und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekümmerte er sich blutwenig. Welches Interesse konnte er daran haben? Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der Herberge zurückzukehren, um sich einige Ruhe zu gönnen. Er folgte auf seinem Rückwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse unzähliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden standen auf eben dem geräumigen Platze, auf dem alljährlich die große Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde – ein Erklärungsgrund für die Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte. Eine Stunde später ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf einem jener russischen Betten, welche dem Ausländer so hart vorkommen, und erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage. Noch hatte er fünf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein Jahrhundert dünkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen, als mit einer Wanderung durch die Straßen wie am Tage vorher? Hatte er sein Frühstück verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu wälzen; deshalb stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches er den Gürtel schnallte. Dann schloß er seinen Reisesack und warf ihn über den Rücken. Da er nicht noch einmal nach „Stadt Konstantinopel“ zurückkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu frühstücken gedachte, um nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und verließ das Gasthaus. Aus übergroßer Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux der Steamer und versicherte sich, daß der „Kaukasus“ zur angegebenen Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, daß die junge Liefländerin, da sie ja ebenfalls über Perm reisen mußte, sich höchst wahrscheinlich auch auf dem „Kaukasus“ einschiffen würde, in welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen mußte. Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau übrigens sehr ähnlich ist, erschien damals merkwürdig verödet. Selbst der Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere Stadt war, so belebt war dafür die untere. Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets bewachten Schiffbrücke über die Wolga, nach dem nämlichen Platze, wo er am Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe vergleichen kann, wird ein wenig außerhalb der Stadt abgehalten. Auf weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl während der ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhörliche Bewachung erfordert. Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und langen, breiten Gängen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf- und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Größe und Form bildete allemal ein besonderes Quartier für je einen bestimmten Handelszweig. Da gab es Quartiere für den Handel mit Eisenwaaren, Quartiere für die Rauchwaaren, für Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem Salzfleische; – es galt das als Musterkarte für die Waaren, welche die Inhaber der Meßmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare, fast amerikanische Reclame! Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, über denen die früh um vier Uhr aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen, Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen, Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europäern und Asiaten, – Alles plauderte, erörterte, stritt und feilschte daselbst. Träger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Meßplatze angehäuft. Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, türkische Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Rüstungen aus Tiflis, Karawanenthee, europäische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Früchte, Gemüse, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums, Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kürbisse, Wassermelonen u. s. w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte der Erde zusammengehäuft. Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur sehr zum Lärmen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht nichts nachgeben zu dürfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren über die endlosen Ebenen zu bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Läden und Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in Nishny-Nowgorod ist so groß, daß der Werth der Handelstransactionen daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark, also 157 Mill. Gulden) beziffert. Auf den Plätzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt tummelten sich eine ganze Menge wandernder Künstler. Seiltänzer und Akrobaten betäubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen Müßiggängern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Tänze producirten; Schauspieler von auswärtigen Gesellschaften, welche die Dramen Shakespeare’s aufführten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge, die in hellen Haufen herzuströmte. In den langen Zwischengängen trieben sich Bärenführer mit ihren vierbeinigen Künstlern ganz sorglos umher, und aus den Menagerien tönten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe Geißel oder das rothglühende Eisen des Thierbändigers in Wuth brachte; endlich in der Mitte des großen Centralplatzes, umrahmt von einem vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor „Seeleute der Wolga“, die auf dem Boden saßen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen Untersteuermanns dieses imaginären Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen nachahmten. Da, welch’ eigenthümliche und reizende Sitte! Ueber den Köpfen dieses Menschenknäuels flogen ganze Wolken von Vögeln aus den Käfigen, in denen man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod sehr beliebten Gebrauche öffneten die Kerkermeister der Vögel gegen einige von gutmüthigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher hinaus. Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch während der sechs Wochen, so lange die berühmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewöhnlich dauert. Nach dieser geräuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Lärm wie durch einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder, die untere versinkt zu ihrer gewöhnlichen Eintönigkeit, und von all’ diesem ungeheuren Zusammenfluß von Kaufleuten, welcher aus aller Herren Ländern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkäufer zurück, der irgend etwas ausböte, noch auch nur ein einziger Einkäufer, der irgend etwas zu erhandeln suchte. Es verdient wohl bemerkt zu werden, daß England und Frankreich bei der dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, – durch die Herren Harry Blount und Alcide Jolivet. Die beiden Correspondenten hatten sich nämlich zunächst hier eingefunden, um zum Besten ihrer Leserkreise Eindrücke zu sammeln, und nutzten auch die wenigen freien Stunden nach besten Kräften aus, denn sie wollten ebenfalls mit dem Dampfer „Kaukasus“ weiter reisen. Sie begegneten sich gerade auf dem Meßplatze, ohne sonderlich darüber zu erstaunen, denn der nämliche Instinct mußte sie ja auf ein und dieselbe Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern beschränkten sich auf eine gegenseitige, etwas kühle Begrüßung. Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, daß hier Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein Notizbuch um einige für die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende Anmerkungen. Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel übernachten müssen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und überlegte sich schon einen geharnischten Artikel über die Stadt, in der die Hôteliers die Reisenden von der Thür wiesen, welche doch bereit waren, sich „moralisch und physisch mißhandeln zu lassen.“ Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indeß hätte es ein feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt, daß er an seinem Zaume nagte. Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Straßen der Stadt, um immer wieder nach dem Meßplatze zurückzukehren. Als er sich da so durch die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten asiatischen Ländern eine offenkundige Unruhe. Die Geschäfte lahmten sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltänzer und Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die Händler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien. Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente. In Rußland erblickt man den Soldaten überall. Die Mitglieder des Heeres mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der Schulter für Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000 Fremdlingen sorgen. Heute fehlte es auf dem Meßplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein plötzliches Ausrücken in ihren Kasernen consignirt. Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezüglich der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjäger und Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewöhnliche Bewegung, welche man sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklären konnte. Die Stafetten jagten einander auf den Straßen der Provinz, sowohl in der Richtung von Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg wechselten die Telegramme unaufhörlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende Vorsichtsmaßregeln. Man durfte nicht vergessen, daß die Stadt im 14. Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden war, welche Feofar-Khan’s Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte. Eine andere hohe Person, den Polizeipräfecten, drückte die Last der Geschäfte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu nehmen, die Ausführung aller Reglements zu überwachen, kamen nicht dazu, die Hände in den Schooß zu legen. Die Tag und Nacht geöffneten Räume des Polizeiamtes waren unaufhörlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt, wie von Fremden aus Europa und Asien. Michael Strogoff befand sich gerade auf dem großen Mittelplatze, als sich das Gerücht verbreitete, der Polizeipräfect sei soeben durch Estafette zum Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene Depesche solle die Veranlassung hierzu sein. Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge einer allgemeinen Ahnung, daß eine eingreifende, ganz unerwartete und außergewöhnliche Maßnahme in Aussicht stehe. Michael Strogoff lauschte auf das Gerücht, um im Nothfall davon Nutzen zu ziehen. „Man will die Messe schließen! rief der Eine. -- Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausrücken erhalten! meinte ein Anderer. -- Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk! -- Da kommt der Polizeipräfect!“ scholl es von allen Seiten. Ein wüstes Geschrei hatte sich plötzlich erhoben, legte sich dann allmälig und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fühlte, daß jetzt eine wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde. Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Troß Beamter, den Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken begleitete ihn und brach ihm durch rücksichtslos ausgetheilte und geduldig hingenommene Rippenstöße Bahn durch die Menge. Der Polizeipräfect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo Jedermann sehen konnte, daß er ein Papier in der Hand hielt. Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme: -Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod.- „1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle, das Land verlassen. „2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das Land zu verlassen.“ Sechstes Capitel. Bruder und Schwester. In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm eingreifen; die Umstände rechtfertigten sie gewiß vollkommen. „Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen“ – wenn sich Iwan Ogareff jetzt noch hier aufhielt, mußte er verhindert oder es ihm mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder anzuschließen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber entzogen wurde. „Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das Land zu verlassen“; damit schaffte man sich gründlich alle jenen Händler aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe hier zusammengehäuft hatte. So viele Köpfe, so viele Spione; ohne Zweifel erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt. Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschläge, welche auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar empfindlicher als jede andere getroffen wurde. Einheimische, deren Geschäftsangelegenheiten sie vielleicht über die sibirische Grenze gerufen hätten, konnten das Land also nicht verlassen, mindestens für den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes Privatinteresse mußte dem öffentlichen Wohle weichen. Auch der zweite Artikel der Verordnung ließ keinen Zweifel übrig. Er bezog sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Für die Seiltänzer und derlei Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurückzulegen hatten, erschien der Befehl als ein wahres Unglück. Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhörten Maßregeln ein Murmeln der Entrüstung, die Kosaken und Polizisten wußten dasselbe aber bald zum Schweigen zu bringen. Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abrüstung dieses ungeheuren Lagers nennen könnte. Die vor und über den Buden ausgespannten Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stücke; Tänze und Gesänge hörten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen; die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde der wandelnden Wohnungen kamen aus den Ställen wieder an die Deichseln. Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben die Säumigen an und zögerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst abzureißen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin befanden. Offenbar mußte unter dem Einflusse dieser Maßregeln der Meßplatz von Nishny-Nowgorod bald vollständig geräumt sein, und dem geräuschvollen Leben das Schweigen der Wüste folgen. Und – um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere Erschwerung bei dieser Verordnung – allen jenen Nomaden, welche der Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens verboten, und diese mußten sich nach dem Süden des Kaspischen Meeres, nach Persien, der Türkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und der Berge, welche gewissermaßen eine Verlängerung dieses Flusses längs der russischen Grenze darstellten, hätten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den Fuß auf freien Boden setzen konnten. Eben als der Polizeipräfect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemächtigte, sonderbar erregt. „Ein ungewöhnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen dieser Verordnung bezüglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten Worten! ‚Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir wollen‘, hatte der Alte gesagt. Aber ‚der Vater‘, das ist der Kaiser! Man bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute die gegen sie ergriffenen Maßregeln voraussehen, so als hätten sie dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir verdächtige Leute, denen gegenüber die Verordnung des Generalgouverneurs weit mehr nützlich als schädlich sein wird.“ Diese ganz zeitgemäße Reflexion wurde aber in Michael Strogoff’s Geist durch eine andere Gedankenreihe, welche sich plötzlich ihm aufdrängte, bald unterbrochen. Er vergaß die Tsiganen, ihre verdächtigen Aeußerungen, die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafür trat das Bild und das Schicksal der jungen Liefländerin lebhaft vor sein Auge. „Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht überschreiten können!“ In der That, das junge Mädchen aus Riga war ja Liefländerin, also Russin und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen neuesten Maßregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmöglich noch Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk zu begeben, jetzt mußte es ihr unmöglich werden, dasselbe zu erreichen. Dieser Gedankengang beschäftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte sich zuerst so ganz oben hin, daß er, ohne bezüglich der wichtigen ihm anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein könnte, dem guten Kinde einigermaßen behilflich zu sein, und er freute sich fast über diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persönlich entgegen ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen, daß dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde kannte, für jenes junge Mädchen doch ungleich furchtbarer werden mußten. Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie Jene; auch sie würde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen müssen, wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie höchst wahrscheinlich, nur die für eine Reise unter gewöhnlichen Umständen berechneten Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhältnissen auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefährlicher, sondern auch weit kostspieliger machten? „Nun gut, schloß er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm einschlägt, ist es ja fast unmöglich, daß ich ihr nicht begegnen sollte. Dann werde ich über sie wachen können, ohne daß sie es weiß, und da sie es nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen, wird sie mir keine Ursache zur Verzögerung werden.“ Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke, der die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen ließ. „Ja, sagte er sich, ich könnte ihrer vielleicht doch noch mehr nöthig haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnützlich sein und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen. Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, könnte man weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen jenes junge Mädchen, so müßte ich ja in aller Augen weit mehr als der Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie muß mich also begleiten, ich muß sie wiederfinden! Unmöglich kann sie sich seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!“ Michael Strogoff verließ den großen Platz, wo der durch die Ausführung jener Verordnung erzeugte Tumult eben den höchsten Grad erreicht hatte. Die Einsprüche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen Getöse. Hier konnte sich die Gesuchte unmöglich aufhalten. Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen. Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wünschte. Von Neuem überschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen Ufer, wo die Menschenmenge minder beträchtlich war. Er durchforschte, man konnte sagen, Straße für Straße, die obere und die untere Stadt. Er trat in die Kirchen, jener natürliche Zufluchtsort aller Weinenden und Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Liefländerin. „Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen haben. Ich muß weiter suchen!“ So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne auszuruhen, er empfand keine Ermüdung, er gehorchte einem ihn ganz beherrschenden Gefühle, das ihm keine Zeit ließ, lange nachzudenken. Alles vergeblich! Da fiel ihm ein, daß das junge Mädchen vielleicht noch ohne alle Kenntniß war von der ergangenen Verordnung, – zwar ein unwahrscheinlicher Umstand, denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von Allen gehört zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben mußte an Allem, was Sibirien betraf, wie hätten ihr die Maßnahmen des Gouverneurs entgehen können, Maßnahmen, welche ihr so direct angingen? Kannte sie dieselben indessen nicht, so mußte sie ja in wenig Stunden nach dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre Weiterreise hindern werde. Unbedingt mußte Michael Strogoff sie noch vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu entgehen. Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle Hoffnung auf, sie je wieder zu finden. Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, – was unter anderen Verhältnissen ganz unnöthig gewesen wäre, seinen Podaroshna im Bureau der Polizei zu präsentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar nicht treffen, da dieser Fall für ihn vorhergesehen war; aber er wollte sich überzeugen, daß seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe. Der Courier mußte deshalb nach der andern Seite des Flusses zurückkehren, nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipräfecten zur Zeit befanden. Dort war ein großer Zusammenfluß von Menschen, denn wenn die Ausländer auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitäten vor der Abreise. Ohne dem hätte auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen können, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die Erlaubniß zur Abreise erst zu beschaffen. Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern, Bänkelsängern, Zigeunern und Tsiganen, außer diesen aber von Kaufleuten aus Persien, der Türkei, Turkestan und China buchstäblich vollgepfropft. Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener bald mangeln mußten, so daß Säumige leicht in die Lage kommen konnten, die festgesetzte Frist zu überschreiten und in Folge dessen sich einer brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen. Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kräftigen Ellenbogen, durch den Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stück Arbeit. Indessen ein Wort, das er einem Inspector in’s Ohr flüsterte, und einige rechtzeitig in dessen Hand gedrückte Rubel besaßen die Macht, ihm den Durchgang zu erzwingen. Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent bei einem Oberbeamten an. Michael Strogoff mußte also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in seinen Bewegungen sein. Inzwischen sah er sich von ungefähr etwas um. Und was erblickte er? Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Mädchen, ein Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen konnte, da sich nur das Profil desselben von der weißgetünchten Mauer abhob. Michael Strogoff täuschte sich nicht; er hatte die junge Liefländerin wieder erkannt. Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle früher ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloß alle Wege nach Sibirien. Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben, näherte sich dem jungen Mädchen. Diese sah ihn einen Moment an, und über ihr Gesicht flog ein leichter Schimmer, als sie den Reisegefährten wieder erkannte. Sie erhob sich fast instinctmäßig und wollte, so wie ein Schiffbrüchiger sich an jedes Trümmerstück klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ... In diesem Augenblick berührte der Agent Michael Strogoff’s Schulter. „Der Polizeipräfect erwartet Sie, sagte er. -- Gut“, erwiderte Michael Strogoff. Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn selbst oder auch sie hätte compromittiren können, zu beruhigen, folgte er dem Agenten durch die gedrängten Massen. Als die junge Liefländerin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige Unterstützung erwartet hätte, sank sie auf die Bank zurück. Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines Agenten wieder im Saale erschien. In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien öffnete. Er ging auf die junge Liefländerin zu, streckte ihr die Hand entgegen und sagte: „Schwester ...!“ Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine plötzliche Eingebung ihr nicht erlaubte, zu zaudern. „Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt, unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du? -- Ich folge Dir, Bruder“, antwortete das junge Mädchen und legte ihre Hand in die Michael Strogoff’s. Sofort verließen Beide das Gebäude des Polizeiamtes. Siebentes Capitel. Auf der Wolga stromabwärts. Kurz vor zwölf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze an der Wolga eine große Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche hatten abreisen wollen. Die Kessel des „Kaukasus“ besaßen schon hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kräuselten sich nur leichte Rauchwirbel, während aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der weiße Dampf brodelte. Selbstverständlich überwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen. Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu unterstützen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention nöthig und Alles verlief ohne offenen Widerstand. Rechtzeitig ertönte das letzte Glockensignal; die Taue wurden gelöst, die mächtigen Räder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen Schaufeln, und schnell glitt der „Kaukasus“ zwischen den beiden Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin. Michael Strogoff und die junge Liefländerin hatten sich mit eingeschifft und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, daß der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und Schwester. Still saßen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlaß des Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen. Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Mädchen gesprochen, keine Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, daß sie reden würde, wenn es ihr passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen, in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten Beschützers gefangen zurückgeblieben wäre. Sie sprach zwar nicht, aber ihre Augen dankten ihm. Die Wolga, die Rha der Alten, wird für den bedeutendsten Strom ganz Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als 4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei Nishny-Nowgorod durch die Einmündung der Oka, eines schnell fließenden Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert. Man hat die Gesammtheit der Kanäle und Wasserläufe Rußlands mit einem riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des Czaarenreiches verästeln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Mündungen in dem Küstengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im größten Theile ihres Laufes schiffbar. Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt und Kasan sehr schnell zurück. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der Strömung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmündung der Kama, so vertauschen sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwärts fahren müssen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner mächtigen Maschine konnte der „Kaukasus“ nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde zurücklegen. Bei nur einstündigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in Anspruch. Der Steamer besaß übrigens sehr bequeme Einrichtungen für die Passagiere, welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen Klassen befördert wurden. – Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige zurück zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte. Heut war der „Kaukasus“ von Passagieren aller Art überfüllt. Eine große Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es für gerathen erachtet haben, Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der für die erste Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in langen Gewändern und einer Mitra ähnlichen Kopfbedeckungen, – Juden, mit ihren hohen, konischen Mützen, – reichen Chinesen in Landestracht, mit sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und Rückseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitärmeligen Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, – Türken mit dem nationalen Turban, – Indier mit viereckiger Mütze, einem einfachen Stricke als Gürtel, von denen einige Stämme, vorzüglich aber die Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, – endlich Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und über der Brust reichverzierten Kleidern. Diese Kaufleute alle mußten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck ihr umfängliches Gepäck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiß theuer zu stehen kam, da sie vorschriftsmäßig nur zwanzig Pfund Freigepäck mitführen durften. Im Vordertheile des „Kaukasus“ befanden sich noch weit zahlreichere Passagiere, nicht allein Ausländer, sondern auch Russen, denen die Verordnung nach den Heimatsstädten der Provinz zurückzukehren nicht verbot. Dort saßen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Mützen auf dem Kopfe, bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze; Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln, das Hemd von röthlichem Baumwollengewebe mit einem Strick gegürtet, und mit flacher Kappe oder Filzmütze. Einige Frauen in geblümten Baumwollkleidern trugen Schürzen mit möglichst lebhaften Farben und grellroth gemusterte Tücher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine langdauernde Rückfahrt nicht sonderlich zu belästigen schien. Jedenfalls war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich übrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war. Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der „Kaukasus“ indessen zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch Remorqueure stromaufwärts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren nach Nishny-Nowgorod beförderten. Dann schwammen Holzflöße daher, so lang wie die unmeßbaren Sargassobündel im Atlantischen Ocean, und bis zum Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen. Uebrigens sehr unnütze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach ihrem Anfang plötzlich geschlossen worden war. Die von dem Wellenschlage des Dampfers überspülten Ufer der Wolga zeigten sich mit großen Entenschwärmen besetzt, welche mit betäubendem Geschnatter aufflogen. Darüber hinaus weideten auf den dürren, von Birken, Weiden und Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kühe, Heerden von Schafen mit bräunlichem Fell und ganze Haufen von weißen und schwarzen Schweinen und Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder dürftigem Korn bestandene Felder dehnten sich bis über kleine Landerhebungen aus, welche indeß nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einförmigen Landstrichen hätte der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder suchte, gewiß nichts zu thun gefunden. Zwei Stunden nach der Abfahrt des „Kaukasus“ wandte sich die junge Liefländerin an Michael Strogoff und fragte: „Du gehst nach Irkutsk, Bruder? -- Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den nämlichen Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen. -- Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Küste der Ostsee verließ, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen. -- Ich frage nach Nichts, Schwester. -- Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Mädchen, auf deren Lippen ein schmerzliches Lächeln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts verheimlichen. Heute könnte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die Verzweiflung haben meine Kräfte verzehrt. -- Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff. -- Ja ... ja ... und morgen ... -- So komm ...!“ Er brach den Satz ab, so als hätte er ihn mit dem ihm noch unbekannten Namen seiner Begleiterin schließen wollen. „Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand. -- Komm, Nadia, und verfüge über Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle Umstände.“ Er geleitete das junge Mädchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des Hintertheils. Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurück und mischte sich, begierig zu hören, doch ohne sich an den Gesprächen zu betheiligen, unter die Gruppen der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte, was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande wäre. Sollte er zufällig selbst gefragt und zu einer Antwort genöthigt werden, so wollte er sich für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der „Kaukasus“ nur nach der Grenze zurücktrug, denn Niemand sollte vermuthen, daß ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen. Die Ausländer auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin, daß sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurück. Möglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem „Kaukasus“ geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten, denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder flüsterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, daß daraus im Zusammenhange nichts zu entnehmen war. Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar – denn man kannte ihn ja nicht, – so traf sein Ohr dafür der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt zu sein schien, ob sie gehört wurde oder nicht. Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente, und sein mehr zugeknöpfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart, welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war. „Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod wieder sah? -- Gewiß, ich selbst! entgegnete trocken der Andere. -- Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, daß Sie mir so unmittelbar, so auf den Fersen folgen würden. -- Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus. -- Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und vorläufig könnten wir übereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen. -- Ich werde es doch thun! -- Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin können wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Später werden wir noch Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden. -- Feinde! -- Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine Klarheit des Ausdrucks, welche mich höchst angenehm berührt. Bei Ihnen weiß Einer doch, woran er ist. -- Nun, was ist daran so schlimm? -- O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, daß auch ich mir die Freiheit nehme, unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen. -- Nach Belieben. -- Sie gehen nach Perm ... wie ich? -- Wie Sie. -- Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes. -- Wahrscheinlich. -- Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten des überfallenen Gebietes sein. -- So ist es. -- Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: ‚Jeder für sich und Gott mit ...‘ -- Gott mit mir! -- Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schön! Da wir indeß noch acht neutrale Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten regnen dürfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden. -- Zu Feinden! -- Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin können wir aber in Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren! Ich verspreche Ihnen überdies, Alles für mich zu behalten, was ich etwa sehe ... -- Und ich Alles, was ich etwa höre. -- Abgemacht? -- Abgemacht! -- Ihre Hand darauf? -- Hier ist sie!“ Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fünf weit offene Finger, schüttelte kräftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch hinhielt. „Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine zu telegraphiren. -- Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13 gesendet. -- Bravo, Herr Blount! -- Zu gütig, Herr Jolivet! -- Bis ich mich revanchire! -- Dürfte Ihnen schwer fallen! -- Man versucht eben Alles!“ Bei diesen Worten grüßte der französische Correspondent vertraulich den englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte. Diese beiden Neuigkeitsjäger, welche ja weder Russen, noch Fremde von asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben Stunde verließen, so geschah das, weil der nämliche Instinct sie vorwärts trieb. Ganz natürlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache Reisegefährten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage „bis zum Aufgang der Jagd“ vor sich. Dann hieß es: Dran und drauf! Jetzt hatte Jolivet die ersten Zwischenvorschläge gemacht und der Brite sie, wenn auch so kühl als möglich, angenommen. Jedenfalls saßen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur Schwatzhaftigkeit, der Engländer immer verschlossen, an derselben Tafel und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten Cliquot, offenbar den Abkömmling des frischen Birkensaftes der Umgegend. Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hörte, sprach er für sich: „Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese drei Schritt vom Leibe zu halten.“ Die junge Liefländerin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam heran, ohne daß sie wieder auf Deck erschienen wäre. Mit der langen Dämmerung gewann die Atmosphäre eine wohlthuende Frische, an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Bänke gestreckt, athmeten sie behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte. Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die Wolga stromauf und stromab befuhren. Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das Schweigen wurde nur durch das regelmäßige Klatschen der Schaufelräder unterbrochen. Eine eigenthümliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch über den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der für die Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung. Dort schlief Alles nicht nur auf den Bänken, sondern auch auf Ballen und Gepäckstücken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine grüne und eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe Strahlen auf die Wand des Dampfers. Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher liegenden Schläfer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei ihrer Gewöhnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon genügte, die aber doch Jeden schlecht empfangen hätten, der sie vorzeitig durch einen Fußtritt erweckte. Michael Strogoff hütete sich also wohl, an Jemand zu stoßen. Bei seiner Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als sich durch eine längere Promenade des Schlafes zu erwehren. Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hörte. Er hielt an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit allerhand Shawls und Decken verhüllt dasaß, die er aber bei der Dunkelheit nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig, wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige röthliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten durch die Gruppe oder als erglänzten Tausende von Metallflitterchen in dem ungewissen Lichte. Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem Meßplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war. Unwillkürlich drängte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit einander redenden Fahrgäste eigentlich sehen konnte. Er mußte sich demnach begnügen, zu horchen. Die anfänglich gewechselten Worte besaßen, – wenigstens für ihn, – keine besondere Bedeutung, doch genügten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod gehört hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht unmöglich, daß jene Tsiganen, von deren Gespräch er einige Brocken aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord des „Kaukasus“ Passage genommen hätten. Wie gut es war, daß er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer Mundart gewechselten Worten: „Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk. -- Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spät oder auch gar nicht ankommen!“ Michael Strogoff fühlte, wie diese ihn persönlich so nahe angehende Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemühungen. Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck gelangt und setzte sich, den Kopf in die Hände gestützt, nieder. Man hätte meinen sollen, er schliefe. Er schlief aber weder, noch dachte er überhaupt daran. Er überlegte sich vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniß, was er gehört hatte. „Wer in aller Welt weiß von meiner Abreise und wer hat ein Interesse daran, sie zu kennen?“ Achtes Capitel. Die Kama stromaufwärts. Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an. Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat. Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen. Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in Gruppen bei einander. Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere, die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben. Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten. An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf dem Schiffe allein lassen können. Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines Gedächtnisses nur plaudernd umher lief. Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft, . 1 ? 2 3 4 , . 5 , 6 . 7 . 8 , 9 - 10 , 11 . 12 13 14 , , 15 , . , . 16 17 - , 18 . , 19 ? 20 , , 21 , . 22 , ; 23 , , 24 , 25 . 26 . « 27 , 28 , 29 . 30 31 32 , « 33 . , 34 , , 35 « , 36 . 37 38 , 39 , . 40 . 41 , . 42 43 , 44 , , 45 . 46 - , 47 , . 48 49 , 50 , , 51 , , 52 . 53 54 55 , , - 56 . 57 58 . , 59 , , , , 60 . . . 61 , 62 , 63 ; , 64 . , 65 ! 66 67 , 68 , . , 69 , , , , , , , 70 , , , 71 , , , . 72 , , , , , 73 , . 74 , , , , 75 , , , , 76 , , , 77 , , - , , 78 , , , , , 79 , , , , , , . . 80 . , , , , 81 , , 82 . 83 84 , 85 , 86 , 87 . , 88 , 89 90 . 91 - , 92 ( = . , 93 . ) . 94 95 96 . 97 98 ; , 99 , 100 ; 101 , 102 , , 103 . 104 , 105 , 106 ; 107 , 108 , 109 « , , , 110 , 111 , 112 . 113 114 , ! 115 , 116 , . - 117 118 119 120 . 121 122 ; 123 , - . 124 125 ; , 126 , 127 , 128 , , 129 , , 130 . 131 132 , 133 - 134 , 135 . 136 137 , 138 , 139 , 140 « . 141 142 , 143 , 144 . , 145 , . 146 147 , , , 148 , 149 , 150 - 151 . 152 153 , 154 , 155 . 156 , 157 , , 158 . « 159 160 , 161 , 162 . 163 , 164 . 165 166 , 167 . 168 , 169 . 170 . , 171 ; , 172 ; 173 , - 174 , . 175 176 , . 177 . 178 , 179 - 180 , 181 , 182 . 183 184 , 185 . 186 . 187 188 , 189 . 190 191 . , 192 . 193 , 194 , . . 195 . - , 196 , 197 . , . 198 199 , - . 200 201 , , 202 , . 203 , , , 204 , , , 205 . 206 , , 207 . 208 209 , 210 , 211 . , 212 . 213 214 215 , , 216 , , 217 . 218 219 , 220 . 221 222 ! . 223 224 - - - ! 225 . 226 227 - - , ! 228 229 - - ! « . 230 231 , 232 . , 233 . 234 235 , , 236 . 237 238 . 239 240 , 241 , . 242 243 , : 244 245 - - . - 246 247 ) , , 248 . 249 250 ) 251 . « 252 253 254 255 256 . 257 258 259 . 260 261 262 263 ; . 264 265 « 266 , 267 , - 268 , 269 . 270 271 272 « ; 273 , , 274 275 . , ; 276 . 277 278 , 279 - , 280 . 281 282 , 283 , , 284 . 285 . . 286 . 287 288 . 289 , ; 290 , 291 , . 292 , , 293 . 294 295 296 , 297 . 298 299 , 300 . 301 ; ; 302 ; ; ; 303 ; 304 . 305 306 , 307 , 308 . 309 - , 310 . 311 312 , 313 , 314 , 315 , , 316 , . 317 , 318 , . 319 , 320 . 321 322 , 323 , , 324 . 325 326 ! . 327 328 329 ! , . . . 330 , . , ! 331 . 332 , 333 , ? 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