damit einverstanden ist.«
»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.«
»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna
zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz
bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.«
»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja
gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« --
»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs
nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern.
»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber
ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite
ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« --
änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das
verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht
zu sehen.«
»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.«
»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten,
und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« --
wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich,
reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem
leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen
bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt
es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was
ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen
können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so
kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden
ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in
diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia
Iwanowna.«
Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend,
mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd
der hin und wieder wandernden Anna.
»Man muß versuchen,« sprach sie leise.
»Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?« sagte
sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal
überdacht, auswendig gelernt hatte. »Dies bedeutete für mich, die ihn
haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt --
ich halte ihn dabei noch für großmütig -- daß ich mich erniedrige,
wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies!
Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder
die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.« -- Anna befand
sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen
geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend.
»Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein -Sohn-? Den wird
man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung
gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie
mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen
liebe, Sergey und Aleksey.«
Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide
Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre
Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit
feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in
ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am
ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly.
»Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere
aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur
Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles,
alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag
ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte
in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu
erfassen, woran ich leide.« Sie trat heran, setzte sich neben Dolly,
blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei
der Hand. »Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht!
Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn
jemand unglücklich ist, so bin ich es,« sprach sie und brach, sich von
ihr abwendend, in Thränen aus.
Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett.
Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr
gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über
sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in
einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer
in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr
jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben
einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß,
bestimmt morgen abzureisen.
Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein
Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren
hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie
getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger
und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.
Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an.
Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte
mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben
geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung
und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber
doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren
Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was
sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst
sagen. Doch sie sprach nur:
»Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?«
»Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais
excessivement terre-à-terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr
über sie gefreut.«
Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte
ihm zu, den Blick anders auffassend.
Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten
ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr
gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von
verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr
mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.
Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja
Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben
war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander
nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr
zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt,
mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen
werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese
Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl
wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten,
und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem
Leben, welches sie führte.
Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna
ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre
Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich
Philipp der Kutscher selbst anfing:
»Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß
Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen.
Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer
bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden
soviel gegeben wird, als gefressen wird.«
»Ein geiziger Herr,« bestätigte der Comptoirdiener.
»Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?« frug Dolly.
»Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir
schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich weiß nicht, wie
es Euch gegangen ist,« sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht
zuwendend.
»Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?«
»Wir müssen.«
Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen
wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit
großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen
habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der
Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu
Worte kommen.
»Man muß Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen
gelernt -- um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,« sprach
sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von
Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort
empfunden.
25.
Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne
Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und
einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig
geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je
länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da
war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern
müßten.
Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher
Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre
Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war,
mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten
Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von
denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und
Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit
jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit
vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich
Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft
mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit
sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er
erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich,
noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das,
wonach er gefragt und zeigte es ihm.
Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie
leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder
sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie
Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben
hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens
gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch
zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den
Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken.
Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien
und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine
Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker
werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben,
wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren
mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden
gewesen sein.
Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen
Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen
müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar
jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und
mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr
beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren
Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz
verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß
er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte.
Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle,
Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein,
und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen
Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen
Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst
sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei
aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe
zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs
bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das
Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu
können, gab Wronskiy diesem in nichts nach.
Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur
dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das
allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung
zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur
dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er
die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur
das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein
Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte.
Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin,
in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs,
Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden.
Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht
der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich
darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht
bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben.
Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu
wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig
besuchte zu Wronskiy.
Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast
ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die
langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf
den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen
Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte,
derselben Mitteilung von seiner Abreise.
Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig
auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete
er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lächelte zu seinem Blick.
Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und
wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas
beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er
fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß
er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch
aufrichtig -- was er ja wünschte -- sie sei einsichtsvoll.
»Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.«
»Ich hoffe es,« sagte Anna, »gestern habe ich eine Kiste Bücher von
Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.«
»Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,« dachte er, »es
wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,« und fuhr, ohne sie zu einer
aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen.
Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich
von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben.
Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so
besser sei. »Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares,
Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen.
Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche
Unabhängigkeit,« dachte er.
26.
Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau
gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt,
als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin
besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen
hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den
Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin
hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine
Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der
Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen.
Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, daß
er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm
obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig
Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform
bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu
reisen, und so fuhr er nach Kaschin.
Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die
Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester,
die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von
den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer
so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die
andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen
Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse
lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr
dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die
Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber
sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von
Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen
Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten
vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze
Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches
Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe
empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft,
wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser
Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine
Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht
nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem
er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das
alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, »man wird sich
freilich weiter sperren, doch probiert nur«. Und Lewin versuchte und
ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte
sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war
und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin
in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil
davon habe, daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte.
Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte
Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf
der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es
ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den
Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm
niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären.
Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach
geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand,
wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich
selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne;
daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in
Aufregung zu geraten.
Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte
er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als
möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere
Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung
beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele
neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen
Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den
Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte.
Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei
diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in
dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen
-- wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt
laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien,
das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung
nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo -- dieser
Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der
ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner
Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte.
Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks
der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo,
welches doch so außerordentlich große Bedeutung haben sollte, den
Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz
einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen
neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den
Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des
Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen
würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement
von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war,
hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache,
wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für
alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte.
Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef
an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser
Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen
Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht.
Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine
Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person,
sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen
möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei
den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe
Vertrauen des Monarchen rechtfertigen.
Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal,
und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll
Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und
mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher
alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen
und hörte, wie der Gouverneur sagte: »teilt Marja Iwanowna gefälligst
mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.« Nach ihm
suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in
den Gottesdienst.
In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand
erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten
Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe.
Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, und als die Worte
gesprochen wurden: »Ich küsse das Kreuz« und er auf die Schar dieser
jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten,
fühlte er sich bewegt.
Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder
und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt
hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen
in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht.
Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der
Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß
der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung
dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder
sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich,
dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die
Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben
Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe
gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem
sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines
der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise.
Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr
scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher
wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen
ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der
Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe.
Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung
los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie
entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig
befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch.
Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen
Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die
Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war
erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber
darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß
die Gelder verloren seien, antwortete:
»O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der
vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte
erschüttert werden.«
Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war
ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde
Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an
diesem Tage ein Essen statt.
27.
Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen
Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen.
Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht
gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg,
ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am
Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt.
Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager
und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der
Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere
flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich,
daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.
Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei
Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren
größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit
Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder
Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise
gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz
in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen.
Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und
breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen
Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen
gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.
Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die
Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen
Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige
sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige
Anhänger der neuen Richtung.
Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben
einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem
er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen,
was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um
welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und
Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei
gehörte.
Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage
zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während
Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb
man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen
Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.
Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat,
sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch
wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.
»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines
Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem
Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys.
»Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich
schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin,
verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst
hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte
diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den
Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es
sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend,
Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den
Gouvernementsvorsteher bitten wollte.
»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin
kurz und klar, um was es sich handle.
»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den
Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen
weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum
zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann
Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten
einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren
ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so
wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm
absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische
Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren
aufstellen, diesem das Amt überträgt.«
Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige
Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen,
lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten.
»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist?
Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was;
unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!«
hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen
mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas
versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der
Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher,
Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten.
28.
Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm
stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen,
störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die
weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ
des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie
stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung
eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter
gerichtlicher Untersuchung befindet«.
Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey
Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die
Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm
scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des
Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen.
In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit
zu ballotieren habe.
Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn
desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und
krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten
hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem
Finger darauf schlagend:
»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den
Kugeln!«
Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große
Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie
lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er
sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug,
aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses
Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den
Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der
anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte
alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um
Ordnung zu bitten.
»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein!
Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den
Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es
sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man
zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.
Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer
ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff
nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die
Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff
ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm
später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß
im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt
werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der
Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man
Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines
Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes
aufzufassen sei.
»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß
daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen
will,« schloß Sergey Iwanowitsch.
Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz,
diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen
schlimmen Erregung sehen zu müssen.
Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne
das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand
befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen
von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten
Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein
unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer
voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann
auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es
gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart,
den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung
lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit
dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der
Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft
besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach
zu kennen, ihn davon abzog.
»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer
Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.«
Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter
seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger,
ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand
genommen hatte und daran roch.
Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel
hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat
heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es
sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit
der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man
in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine
Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche
Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.
»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen.
Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das
Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner
rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß
er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch
schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten,
schnell in die hintersten Reihen zurück.
»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die
Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen
konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem
Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei
hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für
besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und
gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher
umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er
den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu
ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner
Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes
geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient,
soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich
schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung
überwältigt, inne und verließ den Saal.
Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen
ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation
herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben
fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des
Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit
für Sjnetkoff.
In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.
»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten,
lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er
etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne.
Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform,
mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern,
erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes
Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist.
Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für
Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten
in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten
und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den
altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen,
sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der
ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert
hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen
und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die
Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast
der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den
Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden,
freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte
in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt.
Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er
wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.
»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er.
»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt,
schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun
dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür.
Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl
schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an
den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach.
Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine
Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit
herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten,
welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an
den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den
Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem
dritten die Uniform entwendet.
Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während
der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den
Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur
Sobranje zu bringen.
»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte
der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist
nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.«
»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte
Swijashskiy kopfschüttelnd.
»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig
niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen
Fall Wein geben.«
29.
Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den
Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war
die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung,
da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln
kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen
suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem
vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend
oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in
dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht
gesehenen Freunden.
Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit
Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen
gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in
Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen
erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu
begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen
blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.
Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt
und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen
Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne
Beschäftigung war.
»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß.
Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas
verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die
auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen
seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend,
und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz
ab.
»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner
Gutsherr mit dünner Stimme fort.
Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn,
einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen
Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.
»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider
entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den
Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu
äußern. Eine Schweinerei ist es!«
»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach
man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen
werden!«
»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist!
Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!«
»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.«
Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies
Einer der drei Berauschten.
»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil
sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger
Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten
Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei
Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr
schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.
»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns
im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.«
»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin.
»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem
Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit,
daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt
Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl
gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er,
sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz
Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe
selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan
Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform,
welcher mit einem General ging.
»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht
wenig verstehe,« sprach Lewin.
Der Gutsherr schaute ihn an.
»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar
nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur
dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch
das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden
Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.«
»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin.
»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht
zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser
Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem
eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu
werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb
sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen
zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.
»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.«
»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir
Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.«
»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?«
»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller
zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder
schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt
Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten
anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein
hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die
Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so
anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte
darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er.
»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.«
»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas
wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der
ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel
gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr,
meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch
umsonst.«
»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?«
»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man
weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer
stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein
Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein
Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch
arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.«
»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in
meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man
fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.«
»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein
Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den
Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles
in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich
aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese
Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer
tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<«
»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern
pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als
einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird
sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es
giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen
streben müssen.«
»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer.
»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas
Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten
Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.«
Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.
»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch,
oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische
Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu
Kapitalverlust geführt.«
»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen
wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den
Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.
»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht
ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht
hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen
Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht
soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht
er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein
mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem
Schaden.«
»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu
treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.
»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch
war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.«
»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd.
»Ein wenig.«
»Man hat uns den Mut benommen.«
30.
Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen
Freunden.
Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan
Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden
Lewin entgegenblickte.
»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt,
Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er,
Lewin die Hand reichend.
»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin,
purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu
sprechen.
Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter,
offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu
geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt
Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte,
um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.
»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy
anblickend.
»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete
Swijashskiy.
»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?«
»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,«
sagte Wronskiy.
»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin,
Wronskiy anschauend.
»Wer da will,« sagte Swijashskiy.
»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin.
»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen
erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden,
bissigen Herrn werfend.
»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich
verwickelte.
»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja
die zwei Kandidaten.«
»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr.
Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben
bekannt.
»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan
Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der
Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.«
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