diese, sie haben die Frage behandelt!«
Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas
sagen konnten und wußte doch, was er wollte.
Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche
Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das
Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das
Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur
daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer
eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig
auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im
Geiste des Volkes habe.
Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure
unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange
nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte,
welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so
mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er
theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen.
30.
Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der
Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft
und der Gewinn verteilt worden.
In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch
so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein
schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu
vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der
politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft
vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war
es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles
zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er
überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei,
nicht das sei, was nötig war.
Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben
und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich
ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und
der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst
die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz
undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter.
Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann
sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches
Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum
Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt,
um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen.
Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen,
die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den
Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester
Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war
um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das
ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts
zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu
Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die
in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem
überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln,
die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das
noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse
rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit
der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter
Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm
gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen.
Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu
trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst
vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten.
»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was
man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des
Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es
handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze
Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund
aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner
Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft
Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine
unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen
Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement
um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt,
weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist
das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber
gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der
Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die
Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht,
-- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin
sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut
haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar
nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine
Geheimnisse anvertraute.«
Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon
hereingebrochen war.
Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen
Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der
Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so,
daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen
noch draußen hätten, nichts seien.
Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch
in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine
bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken.
Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit
vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden
zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten.
»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze
Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.«
Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu
seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und
blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht
zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und
Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer.
Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden
Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu
thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an
die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe
Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze.
Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit
ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage
und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und
abzuschreiten.
»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna,
»wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht
man jetzt hin!«
»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu
Ende bringen.«
»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber
sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb
Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.«
»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.«
Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins.
Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten
dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er
sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte
sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf.
»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten
bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen
Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so
gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort,
von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das
Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.«
»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen
Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.«
»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so
werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er
hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn
nicht, so kann man nichts machen.«
»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser
verwaltet?«
»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht
auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer
Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« --
Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst
gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden
und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er
sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben
gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der
Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster,
wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.
Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen
eines Wagens in dem Kot draußen.
»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr
langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der
Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt
nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer
da wollte, kam.
31.
Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das
Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des
Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich
geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige,
wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht
mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und
diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei
nicht die seines Bruders Nikolay.
Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen,
war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm
auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm
selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm
das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt
eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte,
ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den
Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine
innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache
veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.
Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in
das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als
das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in
Mitleid verwandelt hatte.
So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem
kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr
abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur
noch in der Haut.
Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend;
indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin
dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein
Schluchzen die Kehle zuschnürte.
»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch
nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden.
»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich
mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren
Handflächen streichend.
»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut,
als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines
Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah.
Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben,
daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im
Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr
zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte.
Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in
Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste
zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen
Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt
noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden
Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig.
Lewin führte ihn in sein Kabinett.
Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu
thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe
standen, und stieg dann lächelnd nach oben.
Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin
seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs
gedachte er heute ohne Groll.
Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und
frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen
Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich
Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder.
»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes
Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und
dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine
Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige.
Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt
wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?«
»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?«
»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse
Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art
diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen,
daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal
zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten
behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten.
Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein
Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und
meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.«
Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden,
was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er
begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von
sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu
heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten.
Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon.
Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich
so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die
beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ.
Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken -- die Krankheit und den
Tod Nikolays -- welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine
noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles,
was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was
sie ausschließlich beschäftigte.
Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man
zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem
offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute
gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie
hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen
über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein
Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu
leben gedenke.
Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so
quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer
spanischen Wand ein.
Der Bruder legte sich nieder und, -- schlief er oder schlief er nicht --
wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er
nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er
»mein Gott, mein Gott!« Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er
gereizt »zum Teufel auch!« Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er
den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach,
aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur -- der Tod. --
Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale
als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war,
in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne
Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht
mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm,
und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn
morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren -- als ob sich das nicht
völlig gleich bliebe! -- Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich
war -- das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie
überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt,
darüber nachzudenken.
»Da arbeite ich, und will etwas vollbringen -- und habe vergessen, daß
doch alles ein Ende haben wird, daß es -- einen Tod giebt!« --
Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine
übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung
seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um
so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der
That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte -- den,
daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht
verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen
könne. Das war entsetzlich, aber es war so. --
»Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?«
sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich
behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu
betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den
Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine
muskulösen Arme -- Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort
mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper
gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder
zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor
Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen
werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der
Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des
Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt -- diese eingesunkene,
verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was
kommen werde für ihn.
»Hcha, Hcha, Teufel! -- Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?«
rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu.
»Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!« --
»Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr.
Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!« Lewin befühlte
das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder
aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden.
Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben
solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen -- der Tod.
»Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was
soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so
steht.«
32.
Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem
im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und
Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig
anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß
dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die
Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an
wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er
diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte.
Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er
empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten,
sondern aussprächen, was man »vom Herzen herunter« sprechen nennt, das
heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen
einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte »du
mußt sterben, sterben!« währen Nikolay ihm antworten müßte »ich weiß es,
daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte
ihn.« -- Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen
herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und
deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben
hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen
Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man
nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte,
fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei
ertappe und davon gereizt werde.
Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm
seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur
zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus
zusammenzubringen.
»Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber
verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.«
»Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt.
Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals,
der Erbfolge -- ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,«
-- Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte
bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte,
begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu
brauchen -- »will nur die Arbeit regeln.«
»Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm
alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern
willst, es sei dies etwas Neues,« antwortete Nikolay, heftig an seiner
Halsbinde zerrend.
»Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines« --
»Denn,« erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und
ironischem Lächeln: »dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein,
wie soll ich sagen, mathematischer -- nach seiner Klarheit und
unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber
zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine =tabula rasa= machen
könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird
doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts« --
»Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.«
»Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug
ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten
Jahrhunderten.«
»Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des
Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und
ihre Eigenschaften erkennen muß.«
»Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem
Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat
überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die
Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn -- was willst du
noch?«
Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde
seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben --
recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den
Ordnungsformen schwanke -- was doch schwerlich möglich sein konnte.
»Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst,
wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,« antwortete er heftig.
»Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du
es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit
den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.«
»Nun -- denkst du so -- lassen wir das!« versetzte Lewin, welcher fühlte,
daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies
unterdrücken konnte.
»Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine
Eigenliebe willst du befriedigen.«
»Schön so; aber verlaß dieses Thema!«
»Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit
dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!«
So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte
nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren
möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war.
Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin
wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben
sollte.
»O, diese Großmut!« antwortete Nikolay lächelnd. »Wenn du denn einmal
recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du
hast recht. Aber ich will dennoch fahren!«
Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam
und ernst auf den Bruder blickend:
»Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!« und seine
Stimme schwankte.
Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren.
Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: »Du siehst es und
weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder
sehen.«
Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch
einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, --
wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. --
Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem
Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter
Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit
sehr in Erstaunen.
»Was hast du denn?« frug ihn Schtscherbazkiy.
»Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.«
»Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft
eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt
ist!«
»Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.«
»Das ist doch dein Spaß!« lachte Schtscherbazkiy, »ich bin ja erst im
Begriff anzufangen!«
»So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald
sterbe.«
Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen
letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an
denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so
mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor
noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade
mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr
nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich
diesem, klammerte er sich an ihm an.
Vierter Teil.
1.
Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu
leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig
entfremdet.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib
alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben
möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch.
Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah
ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies.
Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die
Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben
auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern
werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage
sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß
diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die
Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von
welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher
war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern
fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und
Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn
eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die
Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse.
Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das
von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse.
Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche
durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten
Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die
Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es,
welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst,
sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es
auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese
Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu
übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob
er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich
war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet,
ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um
die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an
nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer
selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche
Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft
erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den
Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne
holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß
einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten
die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde.
Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich
einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte
er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert
Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien
hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle
echtrussischen Vergnügungen kennen lernen.
Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es
große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen
Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen
Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das
Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit
außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen,
setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob
dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe.
Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings
dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der
weißgesiegelte Champagner.
Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber -- kam es davon, daß er
selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen
Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand -- diese Woche erschien
ihm als eine furchtbar schwere.
Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl
empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen
Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet
und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse.
Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton
strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er
keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit
denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut
fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne.
Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen
gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten,
aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich
lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst
wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner
Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter,
sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch,
weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und
Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und
nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit
Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm
Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen
großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer
Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber
regte ihn auf.
»Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?« dachte er bei sich.
Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm
verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank
entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von
diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein.
Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der
Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine
Galavorstellung gegeben hatte.
2.
Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor.
Sie schrieb: »Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren,
kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu
mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis
zehn Uhr dort bleiben.«
Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so
direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie
ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der
Einladung zu folgen.
Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment
ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er
sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die
Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen
gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die
Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er
wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. »Was war
das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf
der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet,
indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf
französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,«
sprach er zu sich selbst. »Aber weshalb war dies nur so furchtbar
gewesen?« Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene
seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte -- und
Entsetzen überlief kalt seinen Rücken.
»Welcher Unsinn!« dachte er und schaute nach der Uhr.
Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich
hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig
vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten.
Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach
der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler
Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt;
er erkannte das Geschirr Annas. »Sie fährt zu mir,« dachte Wronskiy,
»und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses
Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,« und
mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich
vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür
hin.
Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den
Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken,
gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem
ihn der Portier anblickte.
In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch
zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene
Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem
Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen
Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser
verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig
bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie
er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas
durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte.
Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und
seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze.
»Ist das eine Situation!« dachte er, »wenn er kämpfte, seine Ehre
wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese
Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit -- er versetzt mich in die Lage
eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht
sein will!«
Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich
die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas
unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die
Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein
allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses
Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll
Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus
dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war,
ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und
fester an sie.
Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er
erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den
Salon zurückkehrte.
»Nein!« rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten
Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, »wenn das so
fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!«
»Was denn, mein Kind?«
»Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, -- aber nein, ich
will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht
früher. Nein, ich will es nicht thun!«
Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit
tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein
Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei
jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm
-- das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war
-- mit ihm, wie er wirklich aussah.
3.
»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe
Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich
verspätet hast.«
»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?«
»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das
thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem
Prinzen?«
Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen,
daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als
er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er
Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten
müssen über die Abreise des Prinzen.
»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?«
»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich
mir das gewesen ist.«
»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen
Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei,
die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken.
»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert
über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die
Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd
seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich
wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und
es ist mir unangenehm geworden.«
Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute
ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an.
»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen -- man scheut sich noch
nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie,
»und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche
Abgeschmacktheit das doch war!«
»Ich wollte nur erzählen, daß« --
Sie unterbrach ihn.
»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?«
»Ich wollte erzählen« --
»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein
Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend,
und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das
Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe
ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon
erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit
gesagt hast?«
»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn
nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht
entdeckte?«
»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der
Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir
zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja -- doch was sagtest du?«
Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte
sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit
immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er
sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl
er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm
war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein
Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für
welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden -- fühlte er
sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr
von Moskau aus nachgereist war.
Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch;
jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege.
Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der
ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu
ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der
Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck
auf ihren Zügen, der sie entstellte.
Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene
und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe
noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem
Untergange weihte.
Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch
stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu
reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem
gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr
empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst
werden könne.
»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan
verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide
unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu
erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?«
»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm
entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren
Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich
gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu
erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr
Interesse hervorrief.
»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist
so gebildet?«
»Es ist eine grundverschiedene Bildung -- die Bildung solcher Leute. Er
ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen
möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles
verachten -- mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.«
»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!« sagte sie,
und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied.
»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd.
»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig;
aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht
liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen,
Therese zu sehen im Kostüme der Eva.«
»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand
ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend.
»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich
gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht
eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du
hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir
unverständlich ist, führst« -- Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder
mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers
eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach
der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in
dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey
Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast
unnatürlichem Tone.
»Wir trafen an der Thür zusammen.«
»Grüßte er dich?«
Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den
Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy
gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit
welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.
Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen
Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.
»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch
nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell
gefordert hätte -- aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine
solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.«
»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.«
»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden
könnte?«
»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große
Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, -- wenn man nur ein
wenig fühlt, -- so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und
fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit
seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer
solchen sprechen? Sie mit >du< anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich
sein, »du, =ma chère=, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er
ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle,
ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib,
das so handeln konnte, wie ich, -- aber ich hätte nicht gesagt >=ma
chère=, Anna!< Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des
Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein
Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander
davon sprechen!« --
»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich
bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr
von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir
selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?«
Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte
sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr
entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen
konnte.
Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden,
sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die
Krisis eintreten?«
Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das
Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den
früheren Ausdruck ab.
»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein
Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich
darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich
weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald
eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie
es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die
Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte.
Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel
zurück. »Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir
nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles
lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.«
»Ich verstehe nicht,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend.
»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie
nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu
sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin
sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen
rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und
küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die -- er wußte es -- zwar
keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So
wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand
mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben
ist.«
Er kam zu sich und hob das Haupt.
»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!«
»Nein, nur Wahrheit.«
»Was, was für eine Wahrheit?«
»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.«
»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume
ein.
»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal
gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte,
weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte -- du weißt ja, wie
das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend,
»im Schlafzimmer aber stand etwas« --
»Thorheiten, wie kann man glauben« --
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