drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hölzchens ein.
Auf dem Boden hinkriechend, näherte sich Michael Strogoff seinem Pferde,
das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise
freundlich zu und brachte es geräuschlos wieder auf die Füße.
Eben jetzt verlöschten zu Michael Strogoff’s Glück die völlig
niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln
der Lärchenbäume, die dichteste Finsterniß.
Nachdem Michael Strogoff das Gebiß wieder eingelegt, den Sattelgurt
festgeschnallt und die Riemen der Steigbügel geprüft hatte, begann er sein
Pferd langsam am Zügel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente
Thier, so als verstände es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn,
ohne nur ein einziges Mal zu wiehern.
Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Köpfe und wandten
sich dem Rande des Gehölzes zu.
In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem
ersten tartarischen Reiter, der sich nähern würde, den Kopf zu
zerschmettern. Glücklicher Weise hörte er aber keinen Weckruf und konnte
den rechts auslaufenden Winkel des Wäldchens, da wo dieser an die Straße
herantrat, erreichen.
Um womöglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich
erst so spät als möglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst,
nachdem er über eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit
des Gehölzes befand, hinter sich haben würde.
Zum Unglück aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand
überschritt, das Roß eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu.
Sein Reiter lief ihm nach, es zurück zu führen, als er aber beim ersten
schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er
laut:
„Achtung!“
Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und stürzte
hervor auf die Straße.
Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop
davon zu jagen.
Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer
Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen.
Jetzt saß Michael Strogoff schon auf dem Pferde.
Da krachte ein Schuß und eine Kugel durchlöcherte den Mantel des Couriers.
Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide
Sporen, erreichte mit einem kühnen Sprunge vom Waldrande aus die Straße
und jagte mit verhängtem Zügel in der Richtung nach dem Obi davon.
Die usbeckischen Pferde waren abgezäumt worden, er mußte also vor den
Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen können; freilich
beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hörte er, kaum
zwei Minuten nachdem er das Hölzchen verlassen, die schnellen Tritte
mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach näher kamen.
Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren
Umkreise alle Gegenstände hervor.
Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, daß ein Reiter ihn
besonders schnell einzuholen drohte.
Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzüglich berittene Officier sprengte der
ganzen Abtheilung voraus und mußte den Flüchtling bald erreichen.
Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den
Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust
getroffen sank der Officier vom Pferde.
Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fuße nach, und ohne sich wegen
ihres gefallenen Führers aufzuhalten, sausten sie unter wildem
Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrückt, weiter,
und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael
Strogoff.
Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer außerhalb der
Tragweite ihrer Schießwaffen zu halten, aber er bemerkte leider, daß die
Kräfte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und fürchtete mit Recht, daß
dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderniß stieße, stürzen würde, um nicht
wieder aufzustehen.
Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch
nicht über dem Horizonte stand.
In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlängelte sich eine durch Bäume
begrenzte hellere Linie hin.
Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von
Südwesten nach Nordosten dahinfloß und als dessen Thalbett man füglich die
ganze umgebende Steppe ansehen mußte.
Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne daß
eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals mußte auch er gegen Reiter, die ihm
zu gefährlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal
rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet
in den Sand.
Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael
Strogoff’s ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode
erschöpft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Flußufer zu
treiben.
Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fünfzig Schritte hinter
ihm.
Auf dem vollständig verlassenen Obi erblickte er weder eine Fähre, noch
ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen über den Strom hätten dienen können.
„Jetzt Muth, mein wackres Roß! rief Michael Strogoff. Vorwärts! Jetzt
gilt’s die letzte Anstrengung!“
Er stürzte sich in den Fluß, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst
betragen mochte.
Gegen die rasche Strömung war nur schwer anzukämpfen. Michael Strogoff’s
Pferd konnte nirgends Fuß fassen. Ohne jeden Stützpunkt mußte es die
brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder
von Muth gehörte für Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu
trotzen.
Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich
ebenfalls in denselben nachzustürzen.
In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte
sorgfältig auf den Flüchtling, der sich schon in der Mitte der Strömung
befand. Der Schuß krachte, und tödtlich in der Flanke getroffen versank
das Pferd Michael Strogoff’s unter seinem Reiter.
Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbügeln, eben als sein
treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er
unter fortwährendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der
Oberfläche Athem schöpfend trotz des nachgesendeten Kugelregens glücklich
an das rechte Flußufer und verschwand hinter den Gebüschen, die sich längs
des Obirandes hinzogen.
Siebenzehntes Capitel.
Bibelsprüche und Liederverse.
Michael Strogoff befand sich einigermaßen in Sicherheit; immerhin war
seine Lage noch eine schreckliche.
Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den
Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise
fortsetzen können?
Er war zu Fuß, ohne Lebensmittel, in einem durch die Empörung verwüsteten,
durch die Plänkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine
große Strecke von dem Ziele, das er erreichen mußte, entfernt.
„Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle
Einwände der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen.
Der Herr schützt das heilige Rußland!“
Michael Strogoff befand sich jetzt außerhalb des Bereichs der usbeckischen
Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Fluß weiter zu verfolgen,
und mußten auch annehmen, daß er ertrunken sei, da sie ihn nach dem
letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder
auftauchen sahen.
Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers
hinschlüpfend eine höhere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit großer
Mühe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurückgebliebener
Schlamm seinen Weg sehr schlüpfrig machte.
Als er festen Grund und Boden unter sich fühlte, hielt Michael Strogoff an
und überlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darüber
einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu
vermeiden. Dennoch mußte er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais
zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen.
Mit diesen wollte er sich außerhalb der besetzten Wege halten und die
Straße nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen.
Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so
daß er nach dem Südosten der Provinzen am Baïkalsee herabgelangen konnte.
Zunächst begann Michael Strogoff sich zu orientiren.
Zwei Werst vor ihm längs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in
pittoresken Stufen auf einem leichten Landrücken. Einige Kirchen mit
byzantinischen, grün und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am
grauen Himmelsgrunde ab.
Das war Kolywan, wohin die niederen und höheren Beamten aus Kamsk und
anderen Städten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der
Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten,
die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Händen der
Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen
hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der
Mitte aber frei liegen lassen.
Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand
darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des
Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und wäre es auch um
den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach
Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr
Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen
vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevölkerung auf der
Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen
vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jeniseïsk zurückgezogen.
Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als
entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen.
Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die
Luftschichten erschütterte, und dazu ein trockenes Knattern, über dessen
Natur er sich nicht täuschen konnte.
„Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er für sich. Das
kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O
gebe der Himmel, daß ich vor ihnen in Kolywan ankomme!“
Michael Strogoff täuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen
deutlicher, und weiter rückwärts, links von Kolywan, lagerten sich weiße
Dämpfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf
abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt.
Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den
Ausgang der Schlacht abzuwarten.
Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu fürchten und
beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt.
Inzwischen wurde der Kanonendonner stärker und näherte sich merklich. Es
war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich
unterscheidbarer Donnerschläge. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde
entführte Dampf in die Luft, und man erkannte, daß die Kämpfer im Süden
offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der
Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die
Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu
entreißen? Das ließ sich für jetzt unmöglich erkennen und setzte Michael
Strogoff in nicht geringe Verlegenheit.
Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl
mitten aus den Häusern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche
unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach.
Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff mußte es wohl glauben;
in diesem Falle kämpften die Russen und Tartaren also in den Straßen der
Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht
Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, daß es ihm
gelingen werde, aus Kolywan ebenso glücklich zu entfliehen, wie vorher aus
Omsk?
Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen
Augenblick still.
Erschien es nicht besser, sich zu Fuß nach Süden oder Osten, bis zu irgend
einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern,
durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen?
Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael
Strogoff, indem er das Ufer des Obi verließ, nach der rechten Seite von
Kolywan.
Gerade jetzt krachten die Geschütze lauter als je. Bald züngelten Flammen
an der rechten Seite der Stadt in die Höhe; die Feuersbrunst ergriff ein
ganzes Stadtviertel von Kolywan.
Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und
suchte den Schutz einiger Bäume zu erlangen, welche da und dort verstreut
standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten
Stromufer erschien.
Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr
fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es wäre ihm schwer
geworden, ihnen zu entgehen.
Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebüsch ein isolirtes
Häuschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen.
Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich
daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, nöthigenfalls sich anzueignen,
womit er seine Kräfte wieder herstellen könnte, denn er war nun wirklich
erschöpft von Hunger und Strapazen.
Er stürzte also auf dieses höchstens eine halbe Werst entfernte Häuschen
zu. Näher gekommen sah er erst, daß dieses Gebäude ein Telegraphenbureau
war. Zwei Drähte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter
Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt.
Wohl hätte man voraussetzen können, daß dieses Bureau unter den jetzigen
Verhältnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael
Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich
dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plänkler
durchirrten.
Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thür des Hauses zu und stieß
sie schnell und heftig auf.
Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die
Telegraphenleitungen zusammenliefen.
Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um
das Geringste kümmerte, was in der Außenwelt vorging. Treu auf seinem
Posten ausharrend, wartete er, daß das Publicum seine Dienste in Anspruch
nehme.
Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschöpfung
gebrochener Stimme:
„Was wissen Sie Neues?
-- Ei nichts, erwiderte der Beamte lächelnd.
-- Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden?
-- Man sagt es.
-- Aber wer ist Sieger?
-- Das weiß ich selbst nicht.“
So viel Gemütlichkeit unter so schrecklichen Verhältnissen, so viel
Indifferenz erschien doch kaum glaublich. „Und der Draht ist noch nicht
zerschnitten? fragte Michael Strogoff.
-- Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstört, sie
functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze.
-- Für die Regierung?
-- Für die Regierung, wenn sie es für nöthig erachtet, für das Publicum,
wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt,
mein Herr?“
Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, daß
er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod
und Wasser zu erbitten, als die Thür des Hauses wieder hastig aufgerissen
wurde.
Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von
Tartaren überfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah,
daß nur zwei einzelne Männer in den Raum eintraten, die tartarischen
Soldaten nicht im Geringsten ähnelten.
Mit einem leicht erklärlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in
diesen zwei Männern zwei Persönlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im
Entferntesten dachte und die er überhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt
hatte.
Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet,
jetzt keine Reisegefährten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie
ihre Thätigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen.
Ischim verließen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael
Strogoff’s Weiterreise, und wenn sie auf derselben Straße Kolywan vor ihm
erreichten, ja, ihn selbst unterwegs überholten, so kam das daher, daß
Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebüßt hatte.
Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und
tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem
Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Straßen der Stadt hinein
fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre
rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die
erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen.
Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte
von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hören.
Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen
abnehmen zu können, ob er sich nach Kolywan hinein wagen dürfe oder nicht.
Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den
Platz am Schalter eingenommen, während Alcide Jolivet ganz gegen seine
Gewohnheit ungeduldig mit den Füßen stampfte.
„Jedes Wort kostet zehn Kopeken“, sagte der Beamte, die Depesche entgegen
nehmend.
Harry Blount stapelte auf einer Zähltafel eine kleine Säule Rubel auf, die
sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete.
„Schön, schön“, sagte der Beamte.
Und mit der unerschütterlichsten Kaltblütigkeit der Welt begann er
folgende Depesche abzutelegraphiren:
-„Daily-Telegraph, London.-
-„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August.-
-„Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ...“-
Da die Worte laut vorgelesen wurden, hörte Michael Strogoff auch Alles,
was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte.
-„Die russischen Truppen mit großen Verlusten zurückgedrängt. Tartaren an
demselben Tage in Kolywan eingezogen ...“-
Diese Worte beendigten die Depesche.
„Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine
im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte.
Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser
dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die
er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten
zu können. Er machte also seinem Gefährten nicht Platz.
„Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet.
-- Ich bin noch nicht zu Ende“, antwortete einfach Harry Blount.
Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten übergab,
welcher sie mit stets gleichmäßig ruhiger Stimme durchlas:
-„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!...“-
Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount
telegraphirte, um die Zeit auszufüllen und seinem Collegen gegenüber den
einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem
Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafür auch die
allerersten Berichte. Frankreich konnte warten!
Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet’s. Unter allen
anderen Verhältnissen hätte er zwar begriffen, daß dieses Verfahren ein
gesetzlich vollkommen begründetes war, jetzt suchte er aber den Beamten
womöglich zu nöthigen, daß er seiner Depesche vor der Fortsetzung der
seines Collegen den Vorzug gebe.
„Der Herr ist in seinem Recht“, bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er
auf Harry Blount wies und ihm liebenswürdig zulächelte.
Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der
heiligen Schrift zu telegraphiren.
Während der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig
an’s Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan
vorging, um seine Berichte zu vervollständigen.
Einige Augenblicke später nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und
fügte seinem Telegramm hinzu:
-„Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem
rechten Flußufer zu auszubreiten. Und die Erde --war wüste und leer und es
war finster auf der Tiefe ...“-
In Alcide Jolivet stieg eine höllische Lust auf, den ehrenwerthen
Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwürgen.
Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der nämlichen
Ruhe die Antwort gab:
„Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort
kostet zehn Kopeken.“
Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry
Blount brachte.
-„Russische Flüchtlinge drängen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es
werde Licht und es ward Licht!...“-
Alcide Jolivet wollte buchstäblich vor Wuth bersten.
Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurückgekehrt, zog aber
seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem
Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die
Länge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet
hatte, nahm Alcide Jolivet geräuschlos am Schalter Platz und übergab, nach
Deponirung einiger recht anständiger Rubelrollen, seine Depesche dem
Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas:
-„Madeleine Jolivet,-
-„10, Faubourg Montmartre (Paris).-
-„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August.-
-„Flüchtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige
Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ...“-
Und als Harry Blount nach dem Schalter zurückkehrte, vernahm er nur, wie
Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone
vervollständigte:
-„Es ist ein kleines Männchen,-
-Gekleidet ganz in Grau,-
-In Paris!...“-
Da er es für unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu
mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Béranger’s an
Stelle der Bibelverse.
„Oha! platzte Harry Blount heraus.
-- Ja ja, so geht’s“, erwiderte lachend Alcide Jolivet.
Inzwischen gestalteten sich die Verhältnisse in den Umgebungen Kolywans
immer bedrohlicher. Die Schlacht wälzte sich näher heran, der
Geschützdonner krachte immer entsetzlicher.
Da erzitterte plötzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen.
Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke
erfüllte den ganzen Raum.
Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder:
-„Bausbäckig, wie ein Apfel,-
-Doch ohn’ ein’n Heller Geld ...“-
Dann hielt er inne, stürzte auf die Granate zu, erfaßte sie noch vor der
Explosion derselben mit beiden Händen, warf sie zum Fenster hinaus und
trat wieder an den Schalter – Alles das Werk eines Augenblicks.
Fünf Secunden später zersprang die Granate vor dem Hause in tausend
Stücke.
Alcide Jolivet ließ sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht
stören und fügte dem völlig ruhig und kaltblütig hinzu:
-„Eine sechspfündige Granate schlug soeben durch die Mauer des
Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ...“-
Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, daß die Russen aus Kolywan
vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die
südliche Steppe zu wagen.
Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein
Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben.
An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde.
Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufügen.
-„Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von
einer Kugel getroffen ...“-
Da unterbrach ihn der kaltblütige Beamte und sagte mit seiner
unerschütterlichen Ruhe:
„Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen.“
Den Schalter schließend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, bürstete ihn
sorgfältig mit dem Ellbogen und verließ, immer lächelnd, das Haus durch
eine kleine Nebenthür, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war.
Das Gebäude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so
daß weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rückzug zu
bewerkstelligen vermochten.
Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem
auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Mühe, letzteren auf die
Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spät!
Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff,
als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die
Hände der Tartaren!
Ende des ersten Bandes.
Collection Verne. Band 23.
*Der Courier des Czaar.*
(Michael Strogoff.)
Von
*Julius Verne.*
-Autorisirte Ausgabe-
Zweiter Band.
*Vierte Auflage.*
Wien. Pest. Leipzig.
-A. Hartleben’s Verlag.-
Alle Rechte vorbehalten.
K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.MICHAEL STROGOFF.
Zweiter Theil.
Erstes Capitel.
Ein tartarisches Feldlager.
Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk
breitet sich eine große Ebene aus, auf der sich einige hohe Bäume,
vorzüglich Tannen und Cedern, erheben.
Während der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewöhnlich von
sibirischen Hirten besucht und gewährt auch den zahlreichen Heerden
derselben hinlängliche Nahrung. Jetzt hätte man wohl vergeblich nach einem
dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht daß diese fruchtbare Ebene
verlassen und öde gewesen wäre, – im Gegentheil, sie zeigte ein ganz
außergewöhnliches Leben.
Hier erhoben sich nämlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte
Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am
7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen
russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000
Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestützten,
feindlichen Heersäulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert
Soldaten davon gekommen.
Der Verlauf der Ereignisse war also kein günstiger, und die kaiserliche
Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedrängt, – mindestens für
den Augenblick, denn früher oder später mußte es den Russen ja wohl
gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die
räuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche
Einfall sich über das empörte Land entweder nach den Provinzen im Westen,
oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller
Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der
Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens
zu besetzen, so mußte sie wohl, bei den mangelhaften Kräften zu ihrer
Vertheidigung, den Tartaren in die Hände fallen, und bevor es dann möglich
wurde, sie diesen wiederum zu entreißen, blieb der Großfürst, der Bruder
des Kaisers, den Rachegelüsten Iwan Ogareff’s preis gegeben.
Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last
so vieler Prüfungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel
Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten?
Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung für verfehlt, die
Ueberlieferung seines Mandats für unmöglich an?
Michael Strogoff gehörte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr
regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war
sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte
er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiß befand er sich
unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh
daher trieben; aber mit der Annäherung an Tomsk kam er auch Irkutsk näher,
und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurück.
„Ich werde noch ankommen!“ wiederholte er sich immer wieder.
Seit jener Affaire bei Kolyvan drängte sich seine ganze Lebenskraft
zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den
Soldaten des Emirs entrinnen würde? – Das wollte er sehen, wenn der
passende Zeitpunkt da wäre.
Feofar’s Feldlager bot einen prächtigen Anblick. Zahllose Zelte aus
Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der
Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen
wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin
und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehörten den Seids und den
Khodjas, den vornehmsten Männern des Khanates, an. Eine besondere Flagge,
mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem
kunstvoll geordneten Bündel rother und weißer Stäbe erhob, bezeichnete den
hohen Rang dieser Tartarenhäuptlinge. Weit über Sehweite hinaus
erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, „Karaoys“
genannt, die auf dem Rücken der Kameele mitgeführt wurden.
Das ganze Lager zählte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fußvolk
als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan,
zuerst die Tadjiks mit ihren schönen, regelmäßigen Zügen, weißer
Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, mächtigen Wuchse, –
die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und
Kunduz nahezu ein gleich großes Contingent wie Bukhara geliefert hatten.
Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Stämme, welche
entweder in Turkestan seßhaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete
grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem
Barte, ganz ähnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff’s
ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der
Kalmücken ähnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein
Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft führte, ein anderer
mit dem Säbel, einem Luntengewehre und dem „Tschakane“, d. i. eine kurz
gestielte Axt, welche leicht tödtliche Wunden verursacht, ausgerüstet
erschien. Dazu mittelgroße Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in
einen Zopf geflochten auf den Rücken hinabfiel, mit rundlichem,
sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder
sehr spärlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbrämte
Nankingstoffe, geschmückt mit Ledergürteln, mit Silberschnallen,
Schnürstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Mützen, von denen
nach rückwärts drei Bänder hinausflatterten. Endlich sah man auch
tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schönen semitischen
Racen und Turkomanen mit engen gedrückten Augen, an denen die Lider ganz
zu fehlen schienen, – Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs,
einer Fahne von Mordbrennern und zerstörungssüchtigen Horden.
Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl
Sklavenhaufen, vorzüglich Perser, welche von eingeborenen Anführern
befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschätzt
wurden.
Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels
eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des
ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkäppchen,
und endlich darunter gemischt noch Hunderte „Kalender“, eine Art
religiöser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothdürftig
bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollständigen Vorstellung
des fast unübersehbaren Gemisches der verschiedenen Völker und Stämme
gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.
Fünfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben
nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu
je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in
Knoten geknüpft, deren Rücken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren,
unterschied man die feingebauten, großen Turkomanen mit glänzendem Haar
und stolzer Haltung; die ausdauernden, kräftigen Usbecks; die
Khokhandiner, welche außer ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze
Kücheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den
Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels „Arkan“, d. i. der
Lasso der Tartaren, einfängt, und endlich viele andere Abkömmlinge
gekreuzter Racen von geringerem Werthe.
Lastthiere zählten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich
kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte
Mähne ihren Hals verhüllte, gelehrige und leichter als die Dromedare
zähmbare Thiere; ferner einhöckerige „Nars“ mit rothgelbem, gelocktem
Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten
und deren sehr geschätztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung
der Tartaren ausmacht.
Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, über diese ungeheuren
Haufen von Zelten verbreiteten in größeren Gruppen zusammen stehende
Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und
dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen
höchst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle
Farben seiner Palette hätte erschöpfen müssen.
Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar’s und der
Großwürdenträger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und
schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getöse mischte sich aber
auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und
sechspfündiger Geschütze, welche die Artillerie des Emirs bildeten.
Feofar lebte hier unter rein militärischer Umgebung und Lebensweise. Seine
Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner
Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Händen der Tartaren war.
Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt
werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien
endgiltig zu vertauschen hoffte.
Feofar’s Fürstenzelt überragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus
breiten Stücken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit
goldenen Fransen zusammenhielten, überragt von dichten Troddeln, welche
der Luftzug fächerartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer
weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch prächtige Birken und
gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem
glänzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geöffnet der
heilige Koran, dessen Blätter aus ganz dünnen, fein gravirten
Goldplättchen bestanden. Darüber flatterte die tartarische Fahne.
Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der höchsten
Beamten von Bukhara. Da wohnten der Großstallmeister, dem das Recht
zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der
Groß-Falkenier, der „Housch-Begui“, d. i. der Siegelbewahrer des
Herrschers, der „Toptschi-Baschi“, d. i. der Oberbefehlshaber der
Artillerie, der „Khodja“ oder Vorsitzende des Großen Rathes, der von dem
Fürsten geküßt wird und sich vor ihm mit offenem Gürtel zeigen darf, der
„Scheik-ul-Islam“, der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste,
der „Cazi-Askev“, der in Abwesenheit des Emirs über alle Streitfragen
zwischen Militärs zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen,
deren Hauptgeschäft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan
beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln.
Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden,
glücklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm
hätte wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er
hielt sich aber zurück in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestät
der orientalischen Fürsten erhält. Man bewundert Den, der sich nicht
zeigt, und fürchtet ihn mehr.
Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzäunung eingepfercht, wo sie
mißhandelt, nur nothdürftig ernährt und allen verderblichen Einflüssen des
Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar’s entgegen harrten.
Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiß
Michael Strogoff. Er ließ sich gern führen, denn man führte ihn dahin,
wohin er selbst wollte, und das in verhältnißmäßiger Sicherheit, die er,
frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie hätte
finden können. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt hätte ihn
unzweifelhaft in die Hände der Plänkler zurück geliefert, welche die
umgebende Steppe durchschwärmten. Die östlichste, von den Schaaren der
Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht über dem zweiundachtzigsten
Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung
dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich außerhalb
des von Feinden überschwemmten Gebietes zu befinden, den Yeniseï gefahrlos
zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese
Provinz besetzte.
„Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner
Ungeduld, deren er nicht völlig Meister werden konnte, zu unterdrücken,
werde ich binnen wenigen Minuten über die Vorpostenkette hinaus sein, und
zwölf Stunden vor Feofar, zwölf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein,
das genügt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!“
Was Michael Strogoff am meisten fürchtete und wohl auch fürchten mußte,
das war die Anwesenheit Iwan Ogareff’s in dem tartarischen Lager.
Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser
Instinct, daß es für ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem
Verräther zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, daß durch die
Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff’s und Feofar-Khan’s die
feindliche Armee nun vollzählig wurde und mit aller Macht nach der
ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte
in ihm aber die schwersten Befürchtungen, und aufmerksam lauschte er auf
jeden schmetternden Trompetenstoß, ob dieser etwa das Eintreffen jenes
Unterbefehlshabers des Emirs verkünde.
An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter
und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurück geblieben, die Andere auf den
Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese
ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte
Nichts für sie zu thun! Würde er jene Zwei überhaupt wiedersehen?
Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu
beantworten wagte.
Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch
Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt
worden. Ihr früherer Reisegefährte wußte zwar, daß Jene in derselben dicht
mit Wachtposten besetzten Umzäunung untergebracht waren, er hatte sich
ihnen aber nicht zu nähern gesucht. Nur wenig kümmerte es ihn jedoch, was
sie über ihn bezüglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken möchten;
er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein
handeln zu können. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite.
Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite
fiel, diesem die größte Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager,
daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch,
daß er sich auf den Arm seines Rivalen stützte, dem Gefangenenzuge folgen.
Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Engländer legitimiren, das
hätte ihm aber gegenüber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstößen und
Säbelhieben antworteten, nicht im mindesten genützt. Der ehrenwerthe
Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunächst das Schicksal
aller Uebrigen, und blieb es ihm überlassen, später zu reclamiren und
Satisfaction für die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte
er aber seiner Wunde wegen nur mit der größten, schmerzlichen Anstrengung
zurück, und ohne Alcide Jolivet’s Hilfe wäre er wohl kaum im Stande
gewesen, das Lager zu erreichen.
Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche ließ,
hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote
stehenden Mittel möglichst gestärkt. Als er sich unabwendbar in jene Hürde
eingeschlossen sah, eilte er zunächst, Harry Blount’s Wunde zu
untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er
überzeugte sich, daß dessen Schulter nur von dem Sprengstück einer Kugel
gestreift worden war.
„O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder
drei kühlen Aufschlägen ist die ganze Sache vorüber.
-- Aber diese nothwendigen Umschläge?... fragte Harry Blount.
-- Die mache ich Ihnen selbst.
-- Sie sind also ein wenig Arzt?
-- Alle Franzosen sind halbe Aerzte!“
Nach dieser dreisten Versicherung zerriß Alcide Jolivet sein Taschentuch,
zupfte aus einem Stücke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem
Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen
Ziehbrunnen Wasser, wusch die glücklicher Weise nur leichte Wunde
sorgfältig aus und legte mit großer Geschicklichkeit die feuchten
Leinenstücke auf Harry Blount’s Schulter.
„Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Flüssigkeit ist das
wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt,
und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000
Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000
Jahre!
-- Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf
ein Lager von dürren Blättern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im
Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte.
-- Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie hätten an meiner Stelle
dasselbe gethan.
-- Ja, ich weiß nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv.
-- Sie Spaßvogel! Alle Engländer sind edelmüthig!
-- Gewiß, aber die Franzosen ...?
-- Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfältig; aber
was das wieder gut macht, ist, daß sie eben Franzosen sind. Doch sprechen
wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar
nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe.“
Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als
Verwundeter vernünftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war
das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der
Fall.
„Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, daß unsere letzten Depeschen noch
über die russische Grenze befördert worden sind?
-- Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde
wird meine glückselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei
Kolyvan zu halten ist.
-- Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry
Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen
richtete.
-- Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine
ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hört und
unglücklich sein würde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer
störte.
-- Ich mag nicht schlafen, versetzte der Engländer. -- Was urtheilt Ihre
Cousine wohl über die Sachlage?
-- Nun, daß es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch,
was da! die moskowitische Regierung ist mächtig, sie braucht sich wegen
eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird
und kann ihr nicht verloren gehen.
-- Ueberhebung hat schon die größten Reiche gestürzt! antwortete Harry
Blount, der von einer gewissen „englischen“ Eifersüchtelei wegen der
russischen Prätensionen in Centralasien nicht ganz frei war.
-- O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der
Facultät untersagt! Für Schulterwunden giebt es gar nichts Gefährlicheres!
... Sie müßten denn dadurch einschlummern wollen!
-- So sprechen wir davon, was uns zu thun übrig bleibt, lenkte Harry Blount
ein. Ich, Herr Jolivet, verspüre nicht die mindeste Lust, hier unbedingt
Gefangener der Tartaren zu bleiben.
-- Ich bei Gott auch nicht!
-- Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen.
-- Ja, wenn’s zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel
giebt.
-- Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter
erwartungsvoll an.
-- Gewiß! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden
reclamiren.
-- Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere?
-- Nein, er verstände das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan
Ogareff, seinem Untergeneral.
-- Der ist ein Schurke!
-- Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiß, daß er
mit dem Völkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns
zurückzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht
schwer werden.
-- Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn
noch nicht bemerkt, äußerte Harry Blount.
-- Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muß sich hier dem Emir
anschließen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und
offenbar erwartet ihn nur Feofar’s Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren.
-- Und was thun wir, wenn wir frei sind?
-- Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den
Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner
überzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenflüchtig werden! Wir
stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glück gehabt,
im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, – ich
habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwärts!
Vorwärts! – Ach, schön, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert
ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser,
mehr bedarf es nicht, um einen Engländer wieder auf die Beine zu bringen.
Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!“
Und während Harry Blount der Ruhe genoß, wachte Alcide Jolivet an seiner
Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen
bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter,
gewiß zur größten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich
zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Männer an einander
geknüpft und sie weiterer Eifersüchtelei enthoben.
Was also Michael Strogoff vor Allem fürchtete, gerade das wünschten die
beiden Journalisten sehnsüchtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff’s
mußte für diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft
eines englischen und französischen Correspondenten erst festgestellt war,
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