Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.«
»Nein; das sage ich auch.«
»Aber du wirst Händel suchen?«
»Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,« sagte Lewin, in der That
mit heiter glänzenden Augen. »Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird
es nicht wieder thun,« sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht
zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her
schielend und wartend, und ihren Blick suchend.
Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub
das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre
hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.
»Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?« dachte Lewin, und
ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.
Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die
Station fahren zu können.
»Es ist gestern die Feder gebrochen,« antwortete der Diener.
»Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?«
Sie gingen nach seinem Zimmer.
Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer
ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten
anprobierte.
Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka
selbst, daß =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser
Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben
ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins.
»Ihr wollt in Gamaschen reiten?«
»Ja; das ist bei weitem sauberer,« sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf
einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er
heiter lächelte.
Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser
kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit
im Blick Wasjenkas wahrnahm.
Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim
Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren
zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht
wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum
abzubrechen.
»Ich wollte --« er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys
gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in
die Augen blickend, »ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.«
»Was heißt das?« begann Wasjenka voll Verwunderung, »wohin soll es
gehen?«
»Ihr sollt zur Bahn fahren,« sagte Lewin finster, die Spitze des
Stockes abzupfend.
»Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?«
»Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,« sprach Lewin,
schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des
zersplitterten Stockes abbrechend. »Oder vielmehr ich erwarte nicht
Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch,
abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.«
Wasjenka richtete sich auf.
»Ich bitte Euch, mir zu erklären,« sprach er mit Würde, endlich
begreifend.
»Ich kann Euch nicht erklären,« fuhr Lewin, gedämpften Tones
und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner
Kinnbackenmuskeln zu verbergen, »und es ist auch besser für Euch, nicht
zu fragen.«
Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich
Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander
und hob das hingefallene Stück sorgsam auf.
Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände,
dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der
blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken
Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die
Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte.
»Kann ich nicht Oblonskiy sehen?«
Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, »was bleibt ihm
weiter übrig?« dachte dieser.
»Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.«
»Was ist das für ein Unsinn,« sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem
Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als
er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend,
spazieren ging.
»=Mais c'est ridicule=! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen.
=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, daß ein
junger Mann« --
Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte
aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan
Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig
unterbrach.
»Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir
sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht
es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner
Frau seine Gegenwart unangenehm ist.«
»Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! =Et puis c'est ridicule=!«
»Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an
nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!«
»Das hätte ich nicht von dir erwartet! =On peut être jaloux, mais à ce
point, c'est du dernier ridicule=!«
Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der
Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald
vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor,
wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem
Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe
schnellend, durch die Allee fuhr.
»Was giebt es denn noch?« dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem
Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den
Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach
er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren
zusammen ab.
Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der
Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im
höchsten Grade »=ridicule=«, sondern auch schuldig und beschimpft; als
er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten,
gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln
würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte.
Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme
der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte,
außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer
Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so
daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas
gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall.
Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu
erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum
dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten
berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln
des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als
sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und
wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den
Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.
»Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und
dann hörte ich »halt!« -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm
bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu
ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen
Bändern.«
16.
Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.
Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu
müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht
die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy
zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu
kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern
könnten trotz der Veränderung ihrer Lage.
Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte
Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch
Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen.
»Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst
wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr,
daß du nicht meine Pferde nimmst,« sagte er. »Du hast mir nicht ein
einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf
dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann,
was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht
hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst,
so nimmst du sie.«
Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte
Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen
Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht
sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage
an ihr Ziel zu bringen.
Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für
die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für
Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft
Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem
Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig
Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte,
für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja
Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden,
wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen.
Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte
ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und
auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners,
der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt
worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie
schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden
mußten.
Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern,
bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte,
eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten
über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr
Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen
um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst,
auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen
Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben,
wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten
aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.
Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die
Fürstin, wie besonders Kity -- auf diese verließ sie sich vielmehr --
versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.
»Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein
Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.«
Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten
Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen
Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der
ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die
Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die
Welt einführen würde, »mit den Mädchen ist es noch nichts«, dachte sie,
»aber mit den Knaben?«
»Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch
nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage.
Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter
Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine
Geburt« -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß
der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre.
»Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist
das Qualvolle,« dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des
Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch
mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie
Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: »Ich hatte ein
Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.«
»Hast du es sehr betrauert?« hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.
»Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur
Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist
nur gebunden.«
Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet
des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie
sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in
diesen cynischen Äußerungen.
»Und im allgemeinen,« dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben
während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, »Schwangerschaft,
Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich
Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich
geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß
es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute
-- hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese
furchtbaren Schmerzen« --
Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz
einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt
hatte. »Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die
Gedanken wegen schlimmer Neigungen« -- sie dachte an das Vergehen der
kleinen Mascha in den Himbeeren -- »der Unterricht, das Latein, alles
das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die
Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!«
Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz
drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der
noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie
dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit
für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden,
vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen
Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches
aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel
und einem Kreuz bedeckte.
»Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen
Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein
Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere
folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche,
schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?
»Und jetzt -- wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht,
wie wir ihn verleben sollen. -- Natürlich sind Konstantin und Kity so
zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch
nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr
unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was
kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch
helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein
erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und
nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr
sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten
Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles,
was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein
ganzes, verlorenes Leben!« --
Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum
war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch
zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.
»Ist es denn noch weit, Michail?« frug Darja Aleksandrowna den
Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu
entreißen.
»Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!«
Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die
Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter
Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den
Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja
Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.
»Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,« fuhr Darja
Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern
vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter,
angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, »ich
aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich
mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur
Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly,
Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! --
Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar
wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich
lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt
hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das
in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche
gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran
that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir
nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein
neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt
werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn
nicht! Ich brauche ihn aber,« dachte sie ihres Gatten, »und so dulde
ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte
ich noch meine Schönheit,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen,
und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack
befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen,
doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden
Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn
einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.
Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es
jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der
besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den
guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber
gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann
war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte,
sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten
und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. »Anna
hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf
mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern
Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie
sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,« dachte
Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen,
namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für
sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem
erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna,
gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung
Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.
In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der
Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.
17.
Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf
ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen.
Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und
rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der
leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt,
als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden,
schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen
herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern
erhob sich und kam zum Wagen.
»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem
langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit
den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »so lauf doch!«
Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit
von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen
Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an
die Seite des Wagens.
»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?«
wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann
gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum
Herrn selbst?«
»Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna
ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach
Anna fragen sollte.
»Er ist wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und
dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner
Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird wohl zu Haus sein,«
wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu
beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste -- es war eine Menge
-- Was willst du!« -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm
vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier
vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden
sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?«
»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend,
»also es ist nicht weit?«
»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« -- sagte er, mit der Hand nach
der Seite des Wagens deutend.
Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.
»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe.
»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst
du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die
Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.
Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der
Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief
ebenso. Der Kutscher hielt an.
»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind
sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen
weisend, welche den Weg daherkamen.
Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die
Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten,
und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.
Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt
Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine
englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif.
Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden
schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der
schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.
Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der
Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja
Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie,
die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als
sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus,
denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und
würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß
nichts natürlicher erscheinen konnte.
Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die
starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt
Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden
Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht
verbeißen, als sie ihn erkannte.
Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut,
welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete
er mit den Zügeln.
Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der
Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber
gezogen wurde, folgten den Reitern.
Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke
geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln.
Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in
Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und
eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.
»Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du
vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit
dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend
und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!«
sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen
war und zu ihnen herankam.
Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.
»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,«
sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd
dabei seine festen weißen Zähne zeigend.
Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab
und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe
schwingend.
»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick
Dollys, als der Wagen herangekommen war.
»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich
Mißvergnügen aus.
Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie
lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara
ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte.
Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies
verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den
Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre
Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.
Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und
begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls
bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen
Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die
nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten
Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.
»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist
sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.«
»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir
wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte
sie dieselbe mit sich.
Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch
nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden
Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die
Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor
sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen
wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die
Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen
hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.
Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit,
die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen
pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren
Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der
Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der
Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die
Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie
ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat,
sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz
lehren zu können -- alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst
schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.
Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie
beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen
des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly,
weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer
schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt
hatte.
Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl.
Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen,
den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der
Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser
äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er
auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt,
daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig
Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.
Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten
neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu
machend.
»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte
mit dem Lindenbast.
»Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben
hereinbringen; das ginge lebhaft!«
»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte
Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.
»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!«
»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?«
»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne
schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« --
18.
Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln,
die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich
daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte,
daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte
sie, und begann, von sich zu sprechen.
»Du blickst mich an,« sagte sie, »und denkst, kann sie glücklich
sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es
einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glücklich! -- Mir
ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem
es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu
fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht.
Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon
geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,«
sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend.
»Wie freue ich mich,« sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler,
als sie wollte. »Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir
nicht geschrieben?«
»Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergißt meine Lage.«
»Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie
ich -- ich glaube« --
Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen
aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht
am Platze.
»Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?« frug sie, im
Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend,
welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah
dies alles aus wie ein Städtchen.
Anna antwortete ihr nicht.
»Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber;
wie?« frug sie.
»Ich vermute,« wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem
Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit
Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf
dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen
vorüber.
»Sie geht, Anna Arkadjewna!« schrie er.
Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna
schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses
langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung
ihres Gedankens ab.
»Ich urteile gar nicht darüber,« sagte sie, »ich habe dich stets
geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er
ist, nicht so, wie man will, daß er sei.«
Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der
Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly
noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wünschte die Bedeutung dieser
Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es
wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an.
»Wenn du Sünden haben solltest,« sprach sie, »so möchten sie dir alle
vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.«
Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend
drückte sie Annas Hand.
»Also was sind das für Gebäude? -- Wie viel es doch sind!« Sie
wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage.
»Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,«
antwortete Anna. »Dort beginnt der Park; alles das war verwildert,
aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses
Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte,
leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine
so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er
ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern
beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne,
ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar
geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da,
wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,« sprach sie mit
jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime,
ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen.
»Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus.
Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und
weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten,
ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich
beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich
nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses
Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig
sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafür
umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch
vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.«
»Wie schön,« sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein
schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der
alten Bäume des Gartens hervortrat.
»Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die
Aussicht wunderbar.«
Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten
geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit
unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten
Einfahrt.
»Ah, sie sind schon angekommen,« sagte Anna, auf die Reitpferde
blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. »Nicht
wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling.
Führe es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf?« frug sie
zwei herauseilende Paradelakaien. »Ah, dort ist er,« sagte sie, den
heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy
erblickend.
»Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?« sagte Wronskiy auf Französisch,
zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten,
Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: »Ich denke, wir
bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? --«
»O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns
da mehr sehen. Gehen wir,« sagte Anna, den ihr von einem Lakaien
präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend.
»=Et vous oubliez votre devoir=,« sagte sie zu Wjeslowskij, welcher
gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war.
»=Pardon, j'en ai tout plein les poches=,« antwortete dieser lächelnd,
die Finger in die Westentasche steckend.
»=Mais vous venez trop tard=,« sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand
abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den
Zucker nahm.
Anna wandte sich zu Dolly:
»Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist
unmöglich!«
»Ich habe so versprochen, die Kinder --« sagte Dolly, mit einem Gefühl
der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte,
sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse.
»Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!« Anna
führte Dolly in ihr Zimmer.
Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy
vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly
möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine
Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in
welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des
Auslandes in die Erinnerung zurückrief.
»Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!« sprach Anna, für eine Minute
in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, »erzähle mir doch von den
Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er
nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes
Mädchen geworden, glaube ich?«
»Ja, sehr groß,« antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst
verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. »Wir
befinden uns recht wohl bei den Lewin,« fügte sie hinzu.
»Ach, hätte ich gewußt,« antwortete Anna, »daß du mich nicht
verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein
alter und intimer Freund Alekseys,« fügte sie hinzu, und errötete
plötzlich.
»Wir befinden uns so ganz wohl,« versetzte Dolly verlegen.
»Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal,
Herzchen, wie freue ich mich über dich,« sagte Anna, sie wiederum
küssend, »aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich
denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du
mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem,
daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will
nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun,
außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine
langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen.
Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.«
19.
Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der
Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und
durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte,
verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes
modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen
gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt
hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis
zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war
mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und
Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die
Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und
Portieren, alles das war teuer und neu.
Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten,
und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige
Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer.
Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und
Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht
behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen
ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten,
ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und
gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es
ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten,
zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte,
außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen.
Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen.
Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit
alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von
der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna
zurück.
Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame
und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung
bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere
bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna,
doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu
sprechen begann.
»Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über
alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so
zu lieben --«
»Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,« unterbrach sie
Darja Aleksandrowna.
»Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders
angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf
führt alles ein. Das ist ein Mann --«
Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das
Geschwätz Annuschkas abschnitt.
Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly
betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies
zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu
erringen.
»Eine alte Bekannte,« sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.
Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig
ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder
vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei
dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden,
gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu
derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten
Gedanken befanden, verschlossen war.
»Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?« frug Dolly.
»Die Any?« -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- »sie befindet sich
wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm,
ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,« begann sie
zu erzählen, »mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie
war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so
gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.«
»Und wie seid Ihr übereingekommen?« wollte Dolly fragen, welchen Namen
das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene
Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. »Und wie
seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?« --
Doch Anna hatte verstanden.
»Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen
fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen.
Das heißt, sie ist -- eine Karenina« -- sagte Anna, die Augen soweit
zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar
waren. »Übrigens,« fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort,
»von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir
zeigen! =Elle est très= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.«
In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus,
welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier
gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie
Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan
nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen.
Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar
teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell.
Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem
Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die
ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches
in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich
selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau
war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von
dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich
einander nur verständlich machen konnten.
Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit
unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken
schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen,
obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes
Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen
»=yes, mylady=!«
Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten
Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel
Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem
es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um
seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch,
gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses
Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid
dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute
es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar
erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich
lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände
und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den
Händchen nach vorwärts faßte.
Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die
Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit,
daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl
kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna
selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so
unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können.
Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna,
die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten,
und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna
wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.
Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel
Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar
nichts wußte.
»Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich
überflüssig bin,« sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm
ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten
vorüberzukommen. »So war es nicht bei meinem ersten Manne.«
»Ich dachte, im Gegenteil,« sagte Darja Aleksandrowna schüchtern.
»O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,«
sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas
weit Entferntem. »Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst
nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl
vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige
Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich
mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema
ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grâce de rien= -- ich
muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft
machen, die du bei uns findest,« begann sie, »und beginne mit den
Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine
Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck
ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina
Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich
bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in
welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist
wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe
wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie
sie dort, in Petersburg war,« fügte sie hinzu. »Hier lebe ich nun
vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt
werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr
solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt,
nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit
seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch -- du
hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen
und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von
denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt,
wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die
Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er
ist ein sehr lieber Mensch,« sagte sie, mit schelmischem Lächeln die
Lippen kräuselnd. »Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit
Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie
gar nicht glauben. =Il est très gentil et naif=« sagte sie, wieder mit
dem nämlichen Lächeln. »Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey
braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft.
Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts
Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein
Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht;
Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger
Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, >er ißt
mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch
der Architekt da. -- =Une petite cour=.« --
20.
»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,«
sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend,
auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara
saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte.
»Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag,
befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe,
Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.«
Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und
begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna
wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina
Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem
alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in
diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.
»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe
ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und
werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag
-- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön
hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die
besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es!
Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa,
und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch
endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est
un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On
se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare=. Jeder thut,
was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr.
Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an
sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder
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