Vor ihm die Wasserwüste,
Die Wüste schwarz und wild,
Wenn nicht ein fahles Leuchten
Erhellt das düstre Bild.
Am Himmel flieh'n die Wolken
Mit Sturmeseile hin,
Bald wird das schwere Wetter
Die Küste überzieh'n.
Da bricht's schon los, da pfeift es,
Da heult es in der Luft
Und reißt sie auf die Wogen,
Wie eine droh'nde Gruft.
Pat unterbrach seinen Gesang. Diesmal wurde keine Bemerkung laut. Jeder
lauschte gespannten Ohres, als ob das Unwetter des Liedes sich über der
Farm von Kerwan entladen müßte und diese zum Fahrzeuge John Playne's
geworden wäre.
VI.
Doch John kann nichts erschrecken.
Ihn macht kein Blitzstrahl blind,
Er will, wie oft schon früher,
Aufkreuzen in den Wind.
Weit bauschen sich die Segel;
Er stellt sie anders ein
Und steuert ohne Zagen
Scharf in den Sturm hinein.
Was kümmert's ihn, ob schäumend
Entgegenbraust das Meer?
Er will doch Trotz ihm bieten,
Ist auch die Arbeit schwer.
So wirft er aus die Kette
Mit langem Sacknetz dran
Und läßt es nach sich schleppen...
Bald ist das Werk gethan.
Mit Last am Heck erhält sich
Ein Boot schon in der Fahrt
Und weicht nicht aus dem Curse,
Arbeitet's noch so hart.
Drum greift -- mit schwerem Kopfe,
Nach hier und dort den Blick
Gewandt -- John nach der Flasche,
Dem Trost im Mißgeschick.
Er führt sie an die Lippen
Und schlürft den scharfen Trank,
Bis auf der Bank am Ruder
Er stumpf zusammensank.
Da scheint das weite Meer ihm
Ein Teich zu sein voll Gin,
Er träumt, er schwämme wohlig
Allein darüber hin.
»Der Unbesonnene! rief Martin.
-- Man sagt ja, es gäbe einen Gott für die Trunknen! bemerkte Sim.
-- Da muß dieser aber viel zu thun haben, warf Martin ein.
-- Wir werden's ja sehen! erwiderte der Geistliche. Fahrt nur fort,
Pat.«
VII.
Am nächsten Morgen leuchtet
Die Sonn' in voller Pracht.
Am Himmel leichte Wölkchen --
Nachzügler von der Nacht.
Wenn die Gefahr vorüber,
Wer denkt dann noch daran?
Schon tummeln sich die Fischer
Am Hafen Mann für Mann.
Und jedes Boot beeilt sich;
Jetzt zieh'n sie Bord an Bord,
gleich fröhlicher Regatta,
Zum neuen Fange fort.
»Und John Playne? fragte Findling, sehr besorgt um den Trunknen, der,
das Sacknetz nachschleppend, eingeschlafen war.
-- Nur Geduld! mahnte ihn Martin.
-- Ich habe auch Angst um ihn!« setzte die Großmutter hinzu.
VIII.
Da... was ist dort geschehen?
Das erste Fahrzeug weicht
Aus dem gewohnten Curse,
Wo's bald das Ziel erreicht.
Und seiner Fährte schließen
Die andern all' sich an;
Grundlos wich nicht der Führer
Aus der gewohnten Bahn.
Ging wohl ein Boot verloren,
Im tollen Sturm der Nacht?
Hat einem Fischersmanne
Er's nasse Bett gemacht?
Da seht!... Es treibt ein Fahrzeug
Gekentert auf dem Meer,
Den Kiel nach oben schwankt es
Und steuerlos umher.
»Gekentert! rief Findling entsetzt.
-- Gekentert!« wiederholte die Großmutter.
IX.
Geschwind nun an die Arbeit!
Erst zieht das Sacknetz ein
Und legt es Masch' um Masche
Ins nächste Boot hinein.
Schon sieht man nerv'ge Hände
Am Tau des Netzes ziehn
Und in dem Boot es bergen...
Ein Leichnam hing darin.
Und diese düstre Seetrift,
Entrissen jetzt dem Meer,
Sie war bisher John Playne
Der Fischer aus Kromer.
X.
Nicht mehr von ihm gesteuert,
Kam quer sein Boot zum Wind
Das große Segel drückt' es
dann nieder wie ein Kind.
Gott sei der Seele gnädig
Des armen, trunknen Narrn!...
Hier fing sich ja der Fischer
In seinem eig'nen Garn.
O, welch ein graus'ger Anblick.
Als man herein ihn zog,
Trotz viel verschluckten Wassers,
Schien er betrunken noch!
»Der Unglückliche! rief die mitleidige Martine.
-- Wir werden für ihn beten!« erklärte die Großmutter.
XI.
Nun frisch aus Werk, ihr Leute,
Wir schaffen ihn ans Land,
Dort mag ein Grab er finden,
Doch nicht zu nah am Strand.
Legt ihn dahin, wo nicht mehr
So viel er trinken kann,
Und stellt nur Glas und Flasche
Ans Grab als Warnung an....
So endete John Playne,
John Playne aus Kromer.
Doch schon setzt ein die Ebbe,
Ihr Fischer, rasch aufs Meer!
Die Stimme Pats klang wie eine Trompete, als er den letzten Vers
des traurigen Liedes sang. Auf die Tischgäste hatte dieses einen so
mächtigen Eindruck gemacht, daß sie sich -- als Zugabe auf zehn tüchtige
Gläser -- begnügten, nur noch einen Schluck auf die Gesundheit eines
jeden zu trinken. Dann trennte sich die Gesellschaft mit dem Vorsatze,
es John Playne nie gleich zu thun... nicht einmal auf dem festen Lande.
XIV.
Im Alter von kaum neun Jahren.
Als der große Festtag vorüber war, ging man auf der Farm wieder an die
gewohnte Feldarbeit. Pat merkte gewiß nichts davon, daß er einen Urlaub
zur Erholung angetreten hatte. Die Seeleute sind ja immer tüchtige
Arbeiter, auch wenn sie nicht draußen schwimmen. Pat war gerade zur
Erntezeit eingetroffen, und nach dem Getreide war jetzt noch das Gemüse
einzufahren. Findling wich fast niemals von der Seite Pats, der jenem
eine aufrichtige Freundschaft entgegenbrachte... die Freundschaft des
Matrosen für den Schiffsjungen. Nach beendetem Tagewerke und wenn sich
alle zum Abendbrode versammelt hatten, war es für Findling die größte
Freude, den jungen Seemann erzählen zu hören, wenn dieser über seine
Reisen, über allerlei Ereignisse, über die Stürme, die der »Guardian«
bestanden, und über so manche schnelle und herrliche Fahrt berichtete.
Am meisten interessierte er sich aber für die reiche, der Firma Marcuart
zugeführte Fracht, für die Schätze, die der Dreimaster nach Europa
heimgebracht hatte. Die Handelsangelegenheiten ließen in seinem
praktischen Geiste eine darauf abgestimmte Saite erklingen. Seiner
Ansicht nach stand der Rheder weit höher als der Capitän.
»Also das nennt man wohl Handelsgeschäfte treiben, Pat? fragte er.
-- Ja; man holt die Erzeugnisse aus den Ländern, wo Natur oder
Menschenhand sie hervorbringt, und verkauft sie da, wo das nicht der
Fall ist.
-- Und theurer, als man sie eingekauft hatte?...
-- Natürlich... man muß doch etwas erübrigen. Dann führt man wieder die
Erzeugnisse der andern Länder aus, um sie in der weiten Welt abzusetzen.
-- Auch wieder theurer, Pat?
-- Allemal etwas theurer, wenn das zu ermöglichen ist.«
Derartige Fragen des Knaben mußte Pat nun immer beantworten. Leider
und zur großen Betrübniß aller nahte jetzt die Zeit heran, wo er in
Liverpool wieder eintreffen mußte.
Am 30. September nahm er Abschied und als er sich von allen, die er
liebte, trennte, wußte ja keiner, wie lange man ihn nicht wiedersehen
würde. Er versprach jedoch, oft zu schreiben. Alle drückten ihn
herzlich in die Arme. Der Großmutter standen die Augen voll Thränen, sie
fürchtete ja bei ihrem hohen Alter, daß sie ihn vielleicht nicht mehr
vor dem Spinnrade am Kamin und in der Mitte ihrer Kinder wiederfinden
werde, wenn sie auch jetzt, ebenso wie die ganze Familie, gesund und
wohlauf war. Für den Winter, dessen Vorboten sich bereits einstellten,
war nach diesem sehr fruchtbaren Jahre auch nichts zu fürchten. Zu
seinem älteren Bruder wendete sich Pat mit den Worten:
»Sei doch nicht immer so sorgenvoll und nachsinnend, Murdock! Mit Muth
und gutem Willen ist alles zu überwinden....
-- Gewiß, Pat, wenn man nur etwas Glück hat. Dem Glücke aber kann keiner
befehlen. Sieh, Bruder, immerfort einen Boden zu bearbeiten, der nicht
Dir eigen ist und es nie sein wird, und überdies sich gar so sehr vom
Ausfall der Ernte abhängig zu wissen... daran werden Muth und guter
Wille zuschanden!«
Pat hätte nicht gewußt, was er dagegen anführen sollte, doch als er dem
älteren Bruder zum letzten Male die Hand reichte, flüsterte er ihm noch
zu:
»Verliere nur das Vertrauen nicht!«
Der junge Seemann wurde bis nach Tralee zu Wagen befördert, wobei sein
Vater, seine Brüder und Findling ihm das Geleit gaben und letzterer sich
recht traurig von jenem verabschiedete. Dann entführte ihn der Bahnzug
nach Dublin, von wo aus er sich mit einem Dampfer nach Liverpool begeben
wollte.
In den folgenden Wochen gab es auf der Farm noch tüchtig zu thun.
Zunächst mußte die eingeheimste Ernte ausgedroschen werden und dann
hatte Martin die Märkte der Nachbarschaft zu besuchen, um seine
Vorräthe, unter Zurückbehaltung des Samengetreides, zu verkaufen.
Diese Verkäufe interessierten den Knaben ungemein und deshalb nahm
ihn der Farmer auch dazu mit. Gierig nach Gewinn war Findling aber
keineswegs, nur sein Instinct wies ihn immer und immer wieder auf den
Handel hin. Im übrigen begnügte er sich mit dem Kieselstein, den ihm
Martin nach Verabredung jeden Abend einhändigte, und er freute sich,
seine Schätze wachsen zu sehen. Der irischen Rasse ist übrigens die
Sucht nach Gewinn im allgemeinen angeboren. Die Bewohner des Grünen Erin
verdienen einmal gerne Geld, wenn das in ehrlicher Weise möglich ist.
Und wenn der Farmer etwa auf dem Markte in Tralee ein gutes Geschäft
gemacht hatte, freute sich Findling ebenso herzlich darüber, als wenn
das ihm selbst angegangen wäre.
October, November und December verliefen recht gut. Die Arbeiten waren
längst beendigt, als sich der Einholer des Pachtzinses am Abende vor
Weihnachten in der Farm von Kerwan einstellte. Das Geld für ihn
lag bereit; doch als dieses erst gegen eine regelrechte Quittung
ausgetauscht war, blieb auf der Farm fast keines mehr übrig. Um es nicht
mit anzusehen, wie dieses mit saurem Schweiße gewonnene Geld aus dem
Hause ging, hatte sich Murdock sofort zurückgezogen, als der Einholer
nur sichtbar wurde. Immer hatte er die Unsicherheit der Zukunft vor den
Augen. Zum Glück war für den Winter gesorgt und die Vorräthe
gestatteten auch, die Arbeiten im Frühlinge ohne weitere Auslagen wieder
aufzunehmen.
Mit dem neuen Jahr trat sehr strenge Kälte ein, die jeden ans Haus
fesselte, wo es an Arbeit übrigens nicht fehlte. Mindestens war doch
für die Pflege und die Ernährung der Thiere zu sorgen. Findling war vor
allem der Hühnerhof anvertraut und auf ihn konnte man sich ja verlassen.
Hühner und Küchlein wurden ebenso sorgsam gepflegt, wie über sie Buch
geführt. Inzwischen vergaß der Knabe auch nicht, daß er ein Pathenkind
hatte, und wie freute er sich allemal, Jenny in die Arme zu nehmen, sie
lächeln zu machen, indem er die Kleine anlachte, und sie in der Wiege
einzuschläfern, wenn ihre Mutter beschäftigt war. Ein Pathe ist fast so
viel wie ein Vater, und er betrachtete das zarte Kind als seine Tochter.
Für sie entwarf er hochfliegende Pläne. Sie sollte keinen andern Lehrer
haben als ihn. Er wollte ihr erst reden, dann schreiben und endlich
haushalten lehren.
Findling hatte von dem gelegentlichen Unterrichte Martins und seiner
Söhne, vor allem Murdocks, viel profitiert. Jetzt war er weiter
vorgeschritten als bis zu dem Punkte, wohin Grip ihn gebracht hatte...
der arme Grip, der seine Gedanken unausgesetzt beschäftigte....
Der Frühling setzte nach recht hartem Winter nicht allzuspät ein. In
Begleitung seines Freundes Birk gab sich der junge Schäfer wieder der
gewohnten Beschäftigung hin. Unter seiner Leitung zogen Schafe und
Ziegen wieder auf die Weideplätze in einmeiligem Umkreis von der Farm.
Immer schmerzte es ihn, sich an den andern Feldarbeiten, die freilich
mehr Kräfte erforderten als er besaß, noch nicht betheiligen zu können.
Zuweilen klagte er darüber gegen die Großmutter, und diese antwortete
dann tröstend:
»Geduld... das wird auch noch kommen....
-- Doch könnt' ich inzwischen nicht wenigstens ein Feld besäen?
-- Würdest Du das so gern versuchen?
-- O gewiß, Großmutter! Wenn ich Murdock oder Sim den Arm wiegend und
regelmäßig fortschreitend die Samenkörner auf die Erde streuen sah, da
trieb mich's immer, es ihnen nachzuthun. Es ist eine so schöne Arbeit
und so interessant zu denken, daß aus diesen Körnern Halme, lange, lange
Halme hervorgehen. Wie kann das nur zustandekommen?...
-- Ich weiß es nicht, mein Kind; doch Gott weiß es ja, das muß uns
genügen.«
Infolge dieses Gespräches sah man Findling wenige Tage darauf ein
wohlvorgerichtetes Feld recht geschickt mit Hafer besäen, was ihm
manchen Lobspruch Martin Mac Carthy's einbrachte.
Als dann die zarten Keime hervorsproßten, war er vom frühesten Morgen
an zur Stelle, seine zukünftige Ernte gegen die diebischen Krähen zu
vertheidigen, indem er diese mit Steinwürfen verjagte. Es sei auch nicht
unerwähnt gelassen, daß er am Tage der Geburt Jennys mitten im Gutshofe
eine kleine Tanne gepflanzt hatte, in der Hoffnung, beide, Bäumchen und
Säugling, fröhlich aufwachsen zu sehen. Auch diese noch zarte Pflanze
mußte er sorgsam gegen die Vögel schützen. Jedenfalls sollten Findling
und die schädlichen Thiere nie gute Freunde werden.
Im Sommer 1880 gab es auf den Fluren Westirlands überall recht harte
Arbeit. Die Witterungsverhältnisse erwiesen sich für den Ertrag des
Bodens höchst ungünstig. In den meisten Grafschaften blieb die
Ernte hinter der des Vorjahrs weit zurück. Eine Hungersnoth war
aber vollkommen ausgeschlossen, denn wenigstens versprachen die
Kartoffelfelder einen reichen, wenn auch etwas verspäteten Ertrag, und
damit mußten sich die Leute wohl zufrieden geben, denn Korn, Weizen,
Gerste und Hafer erntete man kaum zur Deckung des Bedarfs im eignen
Lande. Das schnellte zwar die Getreidepreise in die Höhe, die Pächter
zogen davon aber keinen Vortheil, da sie nichts zu verkaufen hatten und
kaum den Samen für das nächste Jahr übrig behielten. Selbst die, die
früher einen Sparpfennig zurücklegen konnten, sahen diesen für die
Staatsabgaben allein hinschwinden, und dann blieb wieder nichts übrig,
um den schwerlastenden Pachtzins zu decken.
Die nationale Bewegung erhielt hierdurch fast überall einen neuen
Anstoß, wie das stets der Fall war und ist, wenn sich eine Wolke des
Unglücks über das irische Land senkte. An vielen Orten erhob man schwere
Klage und lebten die Hetzereien der agrarischen Liga wieder auf. Gegen
die Besitzer des Bodens wurden maßlose Drohungen laut, ob diese
nun Fremde waren oder nicht, denn bekanntlich werden in Irland die
englischen und schottischen Landlords als Fremdlinge betrachtet.
Im Juni dieses Jahres riefen die schon Hungernden in Westpoint: »Laßt
Euch nicht von Euern Farmen vertreiben!« und die durch das Land gehende
Parole lautete: »Den Grund und Boden für die Bauern!«
In den Gebieten von Donegal, Sligo und Galway kam es zu wirklichen
Unruhen. Auch Kerry blieb davon nicht frei. Voller Angst sahen die
Großmutter, Martine und Kitty Murdock mit Einbruch der Nacht gar zu oft
die Farm verlassen, wo er dann erst, abgespannt von den Strapazen des
Wegs, am frühen Morgen wieder erschien. Düstrer und verbitterter als
vorher kam er von den in den Hauptorten veranstalteten Meetings zurück,
wo man den hellen Aufruhr predigte, eine Erhebung gegen die Landlords
und den allgemeinen Boycott empfahl, der die Besitzer zwingen würde, ihr
Land brach liegen zu lassen.
Am meisten steigerte die Furcht der Familie wegen Murdocks der Umstand,
daß der zu den strengsten Maßregeln entschlossene Lordlieutenant
der Insel die Nationalisten durch seine Polizeiorgane aufs schärfste
überwachen ließ.
Stimmten Martin und Sim auch mit den Anschauungen Murdocks überein,
so äußerten sie doch kein Wort, wenn dieser nach längerem Ausbleiben
heimkehrte. Die Frauen dagegen flehten ihn an, vorsichtig zu sein und
sich in Thaten und Worten in Acht zu nehmen. Sie versuchten ihm das
Versprechen abzunöthigen, daß er sich einem Aufstand für =Home rule=,
der doch nur Unheil bringen könne, nie anschließen werde.
Das reizte Murdock, der seinem Ingrimm nun laut Luft machte. Er sprach
und gesticulierte, als ob er sich in einer Volksversammlung befände.
»Nichts als Elend, nach einem Leben voller Arbeit nichts als Elend!«
wiederholte er.
Und während Martine und Kitty davor zitterten, daß er gehört werden
könnte, wenn draußen gerade ein Polizist umherschlich, senkten die
danebensitzenden Martin und Sim nur schweigend den Kopf auf die Brust.
Findling war tief ergriffen Zeuge dieser peinlichen Auftritte. Erschien
es ihm dabei zuweilen doch, als sei er nach so vielen früheren Prüfungen
auch in der Farm von Kerwan noch nicht ans Ende seiner Leiden gekommen
und als sollte ihm die Zukunft noch schlimmere bringen.
Er zählte jetzt achteinhalb Jahre. Für sein Alter recht kräftig und den
gewöhnlichen Kinderkrankheiten glücklich entgangen, hatten weder Trübsal
und Leiden, noch schlechte Behandlung und mangelnde Pflege seinen
Organismus zu erschüttern vermocht. Findling war »bis zum Maximum
der Widerstandsfähigkeit geprüft worden« und zeigte eine erstaunliche
physische und moralische Festigkeit. Das erkannte man an den gut
entwickelten Schultern, der schon recht breiten Brust und seinen zwar
schlanken, doch nervigen und muskulösen Gliedern. Sein Haar färbte sich
dunkler und er trug es schlicht, statt der Locken, die ihm Miß Anna
Walston hatte brennen lassen. Seine tiefblauen, glänzenden Augen
verriethen eine außerordentliche Lebhaftigkeit, der leichtgeschlossene
Mund und das etwas kräftige Kinn die Energie und Entschiedenheit
seines Charakters. Alles das hatte die Aufmerksamkeit der Farmerfamilie
wachgerufen. Diese ernsten und nachdenklichen Landleute Irlands sind
meist recht gute Beobachter. Auch den Bewohnern der Farm von Kerwan
hatte es nicht entgehen können, wie dieser Knabe sich durch seinen Sinn
für Ordnung und durch regen Fleiß auszeichnete und daß er sich bestimmt
emporarbeiten würde, wenn er nur Gelegenheit fand, seine natürlichen
Anlagen zu bethätigen.
Die Zeit der Heu- und Getreideernte war durch die Witterung weit weniger
begünstigt, als im vorigen Jahre. Der Minderertrag an Körnerfrüchten
erwies sich so bedeutend, wie man gefürchtet hatte, so daß heuer keine
fremden Arbeitskräfte hinzugezogen zu werden brauchten. Dagegen war
die Kartoffelernte gut und damit die Ernährung während der schlechten
Jahreszeit gesichert. Woher freilich das Geld kommen sollte, um Pacht
und Abgaben zu bezahlen, das wußte niemand.
Der Winter trat frühzeitig ein, schon im September gab es den ersten
Frost, dem bald ergiebiger Schneefall folgte. Die Thiere mußten eher als
sonst in den Ställen untergebracht werden, denn die weiße Decke war so
tief und fest, daß weder Schafe noch Ziegen ein Hälmchen darunter hätten
erlangen können. Das ließ einen Futtermangel für den Winter befürchten.
Die Klugen, oder mindestens die, denen es an Mitteln nicht ganz
fehlte -- und zu diesen gehörte Martin Mac Carthy -- ergänzten ihre
Vorräthe durch Zukauf. Bei der Seltenheit der Waare mußten sie freilich
höhere Preise anlegen und es wäre vielleicht besser gewesen, den Bestand
an Vieh zu vermindern, das bei einer langen Ueberwinterung nur schwierig
zu erhalten war.
Der Frost, der den Boden bis auf einige Fuß Tiefe zum gefrieren
bringt, ist ja überall sehr beschwerlich, vorzüglich aber bei leichter,
kieselreicher Decke, wie in Irland, die auch die wenige Düngung, die man
darauf bringt, sehr mangelhaft zurückhält. Dauert ein strenger Winter
dann aber gar noch lange an, so dringt der Frost ungemein tief in die
Erde und die Pflugschar ist nicht im Stande, den steinharten Humus zu
lockern. Kann dann die Saat nicht zeitig genug bestellt werden, so
droht das schlimmste Ungemach! Leider vermag der Mensch die klimatischen
Verhältnisse nicht zu beeinflussen. Er kann nur mit gekreuzten Armen
zusehen, wie seine Vorräthe sich immer weiter erschöpfen.
Gegen Ende des Novembers verschlimmerte sich die Sache noch. Auf
Schneestürme folgte sehr strenge Kälte. Häufig sank die Temperatur auf
neunzehn Centigrade unter Null herab.
Die von erhärtetem Schneepanzer bedeckte Farm glich mehr den im
Polargebiete verstreuten grönländischen Hütten. Die dicke Schneelage
hielt wenigstens die Kaminwärme im Innern etwas zurück; wenn man
sich aber hinausbegab in die zum Glück jetzt stille Atmosphäre,
deren Molecüle zu Eiskörnchen geworden zu sein schienen, da mußte man
einigermaßen vorsichtig sein. Zu dieser Zeit mußten Martin Mac Carthy
und Murdock, um den in wenigen Wochen fälligen Pachtzins zu beschaffen,
nun doch einen Theil ihres Viehbestandes, darunter eine Anzahl Schafe,
veräußern. Sie durften auch gar nicht zögern, um das Geld noch von den
Händlern in Tralee zu erhalten.
Es war jetzt der 15. December. Da der Wagen nur sehr beschwerlich hätte
fortkommen können, beschlossen der Pächter und sein Sohn den Weg nach
der Stadt zu Fuß zurückzulegen. Vierundzwanzig englische Meilen (à 1609
Meter) bei zwanzig Grad Kälte zu überwinden, das war natürlich keine
so leichte Aufgabe. Voraussichtlich würden sie zwei oder drei Tage
abwesend sein.
Nicht ohne Unruhe sah man sie mit dem Frührothe die Farm verlassen.
Obwohl die Luft noch trocken war, drohten doch schwere, im Westen
lagernde Dünste mit einem baldigen Witterungsumschlag.
Martin und Murdock waren am 15. aufgebrochen, vor dem 17. konnte man sie
nicht zurückerwarten.
Bis zum Abend änderte sich das Wetter nicht merkbar, höchstens sank das
Thermometer noch um weitere zwei Grad. Des Nachmittags erhob sich etwas
Wind, und das gab einen neuen Grund zu Befürchtungen, denn im Thale des
Cashen wüthen die Stürme gar heftig, wenn sie sich vom Meere aus darin
fangen.
In der Nacht vom 16. zum 17. brach wirklich ein schwerer Sturm mit
heftigem Schneegestöber aus. Zehn Schritte von der Farm hätte man diese
in ihrem weißen Mantel gar nicht mehr erkannt. Furchtbar krachten die
Eisschollen, die sich auf dem Flusse stießen. Jedenfalls waren Martin
und Murdock zu dieser Stunde aus Tralee schon wieder aufgebrochen,
sicherlich aber waren sie auch am 18. von da noch nicht heimgekehrt.
In der Nacht heulte und tobte es draußen ohne Unterlaß, zur großen
Beunruhigung aller Zurückgebliebenen. Sie konnten ja fürchten, daß die
Wanderer sich im tollen Schneetreiben verirrt hätten. Vielleicht waren
sie gar nur wenige Meilen von der Farm erschöpft zusammengebrochen und
liefen Gefahr, vor Hunger und Kälte umzukommen....
Am nächsten Tage klärte sich der Himmel ein wenig auf und der Sturm
flaute ab. Infolge einer Drehung des Windes nach Norden verhärtete sich
der Schnee fast augenblicklich. Sim erklärte sich bereit, dem Vater und
dem Bruder in Begleitung Birks entgegenzugehen, und die übrigen
stimmten ihm zu unter der Bedingung, daß auch Martine und Kitty sich ihm
anschließen dürften.
Zu seinem Leidwesen mußte also Findling bei der Großmutter und dem Baby
zu Hause bleiben.
Die andern sollten den Erwarteten auch nur bis auf zwei, höchstens drei
Meilen entgegengehen, dann aber nach Hause zurückkehren, selbst wenn es
Sim für angezeigt hielt, noch eine Strecke weiter vorzudringen.
Eine Viertelstunde später waren die Großmutter und Findling schon
allein. Jenny schlief in einem Zimmer neben der großen Stube, dem
Murdocks und Kittys. Ein Korb, der nach irischer Art an zwei an der
Decke befestigten Stricken hing, diente dem Kind als Wiege.
Der Lehnstuhl der Großmutter stand vor dem Kamine, in dem Findling mit
Torf und Holz ein tüchtiges Feuer unterhielt. Von Zeit zu Zeit sah er
nach, ob sein »Töchterchen« nicht erwacht wäre, da ihn jede Bewegung der
Kleinen beunruhigte, immer bereit, ihr etwas Milch zu reichen oder sie
auch wieder in Schlaf zu wiegen.
Voller Unruhe lauschte die Großmutter auf jedes Geräusch von draußen,
auf das Knistern des Schnees, der sich verhärtend auf dem Strohdach
zusammenzog, und auf die seufzerähnlichen Laute aus den Brettern, die da
und dort durch die Kälte sprangen.
»Du hörst nichts, Findling? fragte sie.
-- Nein, Großmutter!«
Und nachdem er die Scheiben stellenweise von den glitzernden Eisblumen
befreit hatte, suchte der Knabe einen Blick nach dem weiß überdeckten
Hofe zu werfen.
Gegen halb ein Uhr stieß das kleine Mädchen einen leichten Schrei aus.
Findling eilte zu ihr hin. Da sie aber die Augen nicht geöffnet hatte,
begnügte er sich damit, sie aufs neue einzuwiegen.
Schon wollte er die bejahrte Frau, die er nicht gern allein ließ, wieder
aufsuchen, als draußen ein merkwürdiges Geräusch entstand. Es klang wie
ein Scharren und Kratzen, das von dem an das Zimmer Murdocks grenzenden
Stalle herzukommen schien. Da die Zwischenwand aber aus Mauerwerk
bestand, schenkte er diesem Geräusch keine weitere Aufmerksamkeit.
Jedenfalls rührte es von einigen Ratten her, die draußen unter den
Strohschütten umherliefen. Da auch das Fenster des Raumes geschlossen
war, schien ja nichts zu fürchten sein.
Findling ließ die Thür zwischen beiden Räumen offen stehen und ging zur
Großmutter zurück.
»Nun, wie steht's mit Jenny? fragte diese.
-- Sie ist wieder eingeschlummert.
-- So bleib' also bei mir, mein Kind.
-- Ja, Großmutter!«
Vor dem wärmenden Kamin sitzend, sprachen nun beide von Martin und
Murdock und von den andern, die diesen entgegengegangen waren.
Wenn diese nur nicht Unglück gehabt hatten, was ja bei so heftigem
Schneegestöber nicht gar so selten vorkommt. Doch... die kräftigen,
entschlossenen Männer würden sich schon zu helfen wissen, und wenn sie
heimkamen, erwartete sie ein prasselndes Feuer und ein dampfender Grok,
die Glieder wieder zu erwärmen.
Schon seit zwei Stunden waren Martine und die andern fortgegangen, doch
bis jetzt deutete nichts auf ihre baldige Zurückkunft.
»Meinen Sie nicht, Großmutter, begann da Findling, daß ich einmal hinaus
und bis zur Landstraße hin gehen sollte, um zu sehen, ob sie kommen?
-- Nein, nein, das Haus darf nicht allein bleiben, und das ist es, wenn
nur ich noch darin bin.«
Beide setzten also ihr Gespräch fort, bald aber nickte -- was zuweilen
vorkam -- die bejahrte Frau vor zunehmender Abspannung ein.
Nach seiner Gewohnheit schob ihr Findling sanft ein Kissen unter den
Kopf und schlich lautlos zum Fenster, um durch eine etwas vom Eis
befreite Scheibe hinauszublicken.
Alles draußen war blendend weiß, alles still wie auf einem Friedhofe.
Da die Großmutter schlummerte und Jenny im Nebenzimmer gut gebettet lag,
glaubte der Knabe jetzt einmal bis zur Landstraße laufen zu können, um
nach den Ausbleibenden zu sehen.
So schlüpfte er denn geräuschlos hinaus und schloß die Thür hinter sich
vorsichtig wieder. Bald bis über die Knie in den Schnee versinkend,
erreichte er das Thor der Farm.
Auf der gleichmäßig weißen Landstraße war niemand mehr zu erblicken und
kein Laut von Westen her zu vernehmen. Wären Martine, Kitty und Sim
in der Nähe gewesen, so hätte sich gelegentlich gewiß ein Gebell Birks
hören lassen.
Findling ging bis zur Mitte der Landstraße hin.
Da erweckte ein erneutes Scharren seine Aufmerksamkeit, das aber
nicht von der Straße, sondern vom Pachthofe her tönte und von einem
halberstickten Geheul begleitet schien.
Findling lauschte, ohne sich zu rühren, doch mit stark klopfendem
Herzen. Entschlossen wendete er sich dann nach den Ställen zu und
schlich aus Vorsicht möglichst geräuschlos um deren Ecke.
Noch immer hörte er das Scharren von innen, hinter dem Winkel, in dem
Murdocks und Kittys Zimmer mit dem einen Stalle zusammenstieß.
In der Vorahnung eines Unglücks drückte sich Findling längs der Mauer
hin.
Kaum gelangte er um die Ecke, als ihm ein Aufschrei entfuhr.
Hier bemerkte er in der Wand, deren Mörtel durch die Länge der Zeit
mürbe geworden sein mochte, ein ziemlich großes Loch, das nach dem
Zimmer führte, worin Jenny schlief.
Wer konnte hier durchgebrochen haben?... Ein Mensch?... Ein Thier?...
Ohne Zögern stürmte Findling auf die Mauerlücke zu und versuchte hier
einzudringen.
In demselben Augenblicke aber entwich ein großes Thier daraus und warf
entfliehend den Knaben zur Erde.
Es war das ein Wolf... einer der starken Wölfe mit spitziger Schnauze,
die in langen Wintern haufenweise in Irland umherschweifen.
Nachdem dieser die Wand durchbrochen hatte und in das Zimmer gelangt
war, hatte er Jennys Wiege gepackt, deren Aufhängestricke dabei rissen,
und entfloh jetzt, indem er diese auf dem Schnee mit fortschleppte.
Das kleine Mädchen weinte jämmerlich.
Sein Messer fassend, stürmte Findling, während er laut um Hilfe rief,
dem gefährlichen Räuber nach. Daran, daß der Wolf sich auf ihn stürzen,
daß er dabei das Leben aufs Spiel setzen konnte, dachte er mit keiner
Silbe. Er sah nur das Kind, wie es von dem mächtigen Thiere entführt
wurde.
Der Wolf entfloh mit großen Sprüngen, da ihn die leichte Wiege mit dem
Kinde das Fortkommen nicht besonders erschwerte. Findling mußte wohl
hundert Schritte weit laufen, ehe er ihn einholte.
Der Wolf hielt an, ließ die Wiege los und wendete sich gegen seinen
Verfolger.
Dieser erwartete ihn festen Fußes und ausgestreckten Armes, und als das
Thier ihm an den Hals springen wollte, bohrte er ihm das Messer tief in
die Seite. Trotzdem biß ihn der Wolf noch so heftig in den Arm, daß er
halb bewußtlos vor Schmerz im Schnee zusammenbrach.
Zum Glück ließ sich, ehe ihm die Sinne völlig schwanden, ein lautes
Bellen vernehmen.
Das kam von Birk, der sich jetzt auf den Wolf stürzte und diesen zur
Flucht nöthigte.
Gleich darauf erschienen Martin Mac Carthy und Murdock, die in
der Entfernung von über zwei Meilen mit Sim, Martine und Kitty
zusammengetroffen waren.
Die kleine Jenny war gerettet und ihre Mutter trug sie in den Armen
zurück nach dem Hause.
Findling, dessen Wunde Murdock vorläufig etwas geschlossen hatte, wurde
nach der Farm zurückgeführt und im Zimmer der Großmutter in sein Bett
gebracht.
Sobald er wieder ganz bei Sinnen war, fragte er ängstlich:
»Was ist mit Jenny geworden?
-- Sie ist hier, antwortete Kitty, hier... und lebend... das danken
wir Dir, Du braves Kind!
-- Ach, ich möchte sie so gern umarmen....«
Und als er die Kleine unter seinem Kusse hatte lächeln sehen, da fielen
ihm vor Mattigkeit die Augen zu.
XV.
Ein schlechtes Jahr.
Die Verletzung Findlings erwies sich nicht als gefährlich, ohwohl er
dadurch viel Blut verloren hatte. Wären die drei andern aber nur eine
Minute später gekommen, so hätten sie nur eine Leiche gefunden und würde
Kitty ihr Kind nie wiedergesehen haben.
Natürlich wurde Findling in den wenigen Tagen bis zu seiner
Wiederherstellung aufs sorgfältigste gepflegt. Mehr als je empfand es da
der arme Knabe, daß er, eine Waise von unbekannter Herkunft, jetzt eine
Familie hatte. Wie dankbar nahm er alle Liebe und Güte hin, zumal wenn
er an die vielen glücklichen Tage dachte, die er in der Farm schon
verlebt hatte. Um deren Zahl zu wissen, brauchte er ja nur die
Kieselsteine zu zählen, wovon ihm Martin jeden Abend einen gegeben
hatte, doch mit ganz besondrer Freude sah er den Stein in seiner
Kruke verschwinden, den er am Abend nach dem Vorkommnisse mit dem Wolf
empfing.
Mit dem Neujahr setzte der Winter nochmals in alter Strenge ein und es
machten sich jetzt gewisse Vorsichtsmaßregeln nöthig. Aus der Umgebung
der Farm wurde das Erscheinen starker Banden von Wölfen gemeldet, deren
Zähnen die morschen Wände des Hauses kaum widerstanden hätten. Martin
und seine Söhne mußten wiederholt auf die hungernden Bestien Feuer
geben. So war es in der ganzen Grafschaft, wo das Land in den langen
Nächten von erschreckendem Geheul widerhallte.
Dieses Jahr brachte einen jener schlimmen Winter, die über das nördliche
Europa die eisigschneidenden Winde des Polarbeckens zu entfesseln
scheinen. Immer blieb eine nördliche Luftströmung vorherrschend und
diese führt ja bekanntlich die schlimmste Kälte mit sich. Leider drohten
diese Verhältnisse sich lange auszudehnen, wie die algide Periode bei
von Fieber verzehrten Kranken. Und wenn die Kranke die Erde ist, die
sich verzieht, wie die Lippen eines Sterbenden, die unter dem Einfluß
der Kälte zu Stein verhärtet, dann möchte man glauben, daß ihre
Fruchtbarkeit für immer erlöschen müsse, wie es für jene todten
Weltkörper gilt, die schon so zahlreich durch den Himmelsraum irren.
Die Befürchtungen des Farmers und seiner Familie waren bei der
ungewöhnlichen Härte des Winters also gewiß gerechtfertigt. Durch den
Verkauf eines Theils seiner Schafe hatte Martin indeß das Geld für
Abgaben und Pachtzins herbeischaffen können, und als sich der Middleman
zu Weihnachten einstellte, erhielt er unverkürzt, was ihm zukam. Das
verwunderte den Mann ein wenig, denn in den meisten Farmen blieb er
unbefriedigt und hatte den gerichtlichen Weg zur Austreibung der Pächter
einschlagen müssen. Martin Mac Carthy wußte freilich auch nicht, wie er
im nächsten Jahre seinen Verpflichtungen werde nachkommen können, wenn
es ihm an dem nöthigen Saatgetreide fehlte.
Hierzu kam auch noch weiteres Unglück. Infolge der bis auf dreißig Grad
unter Null herabsinkenden Kälte gingen in den Ställen vier Pferde und
fünf Kühe ein, da es unmöglich gewesen war, die in verfallenem Zustande
befindlichen Gebäude, welche dem Anpralle des Sturmes nicht mehr
gewachsen waren, genügend dicht geschlossen zu halten. Auch der
Hühnerhof erlitt trotz aller Bemühungen, die man auf ihn verwandte,
empfindliche Verluste. Jeden Tag wuchs die Deficitseite in Findlings
Notizbuche. Am bedrohlichsten aber erschien es, daß auch das Wohnhaus
der Zerstörung durch die Witterung anheimfallen könnte. Martin, Murdock
und Sim blieben deshalb auch unausgesetzt thätig, dasselbe auszubessern
und widerstandsfähiger zu machen.
Manchmal kamen ganze Tage, an denen kein Mensch einen Fuß ins Freie
setzen konnte. Die Wege, auf denen mannshoher Schnee lag, waren völlig
ungangbar. Die am Geburtstage Jennys mitten im Hofe gepflanzte Tanne
streckte nur noch den vom Rauchfrost weißen Kopf hervor. Um zu den
Ställen zu gelangen, mußte ein Gang ausgeschaufelt und dieser täglich
zweimal gereinigt werden. Ebenso gelang die Beförderung des Futters von
einem Hofgebäude zum andern nur mit größter Mühe.
Ganz unfaßbar schien es, daß die Kälte trotz des fort und fort
herabfallenden Schnees nicht nachließ. Freilich rieselte der Schnee
nicht in leichten sternförmigen Flocken nieder, sondern stürmte wie
ein Platzregen aus kleinen Eiskrystallen einher, die sich in den tollen
Luftwirbeln jagten. Hierdurch werden alle Bäume und Sträucher mit
perennierenden Blättern der letzteren vollständig beraubt.
Zwischen den Ufern des Cashen bildete sich allmählich ein Eisschutz von
enormem Umfang. Fast glich dieser einem wirklichen Eisberge und legte
die Befürchtung weiterer Unfälle bei eintretendem schnellen Thauwetter
nahe. Wälzte dann der Fluß seine Wassermassen bis an die Farm heran,
so hätten Martin und seine Söhne gewiß nicht mehr gewußt, wie sie die
Baulichkeiten derselben schützen sollten.
Für jetzt lagen ihnen jedoch andre Sorgen, die für die Pflege und
Ernährung des Viehbestandes, näher. Von der Geißel des Orkans wurden
die Strohdächer der Stallungen zerrissen, und diese mußten zunächst
ausgebessert werden. Was von den Schafen, den Kühen und Pferden noch
übrig war, blieb mehrere Tage der außerordentlichen Kälte ausgesetzt,
und mehrere von den Thieren kamen noch vor Frost um. So mußten denn
die Dächer trotz des schneidenden Sturmwindes wohl oder übel
wiederhergestellt werden, und es machte sich dazu nöthig, den vordern
Theil der nach der Straße zu gelegenen Stallungen ganz abzudecken, um
mit dem gewonnenen Langstroh andre Lücken zu verschließen.
Das Wohnhaus der Familie Mac Carthy blieb auch nicht verschont. Eines
Nachts stürzte die Mansarde ein, und Sim, der sie bewohnte, mußte nach
dem großen Zimmer im Erdgeschoß übersiedeln. Da nun aber auch von diesem
die Decke bedroht war, weil sich der Schnee immer mehr darüber anhäufte,
mußte diese mit rohen Pfählen gestützt werden.
Auch weiterhin verlor der Winter nichts an seiner Strenge. Der Februar
blieb noch ebenso kalt, wie der Januar und die Mitteltemperatur hielt
sich auf zwanzig Grad unter Null. Die Insassen der Farm glichen mehr
Schiffbrüchigen im Polarmeere, die das Ende des Winters nicht abzusehen
vermögen. Leider drohte hier das endliche Thauwetter mit neuen
Katastrophen, wenn der Cashen weit aus seinen Ufern trat.
Zum Glück war auf der Farm kein Nahrungsmangel zu fürchten; an Fleisch
und Zuspeisen fehlte es nicht; dazu lieferten die nur durch den
Frost umgekommenen und jetzt leicht zu conservierenden Thiere einen
reichlichen weiteren Vorrath. Wurde der Hühnerstall decimiert, so
ertrugen die Schweine die niedrige Temperatur ganz gut, und schon durch
sie allein wäre die Ernährung der Pächterfamilie auf sehr lange Zeit
gesichert gewesen. Was das Heizmaterial anging, brauchten sie nur die
vom Sturme abgebrochenen Zweige aus dem Schnee aufzulesen, um an Torf zu
sparen, der allmählich zur Neige ging.
Kräftig und gesund, von langer Zeit her abgehärtet, erwiesen sich jedoch
der Vater und dessen Söhne dem rauhen Klima völlig gewachsen und auch
der Findling zeigte eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit. Bisher
hatten sich auch die Frauen, Martine und Kitty, ohne sich der
allgemeinen Arbeit zu entziehen, recht wohl befunden. Die kleine Jenny,
immer im dicht verschlossenen Zimmer gehalten, wuchs wie eine Pflanze im
Warmhause auf. Dagegen schien die Großmutter, trotz aller ihr gewidmeten
Pflege, ernstlicher angegriffen zu sein. Ihre körperlichen Leiden wurden
von der heimlichen Angst, die Zukunft der Ihrigen bedroht zu sehen,
natürlich noch verschlimmert. Das war mehr als sie aushalten konnte und
bereitete der ganzen Familie recht schmerzliche Unruhe.
Im April wurde die Temperatur wieder normaler und stieg endlich über den
Gefrierpunkt. Der Erdboden brauchte aber noch die ganze Wärme des Mai,
um seiner Eiskruste ledig zu werden, und zur Einsaat war es also schon
spät, sehr spät. Die Futterkräuter konnten vielleicht noch gedeihen, die
Getreidearten aber schwerlich reif werden. So dachte man schon daran,
das Saatkorn nicht unnütz zu verwenden und sich lieber des Anbaues von
Gemüse und Knollenfrüchten zu befleißigen, deren Ernte im October
zu erwarten war, -- vorzüglich der Kartoffeln, durch die das Land
wenigstens vor den Schrecken einer Hungersnoth bewahrt blieb.
Nach der Schneeschmelze zeigte sich der Erdboden leider fünf bis sechs
Fuß tief fest gefroren. Das war keine zerreibliche Erde mehr, sondern
ein Humus von Granit, in dem keine Pflugschar eine Furche aufreißen
konnte.
Der Anfang der Feldarbeiten mußte bis zu den letzten Tagen des Mai
hinausgeschoben werden. Die Erde schien alle Wärme verloren zu haben, so
langsam thaute die Schneedecke hinweg, und in den mehr bergigen Theilen
der Grafschaft dauerte das gar bis in den Juni hinein.
Der Beschluß, sich auf den Anbau von Kartoffeln zu beschränken und auf
Getreide ganz zu verzichten, wurde ganz allgemein gefaßt. Was auf der
Farm von Kerwan geschah, wiederholte sich in allen andern Farmen des
Gebietes von Rockingham. Dieselbe Maßnahme beschränkte sich nicht
allein auf die Grafschaft Kerry, sondern erstreckte sich auch über die
Westirlands in Munster, wie in Connaught und Ulster. Nur die Provinz
Leinster war eher frei von Schnee und hier konnte die Feldbestellung
noch mit einiger Aussicht auf Erfolg vorgenommen werden.
Die Folge war also, daß die schwergeprüften Pächter sich tüchtig
anstrengen mußten, um die Felder für den Anbau von andern Früchten
und Gemüsen in Stand zu setzen. In der Farm von Kerwan unterzogen sich
Martin und seine Söhne dieser Arbeit, die für sie um so beschwerlicher
war, weil es ihnen an Zugthieren fehlte. Nur ein einziges Gespann, von
einem Pferde und dem Esel gebildet, stand ihnen zur Verfügung.
Mit unausgesetztem Fleiße gelang es ihnen jedoch bei je zwölfstündiger
Arbeit nach und nach einige dreißig Acres zu bepflanzen, freilich mit
der Befürchtung, daß ein vorzeitiger Winter sie auch um die Frucht
dieser Mühen bringen könnte.
Da ereignete sich noch ein allen Gegenden Irlands gemeinsames Unglück.
Gegen Ende des Juni brannte die Sonne so heiß, daß der noch auf den
Bergen lagernde Schnee sehr schnell niederschmolz. Am schlimmsten hatte,
ihrer vielverzweigten Wasserläufe wegen, hiervon die Provinz Munster zu
leiden. In der Grafschaft Kerry steigerte sich das bis zur wirklichen
Katastrophe. Die vielen Flüsse schwollen mächtig an und verursachten
ausgedehnte Ueberschwemmungen. Viele Häuser fielen der Fluth zum Opfer.
Ueberrascht von der plötzlich eintretenden Wassersnoth warteten die
Bewohner derselben vergeblich auf Hilfe. Fast alles Vieh kam um,
und gleichzeitig wurde die so mühsam vorbereitete Ernte vollständig
vernichtet.
In der Grafschaft Kerry verschwand ein Theil der Domäne Rockingham unter
den Fluthen des Cashen.
Vierzehn Tage lang blieb die Umgebung der Farm auf einen Umkreis von
zwei bis drei Meilen in einen See verwandelt -- in einen See mit wilden
Strömungen, die entwurzelte Bäume, Trümmer von Hütten, abgehobene Dächer
und auch die Cadaver der Thiere, deren die Bauern sehr viele verloren,
in brodelndem Strudel mit sich fortrissen.
Die Ueberschwemmung erstreckte sich bis zu den Scheuern und Stallungen
der Farm, die davon fast gänzlich zerstört wurden. Trotz unmenschlicher
Anstrengung gelang es, außer bezüglich einiger Schweine, nicht, die
noch vorhandenen Thiere zu retten. Wurde das Wohnhaus auch von der
Fluth nicht weggetragen, so reichte diese doch bis zum Niveau des
Erdgeschosses heran, und auch dieses war in der schlimmsten Nacht recht
schwer bedroht.
Den Todesstoß aber erhielt das Land weithin durch die Vernichtung
der erhofften Kartoffelernte, denn die Fluthen hatten auch die
Setzkartoffeln herausgespült.
Noch niemals hatte die Familie Mac Carthy auf ihrem Pachtgute eine
solche Kette von Mißgeschick erlitten, niemals hatte sich dem irischen
Farmer der Ausblick in die Zukunft so schwer verdüstert. Jetzt war seine
Lage thatsächlich unhaltbar und die Existenz der unglücklichen Leute
ernstlichst bedroht. Martin wußte wahrlich nicht, was er antworten
sollte, wenn ihm die Staatsabgaben und die Pachtzinsen abgefordert
würden.
Die Lasten eines solchen Pächters sind in der That gar so schwer. Wenn
der Steuereinnehmer und der Pachtcassierer sich einstellen, wandert
stets der allergrößte Theil seines Baarvermögens in deren Tasche.
Haben die Latifundienbesitzer auch dreihunderttausend Pfund Sterling an
Grundrente und sechshunderttausend Pfund Armenabgabe zu leisten, so sind
die Bauern doch noch mehr bedrückt durch persönliche Lasten, d. h. durch
die Abgaben für Straßen und Brücken, für Polizei und Justiz, für die
Gefängnisse und öffentlichen Arbeiten... was zusammen die ungeheure
Summe von einer Million Pfund Sterling (20 Millionen Mark) ausmacht, und
zwar allein für das arme Irland.
Ist die Ernte gut ausgefallen, hat das Jahr einige Ersparnisse
ermöglicht, kurz, sind die Verhältnisse günstig gewesen, so wird es
dem Pächter schon schwer genug, den Anforderungen des Staates und der
Gemeinde zu entsprechen, während er ja überdies noch den Pachtschilling
aufzubringen hat. Was beginnt er aber, wenn sein Land nur dürftigen
Ertrag lieferte, wenn Winterfrost und Ueberschwemmungen die Felder
verwüsteten und dann die Gespenster des Hungers und der drohenden
Vertreibung aus seinem Gütchen am Horizonte aufsteigen? Alles das
hindert ja den Einnehmer nicht, zur gewöhnlichen Zeit vorzusprechen, und
nach seinem Besuche... sind die letzten Sparpfennige verschwunden. So
stand es jetzt Martin Mac Carthy bevor.
Frohe festliche Stunden, wie sie Findling in der ersten Zeit seines
Aufenthaltes hier kennen gelernt hatte, gab es jetzt nicht mehr. Aus
Mangel an Arbeit rasteten alle, und so saß die ganze Familie in den
langen Sommertagen verzweifelt bei der Großmutter, die zusehends
schwächer und schwächer wurde.
Die traurigen Unglücksfälle hatten die meisten Bezirke der Grafschaft
gleichmäßig betroffen. Von Eintritt des Winters 1881 an hörte man schon
überall von einem allgemeinen Boycott sprechen, einer Einstellung
aller nothwendigen Feldarbeiten, um eine Weiterverpachtung und jeden
sofortigen Anbau des Ackerlandes zu hintertreiben -- eine Maßregel,
die den Pächter ebenso wie den Grundeigenthümer ruiniert. Durch
solche unüberlegte Mittel wird sich Irland niemals den Fesseln der
Feudalherrschaft entziehen, nie eine allmähliche Ueberlassung des Bodens
in das wirkliche Eigenthum der Kleinpächter erwirken und wird es nie die
verderblichen Gepflogenheiten des Landlordismus beseitigen können.
Die Erregung verdoppelte sich indeß in den von so vielem Unglück
betroffenen Kirchspielen. Vor allen zeichnete sich Kerry aus durch den
Widerhall aus seinen Meetings und durch die Kühnheit der Verfechter der
Autonomie, die es unter Entfaltung der Fahne der Landliga durchzogen. Im
Vorjahre schon war Parnell in drei Wahlbezirken gewählt worden.
Zum Schrecken seiner Gattin und seiner Mutter stürzte sich Murdock
ohne alle Rücksicht in den Strudel dieser Bewegung. Frost und
Hunger trotzend, eilte er von Ort zu Ort, um Einigkeit in der
Pachtzinsverweigerung zu erzielen und eine Weiterverpachtung der Felder
nach etwaiger Vertreibung der jetzigen Pächter unmöglich zu machen.
Martin und Sim hätten vergeblich versucht, ihn zurückzuhalten. Im Grunde
stimmten sie ihm ja völlig bei, da sie sahen, daß alle ihre Mühe und
Arbeit nun doch zu... nichts anderem geführt hatte, als daß man sie in
der nächsten Zeit aus der so lange von ihrer Familie bewirthschafteten
Farm von Kerwan verjagen würde.
Die Regierung aber hatte, in Voraussicht von Unruhen nach einem so
verderblichen Jahre, bereits ihre Maßregeln getroffen. Schon schwärmten
Abtheilungen der »=mounted constabulary=« (berittene Polizei) durch das
Land, mit der Anweisung, die Gerichtsdiener und Häscher mit
bewaffneter Hand zu unterstützen. Ebenso hatten sie, wenn nöthig,
die Volksversammlungen mit Gewalt zu sprengen und die übrigens schon
bekannten fanatischen Agitatoren zu verhaften. Wenn Murdock zu diesen
augenblicklich vielleicht noch nicht gehörte, so mußte das gewiß sehr
bald der Fall sein. Uebrigens vermögen die Irländer ja gegen ein System,
das sich auf dreißigtausend alle Zeit fertige Gewehre stützt, doch
nichts auszurichten.
Nun vergegenwärtige man sich die quälende Angst der Familie Mac Carthy!
Sobald von der Straße Schritte ertönten, wurden Martine und Kitty
todtenbleich. Die Großmutter richtete langsam den Kopf auf und ließ ihn
kraftlos wieder niedersinken. Immer fürchteten die Frauen, es könnten
Polizisten eindringen, um Murdock und vielleicht auch dessen Vater und
Bruder in Haft zu nehmen.
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