welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen,
erschien die ganze Oberfläche des Stillen Weltmeeres wirklich milchig
weiß. Man hätte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen
Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Höhe nicht zu erkennen wären.
Wäre auch dieser ganze Meerestheil durch die Kälte zu einem einzigen
Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben hätte kaum ein anderer
sein können.
Jetzt weiß man, daß es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende
Körperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwürdig blieb
nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen außerhalb des indischen
Oceans zu begegnen.
Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich
hoch gehalten hatte, fiel er plötzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das
für jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wäre, während der
Aeronef es außer Acht lassen konnte. Jedenfalls ließ dasselbe aber
erkennen, daß in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewässer des
Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte.
Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat.
"Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont?
... Dort, gerade im Norden vor uns ... ein Felsen kann das nicht sein?
-- Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land.
-- Dann muß es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug."
Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner
bezeichneten Punkt hinaus.
Robur ließ sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den
fraglichen Gegenstand.
"Es ist ein Boot, sagte er, und ich möchte behaupten, daß sich Menschen
in demselben befinden.
-- Schiffbrüchige? rief Tom.
-- Ja, Schiffbrüchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff
zu verlassen, erklärte Robur; Unglückliche, welche nicht wissen, wo sie
Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen.
Wohlan, es soll Niemand sagen können, der "Albatros" hätte nicht den
Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!"
Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und
der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Höhe hielt
er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden.
Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing
und das wegen Mangels an Wind nicht vorwärts kommen konnte. Die an Bord
befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu
handhaben.
Auf dem Boden desselben lagen fünf Menschen, die eingeschlafen oder vor
Entkräftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon
ereilt hatte.
Ueber ihnen angekommen, ging der "Albatros" langsam nach unten. Am Heck
des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es
gehört hatte; es war die "Jeannette" von Nantes gewesen, ein
französisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben müssen.
"Aoh!" rief Tom Turner.
Die Leute mußten ihn wohl hören, denn sie befanden sich kaum achtzig
Fuß unter ihm.
Keine Antwort.
"Schießt ein Gewehr ab!" sagte Robur.
Der Befehl wurde ausgeführt und der Knall des Schusses verbreitete sich
weithin über die Oberfläche des Wassers.
Da sah man einen der Schiffbrüchigen sich mühsam aufrichten, seine
Augen lagen tief in ihren Höhlen, so daß das Gesicht mehr dem eines
Skelets ähnelte.
Als er den "Albatros" bemerkte, malte sich in seinen Zügen erst der
helle Schrecken.
"Fürchtet nichts! rief Robur ihm französisch zu. Wir kommen Euch zu
retten. Wer seid Ihr?"
-- Matrosen von der "Jeannette", einer Dreimastbark, deren zweiter
Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen ...
mußten wir dieselbe verlassen ... weil sie schon im Sinken war ...
Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr! ..."
Die vier übrigen Schiffbrüchigen hatten sich nach und nach etwas
erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die
Hände nach dem Aeronef empor.
"Achtung!" rief Robur.
Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Süßwasser
wurde zu dem Boote hinabgesendet.
Die Unglücklichen stürzten darüber her und tranken mit einer Hast,
welche fast widerlich mit anzusehen war.
"Brot! ... Brot!" ... riefen sie.
Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven,
einem Fläschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter.
Der zweite Officier hatte alle Mühe, die Leute bei der Stillung ihres
Hungers nur einigermaßen im Zaum zu halten.
"Wo sind wir denn? fragte er dann.
-- Fünfzig Meilen von der Küste von Chili und dem Chonas-Archipel,
antwortete Robur.
-- Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und ...
-- Wir werden Sie in's Schlepptau nehmen.
-- Wer sind Sie?
-- Leute, die sich glücklich schätzen, daß sie im Stande waren, Euch
Hilfe zu bringen," erwiderte einfach Robur.
Der Mann begriff, daß er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch
war es wirklich möglich, daß diese Maschine Kraft genug besaß, sie zu
schleppen?
Ja; durch Vermittlung eines hundert Fuß langen Kabels wurde das Boot
von dem mächtigen Apparat nach Osten hingezogen.
Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die
Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur
rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel für die Schiffbrüchigen
der "Jeannette", und sie hatten gewiß einiges Recht, ihre Rettung für
ein Wunder zu halten.
Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstraße zwischen den Chonas-Inseln
gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schießen zu lassen,
was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der "Albatros"
steuerte wieder auf die offene See hinaus.
Entschieden besaß er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf
diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten
konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wäre im Stande gewesen,
es ihm nachzuthun? Unter sich mußten auch Onkel Prudent und Phil Evans
das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des
ganzen Zwischenfalls zu leugnen.
Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende
Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und
wann brausten sehr heftige Böen daher, welche in den helikopterischen
Maschinen des "Albatros" ein lautes Pfeifen verursachten und diesen
merkbar aufhielten. Unter solchen Umständen hätte ein Segelschiff schon
die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen müssen. Alles
deutete darauf, daß der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr
des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trüben. Um ein Uhr
Morgens erlangte der Wind eine ungewöhnliche Heftigkeit. Obgleich der
Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn
doch noch forttreiben, so daß er etwa vier bis fünf Meilen in der
Stunde zurücklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen.
Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen
Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im
Atlantischen, Typhon im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und
Tornado an der Westküste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der große
Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren für jedes Fahrzeug, das von
seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin
zunimmt und nur eine Stelle ruhig läßt, den innersten Mittelpunkt
dieses Maelstromes der Lüfte.
Robur wußte das. Er wußte auch, daß es rathsam war, einem Cyclon zu
entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach höheren
Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war
keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren.
In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kämmen
zerrissenen Wellen trugen einen weißlichen Staub über die Meeresfläche
hin. Es war auch zu erkennen, daß der Cyclon beim Fortschreiten mit
rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nähern mußte.
"Hinauf! befahl Robur.
-- Hinauf!" wiederholte Tom Turner.
Dem Aeronef wurde die äußerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob
sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, die
sich nach Südwesten hin senkte.
Da fiel der Barometer noch weiter -- die Quecksilbersäule sank schnell
um acht, dann um zwölf Millimeter. Plötzlich hörte die aufsteigende
Bewegung des "Albatros" vollständig auf.
Was veranlaßte diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft infolge
einer sehr starken Strömung, die von oben nach unten zu stattfand und
den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte.
Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfährt, erzeugt seine Schraube
eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strömende Wasser
zwischen ihren Flügeln hindurchfließt. Dann bleibt er zurück und das
kann so weit gehen, daß er mit der Strömung zurückgeht. In dieser Lage
befand sich jetzt der "Albatros".
Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit
erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die
schnellstmögliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem
Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Während kurzer
Stillen stieg er wieder etwas in die Höhe. Dann zog ihn der schwerere
Luftdruck auf's Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im
Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere
nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des "Albatros"
nur in geringem Umfange unterbrachen?
Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der "Albatros" gewiß
bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen
wurde, welche Bäume entwurzeln, Dächer abdecken und oft ganze Mauern
umwerfen.
Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verständlich machen.
An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans,
ob das schauerliche Meteor nicht für sie eintreten und den Aeronef mit
seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimniß der Erfindung
vernichten würde.
Da es nun dem "Albatros" nicht gelang, sich in lothrechter Richtung
diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den
verhältnißmäßig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr
Herr seiner Manöver war. Gewiß; doch um zu jenem vorzudringen, mußte er
die Kreisströme überwinden, die ihn an ihren Peripherien mit
fortzerrten. Besaß er wirklich genug mechanische Kräfte, sich diesen zu
entreißen?
Plötzlich barsten jetzt die Wolken über ihm; die Dünste verdichteten
sich zu einem furchtbaren Platzregen.
Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwölf Millimeter auf- und
abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die
Höhe, welche der Aeronef über dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen
ist.
Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon außerhalb der Zonen, die er
sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade nördlicher und
dem 27. Grade südlicher Breite. Vielleicht erklärt sich hierdurch,
warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewöhnlichen, ziemlich
geradlinig verlaufenden überging. Doch welcher Orkan wüthete dafür! Der
Windstoß von Connecticut am 22. März 1882 hätte ihm etwa verglichen
werden können, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der
Secunde, d. h. über hundert Meilen in der Stunde, erreichte.
Es blieb jetzt also nichts übrig, als nach rückwärts zu entfliehen, wie
ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strömung mit
forttragen zu lassen, die der "Albatros" nicht überwinden und aus der
er sich nicht befreien konnte. Doch wenn er dieser ihm aufgezwungenen
Straße folgte, floh er nach dem Süden hin und wurde nach den
Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da
er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mußte er ja hingehen, wohin
der Orkan ihn trug.
Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte
aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen
geschleudert zu werden.
Mit den ersten Stunden des Tages -- wenn man den schwachen Schein, der
den Horizont färbte, so nennen konnte -- hatte der "Albatros" vom Cap
Horn her fünfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. über
vierhundert Meilen, und er überschritt nun den Polarkreis.
Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die
kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um
fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlängert sich
diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete
darauf hin, daß sich der "Albatros" wie in einen Abgrund in dieselbe
stürzen müsse.
An diesem Tage hätte eine Beobachtung, wenn eine solche möglich gewesen
wäre, die südliche Breite von 66 Grad 40 Minuten ergeben. Der Aeronaut
befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom antarktischen Pol.
Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel
hingezogen, "verzehrte" seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze
Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol hier eine
noch größere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl
gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure,
daß Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren
beschloß, um diese vor ernsten Beschädigungen zu schützen und doch ein
wenig bei der geringsten möglichen eigenen Geschwindigkeit durch das
Steuerruder wirken zu können.
Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit
größter Kaltblütigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die
Seele des Chefs auch in ihr lebte.
Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie übrigens ohne
alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen.
Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef
befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit
dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt.
Das südliche Polargebiet umfaßt der gewöhnlichen Angabe nach eine
Fläche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch weiß
man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer
enthält, dessen Eis selbst während der langen Sommerszeit nicht zum
Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, daß der Südpol noch kälter ist,
als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in
ihrer Bahn während des Winters der antarktischen Region abgeleitet
wird.
Während des Tages trat kein Anzeichen ein, daß der Sturm abnehmen
werde. Der "Albatros" gelangte unter den 75. Grad westlicher Länge nach
dem Polargebiete. Wer hätte wissen können, unter welchem Meridian er
wieder aus demselben heraustreten sollte?
Je mehr er nach Süden hinabkam, desto mehr verminderte sich die
Tageslänge. Binnen Kurzem mußte er sich in der fortwährenden Nacht
befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der
Südlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefährten
Robur's liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren
Geheimniß der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat.
Höchst wahrscheinlich kam der "Albatros" nahe dem Polarkreise über
einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen über das
Graham-Land, welches Biscoë 1832 entdeckt hat, und über das Louis
Philipp-Land, das Dumont d'Urville als äußersten Ausläufer des
unbekannten Festlandes 1838 entdeckte.
An Bord litt man zwar nicht besonders von der Kälte, welche nicht so
arg war, als man eigentlich fürchten mußte. Der Orkan schien eine Art
Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wärme mit sich
führte.
Wie bedauerlich war es, daß diese ganze Gegend in Finsterniß lag!
Hierzu kommt noch, daß selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung
sehr beschränkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure
Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberfläche des
Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen "Blink" der
Eismassen, den weißlichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte
nicht widerspiegeln kann. Wie hätte Jemand unter diesen Umständen die
Gestalt von Ländern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von
Inseln zu erkennen vermocht? Wie hätte man sich über das
hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen
orographische Anordnung aufnehmen können, da jetzt alle Hügel, alle
Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse
verschmolzen?
Kurz vor Mitternacht erhellte ein Südpolarlicht einmal die tiefe
Finsterniß. Mit seinen silbernen Ausläufern, seinen weit
hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines
ungeheuren Fächers, der etwa die Hälfte des Himmels einnahm. Die
letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am südlichen
Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von
wirklich unvergleichlicher Großartigkeit und ihre Helligkeit reichte
hin, einen Ueberblick über diese in grenzenloses Weiß verhüllte Gegend
zu gewähren.
Es versteht sich von selbst, daß der Compaß in diesen, dem magnetischen
Südpol so nahe gelegenen Gebieten gänzlich gestört erschien und über
die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklärung geben konnte. Die
Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, daß
Robur annehmen mußte, über diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau
im achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein.
Und später, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des
Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut:
"Jetzt ist der Südpol unter unseren Füßen!"
Wohl sah man eine ganz weiße Fläche, aber nichts verrieth, was sie
unter ihrem Eispanzer bergen mochte.
Das Südpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem
sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken.
Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle,
die er trug, in der geheimnißvollsten Einöde zu begraben, so war jetzt
die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es
daran, daß ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte.
Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, daß der
"Albatros", wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen hätte, daran
unbedingt ebenso zerschellt wäre, wie ein Schiff, das auf eine felsige
Küste geworfen wird.
Augenblicklich vermochte er sich nämlich ebenso wenig horizontal
fortzubewegen, wie er Herr über sein Auf- und Absteigen war.
Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen
Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammenstoß möglich, der die
Vernichtung des ganzen Apparates hätte herbeiführen müssen.
Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu fürchten, als der Wind,
der nach dem Meridian 0 mehr zurückging, weiter nach Osten umschlug.
Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom "Albatros"
entfernt, zwei leuchtende Punkte.
Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der
Roß-, Erebus- und Terrorberge gehören.
Sollte der "Albatros" in den Flammen gleich einem riesigen
Schmetterling verbrennen?
Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der
Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des
Vulcans nicht befreien konnte, loszustürzen ... Sein Flammenbüschel
wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin
erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein
halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen
Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der
dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhüllen würde.
Der Orkan aber, der den "Albatros" mit sich fortriß, rettete ihn auch
vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm
niedergedrückten Flammen des Erebus gaben ihm den gefährlichen Weg
frei, und inmitten eines Hagels von Lavastücken, welche durch die
centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glücklicher Weise
weggeschleudert wurden, kam er glücklich über diesen in voller Eruption
begriffenen Krater hinweg.
Eine Stunde später verdeckte schon der Horizont die beiden colossalen
Flammen, welche das Ende der Welt während der langen Polarnacht
erleuchten.
Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der
Küste der Entdeckung vorüber, ohne diese jedoch erkennen zu können, da
auch sie mit den Polarländern durch festes Eis verkettet war.
Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der "Albatros" unter dem
fünfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der Orkan über
die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich
hundertmal zu zertrümmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand
seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja
der beste Pilot.
Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem,
unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105
Grad bildet.
Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu
erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der "Albatros" wurde
wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine große
Erleichterung gewährte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel,
und um acht Uhr Morgens brach der Tag an.
Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glücklich
entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan überstanden. Sie
waren über das ganze Südpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn
Stunden gegen siebentausend Kilometer zurückgelegt, wieder nach dem
Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine
Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so groß
gewesen, als sie der "Albatros" unter gewöhnlichen Umständen hätte
entwickeln können.
Infolge der Störung des Magnetismus seiner Compaßnadel im Polargebiete,
wußte Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mußte also
warten, bis die Sonne unter hinreichend günstigen Verhältnissen schien,
um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglücklicher Weise bedeckten
dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde überhaupt
nicht sichtbar.
Das war für Alle desto betrübender, weil die beiden Treibschrauben
während des Sturmes einige Beschädigungen erlitten hatten.
Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur während des ganzen
Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er
über den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der
Stunde zurück, denn er mußte sich wohl hüten, die Beschädigungen zu
verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz
vollständig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs über dem
ungeheuren Stillen Ocean eine sehr mißliche. Der Ingenieur fragte sich
auch schon, ob er die nöthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und
Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern.
Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet.
Man erkannte bald, daß das eine Insel war; doch welche von den
Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger
beschloß Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu
gehen. Seiner Ansicht nach mußte ein Tag hinreichen, die Havarien
auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren
zu können.
Der Wind hatte sich -- ein günstiger Umstand zur Ausführung jenes
Vorhabens -- fast vollständig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte
der "Albatros" wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen
werden.
Man ließ also ein mit einem Anker versehenes hundertfünfzig Fuß langes
Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der
Insel kam, faßte der Anker an den ersten Klippen desselben und legte
sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter
der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der "Albatros" blieb
unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde.
Es war das erste Mal, daß er seit der Abfahrt aus Philadelphia
überhaupt mit der Erde in Berührung kam.
XV.
Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewiß der Mühe lohnt.
Als der "Albatros" noch in genügend hoher Luftschicht schwebte, konnte
man erkennen, daß diese Insel von mittlerer Größe war. Doch welcher
Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war
man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens
(Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange
unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun
nicht im Stande gewesen war, Compaßangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er
doch Ursache, zu glauben, daß er sich über dem Stillen Ocean befinde.
Sobald nur die Sonne erschien, mußten die Umstände zu einer genauen
Beobachtung höchst günstige sein.
Von dieser Höhe -- von etwa fünfhundert Fuß -- aus zeigte sich die,
gegen fünfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der
Form eines dreispitzigen Seesterns.
Vor deren Südspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein
Felsengewirr anschloß. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth
zurückgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur's bezüglich seiner
augenblicklichen Lage zu bestärken schien, da die Gezeiten im Stillen
Ocean fast gleich Null sind.
An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelförmiger Berg, dessen Höhe
auf zwölfhundert Fuß zu schätzen war.
Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch
am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie
diesen überhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlaßt, sich zu
verbergen oder zu entfliehen.
Der "Albatros" hatte die Südostspitze der Insel berührt. Unfern
derselben schlängelte sich in beschränkter Bucht ein Flüßchen durch die
Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Thäler mit verschiedenen
Baumarten und zahlreichem wilden Geflügel, vorzüglich Rebhühner und
Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also
mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft hätte Robur hier an's Land gehen
können, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, daß der
sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des
Aeronefs zu bieten schien.
Vor dem Wiederaufsteigen ließ der Ingenieur die nothwendigsten
Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen
hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben
hatten selbst gegenüber der größten Heftigkeit des Orkans vortrefflich
functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben
sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die Hälfte des
Auftriebsmechanismus in Thätigkeit, doch hinreichend viel, um das
lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten.
Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar
mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens mußten deren Schaufeln
wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die
Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden.
Die Mannschaft beschäftigte sich unter der Leitung Robur's und Tom
Turner's mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter für
den Fall, daß der "Albatros" aus irgend welchem Grunde genöthigt sein
könnte, vor völliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und
man schon mit diesem Propeller allein nöthigenfalls eine genügende
Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte.
Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf
der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen.
Frycollin zeigte sich jetzt merkwürdig beruhigt. Welcher Unterschied,
nur noch hundertfünfzig Fuß über dem Erdboden zu schweben!
Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne über
dem Horizonte zunächst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit
ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete.
Als Resultat der mit größter Sorgfalt ausgeführten Beobachtung ergab
sich da eine
Länge von 176° 17' westlich von Greenwich,
Breite von 43° 37' südlich vom Aequator.
Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande
Viff, welche Gruppe gewöhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln
bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fünfzehn Grade östlich von
Tawai-Pomanu, der südlich gelegenen Inselhälfte Neuseelands im Süden
des Stillen Oceans.
"Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung überein, sagte Robur zu Tom
Turner.
-- Und wir befinden uns demnach ...?
-- Sechsundvierzig Grade südlich der Insel X, das heißt gegen
zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt.
-- Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen,
antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin könnten wir leicht
widrige Winde antreffen, und mit Rücksicht auf unsere jetzt nur
geringen Proviantvorräthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so
schnell als möglich wieder anzulaufen.
-- Gewiß, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder
aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube,
während die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht würde.
-- Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren
Diener ...?
-- Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, hätten sie darüber sich zu
beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?"
Was war denn eigentlich diese Insel X? -- Eine in dem grenzenlosen
Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis
des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu
ihrem Namen erwählt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem
weiten Meere der Marquisen außerhalb aller Wege des interoceanischen
Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begründet, da rastete der
"Albatros", wenn er von seinem Fluge ermüdet war, und da versah er sich
auch mit allem Nothwendigen für seine fast unaufhörlichen Reisen. Auf
dieser Insel X hatte Robur, der über reichliche Hilfsmittel verfügte,
eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen können. Hier konnte er
denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine
strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorräthen aller Art,
welche hier mit Unterstützung der gegen fünfzig Köpfe zählenden
Einwohnerschaft aufgehäuft wurden.
Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht
gewesen, sich schräg über den Stillen Ocean nach der Insel X zu
begeben. Da hatte aber die Cyklone den "Albatros" in ihren Wirbel
gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach südlicheren Zonen
verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprüngliche
Fahrtrichtung gedrängt worden, und abgesehen von den Beschädigungen
seiner Triebschrauben, wäre dieser Verzögerung keine besondere
Bedeutung beizumessen gewesen.
Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurückbegeben, doch war,
wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein
recht weiter, und höchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen
widrige Winde anzukämpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller
mechanischen Kraft des "Albatros", um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu
erreichen. Bei einigermaßen guter Witterung und bei der gewöhnlichen
Fahrtgeschwindigkeit hätte das sonst nur drei bis vier Tage
beansprucht.
Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam
entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter
günstigeren Verhältnissen wieder ausbessern konnte. Er fürchtete dann
nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob,
nach Süden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden zu fahren
wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf
also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den
Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen,
einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu
beginnen.
Es liegt auf der Hand, daß das die einfachste Methode war und
entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn
auch sogleich verfolgt.
Im Bewußtsein, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die
Mannschaft des "Albatros" entschlossen an diese Arbeit.
Und während die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschäftigt waren,
führten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen
von ganz außerordentlicher Bedeutung sein sollten.
"Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das
Leben zum Opfer zu bringen?
-- Ja, gleich Ihnen!
-- Und noch einmal, es liegt auf der Hand, daß wir von diesem Robur
nichts zu hoffen haben.
-- Nichts!
-- Nun wohl, Phil Evans, mein Entschluß ist gefaßt. Da der "Albatros"
noch heute spät Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen,
ohne daß unser Werk vollbracht wäre. Wir werden dem Vogel des Ingenieur
Robur die Flügel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft
zersprengt!
-- Haben Sie auch alles dazu Nöthige in Bereitschaft?
-- Gewiß. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um
die Rettung des Aeronefs bemühten, gelang es mir, in die
Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen.
-- So lassen Sie uns unverzüglich an's Werk gehen, Onkel Prudent ...
-- Nein, erst heute am Spätabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen
wir uns nach unserer Wohnung zurück und Sie übernehmen die Wache, daß
mich bei den Vorbereitungen Niemand überrascht."
Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise.
Zwei Stunden später hatten sie sich nach ihrer Cabine zurückgezogen,
als wollten sie sich für die letzte schlaflose Nacht schadlos halten.
Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten
ahnen, welche Katastrophe den "Albatros" bedrohte.
Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausführung zu
schreiten:
Wie schon erwähnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer
einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des
Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers
und einer Patrone bemächtigt, die ganz mit denen übereinstimmte, deren
sich der Ingenieur früher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine
zurückgekehrt, hatte er die Patrone sorgfältig versteckt, mit der der
"Albatros", wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lüfte wieder
begonnen, gesprengt werden sollte.
Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten
Explosionskörper.
Dieser bestand aus einer längeren Hülse, deren metallene Wand etwa ein
Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine
hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reißen und sein
vielfältiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstören. Vernichtete ihn die
Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mußte der Sturz in die Tiefe
das Zerstörungswerk vollenden. Die Form und Größe der Patrone
begünstigten es übrigens außerordentlich, diese in einer Ecke der
Cabine so anzubringen, daß sie die Plattform unbedingt durchschlug und
ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion
konnte nun aber nur durch das Zündhütchen, mit dem die Patrone
ausgerüstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil
des ganzen Vorhabens, denn dieses Zündhütchen sollte nur nach
vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden.
Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaßen gedacht: Gleich
nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte
der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber
geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Robur mit seinen
Leuten nach dem Hinterdeck kommen würde, um auch die hintere
Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der
gesammten Mannschaft an der Nähe der Cabine aber konnte Onkel Prudent
leicht bei seiner Thätigkeit stören. Deshalb hatte er sich zur
Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die
Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen.
Er sprach sich darüber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus:
"Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver
mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren
Länge mit ihrer gewünschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen
sein wird und deren Ende ich in dem Zündhütchen zu befestigen gedenke.
Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuzünden und
die Explosion zwischen drei und vier Uhr früh erfolgen zu lassen.
-- Gut ausgedacht!" antwortete Phil Evans.
Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin
gelangt, mit größter Kaltblütigkeit das schreckliche Vernichtungswerk
zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen
eben eine solche Summe von Haß gegen Robur und seine Leute in sich, daß
ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu groß erschien,
nur um den "Albatros" und Alle, die er mit durch die Lüfte führte, mit
einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, daß diese That ein sinnloses,
ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fünf Wochen eines nie zum
Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besänftigten stillen Wuth ließen
sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten.
"Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne
ihn zu fragen, auch über sein Leben zu verfügen?
-- Wir opfern ja auch das unsrige," entgegnete Onkel Prudent.
Es dürfte zweifelhaft sein, daß Frycollin das als stichhaltigen Grund
angesehen hätte.
Onkel Prudent ging also sofort an's Werk, während Phil Evans vor dem
Ruff Wache hielt.
Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil beschäftigt und eine
Ueberraschung vorläufig also kaum zu fürchten.
Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu
verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, füllte er es, um
eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten
Schlauch. Durch eine vorläufige Probe überzeugte er sich, daß diese
binnen zehn Minuten fünf Centimeter weit verglimmte, bei der Länge von
einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mußte. Er löschte
die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und führte das
Ende derselben in das Zündhütchen ein.
Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn
Uhr Abends vollendet.
Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine.
Während derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Triebschraube
eifrig gefördert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen müssen,
um die jetzt falsch gebogenen Flügel abheben zu können.
Weder Batterien, noch Accumulatoren, überhaupt nichts, was zur
Erzeugung der mechanischen Kraft des "Albatros" gehörte, hatte durch
die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war noch für vier
bis fünf Tage hinreichender Kraftvorrath vorhanden.
Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit
unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger
Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistündigen
Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach
kurzer Rücksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafür,
seinen von der gehabten Anstrengung erschöpften Leuten einige Erholung
zu gönnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun
übrig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt
erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, während die Positionslaternen
dazu nur ungenügendes Licht hätten liefern können.
Hiervon wußten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach
den ihnen zu Ohren gekommenen Aeußerungen Robur's mußten sie
voraussetzen, daß die vordere Triebschraube vor Einbruch der Nacht
schon wieder völlig in Stand gesetzt sei und der "Albatros" seine Fahrt
nach Norden unverzüglich angetreten habe. Sie hielten diesen also für
losgelöst von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt.
Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar
nicht geahnte Wendung geben.
Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterniß schwere Wolken
nur noch tiefer machten. Von Südwesten her wehte dann und wann ein
leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den "Albatros" nicht von der
Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen
senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte.
In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein
College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der
Auftriebsschrauben, das jedes andere Geräusch an Bord übertönte, und
erwarteten nun den Augenblick zum Handeln.
Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent:
"Es ist nun Zeit!"
Unter den Lagerstätten der Cabine befand sich ein schubladenartiger
Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone
gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch
auffälligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent
zündete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter
das Bett zurück.
"Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten."
Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann
nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen.
Da bog sich Phil Evans über das Deck hinaus.
"Der "Albatros" schwebt noch am nämlichen Orte, sagte er leise. Die
Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren können."
Ueber Onkel Prudent's Gesicht lief ein Zug der Enttäuschung.
"So müssen wir die Lunte löschen, sagte er.
-- Nein ... aber uns retten! erwiderte Phil Evans.
-- Uns retten?
-- Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfünfzig
Fuß hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten.
-- Nichts, bestätigte Onkel Prudent, und wir wären reine Thoren, eine
so unerwartet günstige Gelegenheit unbenützt zu lassen."
Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurück und
versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines kürzeren oder
längeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedürfen zu können.
Nachdem sie die Thür wieder geschlossen, schlichen sie möglichst
geräuschlos nach dem Vorderdeck.
Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht
mit ihnen veranlagen.
Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenströmung von Südwesten wurde
etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker,
indem er, so weit es das gespannte Kabel zuließ, leicht in verticaler
Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten
zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei Männer abzuschrecken,
die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu
wegzuwerfen.
Beide schlichen also über das Deck hin und standen zuweilen, geschützt
durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Geräusch
vernehmbar werde. Nein ... Alles still. Kein Schein zitterte durch die
Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war
vielmehr in Schlaf versunken.
Onkel Prudent und sein Begleiter näherten sich schon der Cabine
Frycollin's, als Phil Evans plötzlich stehen blieb.
"Der Wachtposten!" sagte er.
Wirklich lag ein Mann in der Nähe eines der Ruffs. Offenbar konnte
derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser
Lärm schlug, mußte die Flucht unmöglich werden.
Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstücke und Werg, was Alles
bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war.
Eine Minute später war der Mann geknebelt, über und über eingewickelt
und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so daß er weder einen
Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte.
Alles das vollzog sich fast ohne jedes Geräusch.
Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt ... Selbst im Inneren
der Ruffs ließ sich kein Laut hören. Was an Bord war, lag in festem
Schlafe.
Die beiden Flüchtlinge -- denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben
-- kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. François Tapage
ließ ein höchst beruhigendes Schnarchen vernehmen.
Zur größten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thür Frycollin's
nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen
Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurück.
"Da ist Niemand d'rin, flüsterte er.
-- Niemand ... Wo könnte er sein?" murmelte Phil Evans.
Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin
möchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein.
Auch hier fand sich Niemand.
"Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? ... fragte Onkel
Prudent.
-- Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir können
unbedingt nicht länger warten. Vorwärts!"
Ohne Zögern packten die Flüchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit
den Händen und hielten sich auch mit den Füßen daran fest, dann glitten
sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder.
Welches Entzücken für sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange
gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein
Spielball der Luft zu sein!
Sie suchten eben, längs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem
Inneren der Insel zu gelangen, als sich plötzlich vor ihnen ein
Schatten erhob.
Das war Frycollin.
Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn
gekommen war, und sogar die Kühnheit, denselben ohne jede Meldung
vorher zur Ausführung zu bringen.
Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel
Prudent drängte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren
Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb.
"Hören Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt außer dem
Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem
schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, daß er ihn verdient hat.
Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwören wollte, von jedem Versuche,
uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen ...
-- Die Ehre eines solchen Mannes ..."
Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des "Albatros"
entstand eine auffällige Bewegung.
Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt
worden.
"Hierher, hierher," rief eine Stimme.
Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhüllung doch hatte
abstreifen können. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre
elektrischen Strahlen über einen weiten Umkreis.
"Da sind sie! Da unten!" rief Tom Turner.
Die Flüchtlinge waren erkannt worden.
Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur's hin die
Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des
Ankertaues begann der "Albatros" sich der Erde zu nähern.
In diesem Augenblick ließ sich deutlich die Stimme Phil Evans'
vernehmen:
"Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf
dieser Insel frei zu lassen?
-- Niemals!" entgegnen Robur bestimmt.
Diese Antwort begleitete überdies der Knall eines Gewehres, dessen
Geschoß die Schulter Phil Evans' streifte.
"Ah, diese Schurken!" rief Onkel Prudent.
Sein Messer in der Hand, stürzte er damit schon nach dem Felsen,
zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich
nur noch fünfzig Fuß über der Erde.
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