wolle, auch sofort den Schlaf finden werde. Und in der That, im nämlichen Augenblick verwirrten sich auch schon seine Gedanken und er versank in den Abgrund des Vergessens. Die Wogen des Meeres dieses Traumlebens waren schon über seinem Haupte zusammengeschlagen, als plötzlich, gleichsam eine mächtige Ladung von Elektricität gegen ihn frei wurde. Er erschrak derartig zusammen, daß er mit dem ganzen Körper auf den Sprungfedern des Diwans emporschnellte und, sich auf die Hände stützend, voll Schrecken auf die Kniee sprang. Seine Augen waren weit geöffnet, als ob er nie geschlafen hätte. Die Schwere seines Kopfes wie die Mattigkeit seiner Glieder, die er noch eine Minute vorher empfunden hatte, war plötzlich verschwunden. »Ihr könnt mich in den Kot treten,« hörte er die Worte Alekseys Aleksandrowitschs und er sah diesen vor sich stehen, sah das Antlitz Annas in Fieberröte und mit den funkelnden Augen, voll Zärtlichkeit und Liebe nicht auf ihn schauend, sondern auf Aleksey Aleksandrowitsch. Er sah auch seine eigene wie ihm schien einfältige und lächerliche Erscheinung, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände vom Gesicht wegnahm. Von neuem streckte er die Füße aus; er warf sich auf den Diwan in der früheren Lage und schloß die Augen. »Schlafen, schlafen,« wiederholte er für sich selbst. Aber mit geschlossenen Augen sah er das Gesicht Annas nur noch deutlicher, so, wie es ihm an jenem denkwürdigen Tage vor dem Rennen erschienen war. »Es ist nicht und soll nicht sein, und sie wünscht es aus ihrer Erinnerung zu tilgen. Ich aber vermag nicht zu leben ohne sie. Wie könnten wir uns aussöhnen -- wie könnten wir uns aussöhnen?« sprach er laut zu sich selbst und wiederholte diese Worte unbewußt. Ihre Wiederholung hielt das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen fern, welche, er fühlte es, sich in seinem Kopfe drängten; sie hielt indessen seine Phantasie nicht lange in Schranken. Wiederum begannen, einer nach dem anderen in außerordentlicher Schnelligkeit seine seligsten Augenblicke an ihm vorüberzugleiten, und mit ihnen zusammen die soeben stattgehabte Erniedrigung. »Nimm ihm die Hände weg,« sagte die Stimme Annas. Er nahm sie ihm herunter und er selbst empfand noch den Ausdruck von Schmach und Blödheit auf seinem Gesicht. Er lag noch immer, zu schlafen versuchend, obwohl er fühlte, daß nicht die geringste Hoffnung dafür vorhanden war, und wiederholte sich flüsternd zufällige Worte irgend eines Gedankens, um dadurch das Auftauchen neuer Bilder abzuwehren. Er lauschte aufmerksam hin, da vernahm er in seltsamem, wahnsinnigem Geflüster die Wiederholung der Worte: »Ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu benutzen, ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu benutzen.« -- »Was ist das? Bin ich von Sinnen?« frug er sich selbst; »vielleicht gar. Wovon kommt man denn um den Verstand, weshalb erschießt man sich?« so antwortete er sich und erblickte, die Augen öffnend, voll Verwunderung neben seinem Kopfe ein Kissen, welches von Warja, der Frau seines Bruders gestickt worden war. Er berührte die Quaste desselben und versuchte an Warja zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte, aber an etwas Abliegendes zu denken, wurde ihm peinlich. »Nein, ich muß schlafen!« Er zog das Kissen heran und drückte seinen Kopf in dasselbe, aber er mußte schon eine Anstrengung machen, um die Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich aufrecht. »Die Sache ist vorüber für mich,« sprach er zu sich, »jetzt heißt es nachdenken was zu thun ist. Was bleibt mir?« Sein Gedächtnis durchflog schnell sein Leben, wie es sich ohne die Liebe zu Anna zeigte. »Ehrgeiz? Wie Serpuchowskiy? Die hohe Welt? Der Hof?« Bei keinem der Gedanken vermochte er zu verweilen. Alles das hatte früher Bedeutung für ihn gehabt, jetzt aber war nichts mehr davon da. Er erhob sich von dem Sofa, legte seinen Überrock ab, schnallte den Säbelgurt auf, entblößte die rauche Brust, um freier atmen zu können und schritt durchs Zimmer hin. »So verliert man den Verstand,« wiederholte er, »und so erschießt man sich -- damit man sich nicht zu schämen braucht,« -- fügte er langsam hinzu. Er ging zur Thür und verschloß dieselbe; dann begab er sich mit starrem Blick und fest zusammengebissenen Zähnen zum Tisch, ergriff einen Revolver, musterte ihn, drehte ihn auf den geladenen Lauf, und versank in Nachdenken. Zwei Minuten später senkte er das Haupt mit dem Ausdruck einer geistigen Kraftanstrengung; er stand, den Revolver in der Hand unbeweglich und sann. »Natürlich,« sprach er zu sich selbst, als hätte ihn ein logischer, fortlaufender, klarer Gedankengang zu einem nicht mehr anzuzweifelnden Schluß geführt. Und in der That war dieses überzeugungsvolle »natürlich« für ihn nur eine letzte Wiederholung genau des nämlichen Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er schon zum zehntenmale wohl in dieser einen Zeitstunde durchlaufen hatte. Die nämlichen Erinnerungen an ein auf immer verlorenes Glück war es, die nämliche Vorstellung der Zwecklosigkeit dessen, was ihm noch alles im Leben bevorstand, immer die nämliche Erkenntnis seiner Entwürdigung. Immer gleich lautete daher auch die logische Folgerung aus diesen Vorstellungen und Empfindungen. »Natürlich,« fuhr er fort, als ihn sein Geist zum drittenmale durch den nämlichen Trugkreis von Erinnerungen und Gedanken hindurchgeführt hatte. Er legte den Revolver auf der linken Seite der Brust an und eine heftige Bewegung mit der ganzen Hand machend, als wollte er sie plötzlich zur Faust zusammenballen, drückte er am Hahn. Er vernahm nicht den Knall des Schusses; nur ein mächtiger Schlag vor die Brust warf ihn um. Er wollte sich an dem Tischrand halten, ließ den Revolver fallen, begann zu schwanken und fand sich auf dem Boden sitzend, erstaunt um sich schauend. Er erkannte sein Zimmer nicht, schaute von unten her auf die gekrümmten Füße des Tisches, auf den Papierkorb und das Tigerfell. Die eiligen knarrenden Tritte des Dieners, der nach dem Salon eilte, brachten ihn zur Besinnung. Er machte eine Anstrengung zu denken und erkannte, daß er sich auf dem Fußboden befinde, erkannte, indem er das Blut auf dem Tigerfell und auf seiner Hand gewahrte, daß er sich geschossen habe. »Dumm; nicht tot,« sprach er, mit der Hand nach dem Revolver tastend. Der Revolver lag neben ihm -- er suchte weiter weg. Während dieses Suchens wandte er sich auf die andere Seite, brach aber, nicht mehr bei Kräften das Gleichgewicht halten zu können, im Blute schwimmend zusammen. Der elegante Lakai im Backenbart, der sich so oft schon seinen Bekannten gegenüber über die Schwäche seiner Nerven beklagt hatte, war so erschrocken, als er seinen Herrn am Boden liegend erblickte, daß er denselben verblutend liegen ließ und nach Beistand forteilte. Nach Verlauf einer Stunde kam Warja, die Frau des Bruders und mit Hilfe von drei Ärzten, nach welchen sie nach allen Seiten gesandt hatte, und die gleichzeitig angekommen waren, brachte diese den Verwundeten ins Bett und blieb zur Pflege bei ihm. 19. Der Irrtum, welcher von Aleksey Aleksandrowitsch dadurch begangen worden war, daß er, indem er sich auf das Wiedersehen mit seinem Weibe vorbereitete, nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, ihre Reue könne eine aufrichtige sein, und er könne ihr dann vergeben, sie aber stürbe nicht -- dieser Irrtum zeigte sich ihm nach Verlauf zweier Monate nach seiner Rückkehr von Moskau in seiner ganzen Stärke. Der Irrtum aber, der von ihm begangen worden, rührte nicht nur davon her, daß er jene Möglichkeit nicht mit erwogen hätte, sondern auch davon, daß er bis zu jenem Tage des Wiedersehens mit der sterbenden Gattin sein Herz noch gar nicht gekannt hatte. Am Bett des kranken Weibes erst überließ er sich zum erstenmal in seinem Leben jener Empfindung tiefen Mitleides, das in ihm die Leiden anderer hervorriefen, und dessen er sich vordem geschämt hatte als sei es eine verderbliche Schwäche, und das Mitleid mit ihr, die Reue darüber, daß er ihren Tod gewünscht hatte, und namentlich, die Freude über die gewährte Verzeihung, vollbrachten, was er plötzlich nicht nur als eine Linderung seiner Leiden empfand, sondern auch als eine seelische Beruhigung, die er vordem noch nie an sich kennen gelernt hatte. Plötzlich war er dessen inne geworden, daß eben das, was den Quell seines Schmerzes bildete auch der Quell seiner Seelenfreude wurde; das, was ihm unlösbar erschienen war, so lange er gerichtet, getadelt und gehaßt hatte, das war jetzt offen und klar geworden, nachdem er verziehen hatte und liebte. Er hatte seinem Weibe verziehen und beklagte es wegen seiner Leiden und seiner Reue. Er hatte Wronskiy verziehen und beklagte denselben, besonders, nachdem die Nachricht von dessen verzweifelter Handlung zu ihm gedrungen war. Er hatte Mitleid auch mit seinem Söhnchen, mehr als früher, und machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß er sich allzuwenig mit ihm beschäftigt hatte. Für das neugeborene kleine Mädchen aber empfand er ein gewisses besonderes Gefühl, nicht nur des Mitleids, sondern selbst der Zärtlichkeit. Anfangs befaßte er sich lediglich aus Mitleid mit dem neugeborenen schwächlichen Kind, das gar nicht seine Tochter war und während der Zeit der Krankheit der Mutter ganz verlassen lag und wahrscheinlich gestorben wäre, hätte er nicht dafür Sorge getragen; -- er hatte selbst nicht gewahrt, daß er das Kind liebgewonnen. Mehrmals des Tages begab er sich nach dem Kinderzimmer und saß lange dort, sodaß die Kindfrau und die Amme, anfangs verschüchtert vor ihm, sich an ihn gewöhnten. Bisweilen blickte er halbe Stunden lang auf das saffranrote, dicke, runzelige Gesichtchen des Säuglings, und beobachtete die Bewegungen der faltigen Stirn und der dicken Händchen mit den gespreizten kleinen Fingern, welche mit der Rückseite der Handflächen sich die Äuglein und das Oberteil der Nase rieben. In solchen Momenten besonders fühlte sich Aleksey Aleksandrowitsch sehr ruhig und mit sich selbst zufrieden, und sah in seiner Lage nichts Außergewöhnliches, nichts, was hätte geändert werden müssen. Je mehr Zeit indessen verstrich, um so klarer erkannte er, daß man ihm, so natürlich ihm auch seine jetzige Lage erscheinen mochte, nicht gestatten würde, in derselben zu verbleiben. Er fühlte wohl, daß außer jener edlen seelischen Macht, die seinen Geist leitete, noch eine andere bestand, eine rohe, die ebensoviel oder noch mehr galt, die sein Leben leitete, und daß diese Macht ihm nicht jene friedsame Ruhe gönnen würde, die er wünschte. Er empfand, daß alle ihn mit fragendem Erstaunen betrachteten, daß man ihn nicht begriff, und von ihm etwas erwartete. Insbesondere fühlte er die Unzulänglichkeit und Unnatürlichkeit seiner Beziehungen zu seinem Weibe. Nachdem jene weiche Stimmung verflogen war, die die Nähe des Todes in ihr erzeugt hatte, begann Aleksey Aleksandrowitsch zu bemerken, daß Anna ihn fürchte, sich von ihm belästigt fühlte und ihm nicht offen ins Auge zu blicken vermochte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, und doch nicht den Entschluß finden zu können, es ihm auszusprechen, und schien auch ihrerseits wie in einem Vorgefühl, daß die beiderseitigen Beziehungen auf die Dauer nicht haltbar seien, etwas von ihm zu erwarten. Gegen Ende des Februar ereignete es sich, daß die neugeborene Tochter Annas, ebenfalls Anna genannt, erkrankte. Aleksey Aleksandrowitsch war früh morgens im Kinderzimmer und begab sich, nachdem er befohlen hatte, einen Arzt zu rufen, ins Ministerium. Nach Erledigung seiner Geschäfte kehrte er um vier Uhr nach Hause zurück. Als er ins Kinderzimmer ging, gewahrte er einen schmucken Lakaien in Galons mit Bärenfellpelerine und weißer Rotonde von amerikanischem Hund. »Wer ist hier?« frug er. »Die Fürstin Jelisabeta Fjodorowna Twerskaja,« versetzte der Lakai, wie es Aleksey Aleksandrowitsch schien, lächelnd. In dieser schweren Zeit bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, daß seine Bekannten aus der großen Welt, besonders die Damen, viel Teilnahme für ihn und seine Frau an den Tag legten. Er nahm bei all diesen Bekannten eine mit Mühe unterdrückte Freude über etwas Unbekanntes wahr, dieselbe Freude, die er in den Augen des Rechtsanwalts erblickt hatte, und jetzt in den Augen des Lakaien sah. Alle schienen gewissermaßen in Entzücken zu sein, als wollten sie jemand verheiraten. Wenn man ihm begegnete, frug man mit schlecht verhehlter Schadenfreude nach seinem Befinden. Die Anwesenheit der Fürstin Twerskaja war Aleksey Aleksandrowitsch sowohl wegen der Reminiscenzen, die mit diesem Namen verknüpft waren, als auch deshalb, weil er sie überhaupt nicht liebte, unangenehm und er ging geradenwegs nach dem Kinderzimmer. In dem ersten Gemach befand sich der kleine Sergey, mit der Brust über den Tisch liegend und die Füße auf dem Stuhl, mit Zeichnen beschäftigt und in heiterem Geplauder. Die Engländerin, welche während der Zeit der Krankheit Annas die Französin abgelöst hatte, und mit einer Stickerei von Mignardisen beschäftigt neben dem Knaben saß, erhob sich hastig und setzte Sergey zurecht. Aleksey Aleksandrowitsch strich glättend mit der Hand über das Haar des Knaben, antwortete auf die Frage der Gouvernante nach dem Befinden seiner Gemahlin und frug, was der Arzt bezüglich des Baby gesagt hätte. »Der Arzt sagte, es sei keine Gefahr und hat Wannenbäder verschrieben, Herr.« »Aber das Kind leidet doch noch,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, aufmerksam auf das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer horchend. »Ich glaube, die Amme ist nichts wert, Herr,« antwortete die Engländerin fest. »Weshalb vermutet Ihr das?« frug er, stehen bleibend. »Es war ebenso bei der Gräfin Polj, Herr. Man kurierte an einem Kinde herum und es zeigte sich, daß dasselbe einfach hungrig war; die Amme hatte keine Milch, Herr.« Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach und begab sich, nachdem er noch einige Sekunden verharrt hatte, nach der zweiten Thür. Das kleine Kind lag mit zurückgeworfenem Köpfchen, sich auf den Armen der Amme krümmend, und wollte weder die ihm dargebotene schwellende Brust nehmen, noch sich beruhigen lassen, obwohl die Amme und Kinderfrau über den Säugling gebeugt, ihre Besänftigungsversuche vereinten. »Noch immer nicht besser?« frug Aleksey Aleksandrowitsch. »Sehr unruhig,« antwortete flüsternd die Kinderfrau. »Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,« fuhr er fort. »Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.« »Aber weshalb sagt Ihr das nicht?« »Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,« versetzte die Kinderfrau mürrisch. Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation zu liegen. Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen der Amme und begann es im Gehen zu wiegen. »Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch. Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine Lage. »Armes Kind,« sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte ihren Weg auf und nieder fort. Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende Kinderfrau. Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte, erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den Fußspitzen gehend, zu dem Kinde. Eine Minute hindurch schwieg er und blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer. Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben, wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung, nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören wollte. -- »Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen, ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben sein,« sagte Betsy. »Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht. Sprecht nicht so« -- antwortete erregt die Stimme Annas. »Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte« -- »Eben deswegen will ich es ja nicht.« Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein. Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette. Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy. Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf der Taille nach der einen Seite hin, auf dem Rock nach der entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch mit satirischem Lächeln. »Ah,« machte sie, wie verwundert, »das freut mich ja außerordentlich, daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört -- Eure großen Sorgen! -- Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!« sagte sie mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen. Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand und erkundigte sich nach ihrem Befinden. »Es scheint, als ob mir besser wäre,« sagte diese, seinem Blicke ausweichend. »Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,« fuhr er fort, das Wort »Fieber« besonders hervorhebend. »Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,« bemerkte Betsy; »und fühle, daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich aufbrechen.« Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre Hand. »Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen -- nein, Euch,« wandte sie sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn -- »ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,« fügte sie hinzu. Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf sinken. »Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht, um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.« Sie blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, »ich habe geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.« »Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey Aleksandrowitsch abhängen würde,« verbesserte Betsy. »O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu nichts« -- sie hielt plötzlich inne und schaute fragend auf ihren Gatten, der sie nicht anblickte. »Mit einem Worte, ich will nicht« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen. Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück, die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte, drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung. »Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch« -- antwortete er, mit Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an. »Nun, lebt wohl dann, Liebste,« sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie. »Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft edelsinnigen Mann,« sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. »Ich bin nur eine fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.« »Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst entscheiden.« Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte. 20. Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und ging wieder zu seinem Weibe. Anna hatte gelegen, als sie jedoch seine Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte. »Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,« wiederholte er in russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach und sie dabei mit »du« anredete, versetzte Anna dieses »du«, in unbezwingbare Erregung. »Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß; auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens« -- »Das habe ich ja schon gesagt -- wozu es noch einmal wiederholen?« unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht imstande war, zu unterdrücken. »Nicht das geringste Bedürfnis,« dachte sie, »soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht die geringste Notwendigkeit!« Sie preßte die Lippen aufeinander und senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen Adern, die sich langsam aufeinander rieben. »Wir wollen nie mehr davon reden,« fügte sie, ruhiger geworden, hinzu. »Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich sehr, zu sehen« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch. -- »Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,« vollendete Anna schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im voraus alles wußte, was er sagen würde. »Ja,« bestätigte er, »und die Fürstin Twerskaja mischt sich völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im Besonderen« -- »Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,« sagte Anna schnell, »ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.« Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vor ihm, wegen dessen sie sich selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte. Jetzt wünschte sie nur noch Eins -- erlöst zu sein von seiner erkältenden Gegenwart. »Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,« hub Aleksey Aleksandrowitsch wieder an. »Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?« »Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.« »Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,« -- Aleksey Aleksandrowitsch verstand, was das »Gleich« bedeutete -- »es ist ein kleines Kind und man läßt es verhungern.« Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, »ich habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet, und macht mir jetzt doch Vorwürfe.« »Ich mache keinen Vorwurf« -- »Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?« Sie brach in Schluchzen aus. »Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht« -- sagte sie, zur Besinnung kommend; »aber geh« -- »Nein! Das kann nicht so bleiben,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen, geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte -- mit solcher Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas heischten, was aber -- er konnte es nicht erfassen. -- Er fühlte nur, daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien, sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als pflichtgemäß erschien. 21. Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch, soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in der Thür begegnete. »Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!« rief er aus. »Ich war bei Euch!« »Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,« erwiderte Betsy lächelnd, ihren Handschuh anziehend. »Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs -- laßt mich Eure schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten so dankbar, als für den Handkuß.« Er küßte Betsys Hand, »wann werden wir uns wiedersehen?« »Leichtfuß!« antwortete Betsy lächelnd. »O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,« sagte er mit wichtiger Miene. »Ah, das freut mich sehr,« versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine Ecke. »Er wird sie umbringen,« raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, »das ist doch unmöglich, unmöglich!« -- »Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,« antwortete Stefan Arkadjewitsch kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck, »ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.« »Die ganze Stadt spricht davon,« sagte sie, »es ist eine unmögliche Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder -- Ehescheidung. -- Diese Lage aber erdrückt sie.« »Ja, ja wohl -- so ist es,« -- sagte Oblonskiy seufzend, »deswegen bin ich eben hergekommen -- das heißt, nicht eigentlich deswegen -- ich bin Kammerherr geworden -- nun, -- und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.« »Gott helfe Euch dabei,« antwortete Betsy. Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner Schwester. Er fand diese in Thränen. Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den Morgen verbracht habe. »Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird auch so bleiben,« antwortete sie. »Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln, man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer ist, allein« -- »Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster lieben,« begann Anna plötzlich, »aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend. Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel von ihm wert bin -- dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir aber bleibt nichts übrig, als« -- Sie wollte sagen »der Tod«, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht ausreden. »Du bist krank und aufgeregt,« sagte er, »glaube mir, du übertreibst ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.« Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle, würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln erlaubt haben -- ein Lächeln wäre roh erschienen -- aber in seinem Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald. »Nein, Stefan,« sagte sie, »ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß alles zu Ende sei -- im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch ist es nicht vorbei -- es wird entsetzlich enden.« »Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.« »Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden« -- Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht ausreden. »Keineswegs,« sagte er, »gestatte. Du kannst deine Lage nicht so erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.« Er lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. »Ich will zunächst damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr, ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir sagen.« »Ein furchtbarer Fehler,« sagte Anna. »Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest darauf -- ich will sagen -- das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben. Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann hat das anerkannt und dir verziehen.« Er hielt nach jedem Satze inne, eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. »So steht es, jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?« »Ich weiß nichts, nichts.« »Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.« »Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß nichts und begreife nichts.« »Aber erlaube doch« -- »Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht kann.« »O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen. Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.« »Ich wünsche nichts, gar nichts -- nur das Eine, es möchte bald vorbei sein.« »Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus hervorgehen? Da eine Trennung alles löst« -- Stefan Arkadjewitsch brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und blickte sie jetzt bedeutungsvoll an. Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt, aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt. »Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte ich die Sache in Ordnung bringen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon kühner lächelnd. »Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu deinem Manne gehen.« Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu erwidern. 22. Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht, mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ, in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe. »Ich störe dich doch nicht?« frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette. »Nein. Du wünschest etwas von mir?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mißlaunig. »Ja wohl. Ich möchte -- ich muß -- ja, ich muß mit dir einmal reden,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte. Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende Zaghaftigkeit. »Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,« sagte er errötend. Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck, der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich. »Ich beabsichtigte -- ich wollte über meine Schwester und über Eure gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend. Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief von demselben und reichte ihn dem Schwager. »Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,« sagte er, ihm das Schreiben reichend. Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm ruhten, und begann dann zu lesen: »Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt -- Euer Glück -- das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen und Euer Gerechtigkeitsgefühl.« -- Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien. »Dies hier wollte ich ihr mitteilen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich abwendend. »Ja, ja,« versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten, da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. »Ja, ja. Ich verstehe Euch« -- brachte er endlich hervor. »Ich wünsche zu wissen, was sie will,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch. »Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein guter Richter,« verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, »sie ist erdrückt von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch tiefer senken.« »Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?« »Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich, daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.« »Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?« unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, »aber wie?« fügte er hinzu, mit der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, »ich sehe nicht die Möglichkeit eines Ausweges.« »Es giebt für jede Lage einen Ausweg,« sagte Stefan Arkadjewitsch, aufstehend und lebhaft werdend, »es gab doch einmal eine Zeit, wo du die Trennung wünschtest -- wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein gegenseitiges Glück nicht begründen könnt« -- -- »Der Begriff >Glück< kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?« »Wenn du meine Meinung wissen willst,« fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend, unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen würde -- »sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist vorhanden. Eines kann sie wünschen,« fuhr er fort, »und dies ist die Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider Parteien beruhen.« »Eine Ehescheidung,« unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,« wiederholte Stefan Arkadjewitsch errötend. »Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr. Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.« Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen. »Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,« sagte Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit freimachend. Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel wichtigeren Gründen unmöglich. Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in dieselbe Anna vernichtete. Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen. Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am Leben ist. »Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis eingehen,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch; »und ich, mit meiner Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres Verderbens sein.« Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein Leben leitete und der er sich unterordnen mußte. »Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.« »Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend, bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham mit den Händen das Gesicht. »Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst« -- »Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja, ja,« rief er dann mit dünner Stimme, »ich werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben, aber -- ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was du willst« -- und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst. Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg. »Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,« sagte er dann. »Aber offenbar war es doch Gottes Wille,« so fügte er hinzu, empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit. Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen verhinderten ihn daran. »Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort. Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt, aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten Bekannten die Frage vorlegen wollte, »welcher Unterschied nun noch zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall macht Quartier[B] und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine Trennung bewirkt -- und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder, welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das will ich mir lieber noch überlegen,« sagte er lächelnd zu sich selbst. [B] Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im Russischen »Quartier« und »Ehescheidung« »=rasvód=« heißt. 23. Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer. »Warja,« sagte er, sie streng anblickend, »ich habe mich durch Zufall geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann nur so. O, es war doch zu thöricht!« Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar, nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst. »O, Gott sei Dank!« sagte sie, »hast du nicht Schmerzen?« »Ein wenig, hier!« Er wies auf die Brust. »Laß mich dich verbinden.« Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an, während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er: »Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt, als hätte ich mich mit Absicht geschossen.« »Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus Versehen schießt,« sagte sie mit fragendem Lächeln. »Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.« -- Er lächelte düster. Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte, hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte, gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war. Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen ankämpfte, -- das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte, das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten. Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer, welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete. Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für seine Abreise nach Taschkent zu treffen. »Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben, sterben,« dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht. »Um so besser,« dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten. »Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.« Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit, daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna sprechen könne. Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den Karenin. Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme mit Küssen. Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht, auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu , . , 1 2 . 3 , 4 , 5 . , 6 , 7 , . 8 , . 9 , 10 , . 11 12 » , « 13 , 14 , 15 , . 16 17 , 18 . ; 19 . 20 21 » , , « . 22 , , 23 . 24 25 » , 26 . . 27 - - ? « 28 . 29 , 30 , , ; 31 . , 32 33 , 34 . » , « 35 . 36 . 37 38 , , , 39 , 40 , 41 . , 42 , 43 : » , 44 , , 45 . « - - 46 47 » ? ? « ; » . 48 , ? « 49 , , 50 , , 51 . 52 , , 53 , . 54 55 » , ! « 56 , , 57 . . 58 » , « , » 59 . ? « 60 , . 61 62 » ? ? ? ? « 63 . 64 , . 65 , , , 66 , 67 . » , « , » 68 - - , « - - 69 . 70 71 ; 72 , 73 , , , 74 . 75 ; , 76 . » , « , 77 , , 78 . 79 » « 80 , 81 . 82 83 , 84 , 85 , . 86 87 . 88 89 » , « , 90 . 91 92 , 93 , . 94 95 ; 96 . , 97 , 98 , . , 99 , 100 . , 101 , . 102 , 103 , , 104 , . 105 106 » ; , « , . 107 - - . 108 , , 109 , 110 . 111 112 , 113 , 114 , , 115 . 116 , 117 , , 118 , 119 . 120 121 122 . 123 124 , 125 , , 126 , , 127 , , 128 - - 129 . , 130 , , 131 , , 132 133 . 134 , 135 , 136 , , 137 , , , 138 , , 139 , 140 , 141 . , , 142 ; 143 , , , 144 , , 145 . 146 147 148 . , 149 , 150 . , 151 , , 152 . 153 , , 154 . 155 , 156 157 , 158 ; - - , 159 . 160 , , 161 , . 162 , , , 163 164 , 165 . 166 167 , 168 , , . 169 170 , , , 171 , 172 , . , 173 , , 174 , , , 175 , , 176 . , 177 , , . 178 179 . 180 181 , 182 , , 183 , 184 . , 185 , , 186 , 187 , 188 . 189 190 , 191 , , . 192 , , 193 , . 194 . , 195 196 . 197 198 » ? 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