17, 3.
d) Die Episoden müssen begrenzt sein: c. 17, 4.
e) Schürzung und Lösung des dramatischen Knotens: c. 18, 1--3
f) Die Tragödie darf nicht episch angelegt sein: c. 18,4--5.
g) Der Chor muß die Rolle eines Schauspielers annehmen
und eng mit der Handlung verknüpft sein. Daher chorische
Intermezzi (Embolima) zu verwerfen: c. 18, 6.
8. Die Gedankenbildung in das Gebiet der Rhetorik verwiesen: c 19, 1.
9. Der sprachliche Ausdruck: c. 19, 2--c. 22.
a) Die Modalitäten der Rede: c. 19, 2.
Befehl (Imperativ)--Wunsch (Optativ)--Erzählung (Indikativ)--Drohung,
Frage und Antwort.
b) Die Bestandteile der Rede: c. 20, 1--8.
(1) Buchstabe: c. 20, 1.
(2) Silbe: c. 20, 2.
(3) Bindewort: c. 20, 3.
(4) Artikel: c. 20, 4.
(5) Substantiv: c. 20, 5.
(6) Verbum: c. 20, 6.
(7) Flexion: c. 20, 7.
(8) Satz: c. 20, 8.
c) Ausdrucksarten: c. 21v»
(1) Komposita: c. 21, I.
(2) Wortklassen: c. 21, 2.
(a) Allgemein gebräuchliche Ausdrücke: c 21, 3. (s. IX)
(b) Glosse: c 21, 3.
(c) Metapher: c. 21, 4.
aa. Von der Gattung auf die Art.
bb. Von der Art auf die Gattung,
cc. Von der Art auf die Art.
dd. Auf Grund einer Proportion.
(d) Schmückendes Beiwort: c. 21, 5.
(e) Neugebildetes Wort: c. 21, 6.
(f) Verlängertes und verkürztes Wort: c. 21, 7.
(g) Umgewandeltes Wort: c. 21, 8.
(3) Das grammatische Geschlecht: c. 21, 9.
d) Die Güte des sprachlichen Ausdrucks: c. 22, 1--8.
B. -Das Epos-: c. 23--c. 24.
1. Einheit und Umfang des Epos. Vorzüge Homers: c. 23-24, 4.
2. Einheitliches Versmaß: c. 24, 5.
3. Weitere homerische Vorzüge: c. 24, 6.
4. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Tragödie
in der Behandlung gleichzeitiger Ereignisse: c. 24, 7.
5. Homer als Lehrer der zweckmäßigen Lüge (dichterische
Illusion): c 24, 8.
6. Das Vernunftwidrige im Epos: c. 24, 9.
7. Der sprachliche Ausdruck im Epos: c. 24, 10.
C.[2] Die -fünf Probleme- (kritischen Einwendungen) in einem
Dichtwerk und deren -zwölf Lösungen- (Widerlegungen,
Rechtfertigungen): c. 25, 1--22.
(I.)Das -Unmögliche-:
1. Es entspricht dem Zwecke der Kunst.
2. Es betrifft Unwesentliches, Zufälliges.
(II.) Das -Vernunftwidrige- oder Unwahrscheinliche.
3. Es hätte so sein sollen (Idealisierung).
4. Es entspricht dem allgemeinen Glauben.
5. Es ist historisch beglaubigt.
(III.) Das -moralisch Schädliche-.
6. Der an das Sittliche zu legende Maßstab ist ein
relativer.
(IV.) Das -Widerspruchsvolle-.
7. Auf Grund des dialektischen Verfahrens zu lösen.
(V.)-Verstoß gegen die Kunstrichtigkeit-.(s. X)
8. Auf Grund der Annahme einer Glosse oder Metapher.
9. Der Prosodie (Akzent und Spiritus).
10. Der Interpunktion.
11. Der Amphibolie (Doppelsinn).
12. Des Sprachgebrauchs.
D. Warum die Tragödie vor dem Epos den Vorzug verdient: c. 26, 1--9
*/
* * * * *
EINLEITUNG
* * * * *
1. Die Bedeutung der Poetik.
Es gibt kein Werk gleich geringen Umfangs, das sich (s. XI) auch nur
entfernt mit dem Einfluß messen kann, den die aristotelische Poetik
Jahrhunderte lang ausgeübt hat. Freilich werden wir heute nicht mehr,
wie einst -Lessing-, deren Lehren für ebenso unfehlbar halten wie die
Elemente des -Euklid-. Im Gegenteil, man wird ohne weiteres zugeben
müssen, daß für die Dramatiker der Gegenwart--das Epos kommt nicht in
Betracht da es ganz in dem Roman aufgegangen ist---Aristoteles- als
literarischer Gesetzgeber ein völlig überwundener Standpunkt ist.
Andrerseits ist es aber nicht minder wahr, daß auch heute noch niemand
der Kenntnis der Poetik schadlos entraten kann, der auch nur
oberflächlich sich mit den Literaturen, namentlich Italiens, Frankreichs
und Englands vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrh., beschäftigen
will. Und ebensowenig darf der Ästhetiker, der literarische Kritiker
oder Literarhistoriker an diesem Büchlein achtlos vorübergehen, sollen
seine rein theoretischen Darlegungen über viele in das Gebiet der
Dichtkunst einschlägige Probleme nicht von vornherein einer wichtigen
Grundlage entbehren. Was vollends dem klassischen Philologen die Poetik
des Aristoteles ist und stets sein wird, bedarf keines weiteren Wortes.
* * * * *
2. Die Poetik im Altertum.
Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß
sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster
Hand geschöpften Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der
aristotelischen (S. XII) Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht
auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des
-Aristoteles-, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß
jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren
Quellen entlehnt sind.
Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes
dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von -Andronikos-
v. Rhodos, einem Zeitgenossen -Ciceros-, zusammen mit anderen Werken des
-Aristoteles- in Rom herausgegeben worden zu sein. -Horaz-, bzw. sein
viel älterer Gewährsmann, -Neoptolemos- v. Parion (c. 260 v. Chr.),
zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung
der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken
erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser
-Philodemos- v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann
brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt
nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen
Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die
Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose
Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen
Epen, wie die des Oppian, -Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos,
Triphiodor-, ja selbst des -Nonnos-, stammen aus sehr später Zeit und
kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn
auch von den Lehren des -Aristoteles- keinen Hauch verspüren lassen. Es
darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des
Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder
finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben entgegengebrachte
Gleichgültigkeit wird es wohl auch (S. XIII) zum Teil verschuldet haben,
daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz
verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste
aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die
Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen
Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der
Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem
unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen
oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war,
erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere
Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie
als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich
stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften
vereint überliefert wurde.
* * * * *
3. Textgeschichte.
Die nachweisbar älteste Handschrift war ein in Unzialen ohne
Worttrennung oder Interpunktion geschriebener mit zahlreichen
Randbemerkungen versehener und spätestens dem 5./6. Jahrh. angehöriger
Kodex, dem der Schluß der Poetik aber ebenfalls bereits abhanden
gekommen war. Im 9. Jahrh. wurde er von einem Nestorianischen Mönch
wörtlich ins Syrische übersetzt. Diese Übertragung bildete ihrerseits
die Vorlage für die arabische Übersetzung des -Abu Bishar Matta-
(990--1037), die in einer arg ververstümmelten und lückenhaften Pariser
Hs des 11. Jahrh. erhalten ist. Aufs dem arabischen Text beruhte die
jämmerlich verkürzte, zum Teil sinnlose Paraphrase des berühmten
arabischen Gelehrten -Averröes- (1126 bis 1198), denn die
orientalischen Übersetzer standen (S. XIV) dem Inhalt der Poetik mit der
denkbar tiefsten Verständnislosigkeit gegenüber. Eine genaue
Untersuchung hat aber den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß jene
alte, griechische Hs einen weit vorzüglicheren Text darbot als die
älteste uns erhaltene Hs, der Parisinus 1741 aus dem 10. Jahrh. und daß
die bisher fast allgemein geltende Ansicht, dieser sei der Stammvater
aller späteren, übrigens sehr zahlreichen Hss, den Tatsachen nicht
entspricht.
* * * * *
4. Die Poetik in der Neuzeit.
Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade um die Zeit, da die
Hegemonie des -Philosophen Aristoteles-, der die Gedankenwelt des
Mittelalters beherrscht hatte, sich ihrem Ende zuneigte, seine Poetik
aus langer Vergessenheit im Abendlande wieder auftauchte und er nun
alsbald als literarischer Diktator, gleichsam als Ersatz für das
verlorene Reich, einen erneuten Siegeslauf antrat. Die Poetik erschien
zuerst in einer wörtlichen lateinischen Übersetzung des -Georgius Valla-
(1498), die editio princeps des Originals zehn Jahre später in einer
Aldina. Den ersten Kommentar lieferte F. -Robortelli- (Florenz l548),
dem innerhalb zwei Dezennien drei weitere gelehrte und umfangreiche
Kommentare folgten: -Madius- (Venedig 1550), -P. Victorius- (Florenz
1560) und -Castelvetro- (Wien 1570). Bis etwa zur Wende des 18. Jahrh.
waren bereits mehr als 100 Ausgaben und Übersetzungen erschienen--die
Poetik wurde öfter als irgendein anderes Werk griechischer Prosa
herausgegeben,--doch ist im wesentlichen, weder in der Textkritik noch
in der Erklärung, ein nennenswerter Fortschritt über die genannten
Leistungen zu verzeichnen. Ein solcher trat erst mit den Arbeiten (S.
XV) zweier Engländer, -Twining- (1789) und -Tyrwhitt- (1794) ein,
während -Lessing- etwas früher in der Hamburgischen Dramaturgie (1767/8)
das Studium der Poetik in Deutschland zu neuem Leben erweckte. Die erste
deutsche Übersetzung von -Curtius- (1755) war nämlich als solche sehr
kläglich ausgefallen und die ihr beigegebenen Abhandlungen waren ganz
von -Dacier- (1692) abhängig und in Gottschedschem Geiste geschrieben
Sie hat aber insofern ein gewisses historisches Interesse, weil sowohl
-Goethe- wie -Schiller- die aristotelische Schrift aus ihr kennen
lernte. Eine neue Epoche sowohl für die Textkritik wie für die Erklärung
begann dann erst wieder mit -Vahlen-, der zuerst konsequent die Recensio
auf die älteste Hs, den Parisinus 1741 (A^c), aufbaute und in
seinen "Beiträgen zu -Aristoteles- Poetik" ("Wien 1865/6), einer der
hervorragendsten hermeneutischen Leistungen unserer Wissenschaft, das
Verständnis der Poetik mächtig förderte. Mehr negativ von Bedeutung war
sodann die glänzende Abhandlung von -J. Bernays- (1857) über die
Katharsis da sie der Ausgangspunkt einer gewaltigen Kontroverse wurde,
die bis auf den heutigen Tag noch nicht zur Ruhe gekommen ist.
Etwa gleichzeitig mit jenen vier großen italienischen Kommentatoren des
16. Jahrh. begann die literarische Kritik sich mit den Lehren der
Schrift zu beschäftigen, wobei der Einfluß des -Castelvetro- besonders
verhängnisvoll werden sollte, denn das berühmte Gesetz der "Drei
Einheiten," der Handlung, der Zeit und des Ortes, von denen
-Aristoteles- einzig und allein die erste kennt und fordert, beruht auf
einem Mißverständnis des -Castelvetro-. Sogenannte "Poetiken" sprangen
vom 16. Jahrh. wie Pilze aus dein Boden. Samt und sonders nehmen sie zu
den wirklichen, leider zu oft auch zu den vermeintlichen Lehren des
-Aristoteles- (S. XVI) Stellung und gar bald versuchten epische und
dramatische Dichter, zuerst in Italien, dann in Frankreich jene Lehren
praktisch zu verwerten. Unter den Kritikern und Verfassern von
Lehrbüchern der Dichtkunst des 16. Jahrh. seien hier nur die
einflussreichsten genannt, was aber keineswegs immer besondere
Originalität oder Selbständigkeit voraussetzt: -Minturno-, De poeta
(1559), -J.C. Scaliger-, Poetices libri VII (1561),[3] -Sir Philip
Sidney-, Defense of Poesy (c. 1583, gedruckt 1595), -Patrizzi-, Della
Poetica (1586), ein fanatischer Gegner des -Aristoteles- und seiner
Poetik. Von Dichtern, die unter dem Einfluß des -Aristoteles- standen
und in eigenen Abhandlungen oder auch in Einleitungen zu ihren Werken
sich mit ihm auseinandersetzten, seien erwähnt: -Trissino-, dessen
"Sophonisba" als die erste italienische Tragödie gilt (1555),
-Fracastoro-, Naugerius sive de Poetica dialogus (1555), -T. Tasso-,
Discorsi dell' Arte Poetica (1586), -Jean de la Taille-, Préface zu Saul
(1572). Dieser und die früheren französischen Kritiker überhaupt wie
-Jodelle-, der Verfasser der ersten französischen Tragödie, Cleopâtre
(1552), -Vauquelin de la Fresnaye-, Art poetique (begonnen 1574,
gedruckt 1605), -Ronsard- und die anderen Mitglieder der Pléiade, sie
alle beschäftigten sich mehr oder weniger eingehend mit den
aristotelischen Lehrsätzen, aber sie verdankten deren Kenntnis, wie es
scheint, meist nicht dem Original, sondern den Arbeiten ihrer
italienischen Vorgänger. Dies änderte sich erst im 17. Jahrh., als der
heftige Streit um die "Regeln" in den Mittelpunkt des literarischen
Interesses trat. -Mairet-, der die erste "regelrechte" Tragödie,
"Sophonisbe", (1629) verfaßte, kannte die (S. XVII) Poetik aus erster
Hand, wie er selbst in der Vorrede zu "Silvanire" (1626) bezeugt, und
dies gilt natürlich auch von den Führern in der Cid-Kontroverse
(1636--1640), wie -Chapelain- und -Hedelin d'Aubignac-. -Corneille-
selbst aber scheint sie erst am Ende seiner dramatischen Laufbahn aus
erster Hand kennen gelernt zu haben, obwohl er in einigen früheren
Vorreden zu seinen Dramen wiederholt auf -Aristoteles- Bezug nimmt. In
seinen drei "Discours" macht er sodann den freilich vergeblichen Versuch
nachzuweisen, daß seine Tragödien den Lehren der Poetik allenthalben
entsprechen.
Engländern wurde die Poetik durch die Italiener und Franzosen
vermittelt, doch spielte sie bei ihnen nie eine so große Rolle, und auch
diese beschränkte sich fast ausschließlich auf jene drei "Einheiten."
Daß -Shakespeare- diese kannte, geht aus der Ansprache an die
Schauspieler im Hamlet, den Prologen zu Heinrich V. und dem "Chorus" der
Zeit im Wintermärchen (IV(1)) hervor. Da er sich sonst ihnen gegenüber
noch weit gleichgültiger verhält als seine dramatischen Zeitgenossen
(ein -Marlow, Jonson, Greene, Beaumont- und -Fletcher-), so möchte ich
doch hier nicht unterlassen, wenigstens auf eine interessante Tatsache
hinzuweisen, weil sie bisher m.W. nicht beobachtet worden ist. Die
beiden letzten[4] Dramen aus seiner Feder sind das "Wintermärchen" und
der "Sturm." Während nun in dem ersteren die "Einheiten" weit gröblicher
verletzt werden als in irgend einem anderen Stücke, hat er diese im
"Sturm" und in ihm allein so streng wie nur irgend möglich durchgeführt.
Sollte er damit haben zeigen wollen, daß für den wahren Dramatiker die
Einhaltung oder die Vernachlässigung der Regeln," (S. XVIII) soweit die
Wirkung in Betracht kommt, gleichgültig ist? Um die Mitte des 17. Jahrh.
haben dann -Milton-, in der Einleitung zu seiner Tragödie "Samson
Agonistes" (1671), und insbesondere -Dryden-, namentlich in seinem
"Essay über dramatische Poesie" (1668), der aristotelischen Poetik ein
besonderes Interesse zugewandt, letzterer allerdings ganz unter dem
Einfluß von -Corneille Rapin, de Bossu- und -Boileau-.
Die Beschäftigung mit unserer Poetik in Deutschland beginnt, wie
erwähnt, mit -Lessing-. -Goethe- und durch ihn veranlaßt auch Schiller
(nach 1797) haben sich lebhaft mit ihr befaßt. In ihrem
Gedankenaustausch über die Schrift spiegelt sich die Eigenart der beiden
Dichterfürsten in charakteristischer Weise wieder, doch hat man die
Empfindung, daß in diesem Briefwechsel -Schiller- durchaus der Gebende
ist. Noch wenige Jahre (1826) vor seinem Tode ist -Goethe- in seiner
ganz kurzen "Nachlese zur Poetik" nochmals auf den Gegenstand
zurückgekommen, worin er, wohl durch seine künstlerische Weltanschauung
verleitet, eine ganz falsche Übersetzung des Schlusses der
Tragödiendefinition gibt.
Im 19. Jahrh. ist es, von der mächtigen Wirkung der bereits erwähnten
Abhandlung von -Bernays- abgesehen, vor allem die Ästhetik, die sich
allenthalben mit unserer Poetik auseinandersetzt, so -E. Müller,
Vischer, Volkelt, Günther, Walter, W. Dilthey, Lippe, Bosanquet,
Nietzsche, Baumgart- und -Carrière-, um nur diese zu nennen. In den
Hauptfragen wie über den Ursprung der Poesie, den Begriff des
Kunstschönen, den Endzweck der Dichtung, sind manche dieser Forscher
zwar zu neuen und eigenartigen aber im großen und ganzen keineswegs
einwandfreieren oder sichereren Ergebnissen gelangt, als sie schon in
den kurzen, fast ohne Begründung hingeworfenen (S. XIX) Lehrsätzen des
-Aristoteles- uns vorliegen.
* * * * *
5. Die Quellen der Poetik.
Originalität ist ein rein relativer Begriff, ja in einem gewissen Sinne
gibt es eine solche überhaupt nicht, ist doch jeder Denker ein Erbe der
Vergangenheit[5] und irgendwie von Vorgängern, wenn nicht direkt
abhängig, so doch, und zwar oft unbewußt, beeinflußt. Andrerseits steckt
nicht minder häufig in der Art, wie ein Forscher den ihm vorliegenden
Stoff verarbeitet, in der Beleuchtung, in die er ihn rückt, in dem
Zusammenhang in den er ihn einreiht oder, falls er sich mit ihm im
Widerspruch befindet, in der Begründung seines entgegengesetzten
Standpunkts ein ebenso hoher Grad von Selbständigkeit und Originalität
als in dem ganz Neuen, das er im übrigen bringen mag. So ist denn
zweifellos auch die Poetik des -Aristoteles- nicht wie Athene in voller
Rüstung aus dem Haupte des Zeus entsprungen, auch er hat, und zwar
nachweisbar, eine umfangreiche Literatur über seinen Gegenstand, vor
allem in den Schriften der -Sophisten-, schon vorgefunden und so weit
zweckdienlich verwertet oder auch zu widerlegen sich veranlaßt gefühlt.
Gegen das Verdammungsurteil, das -Platon- gegen das Epos und Drama
geschleudert hat, bildet die Poetik als Ganzes gleichsam einen
stillschweigenden Protest, der in einer Anzahl Stellen sogar deutlich
und greifbar hervortritt, obwohl er den Namen seines Lehrers niemals
nennt.
Daß einzelne Gedankengänge -Platons- über die Dichtkunst (S. XX) auf
-Aristoteles- eingewirkt, seinen Theorien eine gewisse Richtung gegeben
und ihn bewogen haben zu ihm seinerseits Stellung zu nehmen, ist fast
selbstverständlich und allgemein anerkannt.
Wenn aber neuerdings in einem geistvollen und formvollendeten Buche,[6]
das sich nicht nur an fachkundige Leser wendet, der Versuch gemacht
worden ist, dem Verfasser der Poetik jede Originalität abzusprechen und
sie zu einem bloßen Echo platonischer Gedanken herabzusetzen, so muß
gegen diese tendenziöse Entstellung des wirklichen Tatbestandes der
schärfste Einspruch erhoben werden. Die Widerlegung dieser Verirrung
eines sonst trefflichen Gelehrten im Einzelnen kann hier nicht
unternommen werden, ich muß mich damit bescheiden, auf einige wenige
Punkte aufmerksam zu machen, die aber allein schon genügen dürften, die
angewandte Beweisführung in ein grelles Licht zu setzen und den Versuch
selbst ad absurdum zu führen. Angesichts seiner unten[5b] zitierten,
durch nichts gemilderten Behauptungen ist die Beobachtung geradezu
verblüffend, daß diese sich, soweit das Verhältnis des -Aristoteles- zu
-Platon- überhaupt in Frage kommen könnte, so gut wie ausschließlich auf
eine Anzahl Lehrsätze und Gedanken der ersten sechs Kapitel beschränken!
Sodann ist zu bemerken, daß -Platon- sich zwar mehr oder minder
ausführlich über Zweck, Wirkung, Charakter und Ursprung der Dichtung
ausgesprochen hat, daß aber von (S. XXI) einer Technik der
Dichtkunst--und das ist doch wohl unsere Poetik--sich schlechterdings
nichts findet, was dem -Aristoteles- als Grundlage oder Quelle der
Erkenntnis hätte dienen können. Selbst die platonische Auffassung der
nachahmenden Tätigkeit des Künstlers (Mimesis) weicht durch ihre
Verknüpfung mit der Ideenlehre von der des -Aristoteles- sehr erheblich
ab. Und dasselbe gilt von einer großen Anzahl gelegentlicher Äußerungen,
wie über die furcht- und mitleiderregende Wirkung der Tragödie, über den
Unterschied zwischen dem Drama und dem Epos, über die der Dichtung
zugrundeliegenden Ursachen und über den Dithyrambus als nicht mimetische
Darstellung. Und selbst bei diesen Fragen ergibt oft die Art der
Betrachtung, daß -Platon- sie nicht zuerst aufgeworfen, sondern zu
anderweitig bereits erörterten literarischen Problemen seinerseits, sei
es zustimmend, sei es ablehnend, Stellung nimmt. Mit welchen
Gewaltmitteln die Abhängigkeit des -Aristoteles- von -Platon- glaubhaft
gemacht werden soll, dafür sei wenigstens ein besonders krasses Beispiel
angeführt. Mit der dem -Aristoteles- eigenen analytischen Schärfe werden
die Unterschiede In der nachahmenden Darstellung aller musischen Künste
festgestellt, nämlich in den Mitteln, den Gegenständen und der Art und
Weise (c. 1), eine Einteilung, die sich auch für die sechs Teile einer
kunstgerechten Tragödie bewährt (c. 6). Diese tief durchdachte
Unterscheidung soll nun nicht nur sachlich, sondern sogar im Wortlaut
dem -Platon- entnommen sein. In der Rep. III 392^c schließt
nämlich -Sokrates- eine längere Erörterung darüber, daß in seinem
Idealstaate nur Spezialisten als Lehrer Zulaß haben sollten, mit
folgenden Worten: "Wir sind nun, was die musische Bildung anbelangt,
völlig zu Ende gekommen und haben angegeben, was ausgesprochen werden
soll und wie." Inhaltlich haben, wie (S. XXII) man sieht, diese Worte,
wie auch der ganze Zusammenhang mit der aristotelischen Betrachtung auch
nicht das mindeste gemein und auch abgesehen davon, fehlt noch
fatalerweise das dritte Glied--die Mittel! Aber durch solche
Kleinigkeiten läßt sich -Finsler- seine Kreise nicht stören.
-Aristoteles- wird wiederholt beschuldigt auch die einfachsten
Redewendungen, wo der Gedanke sich griechisch kaum anders hätte
ausdrücken lassen, dem -Platon- entlehnt zu haben. So z.B. daß die
Dichter Handelnde nachahmen (Rep. 10, 603°), obwohl gerade dieser
Gedanke gar nicht einmal platonischen Ursprungs sein dürfte, denn
-Aristoteles- sagt ausdrücklich, daß bei der Ableitung des Wortes
"Drama", von der bei -Platon- nirgends die Rede ist, "einige" auf eben
jene Tatsache sich berufen hätten.
Die Behauptung einer durchgängigen, fast sklavischen Abhängigkeit des
-Aristoteles- von -Platon- hält demnach vor einer unbefangenen und
vorurteilslosen Prüfung nicht Stand. Ein Einfluß des Lehrers auf seinen
Schüler in dem oben angedeuteten Sinne soll darum keineswegs in Abrede
gestellt werden, aber soweit die uns vorliegenden Lehren der Poetik in
Betracht kommen, hätte ihr Verfasser keinerlei Veranlassung gehabt,
einem "Pereant qui ante nos nostra dixerunt" Ausdruck zu geben.
Während uns -Platons- Werke vollständig zum Vergleich vorliegen, sind
die sonstigen Vorgänger des -Aristoteles- gänzlich verschollen und
selbst Schriften wie die eines -Demokrites- "Über die Dichtung" und
"Über Rhythmen und Harmonie" oder des Sophisten -Hippias- "Über Musik"
und "Über Rhythmen und Harmonien", die auf ähnliche Erörterungen
allenfalls schließen ließen, sind für uns nur leere Titel. Daß aber
eine reiche fachmännische Literatur, die, wie gesagt (S. XXIII)
hauptsächlich aus sophistischen Kreisen stammte, dem -Aristoteles- zur
Verfügung stand, beweisen allein die Frösche des -Aristophanes- (405),
die bereits eine staunenswerte, allgemeine Kenntnis über die Technik des
Dramas von Seiten des athenischen Theaterpublikums zur notwendigen
Voraussetzung haben.
Glücklicherweise gibt unsere Poetik selbst uns noch wertvolle
Andeutungen über frühere Schriftsteller auf diesem Gebiete, denn an
nicht weniger als 12 bezw. 13 Stellen beruft sich -Aristoteles-
ausdrücklich auf Vorgänger und zwar fünfmal mit Namennennung
(-Protagoras-, -Hippias- von Thasos, -Eukleides-, -Glaukon- und
-Ariphrades-). Bei vier von diesen handelt es sich meist um Einzelheiten
in betreff des Versbaues und des Sprachgebrauchs, bei -Glaukon- dagegen
um eine von ihm unter Zustimmung des Verfassers gegeißelte falsche
Methode zahlreicher, literarischer Kritiker, die für uns zwar namenlos
sind, deren Existenz aber eben durch jenen Ausfall erwiesen wird.
Wichtiger für die Quellenfrage sind die übrigen Stellen, aus denen man
seltsamerweise bisher nicht die Konsequenzen gezogen hat, sondern sich
damit begnügte, sie als gleichsam isolierte Äußerungen zu betrachten,
die -Aristoteles- nur erwähnt, um sie abzuweisen. Mit dem Motiv mag es
seine Richtigkeit haben, entspricht es doch durchaus der antiken
Zitiermethode, auf einen Vorgänger nur dann anzuspielen, und zwar meist
unter dem Deckmantel des Plurals ("einige behaupten, man sagt" u.ä.),
wenn man ihn bekämpfen oder widerlegen will. Sobald wir uns aber die
Umgebung, in der die betreffenden Stellen[7] stehen, genauer ansehen,
ergibt sich sofort daß es sich unmöglich nur um gelegentliche Urteile
handelte, sondern daß diese nur in ausführlichen Untersuchungen über
alle in unmittelbarem Zusammenhang (S. XXIV) stehenden Fragen abgegeben
sein konnten. Die Namen der Verfasser, wie die Titel ihrer Werke, sind
wie gesagt, sämtlich verloren, es sei denn, daß wir in dem Bericht über
die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie (c. 3) mit großer
Wahrscheinlichkeit die Chronica des -Dieuchidas- von Megara, eines
älteren Zeitgenossen des -Aristoteles-, vermuten können.
Auch in anderen Partien der Poetik werden wir literarische Vermittler
voraussetzen müssen. So insbesondere über die Entwicklungsgeschichte des
Dramas (c. 4). Ja, in einer Kleinigkeit den kyprischen Dialekt
betreffend (c. 21, 3), dessen Kenntnis man doch nicht ohne weiteres dem
-Aristoteles- wird zutrauen wollen, dürfte vielleicht der einmal als
Verfasser kyprischer Glossen zitierte -Glaukon- aus bisher unbestimmter
Zeit sein Gewährsmann gewesen sein, falls nicht etwa eine Reminiscenz
aus -Herodot- (5, 9) vorliegt. Ein ähnliches, kretisches Glossarium wird
auch wohl die Quelle für c. 25, 10 gewesen sein. Und so mag
-Aristoteles- noch mehr Einzelheiten, auch der Theorie und Technik der
Dichtkunst, seinen Vorgängern verdanken als wir jetzt nachweisen oder
vermuten können.
Aber so mannigfach auch immer diese Anregungen gewesen sein mögen und so
viel positives Wissen -Aristoteles- von früheren Forschern übernommen
haben mag, so trägt dennoch selbst unser unvollständiges Kollegienheft
allenthalben den echten Stempel seines Geistes unverkennbar an der
Stirn. Es enthält aber überdies so zahlreiche geistreiche Gedanken und
Lehrsätze von ewiger Gültigkeit, daß wir die Poetik auch fernerhin als
ein Meisterwerk auf diesem Gebiete und als ein köstliches Vermächtnis
eines der größten Geistesheroen der Menschheit werden einschätzen
dürfen.
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ARISTOTELES
ÜBER DIE DICHTKUNST
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KAPITEL I
1. "Wir wollen reden über die Dichtkunst, sowohl an (S. 1) (1447a) sich,
wie über ihre Arten, deren Wesen im einzelnen und wie die dichterischen
Stoffe gestaltet werden müssen, wenn anders die Dichtung kunstvoll sein
soll? ferner über Zahl und Beschaffenheit der Teile eines Dichtwerks und
desgleichen, was sonst noch in dasselbe Untersuchungsgebiet fallen mag.
Und zwar gehen wir, wie dies naturgemäß, von dem ersten zuerst aus.
2. Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die
dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik,
sie alle sind in ihrer Gesamtheit -nachahmende Darstellungen- (Mimesis).
3. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in
bezug auf die verschiedenen -Mittel-, die verschiedenen -Gegenstände-
und die verschiedene -Art- der Darstellung und zwar nicht in gleicher
Weise.
[Sidenote: c. 1, 4--6. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
4. Wie nämlich manche sowohl mit Farben als auch mit Figuren, sei es auf
Grund künstlerischer Begabung, sei es infolge einer durch Übung
erlangten Geschicklichkeit andere dagegen mit der Stimme vieles
nachbildend nachahmen, so wird auch in den erwähnten Künsten insgesamt
die Nachahmung vermittelst des -Rhythmus-, der -Rede- und der -Harmonie-
bewerkstelligt und zwar gesondert oder miteinander vermischt -Harmonie
und Rhythmus allein- wenden beispielsweise die Auletik und Kitharistik
an und was es sonst noch an Künsten derselben Art geben mag, wie z.B.
die Kunst der Syrinx (Hirtenpfeife); allein (S. 2) mit -Rhythmus ohne
Harmonie-, die Kunst der Tänzer, denn diese ahmen mittelst rhythmischer
Körperbewegungen Charaktereigenschaften, Gemütsstimmungen und Handlungen
nach.
5. -Die Kunstform aber, die sich bloß der Rede bedient-, sei es der
ungebundenen, sei es der metrischen und, falls der letzteren, entweder
mehrere Versmaße miteinander verbindet oder nur -eine- Versgattung
(1447b) anwendet, -hat bis jetzt keinen Namen-. Denn wir wüßten keine
gemeinsame Bezeichnung anzugeben für die Mimen eines -Sophron- und
-Xenarchos- und die -Sokratischen Gespräche- einerseits, noch
andrerseits für eine nachahmende Darstellung in (jambischen) Trimetern
oder im elegischen Distichon oder in irgend welchen anderen Versmaßen
dieser Art. Allerdings knüpft man gewöhnlich an die betreffende
Versbezeichnung das Wort "dichten" und nennt so die einen
Elegiendichter, andere epische Dichter, indem man sie nicht auf Grund
der nachahmenden Darstellung zu Dichtern stempelt, sondern des
gemeinsamen Metrums wegen. Ja, man pflegt sogar denjenigen so zu nennen,
der irgend etwas aus der Medizin oder der Naturwissenschaft in Versen
darstellt und doch haben -Homer- und -Empedokles- nichts miteinander
gemein als das Metrum, so daß man zwar jenen mit Eecht einen Dichter
nennt, diesen aber vielmehr als einen Naturforscher bezeichnen sollte.
In ähnlicher Weise käme auch dem der Dichtername zu, der in seiner
nachahmenden Darstellung allerlei Versmaße verwendet, wie dies
-Chairemon- in seinem Epyllion "Der Kentaur", in dem die
verschiedenartigsten Versmaße vorkommen getan hat. So mag also das
Urteil über diese Dinge lauten.
[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
6. Nun gibt es -einige Künste, die sich aller genannten
Darstellungsmittel bedienen-, (S. 3) ich meine nämlich des Rhythmus, der
gesungenen Rede und des Metrums, wie z.B. die -Dithyramben---und
Nomendichtung-, die -Tragödie- sowohl wie die -Komödie-. Sie
unterscheiden sich aber wiederum darin, daß die beiden ersteren diese
Mittel durchgängig diese aber nur an bestimmten Teilen anwenden. Dies
sind also die Unterschiede der Künste nach ihren Darstellungsmitteln.
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KAPITEL II
1. Da nun die Nachahmenden -Handelnde nachahmen- (1448a) so folgt daraus
mit Notwendigkeit, daß diese entweder tugend- oder lasterhaft sind, denn
allein auf diese Gegensätze laufen doch wohl stets unsere sittlichen
Eigenschaften hinaus, indem sich alle in bezug auf ihren Charakter durch
Laster und Tugend unterscheiden
2. Dementsprechend ahmen die Dichter Handelnde nach, die entweder besser
als wir Durchschnittsmenschen sind oder schlechter oder auch diesen
ähnlich Dasselbe finden wir bei den Malern, denn -Polygnot- pflegte
bessere, -Pauson- schlechtere und -Dionysios- der Wirklichkeit
entsprechende Menschen nachzubilden.
[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
3. Fernerhin ist es klar, daß auch eine jede der erwähnten nachahmenden
Darstellungen eben diese Unterschiede aufweisen wird, insofern aber eine
verschiedene sein wird, als sie verschiedene -Objekte- nachahmt. Denn
auch beim Tanze, dem Spiel der Flöte und Guitarre können diese
Unähnlichkeiten auftreten und nicht minder in der prosaischen und rein
metrischen Darstellung So hat z.B. -Homer- bessere Charaktere,
-Klēophon- uns ähnliche, -Hegēmon- der Thasier aber, (S. 4) der erste
Parodiendichter und -Nikochares-, der Verfasser der "Deliade",
schlechtere nachgeahmt. In ähnlicher Weise können bei den Dithyramben
und Nomen diese Verschiedenheiten eintreten. Man könnte nämlich
nachahmend darstellen, wie -Argas- ... oder wie -Timotheos- und
-Philoxenos- den Kyklopen dargestellt haben. Und eben darin besteht auch
ein Unterschied zwischen der Tragödie und Komödie, denn diese will
schlechtere Charaktere nachahmend darstellen, jene dagegen bessere als
sie heutzutage sind.
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KAPITEL III
1. Zu den (im obigen behandelten) Darstellungsunterschieden gesellt sich
nun als -dritter-, -die Art und Weise-, in der man die einzelnen
Gegenstände nachahmen könnte. Man kann nämlich mit denselben
Darstellungsmitteln dieselben Gegenstände darstellen, dabei aber
einerseits -erzählen---und zwar entweder, wie -Homer- dies tut, in der
Person eines anderen oder aber in eigner Person ohne sich zu
ändern--andrerseits so, daß man alle nachahmend dargestellten Personen
als -handelnd- und in Tätigkeit vorführt. Diese drei also sind die
Unterschiede, in denen sich die nachahmende Darstellung, wie wir zu
Anfang bemerkt haben, vollzieht, nämlich in den Mitteln, den
Gegenständen und der Art und Weise.
2. Darnach wäre also nach der einen Seite -Sophokles- derselbe
nachahmende Darsteller wie -Homer-, denn beide ahmen edle Personen nach,
in anderer Hinsicht aber stünde er auf derselben Stufe wie
-Aristophanes- da beide handelnde und dramatisch tätige Personen
nachahmen.
[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.]
3. Daher behaupten auch einige, daß diese Werke (S. 5) "Dramen" genannt
werden, weil sie handelnde Personen (-drōntas-) nachahmen.
4. Deshalb machen auch die -Dorier- Anspruch auf die Tragödie und
Komödie. Die Komödie wollen die -Megarer- erfunden haben, sowohl die
hier im Mutterlande und zwar zur Zeit als bei ihnen die Demokratie
aufkam, als auch die von Sizilien, denn von dort stamme -Epicharmos-,
der bei weitem älter gewesen sei als -Chionides- und -Magnes-. Auch
führen sie die Namen als Beweis ins Feld. Bei ihnen nämlich, sagen sie,
würden umherliegende Ortschaften "-kōmai-" (Dörfer), bei den Athenern
aber "-dēmoi-" genannt und sie fügen hinzu, daß "Komödiant" nicht etwa
von "-kōmázein-" (umherschwärmen) abgeleitet sei, sondern von deren
Wanderung durch die -kōmai-, weil sie in der Stadt in (1448b) keiner
Achtung standen. [Ferner behaupten sie, daß sie selbst für "handeln"
"-drān-" gebrauchen, die Athener aber "-práttein-"]. Auf die Erfindung
der Tragödie erheben einige im Peloponnes Anspruch <....> Über die
Unterschiede einer nachahmenden Darstellung, deren Zahl und Art, möge
also dies gesagt sein.
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KAPITEL IV
[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.]
1. Im allgemeinen scheinen es etwa -zwei und zwar in der menschlichen
Natur begründete Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst
hervorgebracht haben-. Denn das -Nachahmen- ist dem Menschen von
Kindheit an eingepflanzt, unterscheidet er sich doch dadurch von allen
anderen lebenden Wesen, daß er das am eifrigsten der Nachahmung
beflissene Wesen ist, und daß er seine ersten Kenntnisse vermittelst
der Nachahmung sich erwirbt. Auch (S. 6) die Freude aller an
nachahmenden Darstellungen ist für ihn charakteristisch. Ein Beweis
dafür ist, was uns bei Kunstwerken tatsächlich begegnet. Denn von
denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen. wir
besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit "Wohlgefallen an, wie
z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen
Der Grund dafür ist, daß das Lernen nicht nur für Philosophen ein
Hochgenuß ist, sondern ebenso für alle anderen, wenn auch diese nur auf
kurze Zeit an dieser Freude teilnehmen.
2. Man betrachtet aber Bilder deshalb mit Vergnügen, weil bei ihrem
Anblick ein Lernen, d.h. ein Schluß sich ergibt, was ein jegliches Bild
vorstellt, nämlich daß dieser so und so sei. Hat man aber zufällig den
betreffenden Gegenstand nicht früher schon gesehen so ist es nicht die
nachahmende Darstellung als solche, die unsere Lustempfindung erregt,
sondern es geschieht dies wegen der technischen Ausführung oder wegen
des Kolorits oder aus irgend einem anderen ähnlichen Grunde.
3. Da uns nun der Nachahmungstrieb von Natur eigen ist und dasselbe gilt
von dem -Gefühl für Harmonie und Rhythmus---denn daß das Metrum nur ein
Teil des Rhythmus ist, leuchtet ein--so haben die Menschen, da sie von
Haus aus dafür begabt waren und diese Eigenschaften allmählich besonders
vervollkommneten, aus -Stegreifversuchen- die Dichtkunst ins Leben
gerufen.
[Sidenote: c. 4, 8. Geschichtliche Entwicklung.]
4. -Es spaltete sich aber die Dichtung nach der den Dichtern
eigentümlichen Sinnesart-, denn die edler veranlagten ahmten sittlich
gute Taten und Handlungen solcher Personen nach, die von niedriger
Gesinnung aber die Handlungen schlechter Menschen, indem sie zuerst
Spottlieder dichteten, wie (S. 7) die anderen Hymnen und Loblieder. Von
den vorhomerischen Dichtern können wir freilich kein derartiges
Spottgedicht namhaft machen, aber es ist wahrscheinlich daß es viele
Dichter dieser Art gegeben hat. Beginnend mit -Homer- aber, haben wir
gleich seinen -Margites- und ähnliches.
5. In diesen Gedichten stellte sich auch das -passende Versmaß- ein,
deshalb wird es auch jetzt das jambische genannt, weil man in diesem
Versmaß sich gegenseitig zu verspotten pflegte (iámbizon). Von den alten
Dichtern wurden dementsprechend die einen Jambendichter, andere dagegen
Ependichter.
6. Wie nun auch in bezug auf das sittlich Gute -Homer- ein wirklicher
Dichter war--hat er doch allein nicht nur vortrefflich gedichtet,
sondern auch dramatische Handlungen dargestellt--, so hat er auch als
Erster die Grundformen der Komödie angedeutet, indem er nicht ein
Spottlied verfaßte, sondern das Lächerliche dramatisierte. Ist doch der
-Margites- dem Drama ganz analog, denn wie sich die -Ilias- und (1449a)
-Odyssee- zur Tragödie, so verhält sich jener zur Komödie.
7. Als nun aber die Tragödie und die Komödie aufgekommen waren, da
verfaßten die Dichter, je nachdem sie sich zu der einen oder der anderen
Dichtungsart hingezogen fühlten, ihrem eigentümlichen Naturell
entsprechend Komödien statt Spottgedichte und Tragödien an Stelle von
Epen, weil diese Dichtungsfonnen bedeutungsvoller und höher geschätzt
waren als jene (älteren).
8. Die Untersuchung, ob die Tragödie bereits hinreichend entwickelt ist
oder nicht, sowohl an sich betrachtet als auch in Hinsicht auf die
öffentliche Aufführung ist eine Frage für sich. Jedenfalls ist sie
selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich -von Stegreifversuchen- (S.
8) -ausgegangen- und zwar jene von dem Chor, der den -Dithyrambus-
anstimmte, diese von den -phallischen Liedern-, die sich ja bis auf den
heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben.
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