-- Warum nicht in Dublin, wo er meist einige Wochen liegen bleibt?...
Ja, in Dublin, und wenn Du Dich entschließen kannst...
-- Leb wohl, leb wohl, Grip!
-- Auf Wiedersehen, mein Boy!«
Sie umarmten sich herzlich und mit tiefer Erregung, die keiner von
beiden zu verheimlichen sich bemühte.
Bob und Birk nahmen ebenfalls mit Abschied, und als das Fährboot
abgestoßen war, da folgte ihm Grip noch lange mit den Augen, während
jenes den Fluß empor dampfte.
IX.
Eine Speculation Bobs.
Einen Monat später schoben auf der Straße, die südwestlich von Cork und
durch die östlichen Gebiete der Grafschaft nach Youghal führt, ein Knabe
von elf und ein kleiner von acht Jahren einen leichten Karren, der von
einem Hunde gezogen wurde.
Die beiden Kinder waren Findling und Bob. Der Hund war Birk.
Das Zureden Grips hatte gefruchtet. Ehe er mit dem ersten Heizer des
»Vulcan« zusammentraf, träumte Findling nur davon, Cork zu verlassen und
sein Glück in Dublin zu versuchen. Nach dem Zusammentreffen machte er
seinen Traum zur Wahrheit. Gewiß hatte er über diesen wichtigen Schritt
reiflich nachgedacht, denn er gab dabei ja das Gewisse für das Ungewisse
hin. In Cork konnte er jedoch voraussichtlich niemals weiter vorwärts
kommen, in Dublin dagegen eröffnete sich seiner Thätigkeit ein viel
weiteres Feld. Auch Bob, den er deshalb befragte, erklärte sich bereit,
sofort aufzubrechen, und einem Rathschlag Bobs durfte er schon einiges
Gewicht beilegen.
Unser junger Held mußte infolge dessen seine Einlagen bei dem
Buchhändler zurückziehen, der ihm einige Einwürfe wegen seiner
Zukunftspläne machte. Er erzielte damit aber nichts bei dem so
frühreifen Kinde, das ja nicht gewöhnt war, Chimären nachzujagen,
was sonst vielfach in Paddys Natur liegt. Findling war nun einmal
entschlossen, höher hinauf zu streben, und eine Ahnung sagte ihm, daß
das nur gelingen werde, wenn er Cork mit Dublin vertauschte.
Ueber den einzuschlagenden Weg und die Art des Fortkommens war sich
Findling bald im klaren.
Den kürzesten Weg bietet allerdings die Bahnlinie nach Limerick und
von da durch die Provinz Leinster nach Dublin, und die schnellste
Beförderung fand man, wenn man in Cork in einen Eisenbahnzug ein- und
nach dessen Ankunft in der Hauptstadt Irlands wieder ausstieg. Das hätte
aber das Opfer einer Guinee für jeden gekostet, und Findling pflegte auf
seine Guineen zu halten. Wer gesunde Beine und genug Zeit hat,
braucht sich den Kopf ja nicht zu zerbrechen und sich in einem Waggon
durchrütteln zu lassen. Jetzt war die schönste Jahreszeit, und die Wege
der Grafschaft sind vom Mai bis zum September in recht gutem Zustande.
Da lag doch der Vortheil auf der Hand, lieber unterwegs noch etwas zu
verdienen, als so viel Geld für eine schnelle Beförderung auszugeben.
So wollte der junge Händler also, von Dorf zu Dorf, von Flecken
zu Flecken ziehend, das in Cork begonnene Geschäft ununterbrochen
fortsetzen, wollte Journale, Broschüren, Papiere u. dgl. verkaufen,
kurz, Handel treiben bis Dublin.
Dazu brauchte er höchstens noch einen Karren, um seine Hausierwaaren
unterzubringen, und darüber eine Wachstuchdecke, um sie gegen Staub und
Nässe zu schützen. Vor den Karren sollte Birk gespannt werden, der sich
gewiß nicht weigerte, ihn zu ziehen, und die beiden Kinder wollten dem
Hunde durch nachschieben helfen. Als Weg sollte der längs der Küste
gewählt werden, weil dieser über mehrere, nicht unwichtige Städte,
Waterford, Wexford, Wicklow, und auch durch verschiedene, zu dieser Zeit
stark besuchte Badeorte hinführt. Kostete das auch zwei, vielleicht gar
drei Monate Zeit, so brauchten sie sich darum nicht zu kümmern, wenn
unterwegs nur immer etwas verdient wurde.
Am 18. April, einen Monat nach der Begegnung mit Grip in Queenstown,
befanden sich also Findling, Bob und Birk, der letztere ziehend, die
andern beiden schiebend, auf der Landstraße von Cork nach Youghal, wo
sie nach wenig anstrengendem Marsche am Nachmittage ankamen.
Zu klagen hatten sie keine Ursache, jedenfalls fiel es Birk gar
nicht ein zu murren. Dieser wurde übrigens nicht zu stark in Anspruch
genommen, und wo der Weg anstieg, halfen die Knaben durch schieben mit
besten Kräften nach. Der zweirädrige Karren war sehr leicht. Findling
hatte ihn durch Gelegenheitskauf von einem Kaufmann in Cork erworben.
Der Waarenvorrath bestand in Zeitungen, politischen Broschüren --
einige freilich in Gedankengang und Stil gleich schwerfällig -- in
Schreibpapier, Bleistiften, Federn und andern ähnlichen Sachen, ferner
in Tabakspacketen, deren Bestand durch Einkauf in den besten Läden mit
dem bunten Schilde des Bergschotten erneuert werden sollte, und endlich
in verschiedenen Artikeln und Kleinigkeiten. Alles das wog nicht schwer
und ließ sich voraussichtlich leicht und mit hübschem Profit absetzen.
Die Leute auf dem Lande interessierten sich überall für die beiden
Knaben, von denen der eine so ernst war, wie ein ergrauter Kaufmann, und
der andre ein so gewinnendes Lächeln zeigte, daß es gar niemand einfiel,
mit ihm zu feilschen.
Der Karren kam in Youghal an, einem großen Flecken mit sechstausend
Einwohnern und einem in der Ausmündung des Blackwater gelegnen Hafen
für Küstenfahrzeuge. Hier ist das Land, wo die »heilige Kartoffel« in
höchsten Ehren steht. Der Irländer könnte es wohl nie vergessen, daß
Sir Walter Raleigh in der Umgebung von Youghal mit der Kartoffel, dem
eigentlichen Brode Irlands, die ersten Anbauversuche unternahm.
Findling verbrachte den Rest des Tages in Youghal, gönnte sich aber
keine Rast, ehe er nicht sein Waarenlager, das auf dem Wege nach
Dungarvan jedenfalls schnell gelichtet wurde, vollständig ergänzt hatte.
Ein nahrhaftes Essen am Tisch eines Gasthauses, ein Bett für beide und
ein Lager für Birk fanden sie für mäßigen Preis. Am folgenden Morgen
zogen sie dann nach dem nächsten Dörfchen weiter und hielten auch vor
den Farmen an, deren sie auf jede Meile zweien bis dreien begegneten.
Meist blieben sie auch über Nacht auf einer solchen Farm, da es nicht
rathsam erschien, noch im Dunkeln auf der Landstraße zu sein, wenn
Birk auch da war, seinen Herrn und dessen zweirädrigen Kramladen zu
vertheidigen.
Wie empfand Findling da die Veränderung gegen jene Zeit, wo er auf
den Landstraßen von Connaught so schwer hatte leiden müssen! Welcher
Unterschied zwischen seinem Karren und dem des rohen Thornpipe, jenem
finstern Kasten, worin er immer dem Ersticken nahe war! Diese
Dinge ähnelten sich so wenig, wie Birk dem zottigen Köter des
Puppenschaustellers. Jetzt brauchte er nicht mehr durch Drehen des
Mechanismus die königliche Familie und den Hof von England Walzer tanzen
zu lassen.... Er lebte nicht mehr von Almosen, sondern von seinem
täglichen, ehrlichen Verdienst. Das flößte ihm auch Vertrauen für die
Zukunft ein, die Hoffnung, in Dublin ebensoviel und wohl noch mehr
Erfolg zu haben, als das halbe Jahr in Cork.
Von Cork aus mußte eine Brücke überschritten werden, um zur Landstraße
nach Dungarvan zu gelangen.
»Da ist eine Brücke, rief Bob; von solcher Länge hab' ich noch keine
gesehen.
-- Ich auch nicht,« antwortete Findling.
Die Brücke über die Bai des Blackwater, ohne die man einen starken
Tagesmarsch mehr gehabt hätte, ist in der That zweihundertsiebzig Toisen
(circa 527 Meter) lang.
Der Karren rollte auf ihrem Plankenbelag hin, über den ein frischer
Westwind strich.
»Das ist fast, als wäre man auf einem Schiffe! bemerkte Bob.
-- Jawohl, Bob, wie auf einem Schiffe mit Rückenwind. Fühlst Du, wie er
uns vorwärts treibt?«
Jenseits der Brücke gelangte man nun in die Grafschaft Waterford, die
ihrerseits wieder an die Grafschaft Kilkenny in der Provinz Leinster
grenzt.
Findling und Bob ermüdeten sich nicht allzusehr. Sie wanderten ohne
besondre Eile weiter. Es kam ihnen ja vor allem darauf an, die in
Youghal eingekauften Waaren mit Nutzen abzusetzen, ehe sie Dungarvan
erreichten, wo alle Vorräthe erneuert werden sollten. Fünfundzwanzig bis
dreißig Meilen, die Abweichungen vom geraden Wege eingerechnet, hätten
einen Spaziergang von wenigen Tagen erfordert. Lagen hier auch nahe
der Küste nur wenige Dörfer, so trafen sie doch auf weit mehr einzelne
Gehöfte, und das bot ihnen Aussichten auf reichlichen Absatz, die
sie nicht unbeachtet lassen durften. Eine Eisenbahn gab es auf dem
Küstengürtel nicht und die Bauern konnten sich nur schwierig mit den
gewöhnlichsten kleinen Bedürfnissen versorgen. Findling wollte sich
diesen Vortheil also jedenfalls nicht entgehen lassen.
Der Erfolg gab ihm Recht. Jeden Abend, ehe sie sich zur Ruhe begaben,
zählte Bob die seit dem Morgen vereinnahmten Schillinge und Pence, und
Findling trug die Summe in sein »Cassabuch« auf der Seite der Einnahmen
gegenüber der der Ausgaben für persönliche Bedürfnisse, Essen, Trinken,
Nachtlager u. s. w. gewissenhaft ein. Nichts machte Bob mehr Vergnügen,
als die Geldstücke hübsch in Ordnung aufzuzählen, und Findling nichts
mehr, als sein Guthaben zusammenzurechnen, während Birk zufrieden bei
ihnen lag, bis sie fertig waren und dann alle die Ruhe suchten.
Am 3. Mai gelangte der Karren nach dem Flecken Dungarvan. Er war leer --
nicht der Flecken, sondern der Karren -- und mußte von Grund auf frisch
gefüllt werden, was in dem sechstausend Einwohner zählenden Orte keine
großen Schwierigkeiten machte. Dungarvan hat einen Hafen für flächer
gehende Schiffe, an der Bai gleichen Namens, deren Ufer durch einen
fünfhundert Toisen (975 Meter) langen Damm mit Durchlaß für die Schiffe,
verbunden sind. Wie bei Youghal kann man also auch hier über die Bai
hinweg gelangen, statt diese umkreisen zu müssen.
Zwei Tage verweilte Findling in Dungarvan. Er hatte hier den trefflichen
Einfall, von den Küstenfahrern sehr billig verschiedene Wollenwaaren
zu kaufen, die ihm seiner Meinung nach im Lande draußen gern abgenommen
würden. Birks Last wurde dadurch auch nicht wesentlich vergrößert.
Die nutzbringende Reise ging immer langsam weiter, und wenn sie nicht
von erwähnenswerthen Ereignissen unterbrochen wurde, so blieb sie zum
Glück doch auch frei von Unfällen. Die Witterung blieb unverändert
günstig. Auf der Landstraße kein Abenteuer. Wer hätte den Kindern auch
ein Leid anthun sollen? An den Küsten Südirlands begegnet man überhaupt
wenigeren zu Rohheiten und Gewaltthätigkeiten geneigten Leuten. Die
Gegend ist auch nicht so arm, wie viele andre Grafschaften, z. B.
die von Connaught und von Ulster. Das Meer liefert hier reiche Beute.
Fischfang und Küstenfahrt ernähren den Schiffer und den Matrosen
hinreichend, und der Landmann fühlt noch deren Nachbarschaft.
Unter solchen günstigen Verhältnissen gelangte der Karren über das
siebzehn Meilen von Dungarvan entfernte Trenmore und erreichte vierzehn
Tage später das von hier wieder ebenso weite Waterford an der Grenze von
Munster. Nun sollte Findling endlich die Provinz verlassen, wo ihm ein
so wechselvolles Schicksal beschieden gewesen war, das seinen Aufenthalt
in Limerick, auf der Farm von Kerwan, im Schlosse Trelingar, die
Reise nach den Seen von Killarney und endlich den Anfang seiner
Handelsthätigkeit in Cork umschloß. Alle traurigen Tage hatte er jetzt
schon vergessen. Er erinnerte sich nur seines Verweilens im Schoße der
Familie Mac Carthy, und die Tage dort vermißte er allein, wie man den
Verlust der Freuden des häuslichen Herdes schmerzlich empfindet.
»Sagt' ich Dir nicht, Bob, begann er da, daß wir in Waterford ausruhen
wollten?
-- Ich glaube, antwortete Bob. Müde bin ich aber gar nicht, und wenn Du
weiter gehen willst...
-- Nein, nein; wir wollen einige Tage hier bleiben....
-- Und gar nichts thun?...
-- O, etwas zu thun giebt es immer, Bob.«
Man »thut« ja doch auch etwas, wenn man, wie hier, eine hübsche Stadt
von fünfundzwanzigtausend Einwohnern besucht, die am Ufer des mit einer
Brücke von neununddreißig Bogen überspannten Suir liegt. Waterford
ist überdies ein ziemlich lebhafter Hafenplatz, was unsern jungen
Handelsmann stets interessierte -- der bedeutendste des östlichen
Munster und mit regelmäßiger Schiffsverbindung mit Liverpool, Bristol
und Dublin.
Nach Auffindung eines passenden Gasthofs, in dem der Karren eingestellt
wurde, begaben sich beide Knaben nach den Quais, wo sie einige Stunden
umherspazierten. Bei dem Anblick der ein- und auslaufenden Schiffe
konnte ihnen ja keine Langeweile ankommen.
»Ei, rief Bob, wenn wir jetzt zufällig Grip wieder träfen!
-- Nein, Bob, das ist nicht möglich. Der »Vulcan« geht in Waterford
nicht vor Anker und meiner Berechnung nach muß er jetzt weit fort... an
der Küste Amerikas sein.
-- Da draußen, fragte Bob, der nach dem entfernten Horizonte hinwies.
-- Ja... nur noch weiter; ich glaube aber, er wird in Dublin zurück
sein, wenn wir daselbst eintreffen.
-- Wie freue ich mich, Grip wiederzusehen! rief der kleine Knabe. Ob er
dann wohl immer noch so schwarz aussieht?
-- Höchst wahrscheinlich.
-- Ach, deshalb kann man ihn doch lieb haben!
-- Gewiß, Bob; er hat mich, als ich recht unglücklich war, auch so
herzlich geliebt....
-- Ja, so wie Du mich!« antwortete das Kind, dessen Augen dankbar
erglänzten.
Hätte Findling mehr Eile gehabt, Dublin zu erreichen, so hätte er
sich hier auf einem Passagierdampfer, der zwischen Waterford und der
Hauptstadt verkehrt, einschiffen können. Der Fahrpreis ist ein sehr
niedriger. Da der Waarenkarren ausverkauft war, wäre dieser an
Bord geschafft worden, die beiden Knaben hätten dafür, so wie für
Verdeckplätze für sich (und den Hund) nur einige Schillinge zu zahlen
gehabt und wären binnen zwölf Stunden an ihr Reiseziel gekommen.
Außerdem wäre es ein herrliches Vergnügen gewesen, auf einem großen
Dampfer über den St. Georgscanal auf dem schönen irischen Meere fast
stets angesichts der Küste dahinzugleiten.
Das war gewiß verlockend. Findling blieb jedoch besonnen wie immer und
es erschien ihm gar nicht angezeigt, vor der Rückkehr Grips in Dublin
einzutreffen. Grip kannte die Stadt, er würde die beiden Kinder durch
das Häusermeer lootsen, das ihrer regen Phantasie noch weit ausgedehnter
erschien, so daß sie sich nicht darin verirrten. Warum hätten sie auch
die so einträgliche Landreise unterbrechen sollen? Die Empfindung für
das Richtige, die Findling von jeher auszeichnete, überwog auch den Reiz
einer so verlockenden Seefahrt. Nachdem er Bob nicht ohne Mühe zu einer
verständigeren Auffassung der Verhältnisse bekehrt hatte, wurde
denn beschlossen, die Reise auf dem Küstenlande von Leinster in der
bisherigen Weise fortzusetzen.
Drei Tage später sehen wir die beiden also in der Grafschaft Wexford
wieder, wo Birk den aufs neue assortierten Karren unverdrossen weiter
zog. Ein Maulesel, selbst ein Pferd hätte keine besseren Dienste leisten
können. Ging es zu sehr bergaufwärts, dann spannte sich freilich Bob mit
an die Deichsel und Findling schob, sich mit der Schulter anstemmend,
von rückwärts, so gut er konnte.
Im Hintergrunde der Bai von Waterford verläßt die Landstraße die
vielfach von Buchten und kleinen Fjorden eingeschnittene Küste, und
damit verloren sie den Theil des Meeres aus den Augen, wo das Cap
Carnsore, die äußerste Spitze des Grünen Erin, am weitesten in den St.
Georgscanal vorspringt.
Zu beklagen brauchten sie sich deshalb nicht. Statt durch einen wilden,
öden Landstrich zu verlaufen, berührt die Straße Dörfer und Weiler und
verbindet sie viele Pachtgüter miteinander, wo die verschiedenen Waaren
des Wanderladens zu hohen Preisen an den Mann zu bringen waren. In
Wexford langte Findling auch erst am 27. Mai an, obgleich die Luftlinie
zwischen hier und Waterford nur etwa dreißig Meilen mißt. Freilich war
der Karren genöthigt gewesen, nach rechts und links vielfach vom geraden
Wege abzuweichen.
Wexford ist ein Städtchen von zwölf- bis dreizehntausend Seelen.
Es liegt am Flusse Sancy, nahe der Mündung desselben, und macht den
Eindruck, als wäre eine kleine englische Stadt mitten in eine irische
Grafschaft versetzt worden. Das kommt daher, daß Wexford der erste
Waffenplatz war, den die Engländer hierzulande inne hatten, und der
Ort hat dann, zur Stadt aufgewachsen, seine ursprüngliche Physiognomie
beibehalten. Findling erstaunte nicht wenig, hier so viele Ruinen,
verfallene Wälle und zerstörte Vertheidigungswerke zu sehen. Er kannte
aber die Geschichte dieser Gegend zur Zeit Georgs III. nicht, wo hier,
während der erbitterten Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken,
schreckliche Metzeleien auf beiden Seiten, Feuersbrünste und
Verwüstungen zur Tagesordnung gehörten. Vielleicht war es besser, daß er
hiervon nichts wußte, denn es sind entsetzliche Erinnerungen, die auf so
vielen Seiten der irischen Geschichte mit Blut geschrieben stehen. Das
konnte er noch zeitig genug kennen lernen, wenn er dazu Muße hatte.
Von Wexford aus mußte sich der wohlausgestattete Wagen wieder von der
Küste entfernen, die er erst fünfzehn Meilen weiter hin, in der Nähe
des Hafens von Arklow, wieder treffen sollte. Das war, und zwar aus zwei
Gründen, nicht zu bedauern.
Erstens beherbergt dieser Theil der Grafschaft eine dichtere Bevölkerung
und hat auch viel mehr Dörfer und Einzelgüter, wohl infolge der
Bahnlinie, die Wexford über Arklow und Wicklow mit Dublin in Verbindung
setzt.
Zweitens ist das Land hier ausnehmend schön. Der Weg verläuft durch
üppige Wälder mit mächtigen Buchen und Eichen, darunter die im
gaëlischen Lande so bemerkenswerthe schwarze Eiseneiche. Die Landschaft
war von der Slaney, der Ovoca und deren Nebenflüssen ebenso reich
bewässert, wie sie zur Zeit der religiösen Zwistigkeiten mit Blut
begossen wurde. Und gerade dieser Theil des irischen Bodens, der an
Schwefel und Kupfer so reich ist, auf den so viele Wasseradern von
den nahen Bergen herabrieseln, die sogar etwas Gold führen -- dieser
besonders begünstigte Theil mußte zum Schauplatz der wildesten Kämpfe
werden. Die Spuren davon erkennt man noch heute in Ennscarthy, in Ferns
und in andern Orten bis nach Arklow hin, wo die Söldner des Königs Georg
von dreißigtausend Rebellen -- so nannte man die, die ihr Vaterland und
ihren Glauben vertheidigten -- aufs Haupt geschlagen wurden.
Zu einem Aufenthalt im Hafen von Arklow glaubte Findling seinem Personal
-- wenn man Birk als Person zählt -- einen Rasttag aufnöthigen zu
müssen.
Arklow mit fünftausend Einwohnern ist ein Fischerort mit regem Leben.
Den Hafen schließen breite Sandbänke vom hohen Meere ab. Am Fuße mit
grünen See-Eichen bedeckter Felsen werden hier viele Austern gefangen,
die an Ort und Stelle natürlich billig zu haben sind.
»Ich glaube sicherlich, daß Du noch keine Austern gegessen hast? fragte
Findling den Gourmand Bob.
-- Niemals.
-- Möchtest Du sie denn probieren?
-- Ei, herzlich gern.«
Bob wollte so etwas immer gern. Hier kam er aber damit nicht weiter, als
bis zu einem Versuche.
»Nein, da ist mir Hummer lieber! erklärte er.
-- Du bist nur noch zu jung zum Austern essen, Bob.«
Und Bob erwiderte, er sehne sich gar sehr nach dem Alter, wo er diese
Mollusken richtiger zu schätzen verstehen werde.
Am Vormittag des 19. Juni legten beide die Wegstrecke nach Wicklow
zurück, dem Hauptorte der gleichnamigen Grafschaft, die an die von
Dublin anstößt.
Von hier aus kamen sie durch die schönste und merkwürdigste Gegend von
ganz Irland, die von Touristen fast ebenso viel besucht wird, wie
das Seengebiet von Killarney, und die dem Blicke die entzückendste
Abwechslung bietet. Da und dort streben Berge empor, die mit denen von
Donegal und Kerry wetteifern können, schimmern herrliche Seen, wie die
von Bray und von Dan, deren klares Wasser die Alterthümer an ihren Ufern
wiederspiegelt. Ferner dehnt sich hier, längs des Ovocabettes, das Thal
von Glendalough aus mit seinen epheuumrankten Thürmen, seinen alten
Kapellen am Rande eines mit glitzernden Moränen besetzten Sees, und das
Heilige Thal mit den sieben Kirchen von Saint-Kevin, wo die Wallfahrer
aus dem ganzen Erin zusammenströmen.
Das Handelsgeschäft der Knaben entwickelte sich inzwischen mehr und
mehr. Ueberall wurden die jungen Hausierer willkommen geheißen. Freilich
zogen sie hier durch eine der wohlhabendsten Landschaften Irlands, wo
sich schon die Nähe der großen Hauptstadt bemerkbar machte. Von Arklow
aus verbindet die Landstraße nämlich eine Anzahl Seebadeorte, die zur
Zeit bereits von der Dubliner Gentry besucht waren. Diese ganze elegante
Welt hatte wohlgefüllte Taschen. In diesen Bädern sah man mehr Guineen,
als Schillinge in den Ortschaften von Sligo oder Donegal. Es bedurfte
nur des Talents für den jungen Händler, um davon etwas in seine Tasche
herüberzulocken. Das gelang ihm auch nach und nach, und Findling hatte
die beste Aussicht, mit verdoppeltem Vermögen in Dublin anzukommen.
Da hatte Bob einen recht guten Gedanken, der seinem großen Bruder
bisher nicht gekommen war, einen Gedanken, dessen Ausführung ihm hundert
Procent Nutzen abwerfen mußte, allein durch die vielen Kinder reicher
Leute, die sich gewöhnlich auf dem Strande von Wicklow tummelten.
Bob war nämlich -- er hatte das schon häufig bewiesen -- sehr
geschickt im Ausnehmen von Vogelnestern, und solche giebt es auf den
Chausseebäumen Irlands in großer Menge.
Bisher hatte Bob seine Kunstfertigkeit im Klettern noch gar nicht
ausgebeutet. Nur ein- oder zweimal verkaufte er um geringen Preis einige
Vögel, die er dem Neste auf einer hohen Buche entnommen oder in einer
sehr einfachen Falle gefangen hatte. Ehe sie Wicklow verließen, fiel es
ihm aber ein, daraus einen Erwerb zu machen, und daher bat er Findling,
einen Bauer anzuschaffen, der eine größere Anzahl Sperlinge, Meisen,
Finken, Stieglitze und andre kleine Vögel aufnehmen konnte.
»Und wozu? fragte Findling. Willst Du etwa Vögel züchten?
-- Keineswegs.
-- Was soll also damit geschehen?
-- Ich will sie wieder fliegen lassen.
-- Weshalb sollen sie dann erst in einen Käfig gesteckt werden?«
Wenn Findling das zuerst nicht begriff, so verstand er es doch, als Bob
sich etwas weiter erklärt hatte.
Dieser beabsichtigte nämlich, den Thierchen gegen Entgelt die Freiheit
zu geben. Mit den zwitschernden Vögeln im Käfig wollte er unter die
nicht weniger zwitschernde Schaar von Kindern am Strande der Seebäder
treten, die gewiß gern bereit waren, den oder jenen der Gefangenen Bobs
für einige Pence loszukaufen; ist's doch so reizend, einen Vogel lustig
davonfliegen zu sehen, wenn man für ihn das Lösegeld bezahlt hat.
Bob zweifelte gar nicht an dem Erfolge seiner Speculation und auch
Findling erkannte die praktische Idee des Kleinen an. Ein Versuch
kostete ja so gut wie nichts. So wurde also ein Käfig gekauft, und
Bob war von Wicklow kaum eine Meile weit weg, da hatte er diesen schon
voller Vögel, die unruhig darin umherflatterten.
In den zahlreichen Badeorten, die jetzt viele Gäste hatten, ließ sich
das Nebengeschäft sehr gut an. Während Findling seine Waaren vertrieb,
erweckte Bob mit dem Käfig in der Hand das Mitleid der jungen Gentlemen
und der jungen Misses für seine hübschen Gefangenen. Unter lautem Jubel
der Kinder flogen die freigekauften Vögel davon; der Käfig wurde
bald leer und die Tasche des findigen Knaben bald voll von den dafür
vereinnahmten Pence.
Jetzt freute er sich desto mehr über seinen einträglichen Gedanken
und berechnete jeden Abend diesen besondern Gewinn, ehe derselbe der
Gesammteinnahme zugeschlagen wurde.
Beide Knaben befanden sich, immer längs der Küste nach Dublin
hinaufwandernd, am Nachmittage des 9. Juli in Bray, das nur noch etwa
fünfzehn Meilen von Dublin entfernt und am Fuße eines zu der Gruppe der
Wicklow-Mounts gehörigen Vorgebirges liegt, das von dem dreitausend Fuß
hohen Lugnaquilla überragt wird.
Dank dieser bezaubernden Lage übertrifft es hierin sogar Brighton an
der englischen Küste. So urtheilt wenigstens Fräulein de Bovet, die bei
ihrer Beschreibung der Schönheiten der Grünen Insel einen sehr feinen,
künstlerischen Geschmack erkennen läßt.
Ganz Bray besteht nur aus schönen Hôtels, blendend weißen Villen und
zierlichen Landhäusern und zählt im Sommer mit den Badegästen gegen
sechstausend Bewohner. Die Straße bis Dublin ist fast ohne Unterbrechung
von hübschen Landsitzen umrahmt. Bray steht mit der Hauptstadt auch
durch einen Schienenweg in Verbindung. Dieser verschwindet nicht selten
unter den hereintreibenden Dunstmassen vom Meere, das schäumend in die
enge, nach Süden zu durch ein schroffes Vorgebirge abgeschlossene Bai
von Killiney fluthet. Wie überall auf der Smaragdenen Insel finden
sich auch bei Bray zahlreiche Ruinen: hier die Ueberreste einer alten
Benedictinerabtei, dort eine Gruppe sogenannter Martellothürme, die im
13. Jahrhundert zur Küstenvertheidigung dienten. Erklimmt man den
Abhang des Caps, so kann man mittelst guten Fernrohres und bei günstiger
Witterung die Umrisse der Waliser Berge jenseits des Irischen Meeres
erkennen. Findling erfreute sich jedoch an dieser Aussicht nicht, einmal
weil er kein Fernrohr besaß, und dann, weil er Bray unerwartet schnell
verlassen mußte.
Auf dem sandigen, von den Wellen weithin überspülten Strande tummeln
sich sehr viele Kinder, ebenso wie längs der »Parade«, d. i. des Molos
von Bray. Hier treffen die kleinen pausbäckigen und rothwangigen Reichen
zusammen, deren Leben nur ein ununterbrochener Sonnenschein war, Knaben,
die die Ferienzeit genießen, und Mädchen, die sich unter der Aufsicht
ihrer Mütter und Erzieherinnen belustigen. Man wäre jedoch nicht in
Irland, wenn -- selbst hier in Bray -- nicht das darbende Elend durch
eine Rotte zerlumpter Jungen vertreten gewesen wäre, die den Tang am
Ufer durchwühlten.
Die ersten drei Tage waren -- was den Handel der Knaben betraf -- recht
ergiebig, so daß der Karren sich beinahe leerte. Sein Inhalt bestand
auch aus Dingen, die den fremden Kindern viel Vergnügen versprachen, aus
billigen, reichen Gewinn abwerfenden Spielwaaren. Mit den Vögeln Bobs
wurde ebenfalls hübsches Geld verdient. Von früh vier Uhr beschäftigte
sich dieser mit dem Fange, der seinen Käfig meist schnell füllte. Am
Nachmittage drängte sich dann die jugendliche Kundschaft, ihn wieder zu
entleeren. Immerhin durften Findling und Bob ihr Reiseziel Dublin nicht
aus den Augen verlieren; sie freuten sich ja auch gar zu sehr darauf,
den »Vulcan« dort vor Anker und Grip auf seinem Posten zu finden, Grip,
von dem sie nun schon seit mehreren Monaten ohne jede Nachricht waren.
Findling gedachte also am folgenden Tage aufzubrechen, als ein
Zwischenfall eintrat, der seine Abreise unerwarteter Weise noch
beschleunigte.
Es war am 13. Juli. Gegen acht Uhr des Morgens kam Bob mit dem
frischbevölkerten Käfig nach dem Hafen, wo er für den letzten Tag noch
eine reiche Ernte zu machen hoffte.
Noch befand sich niemand am Strande oder auf der »Parade«.
Als Bob gerade am Anfang des Molos vorüberkam, begegnete er drei
Knaben von zwölf bis fünfzehn Jahren, übermüthigen Bürschchen in feiner
Kleidung, mit dem Matrosenhut tief im Nacken und scharlachrothen,
goldknöpfigen Jacken, die mit dem vorschriftsmäßigen Anker verziert
waren.
Bob wollte womöglich seinen Vorrath gleich bei dieser Gelegenheit
abzusetzen suchen, da er ihn bis zur eigentlichen Badestunde wieder
erneuern zu können hoffte. Die etwas höhnisch aussehenden und deshalb
wenig Vertrauen erweckenden jungen Gentlemen veranlaßten ihn jedoch,
davon abzustehen. Er fürchtete sammt seinen Vögeln einen übeln Empfang.
Das Dreiblatt schien weit mehr aufgelegt, ihn und seinen Handel zu
verspotten, darum ging er an den Knaben stumm vorüber.
Das paßte aber den Bürschchen nicht, deren ältester -- schon ein kleiner
Herr mit recht boshaften Augen -- Bob den Weg vertrat und ihn barsch
fragte, wohin er gehe.
»Ich will eben wieder nach Hause gehen, antwortete Bob höflich.
-- Und der Käfig da?...
-- Der gehört mir.
-- Die Vögel darin aber?...
-- Die hab' ich heute früh gefangen.
-- Aha, das ist der Junge, der sich immer am Strande umhertreibt! rief
da einer der drei Gentlemen. Den hab' ich schon gesehen... ich erkenne
ihn wieder.... Für zwei bis drei Pence läßt er allemal einen der Vögel
fliegen....
-- Jetzt aber, fiel ihm der größere ins Wort, sollen alle ihre Freiheit
umsonst haben... alle!«
Damit entriß er Bob den Käfig, öffnete ihn, und die ganze gefiederte
Gesellschaft flog davon.
Für Bob war das ein fühlbarer Verlust, und er rief bestürzt:
»Meine Vögel!... Meine Vögel!«
Die frechen Knaben antworteten darauf nur durch ein höhnisches
Gelächter.
Erfreut durch ihre garstige Handlung, wollten sie sich schon nach dem
Molo begeben, als sie hinter sich eine Stimme vernahmen.
»Das war ein schlechter Streich, den Ihr ausgeführt habt!«
Findling war mit Birk eben auf dem Platze erschienen. Er sah, was sich
zugetragen hatte, und rief mit lauter Stimme:
»Ja... das war ein Unrecht, eine Schlechtigkeit von Euch!«
Und als er den größeren Burschen stärker ins Auge gefaßt hatte, setzte
er hinzu:
»Uebrigens ist eine solche Bosheit von dem Grafen Ashton nicht zu
verwundern!«
Hier stand in der That der Erbe des Marquis vor ihm. Die hochvornehme
Familie hatte sich von Trelingar-castle aus nach diesem Seebade begeben
und bewohnte seit dem Tage vorher eine der schönsten Villen des Ortes.
»Ah, das ist der Schlingel von Groom! versetzte mit verächtlichem Tone
der Graf Ashton.
-- Gewiß!... Ich bins.
-- Und, irre ich nicht, ist da auch der Köter, der meinen Wachtelhund
todtgebissen hat?... Er ist also davon gekommen?... Ich glaubte ihm
das Lebenslicht ausgeblasen zu haben....
-- Es scheint nicht so, bemerkte Findling, der sich durch das
hochmüthige Auftreten seines frühern Herrn nicht irre machen ließ.
-- Nun, da ich Dich erwische, arger Schlingel, will ich gleich
heimzahlen, was ich Dir schulde, rief der Graf Ashton, mit geschwungenem
Stocke auf ihn eindringend.
-- Oder Sie... Sie werden vielmehr den Preis für Bobs Vögel zahlen,
Herr Piborne.
-- Nein... erst Du... dann ich!«
Damit schlug er schon mit seinem Stöckchen auf Findling los.
Dieser, obwohl jünger als sein Gegner, war ihm doch an Körperkraft
gleich und an Muth überlegen. Mit einem Satze sprang er auf den Grafen
Ashton zu, entriß ihm den Stock und versetzte ihm ein paar schallende
Ohrfeigen.
Der Nachkomme der Piborne's wollte Gleiches mit Gleichem vergelten...
er kam jedoch gar nicht dazu. Im nächsten Augenblick lag er auf der Erde
und Findling hielt ihn hier mit den Knien fest.
Seine beiden Kameraden wollten ihm zu Hilfe kommen. Da richtete sich
jedoch Birk auf und zeigte ihnen knurrend die Zähne. Er würde den
Bürschchen wohl übel mitgespielt haben, wenn ihn sein Herr, der wieder
aufgestanden war, nicht gehalten hätte.
Dann wandte sich dieser an Bob.
»Komm her!« rief er ihm zu.
Ohne sich weiter um den Grafen Ashton und die beiden andern zu
bekümmern, die sich wohl hüteten, mit Birk in Streit zu kommen, kehrten
Findling und Bob nach ihrem Gasthofe zurück.
Nach einem für die Eigenliebe des jungen Piborne so unerquicklichen
Auftritte schien es das beste, Bray schleunigst zu verlassen. Es mußte
immerhin eine unangenehme Geschichte werden, wenn der Geschlagene,
obwohl er der Angreifer war, Klage erhob. Bei richtiger Beurtheilung der
menschlichen Natur hätte sich Findling freilich sagen müssen, daß der
thörichte und eitle junge Mann sich hüten würde, ein Abenteuer, um
dessenwillen er erröthen mußte, unter die Leute zu bringen. Da er dessen
aber nicht ganz sicher war, beglich er seine Rechnung, spannte Birk vor
den jetzt leeren Karren, und bald nach acht Uhr hatten Bob und er Bray
schon verlassen.
Sehr spät am Abend desselben Tages kamen unsre jungen Reisenden in
Dublin an, nachdem sie binnen drei Monaten von Cork aus eine Strecke von
fast zweihundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatten.
X.
In Dublin.
Dublin!... Findling in Dublin!... Jetzt gleicht er dem Thespisjünger,
der sich zum ersten Male in großen Rollen versucht oder von einer
umherziehenden Gesellschaft an die Bühne der Großstadt übergeht.
Dublin, die Hauptstadt Irlands, hat eine Bevölkerung von
dreihundertfünfundzwanzigtausend Seelen. Verwaltet von einem Lordmajor,
der gleichzeitig Chef des Militärwesens und damit überhaupt der
zweithöchste Beamte der Insel ist, während ihm vierundzwanzig Aldermen,
zwei Sheriffs und hundertvierundvierzig Räthe zur Seite stehen, gehört
Dublin mit zu den bedeutendsten Städten des britischen Inselreichs.
Handelsthätig mit seinen Docks, gewerbfleißig mit seinen Fabriken,
wissenschaftlich hervorragend mit seiner Universität und seinen Schulen,
reichen hier dennoch weder die Workhouses für die Armen, noch die
=Ragged-Schools= für die Verlassenen und Waisen aus.
Da er auf die letzteren beiden Anstaltsorte keine Ansprüche zu
machen gedachte, mußte Findling also ein Gelehrter, ein Kaufmann oder
Gewerbtreibender werden, wenn ihn die Zukunft nicht etwa zum Rentier
machte.
Cork verlassen zu haben, bedauerte unser junger Held gewiß nicht, und
furchtsam machte es ihn nicht, den Vorschlägen Grips, die ja mit seinen
geheimen Wünschen so schön übereinstimmten, gefolgt zu sein. Auch der
Gedanke, daß der Kampf ums Dasein bei den vielen Mitbewerbern hier weit
schwerer werden müsse, vermochte ihn nicht zu ängstigen -- er war mit
Vertrauen von Cork abgereist und sein Vertrauen war unterwegs nicht
erschüttert worden.
Die Grafschaft Dublin gehört zur Provinz Leinster. Bergig im Süden, eben
oder wellenförmig im Norden, erzeugt sie vor allem viel Lein und Hafer.
Hierin liegt indeß die Quelle ihres Reichthums nicht. Diesen verdankt
sie dem Meere, dem Seehandelsverkehr, der sich auf eine Jahresbewegung
von zwölftausend Schiffen mit dreiundeinhalb Millionen Tonnen beziffert.
Hiermit nimmt Dublin unter allen Häfen des Vereinigten Königreichs die
siebente Rangstufe ein.
Die Bai von Dublin, an der sich die elf Meilen im Umfang messende
Stadt erhebt, hält den Vergleich mit den schönsten in Europa aus. Sie
erstreckt sich vom Hafen Kingstown im Süden bis zum Hafen Howth im
Norden; der von Dublin selbst wird durch die Mündungen der Liffey
gebildet. Zwei zur Abhaltung der Versandung bis weit hinaus
vorgeschobene »Walls« haben die Barre, die sonst den Zugang zum Hafen
erschwerte, beseitigt und gestatten jetzt Schiffen bis zu zwanzig Fuß
Tiefgang die Fahrt auf dem Flusse bis zur ersten (der Carlisle-) Brücke
hinauf.
Vom Meere aus, bei einem sonnigen Tage mit klarer Luft, muß man nach
dieser Hauptstadt kommen, um das prächtige Gesammtbild mit einem Blicke
erfassen zu können. Bob und Findling hatten sich dieses Glücks nicht zu
erfreuen gehabt. Die Nacht war finster und die Atmosphäre dunsterfüllt,
als sie die ersten Häuser einer Vorstadt von Dublin erreichten, nachdem
sie der Straße längs der Bahnlinie, auf der man von Kingstown aus die
Hauptstadt binnen zwanzig Minuten erreicht, nachgegangen waren.
Der Anblick der unteren Quartiere der Stadt in trübem, nur von wenigen
Gasflammen unterbrochenem Dunste war keineswegs einladend zu nennen.
Der von Birk gezogene Wagen bewegte sich durch enge, verwickelte Gassen
dahin. Ueberall schmutzige Häuser, geschlossene Läden und offne =publics
houses=, überall eine Menge obdachloser Armer oder ein Gedränge ganzer
Familien in qualmerfüllten Spelunken, und das widerwärtige Bild der
Trunkenheit, vor allem der von Whisky, der den schlimmsten
Rausch verursacht und so oft Streitigkeiten, Beleidigungen und
Gewaltthätigkeiten erzeugt.
Die beiden Knaben hatten so etwas auch anderswo gesehen, darüber
erstaunten sie also nicht besonders. Wie zahlreich lungerten hier aber
auch Kinder ihres Alters herum, die auf den Stufen und Ecksteinen saßen
oder Abfälle durchwühlten -- alle barfuß, ohne Kopfbedeckung und mit
jämmerlichen Lumpen umhüllt! Bob und Findling kamen an einer, jetzt
schwer zu überblickenden großen Kirche vorbei, einer der beiden
phantastischen Kathedralen, die mit den Millionen des großen Brauers Leo
Guineß und des großen Branntweinbrenners Roe wieder hergestellt worden
war. Von dem gewaltigen Thurme mit seiner achteckigen Spitze, die von
den Bewegungen seines achtstimmigen Glockenspiels ins Schwanken kommt,
schlug gerade die neunte Stunde.
Von der langen und schnellen Wanderung von Bray bis hierher ermüdet,
hatte Bob im Karren Platz genommen. Findling schob diesen zur Entlastung
Birks. Er suchte ein Unterkommen für die Nacht, bereit, es am folgenden
Tage, wenn nöthig, umzutauschen. Ohne es zu wissen, durchzog er den
Stadttheil, der »die Freiheiten« genannt wird, nahe dem Eingang der
Hauptstraße Saint-Patrick, die von der erwähnten Kathedrale bis zur
andern, Christ-Church, hin verläuft. Es ist das eine breite, mit
Häusern, die früher als comfortabel galten, besetzte Straße, auf die
ungesunde Gassen, schmutzige »Lanes« einmünden. Diese sind angefüllt mit
erbärmlichen Höhlen, mit Löchern, denen gegenüber man die Hütte der Hard
noch vorgezogen hätte. Findling erinnerte sich dieser mit heimlichem
Entsetzen. Und doch befand er sich ja nicht in einem Dorfe von Donegal,
sondern in Dublin, der Hauptstadt der Smaragdnen Insel, und er besaß
jetzt mehr verdiente Guineen, als alle diese Bettelkinder Farthings
in der Tasche haben mochten. Er suchte auch nicht nach einem jener
verdächtigen Häuser, wo es mit der Sicherheit sehr zweifelhaft bestellt
ist, sondern einen bescheidnen Gasthof, in dem Nachtlager und Nahrung
für einen bescheidnen Preis zu haben waren.
Das fand er zufällig in der Mitte der Saint-Patrick-Street, ein Gasthaus
von bescheidnem, aber ordentlich erscheinendem Aeußern, in dem der
Karren in einem Schuppen Platz fand. Nach dem Abendessen stiegen die
Knaben nach ihrem engen Kämmerchen hinauf, und in dieser Nacht hätten
alle Glockenspiele der Kathedrale, aller Lärm der Freiheiten ihren
Schlaf nicht zu stören vermocht.
Am folgenden Tage standen sie frühzeitig auf; sie wollten auf
Recognoscierung ausgehen und vorzüglich vielleicht Grip aufsuchen, was
ja nicht schwierig sein konnte, wenn der »Vulcan« in seinem Heimathafen
wieder zurück war.
»Birk nehmen wir doch mit? fragte Bob.
-- Natürlich, antwortete Findling, er muß doch die Stadt kennen lernen.«
Birk ließ sich darum nicht bitten.
Dublin bildet ein Oval, dessen großer Halbmesser drei Meilen beträgt.
Die von Westen nach Osten fließende Liffey scheidet es in zwei fast
gleich große Theile. An ihrer Mündung verbindet sich der Strom
mit einem, die Stadt umrahmenden doppelten Canal -- im Norden dem
Royal-Canal, der sich an der Midland-Great-Western hinzieht, im Süden
dem Grand-Canal, der bis Galway reicht und den Atlantischen Ocean mit
dem Irischen Meere verbindet.
Die Saint-Patrick-Street zählt unter ihren Bewohnern -- und zwar als
den wohlhabensten -- zahlreiche jüdische Trödler. Von diesen Händlern
entnehmen die Paddys der untern Volksclassen alles, was zu ihrer sehr
primitiven Kleidung gehört, ausgebesserte Leibwäsche, abgetragene
Röcke, Hosen mit aufgesetzten andersfarbigen Flicken, unbeschreibbare
Männerhüte und Frauenhüte mit unmöglichen Federn. Hier versetzen
die Leute auch ihre Lumpen für wenige Pence, die sie dann in den
benachbarten »Inns« schnellstens vertrinken, wo Whisky und Gin
verschänkt werden. Jene Kramladen erregten schon die Aufmerksamkeit
Findlings.
Jetzt zu früher Morgenstunde waren die Straßen fast menschenleer. Man
steht spät auf in Dublin, wo es übrigens nicht viel Industrie giebt.
Werkstätten findet man fast gar nicht, außer den Etablissements, die
Seide, Flachs, Wolle und vor allem Popeline (Halbseidenstoffe) erzeugen,
deren Fabrication einst durch Franzosen eingeführt wurde, welche in
Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes hier eingewandert waren.
Brauereien und Brennereien stehen dagegen in hoher Blüthe. Hier erhebt
sich die großartige und weitberühmte Whiskybrennerei von Roe, dort die
ausgedehnte Stoutbrauerei von Guineß, die einen Werth von hundertzwanzig
Millionen Mark haben soll und die durch unterirdische Canäle mit
dem Victoria-Dock in Verbindung steht, von wo hunderte von Schiffen
ausgehen, die das Bier nach beiden Welten befördern. Ist aber die
Industrie dürftig, so nimmt der Handelsverkehr wenigstens immer mehr zu,
und was die Ausfuhr von Schweinen und Rindern betrifft, hat sich Dublin
unter den Häfen des Vereinigten Königreichs sogar zum ersten Range
emporgeschwungen.
Findling wußte das, da er den volkswirthschaftlichen Theil der Zeitungen
und Broschüren, die er verkaufte, stets zu lesen pflegte.
Während sie nach der Liffey wanderten, verloren Bob und er nichts
Bemerkenswerthes aus den Augen. Bob schwatzte unterwegs nach alter
Gewohnheit.
»O, diese Kirche!... Ah, dieser Platz!... Welch' ungeheures
Gebäude!... Welch' schöner Square!«
Das genannte Gebäude war die Börse, die Royal-Exchange. In der
Dame-Street lag die City-Hall, die Commercial Building, der Sammelplatz
für die Kaufleute der Stadt. Weiterhin erschien das Schloß auf dem
Rücken des Cork-Hill, mit seinem großen, zinnengekrönten Thurm und den
schwerfälligen Backsteinmauern. Früher ein von Elisabeth ausgebautes
Festungswerk, dessen Spuren man kaum noch wiederfindet, dient es
jetzt als Amtswohnung des Lord-Lieutenant und als Sitz der
Civil-Militärbehörden. Darunter breitet sich Steffen-Square aus mit
einer Reiterstatue Georgs I., die von üppigen Rasenplätzen und schönen
Bäumen umgeben ist. Die Einfassung des Square aber bilden ebenso
traurige wie symmetrische Häuser, unter denen der Palast des
protestantischen Erzbischofs und der Boardroom die umfänglichsten sind.
Weiter nach rechts liegt dann der Merrion-Square, wo sich die alte
Ritterburg von Leinster, das Hôtel der königlichen Gesellschaft, mit
korinthischer Façade und dorischem Vestibül erhebt und an dem auch das
Geburtshaus O'Connell's liegt.
Findling ließ Bob plaudern und gab sich seinen Gedanken hin. Er bemühte
sich, aus dem, was er sah, einen praktischen Nutzen zu ziehen. Noch
wußte er ja nicht, was er mit seinem kleinen Vermögen beginnen, welche
Art von Handel er mit Aussicht auf Erfolg anfangen sollte.
Auf ihrem Wege durch die ärmlichen Straßen, die die bessern Quartiere
umgeben, verliefen sich die Knaben mehr als einmal, so daß sie eine
Stunde nach ihrem Aufbruche aus Saint-Patrick-Street noch nicht einmal
die Quais der Liffey erreicht hatten.
»Einen Fluß giebt's hier also wohl gar nicht? fragte Bob wiederholt.
-- Doch... einen Fluß, der in den Hafen mündet,« versicherte Findling.
Immer fast blindlings weitergehend, gelangten sie nach einer Gruppe vier
Etagen hoher, aus Portland-Cement errichteter Gebäude, mit hundert
Meter langer griechischer Façade, einem von vier korinthischen Säulen
getragenen Fronton und mit zwei Eckpavillons mit Pilastern und Antiken.
Um das Ganze erstreckt sich ein wirklicher Park, worin junge Leute
dem Sport aller Art huldigten. Das Ganze war aber nicht etwa eine Art
Turnanstalt, sondern die von Elisabeth gegründete Universität, das
Trinity-College. Die jungen Leute hier waren irische Studenten, lauter
eifrige Sportsmen, die sich an Kühnheit und Feuer mit ihren Kameraden
von Oxford und Cambridge messen können. Das Ganze glich freilich nicht
der =Ragged-School= von Galway, und der Vorsteher hier mochte wohl eine
ganz andre Persönlichkeit sein, als jener O'Bodkins.
Bob und Findling wandten sich von hier aus weiter nach rechts, und
sie hatten kaum hundert Schritte gemacht, als der kleine Knabe jubelnd
ausrief:
»Dort... dort sehe ich Masten!
-- Also, Bob, muß auch ein Strom dort sein!«
Von den Masten sah man zunächst freilich nur die über die Häuser am
Quai hinausragenden Spitzen. Deshalb suchten sie sich also eine nach der
Liffey hinabführende Straße, wobei ihnen Birk, mit der Nase an der Erde
schnüffelnd, als hätte er eine Spur gewittert, lustig vorauslief.
Ihm schnell folgend, schenkten sie der Christ-Church-Kathedrale nur
einen flüchtigen Blick. Diese liegt aber von der ersten Kathedrale nur
durch die Länge der Saint-Patrick-Street getrennt -- ein Beweis für die
weiten Umwege, die die Knaben gemacht hatten. Letztere ist übrigens eine
recht bemerkenswerthe Kirche, erbaut im 13. Jahrhundert in Form eines
lateinischen Kreuzes, mit Nebenthurm und spitzen Dachreitern u. s. w.
Doch sie näher zu betrachten, dazu fand sich wohl immer noch einmal
Zeit.
Endlich erreichten Findling und Bob das rechte Ufer der Liffey.
»O, wie schön das ist, rief der eine.
-- Etwas so Schönes haben wir noch nie gesehen!« meinte der andre.
In Limerick wie in Cork, am Shannon wie an der Lee würde man freilich
das herrliche Bild granitner Quais, die mit prächtigen Gebäuden besetzt
sind, vergeblich suchen -- zur Rechten die von Ushers-Aleschants, von
Word und von Essex, zur Linken die von Ellis, Avan, von Kings-Inn und
andre.
Hier gingen die Seeschiffe indeß nicht vor Anker. Ihr Mastenwald erhob
sich weiter stromabwärts in einem tiefen Einschnitt des linken Ufers der
Liffey.
»Das sind dort jedenfalls die Docks? sagte Findling.
-- Ei, komm, dahin gehen wir sofort!« antwortete Bob, dessen Neugier das
Wort »Dock« erregte.
Die beiden Hälften von Dublin stehen durch neun Strombrücken in
bequemer Verbindung, und die östlichste davon, die Carlisle-bridge --
gleichzeitig die bedeutendste -- führt unmittelbar von der
Westmoreland-Street auf der einen, nach der Sackeville-Street auf der
andern Seite.
In die letztere bogen die Knaben nicht ein, denn das hätte sie zu weit
von den Docks weggeführt. Dagegen musterten sie aufmerksam alle Schiffe,
die unterhalb der Carlisle-bridge auf der Liffey lagen. Vielleicht
fanden sie den »Vulcan« darunter. Den Dampfer Grips hätten sie ja unter
Tausenden erkannt.
Der »Vulcan« lag aber nicht an den Quais der Liffey. Vielleicht war er
noch gar nicht zurückgekehrt, vielleicht ankerte er inmitten der Docks
oder war wegen nothwendiger Ausbesserungen ins Trockendock gegangen.
Findling und Bob folgten dem Quai am linken Stromufer. In Gedanken an
den »Vulcan« bemerkte der eine vielleicht gar nicht das Custom-house
(Zollgebäude), ein mächtiges, viereckiges Bauwerk mit hundert Fuß hoher,
von einer Statue der Hoffnung bekrönter Kuppel. Der andre dagegen blieb
einen Augenblick in Betrachtung verloren stehen. Er dachte daran, ob
wohl jemals auch Waaren von ihm hier der Zollbehandlung unterliegen
würden. Ein erhebendes Gefühl mußte es sein, hier Frachtgüter, die aus
fremdem Lande für ihn eingetroffen wären, in Empfang zu nehmen. Doch
sollte ihm das jemals beschieden sein?
Die Knaben gelangten nach den Victoria-Docks. In dem Bassin, dem Herzen
der Handelsstadt, dessen Venen nach allen Meeren hin ausstrahlen, lagen
eine Menge Schiffe, die entweder ihre Ladung löschten oder aufs neue
befrachtet wurden.
Da entfuhr Bob ein Schrei.
»Der »Vulcan«! Da... da!«
Wirklich lag der »Vulcan« an einem der Quais und nahm eben Fracht ein.
Bald darauf hatte Grip, der an Bord unbeschäftigt war, seine beiden
Freunde gefunden.
»Endlich... seid Ihr da!« rief er, sie an sich drückend, als sollte er
sie ersticken.
Alle drei gingen nun, um ungestörter plaudern zu können, am Quai
wieder zurück nach dem Ufer des Royal-Canal zu, wo dieser in die Liffey
einmündet.
Hier war es hübsch still.
»Seit wann seid Ihr denn in Dublin? fragte Grip, der beide Knaben an den
Armen führte.
-- Seit gestern Abend, erwiderte Findling.
-- Erst?... Ich sehe, mein Boy, Du hast Dir Zeit genommen zu einem
Entschlusse....
-- Nein, das nicht, Grip; nach Deiner Abfahrt zögerte ich gar nicht
mehr, Cork zu verlassen.
-- Ja, das ist aber drei Monate her, und ich bin inzwischen zweimal
in Amerika gewesen. Allemal, wenn ich nach Dublin kam, bin ich in der
Hoffnung, Dich zu treffen, in der ganzen Stadt umhergelaufen... doch
keine Spur von Findling oder dem Kleinen und Eurem Birk. Darauf hab' ich
an Dich geschrieben. Hast Du keinen Brief von mir erhalten?
-- Nein, Grip, jedenfalls, weil wir bei dessen Eintreffen gar nicht mehr
in Cork waren. Wir befinden uns schon volle zwei Monate unterwegs.
-- Zwei Monate, rief Grip. Nun sagt mir, welchen Zug habt Ihr denn
hierher benützt?
-- Welchen Zug? fragte Bob, den Heizer verwundert anschauend, den Zug
mit unsern Beinen.
-- Ihr habt die ganze Strecke zu Fuß zurückgelegt?
-- Natürlich, und auch nicht einmal auf dem nächsten Wege.
-- Zwei volle Monate unterwegs! rief Grip.
-- Die uns aber nichts gekostet haben, versicherte Bob.
-- Sondern die sogar ein hübsches Sümmchen einbrachten!« setzte Findling
hinzu.
Sie berichteten Grip nun ausführlich über ihre Fahrt längs der Küste,
über den Handel, den sie getrieben, und dabei wurde auch die Speculation
Bobs mit dem Einfangen und Freilassen von Vögeln erwähnt.
Natürlich kam dabei der Aufenthalt in Bray, das Zusammentreffen mit
dem Erben der Piborne's, dessen tadelnswerthes Auftreten und was darauf
folgte, mit zur Sprache.
»Du hast ihn doch ordentlich durchgeprügelt? fragte Grip.
-- Nein, der erbärmliche Ashton war mehr dadurch gestraft, daß er unter
meinen Knien auf der Erde lag, als wenn ich ihn geschlagen hätte.
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