Anna Karenina, 1. Band
Leo N. Tolstoi
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Anna Karenina.
Roman aus dem Russischen
des
Grafen Leo N. Tolstoi.
Nach der siebenten Auflage übersetzt
von
Hans Moser.
Erster Band.
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
* * * * *
Erster Teil.
»Die Rache ist mein, ich will vergelten.«
1.
Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche
Familie ist auf -ihre- Weise unglücklich. --
Im Hause der Oblonskiy herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des
Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der im Hause
gewesenen französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten, und ihm
erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache
bleiben. Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde
nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen
Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie
alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr
liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen,
noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie
selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der
Oblonskiy.
Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war
schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen
Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb
an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der
Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen
und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht.
Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch
Oblonskiy -- Stiwa hieß er in der Welt -- um die gewöhnliche Stunde, das
heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin,
sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen
verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er
noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein
Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor,
setzte sich aufrecht und öffnete die Augen.
»Ja, ja, wie war doch das?« sann er, über seinem Traum grübelnd. »Wie
war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in
Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war
aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja,
und die Tische sangen: >=Il mio tesoro=< -- oder nicht so, es war etwas
Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,«
-- fiel ihm ein.
Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte.
»Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was
man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.«
Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die
baumwollenen Stores gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen
vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum
Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen;
während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne
aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer
sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte.
Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß
er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief;
das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn.
»O, o, o, ach,« brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel,
was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die
Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze
Mißlichkeit seiner Lage und -- was ihm am peinlichsten war -- seine
eigene Schuld.
»Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am
Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage -- ich
bin schuld -- aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,«
dachte er, »o weh, o weh!« Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich
alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene
erhalten.
Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter
und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für
seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und
sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der
alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig
sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos,
den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung
und der Wut ihm entgegenblickend.
»Was ist das?« frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der
Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht
sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte
geantwortet hatte.
Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie
unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand
nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der
Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu
spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu
bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben -- alles dies wäre noch
besser gewesen als das, was er wirklich that -- verzogen sich seine
Mienen (»Gehirnreflexe« dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von
Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen
und daher ziemlich einfältigen Lächeln.
Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es
gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging
sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom
bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte
sie ihren Gatten nicht mehr sehen.
»An allem ist das dumme Lächeln schuld,« dachte Stefan Arkadjewitsch.
»Aber was soll ich thun, was soll ich thun?« frug er voll Verzweiflung
sich selbst, ohne eine Antwort zu finden.
2.
Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter
Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern,
daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal
Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig Jahren,
hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei
toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt
war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor
seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze
Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst.
Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser
vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in
solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht,
und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst
geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die
Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und
gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach,
aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst
nachsichtig zu sein verpflichtet wäre -- aber da zeigte sich ganz und
gar das Gegenteil! --
»O, furchtbar, o, o, furchtbar!« bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch
selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. »Und wie gut war alles
bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war
zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und
überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen
ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß -sie- eigentlich
die Gouvernante abgab im Hause.« Er erinnerte sich der schwarzen,
schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. »Aber so
lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste
gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon -- aber es mußte so
kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?«
Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben
selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt.
Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens,
mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht
mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche
er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig,
sich zu vergessen im Traume des Lebens.
»Nun, wir werden ja sehen,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf
aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd,
kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten
voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner
auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen,
nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein
alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefel und ein
Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum
Barbieren.
»Sind Akten da?« frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm
entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend.
»Sie liegen auf dem Tische,« versetzte Matwey, fragend und voll
Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit
schlauem Lächeln fort: »Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!«
Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den
Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen.
Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das;
weißt du denn nicht?
Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte
den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig
lächelnd auf seinen Gebieter schauend.
»Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und
mich bis dahin nicht unnütz belästige,« sagte er dann in offenbar
einstudiertem Satze.
Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die
Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las
unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen;
sein Antlitz heiterte sich auf.
»Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,« begann er, für
eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend,
die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen
Kotelettes zu säubern.
»Gott sei gelobt,« versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß
er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das
heißt einsehe, daß Anna Arkadjewna die Lieblingsschwester Stefans, zur
Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei.
»Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?« frug Matwey.
Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit
der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey
nickte mit dem Kopfe in den Spiegel.
»Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?«
»Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.«
»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels.
»Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und
melde, daß sie anordne.«
»Ihr wollt versuchen,« verstand Matwey, aber er sprach nur »Ich
gehorche.«
Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich
ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend,
mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr
anwesend.
»Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie
fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,« berichtete er,
nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets
versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn
blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges,
etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht.
»Nun, Matwey?« frug er kopfschüttelnd.
»Es ist nicht von Bedeutung, Herr,« versetzte dieser, »wird sich schon
machen.«
»Es wird sich machen?«
»Ach, ja.«
»Meinst du? -- Doch wer ist dort?« frug Stefan Arkadjewitsch, an der
Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend.
»Ich bin es,« ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der
Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona
Philimonowna, der Amme.
»Nun, was giebt es, liebe Matrjona?« frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis
an die Thür entgegengehend.
Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber
seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle
im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf
seiner Seite.
»Nun, was giebt es?« frug er niederschlagen.
»Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie
leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück.
Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, -- was soll
das werden! Da könnte man doch gleich« --
»Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an« --
»O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu
Gott!«
»Nun gut, geh,« sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. »Ich will
mich ankleiden,« wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den
Hausrock ab.
Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte
sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper
seines Gebieters einzuhüllen.
3.
Nachdem Stefan Arkadjewitsch angekleidet war, besprengte er sich mit
Wohlgerüchen, zerrte die Ärmelmanschetten vor, steckte in
gewohnheitsmäßiger Bewegung Cigaretten in die Taschen, sein
Portefeuille, Streichhölzer, seine Uhr mit doppelter Kette und einem
Berloque und schüttelte das Taschentuch auf. Er fühlte sich gesäubert
und parfümiert, gesund und äußerlich heiter, ungeachtet seines Unglücks
und ging nun nach dem Speisezimmer, wo seiner schon der Kaffee harrte
und zugleich mit diesem Briefe und die Akten aus dem Gerichtshof.
Er las die Briefe. Einer war ihm sehr unangenehm; er kam von einem
Kaufmanne, der einen Wald aus dem Besitztum seiner Frau gekauft hatte.
Dieser Wald mußte unweigerlich verkauft werden, aber jetzt, vor einer
Aussöhnung mit ihr, konnte davon keine Rede sein. Das Peinlichste
hierbei war, daß sich somit das pekuniäre Interesse mit der Versöhnung
seiner Gattin vereinte. Der Gedanke aber, daß er diesem Interesse
Rechnung tragen müsse, daß er zum Verkauf des Waldes seiner Frau
Verzeihung nachsuchen müßte -- dieser Gedanke kränkte ihn.
Nachdem er mit den Briefen fertig war, zog Stefan Arkadjewitsch die
Akten an sich; schnell durchblätterte er zwei Aktenstücke, mit einem
großen Bleistift Bemerkungen hineinzeichnend und widmete sich alsdann
dem Kaffee. Hierbei entfaltete er die noch druckfeuchte Morgenzeitung
und vertiefte sich in die Lektüre.
Stefan Arkadjewitsch hielt sich eine liberale Zeitung, nicht von
schärfster Farbe, sondern eine von jener Richtung, der die Mehrzahl
folgt. Obwohl ihn weder Wissenschaft noch Kunst oder Politik besonders
anzogen, so verfolgte er doch aufmerksam alle jene Fragen, mit denen
sich die Allgemeinheit, sowie auch seine Zeitung befaßte, und änderte
seine Meinungen, sobald dies die große Masse that -- oder besser, er
veränderte sie nicht, sondern sie änderten sich in ihm, ohne daß er
selbst es merkte.
Stefan Arkadjewitsch wählte sich weder Richtungen noch Ansichten,
sondern solche kamen ihm von selbst, ganz ebenso, wie er selbst nicht
die Façon eines Hutes oder Überziehers wählte, sondern nahm, was man ihm
brachte. Eine Ansicht zu haben, war aber für ihn, der in der großen
Gesellschaft lebte, bei der Notwendigkeit einer gewissen geistigen
Thatkraft, die sich gewöhnlich in den Jahren der Reife entwickelt,
ebenso unumgänglich, wie der Besitz eines Hutes. Bot sich ein Grund, die
liberale Gesinnung der konservativen vorzuziehen, die ja viele innerhalb
seiner Gesellschaftskreise auch besaßen, so geschah dies nicht deshalb,
daß er sie für vernünftiger gehalten hätte, sondern deshalb, weil sie
sich ihm für seine Lebensformen enger accomodierte. Die liberale Partei
sagte, es sei in Rußland alles schlecht, und in der That, Stefan
Arkadjewitsch hatte viele Schulden und sein Geld reichte nie zu. Die
liberale Partei sagte die Ehe sei eine abgelebte Institution, die
unfehlbar der Reorganisierung bedürfe, und in der That, das
Familienleben gewährte ihm wenig Annehmlichkeit und zwang ihn zur Lüge
und Verstellung, die doch sonst seiner Natur so fremd waren. Die
liberale Partei sagte, oder vielmehr, klügelte, die Religion sei nur ein
Zaum für den barbarischen Teil der Menschheit, und in der That, Stefan
Arkadjewitsch konnte nicht ohne Schmerz in den Füßen ein Gebet anhören,
und vermochte nicht zu begreifen, wozu alle die furchterregenden und
schwülstigen Worte über jene Welt gemacht würden, wenn das Leben in
dieser doch auch so schön sein soll. Bei alledem machte es Stefan
Arkadjewitsch, der einen lustigen Scherz liebte, Vergnügen, bisweilen
einen friedsamen Menschen damit zu verblüffen, daß, wenn man auch stolz
sein könne auf seinen Stammbaum, man deshalb noch nicht bei Rurik damit
anzufangen brauche und als ersten Stammvater -- den Affen nicht von sich
weisen dürfe. So also wurde die liberale Richtung Stefan Arkadjewitsch
zur Gewohnheit; er liebte seine Zeitung wie eine Cigarre nach dem
Mittagsmahl, wegen des leichten Nebels, den sie in seinem Hirn erzeugte.
Er las den Leitartikel, in welchem auseinandergesetzt wurde, daß man in
unserer Zeit ein völlig unnützes Gejammer darüber erhebe, als drohe der
Radikalismus alle konservativen Elemente zu verschlingen und daß die
Regierung verpflichtet sei, Maßregeln zur Unterdrückung der Hydra der
Revolution zu treffen; vielmehr liege nach der Meinung der Liberalen die
Gefahr nicht in der vermeintlichen Hydra der Empörung, sondern in der
Hartnäckigkeit der Tradition, welche den Fortschritt hemmte.
Er las auch einen zweiten Artikel über die Finanzen, in welchem dem
Ministerium Seitenhiebe versetzt wurden. Mit der ihm eigenen schnellen
Auffassungsgabe verstand er die Bedeutung einer jeden Seitenbemerkung;
von wem sie herrührte, für wen sie bestimmt war und auf welchen Umstand
sie sich bezog; dies alles verursachte ihm, wie immer, ein gewisses
Vergnügen.
Heute indessen wurde dieses Vergnügen vergällt durch die Erinnerung an
die Ratschläge der Matrjona Philimonowna und an das Unglück in seinem
Hause.
Er las weiterhin auch, daß der Graf Beust wie man höre, nach Wiesbaden
gereist sei und ferner, wie man keine grauen Haare mehr zu fürchten
habe; auch vom Verkauf eines leichten Wagens und von der Offerte eines
jungen Mädchens. Allein alle diese Nachrichten verursachten ihm nicht
jenes stille ironische Vergnügtsein, wie vordem.
Nachdem er mit der Zeitung zu Ende war, sowie mit einer zweiten Tasse
Mokka und seiner Buttersemmel, erhob er sich, schüttelte die Brosamen
der Semmel von seiner Weste ab und reckte mit zufriedenem Lächeln die
breite Brust, nicht daß ihm ein besonders angenehmer Gedanke gekommen
wäre -- nur seine gute Verdauung rief das Lächeln hervor.
Aber dieses zufriedene Lächeln erinnerte ihn sogleich wieder an alles
und er wurde nachdenklich.
Zwei Kinderstimmen -- Stefan Arkadjewitsch erkannte die Stimmen
Grischas, seines kleinsten Söhnchens, und Tanas, seiner ältesten Tochter
-- wurden hinter der Thür vernehmbar. Die Kinder trugen wohl etwas und
hatten dies fallen lassen.
»Ich habe gesagt, daß man auf das Dach doch nicht Passagiere setzen
kann!« rief das Mädchen auf englisch, -- »heb auf!« --
»Es ist alles durcheinandergeraten,« dachte Stefan Arkadjewitsch, »die
Kinder laufen schon allein umher.« Er ging zur Thür und rief. Die
Kleinen hatten eine Schatulle hingeworfen, die einen Eisenbahnzug
vorstellen sollte; sie eilten nun auf den Vater zu.
Das kleine Mädchen, der Liebling des Vaters lief dreist herein, umarmte
ihn und hängte sich lachend an seinen Hals, wie stets sich ergötzend an
dem Wohlgeruch des Parfüms, welcher von seinem Backenbart ausströmte.
Nachdem es ihm endlich das von der gebückten Stellung gerötete und voll
Zärtlichkeit schimmernde Gesicht geküßt und die Händchen zurückgezogen
hatte, wollte es fortlaufen, aber der Vater hielt sein Kind zurück.
»Was macht Mama?« frug er, mit der Hand über den glatten zarten Hals der
Tochter streichend. »Guten Morgen,« sagte er dann lächelnd zu dem
Knaben, der ihn begrüßte.
Er wußte recht wohl, daß er den Knaben weniger liebte und bemühte sich
stets, gegen ihn freundlich zu sein, aber der Knabe empfand dies und er
hatte kein Lächeln für das kalte Lächeln seines Vaters.
»Mama? Sie ist aufgestanden,« antwortete das Mädchen.
Stefan Arkadjewitsch seufzte auf.
»Das heißt, sie hat wieder die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen,«
dachte er.
»Ist sie denn heiter?«
Das Mädchen wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist vorgefallen
war und die Mutter nicht heiter sein konnte, daß der Vater dies recht
wohl wissen müsse und sich nur verstelle, wenn er so leichthin frage. Es
errötete über den Vater; er verstand das sofort und errötete
gleichfalls.
»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »sie hat nicht befohlen, daß wir
Unterricht haben sollten, sondern hat uns mit Miß Gule zu Großmama
geschickt.«
»Nun, so geh, liebste Tantschurotschka. Doch halt, warte,« sagte er,
sie nochmals festhaltend und ihr zartes Händchen streichelnd.
Er nahm vom Kamin eine Düte Konfekt, die er am vorhergehenden Tage
dorthin gelegt hatte und reichte ihr zwei Stücken Chokolade, die sie am
liebsten aß.
»Soll ich dies dem Grischa geben?« frug das Mädchen, auf das eine Stück
weisend.
»Jawohl.« Wiederum streichelte er ihr die Schulter und küßte sie auf das
Haar und den Hals bevor er sie entließ.
»Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matwey, »aber es ist eine
Bittstellerin da,« fügte er hinzu.
»Schon lange?« frug Stefan Arkadjewitsch.
»Etwa eine halbe Stunde.«
»Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!«
»Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,« antwortete
Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn
geraten kann.
»Nur dann bitte sie möglichst schnell,« sagte Oblonskiy, mit
verdrießlich gerunzeltem Gesicht.
Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas
Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner
Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein
Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen
sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und
entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen,
schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die
Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau
des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber
noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte.
Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er
-- seine Frau vergessen wollte. --
»Ach ja!« Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen
sorgenvollen Ausdruck an. »Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?« frug er
sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen,
da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen
Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden,
da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen,
oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu
verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben,
dieses beides aber war seiner Natur zuwider.
»Aber einmal muß es doch werden -- -so- kann es doch nicht bleiben,«
sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm
eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in
einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten
durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner
Gattin öffnete.
4.
Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe
des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt,
mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen
hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer
Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere,
aus welcher sie soeben etwas herausnahm.
Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick
auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen
strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie
ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder
versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten
drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer
Mutter zu bringen -- und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu
entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich
wiederholt, daß es -so- nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse,
strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes
an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie
ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der
That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als
ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie
auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre
fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden
würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei
Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon
gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen
erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war,
aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich,
als werde sie fahren.
Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer
Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf,
als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen
strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung
und Leiden aus.
»Dolly!« begann er mit leiser, weicher Stimme. Er zog den Kopf in die
Schultern und wollte sich einen kläglichen und devoten Ausdruck geben,
strahlte aber dabei in Frische und Gesundheit. Mit schnellem Blick maß
sie vom Kopf bis zu den Füßen seine von Jugendkraft und Gesundheit
strotzende Erscheinung. »Ja, er ist glücklich und zufrieden,« dachte
sie, »und ich? Seine widerliche Gutherzigkeit, um die ihn jedermann so
liebt und verehrt, ich hasse sie.« Ihr Mund preßte sich zusammen, der
Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres bleichen nervösen Gesichts
bebte.
»Was wünscht Ihr?« frug sie mit fliegendem unnatürlichem Brusttone.
»Dolly!« wiederholte er mit zitternder Stimme, »Anna wird heute hier
ankommen.«
»Und was hat das für mich zu sagen? Ich kann sie nicht empfangen!« rief
sie aus.
»Aber du mußt doch, Dolly!«
»Geht, geht, geht!« rief sie ohne ihn anzublicken, und als sei ihr
dieser Schrei von einem körperlichen Schmerz entlockt.
Stefan Arkadjewitsch konnte wohl ruhig sein, wenn er seines Weibes
dachte, er konnte hoffen, daß sich »alles noch machen werde« nach dem
Ausdrucke Matweys und ruhig seine Zeitung lesen und seinen Kaffee
nehmen; als er aber ihr abgemagertes, leidendes Antlitz gewahrte, diesen
Ton ihrer Stimme vernahm, der in das Schicksal ergeben und hoffnungslos
klang, da stockte ihm der Atem, es schnürte ihm ein Etwas die Kehle zu,
und seine Augen funkelten in Thränen.
»Mein Gott, was habe ich gethan! Dolly! Um Gottes Willen -- Weißt du«
-- er war außer stande, fortzufahren, ein Schluchzen saß ihm in der
Kehle.
Sie klappte die Chiffonniere zu und blickte ihn an.
»Dolly, was soll ich sagen! Nur eines kann ich sagen: Vergieb! Erinnere
dich, sollten neun Jahre des Lebens, Minuten nicht wieder erkaufen
können, eine einzige Minute!«
Sie senkte die Augen und lauschte, in der Erwartung, was er noch sagen
werde, und gleichsam als beschwöre sie ihn, daß er sie von seiner
Unschuld überzeuge.
»Eine Minute der Vergessenheit,« brachte er hervor und wollte
fortfahren, aber bei diesem Worte krampften sich wie in körperlichem
Schmerze abermals ihre Lippen zusammen und wieder spielte der
Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres Gesichts.
»Geht, geht, hinaus von hier!« schrie sie noch durchdringender, »und
sprecht mir nicht von Euren Fehltritten und Lastern!«
Sie wollte hinauseilen, aber sie begann zu wanken und mußte sich an der
Lehne eines Stuhles halten, um sich zu stützen. Sein Gesicht verlängerte
sich, seine Lippen traten auf und seine Augen schwammen von Thränen.
»Dolly!« wiederholte er, schon schluchzend, »um Gottes willen, denke an
unsere Kinder, sie sind doch unschuldig! Ich bin schuldig, bestrafe
mich, befiehl mir, meine Schuld zu sühnen. Wie ich nur kann, ich bin zu
allem bereit! Ich bin schuld, und es ist mit Worten nicht zu sagen, wie
sehr ich schuldig bin! Aber, Dolly, vergieb!«
Sie ließ sich nieder. Er hörte ihren schweren, lauten Atem, und ein
unbeschreiblicher Schmerz um sie überkam ihn. Mehrmals wollte sie zu
sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht. Er wartete.
»Du gedenkst deiner Kinder nur, wenn du mit ihnen spielen willst, ich
aber weiß, daß sie jetzt verloren sind,« sagte sie, offenbar in einer
Phrase, die sie während der letzten drei Tage nicht nur einmal für sich
gesprochen haben mochte.
Sie sprach »du« zu ihm, und er schaute voll Dankbarkeit auf sie und
bewegte sich vorwärts, um ihre Hand zu ergreifen, sie aber trat mit Ekel
vor ihm zurück.
»Ich gedenke wohl meiner Kinder, und würde daher alles thun in der Welt,
um sie zu retten, aber ich weiß selbst nicht, womit ich dies thun soll;
dadurch etwa, daß ich sie von ihrem Vater fortführe, oder dadurch, daß
ich mit einem ausschweifenden Gatten noch zusammenbleibe, ja -- mit
einem ausschweifenden Gatten! Sagt selbst, angesichts des Vorgefallenen,
ob es für uns möglich ist, weiter zusammen zu leben? Wäre das etwa
möglich? Sagt doch, wäre das etwa möglich?« wiederholte sie, ihre Stimme
erhebend, »angesichts dessen, daß mein Gatte, der Vater meiner Kinder,
in ein Liebesverhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder tritt!«
»Aber was soll ich thun, was ist zu thun?« erwiderte er mit kläglicher
Stimme, ohne zu wissen, was er sagte, und den Kopf immer tiefer und
tiefer hängen lassend.
»Ihr erscheint mir abstoßend, ekelerregend!« rief sie aus, mehr und mehr
in Erbitterung geratend. »Eure Thränen sind -- nur Wasser! Ihr habt mich
nie geliebt, in Euch ist kein Herz und kein Adel! Ihr seid für mich
abstoßend, häßlich, fremd, ja -- vollkommen fremd geworden!« Voll
Schmerz und Wut brachte sie das für sie selbst furchtbare Wort »fremd«
heraus.
Er blickte nach ihr hin; die Wut, welche sich auf ihren Zügen malte,
erschreckte und befremdete ihn; er begriff nicht, daß sein Mitleid mit
ihr sie in Erregung versetzte. Sah sie in demselben doch eben nur das
Mitleid mit ihr und nicht die Liebe. »Nein, sie haßt mich, sie verzeiht
mir nicht,« dachte er bei sich.
»Es ist furchtbar, furchtbar!« fuhr er fort.
In diesem Augenblick schrie in einem Nebenzimmer ein kleines Kind auf,
welches gefallen sein mochte; Darja Alexandrowna horchte auf und ihre
Züge wurden plötzlich weich. Sie besann sich noch einige Sekunden, als
wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie thun solle, dann bewegte sie
sich, schnell aufstehend, nach der Thür.
»Aber sie liebt doch mein Kind,« dachte er, die Veränderung in ihrem
Gesicht bei dem Geschrei des Kindes >seines Kindes< bemerkend; »wie
sollte sie mich da hassen können?«
»Dolly, noch ein Wort,« begann er, zu ihr hintretend.
»Wenn Ihr mir nachkommt, rufe ich die Leute und die Kinder herbei! Alle
sollen wissen, was Ihr für ein -- Niedriger seid! Ich fahre jetzt fort,
Ihr aber werdet hier mit Eurer Liebhaberin bleiben!«
Sie ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend.
Stefan Arkadjewitsch seufzte, er wischte sich das Gesicht ab und verließ
mit leisen Schritten das Gemach.
»Matwey sagt, es würde sich machen, aber wie soll das werden? Ich sehe
keine Möglichkeit. Ach, o, wie entsetzlich: und wie trivial sie schrie,«
sprach er zu sich selbst, ihres Schreies und der Worte »Niedriger« und
»Liebhaberin« gedenkend. »Möglicherweise haben die Mägde es gehört!
Entsetzlich gemein, entsetzlich!« Stefan Arkadjewitsch wartete noch
einige Sekunden, rieb sich die Augen aus, seufzte und trat die Brust
aufreckend, hinaus.
Es war Freitag; im Speisesaal zog ein deutscher Uhrmacher die Uhren auf.
Stefan Arkadjewitsch erinnerte sich eines Scherzes über diesen
gewissenhaften kahlköpfigen Uhrmacher, -- daß derselbe nämlich selbst
für das ganze Leben aufgezogen worden sei, um Uhren aufzuziehen -- und
lächelte. Stefan Arkadjewitsch liebte einen guten Witz. Aber vielleicht
macht es sich doch noch. Das Wörtchen ist gut »es macht sich,« dachte
er, »das muß man erzählen.«
»Matwey!« rief er. »Also richte alles vor mit Marja im Diwanzimmer für
die Anna Arkadjewna,« befahl er dem erscheinenden Matwey.
»Zu Diensten.«
Stefan Arkadjewitsch warf seinen Pelz über und trat auf die Freitreppe
hinaus.
»Ihr werdet nicht im Hause speisen?« frug Matwey, der ihn begleitete.
»Je nachdem. Übrigens nimm hier für etwaige Ausgaben,« antwortete Stefan
Arkadjewitsch, ihm zehn Rubel aus seiner Brieftasche einhändigend. »Wird
es genügen?«
»Mag es genug sein oder nicht, man muß sich eben einrichten,« sagte
Matwey, die Thür zuwerfend und die Freitreppe hinaufgehend.
Darja Alexandrowna war mittlerweile, nachdem sie ihr Kind beruhigt und
an dem Geräusch des fortrollenden Wagens wahrgenommen hatte, daß ihr
Gatte fortgefahren sei, in das Schlafzimmer zurückgekehrt. Dies war ihr
einziger Zufluchtsort vor den häuslichen Sorgen, die an sie herantraten,
sobald sie es nur verließ. Auch jetzt, während der kurzen Zeit, da sie
in die Kinderstube getreten war, beeilten sich die Engländerin und
Matrjona Philimonowna, an sie mehrfache Fragen zu stellen, welche keinen
Aufschub duldeten und auf die sie allein nur zu antworten vermochte. Was
sollte den Kindern zur Promenade angezogen werden, sollte man ihnen
Milch geben, müßte man nicht nach einem neuen Koch senden?
»Ach, laßt mich, verlaßt mich!« antwortete sie, und ließ sich, in das
Schlafzimmer zurückgekehrt, auf dem nämlichen Platze nieder, von dem aus
sie mit ihrem Manne gesprochen hatte, um nun, die mageren Hände mit den
Ringen, die fast von den knöchernen Fingern herabglitten,
zusammenpressend, in der Erinnerung nochmals die ganze Unterredung zu
überdenken. »Er ist weggefahren. Aber wie mag er mit ihr abgebrochen
haben? Ob er sie noch sieht? Weshalb habe ich ihn nicht gefragt,« dachte
sie, »nein, nein, zusammenkommen kann ich nicht mehr mit ihm. Wenn wir
auch unter -einem- Dache zusammenbleiben sollten, wir werden uns fremd
sein. Auf immer fremd!« wiederholte sie mit besonderer Hervorhebung das
für sie so furchtbare Wort. »Und wie ich ihn geliebt habe, großer Gott,
wie ich ihn geliebt habe! Liebe ich ihn jetzt etwa nicht? Liebe ich ihn
nicht noch mehr, als früher? -- Aber die entsetzliche Hauptsache ist
die« -- begann sie, ohne indessen ihren Gedanken zu beenden; Matrjona
Philimonowna erschien in der Thür.
»Wollt Ihr doch befehlen, daß nach meinem Bruder geschickt werde,« sagte
sie, »damit er das Essen bereite, sonst werden die Kinder wie am
gestrigen Tage bis sechs Uhr wieder nichts zu essen haben!«
»Gut. Ich komme sogleich um anzuordnen. Ist nach frischer Milch
geschickt worden?«
Darja Alexandrowna versenkte sich nun wieder in die Sorgen des Tages
und erstickte in ihnen auf einige Zeit ihren Kummer.
5.
Stefan Arkadjewitsch hatte in der Schule gut gelernt, dank seinen guten
Anlagen, aber er war faul und müßig gewesen und hatte daher zu den
Letzten gehört; ungeachtet seines stets zerstreuten Lebens aber, seines
niederen Ranges und seiner Jugend, bekleidete er die ehrenvolle, mit
gutem Gehalt dotierte Stelle eines Natschalnik in einem der Moskauer
Gerichtshöfe. Er hatte dieses Amt erhalten durch den Gatten seiner
Schwester Anna, den Alexey Alexandrowitsch Karenin, der eine der
höchsten Stellen in dem Ministerium inne hatte, zu welchem jener
Gerichtshof gehörte. Hätte indessen Karenin seinen Schwager nicht in
dieses Amt bestellt, so würde dieser mit Hilfe von hundert anderen
Persönlichkeiten, Brüdern, Schwestern, Verwandten, Vettern, Onkeln und
Tanten dieses Amt oder ein dem entsprechendes mit sechstausend Rubel
Gehalt erlangt haben, so wie er sie brauchte, da seine Verhältnisse
trotz des bedeutenden Vermögens seiner Frau, derangiert waren.
Halb Moskau und Petersburg war ihm verwandt, mit Stefan Arkadjewitsch
befreundet. Er war geboren inmitten jener Menschen, welche die Macht in
dieser Welt waren oder bildeten. Ein Drittel der Männer aus der
Staatsverwaltung war mit seinem Vater befreundet und hatte ihn schon im
Kinderhemdchen gekannt; ein anderes Drittel stand sich mit ihm auf »du«,
und das dritte -- waren lauter gute Freunde von ihm selbst; es ergab
sich hieraus, daß alle die Spender der irdischen Güter in Gestalt von
Staatsämtern, Arenden, Konzessionen und ähnlichen Dingen dieser Art,
sämtlich mit ihm befreundet waren und ihn nicht unberücksichtigt lassen
konnten. Oblonskiy brauchte sich auch gar nicht besonders zu bemühen, um
ein fettes Amt zu erhalten; er brauchte nur die Annahme eines solchen
nicht zu verweigern, niemandem mißgünstig zu sein, nicht zu streiten,
niemandem zu nahe zu treten, kurz, nichts zu thun, was er nach seiner
ihm eigenen Gutmütigkeit auch ohnehin niemals gethan haben würde. Es
wäre ihm lächerlich erschienen, hätte man ihm gesagt, daß er nicht ein
Amt mit einem Gehalte zugewiesen bekommen würde, wie er ihm notwendig
war, umsoweniger, als er ja gar nichts Außergewöhnliches damit forderte.
Er wollte nur das haben, was seine Altersgenossen erhalten hatten, und
er konnte ein Amt von der nämlichen Art nicht minder gut ausfüllen, als
jeder andere.
Stefan Arkadjewitsch liebten nicht nur alle diejenigen, die ihn in
seiner gutmütigen, heiteren Sinnesart, seiner untadelhaften
Ehrenhaftigkeit kennen gelernt hatten, sondern es lag überhaupt in ihm,
in seiner hübschen, freundlichen Erscheinung, seinen blitzenden Augen,
schwarzen Augenbrauen, Haaren, seinem weißen und rosigen Gesicht etwas
physisch Wirkendes, was alle Menschen freundschaftlich und erheiternd
anmutete, die mit ihm in Berührung kamen. Kam es einmal vor, daß nach
einer Unterhaltung mit ihm sich ergab, es sei nichts gerade Lustiges
dabei gewesen, so freute sich doch jedermann -- schon am nächsten oder
übernächsten Tage -- ganz ebenso wieder wie das erste Mal, -- über eine
neue Begegnung mit ihm.
Seit drei Jahren im Besitz des Amtes des Natschalnik eines der
Gerichtshöfe in Moskau, hatte sich Stefan Arkadjewitsch neben der Liebe
auch die Achtung seiner Amtskollegen, untergebenen Natschalniks und
aller derer erworben, die mit ihm geschäftlich zu thun hatten.
Die vorzüglichsten Eigenschaften Stefan Arkadjewitschs, die ihm diese
allgemeine Achtung im Dienste erworben hatten, bestanden zuerst in einer
außergewöhnlichen Leutseligkeit im Verkehr, die in ihm auf der
Erkenntnis der Mängel seines Ichs beruhte, zweitens in einer
vollkommenen Liberalität, nicht jener, von welcher er in der Zeitung
gelesen hatte, sondern in jener, die ihm im Blute lag, und mit welcher
er in vollkommenem innerem Gleichgewicht mit jedermann verkehrte,
welches Berufes und Standes er immer auch sein mochte; drittens -- was
das Wichtigste war -- in einer vollkommenen Kaltblütigkeit gegenüber den
Gegenständen, mit denen er sich zu befassen hatte, kraft deren er sich
niemals hinreißen ließ und nie Fehler machte.
Nachdem Stefan Arkadjewitsch am Platze seiner Amtswaltung angelangt war,
begab er sich begleitet von dem ehrerbietigen Portier der das
Portefeuille trug, in sein kleines Kabinett, legte die Uniform an und
verfügte sich in das Gerichtszimmer. Die Schreiber und Beamten erhoben
sich sämtlich mit freundlichem und ehrerbietigem Gruße. Stefan
Arkadjewitsch ging eilig, wie er dies stets zu thun pflegte, nach seinem
Platze, drückte den Mitgliedern die Hände und nahm Platz. Er scherzte
ein wenig, sprach ruhig wie viel sich eben gerade schickte, und widmete
sich dann seiner Arbeit.
Niemand verstand es besser als Stefan Arkadjewitsch, jene Grenze in
Selbständigkeit, in Einfachheit und im amtlichen Verkehr zu finden,
welche zu einer angenehmen amtlichen Thätigkeit notwendig ist. Der
Sekretär trat freundlich und ehrerbietig wie jedermann im Gerichtshof
Stefan Arkadjewitschs mit den Papieren zu diesem heran und sprach in dem
nämlichen familiär liberalen Tone mit ihm, wie er eben durch ihn erst
eingeführt worden war.
»Wir haben gewisse Nachrichten von der Regierung des Gouvernement Penza
erhalten. Hier sind sie, wäre es vielleicht gefällig« --
»Haben wir sie endlich erhalten?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, die
Akten mit dem Finger zuschlagend. »Also frisch ans Werk, meine Herren!«
und die Gerichtssitzung begann.
»Wenn sie wüßten,« dachte er, mit ausdrucksvoller Miene das Haupt bei
dem Anhören des Referats neigend, »welch ein arger Sünder eine halbe
Stunde vor diesem Augenblick der Präsident dieser Sitzung war!« Sein
Blick aber lächelte bei der Verlesung des Referats. Zwei Stunden
vergingen nun vorschriftsmäßig und ohne Unterbrechung in den
Amtsgeschäften, nach Verlauf dieser Zeit jedoch trat die Frühstückspause
ein.
Noch nicht zwei Stunden waren vergangen, als sich die großen Glasthüren
des Saales plötzlich öffneten und jemand hereintrat. Alle Mitglieder der
Sitzung schauten, gleichsam wie bei einer photographischen Aufnahme,
erfreut über die willkommene Zerstreuung, nach der Thür, aber der
Wächter, welcher dort postiert war, trieb den Eingedrungenen sogleich
wieder zurück und schloß hinter ihm von neuem die Glasthür.
Als die Aktenlektüre beendet war, erhob sich Stefan Arkadjewitsch,
streckte sich, zog in Gegenwart der Sitzungsmitglieder eine Cigarette
hervor und begab sich, diesen noch großmütig eine vorzeitige Muße
schenkend, in sein Kabinett. Seine beiden Kollegen, der altgediente
Nikitin, und der Kammerjunker Grinjewitsch, folgten ihm.
»Nach dem Frühstück wollen wir die Sache vollends erledigen,« sagte
Stefan Arkadjewitsch.
»Wir werden schon fertig werden,« meinte Nikitin.
»Ein echter Verschwender muß aber doch dieser Thomitsch sein,« bemerkte
Grinjewitsch in Hinblick auf eine von den Persönlichkeiten, welche an
dem Prozeß beteiligt waren, den man soeben behandelt hatte.
Stefan Arkadjewitsch runzelte die Stirn bei diesen Worten
Grinjewitschs, und gab diesem damit zu verstehen, daß es nicht
angemessen sei, vorzeitig ein Urteil auszusprechen; er antwortete nichts
auf Grinjewitschs Bemerkung.
»Wer war denn vorhin hereingekommen?« frug er den Wächter.
»Irgend jemand, Ew. Excellenz, war ohne angefragt zu haben eingetreten,
ich hatte mich gerade wegbegeben. Man frug nach Euch, und ich beschied,
daß wenn die Mitglieder der Sitzung herauskommen würden« --
»Wo ist der Mann?«
»Der Mann ging auf den Vorsaal hinaus und hat sich dort aufgehalten. Der
dort ist es,« antwortete der Wächter, auf einen stark und kräftig
gebauten Mann mit krausem Barte zeigend, der, ohne seine Schaffellmütze
vom Kopfe zu nehmen, schnell und gewandt die ausgetretenen Stufen der
steinernen Treppe hinaufstieg. Ein schmächtiger Beamter, welcher sich
gerade mit einem Portefeuille unter den von oben Herabkommenden befand,
war stehen geblieben und schaute mit verdächtigem Blicke nach den Füßen
des Hinaufeilenden, worauf er sich mit fragendem Ausdruck nach Oblonskiy
hinwandte.
Stefan Arkadjewitsch stand auf der Treppe. Sein gutmütiges Gesicht
glänzte aus dem gestickten Kragen der Uniform nur noch mehr auf, nachdem
er den Eilenden erkannt hatte.
»Da ist er ja! Lewin; endlich!« rief er mit vertraulichem und ironischem
Lächeln dem ihm entgegenkommenden Lewin zu. »Wie kommt es denn, daß du
es nicht verschmäht hast, mich in dieser Löwenhöhle aufzusuchen?« sagte
Stefan Arkadjewitsch, nicht zufrieden, seinem Freunde die Hand zu
drücken und ihm einen Kuß applizierend.
»Bist du schon lange hier?«
»Soeben bin ich angekommen, und mich verlangte sehr, dich zu sehen,«
antwortete Lewin, befangen und zugleich auch aufgeregt und unruhig im
Kreise umherblickend.
»Nun, komm, wir wollen in mein Kabinett gehen,« sagte Stefan
Arkadjewitsch.
Er kannte die selbstbewußte und leicht gereizte Befangenheit seines
Freundes, und zog ihn, nachdem er ihn bei der Hand genommen hatte,
hinter sich her nach dem Kabinett, gleich als geleite er ihn durch
Gefahren.
Stefan Arkadjewitsch stand sich auf »du« mit allen seinen Freunden; mit
den Alten von sechzig Jahren, mit den jungen von zwanzig, mit
Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so
daß sehr viele der mit ihm auf Brüderschaft stehenden sich auf den
beiden Endpunkten der gesellschaftlichen Stufenleiter der
Standesunterschiede befanden und sehr verwundert gewesen wären, wenn sie
erfahren hätten, daß sie durch Oblonskiy etwas allgemein bindendes
gemeinsam hatten.
Er stand auf du und du mit jedermann, mit dem er Champagner getrunken
hatte, und er trank mit Allen Champagner; aus diesem Grunde aber
verstand er auch, wenn er in Gegenwart seiner Untergebenen ihn
herabwürdigende »Duzfreunde« traf, wie er viele seiner Freunde nannte,
infolge des ihm eigenen Taktgefühls den unangenehmen Eindruck den dies
auf die untergebenen Beamten machte, herabzustimmen. Lewin war nicht
einer von denen, die durch das Duzen ihn erniedrigten, aber Oblonskiy in
seinem Takte empfand, Lewin werde innerlich nicht wünschen können, daß
er die beiderseitige Intimität so zum Ausdruck bringe, und deshalb
beeilte er sich, ihn in das Kabinett zu führen.
Lewin war fast im nämlichen Alter mit Oblonskiy und er stand auf dem
Duzfuße mit diesem nicht nur infolge des Champagnertrinkens. Lewin war
Oblonskiys Kamerad und Freund von frühester Jugend auf; beide liebten
einander ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Charaktere und
Geschmacksrichtung, wie sich eben nur Freunde lieben können, die von
erster Jugend auf miteinander zusammen gewesen sind.
Aber nichtsdestoweniger, wie oft kommt es nicht unter den Menschen vor,
daß wenn Zwei sich verschiedene Wirkungskreise erkoren haben, jeder von
ihnen, wenn er auch die Thätigkeit des andern beurteilen kann und
gutheißt, sie gleichwohl auf dem Grund seiner Seele verachtet. Jedem
schien es, als wenn das Leben, welches -er- führe, allein ein wirkliches
Leben sei, und daß das, welches der andere führe, nur eine
Selbstüberschätzung sei. Oblonskiy konnte sich eines leichten,
ironischen Lächelns beim Erblicken Lewins nicht erwehren. Es war dies
stets der Fall, wenn er Lewin von dessen Dorfe nach Moskau kommen sah,
denn was dieser eigentlich auf dem Dorfe trieb, das vermochte Stefan
Arkadjewitsch niemals vollständig zu verstehen -- es interessierte ihn
aber auch herzlich wenig. --
Lewin kam nach Moskau stets in Aufregung, in Hast und Unruhe, in einer
gewissen Beklemmung und mit einem gewissen Zorn über diese Beklemmung,
hauptsächlich aber mit einer völlig naiven, urwüchsigen Anschauung der
Dinge. Stefan Arkadjewitsch lachte darüber und liebte es dabei.
Ganz ebenso verachtete auch Lewin in seinem Innern sowohl die
großstädtische Lebensweise seines Freundes und dessen Amtsthätigkeit,
die er für höchst leer und nichtig hielt, und lachte wiederum über
Oblonskiy. Aber der Unterschied lag darin, daß Oblonskiy, indem er that
was alle thun, voll innerer Wahrheit und Gutmütigkeit lachte, während
Lewin dies ohne jene Wahrheit und bisweilen voll Zornes that.
»Wir haben lange auf dich gewartet,« sagte Stefan Arkadjewitsch, in das
Kabinett eintretend und die Hand Lewins loslassend, gleichsam als wolle
er diesem damit zeigen, daß nun die Gefahren vorüber seien. »Ich freue
mich herzlich, dich zu sehen,« fuhr er fort, »nun, was machst du? Wie
geht es? Wann bist du angekommen?«
Lewin schwieg; er schaute auf die ihm unbekannten Gesichter der beiden
Kollegen Oblonskiys und insbesondere auf die Hand des eleganten
Grinjewitsch, die so schneeweiße schlanke Finger hatte, an deren Enden
so lange, gelbliche zurückgebogene Nägel saßen, sowie auf die
ungeheuren, glitzernden Knopfspangen auf dem Oberhemd; diese Hände
hatten augenscheinlich all seine Aufmerksamkeit gefesselt, und gaben ihm
keine Freiheit zu denken mehr. Oblonskiy bemerkte dies sogleich und
lächelte.
»Ah, erlaubt, daß ich Euch bekannt mache,« sagte er.
»Meine Amtsbrüder; Philipp Iwanitsch Nikitin -- Michail Stanislawitsch
Grinjewitsch« -- und fuhr hierauf fort, zu Lewin gewendet, »ein
Landrichter, ein noch unverdorbener Mensch der Natur, ein Gymnast, der
mit einer Hand fünf Pud aufhebt, der Vieh züchtet und jagt und mein
Freund ist, Konstantin Dmitriewitsch Lewin, ein Bruder von Sergey
Iwanowitsch Koznyscheff.«
»Sehr angenehm,« antwortete der Alte.
»Ich habe wohl die Ehre, Ihren Herrn Bruder zu kennen, den Sergey
Iwanowitsch,« sagte Grinjewitsch, seine feine Hand mit den langen Nägeln
Lewin reichend.
Dieser verzog das Gesicht, drückte ceremoniell die dargereichte Hand und
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