daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen.
Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein
schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“ verlassen zu
haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.
Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so
erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die
Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse
urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen
zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere
Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.
Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael
Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod
figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die
ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer
Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter
von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig
den Flitterstaat darunter verhüllten.
Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen,
erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht.
Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem
Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.
„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber
unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem
Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig
gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“
Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, daß der ihn besonders
angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann
und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen
dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt
worden seien.
Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des
Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu
kehren.
Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen
Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er
sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke
Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen
Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem
breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel.
Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur
deutlich zu erkennen.
Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig
Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und
üppigem Haar in stolzer Haltung.
Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle
zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind
im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche
mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht
entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.
Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich
hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:
Am braunen Hals die Koralle blinkt,
Die goldene Nadel im Haar;
Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,
Zum Lande der ...
Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht
mehr.
Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer
Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge
ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.
Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der
Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.
„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich
als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘
titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch
deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen ...“
Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu
folgen, aber er bezwang sich noch.
„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten
Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito
aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze
gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß
wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber
dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen
sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig,
bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“
Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge
verschwunden.
Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt
als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt
das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die
Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den
über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große
Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit
Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.
Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael
Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges
über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie
Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag
sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern,
der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem
Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so
zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach
Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.
Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“,
rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht
Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der
Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden
Augenblick abfahren.
Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon
eingenommen.
Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der
eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.
Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?
Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide
Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die
Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder
bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte
er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände
seines Collegen, nieder.
„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte
Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube
ähnelte.
-- Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt
und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff
chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken,
nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau
ist’s eine tüchtige Strecke.
-- Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich
dabei zusammenzogen.
-- Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem
liebenswürdigsten Lächeln.
-- Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung?
-- Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von
Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.
-- Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?...
-- Mit reinem Feuereifer!
-- Sie haben also gehört ...
-- Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete
Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor
Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über
Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der
Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“
Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht,
während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben
mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische
Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!
Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach
dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.
Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und
erschien auf dem Verdeck.
Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.
„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile
des Schiffes gelangt waren.
Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.
Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier
verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um den
immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu
durchpflügen.
An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren
verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer
denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten,
und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.
Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich
bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf
dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit
mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer
Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen
des Himmels zu verschmelzen schien.
Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck
auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr
Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren
Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn
sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont
durchbohren.
Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie
sich zu ihm hinwendete:
„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?
-- Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.
-- Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.
Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es
den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen
des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten
Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger
Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte,
der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und
Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren
beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte
sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner
Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis,
Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas
Thee.
Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten,
nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und
Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.
Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle
Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu
werden:
„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor
kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt
nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.
-- Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es
als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in
die Arme ihres Vaters zu führen.
-- Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.
Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen
Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden
kein Hinderniß im Wege stehen werde.
Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses
einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem
Vater zu gelangen!
„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu
gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod
ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du
mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen
können.
-- Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du
Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?
-- Es war meine Pflicht, Bruder.
-- Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte
Land kaum zu passiren ist?
-- Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt,
erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese
Neuigkeiten.
-- Und setztest trotzdem Deine Reise fort?
-- Es war meine Pflicht.“
Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens.
Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.
Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein
geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im
Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen
Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen
und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne
Verzug über die Grenze.
Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und
seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße
Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.
Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte
dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben
können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem
Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben
können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch
schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des
Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist
dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald
zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb
Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser
weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen.
Sie that, was sie konnte!... Gott würde das Uebrige thun!
Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht
brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die
Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem
Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das
Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.
Neuntes Capitel.
Tag und Nacht im Tarantaß.
Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in
Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.
Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der
umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis
nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie
Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag
allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig
aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen.
Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel
an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit
allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien
dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht
angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches an der asiatischen
Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs
versorgt zu sehen.
In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen
meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits
kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im
Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen
Steppenwüsten wagt.
Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und
durfte dasselbe nur erfüllen.
Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich
schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse
hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael
Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel
verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen
haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu
wechseln, wobei er durch splendide „-na vodku-“ (Trinkgelder) den Eifer
der Postillone anzuspornen hoffen durfte.
Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft
beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge
dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam
also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen.
Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb
Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn
die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen
würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem
Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.
An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen
Tarantaß oder einen Teleg?
Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg
aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles
stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der
einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke
hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles
Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer
Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es
längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den
Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden
die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert.
Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und
während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der
Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber
man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.
Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen
müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.
Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten
Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem
Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart;
aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten
Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen
Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor
dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche
herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande
und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß
ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits
weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.
Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß
aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen
zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe
nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff
auch hier treu zu bleiben.
Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem
Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe
Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte
sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.
„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine
bequemere Fahrgelegenheit gesucht.
-- Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß
aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.
-- An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische
Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.
-- Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das
junge Mädchen. Wenn Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so
verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“
Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei
Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere
ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt,
klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen
angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel
mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen
war, d. i. der russische „-duga-“; die beiden andern waren einfach mittels
Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. Von Zaum und Gebiß keine
weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.
Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck
mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen
mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede
Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das
sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die
Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur
für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch
nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.
Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des
Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen
Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen
langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen
Hut, rothen Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit
dem kaiserlichen Abzeichen.
Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden
des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel
hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine
nicht mißzudeutende Bewegung.
„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er
verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.
-- Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon
recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das
Trinkgeld!“
Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der
Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten
Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei
Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch
vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft.
Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu
fliegen, wie der König der Vögel.
Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein.
Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht
wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu
können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen
Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde
übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag
verließ der Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog
in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.
Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem
Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst
verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört,
wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter
Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart
als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der
Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen
Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber,
wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der
Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die
ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz
nutzlos gewesen, aber „-na pravo-“, rechts, oder „-na levo-“, links,
diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr
Wirkung, als Zügel und Zaum.
Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!
„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen
Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur
Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“
Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso
vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen
schienen.
„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge
Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt
verdammt sein!“
Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche
mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in
Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte
zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.
Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung
gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn.
Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder
tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben,
die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief
Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie
beklagte sich nicht.
Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin
gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur
ankommen! verfolgt, begann sie:
„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich
mich geirrt?
-- Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg
werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.
-- Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?
-- Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und
Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach
Irkutsk eilen.
-- Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen
Tag und Nacht fahren.
-- Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so
können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.
-- Du hast diese Reise schon einmal gemacht?
-- Schon mehrere Male.
-- Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?
-- Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer
gelitten haben.
-- Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.
-- Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese
Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen
Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner
Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis überziehen, meine
Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener
Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt
mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es,
wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein
Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein
Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar
weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth
suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das
harte Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden,
Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren
Leichname der wehende Schnee begrub!
-- Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.
-- Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei
seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben.
Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten
hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche,
unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste
verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!
-- Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge
Liefländerin.
-- Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.
-- Und was thatest Du in Omsk?
-- Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.
-- Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm
die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich
Nichts hätte zurückhalten können?
-- Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott
würde Dir geholfen haben!“
Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden
Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren
Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können.
Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder
dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den
Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl
auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar
Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre
Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn
auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.
Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden
auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais
ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne
sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu
machen.
Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen
Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und
Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus
jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen
einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen
und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie
wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und
giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den
„Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die
Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der
ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst
sendet“.
Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem
unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie
viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.
„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.
-- Es ist eine Berline?
-- Nein, ein Teleg.
-- Wie viel Reisende?
-- Zwei.
-- Sie haben es eilig?
-- Es sind Adler!
-- Laßt schleunigst anspannen.“
Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang
aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.
Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die
drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein
Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein
warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den
Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael
Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten,
fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger
Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße
des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb
zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der
die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.
Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks,
weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den
Relais verloren, keine Stunde unterwegs.
Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die
ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die
Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch
in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen
hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst
während der folgenden Nacht stattfinden.
Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge
dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer
gewitterschwüler.
Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten
in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß
unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der
Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden
Donner aufmerksam machte, fragte er nur:
„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?
-- Ja.
-- Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?
-- Ungefähr eine Stunde.
-- Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in
Jekaterinenburg sind.“
Zehntes Capitel.
Ein Unwetter in den Uralbergen.
Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200
Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht,
der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus
russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den
betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit
dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie
den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.
Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von
Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße
einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach
Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der
leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten
centralasiatischen Handels dient.
Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der
Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein
Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu
werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur
durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.
Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich
versorgt war. Die Wagendecke, die ein schärferer Windstoß leicht hätte
wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser
gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus
übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die
Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die
in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden.
Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes,
deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit
einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange.
Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den
Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.
Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte
sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei
Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem
Regen und Sturme schützen mußten.
An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen
angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht
gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung
des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so
dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa
entgegenkommenden Wagen.
Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und
gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.
„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.
-- So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.
Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten
Vorberge des Urals hinan.
Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es,
trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht
dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu
drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie
auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das
doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom
Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art
phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von
sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der
Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den
Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren
Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen,
dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen.
Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten
die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel,
durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu
laufen in einen Abgrund zu stürzen.
Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr
bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist
daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter
über das Gebirge schüttet, schmelzen vollständig bei der Sonnenwärme des
Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die
Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer
Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So
begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig
und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen
in gut fahrbarem Zustande.
Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet
Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und
man sich in diesem Gewühle befindet.
Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen
bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für
ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier
während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.
Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das
Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete
scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit
phantastischen Schattenbildern belebte.
Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während
ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel
und die Erde musterte.
Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen
rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur
nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken,
aus irgend welchem Grunde gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das
Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des
Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben
und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des
Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte
Funken sprühten.
Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder
einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden
Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte
im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar,
keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe,
welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die
Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael
Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das
fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller
Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden
Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu
handeln?
Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr
begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr
aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern
auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße
gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße,
dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von
Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine
Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des
Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein
monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe
des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere
verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den
Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens
vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast
zusammen.
„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael
Strogoff den Jemschik.
-- Um ein Uhr früh ... wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit
ungläubigem Kopfschütteln.
-- Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den
Bergen, nicht wahr?
-- Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.
-- Hast Du Furcht?
-- Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest,
abzufahren.
-- Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.
-- Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein
Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.
In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es
glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher
noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes,
dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff
einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm
brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten
durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder
schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht
hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte
bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor
sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.
Stutzend hielten die Pferde still.
„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter
knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.
Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.
„Schläfst Du, Schwester? fragte er.
-- Nein, Bruder.
-- Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!
-- Ich bin bereit.“
Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.
Wild tobte der Sturmwind heran.
Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die
Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine
schreckliche Gefahr.
Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche
der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen
gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er
unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden.
Von den Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es
ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die
Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen,
von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen,
Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu
zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines
Gespannes.
Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe.
Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe,
die Thiere zu bändigen.
Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an
der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte,
etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht.
Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang
herab zu poltern.
„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.
-- Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während
er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht
einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran,
uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.
-- Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für
das linke werde ich stehen!“
Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und
er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu
werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie
jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine
Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm
aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.
„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.
-- Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre
Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.
Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm
verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.
„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.
-- Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu
überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.
-- Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.
-- Mach’ es wie ich, ziehe sie!
-- Diese Windstöße werden sich wiederholen.
-- Wirst Du gehorchen?
-- Du willst es.
-- Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum
ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers
gebrauchte.
-- Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das
Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.
So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht
mehr seitwärts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das
nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten.
Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei
Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren.
Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt
schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die
Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der
erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.
Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese
kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel
des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein
in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel
von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum
niederschüttete.
Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer
Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den
Tarantaß herabstürzte.
Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.
Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe
antreiben.
Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.
In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß
getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er
sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte ...
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