Ich meine linke Seite wiederfand. Als ich am rechten Platze war, so nahe, Daß nur der Fluß mich schied, hemmt ich den Schritt, Um besser zu erschaun, was dort geschahe. Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt, Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen, Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt. So sah man sieben Streifen oben strahlen, Sie allesamt in jenen Farben bunt, Die Phöbes Gurt und Phöbus Bogen malen. Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund, Doch sah ich, daß an beiden äußern Grenzen Zehn Schritt der erste von dem letzten stund. Und wie ich also sah den Himmel glänzen, Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht, Zweimal zwölf Greise her in Lilienkränzen. Und alle sangen: "Sei gebenedeit In Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen Sei deine Huld und Schön in Ewigkeit." Und als nun die beblümten frischen Wiesen, Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt, Die Auserwählten nach und nach verließen, Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt, Vier Tiere dort zunächst sich offenbaren, Und jedes ward mit grünem Laub bekränzt Und war versehn mit dreien Flügelpaaren, Mit Augen ihre Federn ganz besetzt, Wie die des Argus, als er lebte, waren. Nicht viel der Reime, Leser, wend ich jetzt Auf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben, Da größrer Stoff mich noch in Kosten setzt. Laß von Ezechiel sie dir beschreiben; Von Norden sah er sie, so wie er spricht, Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben. Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht, Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen Mir völlig bei und dem Propheten nicht. Es stellt im Raum sich, den die Tier umfingen, Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar, Des Seil an eines Greifen Hälse hingen. Und in die Streifen ging der Flügel Paar, Die hoch, den mittelsten umschließend, standen, So, daß kein Streif davon durchschnitten war. Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden; Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied, Wie sich im andern Weiß und Rot verbanden. Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied Rom dem Augustus, noch den Afrikanen; Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht, Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen, Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn Durch Zeus gerechten Ratschluß, wie wir ahnen, Man sah im Kreis drei Fraun sich tanzend drehn Am Rande rechts, und hochrot war die eine, Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn. Die zweite glänzte hell in grünem Scheine, Gleich dem Smaragden, und die dritte schien Wie frisch gefallner Schnee an Weiß und Reine. Die Weiße sah man bald den Reigen ziehn, Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten Die andern langsam gehn und eilig fliehn. Links vier im Purpurkleid, die sich ergötzten, Und, wie die eine, mit drei Augen, sang, Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten. Nach allen diesen kam den Pfad entlang, Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten, Doch gleich an Ernst und Würd in Mien und Gang. Der erste war für einen Freund zu halten Des Hippokrat, den die Natur gemacht, Um ihrer Kinder liebste zu erhalten. Der andre schien aufs Gegenteil bedacht, Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte, Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht. Dann kamen vier daher, demütge, schlichte, Und hinter ihnen kam ein Greis, allein Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte. Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten Die Häupter Lilienkränz in weißem Schein, Rosen vielmehr und andre rote Blüten, Und wer vom weiten sie erblickte, schwor, Daß oberhalb der Braun sie alle glühten. Mir gegenüber fuhr der Wagen vor, Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte, Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor, Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte. Dreißigster Gesang Sobald der Empyren Gestirn des Norden, (Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt, Und das durch Sünden nur umnebelt worden; Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt, Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden, Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt), Stillstand, da wandten, dies vom Greifen schieden, Die zweimal zwölf und vier Wahrhaften, sich Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden. Und einer, der des Himmels Boten glich, Rief dreimal singend zu der andern Sange: "Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!" Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange Der Selgen Schar, mit leichtem Leib umfahn, Dem Grab erstehen wird mit eilgem Drange, So hoben von des heilgen Wagens Bahn Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle, Des ewgen Lebens Diener, himmelan. "Heil dir, der kommt!" so klangs im Widerhalle, "Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!" Und Blumen warfen rings und oben alle. Schon sah ich bei des Tages Anbeginn Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen, Sah klar den Himmel und die Königin Des Tages, sanft umschattet, höher steigen, So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß, Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen. Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschloß, Und niederstürzend um und in den Wagen, Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß, Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen, Olivenzweig ihr Kranz, und ums Gewand, Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen. Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand, Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben Demütgen Staunens bange Lust empfand, Fühlt, eh das Aug ihm-Kunde noch gegeben, Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll, Die alte Liebe mächtig sich erheben. Kaum war der hohen Kraft die Seele voll, Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll, So wandt ich links mich hin, mit dem Verlangen, Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Mut Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen, Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut! Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke-- Ich kenne schon die Zeichen alter Glut." Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke, Virgil, der väterliche Freund--Virgil, Dem sie mich übergab zu meinem Glücke. Was Eva einst verloren, da sie fiel, Nicht half es mir, die Tränen zu vermeiden, Wovon ein Strom die Wangen niederfiel. "O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden, Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht; Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!" Und wie mit ernstgebietendem Gesicht Ein Admiral, der, musternd seine Scharen Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht, So war sie links im Wagen zu gewahren, Als ich nach meines Namens Klang mich bog, Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren; Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog, Als sie erschien, in jener Engelfeier, Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog. Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier, Der von Minervens Laub umkränzet ward, Mir ihren Anblick nur noch wenig freier. Stolz sprach sie nun mit königlicher Art, Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen, Und sich das härtre Wort fürs Ende spart: "Schau her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen Führt dich zu diesen Höhn? Wie? Weißt du nicht, Beglückte wohnen nur in diesen Auen." Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht, Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben, Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht. So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben, Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben. Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen, Bis: Stellest meine Fuß auf weiten Ort. Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen Den Stürmen ragt, der Schnee, im Frost gehäuft, Zu Eis erstarrt, vom slawschen Wind getroffen, Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft, Wenn laue Wind aus Libyen ihn verzeihen, So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerläuft; So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren, Bevor die Engel sangen, deren Sang Nur Nachklang ist vom Lied der ewgen Sphären. Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang, Wohl heller klang, als hätten sie gesungen: "Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?" Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen, Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen. Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund, Sie wandte sich dem Engelchor entgegen, Und tat den heilgen Scharen dieses kund: "Ihr wacht im ewgen Tag, und nimmer mögen Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht, Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen. Drum ist die Antwort wohl für ihn bedacht, Der drüben weint, damit sie klar beweise, Daß große Schuld auch große Schmerzen macht. Nicht durch die Kraft allein der ewgen Kreise, Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt, Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise, Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt, Sie, deren Regen solche Dünst umgeben, Daß sich kein Blick in ihre Tiefen senkt, War dieser einst in seinem neuen Leben Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit Durch rechte Sitte mächtig zu erheben. Doch wilder wird in schnöder Üppigkeit Jedweder schlechte Same sich entfalten, Je kräftger ist des Bodens Fruchtbarkeit. Wohl wußt ich einge Zeit ihn festzuhalten, Indem ich ihm die jungen Augen wies; Da ließ er gern als Führerin mich walten. Doch hatt er, als ich kaum die Welt verließ, Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen, Indem er andern ganz sich überließ. Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen, Und höhre Tugend, höhern Reiz empfahn, Da war er minder hold mir und gewogen. Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn, Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens, Den falschen Lockungen und leerem Wahn. Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens, Und Mahnung haucht ich ihm und Warnung ein, Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens. Ein Mittel könnt ihm nur zum Heil gedeihn, So tief schon hatt er sich im Wahn verloren, Und solches war der Anblick ewger Pein. Deswegen drang ich zu der Hölle Toren Und habe den, der ihn herauf geführt, Mit Bitten und mit Tränen dort beschworen. Nicht wärs, wie sichs nach ewgem Rat gebührt, Wenn er durch Lethe ging und sie genösse, Und nicht vorher, bußfertig und gerührt, In Reuezähren seine Schuld ergösse. Einunddreißigster Gesang "Du, jenseits dort am heilgen Strom," so kehrte Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich, Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte, Fortfahrend ohne Säumen: "Sprich, o sprich, Ist dieses wahr? Erkennst du deine Fehle? Auf solche Klage ziemt die Beichte sich." Die Stimme regte sich, doch in der Kehle Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld. Verwirrte finstre Strenge meine Seele. Nur wenig hatte sie mit mir Geduld: "Was sinnst du? Sprich! Noch tilgten nicht die Wogen Der Lethe die Erinnrung deiner Schuld." Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen Ein Ja! aus meinem Mund, das zwar erblickt Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen. Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt, Und, wenn sich Sehn und Bogen überschlagen, Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele Schickt, So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen, Ich jetzt in Seufzer aus und Tränenflut Und ließ den Ton sich nicht ins Freie wagen. Drum sie zu mir: "In meiner Wünsche Glut, Die einst dich jenes Gut zu lieben führte, Das unserm Wunsch entrückt all andres Gut. Welch eine Kette wars, die dich umschnürte, Das auf den Fortschritt, mit verzagtem Sinn, Die Hoffnung abzulegen dir gebührte. Und welche Fördrung, welcherlei Gewinn, Die lockend dir von andrer Stirne lachten? Was führte dich zu ihrem Wege hin?" Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten Sich Töne mühsam frei aus meiner Brust, Die kaum als Wort hervor die Lippen brachten. "Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust," So weint ich, "hat, als eure Blick entschwanden, Rückwärts zu wenden meinen Schritt gewußt." "Verschwiegst, vermeintest du, was du gestanden," Sprach sie, "nicht minder wärs dem Richter kund, Vor dessen Blick die Lüge nie bestanden. Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund. So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache, Und Gnade macht des Sünders Herz gesund. Drum, daß dein Wahn dich mehr erröten mache, Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit Die Lockung der Sirenen kühn verlache, Laß ab vom Weinen jetzt und Traurigkeit; Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen Dir ziemend war, als mich der Tod befreit. Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen, Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien, Des schöne Glieder jetzt in Staub zerfallen. Und sahest du die höchste Wonn entfliehn Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen? Welch irdsche Lust dich fürder an sich ziehn? Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen, Bei ihrem ersten Pfeil, wars ziemend, mir, Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen. Nicht niederziehn sollt er die Schwingen dir, Nicht harren solltest du der andern Pfeile, Des Mägdleins nicht, nach andrer eitlen Zier. Der junge Vogel harrt in träger Weile Des zweiten Pfeils, doch der beschwingte flieht Und schützt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile." Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht, Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören, Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht; So stand ich dort: "Betrübt dich schon das Hören," Sie sprachs, "So sei emporgewandt dein Bart; Das Schauen wird noch deinen Schmerz vermehren."- In ihrem Widerstande minder hart, Läßt ihrem Grund die Eiche sich entreißen, Wenn sie von Nordsturms Macht durchschüttelt ward, Als ich das Kinn erhob, da sies geheißen. Auch fühlt ich, da sie Bart für Antlitz sprach, Des Wortes Gift an meinem Herzen reißen. Das Antlitz hob ich zögernd und gemach, Und sieh, die schönen englischen Gestalten, Sie ließen jetzt im Blumenstreuen nach. Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten, Erschaute sie, dem Greifen zugewandt, In dem, dem einen, zwei Naturen walten. Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand, Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden, Wie sie vordem die andern überwand. Wie mußt ich da der Reue Schmerz empfinden! Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust Der eiteln Welt jetzt hassenswürdig finden! So nagte Selbstbewußtsein meine Brust, Daß ich hinsank--mit welchem innrem Beben, Ihr, die es mir erregt, ihr ists bewußt. Als äußre Kraft das Herz mir neu gegeben, Sprach über mir sie, die mir erst allein Erschienen war: "Mich fass, um dich zu heben!" Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein, Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken, Auf seiner Fläch und zog mich hinterdrein, Um mich zum selgen Ufer hinzulenken. Dort klangs: "Entsündge mich!" so süß--ich kann Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken. Die schöne Frau erschloß die Arme dann, Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen, Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann. Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen, Bot sie zum Tanze mich den schönen vier, Die hold um meinen Hals die Arme bogen. "Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier. Und als zur Welt Beatrix kam, so gingen Als ihre Dienerinnen wir mit ihr. Wir werden dich ihr vor die Augen bringen; Dir schärfen dann, fürs holde Licht darin Den Blick die drei, die schauend tiefer dringen." Sie sangen diese Worte zum Beginn, Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten. Dort wandte sie nach uns das Antlitz hin. Sie sprachen dann: "Hier darfst du frei betrachten, Wir stellten dich vor der Smaragden Licht, Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten." Mir weckt ein glühend Sehnen ihr Gesicht Und band an ihrer Augen Glanz die meinen; Die ihren wichen vor dem Greifen nicht. Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen, Gleichwie die Sonn im Spiegel, schimmernd klar, Als diesen bald, als jenen bald erscheinen. Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar, Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken, Obwohl das Urbild stets dasselbe war. Indes die Seel in Staunen und Entzücken Die Speise kostete, die größern Drang Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken, Da sah ich jene drei vom höchsten Rang, Dies zeigte die Gebärd, uns nahe kommen, Den Engeltanz begleitend mit Gesang. "Beatrix, laß den Blick, den heilgen, frommen," So sangen sie, "auf deinen Treuen sehn, Der dich zu schaun so hoch emporgeklommen. Enthüll aus Gnad ihm deinen Mund, wir flehnl Die zweite Schönheit, die du noch verborgen, O laß sie auf vor seinen Augen gehen!" O Glanz lebendgen Lichts! o ewger Morgen! Wer trank so tief aus des Parnassus Flut, Wer ward so bleich in seinen Mühn und Sorgen, Daß er vermag, mit freiem, kühnem Mut Sich deiner Schilderung zu unterfangen, Wenn du bei Himmelsharmonien in Glut Den unbewölkten Lüften aufgegangen? Zweiunddreißigster Gesang Den zehenjährgen Durst zu löschen, hingen An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier, Daß mir die andern Sinne ganz vergingen. Seitwärts baut eine Mauer dort und hier Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten, Zog mich ihr heilges Lächeln hin zu ihr. Da wandten mir die himmlischen Gestalten Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht, Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten! Nun stand ich dort wie einer, den das Licht Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet, Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht. Doch als das wenge sie mir neu gespendet-- Nach jenem vielen wenig und gering, Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet-- Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing Sich rechts zu kehren an, indems den Lichten, Den sieben, nach, der Sonn entgegenging. Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten, Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn, Eh sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten, So war die Schar des Himmelreichs zu sehn, Und eh sich um des Wagens Deichsel legte, Sah man den Zug vor und vorübergehn. Die sieben Frauen rechts und links, bewegte Der Greif die heilge Last mit stiller Macht, So daß an ihm sich keine Feder regte. Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht, Wir leiteten dem Rade nach die Schritte, Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht. So ging es durch des hohen Waldes Mitte, Öd, weil der Schlang einst Eva Glauben gab, Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte. Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen, Und Beatrice stieg vom Wagen ab. "Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen, Und einen Baum, von Laub und Blüten leer, Umringt im Kreise nun die Schar der Frommen. Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern Durch seine Höhe zum Erstaunen war. "Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plündern Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sündern." So rief rings um den starken Baum die Schar. Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden: "So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr." Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden, Schob er zum öden Stamm und ließ am Baum, Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden. Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen, Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum, Sich üppig blähn zu neuen jungen Sprossen, Jede gefärbt nach der Natur Gebot, . Eh Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen; So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze, Die erst verwaist erschien und kahl und tot. Und wie sie nun erblüht im neuen Glanze, Ertönt ein nie gehörter Lobgesang, Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze. Könnt ich euch malen, wie mit süßem Klang Von Pan und Syrinx einst Merkur den Späher, Den unbarmherzgen, zum Entschlummern zwang, So zeigt ich, wie nach einem Urbild, eher, Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht, Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher. Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht, Da mir ein Glanz zerriß den dunkeln Schleier, Und eine Stimme rief: Steh auf, hab acht! Wie zu der Blut des Baums, des Apfel teuer Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann, Der Speise gibt zur ewgen Hochzeitsfeier, Geführt, Jakobus, Petrus und Johann Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden, Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann, Und nun vermindert ihre Schule fanden. Denn Moses und Elias waren fort, Und ihren Herrn in anderen Gewanden; So ich--und über mich gebogen dort Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten, Die mich geführt entlang des Flusses Bord. "Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glühten Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach Die Schöne, "sitzt sie unter neuen Blüten. Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach Entflohn empor die anderen, mit Sange, Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach. Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange, Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange. Sie saß allein auf jenem reinen Land, Wies schien, zur Hut des Wagens dort gelassen, Den an den Baum der Zweigestaltge band. Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen, Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen. "Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist Und wirst mit mir als ewger Bürger bleiben In jenem Rom, wo Christus Römer ist. Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben Schau auf den Wagen, um, was du gesehn, Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben." Beatrix sprachs--wie könnt ich widerstehn? Ganz so, wies der Gebieterin gefallen, Ließ ich voll Demut Geist und Auge gehn. Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen. Aus dichter Wölk, ein flammendes Geschoß, Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen, Als auf den Baum Zeus Vogel niederschoß, Nicht wühlend bloß in Blüten und in Blättern, Die Rind auch brechend, die sein Mark umschloß. Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern, Der bei dem Stoße rechts und links sich bog, Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern. Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog, Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen, Wohin ihn Gier nach beßrer Speise zog. Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen, Trieb meine Herrin ihn so eilig fort, Als laufen konnten seine magern Knochen. Und nochmals stürzte von dem hohen Ort, Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen, Und ließ ihm viel von seinen Federn dort. Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen, Klang aus dem Himmel eine Stimm und sprach: "Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!" Und unten, zwischen beiden Rädern, brach Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen, Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach. Dann zog er ihn zurück, wies Wespen machen, Nahm einen Teil des Bodens mit und schien, Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen. Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet, Wie üppig Land mit Gras, sich überziehn. Und dieses Werk war so geschwind vollendet, Und voll die Deichsel und das Räderpaar, Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet. Und Häupter trieb, als er verwandelt war, Der Wagen vor, an den vier Ecken viere, Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr, Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere, Die ersten vier mit einem Horn versehn; So glich er nie geschautem Wundertiere. Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn, Saß eine zügellose Hure drinnen Und ließ umher die flinken Augen spähn. Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen, Stand ihr zur Seit ein Ries, und diese zwei Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen. Allein, weil sie die Augen gierig frei Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier Vom Kopf zum Fuß mit wütendem Geschrei. Drauf löst er ab vom Baum das Ungeheuer, Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg, Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier Die Hure samt dem Wundertier verbarg. Dreiunddreißigster Gesang Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen, Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang, Doch tränenvoll, die Frauen an zu singen. Beatrix horchte schweigend dem Gesang, Verwandelt wie Maria, die mit Grauen Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang. Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn, Grad, aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen. " Über ein kleines sollt ihr nicht mich sehn, Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben, Über ein kleines werdet ihr mich sehn." Sie sprachs und stellte vor sich alle sieben, Und hinter sich, durch ihren Wink allein, Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben. Sie ging, doch mochtens kaum zehn Schritte sein, Die sie gegangen und uns gehen lassen, Da blitzt ins Auge mir des ihren Schein. "Geh itzt geschwinder," sagte sie gelassen, "Komm näher her, daß, red ich nun mit dir, Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen." Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr, Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen, Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?" Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen, So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann: "O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen, Und was ich brauch, und was mir frommen kann." Und sie: "Mach itzt dich los von Scham und Bangen, Ich wills, und rede sicher nun und klar, Und nicht wie einer, der im Traum befangen. Der Wagen, den die Schlange brach, er war, Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute, Er fürchte Gottes Rach auf immerdar! Nicht immer sonder Erben wird, wie heute Der Adler sein, der ihm die Federn ließ, Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute. Schon nahen Sterne sich--wie ichs gewiß Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen-- Da kommt, von Schranke frei und Hindernis, Fünfhundert fünf und zehn hervorgebrochen, Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlägt Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen. Und hab ich jetzt dir Worte vorgelegt, Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten, Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt, So lösen bald dies Rätsel dir die Taten Statt der Najaden auf, und unbedroht Verbleiben drob die Herden und die Saaten. Merk, was ich sagt, und höre mein Gebot: Du sollst es dort den Lebenden erzählen, Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod. Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen, Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich: Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen. Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich Verletzt, kränkt Gott mit tätgen Lästerungen, Denn er schuf heilig nur den Baum für sich. Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen. Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt, So hoch sei jener Baum aus tiefen Gründen, Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist. Und hätte nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt, Und war ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden, So hättest du, was das Verbot bezweckt, Und wie darin der Herr gerecht erscheine, Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt. Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine, Befleckt von Schuld, verworren und berückt Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine, So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen, Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt." Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt, Trag ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen. Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt, Fliegt eur ersehntes Wort in solche Sphären, Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt." "Auf, daß du wissest, welcher Schule Lehren", So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren; Und wie ihr fern mit eurem Wege seid Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit." Und ich: "Nicht wills mir klar im Geiste werden, Daß ich mich je entfernt von eurer Spur; Nicht fühl ich im Gewissen drob Beschwerden." "Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr Sie lächelnd fort; "doch von der Lethe Fluten Trankst du noch heute, des gedenke nur. Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten, So siehest du durch dies Vergessen klar, Daß du dich abgewandt vom wahren Guten. Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar, Soviel, im engsten Kreise sich bewegend, Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar." Und flammender, sich trägem Schrittes regend, Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet, Das stets ein andres ist in andrer Gegend. Da standen still, wie, wer als Führer zieht Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande, Wenn er auf seinem Wege Neues sieht, Die sieben Fraun an dichten Schattens Rande. Wie grünbelaubt schwarzästig Waldgeheg Auf kalte Flüss ihn fließt im Alpenlande. Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg Sich aus derselben Quelle zu ergießen, Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg. "O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser sprießen Seh ich aus einem Ursprung hier und dann Sich von sich selbst entfernend weiterfließen?" Auf diese Bitte hob Beatrix an: "Mathilden bitt,"--und diese sprach dagegen, Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann: "Dies und noch anderes ihm auszulegen, Versäumt ich nicht, was, des bin ich gewiß, Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen." Beatrix drauf: "Die größre Sorg entriß, Wies oft geschieht, dies seinem Angedenken Und ließ sein geistig Aug in Finsternis. Doch Eunoe sieh--eil, ihn dahin zu lenken, Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken." Wie ohn Entschuldigung, wer, mild und gut, Als eignen Willen fremden aufgenommen, Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut, So ging, nachdem sie mich am Arm genommen, Die schöne Frau und sagte weiblich mild Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen." Hätt ich, o Leser, Raum zu größerm Bild, So würd ich dir zum Teil die Wonnen singen Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt. Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen, Die ich zu diesem zweiten Lied erkor, Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen. Ich ging aus jener heilgen Flut hervor, Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne, Gleich neuer Pflanz in neuen Lenzes Flor, Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne. Das Paradies Erster Gesang Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze, Durchdringt das All, und diesem Teil gewährt Er minder, jenem mehr von seinem Glanze. Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,-- War ich und sah, was wiederzuerzählen Der nicht vermag, der von dort oben kehrt. Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen, Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht, Dann muß der Rückweg dem Gedächtnis fehlen. Doch alles, was im heiligen Gebiet Nur einzusammeln war von selger Schöne, Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied. Apollo, Gütger, leih mir deine Töne Zum letzten Werk--mach ein Gefäß aus mir, Wert, daß es dein geliebter Lorbeer kröne. Mir gnügt ein Gipfel des Parnaß bis hier, Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen, So fleh ich jetzt um beid empor zu dir. Den Odem hauch in mich, den reinen, süßen, Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf, seist, Den Marsyas kämpft, um frevlen Stolz zu büßen. O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst, Den Nachschein von des selgen Reiches Glanze Zu malen aus dem Bild in meinem Geist, Dann siehest du mich nahn der teuren Pflanze Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmückt Und reichgekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze. Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt, Um Cäsars und des Dichters Sieg zu ehren, Weil Schuld und Schmach den Willen niederdrückt, Muß Freud es wohl dem freudgen Gott gewähren, Den Delphos preist, kehrt nun mit kühnem Mut Nach Daphnes Laub ein Herz all sein Begehren. Und weckt ein kleiner Funk oft große Glut, So fleht nach mir zu höherer Verkündung Ein andrer wohl um deine Hilf und Hut.-- Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung Das Licht der Welt; allein in einer sind Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung, Wos bessern Lauf mit besserm Stern beginnt, So daß der Erde Wachs in diesem Zeichen Von ihm ein schöneres Gepräg gewinnt. In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen Und dort entglühn; und auf dem Halbkreis hier Die schwarze Nacht sich nahn und dort entweichen. Und links gewandt erschien Beatrix mir, Und wie kein Aar je fest und ungeblendet Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr. Und wie der erste Strahl den zweiten sendet, Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt, Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet, So macht ihr Blick, der durch die Augen itzt Mein Innres traf, zur Sonn auch meinen steigen, Mit größrer Kraft, als onst der Mensch besitzt. Viel darf man dort, was hier zu übersteigen Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht, Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen. Nicht lang ertrug ichs, doch so wenig nicht, Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feur entnommen, Das Eisen sprüht, sie sprüht in Glut und Licht. Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen, Als sei durch den, ders kann, am Himmelsrand Noch eine zweite neue Sonn entglommen. Fest schauend nach den ewgen Kreisen, stand Beatrix dort, und ihr ins glanzerhellte Gesicht sah ich, von oben abgewandt, Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte, Was Glaukus fühlt, als er das Kraut geschmeckt, Das ihn im Meer den Göttern zugesellte. Verzückung fühlt ich. Was sie sei, entdeckt Die Sprache nicht, mags drum dies Beispiel Iehren, Wenn je in euch die Gnade sie erweckt. Ob ich nur Seele war?--Du magsts erklären, O Liebe, Himmelslenkerin, die mich Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären. Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich In Sehnsucht rollt, mein Aug an sich gezogen Mit Harmonien, verteilt, gemischt durch dich, Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen So weit hin, wie von Strom und Regenflut Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen. Des Klanges Neuheit und die lichte Glut, Sie machten, daß ich vor Begierde brannte, Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut; Drob sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte, Mir zu befriedgen den erregten Geist, Noch eh ich fragte, schon sich zu mir wandte Und sprach: "Ein Wahn ist Schuld, daß du nicht weißt, Was du sogleich erkennen wirst und sehen, Sobald du dich von seinem Trug befreist. Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen, Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland So schnell, wie du jetzt eilst, hinaufzugehen." Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand, Durchs kurze Wort und ihres Lächelns Frieden, Als wieder schon ein neuer mich umwand. Ich sprach: "Vom Staunen ruht ich schon zufrieden; Doch steig ich jetzt durch leichte Stoff empor, Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden." Ein Seufzer weht aus ihrem Mund hervor, Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben Die Mutter blickt, die sagen will: Du Tor! "Die Dinge sämtlich", so begann sie, "haben Unter sich Ordnung, und das All ist nur Durch diese Form gottähnlich und erhaben. Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur Der Kraft, der ewgen, die zum Ziel gegeben Vom Schöpfer ward der Ordnung der Natur. Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben, Ob hoch ihr Los, ob niedrig sei; ob mehr, Ob minder nah sie ihrem Ursprung leben. Sie treiben durch des Seins unendlich Meer, Geleitet vom Instinkt, den Gott als Steuer Jedwedem gab, auf mancher Bahn daher. Er trägt zum Mond empor das rege Feuer, Er ists, der rund den Bau der Erde drückt, Er ist der Herzschläg Ordner und Erneurer. Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, zückt Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile, Auf die auch, die Vernunft und Liebe schmückt. Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile, Die durch ihr Licht des Himmels Ruh erhält, In dem der Kreis sich dreht von größter Eile, Läßt zum bestimmten Platz in jener Welt Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen, Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt. Wahr ists, daß, wie oft Formen nicht gelingen, Wie sie in sich des Künstlers Geist empfahn, Wenn spröde mit der Kunst die Stoffe ringen,- So das Geschöpf oft weicht von seiner Bahn, Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen, Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nahn, Wenn erdenwärts es falsche Reize ziehen; Wie aus der Wolke, wenn das Wetter grollt, Zum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen. Nun staunst du, war ich klar, wie ich gewollt, So wenig drob, daß du emporgestiegen, Als daß der Bach vom Berg zur Tiefe rollt. Bliebst du, von Hemmnis frei, am Boden liegen, Erstaunenswerter wärs, als sähest du Träg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen." Hier wandt ihr Antlitz sich dem Himmel zu. Zweiter Gesang O ihr, die ihr, von Hörbegier verleitet, Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt, Das mit Gesange durch die Fluten gleitet, Kehrt wieder heim zu dem verlaßnen Strand, Schifft nicht ins Meer, denn, die mir folgen, wären Vielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand. Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren; Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit, Neun Musen zeigen mir am Pol die Bären. Ihr andern wengen, die zur rechten Zeit Ihr euch geneigt zum Engelsbrot, das Leben Hienieden uns nie Sättigung verleiht, Ihr könnt euch kühn aufs hohe Meer begeben, Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt, Eh wieder gleich das Wasser wird und eben. Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt, Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen, Anstaunten, daß zum Pflüger Jason ward. So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen - Wir fort, zum Reich, dem Gott die Form verlieh, Vom angebornen, ewgen Durst gezogen. Beatrix blickt empor und ich auf sie, Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht--da sieh Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen Gefesselt ward, schon angelangt mit ihr; Und sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen, Sie wandte sich so froh, wie schön, zu mir: "Auf, bring itzt Gott des Dankes Huldigungen! Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier." Mir schiens, als hielt uns eine Wolk umschlungen, Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein, Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen. Die ewge Perle nahm uns also ein, Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen, In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein. Wenn ich nun Leib war, und wir nicht erkennen, Wie sich in einem Raum ein zweiter fand, So, daß im Körper Körper tauchen können, Was sind wir drum nicht mehr vom Trieb entbrannt, Das Ursein zu erschaun, in dem wir schauen, Wie unserer Natur sich Gott verband. Dort wird uns das, worauf wir gläubig bauen, Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar, Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen. "Ihm, Herrin," sprach ich, "der mich wunderbar Der Erd entrückt, ihm bring ich jetzt, entglommen Von frommer Glut, des Dankes Opfer dar. Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen Auf dieses Körpers Scheib, aus welchen man Zur Kainsfabel dort den Stoff entnommen." Sie lächelt erst ein wenig und begann: "Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen, Die nicht der Sinne Schlüssel öffnen kann, So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen, Erkennend, daß, den Sinnen nach, nicht weit Sich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen. Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!" Und ich: "Von dünnern oder dichtern Stellen Kommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit." Drauf sie: "Du wirst bald selbst das Urteil fällen, Daß falsch die Meinung sei, drum gib wohl acht, Was ich für Gründ ihr werd entgegenstellen. Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht, An Groß und Eigenschaften sehr verschieden, Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht. War dies durch Dünn und Dichtigkeit entschieden, So gäbs in allen ja nur eine Kraft, Dem mehr, dem minder, jenen gleich beschieden. Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft Verschiedne Kräft, und alle diese schwanden, Nach deinem Satz, vor einer Eigenschaft. Dann, wenn die Flecken durch die Dünn entständen, So denke, daß entweder hier und dort Sich durch und durch stoffarme Stellen fänden; Oder, gleichwie im Leib an manchem Ort Die Fettigkeit das Magre deckt, so gingen Die Schichten durch den Mond abwechselnd fort. Das Erste würd ans Licht die Sonne bringen, Wenn sie verfinstert ist--es ward ihr Schein Dann wie durch andre dünne Stoffs dringen. Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit allein, Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen, Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein. Kann durch und durch der dünne Stoff nicht gehen, So muß wohl eine Grenze sein, und hier Der dichte Stoff den Strahlen widerstehen. Zurücke blitzt sodann der Strahl von ihr-- So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite Mit Blei belegt, zurück dein Bildnis dir-- Nun sagst du wohl, daß, weil aus größrer Weite Der Strahl sodann auf dich zurückeprallt, Er deshalb auch geringres Licht verbreite. Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle, Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt. Drei Spiegel nimm und zwei von diesen stelle Gleich weit von dir--dem dritten gib sodann Entfernter zwischen beiden seine Stelle. Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allen Zum Widerstrahl des Schimmers spiegeln kann. Ins Auge wird der fernre kleiner fallen, Doch wird auf dich von ihnen allzumal Ein gleich lebendig Licht zurückeprallen. Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl Des Schnees Massen in sich selbst zergehen, Und Farb und Frost zerrinnt im lauen Tal, So solls dem Wahn in deinem Geist geschehen, Und durch mein Wort sollst du lebendge Glut Vor deinem Blick in regem Schimmer sehen. Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht, Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten Das Sein all des, was er enthält, beruht. Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten, Verteilt dies Sein verschiednen Körpern drauf, Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten. Aus ändern Kreisen von verschiednem Lauf Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend, Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf. So siehst du diese Weltorgane schwebend, In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad, Von oben nehmend und nach unten gebend. Betrachte wohl den Weg, den ich betrat, Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise, Dann findest du wohl künftig selbst den Pfad. Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise Von Lenkern an, die ewges Heil beglückt, Wie Stein sich formt nach seines Künstlers Weise. Den Himmel, den die Schar der Sterne schmückt, Wird von dem Geist, durch den sie rollend Schweben, Gepräg und Bildnis mächtig eingedrückt. Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben, Durch Glieder von verschiedner Art beweist, Was in ihr für verschiedne Kräfte leben, So zeiget seine Huld der Weltengeist, Der ewig einer ist, hier, vielgestaltet, Im Sternenheer, das durch die Himmel kreist. Daher verschiedne Kraft verschieden waltet Im edlen Körper, welchen sie durchdrang, In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet. Und da sie heiterer Natur entsprang, Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte, Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang. Durch sie also, und nicht durchs Dünn und Dichte, Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schar; Daß sie ein Denkmal ihrer Huld errichte, Schafft diese Bildnerin, was trüb und klar." Dritter Gesang Die Sonne, die mich einst mit Glut erfüllt, Beweisend hatte sie und widerlegend Der Wahrheit holdes Antlitz mir enthüllt. Und ich, belehrt, nicht länger Zweifel hegend, Wollt eben, daß ichs sei, gestehn und stand, Das Haupt, soweit sichs ziemt, emporbewegend. . 1 , , 2 , , 3 , . 4 , , 5 , 6 , , . 7 , 8 , 9 . 10 , 11 , 12 . 13 , 14 , , 15 . 16 : " 17 ! 18 . " 19 , 20 , 21 , 22 , , 23 , 24 25 , 26 , 27 , , . 28 , , 29 , , 30 . 31 ; 32 , , 33 , . 34 , , 35 36 . 37 , , 38 , 39 . 40 , 41 , , , 42 , . 43 , ; 44 , , , 45 . 46 47 , ; 48 , , , 49 , , , 50 51 , , 52 53 , , 54 . 55 , 56 , 57 . 58 , 59 , 60 . 61 , , 62 , , , , 63 . 64 , 65 , , 66 . 67 68 , , 69 . 70 , 71 , , , 72 . 73 , , , 74 , 75 , . 76 77 , 78 , 79 , 80 , , 81 . 82 , 83 , 84 , 85 . 86 87 88 89 , 90 ( , , 91 ; 92 , 93 , , 94 , , ) , 95 , , , 96 , 97 . 98 , , 99 : 100 " , , ! " 101 102 , , 103 , 104 105 , 106 , . 107 " , ! " , 108 " ! 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