spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten
so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.
»Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,« sagte sie endlich,
seine Hände an ihren Busen pressend.
»So mußte es sein!« sagte er, »so lange wir leben, soll es so sein. Ich
weiß dies jetzt!«
»Es ist wahr,« antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf
umfangend.
»Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere
Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß
in ihr etwas Furchtbares liegt,« fuhr er fort, den Kopf hebend und
lächelnd seine festen Zähne zeigend.
Sie mußte diesem Lächeln antworten -- nicht seinen Worten, wohl aber
seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich
selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar.
»Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so
hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!«
»Ja, ich bin sehr schwach,« sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten.
»Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,« antwortete
er.
»Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine
Familie mit dir?« sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend.
»Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.«
»Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich
vermag seine Großmut nicht anzunehmen,« sagte sie, nachdenklich an dem
Gesicht Wronskiys vorbeischauend. »Ich will die Scheidung nicht, mir ist
jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey
beschließen wird.«
Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des
Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr
denn nicht alles gleichgültig?
»Sprich nicht davon, denke nicht,« versetzte er, ihre Hand in der seinen
wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch
sie schaute ihn noch immer nicht an.
»Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!« sprach sie
und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen;
doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen.
Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach
den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen.
Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus
und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner
Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub.
Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem
Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland
gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich
definitiv von ihm losgesagt.
Ende des ersten Bandes.
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