bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen
leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.
Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten
Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen
Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren
schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte
sie dieselben an ihr Gesicht.
»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe
keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg,
sie stören mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha
Petrowna!« --
Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich
verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich.
»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!«
schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu
vergleichende Schrei.
Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus.
»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach.
Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren
war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im
Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und
Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity
gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses
Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die
Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden.
»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den
eintretenden Arzt am Arme packend.
»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er
dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte,
als ob sie stürbe.
Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was
er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch
finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An
der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach
dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu
urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es
ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr,
es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze
des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es plötzlich. Lewin traute
seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war
verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen,
sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die
ein leises »vorbei« hervorbrachte.
Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend,
schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte
lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin
aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in
der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die
frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem
Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die
gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und
Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm
mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn
lange Zeit am Sprechen verhinderten.
Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines
Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen
Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber
bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der
Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges
menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun
aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich
selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.
»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte
Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand
klatschend den Rücken des Kindes schlug.
»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys.
Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr.
Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort
auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden
war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der
kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens,
das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.
Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er
mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei
ihnen sein werde -- er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber,
in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten
Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund
sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.
Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich.
Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das
Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich
durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber
auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte,
überflüssig, überzählig.
16.
In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und
Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin
gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge.
Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen
der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war;
er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt
hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen.
Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher
er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit
denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines
Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes,
und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die
ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt
gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob
sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner
Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das
Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie
mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich
befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in
der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer.
»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut;
sogleich« -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.
Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die
bevorstehende Taufe entwerfend.
Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band,
die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und
winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete.
Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich
ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum
Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt.
Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung.
Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den
Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn
bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten
und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt.
»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch
jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich
veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das
Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er
soll ihn sehen.«
»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes,
seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch
halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses
sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und
wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben,
umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.
Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah,
vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen
von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel
vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten
Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den
kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen
auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wären
es weiche Sprungfedern -- die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie
sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid
mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden,
daß er sie an der Hand festhielt.
Lisabetha Petrowna lachte.
»Habt keine Angst; habt keine Angst!«
Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt
worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr
Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen
Schönheit sehen könne.
Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.
»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar
erheben.
»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr
nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen
wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.«
Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere stützte
nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame,
zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote
Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende
Lippen.
»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna.
Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das
Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das
Gefühl, welches er erwartet hatte.
Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch
nicht gewohnte Brust zu legen suchte.
Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das
Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.
»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht
von sich. Es schlief in ihren Armen ein.
»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er
es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich
plötzlich noch mehr; das Kind nieste.
Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib
und verließ das verdunkelte Gemach.
Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was
er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl;
im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst;
die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese
Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß
dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben
die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er
hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.
17.
Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert.
Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und
das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent
bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab
kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja
Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen
geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des
Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.
Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die
Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben
ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten.
Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan
Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner
Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt,
welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren,
jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte
zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte
siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog
fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich
vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an,
das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des
Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun
eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten,
Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr
er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter,
deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel
jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren,
behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds
in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der
südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle
derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß
es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.
Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte,
nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt
ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan
Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung --
sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem
eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt:
Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine
solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet,
daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern
auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen
Stich zu versetzen.
Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in
denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann
angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte,
als andere.
Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und
Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten
aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei
Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie
schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er
seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort
betreffs der Ehescheidung zu erlangen.
Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach
Petersburg.
In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des
schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan
Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner
Angelegenheit und von Anna zu beginnen.
»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein
Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und
fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in
den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit --
die Freiheit.«
»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip
der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das
Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um
noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies
gesagt war.
Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern
durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende
Stelle.
»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner
Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- für
die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« -- sagte er, über
dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das
nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen
und von Phrasen begeistert.«
Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen
begann, was -die oben- thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine
Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in
Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher
jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte
vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich
seine Schrift durchblätternd.
»Ach, bei dieser Gelegenheit« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte
ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar
Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als
Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz
der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch
war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits
gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu
versehen.
Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser
neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit
dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne.
Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte
war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er
sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:
»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du
gerade dieses Amt zu übernehmen?«
»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« --
»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte
sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser
Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem
Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die
Sparsamkeit waren.
»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in
unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen
ökonomischen =assiette= unserer Regierung sind.«
»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein
Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert.
Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.«
»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz
der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung
eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn
ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich
kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt
erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn
man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte
einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schließe
ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und
Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person.
Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als
schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« --
Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.
»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft
nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen,
wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf
ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch
gewichtig.
Die Moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey
Aleksandrowitsch unverständlich.
»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er.
»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte
Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen
wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.«
»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte
Aleksey Aleksandrowitsch.
»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan
Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens,
weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen
war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen
hatte.
Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine
Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen
Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit
anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war
es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen,
daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in
dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal
im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht
befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst
unbehaglich zu Mute gewesen.
Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan
Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den
Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend,
und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben
wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den
anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen.
Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher
Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher,
daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er
lautete: »ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten«[C]
-- oder aus einem anderen Grunde.
[C] Der Originaltext lautet: »=bylo djelo do [.z]yda, i ja
do[.z]idalsja=«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich
mußte tüchtig warten«.
Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit
empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm
einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so
schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran
erinnerte, errötete er.
18.
»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft
Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen,
und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.
Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich
das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren
Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.
»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend
und sein Pincenez zusammenklemmend.
»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich
wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten« -- wollte
Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der
Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu
dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern
einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen.
Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er.
»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise.
»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen
habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du würdest
Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich
entsetzlich.«
»Mir schien,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer,
fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das,
was sie selbst gewollt hat.«
»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen!
Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt
-- die Ehescheidung.«
»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung
nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu
lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese
Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach
Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.
»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee
seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn
du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch
trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast
ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das
zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt;
bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl
ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken
konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit,
haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.«
»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach
ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.
»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch
geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für
jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das
weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus,
daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle,
alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll
sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?«
»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines
Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt,
daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur
das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden
durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles
so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch
versprochen.«
»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die
Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe
ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« -- Aleksey
Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und
mit bebenden Lippen.
»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das
Eine -- sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich
befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch,
du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage.
Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage
über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben,
so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande
bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist
nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich
ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine
Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn
man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den
Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in
Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf
mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules=« --
»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey
Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas
versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.«
»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?«
»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert,
wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das
Versprochene erfüllbar ist.«
»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran
will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib
unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« --
-- »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. =Vous professez d'être
un libre penseur=, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so
wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.«
»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel
ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die
Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« --
-- »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.«
»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte
Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht
hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen
Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch
den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« --
»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die
Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme,
»ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gespräch« --
»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,«
beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand
hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag
übermittelt.«
Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.
»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen
werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem
Nachdenken.
19.
Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der
Meldung:
»Sergey Aleksejewitsch!«
»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch
anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte
er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements
wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich,
und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder
ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt
hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm
ist. Und mein Stefan -- wenn es möglich wäre; es wird doch möglich
sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre«
bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen,
daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht
zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.
Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam,
daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher
ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.
»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner
Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine
verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit
wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die
Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn
eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt
gut.«
»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der
kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den
hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben
in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund
und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden,
doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei
er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging
zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der
Schule erhalten hatte.
»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.«
»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu
sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?«
Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.
»Ich besinne mich, =mon oncle=,« antwortete er, auf den Oheim blickend
und wiederum in Verwirrung geratend.
Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.
»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl
er nicht recht wußte, was er sagen sollte.
Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus
der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte,
eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem
fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.
Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum
letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von
ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden
und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und
Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr
krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn
überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für
schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen
Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein
Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war,
bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu
gewöhnen.
Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war
ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für
schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer,
als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der
Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck
des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die
Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater,
bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen,
hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er
für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel
gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und
nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.
Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen,
und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und
frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe,
unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.
»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und
wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere.
Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie
nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch
alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer
dabei den Kondukteur zu machen.«
»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie
schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.«
»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in
diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt
nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und
obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu
sprechen, hielt er es doch nicht aus.
»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich.
»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und
schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun
nichts mehr aus ihm herausbringen.
Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf
der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne
oder weine.
»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich
habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird
wohl dem Direktor gesagt werden müssen.«
»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt.
Das ist doch sicher wahr!«
»Nun was aber ist Euch denn dann?«
»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum
soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht
mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.
20.
Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht
müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der
Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer,
noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.
Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn
nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und
wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte
er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in
Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die
schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über
die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen
seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte
ihn.
Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort
aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man
lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich
alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor
dem Scheine des Feuers.
Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy
gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die
erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime
Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die
erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher
in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite
Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm
nützlich und förderlich.
Was hätte man hierzu in Moskau gesagt?
Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht
daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab
hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete,
seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern
allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch
verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch
eben leben müsse.
Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge
hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war
ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein
treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene
Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere
machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern
begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte.
Dieser Dienst gewährte Interesse.
Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in
finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij,
welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er
gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein
bemerkenswertes Wort fallen lassen.
Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu
Bartejanskij gesagt:
»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher
einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen
wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als
Mitglied der Agentur« --
»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du für eine
Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du
willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« --
Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges
Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden.
»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.«
»Aber du lebst doch?«
»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.«
»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig.
»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.«
Bartejanskij lachte lustig auf.
»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und
besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei
leben!«
Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der
Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.
Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine
Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche
Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er
unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen
durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar
noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.
Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan
Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn.
In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach
dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen,
langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In
Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger.
Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige
Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war,
gesagt hatte.
»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt,
»glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber,
wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein
junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man aß und trank so
leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach
Rußland gekommen -- ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja;
du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen
Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die
jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger
Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann
aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.«
Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter
Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn
er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre -- was
übrigens ganz gut gewesen sein würde -- für das Heil seiner Seele zu
sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch.
Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden
alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets
launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge,
wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage
nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu
ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und
seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie
er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur
nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun
deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh
über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu
Zweien ein Ende machte.
»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure
arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu,
»seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter
sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es
Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen,
als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall
hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe
für sie, und erzählt mir nun von ihr.«
»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen,
in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für
bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer
Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen.
»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen.
Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch
schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager,
verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug
sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt,
nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem
Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn
ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich
doch nicht anders!«
»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das
eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit
meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab
mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber
erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der
Gräfin Lydia Iwanowna.«
»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau
befragen, was der sagen wird.«
»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« --
»Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le
clairvoyant=? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das
Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der
Provinz -- Ihr wißt von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis
in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt
schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken
Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des
Juriy Meledinskiy -- Ihr wißt, des Kranken -- von diesem Landau und
nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat
er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser
noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit
ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles
auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin
Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn
zu ihrem Sohne gemacht hat.«
»Wie, zu ihrem Sohne?«
»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf
Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe
sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat
sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn
wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß
gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen
dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.«
21.
Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen
Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan
Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin
Lydia Iwanowna.
»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer,
indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und
einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.
»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der
Portier gemessen.
»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan
Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber
doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren
Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's
gewiß.«
Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin
Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon
die Lampen.
An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey
Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer
Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr
bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf
dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers,
die Wand mit den Porträts betrachtend.
Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey
Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach
dem unbekannten Manne.
»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer
Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die
beiden miteinander bekannt.
Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte
lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine
unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg
und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch
wechselten einen ausdrucksvollen Blick.
»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die
Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin
anweisend.
»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach
sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey
Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff,
wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«
»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man
sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«
»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin
an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich.
Es ist ein solcher Schlag für sie.«
»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.
»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,« sagte die
Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.
»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so
vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in
welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte,
zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.
Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna,
gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem
Lächeln zu Oblonskiy sagte:
»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen
zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund
zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes
hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf
Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,«
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