»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen
und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden
können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück
ihres Lebens hiervon abhinge.
Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt
hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu
seinem Bruder.
Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie
ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer
des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos
die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager
des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen
brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre
frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den
Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu
sprechen.
»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt
gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure
Schwester werden würde.«
»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem
Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.
»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns
von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin
nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.«
Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte
noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der
strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem
Lebenden erschien.
»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte
sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau
haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie
zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.«
18.
Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und
ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken
eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft
unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des
Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah
die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen,
und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal
in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in
dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser
Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser
Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas
zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich
gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an
alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß
hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des
Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein,
sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm
schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es
infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des
Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer.
Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus,
da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.
Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem
Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer
Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des
Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern
lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten
seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr
nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten
müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und
begab sich sofort ans Werk.
Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in
Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf
sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit
ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu
wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte
Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus
dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst
begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren
zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden
hervor und brachte sie herbei.
Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure
auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf
ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da
sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man
sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles
durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen
für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke
könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich,
wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht
in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte
sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte
zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die
Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung
seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den
großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen
und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener
waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den
langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig
die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite
geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu
ihm hin.
»Schneller,« befahl sie.
»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« --
»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen.
Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und
unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.
»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm
richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in
Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen
Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren
Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man
hier noch vollends Ordnung macht.«
Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken
bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig
verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von
Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen
und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von
Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich.
Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die
nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf
einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und
Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen
Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen
Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck
von Hoffnung unverwandt auf Kity.
Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war
nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit
welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor
und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei,
und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu
nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl
rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch
von bestimmter Temperatur.
Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder,
allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke
jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt
worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.
»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich
freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er
ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der
Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die
Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren
beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und
geht schlafen,« fuhr er fort.
Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie
hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was
er wünschen möchte.
»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets
auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu
rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie
sich an Marja Nikolajewna.
»Ich fürchte mich,« versetzte diese.
So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper
mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke
zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem
Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses
schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme
vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere
dieser ausgemergelten Glieder überrascht.
Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme
umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und
schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete
ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.
Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß
er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog;
erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen
und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht
fähig zu reden, das Gemach.
19.
»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren
entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend
mit ihr sprach.
Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er
selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise,
wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und
als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes
gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch,
daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen
hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib
und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden
Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie
sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie
einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich
war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten,
oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so
zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und
betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich,
sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der
Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie,
ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden
umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen
wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich
nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu
thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit
seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch
größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein,
irgendwie zu handeln.
Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte.
Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging
nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht;
schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte
dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so
konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den
Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll
auf, so schickte sich das nicht.
Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht
die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas
Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte
ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn
bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen
gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie
etwas wußte.
Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe
Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag
darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der
Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch
etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein
Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe
Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt:
»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott,
daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge
für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken
bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß
er kommuniziere.
Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer
zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken
lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.
Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen,
oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu
thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer
war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich;
sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen,
packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß
nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine
Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor
einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten
zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert
zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen
ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.
Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als
alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise,
daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die
Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und
Servietten übergebreitet.
Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst
zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht
schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber
alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.
Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch
keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.
»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu
kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire
sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar
strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir
gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.«
»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin,
nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten
dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.
»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch
drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl
sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar
hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,«
fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck,
der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.
Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam
und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder
angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs,
des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so
erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils
war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer
Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine
seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die
=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die
Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und
Ähnliches.
»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles
das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß
ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine
Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das
Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend
-- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre
aufleuchtenden Augen blickend.
»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand
die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen
deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest.
»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich
viel in Soden gelernt.«
»Waren denn dort derartige Kranke?«
»Noch schlimmere sogar.«
»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in
der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen
ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.«
»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut
mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über
das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen
traten ihr in die Augen.
»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer
jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.«
»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns
niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.
20.
Der Tod.
Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung.
Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen
großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem
mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich
ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin
entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese
leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das
er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen
Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht
davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben,
sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen
Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und
weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische
war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen
hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in
der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity
diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen
von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war
ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese
abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das
Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden
Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die
alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches
der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem
Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend:
»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies
mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.«
Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er
hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte,
küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl
sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre.
Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um
ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es
bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich
und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen
Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.
»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares.
-- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander
zulächelnd.
Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief
ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und
plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst
geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen
von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der
Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken
selbst.
Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch
geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu
erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches
von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte
ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung,
mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder,
von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die
Einatmung von Jod Wunder thue.
»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm
Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte.
»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie
durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig
nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit
seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.
Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem
Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie
war bleich und ihre Lippen bebten.
»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!«
Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme
auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief
herniederhängendem Kopfe.
»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause.
»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber
die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich
herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge
nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja,
geh' hinaus,« fuhr er fort.
Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern
hinauszugehen.
»Ich scheide,« sagte er wiederum.
»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen.
»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in
diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.«
Marja Nikolajewna trat zu ihm.
»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie.
»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach
höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.«
Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und
blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.
Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn
bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief
und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das,
was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller
geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem
Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den
Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart
ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.
»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor.
»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und
befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!«
begann er dann nochmals und seufzte schwer.
Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte
sie.
Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich.
Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war
bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er
trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so«
bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden.
Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen,
aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu
thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu
lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich
dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust,
und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für
seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens,
welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.
Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende
kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um
sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte
er, daß der Sterbende sich regte.
»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab
ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.
Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine
ganze Stunde und noch eine Stunde.
Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was
Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß
der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf,
behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren
kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen
wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte:
»Geh' nicht fort« -- -- --
Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer
derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden
zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er
erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die
er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen
sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und
zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er
hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer
und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch
Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt,
sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine
Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau
herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden
richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich
leide furchtbar, unerträglich!«
Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen
Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut
über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich
darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity
bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu
beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst
körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand.
Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom
Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war
verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen
kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle
wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber
sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die
Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und
sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche,
verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl
der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden
mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.
Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode
noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey
Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken
das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht
kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.
Der Kranke erwiderte nichts.
»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm
nicht mehr gram bist?«
»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage.
»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!«
Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich
immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben,
hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie
der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja
Nikolajewna, wie Lewin und Kity.
Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte
im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr
fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den
gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die
ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf
bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele
ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«.
Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn
zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht
gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich
selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers,
welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die
Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten
in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst.
Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen
Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung
empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe
weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen.
Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des
Wunsches, hiervon erlöst zu sein.
Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf
den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück
blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche,
hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit,
Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung
gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz
keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung
rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem
einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und
von der Quelle derselben -- dem Körper.
Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte,
und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner
Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt
werden konnten.
»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf,
daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft
sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man
aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte
Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.
Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es
stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte
den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.
Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung
herrühre und empfahl geistige Ruhe.
Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit
einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat
und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem
Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.
»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn.
»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.«
»Wo schmerzt es?«
»Überall.«
»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar
flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin
bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte
sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte
brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der
nämliche vorwurfsvolle und gespannte.
»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor
hinaus folgte.
»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna.
»Was ist denn das?«
»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide
aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen
Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja
Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr
bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den
Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst
wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen
konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das
Sterbegebet sprechen zu lassen.
Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von
sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna
standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende
gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen
schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz
auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück,
und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die
erkaltete, blutlose große Hand.
»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich
plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der
Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte
vernehmbar:
»Nicht ganz -- aber bald.« --
Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln
trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun
bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.
Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der
Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und
zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem
Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.
Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als
früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen,
und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben
vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines
Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die
Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn
von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den
Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.
Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen
vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso
unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.
Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr
Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.
21.
Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den
Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte,
daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen,
indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein
Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen
selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was
er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich
mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf
alles nur billigende Antworten gab.
Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin
sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag
speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine
Lage und erschrak über sie.
Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise
seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und
Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich
mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus
derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits
wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm
verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer
Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert,
unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für
ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er
sich jetzt fühlte.
Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben,
seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem
fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was
er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt,
beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.
In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey
Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins
Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne
sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle
Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja
selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.
Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der
Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er
die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein
eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht
unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der
Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte
seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung
zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die
Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen
vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey
Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.
»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz
befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz
wohl, deren Adresse mitzuteilen.«
Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis
schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den
Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung,
einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.
Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein
ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder
allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der
Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn
wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch
nicht zur Mittagstafel.
Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und
Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys
und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war,
offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die
Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil
diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in
diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres
zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich
unglücklich war.
Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen
war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn
vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt,
noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die
war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei
Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei
Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.
Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er
vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg
besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen
können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten
Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte,
sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen
solchen Menschen.
Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer
zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr
besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn
Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher
Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die
beiden.
Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit
Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die
dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich
dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der
Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit
irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder
war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte
derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war
stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey
Aleksandrowitschs hier gestorben.
Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas,
eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl
aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in
eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder
die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es
gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben,
und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen
Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante
Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen
geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und
die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen.
Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl,
dessen er fähig war.
Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele
auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher
Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen
Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man
Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel
einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten
konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig
über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle
äußern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in
einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus
dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund,
welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über
sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad
war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen,
welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die
denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.
Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter
und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch
eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche
Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische
Beziehungen aufgerichtet.
Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend,
schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte
mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz
vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete
damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit
er ihn entließ.
Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich
gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem
ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften
überhäuft wären, und sich beeilen müßten.
An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die
Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht.
Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.
22.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen,
diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung
und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein
Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte,
den Kopf auf beide Arme gestützt.
»=J'ai forcé la consigne=,« sagte sie, indem sie mit schnellen
Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung
eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein
Freund!« -- fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend
und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend.
Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und
schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.
»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte
er und seine Lippen bebten.
»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen
von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den
inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes
gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch
empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn
überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte
sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme.
»Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber
Ihr müßt Trost finden.«
»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte
Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in
ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar
dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt
dafür finde.«
»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich
Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem
Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben
uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem
verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird
Euch halten und Euch beistehen!«
Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen
Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig
erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg
verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt
zu vernehmen.
»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und
fasse jetzt nichts.«
»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna.
»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht
dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber
ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich
befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.«
»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der
ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem
Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen
hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.«
Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände
hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.
»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme,
»die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe
die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich
Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für
mich ergeben haben« -- er betonte das letztere Wort -- »aus meiner
neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die
Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei
Kräften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der
Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich
mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle,
aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen.
Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« -- Aleksey
Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm
gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne.
An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte
er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.
»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich
verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber
ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann.
Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen
von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein
weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?«
Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die
Hand.
»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht
stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und
Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir
aus.« --
»Ich muß danken.«
»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr
gesprochen habt -- daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot
des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.
Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe
bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte
sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie
Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.
Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke,
welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig
erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey
Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er
war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im
politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere
neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem
Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm.
Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue
Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben
eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch
Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal
hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich
nicht.
»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure
Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war.
Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände.
»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine
Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht
gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten
Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus.
Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem
erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein
Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.
Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der
That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey
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