Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie
sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre
Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren,
und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey
Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze
Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des
Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl
aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich:
sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der
Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin,
daß sie ihn, -- es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke -- fast zum
Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg
Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener
neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der
jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte.
Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre
überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute,
die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften
Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die
Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja
thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit
der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte
nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für
die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß,
da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre,
auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden
ein volles Seelenheil kennen lerne.
Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser
Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel
fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine
Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem
Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie
jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er,
wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey
Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu
denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn
auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen
sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an
eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.
23.
Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen
an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden
Lebemann verheiratet worden.
Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf
die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur
mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das
gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten
Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten.
Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch
gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen
sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau,
dessen Ursache man nicht begreifen konnte.
Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann
verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand
sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer
wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie
besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen
und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten,
sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen
Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in
Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär
und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend,
bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der
verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der
Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches
Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit
der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen
Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine
echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein
verliebt war.
Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker,
als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es
mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht
verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet
hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein
würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um
seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden
Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren
gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner
weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen.
Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf
seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte.
Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer
ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr
mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien,
was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre.
Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein
Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes
sagte.
Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer
sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy
wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem
Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der
qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und
derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne.
Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen
Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten,
und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres
Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte.
Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre
Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna
eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre
Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden.
Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen
ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.
Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem,
rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein
großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte.
»Wer hat das gebracht?«
»Ein Beauftragter aus dem Hotel.«
Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den
Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an
der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes,
französisch abgefaßte Schreiben:
»=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz
erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit,
Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem
Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal
sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen
mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht
an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen
hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu
leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden
Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus
kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde -- oder würden Sie mich
wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann?
Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen
kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn
zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die
Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.
Anna.«
Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn;
sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und
insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton.
»Sag', es gebe keine Antwort,« sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und
schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr
zur Hofcour zu sehen.
»Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu
sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am
besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten
lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz
auf, aber er giebt uns auch die Kraft,« fügte sie hinzu, um ihn doch
wenigstens in Etwas vorzubereiten.
Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe
täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit
ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in
persönlichen Beziehungen nicht bot.
24.
Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung
noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene
Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter.
»Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die
Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,« sagte ein alter Herr in
goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei
ihm über die Beförderungen erkundigt hatte.
»Und mich zum Adjutanten,« versetzte das Fräulein lächelnd.
»Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für
geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande -- Karenin.«
»Guten Tag, Fürst,« sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand
drückend.
»Was habt Ihr zu Karenin gesagt?« sprach der Fürst.
»Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.«
»Ich dachte, er hätte ihn schon.«
»Nein. Seht ihn Euch doch an,« sagte der alte Herr, mit dem
goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied
des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in
Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug.
»Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,« fügte er hinzu,
stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen
Kammerherrn die Hand zu drücken.
»Er ist gealtert,« sagte der Kammerherr.
»Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt
er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.«
»Wie, gealtert? =Il fait des passions=. Ich glaube, die Gräfin Lydia
Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.«
»Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht
nichts Übles!«
»Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?«
»Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?«
»Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete
ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, =bras dessus, bras dessous=, auf der
Morskaja.«
»=C'est un homme qui n'a pas=« -- -- begann der Kammerherr, hielt aber
inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden
Persönlichkeit aus der Familie des Zaren.
So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend
und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen
Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine
Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben
Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte.
Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe
verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was
einem Beamten passieren kann -- Stillstand in seiner aufwärtsführenden
Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies
klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht
eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß
mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der
Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze
gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden,
daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch
einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und
Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem
man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in
Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte,
schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war.
Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der
direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er
jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit
anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren
Verbesserung hinzuweisen.
Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift
über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen
Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der
Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben.
Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der
Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber,
sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit.
»Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen
mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,«
sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen
jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft
dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er
ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr
diente, als früher.
Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches
wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in
Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln,
als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der
Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war.
Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem
er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt
der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte.
»Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,« dachte Aleksey
Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten,
wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals
des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er
vorbeizuschreiten hatte. »Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der
Welt von Übel ist,« dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des
Kammerherrn blickend.
Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem
gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche
von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit
seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna.
»Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!« sagte der alte Herr, mit boshaft
blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter
Bewegung den Kopf neigte.
»Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,« sagte der alte Herr, auf
sein neuempfangenes Ordensband weisend.
»Ich danke Euch,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, »welch ein
herrlicher Tag ist heute,« fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit
besonders Betonung auf das Wort »herrlich« legend.
Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch
gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt.
Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin
Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich
rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen,
nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin.
Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt
alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt
ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor
dreißig Jahren damit verfolgt hatte.
Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so
besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren
Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit
verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen
diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich
werden zu lassen.
Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und
erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht
nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von
Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab.
Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend,
strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem
Licht.
»Ich gratuliere Euch,« sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein
Ordensband weisend.
Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den
Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn
dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß
dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr
eingestanden haben würde.
»Was macht unser Engel?« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey
denkend.
»Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,«
sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die
Augen öffnend. »Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.« Sitnikoff
war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war.
»Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit
gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden
Menschen, und jedes Kind berühren,« begann er, seine Gedanken über die
einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu
entwickeln -- über die Erziehung seines Sohnes.
Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue
dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte
er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu
befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher
niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte
Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des
Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und
didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf,
und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben
einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig.
»Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit
einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,« sagte Lydia
Iwanowna verzückt.
»Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das
ist alles, was ich thun kann.«
»Ihr kommt doch mit zu mir,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine
Pause machend, »ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch
reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu
verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben
>von ihr< erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.«
Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib,
sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen
Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache
ausdrückte.
»Ich habe das erwartet,« sagte er.
Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des
Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen.
25.
Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem
Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia
Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete
sich um.
Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein
chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey
Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten
Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich
an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium.
Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab.
»So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,« sagte die Gräfin Lydia
Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan
durchschreitend, »und bei unserem Thee sprechen.«
Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna
schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey
Aleksandrowitsch in die Hände.
Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm.
»Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid
geben zu dürfen,« sagte er zaghaft, die Augen erhebend.
»Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!«
»Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.«
In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach
Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war.
»Nein« -- unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, »alles hat seine
Grenze! Ich begreife die Unmoral,« sagte sie -- nicht ganz aufrichtig,
da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt -- »begreife
aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in
dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert
Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und
ihre Niedrigkeit erkennen!« --
»Wer will einen Stein auf sie werfen?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. »Ich habe alles vergeben,
und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer
Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde« --
»Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch?
Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr -- haben wir
deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie
für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben.
So ist es doch am besten. Sonst aber -- was wird er da denken?« --
»Hieran dachte ich nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch,
augenscheinlich zustimmend.
Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb
stumm. Sie betete.
»Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,« sagte sie, mit beten fertig und das
Gesicht wieder aufdeckend, »dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun.
Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden
wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch
selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu
Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist,
so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei
zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr
schreiben.« --
Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna
schrieb folgendes Billet auf Französisch:
»Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen
seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele
des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte,
was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den
abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe
aufzufassen.
Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.
Gräfin Lydia Iwanowna.«
Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia
Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den
Grund der Seele.
Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause
zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen
gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des
gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden
hatte.
Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor
welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia
Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war
er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er
las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu
ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er,
wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte.
Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das
Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies,
daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell
herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso
folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr
gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas
genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein
Herz vor Scham und Reue.
Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt,
da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er
sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem
Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte.
»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese
Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen
Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten.
Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden,
und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen
Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und
allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.
Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen,
daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige,
daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das,
was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm
schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es
jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.
Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder
in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank
welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken
wünschte.
26.
»Nun, wie steht's Kapitonitsch?« sagte der kleine Sergey rotwangig
und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags
zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus
seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier
reichend.
»War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?«
»Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn
gemeldet,« sagte der Schweizer heiter blinzelnd. »Gestattet mir, daß
ich Euch auskleide.«
»Sergey!« sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach
den inneren Gemächern führte. »Legt selbst ab!«
Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört
hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit
der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht
blickend.
»Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?«
Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe.
Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem
Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier.
Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie
kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt
hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen.
Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein
zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen.
»Hat er sich denn recht gefreut?« frug er.
»Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als
er von hier fortging.«
»Hat man etwas für uns gebracht?« -- frug Sergey nach einer Pause.
»Nein, Herr,« antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, »von
der Gräfin ist etwas da.«
Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk
von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse.
»Was sagst du? Wo ist es denn?«
»Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.«
»Wie groß ist es denn? -- So?« -- --
»Kleiner, aber was Hübsches.«
»Ein Buch?«
»Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich
rufen,« sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs
vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh
steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt,
losmachend.
»Wasiliy Lukitsch, diese Minute!« antwortete Sergey mit dem nämlichen
heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen
Wasiliy Lukitsch stets besiegte.
Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er
sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das
freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang
im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren
hatte.
Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem
Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen
Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey
schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und
heiter sein müsse.
»Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?«
»Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu
gratulieren.«
»So; freut er sich?«
»Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er
hat ihn ja auch verdient,« sagte der Portier streng und ernst.
Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon
bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers,
insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten
hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie
anders als von unten herauf anschaute.
»Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?«
Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin.
»Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu
lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.« --
In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion
niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das
was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte.
»Was meint Ihr dazu?« frug er.
Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die
Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann.
»Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,« frug er plötzlich, schon hinter
dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, »was ist
denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den
Alexander Newskiy erhalten hat?«
Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der
Alexander Newskiy.
»Und noch höher?«
»Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.«
»Und höher noch als der Andreas?«
»Ich weiß es nicht.«
»Was; selbst Ihr wißt das nicht?« und Sergey versank, sich aufstemmend,
in Nachdenken.
Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er
überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den
Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der
Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er
erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der
Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte,
wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte
er ihn sofort auch verdienen.
In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die
Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der
Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden,
sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte
sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er
sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so
lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu
verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht
mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so
verständliche Wort »plötzlich« ein »Umstand der Art und Weise« sei;
allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte.
Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch
blickte.
»Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?« frug er plötzlich.
»Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei
Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an
denen man arbeiten muß.«
Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen
spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf
der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß
er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte
erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte
dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war.
»Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und
derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum
stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?« frug er sich
betrübt und konnte keine Antwort finden.
27.
Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater.
Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit
seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der
Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter
während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den
Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch
Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so
suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot
sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute,
graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer
solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit,
ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen
traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren
Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie
würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die
Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal
des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er
aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später,
als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht
gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei
-für ihn- tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu
glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch
immer nach ihr und wartete auf sie.
Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen,
welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den
Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die
Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen.
Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu
ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters,
zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit
blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend.
»Papa kommt,« riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey
sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte
ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des
Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend.
»Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des
Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen,
daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ
müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter
mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt.
»Ja, es war sehr lustig, Papa,« sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl
setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war.
»Ich habe Nadenka gesehen,« Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur
Erziehung befindliche Nichte, »sie hat mir erzählt, daß man Euch einen
neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?«
»Zuerst -- schaukle nicht, bitte,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
»zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich
möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke,
Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn
du aber arbeitest« -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich
vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der
langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben
von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte --
»indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin
eine Belohnung finden.«
Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe
und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm
längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem
Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte.
Der Vater sprach stets mit ihm -- so fühlte Sergey -- als wende er
sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben,
einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey
vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor
dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe.
»Du verstehst das, hoffe ich?« sagte dieser.
»Ja, Papa,« antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher
Phantasieknabe.
Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem
Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die
Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben
Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein,
welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und
das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des
anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß
Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn.
Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey
schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er
es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies,
daß »plötzlich« ein Umstand der Art und Weise sei.
Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an
das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt
hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte
Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ
ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten
Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch
als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse
bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser
Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr
zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder
mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen
Patriarchen zu sprechen hatte.
Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel
aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt
aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine
Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen
Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen
in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen
auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der
Weste desselben haften bleibend.
An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey
nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute
sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde.
Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man
sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die
Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte
es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht
gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen.
»Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen
können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?« dachte Sergey. Die
Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten
sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch.
»Nun, welche sind die Patriarchen?«
»Henoch, Henoch« --
»Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr
schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste
ist von allem für den Christen« -- sagte der Vater aufstehend -- »was
kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und
auch Peter Ignatzitsch« -- dies war der Hauptlehrer -- »ist unzufrieden
mit dir. Ich muß dich bestrafen.«
Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der
That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus
nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil,
er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey
als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er
nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er
es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist
Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche
ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse
bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit
seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine
Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid
das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in
seine Seele hinein!
Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber
seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte
bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch
-- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater
und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und
arbeitete an einem anderen Platze.
Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte
Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr
gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm,
wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit
und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man
sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den
Flügeln faßte, oder sich daran festband -- und sich drehen ließ. --
An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins
Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen
Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr
länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte.
»Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet
habe?«
»Damit Ihr besser lernt?«
»Nein.«
»Vom Spielzeug?«
»Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis!
Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?«
»Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,« sprach Wasiliy Lukitsch, und
lächelte, was bei ihm selten der Fall war. »Doch, legt Euch nur, ich
will das Licht auslöschen.«
»Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch
sichtbarer. Da -- beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!« --
sagte Sergey unter heiterem Lachen.
Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine
Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da
erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander,
und er schlief ein.
28.
In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der
besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage,
Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen
Appartement, welches aus vier Zimmern bestand.
Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder;
woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf.
Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über
seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten
aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam
am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey
Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich
einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie
dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib
achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter
und seiner Gemahlin so mitzuteilen.
»Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,« sagte
Wronskiy, »aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen
Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen
auch mit meiner Frau stehen!«
Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet
hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange
die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte
gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna.
Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen
zu dieser »Ihr«, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten,
aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der
Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna
nach dem Gute Wronskiys gehe.
Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in
das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren
Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt
für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem
Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so
gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er
war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von
Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verändert habe,
und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen
werden würden, noch nicht entschieden sei. »Natürlich,« dachte er, »die
Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute
können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.«
Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und
in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert,
diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit
unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die
Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie
bringen möchte.
Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt.
Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide
verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht
ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne,
obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna
verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die
Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna.
Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy
wiedersah, war seine Cousine Betsy.
»Endlich!« begegnete ihm diese voll Freude. »Und Anna? Wie freue ich
mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer
reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann
mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt
Ihr alles besorgt?«
Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als
sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei.
»Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich
werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur
kurze Zeit hier?«
Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren,
doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war
offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer
Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den
Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: »Ihr habt mir
nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich
meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen
Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das
geht ja jetzt so leicht. =Ça se fait=. Ihr reist also Freitag ab?
Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.«
Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu
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