»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete
Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.
Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte
-- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen
Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht
geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen,
jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht
erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen
einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.
»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit
boshaftem Lächeln.
»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die
Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.«
»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch
einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates
ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger
Repräsentant er ist.«
»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte.
Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein
vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben
zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man
jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich
und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm
sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan
Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß
noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir
nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« --
Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr
ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.
»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster.
»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du
wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im
Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf
den Kopf, lachte und ging hinaus.
»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür
zurückwendend.
9.
Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als
der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey
Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an
der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei
Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy
nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich
auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche
Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten
Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem
gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in
diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß.
Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger
förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden
Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein,
sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über
ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.
Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als
Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst
Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy,
Turowzyn, Kity und Karenin.
Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im
Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen
Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche
in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch
nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese
ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.
Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten
Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie
eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu
schweigen.
Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und
das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch
begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so
verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des
fleurs=, das ist etwas für mich!« --
Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von
der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener
bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm
wie ein Fisch zu Besuch war.
Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu
erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy,
mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu
zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach
seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und
weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen
Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch
seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er
bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher
alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.
Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich,
teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten
worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes
Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles
miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey
Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die
Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff
vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas
Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten.
Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte
Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen
gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war
und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.
Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte
indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß
der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und
befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als
er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit
Konstantin Lewin zusammen.
»Ich habe mich doch nicht verspätet?«
»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan
Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.
»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich
errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.
»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin
bekannt machen.«
Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen
Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen
könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber
im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze
Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.
Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy
begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen
wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde
seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen
werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er
sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt
aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich
eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm
der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen
wollte.
»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie
sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt
hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er.
»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung
heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon,
wo er ihrer ansichtig wurde.
Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch
nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine
vollständig andere geworden. --
Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so
reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat;
hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre
Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er
zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr
selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese
Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und
erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise
bebenden Lippen, ihn erwartend.
Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.
Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr
Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln
fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:
»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter
Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.
»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals
gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend,
»ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.«
»Wann denn,« frug sie erstaunt.
»Ihr fuhret nach Jerguschowo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich
vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie
verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in
Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint
allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte
er.
Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.
»Gestattet mir, vorzustellen« -- er nannte beider Namen.
»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey
Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.
»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.
»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und
trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander
einen Streich gespielt hatten -- wenigstens ging mir es so.«
»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in
der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.
Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem
Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit
silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand
und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen
bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die
Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin
und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.
Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der
Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein
wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu
ändern, that dies auch jetzt.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens
nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die
von der russischen Verwaltung einzuführen wären.
Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann
assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde.
Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den
Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd:
»Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel --
so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen
wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als
verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch,
würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?« wandte
er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines
Gläschen hinreichend.
Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst.
»Ja, das ist das allerbeste Mittel!« sagte er, Käse kauend und eine ganz
besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das
Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende
erreicht. »Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?« frug der Hausherr.
»Hast du nicht wieder geturnt?« wandte er sich dann an Lewin, mit der
Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den
Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein
runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes.
»Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft
haben für die Bärenjagd,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr
dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine
Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend.
Lewin lächelte.
»Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,« sagte er,
mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der
Dame des Hauses zu dem Büffet gingen.
»Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?« frug Kity, sich aufmerksam
bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden
Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre
weiße Hand hervorschimmerte. »Giebt es denn bei Euch Bären?« fügte sie
hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und
lächelnd.
Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte,
aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit,
lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände,
als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen
zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit
und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er
glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte.
»Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr
von dort traf ich im Waggon mit Eurem =Beau-frère=, oder dem Schwager
Eures =Beau-frère= zusammen,« sagte er lächelnd. »Es war ein komisches
Zusammentreffen.«
Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht
hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey
Aleksandrowitschs geraten sei.
»Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen,
aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, -- und
Ihr desgleichen,« -- wandte er sich an Karenin, dessen Namen er
vergessen hatte, »man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber
herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr
dankbar bin.«
»Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der
Plätze sehr unbestimmt,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem
Taschentuch die Fingerspitzen abwischend.
»Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit
waret,« fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, »aber ich beeilte mich,
eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines
Halbpelzes zu verwischen.«
Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte,
und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen
von seitwärts an. »Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,«
dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel
gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es
angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in
diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt
für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte,
und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf
wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese
guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt.
Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob
eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan
Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander.
»Ach, du setzest dich doch hierher,« wandte er sich an Lewin.
Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan
Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe =à la Marie-Luise= war
ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren
tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre
Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink.
Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht
weniger auch nach der nicht materiellen.
Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend,
verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so
belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das
Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden
war.
10.
Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von
den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das
Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte.
»Ich habe durchaus nicht,« sagte er bei der Suppe, zu Aleksey
Aleksandrowitsch gewendet, »die Dichte der Bevölkerung allein gemeint,
sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit
Prinzipien.«
»Mir scheint,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und
nachlässig, »daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann
auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad
besitzt, welcher« --
»Und hierum dreht sich eben die Frage,« fiel mit tiefem Baß Peszoff ein,
der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es
schien, stets seine ganze Seele in das legte, worüber er sprach -- »wo
liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von
ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den
andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und
die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!« rief er, »hier
handelt es sich um ein anderes Gesetz!«
»Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung
läge,« bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe
ziehend.
»Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?« frug
Peszoff.
»Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,« antwortete Aleksey
Aleksandrowitsch.
»Sind sie vollständig bekannt?« warf mit feinem Lächeln Sergey
Iwanowitsch ein. »Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die
rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten
von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch
das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen
kann.«
»Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, -- wollt
Ihr Rotwein?« sagte Stefan Arkadjewitsch.
»Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,«
antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie
man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, »ich sage
nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,« fuhr er
dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, »ich bin Anhänger
der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit
über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden.
Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der
Vorzug vor der realen gegeben wird.«
»Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden
Einfluß!« behauptete Peszoff. »Nehmt nur die Astronomie, nehmt die
Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!«
»Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,« erwiderte Aleksey
Aleksandrowitsch; »mir scheint, man muß unbedingt zugeben, daß schon
der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf
die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht
leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten
Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den
Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die
einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.«
Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn
mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser
Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu
Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in
Bereitschaft haltend.
»Aber,« begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, »man muß
doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle
Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen,
und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und
endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen
Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische
oder -- =disons le mot= -- der antinihilistische Einfluß.«
»Ohne Zweifel.«
»Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf
seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken,
müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,« sagte Sergey
Iwanowitsch fein lächelnd, »und würden dieser und der anderen Richtung
Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der
klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden
diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten
sie eine Heilwirkung nicht besitzen?« schloß er, sein attisches Salz
streuend.
Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und
ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt
gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte.
Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit
einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für
eine Minute verstummen und kaum hatte Sergey Iwanowitsch mit seinem
Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues
aufstellte.
»Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,« sagte er, »daß etwa
die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird
augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den
Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im
Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation
müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die
Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche
Geschlecht.«
Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der
Frauenemancipation übergesprungen.
Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des
weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation
vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne.
»Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander
verbunden sind,« bemerkte Peszoff, »hier liegt ein Trugschluß vor. Das
Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel
an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht
vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir
oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns
trennt.«
»Ihr habt da von Rechten gesprochen,« meinte Sergey Iwanowitsch, welcher
gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, »wohl von den Rechten auf Arbeit in
den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten,
Parlamentsmitglieder« --
»Ohne Zweifel.«
»Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter
erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den
Ausdruck >Rechte nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu
sagen >Pflicht. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend
eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir
damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich
dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten
anstreben, und zwar auf vollständig gesetzmäßige Weise. Man kann sich
zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit
hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.«
»Vollständig richtig,« bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, »die Frage
ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die
Fähigkeit besitzen!«
»Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,« behauptete Stefan
Arkadjewitsch, »sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein
wird. Wir sahen dies« --
»Ist mir's gestattet -- ein Sprichwort?« -- frug jetzt der Fürst mit
seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem
Gespräch zugehört hatte; »in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon
so sprechen: »Lange Haare« --
»Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,«
rief Peszoff hitzig.
»Ich finde es nur seltsam, daß die Weiber -neue- Pflichten suchen,« sagte
Sergey Iwanowitsch, »da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich
den ihren aus dem Wege gehen.«
»Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und
Würden -- das suchen die Weiber,« sagte Peszoff.
»So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte,
auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber
dafür bezahlt und mich nicht,« sagte der alte Fürst.
Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch
bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey
Aleksandrowitsch lächelte.
»Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,« bemerkte Peszoff,
»sondern nur das Weib« --
»O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,«
sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der
Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete.
»So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl
auch nur unter den Weibern geben,« antwortete Sergey Iwanowitsch.
»Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,« frug
jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er
die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff
übereinstimmte, so daß er diesem beistand.
»Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet
Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester
verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!« mischte sich
hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch;
wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch
im Sinn gehabt hatte.
»Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,« rief mit tönendem
Baß Peszoff, »das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit,
das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch
das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.«
»Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die
Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,« sagte der alte Fürst noch, zum
großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende
in die Sauce fallen ließ.
11.
Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit
Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den
ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf,
was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für
ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie
Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse
mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich
so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für
Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte
und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft
hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im
Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie
selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht
heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten.
Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte
ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung,
sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute
mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor
dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte.
Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen
Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und
ihr auf der Landstraße begegnet sei.
»Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht.
=Maman= schlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich
ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche
Tschetwjorka mit Schellen; -- in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich
sah durch das Fenster -- da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des
Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu
sein,« erzählte er lächelnd. »Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals
gedacht habt. An etwas Wichtiges?«
»Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?« dachte Kity; als
sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an
diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im
Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter
gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig.
»Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.«
»Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!« sagte Lewin, freundlich
dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper
betrachtend.
»Ihr kennt ihn seit langem?« frug Kity.
»Wer sollte ihn nicht kennen?«
»Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.«
»Nicht schlecht; aber unbedeutend.«
»Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn
denken;« sagte Kity, »ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von
ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch.
Sein Herz ist -- wie Gold.« --
»Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?«
»Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen
Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,« sagte sie mit
schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, »lagen bei Dolly
sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht.
Und stellt Euch vor,« sprach sie flüsternd, »so sehr hat sie ihm leid
gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder
beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie
eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. -- Ich erzähle Konstantin
Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,« sagte sie, sich nach
ihrer Schwester hinbeugend.
»Ja; das war wunderbar, reizend!« versetzte Dolly, nach Turowzin
schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von
ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in
Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen
hatte.
»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder
übel über die Menschen denken,« sagte er alsdann heiter, und sprach
dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte.
12.
In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen
über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der
Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese
Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan
Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus.
Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte
sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und
begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen.
Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die
Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der
gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden.
Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud
ihn zum Rauchen ein.
»Danke, ich rauche nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch ruhig
und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses
Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff.
»Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen
Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,« sagte er und wollte sich in den
Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm
wandte.
»Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?« frug Turowzin, lebhaft
geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die
Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können,
»Wasja Prjatschnikoff,« fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den
feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste,
Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, »man hat mir erzählt, daß er sich
in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.«
Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur
gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die
Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle
in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb
abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll
Neugier weiter.
»Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?«
»Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und
ihn ins Jenseits befördert!«
»Ah,« machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich
alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon.
»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sagte Dolly zu ihm mit
ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat,
»ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.«
Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von
Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben
Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen.
»Um so angenehmer,« -- sagte er, »als auch ich Euch um Entschuldigung
bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh
reisen.«
Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie
fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen
kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen
war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben.
»Aleksey Aleksandrowitsch,« sagte sie, mit verzweifelter
Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, »ich habe Euch nach Anna gefragt
und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?«
»Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,« antwortete
Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken.
»Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht --
aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und
beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist?
Wessen beschuldigt Ihr sie?«
Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das
Auge fest geschlossen.
»Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren
ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna
Arkadjewna zu ändern,« sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und
mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend.
»Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!« fuhr
Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin
ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel
Aleksey Aleksandrowitschs. »Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst
mit hierher!«
Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser
stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen
sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von
Federmessern zerschnitten war.
»Ich glaube es nicht, glaube es nicht!« fuhr Dolly fort, indem sie sich
bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen.
»Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,«
antwortete er, das Wort Thatsachen betonend.
»Aber was hat sie denn gethan?« frug Dolly, »was hat sie denn eigentlich
gethan?«
»Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat
sie gethan,« sagte er.
»Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,« fuhr Dolly
fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend.
Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der
Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu
beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur
weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer
Lebhaftigkeit:
»Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne
die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres
Lebens und ein Sohn -- daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie
von neuem zu leben beginnen will,« sagte er erbittert, durch die Nase
schluchzend.
»Anna und das Laster, -- das kann ich nicht vereinen, das vermag ich
nicht zu glauben!«
»Darja Aleksandrowna,« fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes
Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier
wurde, »gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich
bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar
schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte,
hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr,
und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich
meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin
sehr unglücklich.«
Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte
es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu
thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert.
»Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich
zur Ehescheidung entschlossen haben?«
»Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts
übrig.«
»Weiter nichts übrig, nichts übrig,« wiederholte sie mit Thränen in den
Augen. »Nein, o nein,« sagte sie.
»Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht,
wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz
tragen kann, sondern handeln muß,« sagte er, gleichsam ihre Gedanken
erratend. »Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die
man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.«
»Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,« sagte Dolly und senkte das
Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe;
dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und
faltete beschwörend die Hände »aber wartet noch; Ihr seid doch ein
Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie
verlaßt?«
»Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,«
antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote
Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie.
Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. »Ich
habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart
worden war -- ich hatte noch alles beim Alten gelassen. -- Ich hatte ihr
die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten.
Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt
-- die Beobachtung des Anstandes« -- sagte er voll Erbitterung. »Man
kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist
nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang
selbst ihr noch als Rettung erscheint, -- was ist dann noch zu thun?« --
»Alles; aber nicht die Scheidung!« antwortete Darja Aleksandrowna.
»Was denn dann -- Alles?«
»Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und
untergehen.«
»Aber was kann ich thun?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern
und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt
seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er
es im Anfang des Gesprächs gewesen war. »Ich danke Euch sehr für Eure
Teilnahme, allein es wird Zeit für mich« -- er erhob sich bei diesen
Worten.
»Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich
will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich
betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte
selbst -- -- aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies
erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann
ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird
sittenreiner, besser und ich lebe. -- Ich habe ihm vergeben, und auch
Ihr müßt vergeben!«
Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten
nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll
von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er
schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme:
»Vergeben kann ich nicht -- will ich auch nicht -- denn ich halte es für
widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es
in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch,
ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner
Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu
sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!« Thränen der Wut
lagen in seiner Stimme, als er dies sagte.
»Liebet, die Euch hassen,« flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey
Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber
es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden.
»Liebet, die Euch hassen, -- aber diejenigen, die man selbst haßt, kann
man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte,
wir haben ja ein jeder genug des Leides!«
Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich
Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging.
13.
Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon
folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine
allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also
im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend.
Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre
Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte.
Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das
Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen
denken und alle lieben zu wollen.
Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine
gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit
seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner
Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie
verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre
gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar
nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene
äußerten, er wünschte nur das Eine -- daß es ihnen und Allen überhaupt
wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von
Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen,
hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne
sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein
Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit
Schtscherbazkiy und blickte ihn an.
»Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?« sagte er, zu ihr
hintretend. »Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.«
»Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke
Euch,« sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk,
belohnend, »daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu
debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!«
»Es ist wahr,« versetzte Lewin, »pflegt es doch meistenteils so zu sein,
daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu
begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.«
Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig
bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen
Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich
zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu
beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der
Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten
und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht
niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man
im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses
selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden,
als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren,
daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man
auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen
ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren
Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.
Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch
kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.
»Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man
vertritt; dann erst ist es möglich« --
Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt.
Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen
Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren,
fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm
überraschend.
Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten
Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und
begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.
Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und
die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja
Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen
weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit,
daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß
in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch
sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.
»Nun,« antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren
treuherzigen Augen auf ihn blickend, »das Mädchen kann doch auch so
gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich
selbst« --
Er verstand ihren Wink.
»Ja, ja,« erwiderte er, »ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!«
Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die
Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in
dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der
Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der
Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen
Abstand nahm.
Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem
Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre
Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr
und mehr wachsende, beglückende Aufregung.
»Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!« sagte Kity und machte,
die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen.
»Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?« dachte er mit
Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; »bleibt doch,« sagte
er, sich an den Tisch setzend. »Schon lange habe ich Euch nach etwas
fragen wollen!«
Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen.
»Bitte schön, fragt.«
»Nun,« begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben
auf den Tisch: »A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.« -- Diese Buchstaben
bedeuteten: »Als Ihr mir antwortetet >es kann nicht sein, so hieß das,
>niemals oder nur >damals?« --
Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte
verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies,
daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht.
Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die
Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem
Blick befragend »ist es das, was ich mir denke?«
»Ich habe verstanden,« sagte sie errötend.
»Was ist dies für ein Wort?« frug er, auf das N weisend, mit welchem er
das Wort »niemals« bezeichnet hatte.
»Dieses Wort bedeutet >niemals,« sagte sie -- »aber das ist nicht
wahr!«
Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und
stand auf. Sie schrieb: »I. K. D. N. A. A.« --
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