Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel
zu wichtig für sie.
-- »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit
wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon
laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen
darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke
gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy
empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen
Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch
gesagt >=il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir=!< Ich wollte voll
Entsetzen erwachen und erwachte -- aber ich war nur im Traume erwacht.
Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir >das
bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer
Geburt.< -- Dann erwachte ich wirklich.« --
»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst,
daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag.
»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte
noch, ich habe noch nicht lange erst« -- plötzlich hielt sie inne. Der
Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und
Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und
verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser
Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen
Lebens wahrgenommen.
4.
Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der
Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er
wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er
sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den
Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein
Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer.
Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder,
sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts.
Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren,
und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei
sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie
hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen,
seine Drohung zur Ausführung bringen -- die Trennung fordern und ihr das
Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe
verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde,
und jetzt mußte er seine Drohung ausführen.
Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der
beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte
man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung
gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die
formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie
ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich
der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement
Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge
hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster
Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein
Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum
Morgen die äußerste Grenze erreicht.
Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut
tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich
damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem
Weibe bedurfte -- zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben
habe.
Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet
in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine
Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus,
ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck
zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme
lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm
wahrgenommen hatte.
Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten,
geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete
das Schubfach.
»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina.
»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er.
»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er
erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren
Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie,
wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte
ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich.
»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche
unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend,
daß sich seine Schulter hob.
Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn.
»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren
Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.«
»Ich mußte ihn sprechen, um« --
Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.
»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein
verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.«
»Ich wollte, ich war nur« -- sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit.
Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen,
wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie.
»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib,
aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die =constatation
d'un fait=!«
»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.«
»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr
den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß
sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?«
»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn
wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend
das Zimmer verlassen.
»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note
höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am
Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches
er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl.
»Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es
Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen
Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!«
Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem
Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber
ein Überflüssiger sei -- sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand
die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise:
»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie
kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?«
»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt.
»Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der
Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln
ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!«
»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie
und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt
erwünschten Tod in die Augen.
»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber
gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen
Leidenschaft.« --
»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig
großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen
noch zu schlagen!«
»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer
Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß
das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi -- --
gesitten!« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er
sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten«
herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil
es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte.
Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte
sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun?
Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit,
und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige
willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere
Wichtigkeit besessen hätten.
»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« -- begann er.
Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines
Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu
sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser
Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas
fühlen können?«
»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie.
»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und
nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über
meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die
Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu
meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit
Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes
hatte verfügen wollen.
»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von
unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!«
--
»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich
mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt
wohl!« --
Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück.
»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal
leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu
meiner -- ich werde bald niederkommen -- laßt ihn mir!« --
Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und
verließ stumm das Gemach.
5.
Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war
gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat.
Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine
Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring
am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war
ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen
offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit
den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey
Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er
konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten
wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn:
»Was wünschen Sie?«
»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.«
»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der
Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben.
»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey
Aleksandrowitsch.
»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch
gefälligst warten.«
»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,«
fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit
erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse.
Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben
nicht trauend, zu einer Thür hinein.
Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit
der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer
russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in
Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse,
und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben
überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen
Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas
nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der
Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der
Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen
Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die
Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun
gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen -- jetzt aber
verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen
Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte.
»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That
zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige
Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und
die Erscheinung des letzteren selbst.
Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit
schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.
Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der
doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und
grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.
»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch
gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten,
worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel
am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich
selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den
kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf
die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe
gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß
mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen,
die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage
wieder ein.
»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des
Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit,
in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.«
Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden
Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.
»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren
wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« --
Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die
grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.
»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte
-- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat
mit einer Verbeugung.
Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal
entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne
in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte
besonders hervorhebend.
»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener
Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen
zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen;
jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.«
Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie
hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey
Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines
Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern
daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der
jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes
gesehen hatte.
»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der
Ehescheidung?«
»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir
erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur
gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die
Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu
ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die
Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer
gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.«
»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der
Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey
Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner
unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach
einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung,
fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.
»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen
über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich
doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach
welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung
gelangen.«
»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben,
und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend,
»daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung
Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken
Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das
mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs
schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit
einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist
möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«:
-- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden
Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich
erst dann wieder nieder; --
»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem
einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies,
den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei
Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die
folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger
auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen
offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische
Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des
Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er
sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung,
doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit
ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand
der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle
alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht
vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« --
Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.
»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der
beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter
gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen
Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall,
muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte
der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey
Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte
dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun
erwartet.
Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort,
»das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die
Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht
gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der
Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.«
Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort
den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und
dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher
sogleich zu Hilfe.
»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und
wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und
die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste
Mittel.«
Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er
stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der
Gestattung dieser Maßregel verhinderten.
»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier
ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf
Briefwechsel, den ich besitze.«
Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ
einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.
»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten
dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort
entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen
große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit
einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack
der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die
Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf
direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir
indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem
Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln,
die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur
Anwendung von Mitteln verstehen.«
»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich
erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und
ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.
»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er
diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.
Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine
Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei
ärgerlich.
»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey
Aleksandrowitsch.
»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete
dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile
schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich
schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch
nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.«
»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,«
antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich
darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich
nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei
glänzten.
»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit
auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir
mitzuteilen?«
»Sehr wohl.«
Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten
aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen
angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen
seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten
bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest
entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu
beziehen, wie es bei Sugonin war.
6.
Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der
Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges
untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen
Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem
ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell
nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht
vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen,
administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und
religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte
Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie
nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen
Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung
waren.
Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von
Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die
Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst
auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten,
erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese
Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die
Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne
einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind,
und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine
deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu
Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der
sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt
hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für
Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.
Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren
Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs
über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin
vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in
dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der
Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte
sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie
sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie
die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über
sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die
Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey
Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat
und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind
gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was
angerichtet worden wäre.
Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr
verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der
Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung.
Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten
ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten
Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten,
und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz
Papier vollgeschrieben worden wäre.
Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen
revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die
von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten,
und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der
Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von
der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die
Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in
günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge
hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines
Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In
dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung
der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten
werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit
abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen
Gouvernements ab.
Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei
dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis
an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.
»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja;
»wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall
Eisenbahnen giebt?«
Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die
Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.
»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich
weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann
im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es
reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem
Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.«
Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage
in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite
zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets
Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch
plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er
nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im
kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem
Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen,
heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und
beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.
Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche
an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen
erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame
lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey
Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.
Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den
Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren,
allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief
selbst zu Karenin durch den Schnee hin.
»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da?
War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du
das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch,
den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir
gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen
aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch
ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann.
»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,«
versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.
»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern
einmal sehen.«
Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße
eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den
Schnee zu Darja Aleksandrowna.
»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug
ihn Dolly lächelnd.
»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch
wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß
er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?«
»Nun; was macht meine liebe Anna?«
Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan
Arkadjewitsch hielt ihn zurück.
»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen
Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer
Intelligenz bewirten können.«
»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder
sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna?
Wie lange« --
»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert.
»Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem
Wagen um.
»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach.
Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden
Equipagen nicht verstehen konnte.
»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch.
Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm
herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.
»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und
nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine
Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen
sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.
»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend.
Er wandte sich um.
»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir
Geld!«
»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich
zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe
zunickend.
7.
Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große
Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa,
einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin
die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im
Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk
freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte
er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu
verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung
nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte
kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater
fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu
dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit
drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen
Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst
aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen
Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen,
Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum
Essen mit heim nehmen wollte.
Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein
Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach
der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es
gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles
Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was
die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und
damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine
junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als
=pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey
Aleksandrowitsch.
Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey
Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber
wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff,
einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker
und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu
Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.
Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom
Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich
jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde
lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude.
Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren
allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der
vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt
war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem
Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt
hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er
nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen
war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen
lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und
Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und
Frau nicht richtig sei.
Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue
Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines
furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd
arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen
verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er
sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz
anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und
wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.
Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue
Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich
auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.
Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm
einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte
ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten
unangenehmen Umstand.
Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle
Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst
und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat.
»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor
schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja
den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr?
Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der
neue Vorgesetzte. --
»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange
nicht beehrt.«
»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist
Nummer sieben?«
Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und
maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan
Arkadjewitsch eintrat.
»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen;
eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!«
Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne
Überrock und Hut abzulegen.
»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut
abnehmend.
»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete
Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann
aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin
über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was
du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen
war.
»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht
in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel
Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.«
»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.«
»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland
heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem
Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf
einem Lumpen. Bei uns« --
Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.
»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht
hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden
bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja
Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in
einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode
gesprochen hättest.«
»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin.
»Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich
sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr
hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere
ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen
Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas
Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur
eitel Staub ist!«
»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!«
»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles
nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und
nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen
Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald
ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses
Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und
Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.
»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben
Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.«
»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt
plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald
sterben werden.«
»Warum denn bald?«
»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber
man wird dabei ruhiger.«
»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;«
Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.
»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann
werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.«
»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu
einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.«
»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte,
daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen
sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder
zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie
da sein oder nicht, es war ihm gleich.
»Also du kommst?«
»Gewiß.«
»Um fünf Uhr!«
Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines
neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so
gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und
Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm
zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.
8.
Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den
ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im
Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden,
gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer
bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt
zugesagten Briefes betraf.
Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey
Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten
und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war
daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.
Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer
Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre
Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der
Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber
durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur
die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze
Angelegenheit zu nichte machen konnten.
Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte
ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten
und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach
Petersburg.
Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin
Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und
niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung
zu geben.
Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er
den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den
Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er
noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten
Brieftasche befunden hatten.
Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz
nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt
gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten
Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes
Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte
er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch
die Möglichkeit, ihn auszuführen.
Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang
der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem
Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.
»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde
sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben
und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.«
»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie
in eine Mappe steckend.
»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete
die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte
einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy
in das Zimmer.
»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also
wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter.
»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt,
stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte
sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des
Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den
Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem
Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan
Arkadjewitschs über die Ufer trat.
Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.
»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er
schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen.
Wir alle rechnen ja auf dich!«
»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil
die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden
haben, abgebrochen werden müssen.«
»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.
»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib,
anstrenge. Ich war gezwungen« --
Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan
Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete.
Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.
»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und
Schmerz malte sich auf seinen Zügen.
»So ist es.«
»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« --
Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte
nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es
unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten
seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm
und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.
»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die
Scheidung zu fordern,« sagte er.
»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne
dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne
Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern
-- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir
es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein
Mißverständnis vor,« -- sagte er.
»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« --
-- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch,
»aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich
nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu
übereilen!«
»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch
kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem
beraten. Ich bin fest entschlossen.«
»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer
seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und
ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht
begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben
eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie
ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges
Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst,
ich beschwöre dich!«
Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch
schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.
»Wirst du dich zu ihr begeben?«
»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich
glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.«
»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du,
abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber
wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die
ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte
Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß
deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie
erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere
Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere
Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir
diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.«
»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese
Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen
wir nicht mehr davon.«
»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen?
Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist,
sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen
und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!«
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