Iwanowitsch.
»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse
Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. >Ihr meint
doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! -- Einer erklärt ihn denn
auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen
voran!<« --
»Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen!« lachte Katawasoff
laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie
in der Legion der Auserwählten ständen.
»Nun, sie werden höchstens davonlaufen,« sagte Dolly, »sie können doch
nur hinderlich sein.«
»Wenn sie fliehen, so muß man mit Kartätschen dahinterherfeuern oder
Kosaken mit Knuten hinstellen,« sagte der Fürst.
»Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht übel, Fürst,«
sagte Sergey Iwanowitsch.
»Ich sehe nicht ein, daß es sich hier um Scherz handelte, daß« --
begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn.
»Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehörige
Aufgabe zu vollführen,« sagte er. »Die Männer des Geistes erfüllen
ihre Aufgabe, indem sie die öffentliche Meinung wiederspiegeln. Der
einmütige und vollständige Ausdruck der öffentlichen Meinung ist der
Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung.
Vor zwanzig Jahren hätten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird
die Stimme des russischen Volkes gehört, welches bereit ist, sich
zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern für die
unterdrückten Mitbrüder. Dies ist ein großer Fortschritt, ein Gewinn an
Kraft.«
»Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Türken
schlagen,« bemerkte Lewin schüchtern. »Das Volk opfert und ist bereit,
für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Mord,« fügte er hinzu,
das Thema unwillkürlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr
beschäftigten.
»Wie, für die Seele? Dies ist für den Naturforscher bekanntlich ein
sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele?« lächelte Katawasoff.
»O, Ihr wißt es schon!«
»Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon!« antwortete
Katawasoff mit lautem Lachen.
-- »Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht
Christus« -- entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich
um die leichtverständlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus
dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt
hatte.
»So ist es,« wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er
auf einen zufällig auf ihn gerichteten Blick antwortete.
»Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollständig geschlagen!« rief
Katawasoff heiter.
Lewin errötete vor Verdruß, nicht deshalb, weil er geschlagen sein
sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in
den Wortstreit eintreten.
»Doch nein,« dachte er dann, »ich mag nicht mit ihnen streiten, sie
tragen einen undurchdringlichen Panzer, während ich nackt bin.«
Er sah, daß er seinen Bruder und Katawasoff nicht überzeugen könne,
und daß nun noch weniger eine Möglichkeit, mit ihnen seinerseits
übereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener
geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet hätte. Er konnte sich
nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter
ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen
die hunderte der durch die Hauptstädte reisenden Freiwilligen erzählt
hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten die Meinung des Volkes
aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren
Ausdruck fand.
Er konnte damit nicht übereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser
Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben
auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht für
etwas Anderes halten, als für einen von jenen Menschen, aus denen das
russische Volk besteht, hauptsächlich aber konnte er deshalb nicht
zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wußte noch erfahren konnte,
worin das allgemeine Wohl bestehe, während er genau wußte, daß die
Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfüllung jenes
Gesetzes des Guten möglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist
und er schon deshalb einen Krieg nicht wünschen, oder für allgemeine
Zwecke irgend welcher Art eintreten könne. Er sprach im Einklang mit
Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der Überlieferung
von der Herbeirufung der Warjäger ausdrückte:
»Herrscht über uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit.
Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir
wollen nicht selber richten und schlichten.«
Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf
dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet.
Er wollte noch sagen, daß wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer
Richter wäre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmäßig
sein müßte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven.
Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten.
Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte
Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit
demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine
Aufmerksamkeit nun den Gästen, da Wolken heraufgezogen kamen und man
wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann.
17.
Der Fürst und Sergey Iwanowitsch setzten sich in den Wagen und fuhren;
die übrige Gesellschaft ging langsam zu Fuß nach Haus.
Die Wolke kam indessen, bald weiß, bald schwarz, so schnell herauf, daß
man den Schritt verdoppeln mußte, um noch vor dem Regen heim zu sein.
Die vorauseilenden Wolken, niedrighängend und dunkel, wie Rauch mit
Ruß, kamen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit am Himmel herauf. Bis nach
dem Hause waren noch zweihundert Schritt und schon erhob sich der Wind.
Jede Sekunde mußte man den Regen erwarten.
Die Kinder eilten mit erschrecktem und lustigem Geschrei voraus. Darja
Aleksandrowna, die mühsam mit ihren Röcken kämpfte, welche sich um ihre
Beine schlugen, ging schon nicht mehr, sondern lief, die Kinder nicht
aus den Augen lassend. Die Männer gingen, ihre Hüte haltend, mit großen
Schritten dahin, und waren gerade vor der Freitreppe, als ein großer
Tropfen fiel und auf dem Rand der eisernen Rinne aufschlug. Die Kinder
und hinter ihnen die Erwachsenen eilten in lustigem Gespräch unter das
schützende Dach.
»Wo ist Katharina Aleksandrowna?« frug Lewin die ihnen im Vorzimmer
begegnende Michailowna, welche die Tücher und Plaids trug.
»Wir dachten, sie käme mit Euch,« sagte sie.
»Und Mitja?«
»Ist wohl im Wäldchen, die Kinderfrau wird bei ihm sein.«
Lewin ergriff sein Plaid und eilte nach dem Wäldchen.
Während der kurzen Zwischenzeit hatte sich die Wolke schon so weit
heraufbewegt, daß sie mit ihrem Mittelpunkt die Sonne deckte, und es so
dunkel geworden war wie bei einer Sonnenfinsternis.
Der Wind blies hartnäckig, als bestehe er auf seinem Rechte, und
erschwerte Lewin das Gehen; er riß Blätter und Blüten von den Linden
ab und beugte ungeschlacht die weißen Äste der Birken nach einer Seite
nieder, die Akazien, die Blumen, das Gras und die Wipfel der Bäume.
Mägde, die im Garten gearbeitet hatten, liefen mit Geschrei unter das
Dach des Gesindehauses. Der weiße Schleier des strömenden Regens hatte
schon den ganzen, fernen Wald bedeckt und die Hälfte des Feldes, und
bewegte sich schnell auf das Wäldchen zu. Die Feuchtigkeit des Regens,
der in feine Tröpfchen zersprühte, war in der Luft zu spüren.
Den Kopf nach vorn niedergebeugt und mit dem Winde kämpfend, der ihm
das Tuch entriß, war Lewin schon an das Wäldchen gelangt; schon hatte
er etwas Weißes hinter einer Eiche erblickt, als plötzlich alles in
Flammen stand, die ganze Erde aufloderte und gerade über Lewins Kopfe
das Himmelsgewölbe krachend erbebte. Die geblendeten Augen öffnend,
erblickte Lewin durch den dichten Schleier des Regens, der ihn jetzt
vom Wäldchen trennte, zunächst den grünen Wipfel der ihm bekannten
Eiche inmitten des Waldes, welcher in sonderbarer Weise seine Stellung
verändert hatte.
»Sollte sie zersplittert sein?« -- Lewin hatte dies noch kaum gedacht,
als plötzlich der Wipfel der Eiche mehr und mehr die Bewegung
beschleunigend, hinter den anderen Bäumen verschwand. Er vernahm das
Krachen der auf die umgebenden Bäume stürzenden, großen Eiche.
Das Licht des Blitzes, das Hallen des Donners und die Empfindung von
einem ihn plötzlich mit Kälte umgebenden Körper flossen für Lewin in
einem einzigen Eindruck des Schreckens zusammen.
»Mein Gott! Mein Gott! Wenn es nur sie nicht getroffen hat!« brachte er
hervor. Obwohl er sich sogleich sagte, wie sinnlos die Bitte von ihm
war, sie möchten von der Eiche nicht getroffen worden sein, die nun
doch schon gestürzt lag, wiederholte er dieselbe nochmals, da er nichts
Besseres als so gedankenlos zu beten, zu thun wußte.
An dem Platze, wo sie sich gewöhnlich aufhielten, fand er sie nicht.
Sie waren am anderen Rande des Waldes unter einer alten Linde und
riefen ihn. Zwei Gestalten in dunkeln Kleidern -- sie waren vorher
hell gewesen -- standen dort, über etwas gebeugt. Es war Kity und die
Kinderfrau. Der Regen hatte bereits aufgehört, und es begann wieder
hell zu werden, als Lewin sie erreichte. Die Kinderfrau hatte die
Unterkleider noch trocken, Kitys Kleid aber war durch und durch naß und
klebte. Obwohl kein Regen mehr fiel, verharrten sie noch immer in der
Stellung, die sie eingenommen hatten, als das Gewitter losbrach. Beide
standen mit einem grünen Sonnenschirme über den kleinen Wagen gebeugt.
»Lebt Ihr? Seid Ihr unversehrt? Gott sei gedankt!« sprach er, mit dem
wassergefüllten Stiefel in das Wasser tretend, welches sich noch nicht
verlaufen hatte.
Das gerötete, feuchte Gesicht Kitys war ihm zugewandt und lächelte
sanft unter dem Hute hervor, der seine Façon verloren hatte.
»Du müßtest dir aber Vorwürfe machen! Ich begreife nicht, wie man so
unvorsichtig sein kann!« sagte er ärgerlich zu seinem Weibe.
»Ich bin bei Gott nicht schuld. Wir wollten gerade fort, da ging es
los. Wir mußten das Kind anders legen und waren kaum« -- entschuldigte
sich Kity.
Mitja war unversehrt, trocken und schlief ruhig fort.
»Gott sei gedankt! Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
Sie nahmen die nassen Windeln, die Kinderfrau wickelte das Kind aus
und trug es. Lewin ging neben seiner Frau; er machte sich Vorwürfe
wegen seiner Heftigkeit und drückte ihr, nur verstohlen, wegen der
Kinderfrau, die Hand.
18.
Während des ganzen Tages empfand Lewin in den verschiedensten
Gesprächen, an denen er gleichsam nur mit der Außenseite seines
Verstandes teilnahm, mit Freude, wie voll sein Herz war.
Nach dem Regen war es zu naß zum Spazierengehen geworden; dazu kam, daß
auch die Gewitterwolken nicht vom Horizonte wichen, sondern donnernd
und dunkel am Rande des Himmels bald hierhin bald dorthin zogen. Die
ganze Gesellschaft verbrachte daher den Rest des Tages im Hause.
Debatten gab es nicht mehr, im Gegenteil befand sich alles nach dem
Mittagessen bei bester Laune.
Katawasoff unterhielt die Damen anfangs mit seinen originellen Späßen,
die stets so gut gefielen, sobald man mit ihm bekannt wurde, sprach
aber dann, von Sergey Iwanowitsch aufgefordert, über seine sehr
interessanten Beobachtungen des Unterschieds in den Charakteren und
selbst Physiognomien der männlichen und weiblichen Mücken, sowie von
deren Leben.
Sergey Iwanowitsch war gleichfalls gut aufgelegt und entwickelte, vom
Bruder veranlaßt, beim Thee seine Ansicht über die Zukunft der Frage
bezüglich des Ostens, so einfach und so gut, daß ihm alles lauschte.
Nur Kity konnte ihn nicht zu Ende hören; man rief sie zu Mitja, der
gewaschen werden sollte.
Wenige Minuten, nachdem Kity verschwunden war, wurde Lewin zu ihr in
die Kinderstube gebeten. Seinen Thee stehen lassend, ging er, die
Unterbrechung des interessanten Gesprächs bedauernd, zugleich aber
auch besorgt über den Grund weshalb man ihn rufe -- er wurde nur bei
wichtigen Dingen gerufen -- in die Kinderstube.
Obwohl ihn der nicht zu Ende gehörte Plan Sergey Iwanowitschs, wie
die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Rußland zusammen
eine neue historische Epoche herbeiführen müsse, ein Plan, der für
ihn als etwas völlig Neues sehr interessant war -- obwohl ihn daher
die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe,
quälten -- so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon
hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle
die Betrachtungen über die Bedeutung des slawischen Elements in der
Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was
in seiner Seele geschah, daß er augenblicklich alles dies vergaß und
sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen.
Er rief sich jetzt nicht mehr wie früher erst seinen ganzen
Gedankengang ins Gedächtnis zurück -- das brauchte er nicht mehr --
sondern versetzte sich sofort in das Gefühl, welches ihn beherrschte,
und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner
Seele noch weit stärker und bestimmter geworden, als früher. Es ging
ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen früheren künstlich ersonnenen
Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder
zusammenstellen mußte, um ein Gefühl zu finden. Jetzt war im Gegenteil
die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein
Denken reifte gar nicht vor seinem Fühlen.
Er schritt über die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an
dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und plötzlich fiel ihm ein,
»ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrübelt, daß das Gewölbe da
oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht
mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch
sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man muß das wohl bedenken
-- und alles klärt sich dann auf.«
Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er
sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: »Wenn der höchste Beweis der
Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb
beschränkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was für
Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse
der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten
und es thaten?«
Ihm schien, daß es eine Antwort auf diese Frage für ihn gab, doch hatte
er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube
ein.
Kity stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Wanne über das
plätschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten
hörte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lächelnd zu sich. Mit der
einen Hand hielt sie den wohlgenährten Kleinen, der auf dem Rücken
schwamm, unter dem Köpfchen, mit der andern drückte sie ein Schwämmchen
über ihm aus.
»Ach, sieh nur sieh,« sagte sie, als ihr Mann herzutrat. »Agathe
Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.«
Es hatte sich also darum gehandelt, daß Mitja seit dem heutigen Tage
augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte.
Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch
angestellt, und er gelang vollständig. Die Köchin, die eigens dazu
herbeigerufen worden war, beugte sich über das Kind. Das Kind machte
ein mürrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Köpfchen. Nun beugte
sich Kity darüber, da erglänzte es von einem Lächeln, stemmte sich
mit den Ärmchen gegen den Schwamm und stieß einen so behaglichen und
eigentümlichen Laut aus, daß nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern
auch Lewin in ungeahntes Entzücken gerieten. Man nahm das Kind auf
einem Arme aus der Wanne, spülte es mit Wasser ab, wickelte es in ein
Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertönt
war, der Mutter.
»Ich freue mich nur, daß du anfängst, es lieb zu gewinnen,« sagte Kity
zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren
gewohnten Platz gesetzt hatte. »Ich freue mich sehr darüber. Es hatte
mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, daß du gar nichts für
den Kleinen fühltest.«
»Nun, habe ich etwa gesagt, ich fühlte nichts für ihn? Ich habe nur
gesagt, daß ich von ihm enttäuscht worden wäre.«
»Wie; von dem Kinde enttäuscht?«
»Nicht von ihm enttäuscht, wohl aber von meinem Gefühl. Ich hatte mehr
erwartet. Ich hatte erwartet, daß sich, gleich einer Überraschung, in
mir ein ganz neues und angenehmes Gefühl regen würde. Und plötzlich,
anstatt dessen, fühlte ich nur Widerwillen und Mitleid« --
Sie hörte ihm aufmerksam zu, während sie ihre Ringe wieder auf die
feinen Finger steckte, die sie vorher abgestreift hatte, um das Kind zu
baden.
»Die Hauptsache dabei war doch, daß es bei weitem mehr Schrecken und
Schmerz gegeben hat, als Freude. Heute, nach dem Schrecken während des
Gewitters habe ich erkannt, wie ich das Kind liebe.«
Kity erstrahlte von einem Lächeln.
»Du warst wohl sehr in Schrecken?« frug sie. »Ich war es auch, doch ist
mir es jetzt noch viel ängstlicher zu Mut, nachdem es vorbei ist. Ich
werde mir die Eiche besehen. O wie lieb doch Mitja ist! Das Kind ist
überhaupt den ganzen Tag so reizend gewesen, doch du bist wohl so gut,
dich mit Sergey Iwanowitsch zu beschäftigen -- wenn du willst -- geh'
doch jetzt zu ihm. Es ist so wie so hier bei der Wanne stets sehr heiß
und dunstig.«
19.
Nachdem Lewin die Kinderstube verlassen hatte und allein war, fiel ihm
sogleich jener Gedanke wieder ein, in dem ihm etwas unklar geblieben
war.
Anstatt in den Salon zu gehen, aus welchem Stimmen vernehmbar waren,
blieb er auf der Terrasse stehen und schaute, auf das Geländer
gestützt, zum Himmel hinauf.
Es war schon völlig dunkel geworden, doch im Süden, wohin er blickte,
waren keine Wolken sichtbar. Diese standen auf der entgegengesetzten
Seite und von dorther zuckten Blitze und war ferner Donner vernehmbar.
Lewin lauschte den taktmäßig von den Linden des Gartens fallenden
Regentropfen und blickte zu dem ihm so wohlbekannten Sternendreieck auf
und der mitten hindurchgehenden Milchstraße mit ihrem Schimmer. Bei
jedem Aufleuchten des Blitzes verschwanden nicht nur die Milchstraße,
sondern auch die hellen Sterne, kaum aber war der Funke erloschen, so
zeigten sie sich wieder wie von einer Hand geworfen, an ihren alten
Stellen.
»Nun, was beunruhigt mich denn?« sagte Lewin zu sich, schon vorher
empfindend, daß die Lösung seiner Zweifel, obwohl er dieselbe noch
nicht kannte, bereits fertig in seiner Seele liege. »Ja, Eines ist
die offenkundige, unzweifelhafte Offenbarung der Gottheit; das sind
die Gesetze des Guten, die der Welt als Offenbarung kund gethan sind,
die ich in mir fühle und zu deren Erkenntnis ich -- mag ich wollen
oder nicht -- mit den anderen Menschen vereinigt bin zu einer einzigen
Gesellschaft von Gläubigen die man Kirche nennt. Auch die Hebräer,
Chinesen, Buddhisten -- was sind sie?« legte er sich jene Frage vor,
die ihm so gefährlich erschienen war. »Sollten diese Hunderte von
Millionen Menschen jenes höchsten Gutes beraubt sein, ohne welches
das Dasein keinen Sinn hat?« Er wurde nachdenklich, raffte sich aber
sogleich wieder auf, »wonach frage ich denn? Ich frage nach den
Beziehungen aller der verschiedenen Glaubensrichtungen der ganzen
Menschheit zur Gottheit. Ich frage nach der allgemeinen Offenbarung
Gottes für die ganze Welt mit all diesen Nebelflecken dort oben. Was
aber thue ich? Mir persönlich, meinem Herzen ist jene Erkenntnis
unzweifelhaft geoffenbart, die unerreichbar bleibt für den Verstand,
während ich sie hartnäckig durch meinen Verstand und mein Wort
ausdrücken will. Weiß ich denn nicht, daß die Sterne nicht wandelten?«
frug er sich, nach einem hellleuchtenden Planeten aufschauend, der
bereits seine Stellung zu dem obersten Ast einer Birke verändert hatte.
»Dennoch aber kann ich mir, auf die Bewegung der Sterne blickend, nicht
auch vorstellen, daß die Erde sich bewegt, und ich habe doch recht mit
der Behauptung, daß die Sterne wandeln. Hätten denn die Astronomen
etwas erkennen und berechnen können, wenn sie alle die verwickelten
verschiedenartigen Bewegungen der Erde mit ins Auge gefaßt hätten? Alle
ihre wunderbaren Schlüsse über den Abstand, das Gewicht, die Bewegungen
und Veränderungen der Himmelskörper sind nur auf der wahrnehmbaren
Bewegung der Gestirne rings um die unbewegliche Erde begründet, auf
der nämlichen Bewegung, die jetzt vor mir liegt und so gewesen ist für
Millionen von Menschen im Lauf von Jahrhunderten und stets sich gleich
bleiben wird, auch stets kontrolliert werden kann. Ebenso nun, wie die
Schlüsse der Astronomen müßig gewesen sein würden, wären sie nicht auf
den Beobachtungen des sichtbaren Himmels mit einem Meridian und einem
Horizont begründet, ebenso würden auch meine Schlüsse müßig sein,
wären sie nicht auf dem Begriff des Guten begründet, das für alle
stets vorhanden war und unangetastet bleiben wird, und, mir durch das
Christentum geoffenbart, in meiner Seele stets beglaubigt werden kann.
Die Fragen nach anderen Glaubensrichtungen und deren Beziehungen zur
Gottheit habe ich weder das Recht noch das Vermögen, zu entscheiden.«
»Bist du nicht heimgegangen?« erklang plötzlich die Stimme Kitys, die
auf demselben Wege nach dem Salon ging. »Was sagst du, bist du nicht
bei Laune?« sprach sie, ihm aufmerksam beim Scheine der Sterne ins
Gesicht blickend. Sie würde dieses aber nicht genau erkannt haben, wenn
ihn nicht abermals ein Blitz, der die Sterne verdunkelte, beleuchtet
hätte. Bei dem Schein desselben gewahrte sie sein Antlitz und lächelte,
nachdem sie bemerkt hatte, daß es ruhig und froh erschien.
»Sie versteht,« dachte er, »sie weiß woran ich denke. Soll ich es ihr
sagen oder nicht? Ja, ich sage es ihr.«
Doch gerade im Augenblick, als er zu sprechen beginnen wollte, ergriff
auch sie das Wort.
»Mein Konstantin, thu' mir doch den Gefallen,« sagte sie, »und gehe
nach dem Eckzimmer, um nachzusehen, ob für Sergey Iwanowitsch alles in
Ordnung gebracht ist. Für mich ist das nicht recht schicklich. Hat man
ein neues Waschbecken hineingestellt?«
»Gut, ich werde sofort gehen,« sagte Lewin, indem er aufstand und sie
küßte. »Nein, ich brauche nicht zu reden,« dachte er, während sie ihm
voranschritt. »Dies ist ein Geheimnis, das nur für mich war, wichtig
und nicht in Worten auszudrücken. Dieses neue Gefühl hat mich nicht
verraten, nicht des Glückes beraubt, mich nicht plötzlich erleuchtet,
wie ich geträumt hatte -- ebensowenig wie die Empfindung für meinen
Sohn. Es war auch keine Überraschung dabei. Ist dies nun der Glaube,
oder ist er es nicht, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist mir
unmerklich in meinen Leiden gekommen und hat sich in meiner Seele fest
eingenistet. Ich werde noch immer so auf meinen Kutscher Iwan zornig
werden, werde noch so weiter disputieren, meine Gedanken rückhaltlos
aussprechen, es wird die heilige Mauer bestehen bleiben zwischen meiner
Seele und den anderen, selbst meinem Weibe, ich werde dieses auch
tadeln wegen seiner Furcht, und Reue darüber empfinden und werde nicht
mit dem Verstande begreifen, warum ich bete; aber ich werde beten und
mein Leben, mein ganzes Leben soll jetzt von allem unabhängig sein,
was sich mit mir ereignen kann; keine Minute desselben soll mehr
gedankenlos bleiben -- wie früher -- sondern die nicht anzuzweifelnde
Idee des Guten in sich tragen, die ich die Macht besitze, ihr
einzupflanzen.«
-Ende-.
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