sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.
»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey
Aleksandrowitschs« -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum
es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.
»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die
Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich
erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend,
»sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden,
und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung
hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«
»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon
vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« -- sagte Stefan
Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin
antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher
stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er
sie anzugehen hätte.
»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine
Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese
Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht
mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf
den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.
»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« --
»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz
ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey
Aleksandrowitsch schauend.
»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu
sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte
er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur,
daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon
spricht.«
»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«
»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied
in den Überzeugungen und dabei« -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem
Lächeln.
»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«
»Ja, ja, gewiß, doch« -- und in Verlegenheit geratend, verstummte
Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion
handelte.
»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna
herantrat.
Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die
Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem
Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf
und lächelte kindlich-naiv.
»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung
ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« --
begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia
Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie
um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas
nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische.
»Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die
Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der
Religion gegenüber sind.«
»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die
glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.
»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der
Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem
Lächeln an ihn wendend.
»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.
»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur
harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln,
»ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen
könnte.«
Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.
»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,«
sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob
wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von
menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen,
welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul
traf.«
»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die
währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.
Landau erhob sich und trat zu ihnen.
»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.
»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn
zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«
»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt
zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl
von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia
Iwanowna, verzückt lächelnd.
»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser
Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er
einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich
aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor
einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu
Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.
»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte
Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde
für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. -- Pardon,« fügte
sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden
Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind
wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine
Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.
»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und
nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.
»So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet,
wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal
gesprochen hätten.
»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet!
Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe
keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends
gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«
»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele
zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher
Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche.
Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und
leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden
Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der
ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.
»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind
erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit
seinem Blick billigend.
»=Vous comprenez l'anglais=?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich,
nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen
Bücherbrett in den Büchern zu suchen.
»Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen?« sprach
sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch
gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.
Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf
welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist,
als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige
kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.«
Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.
»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja,« sprach sie, die Stelle
in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren
nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre
Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor
ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand
diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist
das Glück, welches der Glaube verleiht!«
»Ja, ja, das ist viel« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit,
daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur
Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um
etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben,
von hier fortkommen.«
»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich
an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«
»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und
schloß die Augen.
Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll
an und die Lektüre begann.
22.
Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen,
ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des
Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem
es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er
liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und
bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er
verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia
Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder
verschlagenen Augen Landaus -- er wußte es selbst nicht -- sah, begann
Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu
empfinden.
Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander.
Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist -- es wäre recht
angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu
retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie
man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das --
woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon,
daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt
nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr
bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht
dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn
sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb
heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine
Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich
sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte
sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen
anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin
Lydia Iwanowna sprach »er schläft«.
Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich
schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er
wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen,
sondern auf Landau.
Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber
während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde -- doch
selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles --
erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna,
außerordentlich.
»=Mon ami=,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu
verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer
Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend,
sondern »=mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St!« -- lispelte
sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.«
Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der
Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf
dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen
wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an
dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen.
Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend,
im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und
blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan
Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.
»=Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande,
qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=!« -- sprach der Franzose, ohne die
Augen zu öffnen.
»=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore
mieux demain=.«
»=Qu'elle sorte=!« wiederholte der Franzose ungeduldig.
»=C'est moi, n'est ce pas=?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan
Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten
wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging
er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier
fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße
hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um
möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.
Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte,
und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre,
erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm
an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.
Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in
Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb
ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und
bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum
durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die
wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres
trugen.
Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder
junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht
die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst,
ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig
geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer,
wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier
schlief er dann auch ein.
Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten
ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran
er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste,
als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der
Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück.
Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte
Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser
Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen
oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.
23.
Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu
entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer
liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten
unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.
Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden
Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein
völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.
Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze,
seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie
im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt
standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren -- unerträglich
geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie
schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau
weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr
bestand.
Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und
alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht,
sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung,
welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für
Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige
Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern,
nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden
äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig
für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander
zu zeigen.
Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten,
Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen
Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach
ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich
jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil
derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen
-- und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines
anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner
Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht
erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem
geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den
anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen
Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so
leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit
denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein
nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein
Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.
Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten,
insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer
offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig,
daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin
Sorokina zu überreden.
In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe
zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte
sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau
-- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und
Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung --
alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das
Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben;
daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur
er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub,
so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er
hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit
er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie
auf ewig von ihrem Sohne getrennt war.
Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen,
beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen
Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie
reizte.
Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine
Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er
gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem
das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und überdachte
nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen
waren, in allen Einzelheiten.
Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen,
kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung
dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der
Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß
der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos,
und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war
wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien
gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für
dieselben eingetreten war.
Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber
respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte
Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.
Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung
auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen
Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.
»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie
dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl
erwartet,« sagte sie.
Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas
Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich
darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun,
geantwortet:
»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich
sehe, daß sie nicht natürlich ist.«
Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie
sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu
können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der
Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.
»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich
und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer.
Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen
Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl
beigelegt aber nicht vorüber war.
Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie
fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig
zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und
sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.
»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich
werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort
werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst.
»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie
vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine
Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte
sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl
aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von
meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war
so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann
nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche,
ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen
Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war,
erschrak sie über sich selbst.
»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich
nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von
Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn,
bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der
Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt,
sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen
bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen,« und um
nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen,
schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die
Reise aufs Dorf herbeizubringen.
Um zehn Uhr kam Wronskiy an.
24.
»Nun; ging es recht vergnügt zu?« frug sie mit schuldbewußtem und
sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend.
»Wie gewöhnlich,« versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf
sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an
diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon,
weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand.
»Was sehe ich! So ist's recht!« sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer
weisend.
»Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf
wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?«
»Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann
sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.«
Er begab sich in sein Kabinett.
Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, »so ist's
recht«; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat
launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem
schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen
Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf;
allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und
begegnete Wronskiy noch immer so heiter.
Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise
die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag
zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise.
»Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,«
sprach sie, »weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das
nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten,
ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe
beschlossen, daß dies keinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll.
Bist du auch einverstanden?«
»O ja;« sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend.
»Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?« sagte sie.
Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben
worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch
ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es
war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei
aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt.
»Wie? Sie schwamm?« frug Anna, sich verfinsternd.
»In einem roten =costume de natation=; sie war alt und häßlich. Aber
wann reisen wir?«
»Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen
Weise?« sagte Anna, ohne hierauf zu antworten.
»Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein
furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?«
Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken
zu verscheuchen.
»Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch
nicht fertig sein; aber übermorgen.«
»Ja -- doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zu =maman=,«
sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er
den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch
auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr
ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt
war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die
junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf
einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte.
»Du kannst doch morgen zu ihr fahren?« sprach sie.
»Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- läßt
sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,« antwortete
er.
»Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.«
»Warum das?«
»Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.«
»Aber warum?« sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. »Das hat doch gar
keinen Sinn.«
»Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast.
Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier
interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei.
Du hast erst gestern gesagt -- daß ich meine Tochter nicht liebte,
sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte -- dies wäre
unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein
natürliches sein könnte!«
Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie
ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie
sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie
mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr
unterordnen.
»Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so
plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.«
»Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die
Wahrheit?«
»Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,« sprach er ruhig, den
in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, »es ist sehr bedauerlich,
wenn du mich nicht achtest« --
»Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken,
auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst,
so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.«
»Nein, das wird unerträglich!« rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend.
Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: »Weshalb stellst
du meine Geduld auf die Probe?« Er sprach dies mit einem Ausdruck,
als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; »es giebt gewisse
Grenzen!«
»Was wollt Ihr damit sagen?« rief sie, mit Schrecken auf den offenen
Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders
in den harten, drohenden Augen lag.
»Ich will sagen,« begann er, stockte aber, »ich muß fragen, was Ihr von
mir wollt?«
»Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht
vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt« -- sagte sie, vollkommen
verstehend, was er nicht vollendet hatte, »aber das will ich nicht; das
kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht
mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.«
Sie schritt der Thür zu.
»Bleib -- bleibe!« sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen
Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. »Was ist denn
eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben
werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein
ehrloser Mensch!«
»Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für
mich geopfert zu haben« -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte
eines anderen, früheren Streites -- »daß er schlimmer ist, ein Mensch
ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!«
»Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!« rief er aus,
ihre Hand schnell loslassend.
»Er haßt mich, das ist klar,« dachte sie, und verließ schweigend,
ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. »Er liebt
eine andere; das ist noch klarer,« sprach sie zu sich, in ihr Zimmer
tretend, »ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist
alles vorüber,« wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten
Worten, »und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?« frug sie sich und
setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin
sie jetzt fahren könnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie
erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran,
was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein
entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie,
was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen
würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele
andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den
Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin.
In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich
interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem
sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich
zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes
Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen
hatte »warum bin ich nicht gestorben?« und erkannte nun plötzlich das
Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der
allein alles entschied, »sie mußte sterben.«
»Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine
eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie
wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden,
Liebe, und soll meinethalben leiden!«
Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem
Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend,
und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen
Seiten aus, vorstellend.
Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre
sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht
einmal nach ihm um.
Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise:
»Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem
einverstanden.«
Sie schwieg.
»Nun?« frug er.
»Du weißt ja selbst,« sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch
länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. »Verlaß mich, verlaß
mich!« sprach sie unter Schluchzen, »ich werde morgen fortgehen -- ich
werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein
Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und
werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!«
Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar
keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe
oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je
zuvor.
»Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?« sagte er, ihr die Hände
küssend. In seinen Zügen malte sich jetzt Zärtlichkeit und ihr schien
es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner
Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und
augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine
verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn
und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen.
25.
In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte
sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.
Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag
reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht
hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt
vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh oder spät am Tage
abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke,
und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als
gewöhnlich, bei ihr eintrat.
»Ich muß sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff
übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er.
Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise
auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.
»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich:
vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man
thut wie ich wünschte. -- »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den
Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese
überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf
Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte.
Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon
trat.
»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte
sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts
Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck,
keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese
Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des
gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?«
»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?«
»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also
morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich
veränderte sich ihr Antlitz.
Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein
Telegramm aus Petersburg auszubitten.
Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens
Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr
zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich
dann hastig zu ihr.
»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.«
»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören.
»Von Stefan,« antwortete er gezwungen.
»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es
zwischen Stefan und mir geben?«
Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu
bringen.
»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu
telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?«
»Über die Scheidung?«
»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich
versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.«
Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das,
was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig
Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.«
»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann
ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach
sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu
verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen
verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei.
»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es
scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr,
als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.«
»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des
Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb
glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar
zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag,
und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie
ich.«
»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,«
sagte er.
»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie,
mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte,
sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb
wünschest du Klarheit?«
»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt
doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte
er.
»Kinder wird es nicht geben.«
»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er.
»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du
nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er
gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. --
Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte
für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte.
Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre
Schönheit nicht schätze.
»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich
wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin,
daß ein großer Teil deiner -Gereiztheit- von der Unbestimmtheit unserer
Lage herrührt.«
»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte
Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte
nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter
blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute.
»Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß
der Grund meiner -Gereiztheit- -- wie du es nennst, der sein kann, mich
vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit
der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.«
»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst,« unterbrach
er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die
Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.«
»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem
sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.
Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich
streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie
ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre
Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den
Lippen verursacht hatte.
»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und
wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die
Tasse niedersetzend.
»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«
»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei
es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse
ist, und ich es nicht kennen mag!«
»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«
»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück
und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.«
»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu
sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng
anblickend.
Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine
Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren
Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen
Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber
verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.
»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!«
-- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.
»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« --
-- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie
und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte
ihn und blieb.
Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß
sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen
haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden
Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles
erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm
in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu
konversieren.
»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine
Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.
»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde,
ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den
Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß
ein Zwist obgewaltet hatte.
»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.
»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«
»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins
Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr
an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser
unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit
Jaschwin fort.
»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid
thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine
Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in
den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich
doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd
ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander
-- und darin liegt das Vergnügen.«
»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus
Eurer Frau.«
Jaschwin brach in Gelächter aus.
»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals
vorgenommen!«
»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und
Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das
Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte
sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«
»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu
Jaschwin.
»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel
setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous
kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer
nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«
»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt
handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht
aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.
Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich
und verließ das Zimmer.
Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte
sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber,
von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.
»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.
»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach
er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich
durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen.
Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie
sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen
aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich
plötzlich in Mitleid für sie.
»Was ist, Anna?« frug er.
»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.
»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte
sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr
Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben
und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem
Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte.
Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät
Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe
und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.
26.
Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal
gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige
Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn
so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in
das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz
zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem
gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie
geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war
klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen
hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen,
die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und
mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.
»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr
wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen,
wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld
braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«
Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er
sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben
nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.
»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der
gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male
grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.
Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson,
die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles
vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie
sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete
auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als
sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß
sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so
bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist,
und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« --
Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine
Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt
hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es
war also wohl alles vorüber.
Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu
erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe,
den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte,
erschien klar und lebendig vor ihr.
Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht,
erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts
mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! --
Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man
nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr
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