Wär aller Schmerz aus jedem Krankenhaus Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen, Und Valdichianas und Sardiniens Graus Und Seuch und Pest in einem Schlund beisammen, Nicht ärger wärs als hier, wo fauler Duft Und Stank vom Eiter in den Lüften schwammen. Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft Vom langen Felsen niederwärts zur Linken, Und deutlicher erschien der Schoß der Gruft. In diesem Grund läßt nach des Höchsten Winken Die nimmer irrende Gerechtigkeit Zur wohlverdienten Quäl die Fälscher sinken. Nicht in Ägina ist vor alter Zeit Des Volkes Anblick trauriger gewesen, Das krank darniedersank, dem Tod geweiht, Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen, Durch tückisch böse Luft, worauf im Land, Wie wir für sicher in den Dichtern lesen, Ein neues Volk aus Ämsenbrut entstand; Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend Das Geistervolk in manchem Haufen wand. Die einen auf der andern Rücken liegend, Die auf dem Bauch, und die von einem Ort Zum andern hin auf allen vieren kriechend. Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort, Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort. Sich gegenseitig stützend, saßen zween, Wie in der Küche Pfann an Pfanne lehnt, Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen. Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben, Die Striegel eiligst führt und öfters gähnt; So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben Und hier und dort sich kratzen und geschwind, So gut es ging, ihr wütend Jucken laben. Und schnell war unter ihren Klaun der Grind Wie Schuppen von den Barschen abgegangen, Die unterm Messer schneller Köche sind. "Du, vor des Fingern Schien und Masche sprangen," Begann Virgil zu einem von den zwein, "Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen, Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein Und mögen dich zu kratzen und zu krauen, Dafür dir ewig scharf die Nägel sein." "Lateiner kannst du in uns beiden schauen," Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt, "Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen." Mein Führer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt Mein Fuß hinab in diesen Finsternissen; Die Höll zeig ich diesem, der da lebt." Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen, Und jeder, dems der Rückhall kundgetan, War zitternd nur mich anzuschaun beflissen. Dicht drängte sich an mich mein Meister an Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!" Und ich, da er es so gewollt, begann: "Soll dein Gedächtnis noch in späten Tagen Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist Erhalten sein, so magst du jetzo sagen, Wie du dich nennst und deine Heimat heißt? Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen, Daß du in deinen Reden offen seist." "Mich zeugt Arezzo, und den Tod in Flammen Verschafft einst Albero von Siena mir, Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen. Wahr ists, ich sagt im Scherz: ins Luftrevier Verstünd ich mich im Fluge hinzuschwingen. Er, klein an Witz und groß an Neubegier, Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen, Und nur weil er durch mich kein Dädal ward, Befahl sein Vater dann, mich umzubringen. Doch Minos, dem sich alles offenbart, Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben, Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt." Zum Dichter sagt ich: "Sprich, ob man im Leben So eitles Volk wie die Sanesen fand? Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben." Der andre Grindge, welcher mich verstand, Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben, Der all sein Gut so klüglich angewandt; Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben, Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt, Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben; Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt, In dem Caccia dAscian samt seinem Witze, Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestürzt. Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze Den Blick auf mich und stelle dich dahin, Gerade gegenüber meinem Sitze; Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin. Metall verfälscht ich, daß ich Gold erschaffe, Und, sah ich recht, so ist dirs noch im Sinn, Ich war von der Natur ein guter Affe". Dreißigster Gesang Zur Zeit, da Junos Herz in Zorn geraten Ob Semeles, in Zorn auf Thebens Blut, Wie sie so manches Mal gezeigt durch Taten, Ergriff den Athamas so tolle Wut, Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen, Das jeden Arm mit einem Sohn belud, Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen: "Die Löwin samt den Jungen sei gefaßt!" Dann streckt er aus die mitleidlosen Krallen; Und wie er einen, den Learch, mit Hast Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen, Ertränkte sie sich mit der zweiten Last. Und als das Glück, das alles kühn zu wagen, Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt, So daß zusammen Reich und Fürst erlagen, Und Hekuba, gefangen und verbannt, Geopfert die Polyxena erblickte, Und sie ihr Mißgeschick an Thraziens Strand Zum Leichnam ihres Polydorus schickte, Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund, Weil Schmerz den Geist verkehrt und ganz bestrickte. Doch nichts in Theben ward noch Troja kund Von einer Wut, die Vieh und Menschen packte, Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund. Ein Paar von Geistern, totenfahle, nackte, Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein, Indems auf alles mit den Hauern hackte. Der schlug sie in den Hals Capocchios ein Und schleppt ihn fort, und nicht gar sanft gerieben Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein. Der Aretiner, der voll Angst geblieben, Sprach: "Schicchi ists, der tolle Poltergeist, Der solch ein wütend Spiel schon oft getrieben." "Wie du geschützt vor jenes Hauern seist," Entgegnet ich, "so sprich, eh er entronnen, Wer dieser Schatten ist und wie er heißt." "Die Myrrha ists, die schnöden Trug ersonnen," Erwidert er, "die mehr als sich gebührt Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen, Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt, Weil sie die fremde Form sich angedichtet; Wie jener, der Capocchio dort entführt, Weil Simon ihn durchs beste Roß verpflichtet, Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt Und so für ihn ein Testament errichtet." Als nun die Tollen sich vorbeibewegt, Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt. Der eine war der Laute zu vergleichen, Hätt ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft, Die jeder Mensch hat abwärts von den Weichen. Die Wassersucht, durch schlechtverkochten Saft Ein Glied abmagernd und das andre blähend, Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft, Hielt ihm die beiden Lippen offen stehend, Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt, Und dem Schwindsüchtgen gleich, vor Durst vergehend. "Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt, Wie? weiß ich nicht, in diesen Schmerzenstalen," Er sprachs, "o schaut und merkt und seid belehrt Von Meister Adams schreckenvollen Qualen. Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glühn; Dort konnt ich, was ich nur gewünscht, bezahlen. Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün Des Casentin zum Arno niederrollen Und frisch und lind des Bettes Rand besprühn, Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen, Und nicht umsonst--mehr, als die Wassersucht, Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen. Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht, Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen, Zu größrer Eile meiner Seufzer Flucht. Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen Geringern Werts verfälscht das gute Geld, Weshalb ich dort der Flamm anheimgefallen. Doch wäre Guido nur mir beigesellt, Und jeder, der zum Laster mich verführte, Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt. Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte Er jüngst den einen auf in dieser Nacht. Doch da dies übel meine Glieder schnürte, Was hilft es mir? Hätt ich nur so viel Macht, Um zollweis im Jahrhundert vorzuschreiten, Ich hätte schon mich auf den Weg gemacht, Ihn suchend durch dies Tal nach allen Seiten, Mags in der Rund auch sich elf Miglien ziehn, Und minder nicht als eine halbe breiten. Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn, Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden An schlechterm Zusatz drei Karat verliehn." Und ich: "Was mochten jene zwei verschulden, Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand, Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?" Er sprach: "Sie liegen fest, wie ich sie fand, Als ich hierhergeschneit nach Minos Winken, Und werden ewiglich nicht umgewandt. Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken Liegt Sinon mir, berühmt durch Trojas Roß. Im faulen Fieber liegen sie und stinken." Und dieser Letzte, dens vielleicht verdroß, Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte, Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß, Daß dieser gleich der besten Trommel tönte. Doch in das Angesicht des andern warf Herr Adam die gleich harte Faust und stöhnte: "Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf, Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest, Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf." "Als du zum Feuer gingst," rief Sinon, "rührtest Du nicht den Arm schnell, wie er eben war, Doch schneller, da du einst den Stempel führtest." Der Wassersüchtge: "Darin sprichst du wahr, Doch stelltest du in Troja kein Exempel Von einem so wahrhaftgen Zeugnis dar." "Fälscht ich das Wort, so fälschtest du den Stempel. Hier bin ich doch für einen Fehler nur, Du aber dientest stets in Satans Tempel." So Sinon. "Denk ans Roß, du Schelm!" so fuhr Ihn jener an mit dem geschwollnen Bauche, "Qual sei dir, daß es alle Welt erfuhr." "Qual sei dir", rief der Grieche drauf, "die Jauche, Und blähe stets zum Bollwerk deinen Wanst, Der Durst, der deine Zung in Flammen tauche." Der Münzer: "Der du stets auf Lügen sannst, Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen! Wenn du mich dürstend. schwellend sehen kannst, So möge Durst dich quälen, Kopfweh stechen. Sprach einer kurz: Sauf aus den ganzen Bach! Du würdest dessen wohl dich nicht entbrechen." Ich horchte stumm, was der und jener sprach, Da rief Virgil: "Nun, wirst du endlich kommen? Zu lange sah ich schon der Neugier nach." Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen, Wandt ich voll Scham zu ihm das Angesicht Und fühle jetzt noch mich von Scham entglommen. Wie man im schreckenvollen Traumgesicht Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge, Und das, was ist, ersehnt, als wär es nicht; So bangt ich, daß mir Scham das Wort entzöge; Entschuldgen wollt ich mich--Entschuldgung kam, Indem ich glaubte, daß ichs nicht vermöge. Da sprach mein guter Meister: "Mindre Scham Wäscht größern Fehler ab, als du begangen, Darum entlaste dich von jedem Gram; Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen, So denke stets, daß ich dir nahe bin, Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen; Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn." Einunddreißigster Gesang Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte Und beide Wangen überzog mit Rot, Wars, die mich dann mit Arzeneien letzte. So, hör ich, hat der Speer Achills gedroht, Und seines Vaters, der mit einem Zücken Verletzt und mit dem andern Hilfe bot. Wir kehrten nun dem Jammertal den Rücken, Den Damm durchschneidend, der es rings umlag, Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken. Dort wars nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag, Daher die Blicke wenig vorwärts gingen; Doch tönt ein Horn--der stärkste Donner mag Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen-- Drum sucht ich nur, entgegen dem Gebraus, Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen. Nicht tönte nach dem unglückselgen Strauß, Der Karls des Großen heilgen Plan vernichtet, Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus. Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet, Glaubt ich, viel hohe Türme zu ersehn, Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?" Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu spähn Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen, Mußt du dich selber öfters hintergehn. Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen Aus der Entfernung das Geschaute schwoll, Drum schreite vorwärts, ohne lang zu säumen." Dann faßt er bei der Hand mich liebevoll Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen, Weils nah dann minder seltsam scheinen soll. Obs Türme wären, wolltest du mich fragen? Nein, Riesen sinds, die rings am Brunnenrand Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen." Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land In Dunst gehüllt, allmählich unsre Blicke Das klar erkennen, was er erst umwand; So, bohrend durch die Luft, die trübe, dicke, Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund, Scheucht ich den Wahn, doch kam die Furcht zurücke Wie um Montereggiones Zinnenrund Rings eine Krone hohe Türme machen, So türmten sich, mit halbem Leib im Grund, Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen Giganten, Kämpfer jenes großen Streits, Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen. Von einem sah ich das Gesicht bereits Und Schultern, Brust und großen Teil vom Bauche, Herabgestreckt die Arme beiderseits. Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht, Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche. Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht Der Elefanten noch, doch sicher findet, Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht, Weil, wenn die Überlegung sich verbindet Mit bösem Willen und mit großer Macht, Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet. Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht, Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen, Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht. Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen, Wo seine Stirn das borstge Haar umwallt, Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen, Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt. Raphegi mai amech itzabi Almen! So tönt es aus den dicken Lippen vor, Für die sich nicht geziemten sanftre Psalmen. Mein Führer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor, Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden, So sprudl ihn flugs durch seinen Bauch hervor. Du kannst an deinem Hals den Riemen finden, Verwirrter Geist, ders angebunden hält. Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!" Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held; Der Nimrod ists, durch dessen toll Vergehen Man nicht mehr eine Sprach übt in der Welt. Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen! Kein Mensch versteht von seiner Sprach ein Wort, Und er kann keines andern Wort verstehen." Wir gingen nun zur Linken weiter fort, Und fanden schon in Bogenschusses Weite Den zweiten größern, wilden Riesen dort. Nicht weiß ich, wems gelang, daß er im Streite Ihn fing und band, doch vorn geschnürt erschien Sein linker Arm und hinter ihm der zweite; Denn eine Kett umwand vom Nacken ihn, Um, was von seinem Leib nach oben ragte, Nach unten hin fünf Male zu umziehn. Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte Sein kühner Stolz des großen Kampfes Los. Hier aber sieh den Preis, den er erjagte. Ephialtes ists. Sein Tun war kühn und groß Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken; Nun ist sein drohnder Arm bewegungslos." Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken, Den Briareus, wenn dies geschehen kann, Möcht ich wohl gern in diesem Tal entdecken." Mein Führer drauf: "Du siehst hier nebenan Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann. Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden, Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schaun, Allein wie er mit Ketten fest umwunden." Hier schüttelt Ephialtes sich, und traun! Kein Erdenstoß, von dem die Türme schwanken, War heftiger, erregte tiefres Graun. Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken, Und sah ich nicht, wie ihn die Kett umschloß, So genügten, mich zu töten, die Gedanken. Wir gingen weiter, ich und mein Genoß, Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen, Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß. "Der du im Tal, das ewgen Ruhm gewonnen, Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind, Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen, Einst tausend Löwen fingst, wenn du, vereint Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint, Die Erdensöhne doch den Sieg errungen. Jetzt setz uns dort hinab, wo, fern dem Licht, Die starre Kälte den Kozyt bezwungen. Zu Tiphöus oder Tityus schick uns nicht. Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben, Drum wende nicht so mürrisch dein Gesicht. Er kann auf Erden deinen Ruf erheben. Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben." Er sprachs, und jener, schnell zum Griff bereit, Streckt aus die Hand, um auf ihn loszufahren, Die Hand, die Herkul fühlt im großen Streit. Virgil, kaum konnt er sich gepackt gewahren, Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!" Drauf macht ers, daß wir zwei ein Bündel waren. Wie Carisenda, unterm Hang erblickt, Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen, Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt, So schien Antäus jetzt sich zu bewegen, Als er sich niederbog, und großen Hang Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen. Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang Und Judas, setzt er nieder unsre Last, Und, so geneigt, verweilt er dort nicht lang Und schnellt empor, als wie im Schiff der Mast. Zweiunddreißigster Gesang O hätt ich Reime von so heiserm Schalle, So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus, Auf welchem ruhn die andern Felsen alle, Dann drückt ich, was ich will, vollkommner aus, Doch, sie nicht habend, geh ich nur mit Bangen Jetzt an die Rede, wie zum harten Strauß. Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen, Den Grund des Alls dem Liede zu vertraun, Und nicht mit Kinderlallen auszulangen. Doch fördern meine Reim itzt jene Fraun, Amphions Hilf an Thebens Maur und Toren, Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Graun. O schlechtster Pöbel, an dem Ort verloren, Der hart zu schildern ist, oh wärst du doch In unsrer Welt als Zieg und Schaf geboren. Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch Tief unterm Riesen, näher schon der Mitte, Und nach der hohen Mauer sah ich noch. Da hört ich sagen: "Schau auf deine Schritte, Daß du den Armen nicht im Weiterziehn Die Häupter stampfen magst mit deinem Tritte." Drum wandt ich mich, und vor mir hin erschien Und unter meinen Füßen auch ein Weiher, Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien. Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier, Und nah dem Pol, selbst in der längsten Nacht, Deckt nicht den Sanais ein so dichter Schleier. Und wäre Tabernik herabgekracht Und Pietrapan, nicht hätte nur am Saume Bei ihrem Sturz das Eis krick krick gemacht. Wie abends, wenn die Bäuerin im Traume Noch Ähren liest--die Schnauze vorgestreckt, Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume; So bis dahin, wo sich die Scham entdeckt, Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend, War elend Geistervolk im Eis versteckt, Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend, Vom Froste mit dem Mund und von den Wehn Des Herzens mit den Augen Zeugnis sagend. Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn, Schaut ich zum Boden hin und sah von oben Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn. "Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben, Wer seid ihr?" sprach ich--dann, als sie auf mich, Die Hälse rückend, ihre Blick erhoben, Sah ich die Augen, feucht erst innerlich, Von Tränen träufeln, die, noch kaum ergossen, Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich, Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen, Drum stießen sich im Grimme wilden Streits, Gleich zweien Böcken, diese Qualgenossen. Und einer, der sein Ohrenpaar bereits Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen: Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids? Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen? Das Tal, das des Bisenzio Flut benetzt, War ihnen einst und ihrem Vater eigen. Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt Kaina ganz, du findest sicher keinen Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt; Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand; Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand. Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen, Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt. Jetzt hör, um mir nur schleunig Ruh zu gönnen, Ich, Camicion, erwarte den Carlin Und werde neben ihm mich brüsten können:" Noch sah ich viele Hundesfratzen ziehn Vor großem Frost in diesem tiefen Kreise, Und schaudre noch vor dem, was mir erschien. Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise, Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht, Und selber zittert ich beim ewgen Eise. Wars Vorsatz, wars Geschick--ich weiß es nicht, Genug, es stieß mein Fuß beim Weitergehen Durch viele Häupter, eins ins Angesicht. "Was trittst du mich?"--so hört ichs heulend schmähen, "Rächst du noch schärfer Montapert an mir? Wenn aber nicht, weswegen ists geschehen?--" "Mein Meister," sprach ich, "harr ein wenig hier, Denn gern belehrt ich mich von diesem näher, Dann folg ich, wie dirs gut dünkt, eilig dir." Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher, Und jener fluchte noch so wild wie erst, Da sprach ich: "Wer bist du, du arger Schmäher?" "Und du, der du durch Antenora fährst," Sprach er, "wer du, der so stößt andrer Wangen, Daß es zu arg war, wenn du lebend wärst?"-- "Ich lebe", sagt ich. "Hättest du Verlangen Nach Ruf, so wird er dir durch mich zuteil, Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen." Drauf er: "Ich wünsche nur das Gegenteil, Drum packe dich--in diesen Eisesmassen Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil." Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen, Und sagt ihm: "Nötig wirds, daß du dich nennst, Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen." Und er: "Ob du mich zausen magst, du kennst Mich dennoch nicht--nichts sollst du hier erkunden, Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst." Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden, Und ob schon ausgerauft manch Büschel war, Schaut er hinab und bellte gleich den Hunden. Da rief ein andrer: "Bocca, nun fürwahr, Du ließest schon genug die Kiefern klingen, Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?" "Dich", rief ich, "mag ich nicht zum Reden zwingen, Verräter du, allein zu deiner Schmach Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen." "Erzähle, was du willst, doch hintennach", Rief Bocca, "magst du diesen nur nicht schönen, Der eben jetzo so geläufig sprach. Sieh ihn fürs Gold der Franken hier belohnen Und sage, daß Duera da nicht fehlt, Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen. Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt, Dort siehst du Becherias Augen triefen, Den jüngst die Florentiner abgekehlt. Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen, Gan, Sribaldello, der Faenzas Tor Den Feinden aufschloß, da noch alle schliefen." Wir gingen fort, und, etwas weiter vor, War, Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden, Das fest in einem Loch zusammenfror. Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden, So fraß der Obre hier den Untern an Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden. Wie in die Schläfe Menalipps den Zahn Einst Sydeus voll von wilder Wut geschlagen, So ward von ihm dem Schädel hier getan. "O du, der du mit viehischem Behagen Den Haß an diesem stillst, an dem du nagst, Weshalb", begann ich, "magst du dich beklagen? Und hör ich, daß du dich mit Recht beklagst, Und wer er sei, und was dein Nagen räche, So sollst du dort erstehn, wo du erlagst, Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche." Dreiunddreißigster Gesang Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus Der Sünder jetzt und wischt ihn mit den Locken Des angefressnen Hinterkopfes aus. Er sprach: "Du willst zum Reden mich verlocken? Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneun, Bei des Erinnrung schon die Pulse stocken? Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreun, Die Frucht der Schande dem Verräter bringen, Nicht Reden werd ich dann noch Tränen scheun. Zwar, wer du bist, wie dir hierherzudringen Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin Wie Florentiner Laut dein Wort zu klingen. Du höre jetzt: Ich war Graf Ugolin, Erzbischof Roger er, den ich zerbissen. Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin. Daß er die Freiheit tückisch mir entrissen, Als er durch Arglist mein Vertraun betört, Und mich getötet hat, das wirst du wissen. Vernimm darum, was du noch nicht gehört, Noch haben kannst--den Tod voll Graus und Schauer, Und fass es, wie sich noch mein Herz empört. Ein enges Loch in des Verlieses Mauer, Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiß Man manchen noch verschließt zu bittrer Trauer, Es zeigte kaum nach nächtger Finsternis Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriß. Er jagt, als Herr und Meister, durch die Auen Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus, Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen. Mit Hunden, mager, gierig und zum Strauß Wohleingeübt, entsendet er Sismunden, Lanfranken samt Gualanden sich voraus. Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden. Als ich erwacht im ersten Morgenrot, Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen, Die bei mir waren, und verlangten Brot. Teilst du nicht meinen Schmerz, so teilst du keinen, Und denkst du, was mein Herz mir kundgetan, Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen? Schon wachten sie, die Stunde naht heran, Wo man uns sonst die Speise bracht, und jeden Weht ob des Traumes Unglücksahndung an. Verriegeln hört ich unter mir den öden, Graunvollen Turm--und ins Gesicht sah ich Den Kindern allen, ohn ein Wort zu reden. Ich weinte nicht. So starrt ich innerlich, Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte: Du blickst so,--Vater! Ach, was hast du? Sprich! Doch weint ich nicht, und diesen Tag lang sagte Ich nichts und nichts die Nacht, bis abermal Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte. Als in mein jammervoll Verlies sein Strahl Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände Auf vier Gesichtern meins und meine Qual. Ich biß vor Jammer mich in beide Hände, Und jene, wähnend, daß ich es aus Gier Nach Speise tat, erhoben sich behende Und schrien: Iß uns, und minder leiden wir! Wie wir von dir die arme Hüll erhalten, Oh, so entkleid uns, Vater, auch von ihr. Da sucht ich ihrethalb mich still zu halten; Stumm blieben wir den Tag, den andern noch. Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten? Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen: Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch! Dort starb er--und so hab ich sie gesehen, Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag, Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen. Schon blind, tappt ich dahin, wo jeder lag, Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen, Bis Hunger tat, was Kummer nicht vermag." Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen, Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach, Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen. Pisa, du, des schönen Landes Schmach, In dem das Si erklingt mit süßem Tone, Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach, So schwimme her, Capraja und Gorgone, Des Arno Mund zu stopfen, daß die Flut Dich ganz ersäuf und keiner Seele schone. Denn, wenn auch Ugolinos Frevelmut, Wie man gesagt, die Schlösser dir verraten, Was schlachtete die Kinder deine Wut? Oh neues Theben, war an solchen Taten Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar, Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten?-- Wir gingen nun zu einer andern Schar, Die, statt wie jene, sich hinabzukehren, Das Antlitz aufwärts, eingefroren war. Die Zähren selber hemmen hier die Zähren, Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann, Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren. Denn, was zuerst dem trüben Aug entrann, Das war zum Klumpen von Kristall verdichtet Und füllte ganz die Augenhöhlen an. Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet, Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien, Und deshalb jegliches Gefühl vernichtet, Doch fühlt ich, schiens mir Luft entgegenziehn, Drum sprach ich: "Herr, wie mag hier Luft sich regen, Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?" Und er: "Du gehst der Antwort schnell entgegen Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereist, Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen." Da rief ein eisumstarrter armer Geist: "Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte Zu dieser letzten Stelle Minos weist, Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte, Damit ich lüfte meines Herzens Wehn, Eh neu die Träne sich zu Eis verdichte." Ich sprach: "Soll dirs nach deinem Wunsch geschehn, So nenne dich, und wenn ichs nicht erzeige, So will ich selbst zum Grund des Eises gehn." Drauf er: "Ich bins, der Frucht vom bösen Zweige Als Bruder Alberich dort angeschafft, Und speise hier die Dattel für die Feige." "Oh," rief ich, "hat der Tod dich hingerafft?" Und er zu mir: "Ob noch mein Leib am Leben, Davon bekam ich keine Wissenschaft. Denn Ptolommäa hat den Vorzug eben, Daß oft die Seele stürzt in dies Gebiet, Eh ihr den Anstoß Atropos gegeben. Und daß du lieber mir vom Augenlid Verglaste Tränen nehmest sollst du wissen: Sobald die Seele den Verrat vollzieht, Wie ich getan, wird ihr der Leib entrissen Von einem Teufel, der dann drin regiert Bis an den Tod, indes in Finsternissen Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert. Vielleicht ist oben noch der Körper dessen, Der hinter mir in diesem Eise friert. Kommst du von dort, so magst dus selbst ermessen. Herr Branca dOria ists, der jämmerlich Schon manches Jahr im Eise fest gesessen." "Ich glaube," Sprach ich, "du betrügest mich, Denn Branca dOria ist noch nicht begraben Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich." Und er darauf: "Es konnte jenen Graben, An dem beim Pech die Schar von Teufeln wacht, Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben, Da war sein Leib schon in des Dämons Macht. So gings auch dem von dOrias Geschlechte, Der den Verrat zugleich mit ihm vollbracht. Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte Und nimm das Eis hinweg!--doch tat ichs nicht, Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte. Genua, Feindin jeder Sitt und Pflicht, Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen, Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht? Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen Der euren einen, für sein Tun belohnt, Die Seel in des Kozytus Eis verschlossen, Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt. Vierunddreißigster Gesang "Uns naht des Höllenköniges Panier! Schau hin, ob du vermagst ihn zu erspähen." So sprach mein edler Meister jetzt zu mir. Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen, Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen; So sah ich jetzo ein Gebäude dort-- Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken, Drum drängt ich fest mich hinter meinen Hort. Dort war ich, wo--ich sing es noch mit Schrecken-- Die Geister, in durchsichtges Eis gebannt, Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken. Der lag darin gestreckt, und mancher stand, Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuß gewandt. Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte, Daß es dem Meister nun gefällig schien, Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte. Da trat er weg von mir, hieß mich verziehn, Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen, Und hier laß nicht dir Mut und Kraft entfliehn." Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen, Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht, Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen. Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht. Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche, Dem Tod und Leben allzugleich gebricht. Der Kaiser von dem tränenvollen Reiche Entragte mit der halben Brust dem Glas, Und wie ich eines Riesen Maß erreiche, Erreicht ein Riese seines Armes Maß. Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen, Dem solch ein Glied verhältnismäßig saß. Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen, Und hat den gütgen Schöpfer doch bedroht, So muß er wohl der Quell sein alles Bösen. O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot! Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen, Von diesen aber war das vordre rot. Anfügten sich die andern zwei dem einen, Gerad ob beiden Schultern hingestellt, Um oben sich beim Kamme zu vereinen; Das Antlitz links weißgelblich--ihm gesellt Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen Von jenseits kommen, wo der Nilus fällt. Groß, angemessen solchem Vogel, standen Zwei Flügel unter jedem weit heraus, Die wir den Segeln gleich, nur größer, fanden, Und federlos, wie die der Fledermaus. Sie flatterten ohn Unterlaß und gossen Drei Winde nach verschiedner Richtung aus. Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen. Sechs Augen waren nie von Tränen frei, Die auf drei Kinn in blutgem Geifer flossen. Und einen armen Sünder malmt entzwei Und kaute jeder Mund, daher zerbissen, Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei. Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen, Verglichen mit den scharfen Klaun, zu sein, Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen. Da sprach Virgil: "Sieh hier die größte Pein! Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Fängen, Und außen zappelt er mit Arm und Bein. Zwei andre sieh, den Kopf nach unten hängen; Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund Sich ohne Laute winden, drehn und drängen; Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund-- Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen, Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund." Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen, Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell, Und, als sich weit gespreizt die Flügel schwangen, Hing er sich an die zottge Seite schnell, Griff Zott auf Zott, um sich herabzusenken Inmitten eisger Rind und rauhem Fell. Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken Des Riesen sich der Lenden Kugeln drehn, Eilt er, mit Müh und Angst, sich umzuschwenken. Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn; Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter, Als sollten wir zurück zur Hölle gehn. "Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter Entkommt man nur so großem Leid," so sprach Tiefkeuchend, wie ein Müder, mein Begleiter. Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach, Dann setzt er mich auf einen Rand daneben Und streckte mir den Fuß behutsam nach. Ich blickt empor und glaubte, wie ich eben Den Dis gesehn, so stell er noch sich dar. Doch seine Füße sah ich sich erheben. Wie ich erschrak, bedenk, o dumme Schar, Ders nottut, daß sie erst erkennen lerne, Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war. Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne, Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast; Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen Nicht wars ein Gang durch einen Prachtpalast, Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast. Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh aus dem Schlunde Der Weg, den du mich leitest, mich entläßt, Reiß aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde: Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest? Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West? "Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten, Wo du am Wurme, der die Erde kränkt Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten. Du warsts, solang ich mich hinabgesenkt; Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere, Durchdrängest du, da ich mich umgeschwenkt. Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre, Entgegen der, die großes trocknes Land Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre So fehllos lebt und starb, wie er entstand. Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise, Der hier Judokas andre Seit umspannt. Und hier beginnt der Sonne Tagesreise, Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt Noch immer Luzifer nach alter Weise. Vom Himmel ward er hier herabgestreckt. Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben. Um ihn zu fliehn, drang auch die Erde vor Aus dieser Höhl und drängte sich nach oben." So sprach Virgil--und sieh, vom Dis empor Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hölle, Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr; Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang Und vielgewunden, bis zu jener Stelle. Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang Den Rückweg an entlang des Baches Windung; Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang, Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne, Und eilig stiegen wir aus enger Mundung Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne. Das Fegefeuer Erster Gesang Zur Fahrt in bessre Fluten aufgezogen Hat seine Segel meines Geistes Kahn, Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen. Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn, Wohin zur Reinigung die Geister schweben, Um würdig dann dem Himmelreich zu nahn. Doch hier mag sich die tote Dichtung heben, O heilge Musen, da ich euer bin! Hier mög empor Kalliopeia streben! Sie folge mir mit jenem Ton dahin, Des Streich, die armen Elstern einst erschreckend, Verzweiflung bracht in ihren stolzen Sinn. Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend Des reinen Äthers heiteres Gebäu Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend, Erschuf vor mir der Augen Wonne neu, Sobald ich jetzt der toten Luft entklommen, Die Aug und Brust getrübt in Nacht und Scheu. Der schöne Stern, der Lieb erregt, entglommen Im Osten, hatt in Lächeln ihn verklärt, Die Fisch umschleiernd, die mit ihm gekommen. Dann rechts, dem andern Pole zugekehrt, Erblickt ich eines Viergestirnes Schimmer, Des Anschaun nur dem ersten Paar gewährt. Der Himmel schien entzückt durch sein Geflimmer. O du verwaistes Land, du öder Nord, Du siehst den Glanz der schönen Lichter nimmer. Als ich darauf vom Viergestirne fort Ein wenig hin zum andern Pole sah, Da war verschwunden schon der Wagen dort. Und einen Greis, allein, sah ich mir nahe, Der Ehrfurcht also wert an Mien und Art, Daß mir, als obs mein Vater sei, geschähe. Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend Als Doppelstreif, der Brust zur Hülle ward. Sein Angesicht, die heilgen Strahlen trinkend Des Viergestirnes, war so schön und klar, Als sah ich es, vom Schein der Sonne blinkend. "Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar, Aus ewger Haft, dem blinden Strom entgegen" Er sprachs, bewegt des Bartes greises Haar, "Wer leitet euch? Wer leuchtet euren Wegen, Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht, Die, ewig achwarz, der Hölle Täler hegend Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht? Hat neuer Ratschluß durch der Hölle Pforte Verdammt in meine Grotten hergebracht?"-- Hier fühlt ich mich erfaßt von meinem Horte, Und ehrerbietig macht er Braun und Knie Mir alsogleich mit Hand und Wink und Worte Und sprach: "Nicht durch mich selber bin ich hie; Ein Weib kam bittend aus den höchsten Sphären, Darob ich diesem mein Geleit verlieh. Doch das dein Will ist, daß ich dich belehren Von unserm wahren Zustand soll, wie mag Mein Will ein andrer sein, als zu gewähren! Nicht sahe dieser noch den letzten Tag, Doch war er nah ihm, so vom Wahn verblendet, Daß er gewiß in kurzer Frist erlag. Um ihn zu retten, ward ich abgesendet, Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut, Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet. Ich zeigt ihm schon der Sünder ganze Brut, Nun aber ist er die zu sehn bereitet, Die hier sich läutern unter deiner Hut. Lang wärs zu sagen, wie ich ihn begleitet. Kraft kam von oben, helfend, daß ich ihn, Um dich zu hören und zu sehn, geleitet. Laß dirs gefallen, daß er hier erschien. Er sucht die Freiheit--wie sie wert zu halten, Weiß, wer um sie des Lebens sich verziehn. Du weißts, du ließest gern sie zu erhalten, In Utica die Hülle blutbenetzt, Die hell am großen Tag sich wird entfalten. Nicht ward der ewge Schluß von uns verletzt. Er lebt und mich hält Minos nicht gefangen. Ich bin vom Kreis, wo deine Martia jetzt, Noch keuschen Augs, dir ausspricht das Verlangen, O heilge Brust, als dein sie anzusehn, Drum woll uns, ihr zuliebe, wohl empfangen. Laß uns durch deine sieben Reiche gehn, Dann grüß ich sie von dir in jenen Hallen, Willst, dort erwähnt zu sein, du nicht verschmähn." "Gefiel auch", sprach er, "Martia mir vor allen, Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies, Wodurch ich irgend wußt, ihr zu gefallen, Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies, Da sie dort wohnt jenseits der nächtgen Wogen, Wie festgesetzt ward, als ich sie verließ. Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen, Wie du gesagt, was brauchts da Schmeichelein? Sie will, dies gnügt, und treulich wirds vollzogen Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweihn. Ihn muß ein Gurt von glatter Bins umschnüren, Dann wasch ihm das Gesicht vom Schmutze rein. Das Aug umnebelt, will sichs nicht gebühren, Zum ersten Diener, der vom selgen Land Herabgekommen ist, ihn hinzuführen. Rings trägt der kleinen Insel tiefster Strand, Wo Wog und Woge sich im Wechsel jagen, Viel Binsen am morastig weichen Rand. Die andern Pflanzen, welche Blätter tragen Und sich verhärten, kommen da nicht auf, Wos gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen. Doch kehrt von dort nicht rückwärts euren Lauf; Die Sonne zeigt--seht, dort ersteht sie eben!-- Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf." Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben; Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort, In seinen Schutz und Willen ganz ergeben. Er sprach: "Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer Nach ihren letzten tiefsten Grenzen fort." Schon trieb das Morgenrot mit lichtem Schimmer Die Frühe vor sich her, und vom Gestad Erkannt ich weit hinaus des Meers Geflimmer. Nun gingen wir dahin auf ödem Pfad, Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend, Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat. Wir sahn den Tau bald, mit der Sonne streitend, Doch, weil er dort an schattger Stelle war, Sich minder schnell in leichtem Dunst verbreitend. Worauf mein Hort mit seiner Hände Paar Sanft die zerstreuten, weichen Gräser deckte, Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr, Ihm die betränte Wang entgegenstreckte. Rein wusch er mir die Farbe der Natur, Die erst der Schmutz der Hölle ganz versteckte. Nun gingen wir dahin auf öder Flur Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte, Das wieder heim zum Vaterlande fuhr. Dort, so wie der geboten, der uns schickte, Umgürtet er mit schwachen Binsen mich, Und wo er nur die niedre Pflanze knickte, Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich. Zweiter Gesang Sol war zum Horizont herabgestiegen, Des Mittagskreis, wo er am höchsten steht, Sieht unter sich die Feste Zions liegen. Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht, War mit der Wag am Ganges vorgegangen, Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht. Drum hatten Eos weiß und rote Wangen Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand, In hohem Gelb zu schimmern angefangen. Wir waren noch am niedern Meeresstrand, Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen, Im Herzen fort, indes der Körper stand. Und wie in trüber Röte, wenn der Morgen Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen, So sah ich jetzt ein Licht--o säh ichs mehr! Und eilig, wie kein Vogel je geflogen, Glitts auf des Meeres glattem Spiegel her. Als ich von ihm die Augen abgezogen 1 , , 2 3 , 4 , 5 . 6 7 , 8 . 9 10 11 . 12 13 , 14 , , 15 , 16 , , 17 , 18 ; 19 , 20 . 21 , 22 , 23 . 24 , 25 , 26 . 27 , , 28 , 29 . 30 , 31 , 32 ; 33 34 , 35 , . 36 37 , 38 . 39 " , , " 40 , 41 " , 42 : 43 , 44 . " 45 " , " 46 , , 47 " , . " 48 : " 49 ; 50 , . " 51 , , , 52 , , 53 . 54 55 : " ! " 56 , , : 57 " 58 59 , , 60 ? 61 , , , 62 . " 63 " , 64 , 65 . 66 , : 67 . 68 , , 69 , , 70 , 71 , . 72 , , 73 , , 74 . " 75 : " , 76 ? 77 . " 78 , , 79 : " , 80 ; 81 , , 82 , 83 , ; 84 , , 85 , 86 . 87 , , 88 , 89 ; 90 , . 91 , , 92 , , , 93 " . 94 95 96 97 , 98 , , 99 , 100 , 101 , , 102 , 103 : 104 " ! " 105 ; 106 , , 107 , , 108 . 109 , , 110 , , 111 , 112 , , 113 , 114 115 , 116 , , , 117 . 118 119 , , 120 . 121 , , , 122 , , 123 . 124 125 , 126 . 127 , , 128 : " , , 129 . " 130 " , " 131 , " , , 132 . " 133 " , , " 134 , " 135 , 136 , 137 ; 138 , , 139 , 140 141 . 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