Ein wenig hatt und zu dem Führer sprach,
Schiens heller dann und größer ob den Wogen.
Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach
Ein weißer Glanz hervor, und er entbrannte,
Wies näher kam, von unten nach und nach.
Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
Solang der Flügel erstes Weiß erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:
"O eile jetzt, o eile, hinzuknien!
Sieh Gottes Engel! Falte deine Händel
Nun siehst du solche Gottes Wink vollziehen.
Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände.
Nicht Segel, Ruder nicht--sein Flügelpaar
Braucht er zur Fahrt ans ferneste Gelände.
Sieh, wies gen Himmel strebt so schön und klar!
Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar."
Und wieder naht er sich indes und wieder
In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein
Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ichs nieder.
Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein
Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
Auch drückt es kaum die Spur den Fluten ein.
Und als ein Selger stand vor meinen Sinnen
Am Hinterteil des Schiffes Steuermann,
Und mehr als hundert Geister saßen drinnen.
"Als aus Ägypten Israel entrann";
Die Schar, gewiß, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimmgen Sanges an.
Er macht auf sie des heilgen Kreuzes Zeichen,
Drum warf sich jeder hin am Meeresbord,
Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen.
Fremd schienen alle, welche blieben, dort,
Und um sich blickend sah ich sie verweilen,
Wie den, der Neues sieht am fremden Ort.
Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen
Den Tag die Sonne, die vom Meridian
Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen
Da hoben, die wir eben kommen sahn,
Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte:
"Zeigt uns, dafern ihr könnt, zum Berg die Bahn."
Erwidert ward darauf von meinem Horte:
"Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid;
Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte.
Denn kurz vorher, eh ihr gekommen seid,
Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
Daß hier zu klimmen Spiel, nicht Müh und Leid."
Wie jene nun am Atmen wahrgenommen,
Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt,
Ja, vor Erstaunen ängstlich und beklommen.
Und wie dem Boten, der den Ölzweig trägt,
Die Menge folgt, voll Neubegier sich pressend,
Und Tritt und Stöße sonder Scheu erträgt,
So drängten jetzt, mich mit den Augen messend,
Zu mir die hochbeglückten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.
Hervor trat eine jetzt, so inniglich
Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich.
Leere Schatten, die Gestalt nur schienen!
Dreimal halt ich die Hände hinter ihr,
Und dreimal kehrt ich zu der Brust mit ihnen.
Das Antlitz, glaub ich, malt Erstaunen mir,
Und jenen sah ich lächelnd rückwärts schweben,
Doch folgt ich ihm mit liebender Begier.
Und lieblich hört ich ihn die Stimm erheben:
"Sei ruhig!" Da erkannt ich ihn und bat,
Er möge weilen und mir Antwort geben.
"Dich lieb ich," sprach er, als ich ihn genaht,
"Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
Drum weil ich--doch was gehst du diesen Pfad?"
"O mein Casella, hier nur eingefunden
Hab ich mich, um zur Welt zurückzugehn.
Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?"
Und er: "Drob ist kein Unrecht mir geschehn.
Mußt er auch öfters mich zurückeweisen,
Der mit sich fortnimmt, wann er will und wen.
Denn sein Will ist nur der des Ewig-Weisen.
Und seit drei Monden hat er gern gewährt,
Wenn irgendwer verlangt hat, mitzureisen.
Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,
Wo salzig wird der Tiber süße Welle,
Empfing er liebevoll, da ichs begehrt.
Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,
Wo er vereint mit freudigem Empfang
Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle."
Und ich: "Hat dir nicht jenen Liebessang,
Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen,
Der öfters mir gestillt des Herzens Drang,
So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen;
Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen."
"Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht
Begann er jetzt, und ach, die süße Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.
Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise
Der andern dort und alle so beglückt,
Als kennten wir kein andres Ziel der Reise,
Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt.
Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:
"Was, träge Geister, ists, das euch berückt?
Nachlässige, so lang euch aufzuhalten!
Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird,
Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten!
Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,
Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen
Und keine mehr umherstolziert und girrt,
Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,
Sie alle jäh, mit größrer Sorg im Sinn,
Von ihrer Weid empor im Fluge brausen;
So lief die Schar der Seelen jetzt dahin,
Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile,
Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin;
Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.
Dritter Gesang
Trieb jähe Flucht auch alles, was vereinigt
Beim Sänger war, zerstreut jetzt durch den Plan
Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt,
Doch drängt ich mich dem treuen Führer an.
Wie könnt ich ihn auch bei der Reife missen?
Wie kam ich wohl ohn ihn den Berg hinauf?
Er schien gepeinigt von Gewissensbissen.
würdig reine Seele, wie empört,
Wie quält der kleinste Fehler dein Gewissen!
Als seines Laufes Eil nun aufgehört,
Bei welcher Würd im Anstand nimmer waltet,
Da ward mein Geist, verengt erst und verstört,
Zum Streben neu erweitert und entfaltet,
Und, das Gesicht dem Berge zugewandt,
Sah ich, dem Himmel zu, ihm hochgestaltet.
Die Sonne, hinter mir in rotem Brand,
War vor mir, nach Gestaltung und Gebärde,
Gebrochen, da mein Leib ihr widerstand.
Und bang, daß ich allein gelassen werde,
Kehrt ich mich schleunig seitwärts, da ich sah,
Beschattet sei vor mir allein die Erde.
"Was argwöhnst du" begann mein Tröster da,
Zu mir gewandt, erratend, was ich dachte,
"Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah?
Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte,
An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht,
Wohin man einst von Brindisi ihn brachte.
Beschatt ich jetzt vor mir die Erde nicht,
So staune nicht darum--deckt doch der Schimmer
Des einen Himmels nie des andern Licht.
Dergleichen Körper schafft der Herr noch immer,
Damit sie dulden Hitz und Frost und Pein,
Doch wie ers macht, entschleiert er uns nimmer.
Tor, wer da hofft, er dring in alles ein
Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphären,
Wo er, der Ewge, einer ist in drein.
Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklären;
Denn wärs gestattet, alles zu erschaun,
Nicht brauchte dann Maria zu gebären.
Wohl mancher dürft auf seinen Geist vertrauen,
Dem noch die Sehnsucht, alles zu erkunden,
Geblieben ist zu ewiglichem Graun.
Du weißt, wo wir den Plato aufgefunden
Und manchen sonst." Er schwieg, die Stirn geneigt,
Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden.
Wir kamen hin, von wo man aufwärts steigt.
Dort oben ist der Fels so steil gelegen,
Daß sich kein Raum zu einem Dritte zeigt.
Der rauhste von den öden Felsenwegen
Inmitten Lerci und Turbia schmiegt
Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen.
"Wer weiß, zu welcher Hand der Hang sich biegt."
Der Meister sprachs und hielt jetzt ein im Schreiten,
"So daß auch der hinauf kann, der nicht fliegt?"
Er ließ indes den Blick zum Boden gleiten
Und nahm im Geist des Pfades Prüfung wahr.
Doch ich sah aufwärts nach des Berges Seiten,
Und da erschien mir linksher eine Schar,
Die schien so langsam zu uns her zu schweben,
Daß kaum Bewegung zu bemerken war.
"Laß," sprach ich, "Meister, deinen Blick sich heben,
Die Rat erteilen können, nahen schon,
Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben."
Frei schaut er auf, und alle Sorgen flohn.
"Nur langsam". sprach er, "geht ihr Gang vonstatten,
Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, süßer Sohn!"
Wir waren noch entfernt von jenen Schatten
Und ihnen etwa steinwurfweit genaht,
Als wir getan an tausend Schritte hatten.
Da drängten alle sich ans Felsgestad
Und standen still und dicht, uns zugewendet,
Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad.
"O Auserwählte, die ihr wohl geendet,"
Begann Virgil, "wie einst euch Friede jetzt,
Den, wie ich glaube, Gott euch allen spendet,
So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt
Und laßt uns einen Weg nach oben sehen,
Denn Zeitverlieren schmerzt den, der sie schätzt."
Gleichwie die Schäflein aus dem Stalle gehen,
Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt
Die andern mit gebeugten Köpfen stehen,
Bis was das erste tat, nun jedes wagt,
Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde
Des Drangs erträgt und nach dem Grund nicht fragt;
So sah ich jetzt von der beglückten Herde
Die vordem sich bewegen und uns nahn,
Das Antlitz züchtig, ehrbar die Gebärde.
Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn
Geteilt und, als des Erdenleibes Zeichen,
Die Felsenwand von mir beschattet sahn,
Sah ich sie stehn und etwas rückwärts weichen.
Die andern wußten zwar nicht, was geschehn,
Doch alle taten sie sofort desgleichen.
"Ohn eure Frage will ich euch gestehn,
Noch einem Menschen ist der Körper eigen,
Von welchem ihr das Licht geteilt gesehn.
Doch laßt Verwunderung und Staunen schweigen;
Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann,
Sucht er die schroffe Wand zu übersteigen."
Mein Hort sprachs, und die würdge Schar begann,
Uns mit der Hände Rücken Zeichen gebend:
"Kehrt wieder um und schreitet uns voran!"
Und einer drauf, zu mir die Stimm erhebend:
"Wer du auch seist, blick um, mich anzuschaun,
Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend`?"
Ich wandt auf ihn die Augen voll Vertraun.
Blond war er, schön, von würdigen Gebärden,
Doch war gespalten eine seiner Braun.
Demütig sagt ich, daß ich ihn auf Erden
Niemals gesehn; da aber hieß er mich
Aufmerksam auf die Wund am Busen werden,
Und lächelnd sprach er dann: "Manfred bin ich!
Wenn dich zur Welt zurück die Schritte tragen,
Zu meiner Tochter geh, ich bitte dich,
Die unterm Herzen jenes Paar getragen,
Das Aragonien und Sizilien ehrt,
Ihr Wahres, wenn man andres sagt, zu sagen.
Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert,
Da übergab ich weinend meine Seele
Dem Richter, der Verzeihung gern gewährt.
Oh groß und schrecklich waren meine Fehle,
Doch groß ist Gottes Gnadenarm und faßt,
Was sich ihm zukehrt, so daß keiner fehle.
Und wenn Cosenzas Hirt, der sonder Rast,
Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine
Erhabne Wort der Schrift wohl aufgefaßt,
So lägen dort noch meines Leibs Gebeine
Am Brückenkopf bei Benevent, vom Mal
Geschützt der schweren aufgehäuften Steine.
Nun netzts der Regen, dorrts der Sonnenstrahl,
Dort, wo ers hinwarf mit verlöschten Lichten,
Dem Reich entführt, entlang dem Verdetal.
Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten,
Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht,
An ewger Liebe neu sich aufzurichten.
Wahr ists, daß, wer im Kirchenbann erbleicht,
War auch zuletzt in ihm die Reu entglommen,
Doch dieser Felswand Höhe nicht erreicht,
Bis dreißigmal die Zeit, seit ihm genommen
Der Kirche Segen ward, verflossen ist,
Kürzt diese Zeit nicht ab das Flehn der Frommen.
Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist,
Wenn du Konstanzen, wie du mich gesehen,
Entdeckst und ihr verkündest jene Frist,
Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen."
Vierter Gesang
Wenn etwas, was uns wohltut oder kränkt,
Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte,
Und sich die Seel in diese ganz versenkt,
Dann scheints, als ob sie keiner andern achte;
Und dies beweist genugsam gegen den,
Der uns belebt von mehrern Seelen dachte.
Indem wir etwas hören oder sehn,
Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden,
Bevor wirs glauben und es uns versehn.
Denn anders wird die Kraft, die hört, empfunden,
Und anders unsrer Seele ganze Kraft;
Frei ist die erste, diese scheint gebunden.
Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft--
Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen,
Weil Staunen mir die Seele hingerafft,
War fünfzig Grad die Sonn emporgestiegen,
Eh ichs bemerkt--da ward ein Ruf mir kund
Von den gesamten Seelen: "Seht die Stiegen!"
Die Öffnung, die mit einem Dorngebund,
Wenn sich die Traube bräunt, die Winzer schließen,
Ist weiter oft als hier der Felsenschlund,
Durch welchen uns die Seelen klimmen hießen.
Er vor, ich folgend, stiegen wir allein
Den Felsweg, da die ändern uns verließen.
Empor zu Bismantova und bergein
Bei Noli kann man auf den Füßen dringen,
Doch wer hier aufstrebt, muß beflügelt sein;
Ich meine, mit der großen Sehnsucht Schwingen,
Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt,
Der Licht mir gab und Hoffnung zum Gelingen.
Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt,
Von ihm bedrängt, und fanden kaum mit Händen
Und Füßen unter uns am Boden Halt.
Nachdem wir aus den rauhen. schroffen Wänden
Emporgelangt zum offenen Gestad,
Da fragt ich: "Meister, sprich, wohin uns wendend"
Und er: "Mir nach, zur Höhe geht dein Pfad!
Rückwärts darf keiner deiner Schritte weichen,
Bis irgendwo ein kundger Führer naht!"
Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen;
Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan,
Dem Hang der Pyramide zu vergleichen.
Ich war bereits ermattet und begann:
"O süßer Vater, peinlich wird die Reife!
Schau her und sieh, daß ich nicht folgen kann!"
"Bis dorthin schleppe dich!" So sprach der Weise
Und zeigt auf einen Vorsprung nahe dort,
Von dem es schien, daß er den Berg umkreise.
Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort,
Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen;
So kroch ich bis zum Bergesgürtel fort.
Und dort verweilten wir, um uns zu setzen,
Ostwärts, nach dem erklommnen Pfad gewandt,
An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen.
Die Augen kehrt ich erst zum tiefen Strand,
Dann als ich sie zur Sonn emporgeschlagen,
Die uns zur Linken, Gluten sprühend, stand,
Da sah Virgil, daß ich des Lichtes Wagen
Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht
Und unserm Standort schien dahinzujagen,
Und sprach: "Wenn jenem Spiegel ewger Macht
Castor und Pollux jetzt Begleiter wären,
Ihm, welcher auf- und abführt Licht und Pracht,
So würd er, kreisend näher bei den Bären,
Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt,
Mit seiner Glut den Zodiak verklären.
Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt,
Daß dieser Berg mit Zions heilgen Höhen
Begrenzt von einem Horizonte wird,
Doch beid auf andern Hemisphären stehen;
Die Bahn, die Phaethon, der Tor, durchreist,
Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen,
Indes sie dorten sich zur rechten weist--
So hoff ich denn, daß du zur klaren Kenntnis,
Wenn du wohl aufgemerkt, gefördert seist."
"Gewiß, mir ward so klar noch kein Verständnis
Als hier," begann ich, "wo mir dein Beweis
Ersetzt den Mangel eigener Erkenntnis.
Der ewigen Bewegung mittler Kreis,
Den man Äquator in der Kunst benannte,
Der fest bleibt zwischen Sonn und Wintereis,
Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red erkannte,
Sich nordwärts hier, wie ihn die Juden sahn,
Wenn sich ihr Antlitz gegen Süden wandte.
Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn?
Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen,
Steigt ja des Berges Gipfel himmelan."
Und er: "Wer ihn zu steigen unternommen,
trifft große Schwierigkeit an seinem Fuß,
Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen.
Drum, wird dir erst die Mühe zum Genuß,
Erscheint dirs dann so leicht, emporzusteigen,
Als gings im Kahn hinab den muntern Fluß,
Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen,
Dann wirst du sanft von deinen Mühen ruhn.
Dies ist gewiß, vom andern will ich schweigen."
Er sprachs, und eine Stimm ertönte nun
Ganz nah bei uns: "Eh ihr so weit gegangen,
Wird euch vielleicht zu sitzen nötig tun."
Wir sahn dorthin, woher die Wort erklangen,
Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah,
Der bis dahin mir und auch ihm entgangen.
Hin schritten wir und fanden Leute da
Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten,
In welchen ich ein Bild der Trägheit sah.
Und einer, wie im gänzlichen Ermatten,
Saß dorten und umarmte seine Knie,
Die das gesunkne Haupt inmitten hatten.
"Der ist gewiß der Faulheit Bruder! sieh,"
Begann ich, "sieh nur hin, mein süßer Leiter,
Denn sicher sahst du einen Trägern nie."
Da kehrt er sich zu mir und dem Begleiter,
Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht
Und sprach: "Bist du so stark, so geh nur weiter."
Und da erkannt ich ihn und säumte nicht,
Noch atemlos vom Klettern, vorzustreben
Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht
Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben.
"Zur Linken fährt der Sonnenwagen fort,"
Begann er nun, "hast du wohl acht gegeben?"
Ich mußte lächeln bei dem kurzen Wort
Und bei den faulen, langsamen Gebärden;
Worauf ich sprach: "Belaqua, dieser Ort
Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden.
Doch sprich: harrst du des Führers sitzend hier?
Wie? oder treibst dus hier noch wie auf Erden?"
"Bruder," sprach er, "was hilft das Steigen mir?
Ich würde doch zur Qual nicht kommen sollen,
Denn Gottes Pförtner weist mich weg von ihr.
Hier außen muß um mich der Himmel rollen,
So oft als er im Leben tat, da spät
Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen,
Wenn mir nicht früher beispringt das Gebet,
Das sich aus gläubger Brust emporgerungen.
Was hülf ein andres, da es Gott verschmäht?"
Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen,
Und rief: "Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht
Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen,
Und Mauritanien deckt der Fuß der Nacht."
Fünfter Gesang
Schon hatt ich, auf der Spur des Führers steigend,
Mich ganz von jenen Seelen abgewandt,
Als ein, auf mich mit ihrem Finger zeigend,
Mir nachrief: "Seht den untern linker Hand
Die Sonne teilen und den Grund beschatten
Und tun, als lebt er noch in jenem Land."
Sobald mein Ohr erreicht die Töne hatten,
Kehrt ich mich ihnen zu, und jene sahn
Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten.
Da sprach Virgil: "Was zieht dich also an,
Daß du den Gang zum Gipfel aufgeschoben"
Und jenes Flüstern, was hat dirs getan?
Was man auch spreche, folge mir nach oben!
Steh wie ein fester Turm, des stolzes Haupt
Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben.
Das Ziel entweicht, dem man sich nah geglaubt,
Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen
Und einer stets die Kraft dem andern raubt."
"Ich komme schon!" Was könnt ich anders sagen,
Da mich mein Fehler zum Erröten zwang,
Das oft mir schon Verzeihung eingetragen?
Indessen sahn wir quer am Bergeshang
Nah vor uns eine Schar von Seelen kommen,
Die Vers für Vers ihr Miserere sang.
Wie sie an meinem Leibe wahrgenommen,
Daß er den Strahlen undurchdringlich sei,
Da ward ihr Sang zum Oh! lang und beklommen.
Und, gleich Gesandten, kamen ihrer zwei,
Uns beide zu befragen, wer wir wären,
In vollem Laufe bis zu uns herbei.
Da rief Virgil: "Ihr könnt zurückekehren.
Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein,
Und solches mögt ihr jenen dort erklären.
Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein,
Um seinen Schatten anzusehn, verweilen,
So wissen sie genug, um froh zu sein."
Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuerpfeilen,
Entflammte Dünste, wenn die Nacht beginnt,
Durchs heitere Gewölb des Himmels eilen;
So kehrten sie empor, um dann geschwind
Sich mit den andern nach uns umzudrehen,
Gleich einer Schar, die ohne Zaum entrinnt.
"Sieh, viele kommen jetzt, dich anzuflehen,
In dichtem Drang," so sprach mein Meister drauf,
"Doch geh nur immer fort und horch im Gehen."
"O du, der du zum Heil den Berg herauf
Die Glieder trägst, die immer dich umfingen,"
So riefen sie, "hemm etwas deinen Lauf.
Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen,
Uns an--erkennst du Antlitz und Gestalt?
Was weilst du nicht? Was eilst du, vorzudringen?
Getötet sind wir alle durch Gewalt.
Der Sünd uns bis zur letzten Stunde weihend,
Allein im Tod von Himmelsglanz umwallt,
Verstarben wir, bereuend und verzeihend,
Und fühlten Gottes Frieden und das Licht,
Nach seinem Anschaun Sehnsucht uns verleihend."
Und ich: "Zwar kenn ich keinen von Gesicht,
Doch fordert nur, ihr, die ihr wohl geboren,
Und das, was ich vermag, verweigr ich nicht.
Bei jenem Frieden sei es euch beschworen,
Den ich, fortklimmend auf des Führers Spur,
Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren."
Darauf begann der eine: "Hindert nur
Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen
Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur.
Und solltest du, ein Lebender, die Auen
Der Mark Ankona jemals wiedersehn
So will ich fest auf deine Güte bauen.
Laß die von Fano gläubig für mich flehn,
Daß mir gestatten himmlische Gewalten,
Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn.
Von dort war ich--allein die tiefen Spalten,
Woraus das Blut, in dem ich lebte, floß,
Hab ich in Paduas Bezirk erhalten,
Des Schoß mich, den Vertrauenden, umschloß.
Zum Mord hatt Este den Befehl gegeben,
Der mehr der Gall, als Recht, auf mich ergoß.
Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben,
Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor,
So würd ich dort noch, wo man atmet, leben.
Ich lief zum Sumpf, und dort, in Schlamm und Rohr,
Verstrickt ich mich und fiel und sah die Erde
Rings um mich her gemacht zum blutgen Moor."
Ein andrer: "Wie dein Wunsch befriedigt werde,
Des Fittich hin zum Bergesgipfel fleugt,
So kürz auch mir mitleidig die Beschwerde.
In Montefeltro hat mich Guid erzeugt;
Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rührte,
Nicht ging ich mehr mit diesem hier gebeugt."
"Welche Gewalttat, welch Verhängnis führte,"
So sprach ich, "dich so weit vom Campaldin,
Daß niemand noch bis jetzt dein Grab erspürte."
"Oh," sprach er drauf, "am Fuß des Casentin
Strömt vor der Archian, ein Fluß, entsprungen
Beim Kloster oberhalb im Apennin.
Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen,
Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fuße fort;
Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen,
Verlor ich dorten Augenlicht und Wort,
Um in Marias Namen wohl zu enden,
Und fiel und ließ die leere Hülle dort.
Da fühlt ich mich in eines Engels Händen,
Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu:
"Wie, du vom Himmel, willst mir den entwenden?
Wahr ists, was ewig ist, erbeutest du
Nur durch ein Tränlein, das ihn mir entzogen,
Doch gönn ich nun dem andern keine Ruh."
Du weißt, wenn feuchten Dunst emporgezogen
Die Sonne hat, so stürzt er, wenn ihn dann
Die Kälte faßt, zurück in Regenwogen.
Zum Willen nun, der stets nur Böses sann,
Fügt er Verstand, und Rauch und Sturm erregte
Die Kraft in ihm, die sie erregen kann.
Als drauf der Tag erloschen war, belegte
Er Pratomagnos Tal mit schwarzem Duft,
Der vom Gebirg sich drohend herbewegte.
Zu Fluten wurde nun die schwangre Luft,
Zum Strombett rann, was von den Regengüssen
Der Grund nicht trank, hervor aus Tal und Kluft.
Der Archian, gleich andern großen Flüssen,
Ergoß zum Königsstrom den Sturmeslauf,
Dem Fels und Baum zertrümmert weichen müssen.
Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf
Von seiner Mündung, jene Flut gefunden,
Da löste sie das Kreuz am Busen auf,
Das ich gemacht, da Schmerz mich überwunden,
Und wirbelte zum Strom die träge Last.
Dort liegt sie nun im Grund, von Schlamm umwunden."
Als drauf der dritte Geist das Wort gefaßt,
Sprach er: "Wenn du, zur Welt zurückgekommen,
Erst ausgeruht vom langen Wege hast,
So laß dein Hiersein auch der Pia frommen.
Siena gebar, Maremma tilgte mich,
Und er, von dem ich einst den Ring bekommen,
Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich."
Sechster Gesang
Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,
Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich
Und wirft und wirft, ums besser zu erlernen
Doch alles drängt um den Gewinner sich.
Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange,
Ein andrer, seitwärts, spricht: Gedenk an mich.
Doch er verweilt nicht, hört auf keinen lange,
Und wem er etwas gibt, der macht sich fort;
So kommt er los vom lästigen Gedrange.
So war ich in dem dichten Haufen dort,
Und mußte hier den Kopf und dorthin wenden
Und löste mich durch manch Verheißungswort;
Sah Benincasa, der den Wütrichshänden
Des Ghin erlag, und sah darauf auch ihn,
Des Los war, jagend in der Flut zu enden.
Novelle bat mich flehend, zu verziehn;
Auch der von Pisa dann, durch den der gute,
Der wackere Marzucco stark erschien.
Graf Orfo auch, und der im Frevelmute
Vertilgt ward, wie er sagt, aus Neid und Groll,
Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte,
Den Broccia mein ich--mag sich demutsvoll
Zur Reue die Brabanterin bequemen,
Wenn sie zu schlechterm Troß nicht kommen soll.
Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,
Die dort mich angefleht, zu flehn, daß sie
Zur Heiligung mit größrer Eile kämen;
Da sprach ich: "Du, der stets mir Licht verlieh,
Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben,
Den Schluß des Himmels beuge Flehen nie.
Doch hörtest du, wozu mich diese trieben.
Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schar?
Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?"
"Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,"
So sprach er drauf, "du magst es nur betrachten
Mit hellem Geist, so wird dirs offenbar.
Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten,
Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb,
Was jenen oblag und sie nicht vollbrachten?
Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,
Da sühnte man durch Bitten keine Sünden,
Weil ungehört von Gott die Bitte blieb.
Doch kannst du jetzt so tiefes nicht ergründen,
So harr auf sie, die zwischen deinem Geist
Und ewger Wahrheit wird ein Licht entzünden.
Beatrix ists, wenn dus vielleicht nicht weißt,
Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen
Des hohen Berges Gipfel dir verheißt."
Und ich: "Mein Meister, laß uns schneller gehen!
Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag,
Und sieh, schon werfen Schatten jene Höhen."
"Wir gehn soweit als möglich diesen Tag,"
Entgegnet er, "doch andres wirst du finden,
Als eben jetzt dein Geist sich denken mag.
Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,
So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt,
Bevor wir uns empor zum Gipfel winden.
Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,
Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest.
Gewiß, daß sie den nächsten Weg uns lehrt."
O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,
So bliebst du stolzen, strengen Angesichts,
Indem du langsam ernst die Augen regtest.
Er ließ uns beide gehn und sagte nichts,
Gleich einem Leun, der ruht, uns still betrachtend
Mit scharfem Strahle seines Augenlichts.
Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend,
Befragt ihn: "Wo erklimmt man diese Wand?"
Doch jener, nicht auf seine Fragen achtend,
Fragt uns nach unserm Leben, unserm Land.
Und: "Mantua"--begann nun mein Begleiter;
Da hob der Schatten, erst in sich gewandt,
Sich schnell vom Sitz und ward teilnehmend heiter.
"Sordell bin ich, dein Landsmann!" rief er aus,
Und, selbst umarmt, umarmt er meinen Leiter--
Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus,
Schiff ohne Steurer auf durchstürmten Meeren,
Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus;
Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,
Beim süßen Klange seiner Vaterstadt
Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren.
Doch deine Lebenden sind nimmer satt,
Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden,
Selbst die umschlossen eine Mauer hat.
Elende, such an deinen Meeresborden,
Im Innern such und keinen Winkel letzt
Des Friedens Glück im Süden und im Norden.
Was hilft dirs, da dein Sattel unbesetzt,
Daß Justinian die Zügel dir erneute?
Ohn ihn wär minder deine Schande jetzt.
Ihr hattet längst mit frommem Sinn, ihr Leute,
Zu Cäsars Sitz den Sattel eingeräumt,
Verstündet ihr, was Gottes Wort bedeute.
Seht, wie das wilde Tier sich tückisch bäumt,
Seit niemand es die Sporen fühlen lassen,
Und ihr es, die ihrs zähmen wollt, entzäumt.
O deutscher Albrecht, der dies Tier verlassen,
Das drum nun tobt in ungezähmter Wut,
Statt mit den Schenkeln kräftig es zu fassen,
Gerechtes Strafgericht fall auf dein Blut
Vom Sternenzelt, auch sei es neu und offen,
Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut.
Was hat dich und den Vater schon betroffen,
Weil ihr, verödend diese Gartenaun,
Nach jenseits nur gestellt das gierge Hoffen.
Komm her, der Philipeschi Stamm zu schaun
Leichtsinniger, komm, sieh die Cappelletten,
Die schon gebeugt, und die voll Angst und Graun!
Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!
Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind!
Sieh Santafior in wilder Räuber Ketten!
Komm her und sieh, wie deine Roma weint,
Und höre Tag und Nacht die Witwe stöhnen:
Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint?
Komm her und sieh, wie alle sich versöhnen,
Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht,
So schäme dich, daß alle dich verhöhnen.
Verzeih, o höchster Zeus im ewgen Licht,
Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden,
Ist anderwärts gewandt dein Angesicht?
Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,
Ein neues Heil, von keinem Aug entdeckt,
Nach deinem tiefen Rat bereitet werden?
Wie voll Italien von Tyrannen steckt!
Will sich ein Bauer der Partei verschwören,
Gleich heißts von ihm, Marcell sei auferweckt.
Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören,
Da dieser Abschweif nimmer dich berührt.
Nie ließ sich ja dein wackres Volk betören.
Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur spürt
Man etwas spät, wie sehr es ihr gewogen,
Indes dein Volk sie stets im Munde führt.
Wenn Bürgerämtern viele sich entzogen,
Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit:
Seht her, mich hat die Bürde krumm gebogen!
Nun freue dich, wenn du verdienest Neid,
Du Reiche, du Friedselige, du Weise--
Ich red im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit.
Man spreche von Athen und Sparta leise!
Sollt ihr Gesetz wohl wert der Rede sein,
Wie sehr mans anpreist, neben deinem Preise?
Das, was du vorkehrst, ist gar dünn und fein;
Denn wenn dus im Oktober angesponnen,
Zerreißt es im November kurz und klein.
Wie oft hast du geendet und begonnen,
Hast über Münz und Art, Gesetz und Pflicht,
Und Haupt und Glieder anders dich besonnen;
Bist du nicht völlig blind für jedes Licht,
So mußt du dich gleich einer Kranken sehen.
Ruh findet sie auf ihren Kissen nicht
Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.
Siebenter Gesang
Nachdem sie würdig und voll Freudigkeit
Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben,
Da trat Sordell zurück: "Sprecht, wer ihr seid?"
"Eh sich zu diesem Berg gewendet haben
Die Seelen, welche Gott zu schauen wert,
Hat Octavianus mein Gebein begraben.
Ich bin Virgil.--Des Himmels Eingang wehrt
Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde,"
So sprach Virgil, als jener es begehrt.
Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde,
Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht!
Und staunend glaubt, und nicht, daß mans ergründe;
So schien Sordell--dann neigt er das Gesicht,
Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte
Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht.
"O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,
Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier,
O ewger Preis der Stadt, die mich erzeugte,
Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir?
Und wenn ich wert mich solcher Huld erweise,
So sprich, auf welchem Wege bist du hier?"
Virgil darauf: "Ich kam durch alle Kreise
Des wehevollen Reichs in dieses Land,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise.
Nicht Tun, nein. Nichttun nur, hat mich verbannt,
Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,
Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt,
Zu jenen tiefen nachterfüllten Talen,
Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt,
Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen;
Wo um mich her die Schar der Kindlein stöhnt,
Die ungetauft aus jener Welt geschieden,
Mit Gott für Adams Schuld noch unversöhnt.
Wo die sind, die mit irdschem Wert zufrieden,
Die Tugenden, bis auf die heilgen Drei,
Sämtlich geübt und jede Schuld gemieden.
Doch, wenn du kannst, so bring uns Kunde bei,
Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten,
Wo wohl der Läutrung wahrer Anfang sei."
Und er: "Ich darf umher und aufwärts schreiten,
Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt.
Soweit ich gehn darf, will ich dich begleiten.
Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,
Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen,
Weil man bei Nacht nicht in die Höhe klimmt.
Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;
Zu diesen, wenn du einstimmst, führ ich dich,
Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen."--
Virgil: "Wenns Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,
Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde?
Wie, oder widersetzt dann jemand sich?"
Mit seinem Finger streifte nun die Erde
Sordell und sprach: "Nicht hoffe, daß bei Nacht
Dein Fuß den Strich nur überschreiten werde.
An Steigen hindert sonst dich keine Macht
Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet,
Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht.
Hinabzugehn und rückwärts ist gestattet,
Und irrend ringsumher zu gehn am Bord,
Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet."
Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;
"Wie du versprachst," So hört ich drauf ihn bitten,
"Geleit uns an den angenehmen Ort."
Wir waren eben noch nicht weit geschritten,
Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn,
Ein Tal, das dort den Felsenrand durchschnitten.
"Dorthin", So sprach der Schatten, "laß uns gehn,
Seht dort den Berg von einer Höhlung teilen,
Dort sehen wir den Morgen auferstehn."
Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen
Felshöhn und Ebene zum Rand der Schlucht,
Da hieß Sordell am Abhang uns verweilen.
Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,
Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine,
Smaragd, zerbrochen kaum--in dieser Bucht,
Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine
Schwänd ihrer Farben ganzer Glanz dahin,
Wie seinem Größern unterliegt das Kleine;
Nicht war Natur allein hier Malerin,
Mit laufend wunderbar gemischten Düften
Ergötzte sie auch des Geruches Sinn.
Salve, Regina, tönt es in den Lüften
Von Seelen auf dem blumenreichen Beet,
Versteckt hierinnen zwischen Felsenklüften.
"Bevor die Sonne ganz zu Rüste geht,
Gehn", sprach Sordell, "wir nicht hinab zu ihnen,
Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht,
Erkennt ihr besser aller Art und Mienen,
Als sie im Tale selber, im Gedrang
So vieler großer Schatten euch erschienen.
Der höher sitzt und scheint, als hätt er lang
Versäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden,
Und nicht den Mund regt bei der andern Sang,
Jst Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden
Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt,
So daß es spät durch andre wird gefunden.
Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost erteilt,
Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet,
Der in die Elb, in ihr zur Meerflut eilt,
Hieß Ottokar--mit Windeln noch umkleidet,
Weit besser doch, als Wenzeslaus, sein Sohn,
Der Bärtge, der an Üppigkeit sich weidet.
Der Kleingenaste dort--von Reich und Thron
Scheints, daß er mit dem andern, Gütgen spreche--
Starb fliehend, zu der Lilien Schmach und Hohn.
Er schlägt die Brust, als ob das Herz ihm breche.
Den andern fehl--es ruhet sein Gesicht
In seiner aufgestützten Linken Fläche.
An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht,
Den Sohn und Eidam, denken sie, des Leben
Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quält und sticht
Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,
Dem Adlernasgen, singt er im Akkord
Und ragt einst hoch in jedem wackern Streben.
Und könnt, als er verstarb, der Jüngling dort,
Der hinten sitzt, den Königsthron ererben,
So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort.
Jakob und Friederich, die andern Erben,
Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit,
Doch nicht des Vaters bessres Gut erwerben.
Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,
Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel Schlagen,
Weil er sie nur auf frommes Flehn verleiht.
Dem Adlernasgen ist dies auch zu sagen,
So gut als feiern, welcher mit ihm singt,
Weshalb Provence und Puglien sich beklagen,
Weil so viel schlechtem Keim sein Same bringt,
Als höher sich Konstanzas Gatt im Preise
Vor Beatrixens und Margretens schwingt.
Den König seht von schlichter Lebensweise,
Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland,
Vergnügt, daß sich ihm gleich sein Sproß erweise.
Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,
Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen
In Montferrat, in Canaveser Land
Und Alessandrias Tück und Krieg beweinen.
Achter Gesang
Die Stunde war es, die zu stillem Weinen
Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt,
Am Tag, da er verließ die teuren Seinen,
Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt,
Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
Der Abendglocken Trauerlied erklingt.
Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,
Und eine von den Seelen trat hervor
Und heischt Aufmerksamkeit mit einem Zeichen
Und naht und hob die beiden Händ empor,
Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
Indem ihr Blick im Osten sich verlor.
Te Lucis Ante--diese Worte brachten
Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schön,
Daß sie mich meiner Selbst vergessen machten.
Mit andachtsvollem lieblichem Getön
Stimmt ein der Chor zu reicher Wohllauts Fülle,
Den Blick emporgewandt zu Himmelshöhn.
Die Wahrheit liegt hier unter leichter Hülle;
Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar,
So wirst du leicht erspähn, was sie verhülle.
Demütig, bleich, sah ich die edle Schar
Nach oben schaun, erwartungsvoll und schweigend,
Und sah aus himmlischem Gewölb ein Paar
Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,
Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend;
Grün wie das Laub, das eben erst entstand,
Und, von der grünen Flügel Wehn getrieben,
Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand.
Der eine blieb nah über uns, und drüben,
Jenseit des Tales, blieb der andre stehn,
So, daß die Schatten in der Mitte blieben.
Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn,
Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
Wie oft die Sinn am Übermaß vergehn.
"Dies Paar ist aus Marias Schoß gesendet,
Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht."
So sprach Sordell, uns beiden zugewendet.
Und ich, der ich nicht wußt, auf welchem Pfad,
Ich schaut umher, indem ich starr vor Grauen
Fest an des treuen Führers Rücken trat.
Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen
Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an,
Denn lieb wirds ihnen sein, euch hier zu schauen.
Ich war im Grund, wie ich drei Schritt getan,
Und nach mir forschend spähn sah ich den einen,
Als sah er ein bekanntes Antlitz nahn.
Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen
Und meinen Blicken ließ sie, nah, was sich
Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen.
Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.
"Mein edler Richter Nin, o welch Vergnügen!
Hier--nicht bei den Verdammten--find ich dich!"
Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen.
Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer
Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?"
"Heut morgen kam ich aus der Hölle her",
Entgegnet ich, "und bin im ersten Leben,
Doch suche hier des künftigen Gewähr."
Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben,
Da fuhr Sordell und er zurück, verstört,
Als halt ein Wunder plötzlich sich begeben,
Der dem Virgil, der einem zugekehrt,
Der dorten saß, am grünen Talgestade:
"Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert."
Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade
Dir der, des erster Grund verborgen ruht,
Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade,
So sag einst jenseits dieser weiten Flut
Meiner Johanna, daß sie für mich flehe,
Zu ihm, der nach dem Flehn der Unschuld tut.
Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe,
Da sie den Witwenschleier abgelegt,
Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe.
An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,
Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
Jetzt Anschaun, jetzt Betastung, neu erregt.
Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte
Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt,
Als sie geschmückt der Hahn Galluras hätte."
Er sprachs, und ihm im Antlitz ausgedrückt
War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt.
Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen
Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf,
So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen.
Mein Führer sprach: "Was blickst du dort hinauf?"
Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen
Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf."
Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen,
Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt,
Und diese sind an ihrer Stell erschienen."
Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:
"Den Widersacher seht!" Er sprachs und zeigte
Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt,
Wo sich das kleine Tal geöffnet neigte;
Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
Die Even einst die bittre Speise reichte.
Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,
Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken
Verdreht empor und leckt und putzte sich.
Nicht sah ich und vermags nicht auszudrücken,
Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
Doch deutlich sah ich sie herniederzücken.
Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug,
Entfloh die Schlang, und jene beiden flogen
Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug.
Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen
Sich uns genähert, hatte bei dem Strauß
Die Blicke nimmer von mir abgezogen.
"Die Leuchte, die dich führt zu Gottes Haus,
Sie find in deinem Willen und Verstande
Ihr Öl und gehe bis zum Ziel nicht aus."
So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande
Du wahre Kunde hast, so gib sie mir,
Denn wiss, ich war einst groß in seinem Lande.
Corrado Malaspina spricht mit dir,
Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
Die Meinen liebt ich stets, doch reiner hier."
"Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mirs gelungen,
Dies Land zu sehn, allein sein Nam und Wert
Ist, wo man in Europa sei, erklungen.
Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,
Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise,
So daß, wer dort nicht war, davon erfährt.
Ich schwör es dir beim Ziele meiner Reise,
Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht,
Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise.
Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,
Sitt und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
Daß es allein den schlechten Weg verschmäht."
Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken
Wird sich die Sonn im Bett an jenem Ort,
Den ringsumher des Widders Füß umschränken,
So wird dir diese gute Meinung dort
In deinem Kopfe festgenagelt werden,
Mit bessern Nägeln als mit andrer Wort,
Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."
Neunter Gesang
Schon Thithons Buhlerin, entgleitend
Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz
Von weißem Licht im Orient verbreitend,
Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz,
Die jenes kalten Tiers Gestaltung zeigen,
Das tödlich sticht mit seinem giftgen Schwanz.
Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen
Die Nacht getan, um sich beim dritten jetzt
Mit ihren Fittichen herabzuneigen,
Als meine Sinne, da ich herversetzt
Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen
Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt.
Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,
Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen,
Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,
Frei und entledigt von den Sorgen allen,
Im Traumgesicht beinahe göttlich wird.
Da sah ich, träumend, an des Himmels Hallen
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