Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger
Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich
wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.
Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich
Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der
Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.
Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so
aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber
so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für
diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte
es fast niemand gelesen -- vollständig klar wurde, das ganze Werk
sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch
dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie
die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein völlig
unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst
Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend
verhalten konnte -- aber das alles war doch höchst traurig. --
Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey
Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte,
blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen
stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich
unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein
Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.
»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und
indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann,
der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert
habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.
Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl
in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß
sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk
erfolglos vorübergegangen war.
Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er
nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie
vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.
Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun
nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in
den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie
überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit
in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der
Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener
Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie
Zeit und Geisteskraft.
Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines
Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage,
des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der
Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die
vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey
Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese
Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.
Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach
und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen
Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit
totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle,
Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser
-- alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.
Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb,
war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah,
daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine
die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung
dienen.
Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten
unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte
ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten
allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und
andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der
Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt
worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten
die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne
Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger.
Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und
erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus,
der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man
die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen
und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den
Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und
Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen
Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit
Worten, sondern mit der That.
Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch
erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung.
-- Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der
Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und
je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender
schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste
Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.
Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte
dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze
Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn
gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.
Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch
gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu
seinem Bruder zu gehen.
Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als
um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung
des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt
vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin
gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen,
reiste mit ihm zusammen.
2.
Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von
Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim
Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener
umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit
Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen
hinter ihnen drein strömender Menschen die Station.
Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich,
indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch.
»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf
französisch.
»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu
erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit
einem kaum merklichen Lächeln.
»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir
selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.«
»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht
direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als
tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch.
»Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig
bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert
worden?«
»Mehr noch, Fürstin.«
»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken
geschlagen?«
»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie
unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß
während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten
geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß
morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.
»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht,
weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten
-- ich kenne ihn -- daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist
von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.«
Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte,
welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte,
kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die
Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin.
»Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fährt auch mit diesem
Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln,
als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab.
»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann.
Mit diesem Zuge also fährt er?«
»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es
war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.«
»Gewiß. Versteht sich.«
Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur
Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute
Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die
Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und
unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem
Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« -- schloß er
dröhnend und mit thränenerstickter Stimme.
Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über
den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal.
»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch,
der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich,
feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet
gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung.
Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und
aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend.
»Nein, ich fahre sogleich.«
»Wohin denn?«
»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch.
»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet
sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen
habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch
die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der
vereinigten -- Ihr wißt ja, =les petites misères de la vie humaine=,«
wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin.
»Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend
Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?«
»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig.
»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende -- Dimjor
Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen
beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch.
Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame.
Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey
Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen,
brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit.
Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts,
als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame
mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein
Fünfrubelpapier in die Büchse.
»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange
ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute?
Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« --
-- »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß
Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das
Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer
Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt,
und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem
Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen
über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den
Helden und alten Freund.
»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit
widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald
Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt
russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht
angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das
Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt
sprechen,« sagte die Fürstin.
»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.«
»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles
wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine
Eskadron auf eigne Rechnung mit.«
»Ja, ich habe davon gehört.«
Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren.
»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im
langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am
Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.
Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan
Arkadjewitsch sprach.
Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der
Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und
lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes
Gesicht erschien wie versteinert.
Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter
loslassend, in das Coupé des Waggons.
Auf dem Bahnsteig erschallte es »=Boshe Zarja chrani=!« und »Hurrah«
und »Zhivio!«
Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit
eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen
Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten,
gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem
Barte und in einer fettigen Mütze heraus.
3.
Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte,
stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen
vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger
Leute, welche das »=Slavsja=« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten
die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte
ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den
Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte
und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei
seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu
beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei
Sergey Iwanowitsch über sie.
Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu
setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der
folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.
Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und
machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des
Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß
die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf
sie gerichtet sei.
Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der
flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte,
die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein
schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde.
Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein
Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein
Vierter schlief.
Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß
dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes
Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er
gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von
schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung,
namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde,
und flunkerte in unangenehmster Weise.
Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff
gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein
Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn
gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken
angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete
unpassend gelehrte Ausdrücke an.
Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht
wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar
vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen
Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht
sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien
zu gehen, antwortete er bescheiden:
»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen.
Es thut einem ja leid.«
»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte
Katawasoff.
»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist
möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.«
»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?«
sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er
schon eine höhere Charge bekleiden müsse.
»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker
entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das
Examen nicht bestanden hätte.
Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen
Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um
einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand
diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter
Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den
Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben
war, wandte er sich zu ihm.
»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist,
die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche,
seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu
erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht
hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute
nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie
unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch
Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer
unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und
den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus
Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft
gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein
herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig
zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.
»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie
begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu
sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen
wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken
der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So
trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.
Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er,
Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen
der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen
hatten.
Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf
die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts
mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den
Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles
das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau.
4.
Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey
Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf
und nieder.
Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß
das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen
erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich
rief.
»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie.
»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem
Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner
Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy
nicht im Coupé war.
»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?«
»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch.
»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was
habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch
eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das
vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand
gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht.
Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles
weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten
in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt
ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie,
und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser
Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte.
Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« --
»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend,
»doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.«
»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade
bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie
ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends
-- ich hatte mich soeben zurückgezogen -- erzählt mir meine Mary,
daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt
hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie
gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts
mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war
dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war
er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat
er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß
es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn
nicht erkannt. -- >=Prostration complète=!< erklärte der Arzt. Dann
brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die
Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr
auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch
für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches
hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und
zwei edle Männer -- ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!«
»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch.
»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten
Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß
er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort
zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch
bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den
Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja
erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles
hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie
noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch
völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod -- ist
nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge
Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf
den Untergang meines Sohnes schaue.«
»Und wie trägt er es jetzt?«
»Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen.
Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat
ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und,
was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas très= -- =bien vu à
Pétersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder
aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich
nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet.
Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm,
ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat
er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr
freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.«
Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf
die andere Seite des Zuges.
5.
In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig
aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit
bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein
wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder
wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm,
als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht.
Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller
persönlicher Beziehungen mit Wronskiy.
In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor
in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn
anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm.
Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und
drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die
Hand.
»Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,« sagte Sergey
Iwanowitsch, »aber kann ich Euch nicht nützlich sein?«
»Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit
Euch,« sagte Wronskiy, »entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es
für mich nicht mehr im Leben.«
»Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,« sagte Sergey
Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. »Habt
Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?«
»O nein!« antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu
verstehen: »Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den
Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche?
Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur
gegen die Türken« -- sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten
noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden.
»Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten
die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind.
Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß
zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen,
daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben
kann!«
»Ich bin als Mensch,« sagte Wronskiy, »nur insofern brauchbar, als das
Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir
ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen
-- das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür
ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein,
interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.«
Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden
Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu
sprechen, den er beabsichtigte.
»Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,« sagte Sergey
Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. »Die Erlösung unserer
Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens.
Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,« fügte er hinzu
und reichte ihm die Hand hin.
Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs.
»Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch --
bin ich eine Ruine« -- sprach er in Absätzen.
Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel
füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines
langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend,
und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein
allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz
vergessen.
Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit
einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen,
nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die
Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als
er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen
kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder
ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen
Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit
seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und
auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der
erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in
den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare
Wort aussprach, daß er bereuen solle -- das Wort, welches sie während
ihres Streites zu ihm gesagt hatte.
Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen,
wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der
Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der
Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht
der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins
Gedächtnis kam.
Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch
diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die
Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt
hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war.
Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein
Gesicht.
Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte
er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte,
ruhig an Sergey Iwanowitsch.
»Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind
ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die
Entscheidungsschlacht.«
Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die
weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten,
trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach
ihren beiderseitigen Waggons.
6.
Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen
können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn
abhole.
Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem
kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt
wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von
Pokrowskoje vorfuhren.
Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen
hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen.
»Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,« sagte sie Sergey
Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend.
»Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht
erst Umstände gemacht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Ich bin so
voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so
beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen
können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,« lächelte er, »ihr
freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen
Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit
aufgemacht.«
»Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann
einem Menschen ähnlich sehen,« sagte Katawasoff mit seinem gewohnten
Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in
dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd.
»Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus
und muß bald kommen.«
»Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben
hier,« sagte Katawasoff, »bei uns in der Stadt aber ist außer dem
serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem
Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?« --
»Nun, ja, ein wenig;« antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit
einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, »doch ich will nach ihm schicken.
Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland
angekommen.«
Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten
Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in
Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte
sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der
Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf.
»Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,« sagte sie.
»O weh,« sagte der Fürst.
»Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr
lieb,« sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den
Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte.
»Nun, meinetwegen.«
»Geh doch zu ihnen Herzchen,« wandte sich Kity zu ihrer Schwester, »und
unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet
sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich
habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach
geworden sein und wahrscheinlich schreien,« und mit schnellen Schritten
ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube.
Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet -- sie
legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei
ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau.
Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube
gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und
beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter
schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und
ungeduldig.
»Schreit es schon lange?« frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf
einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. »Gebt es schnell her.
Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen
später!«
Das Kind zappelte schreiend vor Gier.
»Das geht aber nicht, Matuschka,« sagte Agathe Michailowna, die fast
stets in der Kinderstube zugegen war. »Man muß es hübsch ordentlich
putzen;« »Eia, eia«, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz
zu nehmen.
Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte
ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen.
»Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina
Aleksandrowna, er hat mich erkannt!« rief Agathe Michailowna dem Kinde
zu.
Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch
gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange
nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und
wurde ungebärdig.
Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und
hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten
sich gleichzeitig befriedigt und wurden still.
»Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,« sprach Kity,
das Kind befühlend. »Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?«
fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter
dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die
taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand
blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. »Kann nicht sein!
Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,« sagte Kity
auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte.
Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch
niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe
Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch
mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst,
nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna,
die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja
nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege
verlangte, aber für die Mutter war es schon längst ein Geschöpf
mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer
Beziehungen abgespielt hatte.
»Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache,
glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle
Tag,« sprach Agathe Michailowna.
»Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,« flüsterte Kity, »geht jetzt;
der Kleine schläft ein.«
7.
Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ
die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen
Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen
stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem
Kinde zufächelnd.
»Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,« sprach sie.
»Ja, ja, sch--sch--sch,« antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen,
welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald
öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend.
Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen,
scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen
hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur
bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen
gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung
schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an.
Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von
oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs
vernehmbar.
»Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,« dachte Kity, »aber
es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder
nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft
dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt
viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er
doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß es mir recht bang
um ihn wurde. Und wie komisch er ist!« flüsterte sie lächelnd.
Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity,
wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle
seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde,
hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe -- so bildete
sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte,
obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil
geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend,
mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch.
»Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,« dachte
sie. »Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann
er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie
dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er
dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu
viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam.
Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der
Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es,
mit ihm zu disputieren,« dachte sie und versetzte sich dann sogleich
in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen
unterbringen könne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch?
Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung
erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst
anblickte. »Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu
haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man
da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch
gewöhnliche Wäsche geben,« und bei diesem Gedanken stieg Kity das
Blut ins Gesicht. »Ja, ich muß es anordnen,« beschloß sie, und besann
sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas
Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie
sann nun nach, was es gewesen war. »Ach ja, Konstantin ist ungläubig!«
sagte sie, abermals lächelnd. »Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets
so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande
einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!« Ein Zug von
seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf.
Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an
Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten,
und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne.
Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und
beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm
lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils
ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem,
gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen
unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er
endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen,
den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an
dem Vermögen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht --
hingeben.
»Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher
Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut
er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es
sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine
Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter
seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen,
ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,« fuhr sie
fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren
Lippen berührend.
8.
Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden
Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch
jene -- wie er sie nannte -- neuen Überzeugungen hindurchblickte, die,
unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum
vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie
die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr
vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringste
Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße.
Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit
der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so
lauteten die Begriffe -- die für seinen alten Glauben eingetreten waren.
Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut
für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin
fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen
Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der
Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner
ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem
unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei.
Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu
geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese
Angst über sein Nichtwissen empfunden.
Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine
Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung
im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war,
unmöglich wurde.
In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und
Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in
ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau,
während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger,
und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend,
aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: »Wenn ich jene Antworten
nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben
erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?« Und in dem gesamten
Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort
zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre.
Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in
Spielzeugmagazinen oder Waffenläden.
Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche,
bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und
Lösungen derselben.
Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl
der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er,
frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie
er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden
und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch
noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob
sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer,
die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn
beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen
dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben.
Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt,
gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die
noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität
beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr.
Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und
Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er
in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen
Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung
einflößte, glaubte.
Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher
überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen
hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und
verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen,
ohne deren Beantwortung er -- er fühlte es -- nicht leben könne, und
bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht
interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der
Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w.
Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas
für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten
begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese
Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von
damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben.
Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt
habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darüber nachzudenken
begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht
zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische
Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge
seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde.
Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und
spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen.
9.
Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie
aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und
sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich.
Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt
hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er
immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und
Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch
erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun
lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen,
insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen
und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte
sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung
unklarer Begriffe, wie »Geist, Wille, Freiheit, Substanz« folgte und
absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch
er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen.
Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und
sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen
Faden folgend, nachdachte -- und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle
Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus
denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von
Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand.
Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs
eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei
Tage lang, so lange er sich mit ihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel
aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie
blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht
warm hielt.
Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs
zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der
ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen
Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche.
Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen
Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer
Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche.
Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine
vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle
Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum
Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von
ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung,
den Sündenfall, und die Erlösung -- als wenn man mit Gott, dem weit
entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne.
Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und
die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide
Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da
verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude
wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude.
Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe
gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt.
»Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht
leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,«
sprach Lewin zu sich selbst. »In der Unendlichkeit der Zeit, der
Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die
organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann
zerplatzen; -- das bin ich.«
Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher
Denkarbeit nach dieser Richtung.
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