unterdrücken zu können.
Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten
flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender
Austern und einer Bouteille.
Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie
an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann.
»Ah, nicht übel,« sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen
Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern
verschluckend. »Nicht übel,« wiederholte er, die feuchtschimmernden
Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend.
Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse
lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar
aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden
Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit
eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf
Stefan Arkadjewitsch.
»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch
leerend, »oder bist du nicht bei Laune?«
Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies
der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit
alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem
im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter
diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas,
diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die
Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte.
»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich
hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie
alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist;
ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir
gesehen habe« --
»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch
dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend.
»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal
nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir
auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten,
der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns
die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute
ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich
Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu
thun haben.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter.
»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier
arbeitet eben nur der Geist.«
»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir
jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst
schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten,
während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu
diesem Zwecke noch Austern esse.«
»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja
eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu
verschaffen.«
»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild
zu bleiben.«
»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.«
Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm
schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy
aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich
hiervon abzog.
»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug
Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und
den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte.
»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien,
als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.«
»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier -- he,
Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als =grande
dame=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen,
doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber
doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus
Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach
dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur
das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.«
»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin
seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau
verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich
wiedergekommen« --
»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge
schauend.
»Weshalb?«
»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte
Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch.
»An dir erkenne ich alles im voraus.«
»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?«
»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur
eine Gegenwart, und die Gegenwart -- ist verpfuscht.«
»Was heißt das?«
»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich
kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch.
»Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? -- Da nimm!« rief er
dem Tataren zu.
»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden
Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden.
»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran
kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend.
»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme
fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jeder Muskel bebte. »Wie schaust
du auf die Sache?«
Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge
von Lewin zu verwenden.
»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als
dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.«
»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir
jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend;
»glaubst du, daß es möglich ist?«
»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?«
»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was
du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« --
»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd
über diese Erregtheit.
»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie
für sie.«
»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei.
Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.«
»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins,
und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei
Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt -- außer
ihr -- und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren
sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber -- war sie allein, ohne
jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit.
»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die
Sauce fortgeschoben hatte.
Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht
zum Essen kommen.
»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und
Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit
niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so
verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles;
indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe
ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.«
»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch
lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein --
bewundernswertes Weib.« -- Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner
jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und
fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die
Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch
was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie
beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen
heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so
gekommen. Sie aber, ist -- ganz auf deiner Seite.« --
»Inwiefern denn?«
»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity
würde unfehlbar dein Weib.«
Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem
Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war.
»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich
ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,«
antwortete er, von seinem Platze aufstehend.
»Gut; aber setze dich doch.«
Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit
seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und
blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann
setzte er sich wieder nieder am Tische.
»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst
verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein
eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja
deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es
nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht
existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für
mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« --
»Weshalb warest du nur fortgefahren?«
»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von
Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen
können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin
so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen.
Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay -- du kennst ihn doch,
er ist hier -- ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er
glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist
entsetzlich -- du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl -- eines ist
entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine
Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen,
unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich
nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.«
»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.«
»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein
Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich
tief.«
»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete
Stefan Arkadjewitsch.
»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets
geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung
erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir
vergeben.«
11.
Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang.
»Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?« frug alsdann
Stefan Arkadjewitsch Lewin.
»Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?«
»Eine andere Flasche,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren,
der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich
dann, wenn er nicht erforderlich war.
»Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern
ist.«
»Was ist das für ein Wronskiy?« frug Lewin, und seine Miene ging von dem
Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy
betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über.
»Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy,
einer der hellsten Sterne der =jeunesse dorée= von Petersburg. Ich habe
ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur
Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat
mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber
guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier
kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein
Mensch, der es weit bringen wird.«
Lewin verfinsterte sich und blieb stumm.
»Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und
ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity.
Du weißt ja wohl, daß deren Mutter« --
»Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,« antwortete
Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er
sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte
vergessen können.
»Warte nur ruhig, warte,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine
Hand berührend. »Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß
in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die
Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.«
Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus.
»Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung
zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,« fuhr Stefan
Arkadjewitsch fort, »aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr
eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.«
»Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme
nur im Frühjahr zu mir,« antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer
Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben.
Sein »Gefühl«, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht
über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die
Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt.
Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins
vorging.
»Ich werde schon einmal kommen,« sagte er. »Ja, ja, liebster Freund, die
Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine
Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern.
Sprich einmal aufrichtig,« fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und
mit der anderen das Glas haltend, »und gieb mir einen Rat.«
»Worin?«
»Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein
Weib, würdest aber von einer anderen verführt« --
»Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich
etwa -- es ist ja gleich was ich nehme -- wie ich nicht begreifen
könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an
einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.«
Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich.
»Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es
doch nicht aushältst:
»Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen
Meine irdische Begier;
Aber doch, wenn's nicht gelungen,
Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte
gleichfalls nicht umhin zu lächeln.
»Ja, aber ohne Scherz,« fuhr Oblonskiy fort, »stelle dir vor, daß ein
Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich
ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist -- verstehe
recht -- muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich
trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme
Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht
lindern?«
»O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei
Klassen zerfallen, oder nein -- richtiger -- es giebt Weiber und es giebt
-- ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will
keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor
mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind
es.« --
»Und die Büßerin in der Bibel?«
»O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte
er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem
ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich
nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen
Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen --
ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren
Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht -- ich
ebensowenig.« --
»Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem
Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der
linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine
Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage
mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man
hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in
Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe
hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!« Stefan
Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung.
Lewin lächelte.
»Jawohl; sie ist dahin,« fuhr Oblonskiy fort, »und was soll man dann
thun?«
»Jedenfalls keine Semmeln stehlen!«
Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus.
»O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich
um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte
bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere
aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da
thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.«
»Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir,
daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus
folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe -- jede der beiden
Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im »Gastmahl« definiert,
--als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art,
die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe
kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. >Ich danke
bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung<, das ist
hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein
Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil« --
In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er
gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise
fügte er daher hinzu:
»Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich
weiß nichts, entschieden nichts.«
»Da hat man es,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »du bist ein sehr
offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein
Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze
Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber
dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft
mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit
stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der
Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen
Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein
Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle
Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und
Schatten.«
Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen
Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht.
Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren,
miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch
mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen
Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so
gar nichts angingen.
Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an
Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne
geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war.
»Zahlen!« rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen
Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über
eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit
dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch
mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen
Anstrengung veranlaßte.
Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen
Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam,
verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner
Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt
haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause,
um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein
Schicksal entscheiden sollte.
12.
Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im
vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit
erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als
diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin
selbst erwartet hatte.
Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast
sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der
ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich
nach dessen Abreise der Graf Wronskiy.
Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und
seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten
Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu
Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin.
Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere
Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen
Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch
viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er
ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die
Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere
Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war,
daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute
sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du,
ich hatte recht.«
Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in
ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie
machen, sondern eine glänzende.
Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen
Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame,
entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die
sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen
gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der
Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht
sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat
hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als
fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag
käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus
besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu
erklären, war er abgereist.
»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich
nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter.
Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich,
klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu
machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie
wünschen.
Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr,
besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner
Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die
Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und
Erregung befunden.
Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante
hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von
vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch
ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen
Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem
vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht
und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor
sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren
Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei,
was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie
viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken
durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit
ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas
und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte
man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen
Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern
gewesen war.
Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf
die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos
eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war.
Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die
Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran
gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie,
daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß.
Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den
Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer
Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen
Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der
Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten,
und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl
eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern.
»Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie
ehemals,« dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle
älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die
Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den
Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich,
sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit
zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen
Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung
wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die
Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise
eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses
Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der
gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten.
Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der
Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten
lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur
diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht
wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in
jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der
nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin
zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte
diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt
haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene
Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte
die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren
Töchtern der Fall gewesen war.
Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit
begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich
in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit,
daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun
werde.
Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden
Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen,
und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu
blicken pflege.
In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt,
welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses
Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht.
Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären,
in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen
wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt
zu haben.
»Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf
die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,« hatte er gesagt.
Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die
Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame
von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl
des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor
seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber
wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren
Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte.
So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter
Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu
verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich
entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle.
Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge
gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal
für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy
abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe
der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde.
»Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?« frug die
Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte.
»Heute, =maman=!«
»Ich möchte nur das Eine sagen,« begann die Fürstin, und an ihrem
ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde.
»Mama,« begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter
umwendend, »sprecht, ich bitte um alles, nicht davon; ich weiß, ich weiß
alles!«
Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des
Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie.
»Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast« --
»Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so
entsetzlich, hiervon zu reden!«
»Ich werde nichts mehr sagen,« antwortete die Mutter, Thränen in den
Augen ihrer Tochter bemerkend, »aber eins noch, mein Herzchen: du hast
mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?«
»Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,« antwortete Kity, errötend und
offen ins Antlitz der Mutter blickend. »Aber ich habe jetzt nichts zu
sagen -- ich -- wenn ich auch wollte -- ich weiß nichts -- was ich sagen
sollte -- ich weiß nichts.«
»Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,« dachte
die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die
Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so
ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele
vor sich ging.
13.
Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin
ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr
Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um
einen festen Punkt konzentrieren lassen.
Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal
beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick
werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im
Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie
sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger
Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die
Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem
seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen,
poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien
ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht
schwer, sich Lewins zu erinnern.
In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie
Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr
ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei -- nicht in
ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während
sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie
jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr
eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur
ein Nebel zu liegen schien.
Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den
Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer
besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde --
dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem
Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren
Bewegungen bewußt.
Um halb acht Uhr -- sie war soeben in den Salon getreten -- meldete der
Diener »Konstantin Dimitritsch Lewin!«
Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht
erschienen.
»Sei's drum,« dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie
erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte.
Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie
allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis
aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz
anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie
allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte,
sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte,
den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum?
Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr
gefaßt hatte.
Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte
gehandelt werden.
»Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?« dachte sie, »soll
ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was
soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist
unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!«
Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm.
»Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe
nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit
sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!« sprach sie
zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie
gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins
Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre
Hand.
»Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,«
hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine
Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich
auszusprechen, wurden seine Mienen düster.
»O nein,« antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend.
»Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,« begann er, ohne sich zu
setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren.
»Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern --«
Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und
ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden.
Er schaute sie an; sie errötete und verstummte.
»Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere
Zeit hierher gekommen wäre -- daß dies von Euch abhängt« --
Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das
Kommende zu antworten haben würde.
»Dies hängt von Euch ab,« wiederholte er; »ich wollte sagen -- ich
wollte sagen -- ich bin deshalb gekommen, damit -- Ihr mein Weib würdet«
-- sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das
Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an.
Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken
durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet,
daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen
Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie
erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu
Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete
sie:
»Es kann nicht sein -- vergebt mir.«
Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie
ihm da noch für das Leben -- und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie
weit!
»Es mußte so kommen,« sprach er, ohne sie anzublicken.
Er verneigte sich und wollte gehen.
14.
In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich
Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten
Mienen.
Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne
das Auge zu erheben. »Gott sei Dank, sie hat refüsiert,« dachte die
Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie
des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen pflegte. Sie ließ sich nieder
und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm
Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon
verlassen zu können.
Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im
vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone.
Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf
mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu
derselben drückte sich -- wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu
Unverheirateten -- in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen,
der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu
vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war
ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer
Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen.
»Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich
herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht,
weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das
sehr, wenn er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht
ausstehen kann,« äußerte sie sich über ihn.
Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und
blickte verächtlich auf sie, weil sie sich -- was sie sich als Vorzug
anrechnete -- mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen
Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und
Prosaischen.
Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige
Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den
freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade
verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und
nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden.
Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen.
»Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem
ausschweifenden Babylon,« begann sie, ihm die kleine gelbe Hand
reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters
geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. »Das Babylon hat sich gebessert,
aber Ihr seid schlechter geworden!« fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity
blickend.
»Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so
wohl entsinnt,« versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und
sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone
tretend, »wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.«
»Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder
Schlittschuh gefahren?«
Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch
die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber
diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu
bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und
seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl
bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn.
»Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch wohl im
Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen
lassen?«
»Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Semstwo,«
antwortete er. »Ich bin für einige Tage hierher gekommen.«
»Mit dem ist es nicht ganz richtig,« dachte die Gräfin Nordstone, sein
strenges, ernstes Gesicht bemerkend; »es scheint ihm etwas nicht in den
Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern,
ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.«
»Konstantin Dmitritsch,« begann sie zu Lewin, »sagt mir doch, ich bitte
recht schön -- was hat das zu bedeuten -- Ihr wißt doch ja alles. Bei
uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles
vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was
hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!« --
In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich.
»Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts
zu sagen,« versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier
richtend.
»Dies muß Wronskiy sein,« dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich
hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig
geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich
aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann
liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten
ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann?
Jetzt, -- mochte es gut sein, oder nicht, -- mußte Lewin noch länger
bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity
liebte. Es giebt Menschen, die ihrem in irgend einer beliebigen Sache
glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in
ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es
giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis
wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften
zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden wurden, und sie suchen
dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute.
Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer,
das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst
in die Augen.
Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit
freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen
Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den
kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis
zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch
zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt
Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu
dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen,
zarten Feuer, und mit kaum bemerkbarem, glücklichem und bescheiden
triumphierendem -- so schien es wenigstens Lewin -- verbeugte er
sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich
kleine, aber breite Hand.
Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte,
setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen,
der keinen Blick von ihm verwandte.
»Gestattet, daß ich bekannt mache,« hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin
weisend: »Konstantin Dmitritsch Lewin -- Graf Aleksey Kyrillowitsch
Wronskiy.« --
Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand
drückend. »Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint
mir,« begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, »aber Ihr
waret so unerwartet auf das Land gereist.«
»Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die
Städter,« warf die Gräfin Nordstone ein.
»Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr
derselben so sehr gedenkt,« sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel,
daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte.
Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte.
»Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?« frug er, »ich sollte meinen,
im Winter ist das langweilig?«
»Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst
langweile ich mich nicht,« antwortete Lewin fest.
»Ich liebe das Dorf,« fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als
bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht.
»Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet,
stets daselbst zu leben,« rief die Gräfin Nordstone.
»Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe.
Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,« antwortete Wronskiy, »aber
nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem
russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da
ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich
langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze
Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor
allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam« --
Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und
freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte
offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin
Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen
Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken.
Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche
stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei
schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale
Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam,
dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine
Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben.
Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er
sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch
ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses.
Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin
Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu
erzählen die sie gesehen haben wollte.
»O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen willen, mit
den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches
erlebt, und suche doch allüberall darnach,« sagte Wronskiy lächelnd.
»Gut, nächsten Sonnabend,« versetzte die Gräfin Nordstone, »Ihr aber,
Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?« frug sie Lewin.
»Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten
werde.«
»Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.«
»Meine Meinung ist nur die,« versetzte Lewin, »die sich bewegenden
Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher
steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die
Behexung, wir aber« --
»Nun, Ihr glaubt nicht?«
»Ich kann es nicht, Gräfin!«
»Aber wenn ich selbst gesehen habe« --
»Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.«
»So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?«
Sie lachte nicht gut.
»Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran
glauben,« sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und
wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit
seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da
es unangenehm zu werden drohte.
»Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?« frug er, »weshalb nicht?
Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher
kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch
unbekannt ist, vorhanden sein können, welche« --
»Als die Elektricität entdeckt wurde,« erwiderte Lewin schnell, »so war
nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme
und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre
Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen
ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann
erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.«
Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that;
augenscheinlich von denselben interessiert.
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