Der Findling. Zweiter Band.
Von
Jules Verne
Julius Verne's Reiseromane. Band 65.
Der Findling.
Von
Julius Verne.
Rechtmässige Ausgabe.
Zweiter Band.
Leipzig
Bibliographische Anstalt
Adolph Schumann.
Alle Rechte vorbehalten.
Zweiter Theil.
I.
Ihre Herrlichkeiten.
Ohne sein gewohntes vornehmes Auftreten zu verleugnen, nahm Lord Piborne
verschiedene, auf seinem Tische liegende Papiere auf, ordnete die da
und dort verstreuten Zeitungsblätter, durchsuchte die Taschen seines
goldgelben Plüschschlafrocks, durchwühlte auch die seines stahlgrauen
Ueberziehers, der über der Lehne eines Armstuhles hing, und wendete sich
dann zurück, während ein kaum bemerkbares Runzeln der Augenbrauen an
seiner Stirn sichtbar wurde.
In dieser hocharistokratischen Weise und ohne sonstige Veränderung
der Gesichtszüge pflegte Seine Herrlichkeit stets auch dem lebhafteren
Unbehagen Ausdruck zu geben.
Eine leichte Neigung des Oberkörpers deutete darauf hin, daß er sich
sogar einmal bücken wollte, um einen Blick unter den von einer großen,
schwer befranzten Decke verhüllten Tisch zu werfen. Davon kam er jedoch
zurück und »geruhte« auf den Knopf einer Klingel zur Seite des Kamins zu
drücken.
Fast augenblicklich erschien John, der Kammerdiener, auf der
Thürschwelle des Gemaches und blieb hier regungslos stehen.
»Sieh nach, ob mein Portefeuille hier unter den Tisch gefallen ist,«
sagte Lord Piborne.
John bückte sich nieder, hob die faltenreiche Decke etwas in die Höhe
und richtete sich mit leeren Händen wieder auf.
Das Portefeuille Seiner Herrlichkeit fand sich an dem bezeichneten
Platze nicht.
Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne.
»Wo ist Lady Piborne? fragte er.
-- In ihren Gemächern, antwortete der Kammerdiener.
-- Und der Graf Ashton?
-- Er lustwandelt im Parke.
-- Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage
ihr, ich wünsche die Ehre zu haben, sie baldmöglichst zu sprechen.«
John machte steif auf der Stelle Kehrt -- ein stielgerechter Lakei hat
sich im Dienste nicht zu verneigen -- und verließ streng abgemessenen
Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszuführen.
Seine Herrlichkeit Lord Piborne zählt fünfzig Jahre -- fünfzig Jahre,
die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Verstoß gegen die
Ehre des Adels, von keiner Mißheirat befleckten Familie hinzuzurechnen
waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses,
bedauert er in gutem Glauben das Aufhören vieler alten Privilegien der
Feudalzeit, die schöne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgüter und
Domänen, der Macht persönlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen
erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann
ohne Zögern entgegenbrachte. Alles, was nicht von einer, der seinigen
ebenbürtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht
rühmen kann, steht für ihn auf der Stufe des Bauers, des Bürgers,
wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn
folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner
Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen
Welt zu erscheinen. Groß, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen
wie erloschen, so sehr sind sie gewöhnt, Mißachtung auszudrücken, im
Sprechen karg und trocken, repräsentiert Lord Piborne den Typus jener
hochmüthigen Edelleute, die sich in den Hüllen bestaubter Pergamente
vergraben und die -- glücklicher Weise -- selbst in dem aristokratischen
Königreiche Großbritannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat
gesetzt scheinen.
Hierzu ist nachzutragen, daß der Marquis englischer Abstammung ist und
daß er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer
Herkunft ist, zum Altare führte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz für
einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen
Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch höher
steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne
Zweifel ein, daß Gott dereinst erst Handschuhe anlegen würde, um sie in
seinem Paradiese nach Gebühr zu empfangen.
Die Thür öffnete sich, und als hätte es sich um den Eintritt einer hohen
Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener:
»Ihre Herrlichkeit Lady Piborne.«
Die Marquise -- eine reife Vierzigerin -- groß, hager, eckig, die Haare
von breitem Stirnband gehalten, die Lippen dünn, die Nase aristokratisch
adlerartig, die Taille schlank und die Schultern abstehend -- war gewiß
niemals schön gewesen; was aber die Vornehmheit der Haltung und des
Benehmens, die Uebereinstimmung in Traditionen und Privilegien anging,
hätte Lord Piborne gewiß keine bessere Gemahlin finden können.
John rollte einen wappengeschmückten Lehnstuhl heran, worauf die
Marquise sich niederließ, und zog sich lautlos zurück.
Der vornehme Gemahl richtete das Wort an die Dame.
»Sie werden verzeihen, Marquise, daß ich Sie ersuchen lassen mußte,
Ihre Gemächer zu verlassen, um mir die Gunst einer Besprechung in meinem
Cabinet zu gewähren.«
Es braucht nicht Wunder zu nehmen, daß ihre Herrlichkeiten, selbst in
privater Unterhaltung, so schwulstige Phrasen drechselten. Das gehört
hier einmal zum guten Ton. Und übrigens waren beide noch in der »Puder-
und Perrückenschule« der früheren Gentry aufgewachsen. Nie hätten sie
sich zu der Vertraulichkeit des landläufigen Geplauders herabgelassen,
das Dickens im Scherze »Perrucobalivernage« genannt hat.
»Ich stehe zu Ihrem Befehl, Marquis, erwiderte Lady Piborne. Welche
Frage hätten Sie an mich zu richten?
-- Ich möchte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Gedächtniß zu Hilfe
zu kommen.
-- Ich höre.
-- Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse
weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren?«
Der Attorney ist der bevollmächtigte Rechtsanwalt, der seinen
Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten Königreiches
vertritt.
»Gewiß... gestern... Nachmittag, antwortete Lady Piborne.
-- Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen
begleitet?
-- Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein.
-- Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen?
-- Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist.
-- Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch
eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie
sich wohl auch, daß ich ein Portefeuille bei mir führte, das die Papiere
betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele
bevorsteht?
-- Jenes ungerechten Processes, den man die Kühnheit, die
Unverschämtheit hat, uns aufzunöthigen! setzte Lady Piborne mit
bezeichnender Geberde hinzu.
-- Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein
sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in
Banknoten, die für unsern Sachwalter bestimmt war.
-- Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis.
-- Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in
Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat
uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die
Schriftstücke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat
darauf geantwortet, daß er für jetzt weder des einen noch des andern
bedürfe, unter dem Hinzufügen, daß er selbst nach dem Schlosse
kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anmaßungen des Kirchspiels
aufzutreten.
-- Gegen die schmählichen Anmaßungen, die früher als Attentate auf die
grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden wären...«
Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in
ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte.
»Daraus ergiebt sich, nahm Seine Herrlichkeit wieder das Wort, daß
ich mein Portefeuille behalten habe, daß wir bald wieder in den Wagen
gestiegen sind und das Schloß gegen sieben Uhr, als es bereits zu
dunkeln anfing, erreicht haben.«
Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte
Aprilwoche.
»Jenes Portefeuille nun, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt
in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun
nicht mehr finden.
-- Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets
gelegt?
-- Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen
Papieren danach gesucht.
-- Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen?
-- Doch... John... mein Kammerdiener... dem kann ich aber
vertrauen...
-- Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady
Piborne.
-- Uebrigens wär' es möglich, fuhr der Marquis fort, daß mein
Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten wäre.
-- Das müßte einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert
Pfund Sterling nicht für eine gute Prise ansah...
-- Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen
will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte
gegenüber dem Kirchspiel nachweisen...
-- Gegenüber dem Kirchspiel, pah!« sagte Lady Piborne.
Man hörte es, daß das Herrenhaus aus ihrem Munde sprach und daß sie
die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren
Ansprüche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren.
»Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen
Proceß verlieren sollten...
-- Und wir verlieren ihn ganz sicher, erklärte Lord Piborne, wenn wir
jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind...
-- So würde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die
an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Domäne der Piborne
gehört haben?
-- Ja, Marquise.
-- Das wäre abscheulich!
-- Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet,
jene Ansprüche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und
Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den
Landlordismus!... O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der
Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die Rädelsführer
der Landliga aufknüpfen läßt, weiß ich nicht... oder weiß ich vielmehr
nur zu gut, wie das enden wird...«
Da öffnete sich die Thür des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger
Mann erschien.
»Ah, Sie sind es, Graf Ashton?« unterbrach sich Lord Piborne.
Der Marquis und die Marquise hätten es niemals versäumt, ihrem Sohne
diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten
Pflichten hätte zu vernachlässigen gefürchtet, wenn er darauf nicht
antwortete:
»Ich wünsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater!«
Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er würdevoll die Hand
küßte.
Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelmäßiges,
doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Züge gewiß auch später an
Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natürliche
Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei
Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurückgeblieben, jedem Fortschritte
des modernen Lebens abhold erwiesen -- zwei Typen aus der Periode der
Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct
der Rasse bewirkte schon, daß dieser Knabe sich etiquettengerecht
verhielt, daß er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn
die Marquise sehr verwöhnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses
»abgerichtet« war, sich allen seinen Launen zu fügen. So besaß er
keine, der für dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die
ungebundene Beweglichkeit des Körpers, noch die Wärme des Herzens oder
den Enthusiasmus der Jugend.
Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief
unter ihm Stehende sah, dem das Mitgefühl für die Armuth abging, der
zwar in allen Zweigen des Sports -- dem Reiten, Jagen, Wettrennen,
dem Croquett und Lawn-Tennis -- schon recht bewandert, sonst aber
erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern,
die sich vergeblich mit ihm abgemüht hatten.
Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer
Distinguirtheit später als klägliche Schwachköpfe durchs Leben wandern,
zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber
genug, und der Graf Ashton Piborne gehörte unzweifelhaft zu dieser
Sorte.
Er hörte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich,
daß Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus
dem Hause des Sachverwalters zurückkam, und daß er es bei der Abfahrt
von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den
Wagensitz gelegt habe.
»Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise.
-- Ja, Milady, und ich glaube nicht, daß das Portefeuille habe aus dem
Wagen fallen können.
-- Dann hätte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden
müssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen.
-- Und man kommt zu dem Schlusse, daß es einer der Diener unterschlagen
hat,« setzte Lady Piborne hinzu.
Dieser Ansicht war natürlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein
Vertrauen zu solchen »Kerlen«, die immer spionieren, wenn sie nicht gar
stehlen -- und beides meist zusammen thun -- die man das Recht haben
sollte, wie einst die Leibeigenen Großbritanniens, nach Belieben
auszupeitschen. Woher er etwas von »Leibeignen in Großbritannien« gehört
hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, daß der Marquis
und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen
Groom zugetheilt hatten, der würde schon die Hand des Herren zu fühlen
bekommen haben u. s. w.
Das hieß rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu führen,
mußte man das blaue Blut der Piborne in den Adern haben.
Die Verhandlung lief also darauf hinaus, daß das Portefeuille gestohlen,
und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, daß darüber eine
Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften
bleibe, sofort der Polizei überwiesen werden müsse, da dem Lord Piborne
das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging.
Der Graf Ashton drückte also auf den Knopf der Klingel, und
wenige Augenblicke später erschien der Schloßverwalter vor ihren
Herrlichkeiten.
Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige
Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Persönlichkeit,
der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft
des Hauses bestens gehaßt wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne
Aufbrausen und Anmaßung, doch im Grunde schlecht behandelte.
Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die
Unterwürfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten
Geistlichen einer Parochie.
Jetzt erzählte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel
auf ein Sitzpolster im Wagen gelegt worden, wo es sich doch hätte
wiederfinden müssen.
Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und
der Lady Piborne war. Bei der Rückkehr des Wagens hatte er, der sich
in respectvoller Entfernung von dessen Thür hielt, bei der Dunkelheit
natürlich nicht sehen können, ob das Portefeuille an der vom Marquis
bezeichneten Stelle lag.
Wenn Scarlett auch der Gedanken kam, die Brieftasche hätte auf die
Landstraße hinaus gefallen sein können, so hütete er sich doch,
das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der
Unachtsamkeit gefallen wäre; er begnügte sich vielmehr mit der
Bemerkung, daß das Portefeuille selbstverständlich hochwichtige
Schriftstücke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es
die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Persönlichkeit, wie dem
Schloßherrn, zu gehören.
»Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, daß hier eine
Fundunterschlagung stattgefunden hat...
-- Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten.
-- Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich
nicht allein um eine nicht unbeträchtliche Geldsumme, sondern auch um
Schriftstücke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenüber dem
Kirchspiele nachweisen.«
Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken,
daß das Kirchspiel sich unterfange, überhaupt ein Recht gegen das
vornehme Haus der Piborne geltend zu manchen -- eine Unverschämtheit,
die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz
unmöglich gewesen wäre -- nein, wer die Indignation des Herrn Scarlett
nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen Hände
und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine
Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine
heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag.
»Doch wenn ein Diebstahl ausgeführt worden ist... sagte er endlich.
-- Wie... nur -wenn- er ausgeführt worden wäre? fiel die Marquise
näselnden Tones ein.
-- Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter
hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja
nur...
-- Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton
ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der
Hand gehaltenen Reitgerte.
-- Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen,
den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits[1] die
Intervention des Gerichtes herbeizuführen, da es einem nicht einmal mehr
auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu üben.
-- Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele führen, fragte der
Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun?
-- Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett;
hören Sie? Alle Leute!«
Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurück, worauf auch
die Marquise wieder ihre Gemächer aufsuchte und der Graf Ashton sich zu
seinen Hunden im Park zurückbegab.
Scarlett mußte sich sofort mit der ihm übertragnen Aufgabe befassen,
obgleich er nicht zweifelte, daß das Portefeuille während der Fahrt von
Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine
Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so
wollte er das thun... daß er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen
solchen ermitteln, und hätte er auch einen beliebigen Diener durch
Auslosung bestimmen sollen.
Nun mußten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Küchenchef,
die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schloßverwalter
erscheinen. Natürlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl
Scarlett sich über die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet
hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwürfe und
drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder
zum Vorschein käme. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert
Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten
auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem
schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute
einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu
wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die
Hand auf den Uebelthäter zu legen, so durfte dieser auf eine
Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn
Lord Piborne war mächtig genug, und einen so großen Herrn zu bestehlen
galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des
Königshauses zu vergreifen.
Scarlett stellte das allen, die er wegen der Sache ausfragte,
eindringlich vor. Leider wollte sich keiner zu dem Geständniß, der
Urheber des Verbrechens zu sein, herbeilassen, und nach Beendigung der
hochnothpeinlichen Befragung beeilte sich der Schloßverwalter, dem Lord
von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen Kenntniß zu geben.
»Die Leute stecken unter -einer- Decke, erklärte der Marquis, und wer
weiß, ob sie den Raub nicht unter sich getheilt haben.
-- Ich glaube, daß Eure Herrlichkeit damit Recht haben, erwiderte
Scarlett. Auf alle an die Dienerschaft gerichteten Fragen erhielt ich
auch ganz gleichlautende Antworten, ein hinlänglicher Beweis, daß die
Leute sich untereinander verstehen.
-- Haben Sie auch ihre Stuben, ihre Schränke und Koffer durchsucht,
Scarlett?
-- Noch nicht. Eure Herrlichkeit werden einsehen, daß ich das mit Erfolg
nur in Gegenwart eines Polizeibeamten vornehmen kann.
-- Das ist richtig, bestätigte Lord Piborne. Schicken Sie jemand nach
Kanturk... oder besser, verfügen Sie sich selbst dahin. Natürlich darf
keiner vor Beendigung der Untersuchung das Schloß verlassen.
-- Die Befehle Eurer Herrlichkeit werden ausgeführt werden.
-- Der Polizeibeamte soll nicht versäumen, einige Leute mitzubringen,
Scarlett...
-- Ich werde ihm den Wunsch Eurer Herrlichkeit kund thun und er wird
nicht verfehlen, diesem nachzukommen.
-- Sie werden auch meinen Sachverwalter, Herrn Laird in Newmarket,
benachrichtigen, daß ich mit ihm über diesen Vorfall sprechen muß und
ihn schleunigst hier zu sehen wüsche.
-- Noch heute soll er die Mittheilung erhalten....
-- Wann brechen Sie auf?
-- Sofort, ich denke, noch vor dem Abend zurück zu sein.
-- Gut.«
Das Erzählte spielte sich am Morgen des 29. April ab. Ohne jemand zu
sagen, was er in Kanturk vorhabe, ließ sich Scarlett eines der besten
Pferde aus dem Stalle satteln und wollte schon aufsitzen, als am
Wirthschaftsthore, nahe dem Wächterhause, eine Glocke ertönte.
Ein Flügel des Thores öffnete sich, und davor stand ein Kind von etwa
zehn Jahren.
Es war Findling.
II.
Im Laufe von vier Monaten.
In der Provinz Munster liegt die Grafschaft Cork, die mit denen von
Limerick und Kerry zusammenstößt. Sie erfüllt deren südlichen Theil
zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven. Ihre Hauptstadt ist Cork,
und der wichtigste Hafenplatz der von Queenstown, an der gleichnamigen
Bucht und einem der belebtesten Häfen von ganz Irland.
Die Grafschaft durchschneiden verschiedene Eisenbahnlinien; die eine
erstreckt sich über Mallow und Killarney bis nach Tralee. Oberhalb
derselben, an dem Theile der Linie, die etwa längs des Blackwaterflusses
verläuft, und sechs Kilometer südlich von Newmarket, liegt der Flecken
Kanturk, zwei Meilen von diesem aber das Schloß Trelingar.
Dieser prächtige Großgrundbesitz gehört der alten Familie der Pibornes.
Er umfaßt eine geschlossene Fläche von hunderttausend Acres (40.000
Hektaren) besten Bodens mit fünf- bis sechshundert Farmen, deren
Ausbeutung dem Landlord die höchsten Einkünfte in der ganzen Umgegend
sichert. Der Marquis von Piborne ist also schon hierdurch sehr reich,
ohne von den andern Einnahmen zu reden, die ihm die Besitzthümer der
Marquise in Schottland zuführen. Ueberhaupt wird sein Vermögen als eines
der größten im ganzen Lande angesehen.
Wenn der Lord Rockingham sein Grundeigenthum in der Grafschaft Kerry
niemals besucht hatte, so konnte man den Lord Piborne dagegen des
verhaßten »Absentismus« nicht beschuldigen. Nach vier- bis fünfmonatigem
Aufenthalt in Edinburg oder London, bewohnte er vom April bis zum
November stets sein Trelingar-castle.
Ein Grundbesitz von so großer Ausdehnung bedingt selbstverständlich auch
sehr viele Pächter. Die ackerbauende Bevölkerung, die auf den Ländereien
des Marquis lebte, hätte ein recht ansehnliches Dorf bilden können.
Waren die Bauern von Trelingar-castle auch nicht von einem John Eldon
für Rechnung des Herzogs von Rockingham bedrückt, und wurden sie nicht
von einem Harbert für Rechnung eines John Eldon ausgesaugt, so darf
man daraus noch nicht schließen, daß sie sich einer besseren Behandlung
erfreuten. Hier gab man sich nur den Anschein größerer Milde. Der
Verwalter hielt streng auf die pünktliche Abführung der Pachtzinsen und
vertrieb sie auch aus ihren Gehöften; er that das aber auf seine Art,
er drückte ihnen sein Mitleid aus, beklagte sie, bekümmerte sich bei dem
Gedanken, was ohne Obdach und Lebensunterhalt aus ihnen werden sollte,
versicherte auch, daß solche Austreibungen seinem Herrn das Herz
brächen... verjagt wurden die armen Leute aber doch, und höchst
wahrscheinlich empfanden sie es als keinen besondern Trost, daß Seine
Herrlichkeit darum trauerte.
Das zur Zeit der Stuarts erbaute Schloß war gegen dreihundert Jahre alt,
es reichte also nicht bis zur Epoche der Plantagenet's zurück, worauf
die Piborne's so stolz waren.
Der gegenwärtige Besitzer hatte das Aeußere des Bauwerks neu herstellen
lassen, um ihm mehr das Aussehen eines Feudalsitzes zu verleihen. Da
waren Zinnen angebracht, Spitzthürmchen und Wachthäuschen errichtet
und über einen Graben eine Zugbrücke, die nie aufgezogen, und ein
Fallgatter, das nie herabgelassen wurde.
Das Innere enthielt sehr geräumige Gemächer mit mehr Comfort, als ihn
die Zeiten Eduards IV. oder Johanns ohne Land zu bieten pflegten.
Diese verborgene Stilwidrigkeit entsprach freilich den Bedürfnissen der
verwöhnten Schloßbewohner.
An den Seiten des Schlosses erhoben sich die Communs (Dienerwohnungen)
und Nebengebäude, Ställe, Wagenschuppen und Wirthschaftsräume. Davor lag
ein weiter Ehrenhof mit prächtigen Buchen, nach außen zu abgeschlossen
von zwei Pavillons neben einem verzierten Gitterthore, von denen der
eine dem Portier als Wohnung diente.
Am Thore dieses Pavillons hatte unser junger Held grade die Glocke
gezogen, als es sich öffnete, um den Verwalter Scarlett hinausreiten zu
lassen.
Ungefähr vier Monate waren seit dem unvergeßlichen Tage verstrichen,
wo das Adoptivkind der Familie Mac Carthy die Farm von Kerwan verlassen
hatte. Wenige Zeilen werden hinreichen, zu berichten, wie es ihm in
diesem Zeitraum ergangen war.
Als Findling gegen fünf Uhr abends von dem zerstörten Hause wegging,
wurde es schon langsam finster. Da er Martin und den Seinigen auf der
Straße von Tralee nicht begegnet war, kam ihm zunächst der Gedanke, sich
nach Limerick zu begeben, wohin die Gefangenen von den Polizisten ohne
Zweifel abgeführt worden waren. Ihm erschien es als heilige Pflicht, die
Familie Mac Carthy wieder aufzusuchen und auf jeden Fall deren Loos zu
theilen. Ja, wenn er schon groß gewesen wäre, um mit seiner Hände Arbeit
etwas zu verdienen! Gewiß würde er sich gerührt und keine Mühe gescheut
haben... doch was konnte er, der erst Zehnjährige erhoffen? Später,
wenn er einmal einen guten Gehalt bezog, sollte dieser für seine
Adoptiveltern verwendet werden, und noch später, wenn er sein Glück
gemacht hätte -- und daran zweifelte er gar nicht -- wollte er jenen
alles bieten und das Wohlwollen mit Zinsen heimzahlen, das ihm in der
Farm von Kerwan entgegengebracht worden war.
Jetzt, auf dieser verlassenen Straße freilich, inmitten einer vom
schlimmsten Elend heimgesuchten Gegend, die von denen verlassen war,
welche sie nicht zu ernähren vermochte, und verloren in der kalten
Finsterniß fühlte sich Findling vereinsamter als je zuvor. In seinem
Alter ist es ja selten, daß Kinder nicht durch irgend ein Band gehalten
werden, das sie entweder mit einer Familie verknüpft oder an eine
öffentliche Anstalt fesselt, die sie aufnimmt und erzieht. Der Knabe
aber war ja nichts anders als ein abgerissenes und auf die Landstraße
verwehtes Blatt, das vom Winde hin und her getrieben wird, bis es zu
Staub zerfällt. Niemand, niemand gab es, der sich seiner mitleidig
angenommen hätte. Wenn er die Mac Carthy's nicht wiederfand, wußte er
vorläufig nicht, was aus ihm werden sollte, oder doch fehlte ihm auch
jeder Anhalt, wo er jene suchen, ja nur nach ihrem Verbleib fragen
könnte. Waren sie nicht verhaftet worden, so hatten sie sich wohl
gar, wie so viele ihrer Landsleute, entschlossen, nach der Neuen Welt
auszuwandern, und dann...
Der Knabe wollte also, quer durch das schneebedeckte Land, nach Limerick
wandern. Die Lufttemperatur wäre jetzt kaum zu ertragen gewesen, wenn
etwa ein scharfer Wind geweht hätte. Die Atmosphäre war aber still und
jeder Laut von weither hörbar. So legte er, ohne einer lebenden Seele
zu begegnen, zwei Meilen ganz aufs Geradewohl zurück, denn er hatte sich
noch nie in diesen von den ersten Ausläufern der Berge berührten Theil
der Grafschaft gewagt. Vor ihm verliehen die dichten Tannenwälder dem
Horizont einen noch dunkleren Rahmen.
Von seiner Wanderung nach Tralee und zurück bereits stark angegriffen,
fühlte Findling jetzt, daß ihn die Kräfte verließen. Die Beine zitterten
ihm und die Füße knickten ihm in den Gelenken. Dennoch wollte er auf
keinen Fall Halt machen, und so gelang es ihm mit Mühe, sich noch eine
halbe Meile weit fortzuschleppen. Nach dieser letzten Anstrengung aber
sank er an einem Abhange mit großen Bäumen zusammen, deren Zweige sich
unter der Last des Rauhfrostes beugten.
Hier kreuzten sich zwei Landstraßen, so daß Findling, wenn er sich
wieder zu erheben im Stande gewesen wäre, nicht gewußt hätte, welcher
davon er folgen sollte. Auf dem Schnee ausgestreckt und mit erstarrten
Gliedern, konnte er, als schon seine Augen sich schließen wollten und er
das Bewußtsein für seine Lage halb verlor, nur noch einmal rufen:
»Zu Hilfe!... Zu Hilfe!«
Fast gleichzeitig erschallte ein entferntes Gebell in der trocknen
kalten Nachtluft. Dann kam es näher und an der nächsten Straßenbiegung
tauchte ein Hund auf, der mit gesenkter Nase, hängendem Schwanze und
mit Augen, die wie solche von Katzen erglänzten, den Boden beschnüffelnd
einhertrabte.
Mit wenigen Sprüngen stand das Thier neben dem Kinde... doch nicht um
diesem ein Leid zuzufügen, sondern um es zu erwärmen, indem sich der
Hund an dessen Seite ausstreckte.
Findling bekam sofort seine Besinnung wieder. Er schlug die Augen auf
und fühlte, daß eine warme, liebkosende Zunge ihm die Hand leckte.
»Birk!« murmelte er.
Birk war es, sein einziger Freund, sein treuer Begleiter in der Farm von
Kerwan.
Wie gab der Knabe ihm seine Liebkosungen zurück, während er sich die
Hände zwischen seinen Pfoten wärmte. Das flößte ihm neuen Muth ein. Er
sagte sich, daß er auf der Erde doch nicht allein sei. Jetzt wollten
beide die Aufsuchung der Familie Mac Carthy vornehmen. Ohne Zweifel
hatte Birk diese nach der Austreibung begleitet und zurückgekehrt war
er jedenfalls nur, weil ihn die Häscher und die Polizisten wohl mit
Steinwürfen und Stockschlägen verjagt hatten. So war es in der That
gewesen, und Birk, der herzlos verscheucht wurde, hatte nach der Farm
zu zurücktrotten müssen. Jetzt würde er ja auch jede Spur der Polizisten
wiederfinden und Findling konnte sich wohl auf den Instinct des Thieres
verlassen, von diesem zur Familie Mac Carthy geleitet zu werden.
Er begann also mit Birk zu plaudern, wie er das in den langen Stunden
auf der Weide bei Kerwan zu thun pflegte. Birk antwortete ihm in seiner
Weise durch ein kurzes Bellen, das Findling leicht genug verstand.
»Nun vorwärts, mein getreuer Birk, vorwärts!«
Sofort lenkte das Thier nach der einen Straße ein, wo es seinem jungen
Herrn vorauslief.
Nun traf es sich aber, daß Birk, eingedenk der erlittenen Mißhandlung,
den Weg nach Limerick nicht einschlug. Er folgte vielmehr dem, der an
der Grenze der Grafschaft Kerry hin und nach Newmarket in der Grafschaft
Cork führt. Unbewußt entfernte sich Findling damit von der Familie Mac
Carthy weiter, und als der Tag graute, machte er, erschöpft und von
Hunger geplagt, Rast, um sich in einem Gasthause, ein Dutzend Meilen
südöstlich von der Farm, zu stärken und zu erquicken.
Außer seinem Wäschepacket besaß Findling, wie sich der Leser erinnern
wird, noch den Rest der bei dem Apotheker in Tralee gewechselten
Guinee... die große Summe von ganzen fünfzehn Schillingen. Damit kommt
man freilich nicht weit, wenn zwei zu ernähren sind, selbst wenn man
sich auf das nothwendigste beschränkt und täglich nur einige
Pence ausgiebt. Das beobachtete der Knabe auch, und nach
vierundzwanzigstündigem Aufenthalt in dem Gasthofe, wo ihm ein Heuboden
als Schlafraum und Kartoffeln als Speise dienten, machte er sich mit
Birk wieder auf den Weg.
Auf seine Fragen nach den Mac Carthy's hatte der Gastwirth erklärt,
daß ihm keine Familie dieses Namens bekannt sei. Austreibungen waren
in diesem schlimmen Winter auch so häufig vorgekommen, daß sich die
öffentliche Aufmerksamkeit diesen traurigen Ereignissen gar nicht mehr
zuwandte.
Findling marschierte immer hinter Birk in der Richtung nach Newmarket
weiter.
Wie er fünf lange Wochen, bis zum Eintreffen in diesem Flecken
verbrachte, kann man sich wohl vorstellen. Niemals streckte er die Hand
aus! Sein natürlicher Stolz und das Gefühl eigner Würde waren auch bei
diesen neuen Prüfungen nicht erlahmt. Manche weichherzigen Leute, die
das hilflose Kind dauerte, hatten ihm wohl ein größeres Stück Brod oder
Speck u. dgl. gegeben, wenn er sich in den Gasthäusern versorgte und mit
einem Penny bezahlte, was eigentlich das doppelte kostete -- doch das
ist immer noch nicht gebettelt. Dabei theilte er alles mit Birk, indem
die beiden in Scheunen schliefen, sich ins Heu verkrochen und Hunger
und Durst zusammen litten, um von der Guinee so wenig als möglich
auszugeben....
Zuweilen blühte ihm auch das Glück, denn wiederholt erhielt Findling
eine kleine Beschäftigung. Vierzehn Tage verweilte er z. B. in einer
Farm in Vertretung des abwesenden Schäfers. Wohl erhielt er keinen
Lohn, fand dabei aber doch für sich und Birk Obdach und Nahrung. Nach
vollendeter Arbeit zog er weiter. Einige Aufträge, die er zwischen einem
Dorfe und dem andern ausrichtete, brachten ihm auch ein paar Schillinge
ein. Zum Unglück fand er nur keine dauernde Beschäftigung, denn es
war die schlechte Jahreszeit, wo leider so viele rüstigere Arme feiern
müssen, und grade in diesem Winter war das Elend schlimmer als sonst.
Findling hatte übrigens noch keineswegs darauf verzichtet, mit der
Familie Mac Carthy wieder zusammenzutreffen, obwohl seine Erkundigungen
nach ihr immer erfolglos blieben und er bei seinem Weiterwandern auf gut
Glück nicht einmal wußte, ob er sich seinen Freunden näherte oder nicht.
Nur die eine Hoffnung verließ ihn nicht, daß er in einer Stadt, in einer
wirklichen Stadt, die gewünschte Auskunft erhalten werde.
Dabei drückte ihn die Sorge, daß er in seinem Alter so ganz allein auf
der Landstraße gefunden, vielleicht als Vagabund verhaftet und noch
einmal in die =Ragged-School= oder in ein Arbeitshaus eingeliefert
werden könnte. Lieber wollte er alles Ungemach weiterer Irrfahrten
ertragen, als in eines dieser verhaßten Asyle zurückkehren, wobei er
sich ja auch von dem anhänglichen Birk hätte trennen müssen.
»Nicht wahr, Birk, sagte er, den mächtigen Kopf des Hundes auf seine
Knie legend, wir könnten doch keiner ohne den andern leben?«
Gewiß antwortete der Hund in seiner Weise, daß das unmöglich sei.
Von Birk wendeten sich seine Gedanken dann seinem früheren Kameraden von
Galway zu und er fragte sich, ob Grip jetzt wohl auch obdachlos sei
wie er. Ja, wenn sie einander begegnet wären, hätten sie zu zweien sich
sicherlich eher fortzuhelfen vermocht... sogar zu dreien; er gedachte
damit der guten Sissy, von der er seit seiner Flucht aus der Hütte
der Hard gar nichts gehört hatte. Jetzt mußte sie -- mit vierzehn bis
fünfzehn Jahren -- doch schon ein großes Mädchen sein. In diesem Alter
ist man hier schon in Stellung, im Dorf oder in der Stadt, und verdient
sein Brod zwar sauer, verdient es aber doch. Wenn er erst so alt wäre,
würde er nicht darum verlegen sein, eine Stelle zu finden. Jedenfalls
würde ihn Sissy nicht vergessen haben. Alle Erinnerungen aus seiner
ersten Kindheit tauchten mit überraschender Schärfe in ihm auf: die
schlechte Behandlung durch das böse Weib, die Grausamkeiten Thornpipe's,
des Puppenschaustellers.... Da fühlte er sich jetzt frei, wenn auch
allein, doch weit glücklicher, als zu jenen traurigen Zeiten!
Immer weiter auf der Landstraße hinziehend, verflossen die Tage ohne
besondre Veränderung seiner Lage. Zum Glück war der Februar dieses
Jahres nicht so hart, und die Armen brauchten von keiner übermäßigen
Kälte zu leiden. Der entschwindende Winter ließ die Hoffnung aufkommen,
daß der Beginn der Arbeiten und der Frühlingseinsaat nicht verzögert
werden würde. Fingen dann die Feldarbeiten zeitig an, so wurden auch
Schafe und Kühe wieder auf die Weide getrieben und Findling durfte
hoffen, in einer Farm Beschäftigung zu finden.
Fünf bis sechs Wochen lang mußte er freilich noch hinbringen, und
von den gelegentlich erworbenen wenigen Schillingen, so wie von der
Guinee -- dem ganzen Vermögen des Knaben -- waren gegen Mitte März nur
noch ein halbes Dutzend Pence übrig. Dabei hatte er an der täglichen
Nahrung -- und er aß nicht einmal alle Tage -- so viel wie möglich
gespart, jedenfalls sich nie ordentlich satt gegessen. So war er
abgemagert, sein Gesicht erbleicht und der Körper von der Anstrengung
erschöpft.
Birk, dessen Fell sich über den hervortretenden Seiten faltete, schien
auch nicht in besserer Verfassung zu sein. Auf die in Dörfern gewöhnlich
kargen Abfälle hingewiesen, mußte Findling vielleicht bald auch diese
mit dem Thiere theilen.
Dennoch schützte ihn sein Charakter davor, ganz zu verzweifeln. Er
bewahrte sich stets die Energie, wenigstens nicht zu betteln. Was sollte
er aber beginnen, wenn sein letzter Penny für das letzte Stück Brod
dahingegangen war?
Kurz, Findling besaß nur noch sechs bis sieben Pence, als er mit Birk am
13. März in Newmarket anlangte.
Seit zweieinhalb Monaten hatten beide die Straßen der Grafschaft
durchstreift, ohne irgendwo eine dauerndere Ruhe zu finden.
Newmarket, etwa zwanzig Meilen von Kerwan gelegen, ist weder groß noch
volkreich. Es bildet einen jener Flecken, aus denen die irländische
Gleichgiltigkeit niemals eine Stadt schaffen wird und die eher rückwärts
als vorwärts gehen.
Vielleicht war es bedauerlich, daß der Zufall Findling nicht in der
Richtung nach Tralee zurückgeführt hatte; das Meer übte ja von jeher
auf den Knaben einen mächtigen Reiz aus -- das Meer, die unerschöpfliche
Nährmutter aller, die den Muth haben, darauf und davon zu leben. Wenn
es an Arbeit in Stadt und Land gebricht, feiert man doch niemals auf dem
Ocean, den Tausende von Schiffen unausgesetzt durchkreuzen. Der Seemann
hat weit weniger die Verarmung zu fürchten als der Landbauer und der
Arbeiter. Das bewies ja schon ein Vergleich der Verhältnisse Pats,
des zweiten Sohnes Martin Mac Carthy's, mit denen der aus der Farm von
Kerwan vertriebenen Familie. Und wenn Findling sich auch noch mehr von
der Handelsthätigkeit als von der Seefahrerei angezogen fühlte, sagte er
sich doch, daß er schon das Alter habe, wo er als Schiffsjunge an Bord
eines Seglers gehen könnte.
Deshalb sagte er sich auch, daß er über Newmarket hinaus wandern und
sich in der Richtung nach Cork zu der Küste zuwenden wollte. In Cork,
einem Platze mit sehr lebhaftem Seeverkehr, gedachte er Unterkommen auf
einem Schiffe zu suchen. Inzwischen mußte er jedoch leben, mußte die zur
Fortsetzung seiner Reise nöthigen wenigen Schillinge erwerben; doch fünf
Wochen nach seinem Eintreffen in Newmarket befand er sich mit Birk noch
immer dort.
Wie erwähnt, fürchtete er sich vor allem, als Landstreicher verhaftet
und in irgend eine Wohlthätigkeitsanstalt gesteckt zu werden. Zum Glück
war seine Kleidung noch in recht gutem Zustande, so daß er kaum wie ein
kleiner Armer aussah. Sein geringer Vorrath an Wäsche genügte ihm; auch
die Schuhe hatten die Strapazen des langen Weges ausgehalten. Wegen
seiner äußern Erscheinung brauchte er also nicht zu erröthen, wenn er
sich irgendwo zeigte, und der öffentlichen Armenpflege hoffte er auch
nicht zur Last zu fallen.
So erwarb er sich seinen Lebensunterhalt in Newmarket durch allerlei
Kindern zugängliche Beschäftigungen; er übernahm Botschaften für den
oder jenen, beförderte leichtere Packete und verkaufte schachtelweise
Streichhölzchen, die er für eine, eines Tags verdiente halbe Krone
einkaufte und Dank seinem frühentwickelten Instinct für den Handel mit
leidlichem Nutzen absetzte. Seine ernsten Züge machten ihn interessant,
und gern kauften ihm Spaziergänger von seiner Waare ab, wenn er mit
heller Stimme rief:
»=Some light, sir... some light!=« [2]
Alles in allem hatten Birk und er in diesem kleinen Orte weniger zu
leiden, als vorher beim Wandern durch die Grafschaft. Es schien sogar,
als sollte Findling, der sich durch Intelligenz einige Hilfsquellen
eröffnet hatte, dauernd in Newmarket bleiben, als er in den letzten
Tagen des April, am 29., plötzlich den Weg nach Cork einschlug.
Natürlich begleitete Birk den Knaben, der genau gezählt drei Schillinge
und sechs Pence in der Tasche hatte.
Wer ihn seit dem Vortage beobachtet hätte, dem hätte eine gewisse
Veränderung in seinem Gesicht nicht entgehen können. Von seltsamer
Angst erfaßt, blickte er scheu um sich, als fürchte er, daß jemand ihm
auflauere. Sein Schritt war schnell, und es fehlte nicht viel, so wäre
er gelaufen, was ihn die Beine tragen konnten.
Es schlug die neunte Morgenstunde, als er an den letzten Häusern von
Newmarket vorüberkam. Die Sonne glänzte hell am Himmel. Mit dem Ende des
April fängt auf dem Grünen Erin der Frühling an. Schon regte es sich da
und dort auf den Feldern. Der Knabe war jedoch so von seinen Gedanken
eingenommen, daß weder der Pflug, der den Erdboden aufbrach, noch die
Säemänner, die die Körner in geschicktem Wurfe ausbreiteten, oder
die auf den Weiden grasenden Thiere in ihm eine Erinnerung an Kerwan
erweckten. Er ging immer gerade aus. Birk an seiner Seite warf ihm einen
fragenden Blick zu, und diesmal war es nicht der Hund, der seinen Herrn
führte.
Sechs bis sieben Meilen zwischen Newmarket und Kanturk wurden in zwei
Stunden zurückgelegt. Findling durchwanderte mehrere Ortschaften,
ohne sich Zeit zum Ausruhen zu gönnen, da er unterwegs ein Stück Brod
verzehrte, von dem der treue Birk die Hälfte abbekam, und als er stehen
blieb, da schlug die Uhr auf dem Wartthurm von Trelingar-castle gerade
die Mittagsstunde.
III.
In Trelingar-castle.
Als das Thor neben dem Pavillon sich aufthat, wollte der Verwalter
Scarlett eben den Ehrenhof verlassen, um sich entsprechend dem Befehle
des Schloßherrn nach Kanturk zu begeben. Die Hunde des Grafen Ashton,
die Birk, der ihnen offenbar nicht gefiel, wittern mochten, fingen
wüthend an zu bellen.
Da Findling fürchtete, daß sich hier eine Katzbalgerei entwickeln
könnte, bei der Birk doch eine zu große Uebermacht gegen sich gehabt
hätte, gab er diesem ein Zeichen, sich zu entfernen, und das gehorsame
Thier verschwand hinter einem Busche, wo es nicht bemerkt werden konnte.
Als Scarlett den auf das Thor zuschreitenden Knaben bemerkte, rief er
ihn heran.
»Was willst Du hier?« fragte er mit barscher Stimme.
Wenn der Verwalter sich nämlich kriechend unterwürfig gegen alle
Vornehmen zeigte, so verleugnete er doch gegen niedriger Stehende, und
vorzüglich gegen Kinder, niemals seine brutale Natur.
Seine Aufgeblasenheit konnte unsern jungen Helden freilich nicht
schrecken. Er hatte noch weit härtere Anreden bei der Hard, von
Thornpipe und in der Lumpenschule hinnehmen müssen. Wie es sich
schickte, entblößte er den Kopf, als er auf Scarlett zuging, den er
übrigens gleich nicht für Seine Herrlichkeit den Lord Piborne, den
Schloßherrn von Trelingar, ansah.
»Wirst Du wohl sagen, was Du hier willst? herrschte ihn Scarlett noch
einmal an. Bettelst Du um eine Gabe, dann mach' daß Du fortkommst.
Kleine Herumtreiber wie Du erhalten hier nichts, nicht einmal einen
Copper!«
Das waren recht unnütze Worte, vor denen Findling zu gar keiner Antwort
kommen konnte, zumal er sich immer vor dem etwas unruhigen Pferde des
Verwalters in Acht nehmen mußte. Gleichzeitig tobten die Hunde knurrend
und bellend im Hofe umher. Das machte einen Lärm, der jede Verständigung
erschwerte.
Scarlett mußte auch noch lauter sprechen, als er hinzufügte:
»Wenn Du jetzt nicht Deiner Wege gehst und ich Dich noch einmal in
der Nähe des Schlosses erwische, dann führ' ich Dich an den Ohren nach
Kanturk, wo im Arbeitshause für einen solchen Burschen schon noch Platz
ist!«
Findling ließ sich weder durch solche Drohungen, noch durch den Ton, in
dem sie ausgestoßen wurden, einschüchtern. Als es aber einmal ruhiger
war, antwortete er:
»Ich verlange kein Almosen und habe nie darum gebettelt!
-- Und Du würdest auch keines annehmen, he? erwiderte Scarlett ironisch.
-- Nein... von niemand.
-- Was willst Du denn sonst hier?
-- Ich wünsche den Lord Piborne zu sprechen.
-- Seine Herrlichkeit selbst?
-- Ja, Seine Herrlichkeit persönlich.
-- Und Du bildest Dir ein, daß er Dich vorlassen wird?...
-- Gewiß, denn es handelt sich um eine für den Lord Piborne sehr
wichtige Sache.
-- Eine sehr wichtige Sache?...
-- Ja wohl, mein Herr.
-- Und was beträfe denn diese?
-- Das möchte ich dem Lord Piborne nur allein mittheilen.
-- Dann hinaus!... Der Marquis ist nicht im Schlosse.
-- O, so werde ich warten.
-- Doch wenigstens nicht hier auf der Stelle.
-- Gut, so komm' ich noch einmal wieder.«
Jeder andre als der häßliche Scarlett wäre von der auffallenden
Zähigkeit, von den so bestimmten Antworten dieses Kindes betroffen
gewesen. Jeder hätte sich gesagt, daß den Kleinen gewiß ein ganz
besondrer Grund nach dem Schlosse getrieben habe, und hätte ihn
aufmerksam angehört. Der Verwalter kam dadurch jedoch nur noch mehr »in
die Wolle« und knurrte:
»So ohne Umstände spricht man nicht mit Seiner Herrlichkeit Lord
Piborne. Ich bin der Intendant des Schlosses. Wer hier etwas will, hat
sich an mich zu wenden, und Du weigerst Dich sogar zu sagen, was Dich
herführte....
-- Das kann ich niemand als dem Lord Piborne sagen, und ich bitte Sie,
mich ihm zu melden!
-- Dich Galgenstrick? versetzte Scarlett, die Reitgerte schwingend,
jetzt packe Dich zum Teufel oder die Hunde sollen Dir in die Beine
fahren!... Nimm Dich in Acht!«
Die polternde Stimme des Verwalters reizte die Hunde zu neuem Gekläff.
Findling fürchtete immer nur, daß Birk aus dem Gebüsch vorbrechen und
ihm zu Hilfe kommen könnte, was der Sachlage eine noch üblere Wendung
gegeben hätte.
Auf das immer tollere Bellen der Hunde hin erschien jetzt Graf Ashton
auf dem Hofe und kam auf das Gitterthor zu.
»Was giebt's denn hier? fragte er.
-- O, einen Jungen, der betteln will....
.
.
1
2
3
4
'
.
.
5
6
7
.
8
9
10
.
11
12
13
.
14
15
.
16
17
18
19
20
.
21
22
.
23
24
25
26
.
27
28
.
29
30
.
31
32
33
,
34
,
,
35
,
36
,
37
,
,
38
,
39
.
40
41
42
43
.
44
45
,
46
,
,
47
.
48
»
«
49
.
50
51
,
,
52
.
53
54
»
,
,
«
55
.
56
57
,
58
.
59
60
61
.
62
63
.
64
65
»
?
.
66
67
-
-
,
.
68
69
-
-
?
70
71
-
-
.
72
73
-
-
74
,
,
.
«
75
76
-
-
77
-
-
78
,
.
79
80
-
-
,
81
82
,
83
.
,
84
85
,
,
,
86
,
,
87
,
,
88
.
,
,
89
,
90
,
,
,
91
.
,
92
.
,
93
,
94
.
,
,
,
95
,
,
,
96
,
97
,
98
-
-
-
-
99
100
.
101
102
,
103
,
,
104
,
.
105
,
,
106
,
,
107
.
108
,
,
109
.
110
111
,
112
,
:
113
114
»
.
«
115
116
-
-
-
-
,
,
,
117
,
,
118
,
-
-
119
;
120
,
,
121
.
122
123
,
124
,
.
125
126
.
127
128
»
,
,
,
129
,
130
.
«
131
132
,
,
133
,
.
134
.
»
-
135
«
.
136
,
137
»
«
.
138
139
»
,
,
.
140
?
141
142
-
-
,
,
,
143
.
144
145
-
-
.
146
147
-
-
148
,
,
?
«
149
150
,
151
152
.
153
154
»
.
.
.
.
.
.
,
.
155
156
-
-
,
,
,
157
?
158
159
-
-
,
,
.
160
161
-
-
?
162
163
-
-
,
.
164
165
-
-
,
,
166
,
,
,
167
,
,
168
,
169
?
170
171
-
-
,
,
172
,
!
173
.
174
175
-
-
,
,
176
,
177
,
.
178
179
-
-
,
.
180
181
-
-
,
,
.
182
,
.
183
.
184
,
.
185
,
186
,
,
187
,
,
188
.
189
190
-
-
,
191
.
.
.
«
192
193
,
194
.
195
196
»
,
,
197
,
198
,
199
,
.
«
200
201
,
202
.
203
204
»
,
,
205
,
206
.
207
208
-
-
209
?
210
211
-
-
,
,
212
.
213
214
-
-
?
215
216
-
-
.
.
.
.
.
.
.
.
.
217
.
.
.
218
219
-
-
,
,
220
.
221
222
-
-
'
,
,
223
.
224
225
-
-
,
226
.
.
.
227
228
-
-
,
,
,
229
;
,
230
.
.
.
231
232
-
-
,
!
«
.
233
234
,
235
,
236
,
.
237
238
»
,
,
,
239
.
.
.
240
241
-
-
,
,
242
.
.
.
243
244
-
-
,
245
246
?
247
248
-
-
,
.
249
250
-
-
!
251
252
-
-
,
,
,
253
-
,
254
,
255
!
.
.
.
,
!
256
,
257
,
.
.
.
258
,
.
.
.
«
259
260
,
261
.
262
263
»
,
,
?
«
.
264
265
,
266
,
267
,
268
:
269
270
»
,
,
!
«
271
272
,
,
,
273
.
274
275
,
276
,
277
.
278
,
,
279
,
280
-
-
281
,
,
.
282
,
283
,
,
284
285
»
«
,
.
286
,
,
287
,
288
.
289
290
,
,
,
291
,
,
292
-
-
,
,
,
293
-
-
-
,
294
,
,
295
.
296
297
,
298
,
299
.
300
,
301
.
302
303
,
304
,
,
,
305
,
306
,
307
.
308
309
»
,
?
.
310
311
-
-
,
,
,
312
.
313
314
-
-
,
,
315
,
.
316
317
-
-
,
318
,
«
.
319
320
.
321
»
«
,
,
322
-
-
-
-
323
,
,
324
.
»
«
325
,
.
,
326
327
,
328
.
.
.
329
330
,
,
331
.
332
333
,
,
334
,
335
,
336
,
,
337
.
338
339
,
340
341
.
342
343
,
,
344
,
,
,
345
346
,
347
,
.
348
349
,
350
,
351
.
352
353
.
354
,
355
.
356
357
'
,
358
.
,
359
,
360
,
361
.
362
363
,
364
,
,
365
,
366
;
367
,
368
,
,
369
,
,
,
370
,
.
371
372
»
,
,
373
.
.
.
374
375
-
-
:
,
.
376
377
-
-
,
,
,
,
378
,
379
,
380
.
«
381
382
,
,
383
,
384
-
-
,
385
,
,
386
-
-
,
387
,
388
,
389
,
390
.
391
392
»
.
.
.
.
393
394
-
-
.
.
.
-
-
?
395
.
396
397
-
-
,
398
,
,
,
399
.
.
.
400
401
-
-
!
402
,
,
403
.
404
405
-
-
,
,
,
406
[
]
407
,
408
,
.
409
410
-
-
,
411
,
?
412
413
-
-
,
;
414
?
!
«
415
416
,
417
418
.
419
420
,
421
,
422
.
423
,
424
.
.
.
,
425
,
426
.
427
428
,
,
,
429
430
.
,
431
432
,
433
,
,
434
.
435
,
436
,
437
.
438
,
439
!
.
,
,
440
,
441
,
442
,
443
,
444
.
445
446
,
,
447
.
,
448
,
,
449
,
450
.
451
452
»
-
-
,
,
453
,
.
454
455
-
-
,
,
456
.
457
,
,
458
.
459
460
-
-
,
,
461
?
462
463
-
-
.
,
464
.
465
466
-
-
,
.
467
.
.
.
,
.
468
.
469
470
-
-
.
471
472
-
-
,
,
473
.
.
.
474
475
-
-
476
,
.
477
478
-
-
,
,
479
,
480
.
481
482
-
-
.
.
.
.
483
484
-
-
?
485
486
-
-
,
,
.
487
488
-
-
.
«
489
490
.
.
491
,
,
492
,
493
,
,
.
494
495
,
496
.
497
498
.
499
500
501
502
503
.
504
505
.
506
507
508
,
509
.
510
-
.
,
511
,
512
.
513
514
;
515
.
516
,
,
517
,
,
518
,
.
519
520
.
521
(
.
522
)
-
,
523
524
.
,
525
,
526
.
527
.
528
529
530
,
531
»
«
.
-
532
,
533
-
.
534
535
536
.
,
537
,
.
538
-
539
,
540
,
541
,
542
.
.
543
544
;
,
545
,
,
546
,
,
547
,
548
.
.
.
,
549
,
550
.
551
552
,
553
'
,
554
'
.
555
556
557
,
.
558
,
559
,
,
560
,
.
561
562
,
563
.
.
564
565
.
566
567
(
)
568
,
,
.
569
,
570
,
571
.
572
573
574
,
,
575
.
576
577
,
578
579
.
,
,
580
.
581
582
,
583
.
584
,
,
585
,
586
.
,
587
588
.
,
,
589
!
590
.
.
.
,
?
,
591
,
592
,
,
593
-
-
-
-
594
,
595
.
596
597
,
,
598
,
,
599
,
600
.
601
,
602
,
603
,
.
604
605
,
,
606
.
,
,
607
.
'
,
608
,
,
609
,
,
610
.
,
611
,
,
,
612
,
.
.
.
613
614
,
,
615
.
,
616
.
617
.
,
618
,
,
619
620
.
621
.
622
623
,
624
,
.
625
.
626
,
,
627
.
628
,
629
.
630
631
,
,
632
,
,
633
.
634
,
,
635
,
:
636
637
»
!
.
.
.
!
«
638
639
640
.
641
,
,
642
,
,
643
.
644
645
.
.
.
646
,
,
647
.
648
649
.
650
,
,
.
651
652
»
!
«
.
653
654
,
,
655
.
656
657
,
658
.
.
659
,
.
660
.
661
662
,
663
.
664
,
,
,
665
.
666
667
,
.
668
669
,
670
.
671
,
.
672
673
»
,
,
!
«
674
675
,
676
.
677
678
,
,
,
679
.
,
680
681
.
682
,
,
,
683
,
,
,
684
,
.
685
686
,
687
,
688
.
.
.
.
689
,
,
690
691
.
,
692
,
693
,
694
.
695
696
'
,
697
.
698
,
699
700
.
701
702
703
.
704
705
,
706
,
.
707
!
708
.
,
709
,
710
.
.
,
711
,
-
-
712
.
,
713
,
714
,
715
.
.
.
.
716
717
,
718
.
.
.
719
.
720
,
.
721
.
,
722
,
723
.
,
724
,
725
,
.
726
727
,
728
,
729
730
,
.
731
,
,
732
,
.
733
734
,
735
,
736
=
-
=
737
.
738
,
,
739
.
740
741
»
,
,
,
742
,
?
«
743
744
,
.
745
746
747
,
748
.
,
,
749
.
.
.
;
750
,
751
.
-
-
752
-
-
.
753
,
,
754
,
.
,
755
,
.
756
.
757
:
758
,
'
,
759
.
.
.
.
,
760
,
,
!
761
762
,
763
.
764
,
765
.
,
766
767
.
,
768
769
,
.
770
771
,
772
,
773
-
-
-
-
774
.
775
-
-
-
-
776
,
.
777
,
778
.
779
780
,
,
781
.
782
,
783
.
784
785
,
.
786
,
.
787
,
788
?
789
790
,
,
791
.
.
792
793
794
,
.
795
796
,
,
797
.
,
798
799
.
800
801
,
802
;
803
-
-
,
804
,
,
.
805
,
806
,
.
807
808
.
,
809
'
,
810
.
811
,
812
,
,
813
.
814
815
,
816
.
,
817
,
818
.
,
819
;
820
821
.
822
823
,
,
824
.
825
,
826
.
;
827
.
828
,
829
,
830
.
831
832
833
;
834
,
835
,
,
836
837
.
,
838
,
839
:
840
841
»
=
,
.
.
.
!
=
«
[
]
842
843
844
,
.
,
845
,
846
,
,
847
,
.
,
.
848
849
,
850
.
851
852
,
853
.
854
,
,
,
855
.
,
,
856
,
.
857
858
,
859
.
.
860
.
861
.
862
,
,
,
863
,
,
864
865
.
.
866
,
,
867
.
868
869
870
.
,
871
,
872
,
,
873
,
-
874
.
875
876
877
878
879
.
880
881
-
.
882
883
884
,
885
,
886
.
,
887
,
,
,
888
.
889
890
,
891
,
892
,
,
,
893
,
.
894
895
,
896
.
897
898
»
?
«
.
899
900
901
,
,
902
,
.
903
904
905
.
,
906
.
907
,
,
,
908
,
909
,
.
910
911
»
,
?
912
.
,
'
.
913
,
914
!
«
915
916
,
917
,
918
.
919
.
,
920
.
921
922
,
:
923
924
»
925
,
'
926
,
927
!
«
928
929
,
,
930
,
.
931
,
:
932
933
»
!
934
935
-
-
,
?
.
936
937
-
-
.
.
.
.
938
939
-
-
?
940
941
-
-
.
942
943
-
-
?
944
945
-
-
,
.
946
947
-
-
,
?
.
.
.
948
949
-
-
,
950
.
951
952
-
-
?
.
.
.
953
954
-
-
,
.
955
956
-
-
?
957
958
-
-
.
959
960
-
-
!
.
.
.
.
961
962
-
-
,
.
963
964
-
-
.
965
966
-
-
,
'
.
«
967
968
969
,
970
.
,
971
,
972
.
»
973
«
:
974
975
»
976
.
.
,
977
,
,
978
.
.
.
.
979
980
-
-
,
,
981
!
982
983
-
-
?
,
,
984
985
!
.
.
.
!
«
986
987
.
988
989
,
990
,
991
.
992
993
994
.
995
996
»
'
?
.
997
998
-
-
,
,
.
.
.
.
999
1000