Anna Karenina, 2. Band
Leo N. Tolstoi
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Anna Karenina.
Roman aus dem Russischen
des
Grafen Leo N. Tolstoi.
Nach der siebenten Auflage übersetzt
von
Hans Moser.
Zweiter Band.
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
* * * * *
Fünfter Teil.
1.
Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit
vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die
eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war;
doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären,
daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte
Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben
konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert
haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die
Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte,
damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie
beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen,
während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über
Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte,
ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war
um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf
das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war.
Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in
welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten
und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts
denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen
gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne
oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung
hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut
gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die
Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig
einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld
für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen,
Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen.
Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch
Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer
sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er.
Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine
Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie
damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen
künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie
wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er
liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern
wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies
nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner,
daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins
Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo
ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin
in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich
Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das
Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit
jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße.
»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin,
-- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des
jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du
gebeichtet hast?«
»Nein. Warum?«
»Ohne dies wirst du nicht getraut!«
»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine
Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!«
»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst
du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt
fasten.«
»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.«
Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten.
Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer
achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen
Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen,
weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu
heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig
undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte
er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines
von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen
mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben,
Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich.
»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so
lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen,
daß du es gar nicht gewahr wirst.«
In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen
an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen
wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten
Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies
vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken,
wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und
Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß
er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der
Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem
vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber
bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr
sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit
dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu
schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit
dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was
er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte,
gewissermaßen irrig und nicht gut war.
Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich,
ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht
in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts
verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und
beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen,
die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens
in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.
Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als
sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben,
um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die
Beichte zu hören.
In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und
die Kirchendiener.
Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften
scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann
sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen.
An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell
aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme
dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin,
wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte
aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus
nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter
dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu
versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.
»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich
vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten.
Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets
während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend,
diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre
Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die
ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte.
»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich
bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens
des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und
betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt«
und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja,
nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn
anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende,
da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der
Fall.«
Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier
in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren
und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die
Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute
schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke,
welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt
wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu
weisen.
»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar.
Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den
Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und
mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er
Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich
die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur
Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.
»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,«
sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns
die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die
Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion
legend.
»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer
Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.
Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas
Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in
schnellem wladimirschen o-Dialekt:
»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen
beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere
Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste
Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit
verlieren.
»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich
befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.«
»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte
der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr
vornehmlich?«
»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete
Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er
gesprochen hatte.
Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins
keinen Eindruck.
»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er
schnell und mit kaum merklichem Lächeln.
Lewin schwieg.
»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine
Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger
Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat
die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer
möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend.
Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen
Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort
nur, was sich auf die Frage selbst bezog.
»Ich weiß es nicht.«
»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott
alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.
»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß
seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten.
»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt
und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große
Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und
bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg
hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich
vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter
meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu
treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!«
»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte
derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich.
Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er
zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu
treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so?
Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr
selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der
Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf.
»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht
nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet
auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht
der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das
unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen,
das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen
und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht?
Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch
geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet
mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts
wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz
der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und
hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften
Augen anschauend.
Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in
einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm
noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal
Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber
nachzudenken, was er dann antworten wollte.
»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche
fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu
halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich
Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in
seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe
dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester
und entließ ihn.
Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges
Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte,
so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber
war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das,
was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so
dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas
hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe.
»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin
fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und
unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen
Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern
gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe
gemacht.
Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend
heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden
Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich
wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt
habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was
von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf
Tische und Fenster springt.
2.
Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf
der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja
Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im
Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig
gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund
und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der
Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein
Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.
Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in
aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs
Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität
geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und
Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren
und gutmütigen Art.
»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder
angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch
unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden
natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die
Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte
er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner
Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um
diesen Betrug zu rechtfertigen.«
»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch
nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch.
»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der
Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen
können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu
deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für
die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von
Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.«
»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch
verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!«
»Ich bin schon verliebt.«
»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich
Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über
Ernährung schreibt und« --
»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es
handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben
soll.«
»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.«
»Er nicht, aber das Weib hindert.«
»Inwiefern denn.«
»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd --
paßt nur auf!«
»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno
wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff.
»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.«
»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich
von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr
fortlassen.«
Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur
Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem
Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.
»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt
werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war
eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff.
Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die
Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.
»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom
Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie
glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene
Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche
Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.«
»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte
Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.
»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach
Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir
mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff
lächelnd.
»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern
dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.«
»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr
überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur,
wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet,
dann werdet Ihr es schon finden.«
»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,«
-- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück
gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im
Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!«
»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken
wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein
Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück
werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.«
Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur
Hochzeitsfeier Toilette zu machen.
Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze
vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich
dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der
Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage.
»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man
liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt,
ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre
Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine
Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank
in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt,
es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie,
wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen
heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht
wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen
und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht
lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen
ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie
ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy
gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm
nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es
nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen,
sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es
nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges
Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn
gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und
fuhr zu ihr.
Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit
einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider
durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem
Fußboden ausgebreitet lagen.
»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude.
»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte
sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht
erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine
oder Andere« --
»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend.
»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was
ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das
Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches
aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.
»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er,
Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr
beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen,
treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde,
was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das
Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin
gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder
aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.«
»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?«
»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß;
das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen,
mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen.
Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber«
-- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen
alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist
besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« --
»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst
alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« --
»Ja, wenn du mich nicht liebst.«
»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein
Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und
sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was
denkst du eigentlich; sage mir alles!«
»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich
denn lieben können?«
»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus.
»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die
Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.
Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die
beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert,
daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend,
weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.
Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil
sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets
gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die
Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer
und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid,
welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der
Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses
Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue
schenken.
»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher
nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.«
Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie
halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach
Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da
Charles sogleich kommen würde.
»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist
magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr
aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause,
nach Hause mein Lieber.«
Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel
zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle
in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem
Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.
Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren
pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild
mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer
gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte,
wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte
Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr
gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.
Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan
Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine
Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem
befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem
gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das
Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte,
abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen
vertiefte.
»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn
abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte,
vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.«
»Gewiß, sehr gern.«
»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?«
frug Stefan Arkadjewitsch.
»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu
bringen.
3.
Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur
Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die
Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster
unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.
Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße
entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte
nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich
kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in
Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi
oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst
waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden
Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten
Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das
Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens
mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen
des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die
Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf
der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und
weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und
Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern
und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes
Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald
das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das
Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den
eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür
hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein
verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach
rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den
Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich
nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten
hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.
Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem
Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei
Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen,
und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann
wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste
gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam
dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.
Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung
des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern
klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann
das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte
fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort,
ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in
seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger
und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.
Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch
seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut
ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren
fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity
stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier
und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester
vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und
blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich
die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in
der Kirche erwartend.
Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste
und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür
hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor
jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll
Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und
wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.
»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und
albernen Lage befunden?« sagte er.
»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd,
»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.«
»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese
albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick
auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die
Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung.
»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!«
»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!«
»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es
wird sich machen.«
Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte
Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.
»Und das Hemd?« rief Lewin.
»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.
Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und
nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den
Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend
abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar
Fräcken.
Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich
unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den
Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein
Geschäft.
Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag
heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam,
aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den
Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in
der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes
Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen
und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese
jetzt denken mochte.
Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit
dem Hemd in das Zimmer herein.
»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem
Fuhrwerk,« sagte er.
Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine
Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.
»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch
lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird
sich schon machen -- sage ich dir!«
4.
»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung?
Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge
durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt
begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.
Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung
mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander.
Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine
Braut.
Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im
Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand
dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier
und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der
eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken
Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien,
daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese
Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer
Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der
künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens,
ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war
mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.
»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu
ihm.
»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar
nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu
seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.
»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch,
lächelnd den Kopf schüttelnd.
»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.
»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch
mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden.
Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu
ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden
sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel
aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe
entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben
wirst.«
Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte
nicht zu lächeln.
»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.«
»Nun, nicht gebrannte.«
»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan
Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer
solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort,
nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut
getreten war.
»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die
Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie
sich an Lewin.
»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.
»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte
die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und
lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend.
Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts
herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen.
Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin.
Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck
angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar,
welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an
Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der
Priester gesagt hatte.
»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu
ihm.
Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man
besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben --
weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen
Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne
seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand
zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise
bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor
und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und
Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen
folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe
der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der
Wachstropfen vernahm.
Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden,
silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten
geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren
silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten
Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar.
Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm,
nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte.
Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er
sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen
herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche
war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit
mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete
mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den
Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender
Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte
hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß
nehmend.
»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von
oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren
Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick
empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen
bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er
sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte,
welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit
dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und
Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das
war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich
zu Mut.
Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd
und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat
schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola
hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen.
»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche
Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend.
»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,«
antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer
auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den
Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen,
ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen
Augenblick und erstarb dann.
Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil,
für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht
Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.
»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen
helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der
Stimme des Protodiakonus.
Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man
vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine
kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß
ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings,
Hilfe thut mir jetzt not.«
Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester
mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte
vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band
der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat,
dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie
selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen
Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe
bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen
Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in
der Höhe der unsichtbare Chor.
»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie
gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in
diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche
fühlt wie ich?«
Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß,
daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht
der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie
verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie
war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes
eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm.
Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen,
was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war
und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt
hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem
zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu
ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde
ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte
ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben
begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt.
Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch
qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und
Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht
verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch
weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald
näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie
fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben.
In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich
selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer
gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten,
den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die
über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über
alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak
sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie
dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen
als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht
eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen.
Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und
noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und
die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben
vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht
furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar
oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in
ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich
lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.
Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den
sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen
lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht
Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den
großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid
erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das
Nämliche.
Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten,
irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder
Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er
die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und
Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung,
und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was
erforderlich war.
Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu
verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der
feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich
nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten,
schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln,
mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen
eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen
Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne.
»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und
das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von
dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung
des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die
Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine
Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen
Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im
Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.«
Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten,
seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen,
kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er
bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger
verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben
sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten
ihm in die Augen.
5.
In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten.
Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten
Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren
in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine
leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten,
während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets
ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.
In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren
beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die
aus dem Auslande gekommen war.
»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es
schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja.
»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja.
»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so
kaufmännisch« --
-- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die
Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem
Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und
wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.
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