erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner
Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte,
daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt
gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der
Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte
große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß
Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und
Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde.
Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte
ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit.
»Du weißt, Aleksander,« sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, »wie
ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch
ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna
Arkadjewna nützlich sein kann,« sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna
mit eigentümlicher Betonung aussprechend. »Denke nicht, daß ich etwa
einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das
Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,«
fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. »Doch muß
man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie
auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber
verstehe wohl, ich -kann- das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen
heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu
Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht
zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie
nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie
verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.«
»Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als
Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,« unterbrach sie Wronskiy noch
düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil
seiner Schwägerin unabänderlich sei.
»Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld
bin,« begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend.
»Ich zürne dir nicht,« sagte er, noch ebenso finster, »aber mir ist
das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand
unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch
schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein
kann.«
Mit diesen Worten verließ er sie.
Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden,
und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie
in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren
Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen
aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren.
Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg
war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien,
überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen,
ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte
nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens
Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger
vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen
Finger an alles anstößt.
Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um
so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein
neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie
verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie
litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien,
die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit
ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten.
29.
Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war
für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit
welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört,
sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto
mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle
dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie
sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz
natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit
demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer
Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in
der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei,
das Wiedersehen zu ermöglichen.
Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn
verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen.
Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch
zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht.
Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu
schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr
schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu
bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem
Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann
er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses
Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte
sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte
Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber
diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In
solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die
zwei Tage vergangen.
Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur
Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten
Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung
kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid
darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes
abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies,
dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen
abschlägigen Bescheid geben würde.
Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so
harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe.
Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute,
als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung
vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es
würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt,
verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin
Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein
vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen.
Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks
bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst
geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde,
ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn
wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen.
Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor
ihm alles, was ihren Sohn betraf.
Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen,
zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen
geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf,
als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen
der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und
alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in
solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen
natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner
Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich
selbst anzuklagen.
»Diese Kälte -- diese Gefühlsheuchelei!« sagte sie zu sich selbst.
»Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu
foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie
ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!« --
Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs
in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu
bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den
Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das
unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen.
Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte
sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey
Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte
sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem
Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne
den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um
diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett
des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche
sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darüber nachdachte,
sie vermochte nichts auszudenken.
Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der
Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses.
»Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,« sagte Kapitonitsch, noch
nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das
Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht
vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter,
junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie
schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und
es ihm in die Hand drückte.
»Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch,« sprach sie und wollte
voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt
sie aber an der zweiten Glasthür fest.
»Was wollt Ihr?« frug er.
Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas.
Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst
zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre.
»Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey
Aleksandrowitsch,« sprach sie.
»Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,« antwortete der Portier,
sie aufmerksam betrachtend.
Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert
gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun
Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der
anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und
für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war.
»Wollt Ihr gefälligst warten?« sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz
abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins
Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung.
»Bitte gefälligst, gnädigste Frau,« sagte er zu ihr.
Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie
keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte
sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe
hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen
bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen.
»Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst
melden.«
Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was
der Alte gesprochen hatte.
»Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist.
Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,« sagte der Portier
keuchend. »Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will
nachsehen,« sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und
verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete.
»Er ist soeben erwacht,« sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend.
Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den
Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens
erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich.
»Laß mich hinein, laß mich, laß mich!« sprach sie und trat durch die
hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der
Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den
kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend.
Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu
einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er
sich langsam und zufrieden wieder zurück.
»Mein Sergey!« flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend.
Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe,
welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich
ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte,
vorgestellt.
Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte.
Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war
noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager
erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände!
Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen!
Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem
geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern.
»Sergey!« wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes.
Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt
nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still
und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor
ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß
wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr
zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme.
»Sergey! Geliebter Knabe!« sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden
Armen den blühenden Körper umfangend.
»Mama!« sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden
Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können.
Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er
mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und
warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich
ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht
an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben.
»Ich wußte es,« sagte er, die Augen öffnend. »Heute ist mein
Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich
aufstehen.«
Mit diesen Worten kam er zu sich.
Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und
sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte
auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und
aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen
Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen
sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte
nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie.
»Weshalb weinst du denn Mama?« sagte er, vollständig aus dem Schlafe
erwacht. »Mama, weshalb weinst du?« rief er aus mit weinerlicher Stimme.
»Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht
gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,« sagte sie, ihre
Thränen verschluckend und sich abwendend. »Nun, jetzt mußt du dich
aber ankleiden,« fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich,
ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf
welchem sein Anzug bereit lag.
»Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie« -- wollte sie natürlich und
heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte
sich abermals ab.
»Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet.
Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird
gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!«
Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte.
»Mama, mein Herz, meine Taube!« rief er aus, sich wieder ihr
entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem
er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. »Das
ist nicht nötig,« sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als
ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr
entgegen, um sie zu küssen.
»Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot
sei?«
»Niemals habe ich es geglaubt.«
»Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?«
»Ich habe gewußt, gewußt!« wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase,
und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar
spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu
küssen.
30.
Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da
war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter,
welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach
ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob
er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte.
Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin
bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er
demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter
oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so
kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie.
Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen
und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern.
Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder.
»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend
und sich Thränen abwischend.
In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung
entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei,
und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der
Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der
neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung
der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse.
Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer
die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er
gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe,
machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen
zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte,
sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys
Gesicht fuchtelnd:
»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre
hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und
hättest gesagt >bitte, gefälligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik
fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie
man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!«
»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der
eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige
eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu
ihr.
»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der
Kinderstube gehen.«
»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney
Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn
nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite
zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« --
Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter
gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen
sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den
Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen,
sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.
»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte
sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur
Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden
Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften
zu sprechen oder aufzustehen.
»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und
ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde
Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.«
»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause
seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend.
»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur
gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.«
Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand
der Herrin.
Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand
an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den
wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten
Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken.
»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« -- wollte er beginnen,
hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas
zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas
wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand.
Diese kam zu ihm.
»Mein Liebling,« sprach sie.
Sie konnte nicht sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts
sagte es, und er verstand.
»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem
Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu
rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« -- doch weiter
vermochte sie nicht zu sprechen.
Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte
sagen können -- jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. --
Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand,
daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme
flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der
neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und
die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand
er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem
Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig,
und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine
Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es
aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr.
Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:
»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.«
Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke,
wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines
Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie
sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.
»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und
edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß
bist, dann wirst du urteilen können.«
»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung,
durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus
allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.
»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen,
so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.
Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.
An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte
ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut.
Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das
Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm
noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür
hinaus.
Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt
hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.
Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und
edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn
warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend,
die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den
Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte
fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.
Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit
so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte,
und brachte sie wieder mit nach Hause.
31.
So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte,
so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet
hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen
eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde.
Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange
nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei.
»Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,« sagte sie zu
sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin
stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend,
welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen.
Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war,
trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an
und sagte nur »später«. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur
»später«. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte,
trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte
Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern
umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem
noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den
Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des
gestickten Jäckchens zu scheuern.
Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte
ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und
mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die
Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm.
Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ
es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten
Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch
klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal
Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an
diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang
in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von
einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine
Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten
Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste
Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem
war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon
fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits
Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte
sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und
doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von
ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten.
Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete
ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als
er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt.
Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische
ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen
Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen,
und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus,
nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem
Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte
mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am
besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders
angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie
mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen
und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem
Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand --
es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut
und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes
heraus.
»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich
plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei.
Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens
an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so
vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich
eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt
er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des
Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen
hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch
sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte
vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte
seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der
Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber
sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn
zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei,
empfangen könne.
»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag
nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles
sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer
Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?«
Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr,
als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens
sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist
hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg
getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr
kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem
Wege gehen wollte.
»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es
weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich,
ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde,
wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er
habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe,
und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab
sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich
mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob
Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem
lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser
standen, trug.
Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon
trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin
betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische
vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu
wenden.
»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große
Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem
riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug
ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen.
Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des
Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll
mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die
Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso
in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?«
frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure
Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.«
»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter
werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend.
Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß
Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange
in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt
einknickend, ans Käppi.
»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf
Wronskiy blickend.
»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend
und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?«
»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones,
gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber
errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr
nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist
hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey
liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.«
»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy
ersah, daß ihm Anna sehr gefiel.
Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück.
»Du gehst auch?« sagte sie.
»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir
sogleich nach!« rief er Jaschwin nach.
Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden,
an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn
zurückzuhalten.
»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte
sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn
zum Essen geladen habe?«
»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine
engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend.
»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit
beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab,
wann reisen wir?«
»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier
schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend.
»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.
32.
Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm
war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen
sei sie weggefahren.
Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis
jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen
ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit
dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der
Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart
Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte,
stimmte ihn nachdenklich.
Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er
erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein
zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die
Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und
mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war.
Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys
nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen
gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in
ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten
hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren
Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten
Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und
erschreckte.
Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um
in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem
Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat
um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen.
Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr
zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung,
welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu
lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.
»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht
kann,« sagte sie mit leisem Lächeln.
»Die Fürstin wird das sehr bedauern.«
»Auch ich.«
»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch.
»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde
hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.«
»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch.
»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna,
»aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?«
Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht,
was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb
veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten
war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß
sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte,
ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er
sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger
heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen
konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast
mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und
Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin
ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg
in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er
wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette
mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit
offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr
Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft
hervorhob.
»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht
ansehend.
»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt
davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« --
Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.
»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun
sollte,« antwortete er finster werdend.
»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in
ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.
»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend,
ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.
»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.«
»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.«
»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich
anzukleiden, sie wird mit mir fahren.«
Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und
Verzweiflung.
»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er.
»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue
ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe
wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für
mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig
lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier
gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren?
Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit
jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend,
»wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?«
Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser
Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade
ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.
»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich
bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er,
wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber
Kälte im Blick.
Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und
antwortete gereizt:
»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.«
»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken.
»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die
Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist
sie ja!« --
33.
Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des
Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer
Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr
die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr
offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser
Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin
im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen
Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung
zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser
lossagen.«
Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen,
und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu
ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die
Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.
Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu
Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt
hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu
bringen.
»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd,
ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des
Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und
der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!«
»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy.
Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß
nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem
Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.
»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren
ist.«
Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand
auf und knöpfte sich zu.
»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und
mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys
begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.
»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy.
»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen.
Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im
Gehen noch.
»Nein, ich habe Geschäfte.«
»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser
Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.
Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer
auf und abzuschreiten.
»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau
dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg
ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die
Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte
er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine
Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache
auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie
mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend.
Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das
Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um.
Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er
ihn mit dem Fuße um. Er schellte.
»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden
Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder
vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.«
Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich
rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er
an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich,
geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er
die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen
zusammenzulesen anfing.
»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen,
lege mir meinen Frack bereit!« --
* * * * *
Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem
Gange.
Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab
und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure
Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und
rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem
Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der
Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge
des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar,
sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ
vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und
der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür
schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die
Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch
die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.
Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal
trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin,
schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich
verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der
sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen
Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte
der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem
Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im
Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und
klatschte.
Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe
des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat
in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu
halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten,
gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen,
wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten
Theater, die ihn nicht interessierten.
Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder
im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer
sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe
auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem
ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und
Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und
sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.
Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die
Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der
Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und
mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt
hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.
Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich
nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der
Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich,
suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den
Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für
diesmal nicht im Theater.
»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte
Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.«
»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy
lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.
»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich
aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine
Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.«
Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer
dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch
wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.
»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.«
Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die
Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban
und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn
gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich
den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in
der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von
vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung
ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten
herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte
ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt
hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem
Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar
ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber
bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung
nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.
Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte
er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah,
unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna
hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten
Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder
wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem
Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt
hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in
den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.
In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy
kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die
Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und
warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten
gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie
sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr,
schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu
besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte
mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen.
Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich
rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem
frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu
können, und die Loge stand leer.
Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna
vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes
geschehen war.
Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem
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