ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten
jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe.
Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten,
gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen
Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen,
und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese
war schon gemäht.
Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel
zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch
doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen,
und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und
ungemähten Streifen hindurch.
»He da, ihr Jäger!« -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei
einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, »kommt her, eßt mit uns
Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!« --
Lewin schaute sich um.
»Komm nur her!« rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht,
die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne
blitzende Flasche hochhaltend.
»=Qu'est ce qu'ils disent=?« frug Wjeslowskij.
»Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die
Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,« sagte Lewin nicht
ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom
Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen.
»Weshalb laden sie uns ein?« --
»Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch
interessieren.«
»=Allons, c'est curieux=.«
»Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!« rief Lewin,
schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd
und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich
aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.
»Komm du doch auch!« rief der Bauer Lewin zu. »Alle Wetter, es giebt
Pasteten zu essen!«
Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück
Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit
Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment
schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle
Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem
Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und
erlegte sie -- der Hund stand noch immer. »Los!« vor dem Hunde erhob
sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er
fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie
nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht
glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu
suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.
Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die
Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that
Fehlschuß auf Fehlschuß.
Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider,
von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke
Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom
Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde
machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch
und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren
der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt
waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten
vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den
Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß.
Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf
er das Gewehr und die Mütze zu Boden.
»Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!« sagte er zu sich selbst.
Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen,
und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte
er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging
dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem
Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht
und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder
nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit
dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.
Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte
den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging
schlechter und schlechter.
Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried
heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch
zusammentreffen sollte.
Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund.
Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von
übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck
des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die
stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend,
schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend,
entgegenkam.
»Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!« sagte er heiter lächelnd.
»Und du?« frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon
die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte.
»O, nichts von Bedeutung.«
Er hatte vierzehn Stück.
»Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit
einem Hunde, das ist allerdings unbequem,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
seine Siegesfreude bezwingend.
11.
Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen,
bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da.
Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank
anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an
den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem
ansteckend lustigen Lachen.
»Ich bin soeben angekommen. =Ils ont été charmants=. Stellt Euch
vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das
war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie
schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen!
Sie sagten nur immer »=Nje obsudisj=!« --
»Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum
Verkauf?« sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem
schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.
Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und
den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des
Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war,
und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee,
nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf
der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen
sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren
ein Lager zurecht gemacht hatten.
Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu
schlafen.
Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über
das Schießen, die Hunde und frühere Jagden -- war die Unterhaltung
auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits
mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den
Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines
zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den
Vorderrädern genommen worden war -- über die Gutmütigkeit der Bauern,
die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu
Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer
Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.
Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch
erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer
aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für
Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück
an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.
»Ich begreife dich nicht,« sagte Lewin, sich auf seinem Heulager
aufrichtend, »daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife,
daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir
gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere
einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste
nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese
Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer
früheren Verachtung los.«
»Vollkommen richtig!« bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, »vollkommen;
natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen;
Oblonskiy fährt nicht zu ihnen« --
»Keineswegs,« -- Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies
sprach, »ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen
der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich
geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.«
»Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie
Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?«
»Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese
Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.«
»Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern,
oder des Gelehrten.«
»Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese
Thätigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest
wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.«
»Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie
nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe
nicht entspricht, ist ehrlos.«
»Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?«
»Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,« sagte Lewin,
im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht
klar zu bestimmen wußte, »ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,«
fuhr er fort, »sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung
ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die
Form hat sich verändert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte
man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und
Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.«
»Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak«
-- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das
Heu durchwühlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung
überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung.
»Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und
unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein
Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das
ehrlos?«
»Ich weiß nicht.«
»Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der
Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser
Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als
fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein
Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister
einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts
begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten
gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid« --
»Nein; das wäre ungerecht,« sagte Wjeslowskij, »Neid kann es hier nicht
geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.«
»Gestatte;« fuhr Lewin fort. »Du sagst, es sei ungerecht, daß ich
fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist
ungerecht, und ich fühle es, doch« --
»Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir,
faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?« sagte
Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar
hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig.
»Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht
geben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin
zusetzend.
In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von
verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit
welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen
ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser
fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum
Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann.
»Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert,
und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,« versetzte
Lewin, »wie überhaupt niemand.«
»Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.«
»Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm
einen Kaufbrief ausstellen?«
»Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht
hast« --
»Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß
ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten
meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.«
»Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine
ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?«
»Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht
bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und
jenem besteht, noch zu vergrößern.«
»Nein, entschuldige, aber das ist paradox!« --
»Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,« bestätigte
Wjeslowskij. »Ah, da kommt ja unser Wirt,« sprach er zu dem Bauer,
welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat.
»Nun, schläfst du denn noch nicht?«
»Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen,
da höre ich sie reden,« fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen
auftretend.
»Wo schläfst du denn?«
»Wir gehen auf die Nachtwache.«
»Ach, welche Nacht!« sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine
der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar
werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend.
»Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer
singt denn da, Herr Wirt!«
»Ach, das sind die Mägde, vom Hof.«
»Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht
schlafen; Oblonskiy, kommt mit!«
»Das wäre; ich liege, geht nur,« antwortete Oblonskiy sich reckend, »es
liegt sich ausgezeichnet hier.«
»Nun, dann gehe ich allein,« sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und
kleidete sich an. »Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch
werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert,
und ich werde eurer nicht vergessen.«
»Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?« sprach Oblonskiy, nachdem
Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen
hatte.
»Ja, vortrefflich,« erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben
stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit
er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und
doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige
Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies
machte ihn ratlos.
»So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder
zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht
ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du
unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von
diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.«
»Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit
Vergnügen genießen -- ich wenigstens könnte es nicht. -- Mir ist die
Hauptsache -- ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.«
»Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?« sagte Stefan
Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines
Geistes. »Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!«
Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß
er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn.
»Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?« frug er
sich selbst.
»Wie stark doch auch das frische Heu duftet!« sprach Stefan
Arkadjewitsch, sich erhebend. »Ich kann um keinen Preis schlafen!
Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das
Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!«
»Nein; ich gehe nicht mit!« antwortete Lewin.
»Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?« sagte
lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze
suchend.
»Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?«
»Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend.
»Inwiefern?«
»Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich
habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war,
ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles
das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es
nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!«
»Der Mann muß männlich sein,« sprach Oblonskiy, die Thür öffnend.
»Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?« frug Lewin.
»Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht?
=Ça ne tire pas à conséquence=. Meine Frau wird sich davon nicht
schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber
die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts
vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!«
»Mag sein,« versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite.
»Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken,
sondern mit dem Zwielicht aufgehen.«
»=Messieurs, venez vite=!« wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar,
der zurückkam. »=Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=,
ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt
geworden! Wahrhaftig reizend!« -- erzählte er mit so billigendem
Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch
geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies
für ihn arrangiert hatte.
Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und
eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider
Stimmen verklungen.
Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine
Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich
fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat
sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern
Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen
Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die
ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug,
wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und
schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten
und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die
Fragen des Knaben los zu sein, sagte: »Schlaf, Waska, schlaf, oder«
-- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das
Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar.
»Sollte es wirklich nur negativ sein?« wiederholte er sich, »aber was;
-- ich bin doch nicht schuld daran.« -- Und er begann hierauf, sich
den nächsten Tag zu überlegen. »Morgen will ich früh aufbrechen und
werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es
eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von
Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich
gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas
Negatives.«
In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz
Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er
die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell
von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.
Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen
gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen
Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter,
wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: »Mach
dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!«
Lewin murmelte im Schlafe:
»Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!« und entschlummerte.
12.
Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die
Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß
noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine
Antwort von ihm zu erhalten war.
Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst
Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des
Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach
dem andern, die Hinterbeine von sich.
Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete
sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse
hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten;
nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der
Holzkrippe auseinanderblasend.
Auf dem Hofe war alles noch grau.
»So früh schon auf, Herr?« wandte sich, freundlich, wie zu einem alten
guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam,
an ihn.
»Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem
Sumpfe?«
»Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die
Hanffelder; dort geht der Weg.«
Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte
Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.
»Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort
Nachtweide gehabt.«
Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit
schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er
wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried
gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch
schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück
Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte,
war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen
Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das
Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen
Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In
der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich.
Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er
schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter
dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem
Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in
den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen,
welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß
die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.
Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche
die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren
Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde;
eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem
Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend.
Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die
erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den
Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger,
erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die
übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den
gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten
Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen
ähnlich war, aus dem Sumpfe.
Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und
fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen,
daß er nun beginnen könne.
Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor.
Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten
Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht
hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier
verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als
alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.
An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr
stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er
zunahm oder schwächer wurde.
Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu
gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem
Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn
es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her
wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben.
Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich,
daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in
seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die
Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch
nicht zu bestimmen.
Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn
die Stimme seines Herrn davon abzog. »Laska, dort,« sagte er, ihn auf
die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht
besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte
mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten
Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.
Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu
machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz
zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr
ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne
auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel
strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen
seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte.
Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer
bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm
vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei,
fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem
ganzen Körper.
Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der
Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt
entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend
und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt
und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren
waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs
zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich
noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit
dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets
furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich
gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er.
Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser
ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam
rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer
Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm
Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.
Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor
sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase
erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der
Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf
gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie
wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich
hinter einer Ecke.
»Stell, stell!« rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend.
»Ich kann ja nicht,« dachte Laska, »wohin soll ich gehen? Von dorther
wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich
nicht erfahren, wo sie sind.« Doch er stieß den Hund mit dem Knie und
sprach in aufgeregtem Flüsterton, »stell, mein Laska, stell!«
»Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für
nichts mehr verantwortlich,« dachte Laska, und drang in vollem Laufe
vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt
und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.
Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem
Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags
eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit
der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf
sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.
Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber
sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war,
stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein
geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.
»So hat das Ding Sinn!« dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in
seiner Jagdtasche bergend, »nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?«
Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter
bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar,
bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig
gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen
war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus;
die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel
tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache
werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober,
den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den
Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge
trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden,
und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf
dem Grün des Grases.
Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.
»Herr, gestern waren da Enten!« rief er ihm zu und folgte ihm aus der
Ferne.
Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben,
welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei
Bekassinen erlegen zu können.
13.
Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel,
nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als
richtig.
Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens,
dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und
einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht
mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten
hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und
gefrühstückt.
»Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,« sagte Lewin, zum
zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den
charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen;
zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und
seitwärts herniederhängenden Köpfchen.
Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin.
Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam,
schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.
»Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so
kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen
neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,« dies war die Wehfrau, eine neue und
wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. »Sie ist gekommen, um
sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden;
wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und
munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut
ist, noch einen Tag.«
Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der
Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine
Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die
eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar
zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der
Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.
»Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,« sagte er;
»zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.«
Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune
verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß
von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle
mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht
aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war.
Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von
den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den
Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild,
und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich
heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner
mehr da waren.
»Es gab schon Appetit,« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf
Wasjenka Wjeslowskij weisend; »ich leide doch nicht gerade Mangel an
Appetit, aber dies war bewundernswert« --
»Nun, aber was jetzt thun!« sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij
blickend; »Philipp, so gieb mir Rindfleisch!«
»Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden
gegeben,« antwortete Philipp.
Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: »Hätten sie
mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!« und das Weinen stand ihm
nahe.
»So weide denn ein Stück Wildbret aus,« sagte er mit bebender Stimme zu
Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, »und lege Nesseln dazu.
Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.«
Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es
ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber
ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen.
Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka
mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim.
Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang
bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die
ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht
besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der
Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und
nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle
sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber
heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.
»Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt.
Und Ihr, Lewin?«
»Ich bin auch sehr zufrieden,« antwortete dieser, dem es recht froh
zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit
mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte,
sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben.
14.
Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie
inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete.
»=Entrez=!« rief ihm dieser entgegen. »Ihr entschuldigt mich wohl, ich
bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig,« sagte er lächelnd, im
bloßen Hemde vor ihm stehend.
»Laßt Euch nicht stören, bitte,« sagte Lewin und setzte sich ans
Fenster. »Habt Ihr gut geschlafen?«
»Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!«
»Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?«
»Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf
dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs
vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!«
Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine
Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren
gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und
trat mit ihm in den Salon.
»Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,«
sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. »Wie
schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.«
»Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,« dachte Lewin
bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem
triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.
Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan
Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein
Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys
und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.
Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm
gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen,
was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten
für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den
Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich
während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung
des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse
geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige
Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit
beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.
Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war überzeugt, es werde
ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er
aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es
ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher
unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang
-- daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und
demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen
herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam.
Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte
seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und
Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie
übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief
nun Lewin zu sich.
»Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,« sagte dieser.
»Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.«
»Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch
ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte -- wozu das« --
»Aber wenn es so steht« --
»Nun; wie Kity will« --
»Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie
erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben
durch die Schuld eines Geburtsfehlers.«
»Wie Ihr sagt, werde ich thun,« sagte er finster.
Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie
gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er
nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem
Ssamowar sah.
»Nein; es ist unmöglich,« dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend,
der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln
etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es
lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und
seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung
und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor
seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten
Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und
Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und
Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.
»Macht was Ihr wollt, Fürstin,« sagte er nochmals, sich umblickend.
»Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,« sagte Stefan
Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch
mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung
Lewins, welche er bemerkt hatte. »Wie kommst du heute so spät, Dolly!«
Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur
für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen
jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er
seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter
ausbrechend.
»Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute
entsetzlich launisch gewesen,« sagte Dolly.
Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum
um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen
könne als die Gesetze der Welt.
Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch
seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde,
namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf
ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu
verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes
äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen
Mannes verursachte, zu verbergen.
Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun
habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem
Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt
werden.
Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka
wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde,
und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig
anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in
ihrer Verschmitztheit.
»Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?« frug Dolly.
»Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!« sagte Kity und errötete.
Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber
nicht. »Wohin willst du, Konstantin?« frug sie mit schuldbewußtem
Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr
vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine
Zweifel.
»In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn
noch nicht gesehen,« sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab,
hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten
Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam.
»Was willst du?« sagte er lakonisch zu ihr. »Ich bin beschäftigt.«
»Entschuldigt,« wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, »ich
habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.«
Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:
»Laßt Euch nicht stören.«
»Den Dreiuhrzug?« frug der Deutsche, »sollte man sich nicht verspätigen
können?«
Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.
»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?« sprach er auf französisch.
Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in
ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen
beschämten Ausdruck zeigte.
»Ich -- ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine
Marter ist,« fuhr sie fort.
»Es sind Leute dort im Büffett,« sprach er zornig, »macht keine Scene!«
»Nun; gehen wir hierher!«
Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer
treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja.
»So wollen wir in den Garten gehen.«
Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber
ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und
Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von
Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit
schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und
gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen
oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden.
»So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest!
Und weshalb?« sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in
der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.
»Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges,
Unlauteres, Erniedrigendes?« sprach er, vor sie wieder in der nämlichen
Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor
ihr gestanden.
»Es lag etwas darin,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Aber, mein
Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit
dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen
-- warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!« sprach sie,
tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden
Körper hob.
Der Gärtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, daß sie nichts verfolgte
und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts
besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- daß sie an ihm vorüber
nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden
Gesichtern.
15.
Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die
Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in
großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach
zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen.
»Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen;
du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein
neues Kleid laß ich dir machen,« sprach sie, gar nicht mehr wissend,
womit sie sie noch weiter strafen sollte. »Nein, ist das ein häßliches
Kind!« wandte sie sich zu Lewin. »Woher kommen bei ihr diese schlimmen
Neigungen?«
»Was hat sie denn begangen?« sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der
sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte,
und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam.
»Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich
kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich
Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht.
Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite=« -- und Darja
Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas.
»Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen
Neigungen, es ist einfach Mitleid,« beruhigte sie Lewin.
»Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?« frug Dolly, »wie geht
es drüben?«
An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu
sagen, was er zu sagen beabsichtigte.
»Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns
ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist.« --
Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an.
»Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht -- nicht bei Kity,
sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht
nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?«
»Das heißt -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!«
-- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf
dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; »die Meinung
der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer
benehmen. =Il fait la cour à une jeune et jolie femme=, ein Mann von
Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.«
»Ja, ja,« versetzte Lewin düster, »aber hast du es bemerkt?«
»Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee
offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à
Kity=.«
»Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,« sagte Lewin.
»Was willst du, hast du den Verstand verloren?« rief Dolly mit
Schrecken. »Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!« sagte sie
dann lachend -- »jetzt kannst du zu Fanny gehen« -- wandte sie sich zu
Mascha. -- »Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen;
er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste.
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