verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy
nicht beneiden.«
In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand
er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten
eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe
Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über
die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.
Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell
und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete
sich an und verließ dann sein Zimmer.
21.
»Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in
die Länge gezogen,« sagte Petritzkiy. »Ist sie denn nun fertig?«
»Fertig,« antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die
Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der
Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu
kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.
»Du kommst somit also wie aus dem Bade,« fuhr Petritzkiy fort. »Ich
komme von Grizkiy« -- so hieß der Regimentskommandeur -- »man erwartet
dich.«
Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an
etwas ganz anderes.
»Giebt es denn Konzert bei ihm?« sagte er dann, auf die zu ihm
herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer
horchend. »Was giebt es denn für eine Festlichkeit?«
»Serpuchowskiy ist angekommen!«
»Ah,« machte Wronskiy, »das habe ich gar nicht gewußt.« Das Lächeln
seiner Augen wurde noch heller.
Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich
sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch
wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht
mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen,
daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm
selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute
sich über diesen.
»Ich freue mich sehr.«
Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die
ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt
und auf dem Hofe standen -- das Erste was Wronskiy in die Augen fiel --
Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche
Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf
die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker
Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl
etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.
Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten
zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der
Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe
heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: »Auf das Wohl unseres
früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy!
Hurrah!«
Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd
Serpuchowskiy.
»Du wirst immer jünger, Bondarjonko,« wandte er sich an einen gerade vor
ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.
Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe
war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen,
zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch
seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und
seiner Haltung bestechend, wie früher.
Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen,
beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten
erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung
dieser Erfolge sicher sind.
Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an
Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy,
und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit
dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser
Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den
Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon
die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.
»Da ist er ja auch!« rief der Regimentskommandeur, »nur hat Jaschwin
gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.«
Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen
Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy
zu.
»Ah, wie freue ich mich,« sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit
sich auf die Seite führend.
»Widmet Euch ihm!« rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf
Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.
»Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich
dort zu sehen,« sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.
»Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,« fügte er hinzu, sich
nach seinen Adjutanten umwendend, »laßt doch dies gefälligst verteilen,
soviel auf den Mann kommt.«
Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus
und errötete.
»Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?« frug Jaschwin, »he, gebt doch dem
Grafen ein Couvert -- und hier, trink!« --
Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank
sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf
feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern
tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer
Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen,
namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen
begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden.
Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um
sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser
duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von
Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit
den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende
war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen
Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr
interessantes Gespräch.
»Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,« begann Serpuchowskiy,
»und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.«
»Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von
Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,« antwortete Wronskiy
lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf
welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm
Vergnügen.
»Die einzigen?« frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.
»Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine
Frau,« versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung
von sich weisend. »Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und
bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr
erwartet.«
Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn
Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.
»Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet,
allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine
Schwäche und ich gestehe sie offen ein.«
»Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg
gehabt hättest,« sagte Wronskiy.
»Ich glaube nicht,« antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. »Ich
will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es
lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre,
aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem
Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine
Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser
aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,« sprach
Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften.
»Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde
ich.«
»Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch
schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken
zu leben braucht,« antwortete Wronskiy.
»Da haben wir's, da haben wir's,« lachte Serpuchowskiy. »Ich hatte aber
davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört
habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt
es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war,
nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.«
»Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch
nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz
wohl.«
»Ganz wohl -- auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht
begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso
harmloses Kind, wie unser Wirt!« fügte er hinzu, auf den Hurraruf
draußen lauschend. »Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit
nicht zufrieden geben.«
»Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.«
»Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du
bist, werden gebraucht!«
»Wer braucht sie?«
»Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine
Partei, oder alles kommt auf den Hund!«
»Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen
Kommunisten?«
»Nein,« antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer
solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. »=Tout ça est une blague=; und
es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht,
freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine
schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte
Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen
Männern, wie du und ich.«
»Aber wozu?« Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, »sind
das nicht unabhängige Männer?«
»Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit
ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne
nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt
haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit
Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie
eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee,
eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses
erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung
inne haben und einen Gehalt genießen zu können. =Cela n'est pas plus fin
que ça=, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich
weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag,
weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen
wirklichen und wichtigen Vorzug -- den, daß wir uns schwerer erkaufen
lassen. -- Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je
der Fall gewesen ist.«
Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es,
der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys
Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu
befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen
hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die
sich auf die Eskadron bezogen.
Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner
unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen,
mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so
selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung
es ihn kosten mochte -- er mußte ihn beneiden.
»Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht
genug,« antwortete er, »mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl
einmal so, aber das ist vorbei.«
»Entschuldige, das ist nicht wahr,« lächelte Serpuchowskiy.
»Doch, es ist wahr, es ist wahr -- nämlich jetzt, um aufrichtig zu
sein,« fügte Wronskiy hinzu.
»Wahr -- für jetzt -- das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird
nicht immerdar sein.«
»Möglich,« versetzte Wronskiy.
»Du sagst möglich,« fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen
Gedanken erraten hätte, »ich aber sage dir >sicherlich<. Und aus diesem
Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das
verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich
bitte dich jetzt um =carte blanche=. Zu protegieren gedenke ich dich
nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast
du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher
steht, als diese Frage; ja,« fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie
ein Weib, »gieb mir =carte blanche=, tritt aus deinem Regiment und ich
bringe dich unmerklich empor.«
»Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,« antwortete Wronskiy,
»ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.«
Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.
»Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich
verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden,
aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.« Ein
Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu
befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle
berühren. »Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal
die Frau erkannt, die man liebt, -- so schrieb einmal Einer -- so
erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach
Tausenden kennen gelernt.«
-- »Wir kommen gleich!« -- rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher
soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur
lud.
Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was
Serpuchowskiy ihm sagen wollte.
»Höre also meine Meinung,« fuhr dieser fort, »die Weiber sind der größte
Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib
zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein
einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben --
das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,« fuhr
Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, »halt, paß auf! Wie man
nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten
kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit
der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte.
Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein
solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so
vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff,
Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde
gerichtet!«
»Aber was für Weiber!« antwortete Wronskiy, dem die Französin und die
Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis
gehabt hatten.
»Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist,
um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich -- abgesehen
davon, daß man das Bündel in den Händen trägt -- ob man es erst einem
anderen entreißt.«
»Du hast nie geliebt,« versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend
und Annas gedenkend.
»Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins:
die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus
Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets =terre-à-terre=.« -- --
-- »Sofort, sofort!« -- wandte er sich jetzt an den eintretenden
Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen
wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:
»Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.«
Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.
»Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,« sagte er zu Serpuchowskiy.
»Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?«
»Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.«
22.
Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit
zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren
zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl
so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger
Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die
Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.
Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur
allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die
Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen
brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens
-- alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung
freudiger Lebenskraft.
Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte.
Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des
andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines
befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden
war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief
auf.
»Gut; sehr gut!« sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein
Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals
war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt.
Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu
empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen
zu verspüren.
Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna
eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er
erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des
Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders
angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des
Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem
bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch
an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst
die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die
scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt
begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das
unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den
regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche
hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in
den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches
Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden
war.
»Vorwärts, vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster
herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er
dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach
etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell
rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. »Nichts, nichts brauche
ich weiter, als diese Seligkeit,« dachte er bei sich, auf eine Beule in
dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so
vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. »Je länger ich sie
liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der
Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie
das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?«
dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er
ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die
Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee
entlang, welche zum Hause führte.
In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt,
erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier
bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur
ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des
Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.
Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen
seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien
ihm, als kitzle etwas seine Lippen.
Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.
»Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte
dich sehen,« sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den
er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine
innere Stimmung.
»Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?«
»Thut nichts zur Sache,« antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend,
»komm, ich muß mit dir reden.«
Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses
Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er
seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen,
fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst
mitteilte.
»Was giebt es denn?« frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und
sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.
Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen,
dann blieb sie plötzlich stehen.
»Ich habe dir gestern nicht gesagt,« begann sie schnell und mühsam
atmend, »daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles
offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben
könne, daß ich -- ich habe ihm alles gesagt« --
Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend,
gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern.
Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und
sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.
»Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir
das geworden sein muß,« sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie
las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht
wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog,
welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche
Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen,
und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.
Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf
dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht
die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu
verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.
Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte,
bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von
äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige
Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht
entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt
hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen
und mit ihm gegangen sein.
Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet
hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.
»Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,«
sprach sie aufgeregt, »und hier« -- sie reichte ihm den Brief ihres
Mannes aus ihrem Handschuh.
»Ich verstehe, verstehe,« unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend,
ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, »eines habe ich
gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich
mein Leben deinem Glücke weihen kann.«
»Warum sagst du nur das?« frug sie, »sollte ich denn noch daran
zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann« --
»Wer geht denn dort?« frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend,
die ihnen entgegenkamen. »Sie kennen uns vielleicht?« und hastig wandte
er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.
»Ah, mir ist alles gleichgültig.« Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es,
als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf
ihn blickten. »Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann
ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt.
Lies!« und sie blieb wieder stehen.
Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der
Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem
natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem
beleidigten Gatten wachrief.
Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich
unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute
oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in
welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in
seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst
aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber
huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm
soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen
gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; -- und
er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.
Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In
seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst
schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen
mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre
letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was
sie erwartet hatte.
»Du siehst, was für ein Mensch er ist,« sprach sie mit bebender Stimme,
»er« --
»Vergieb, aber mich freut dies,« unterbrach sie Wronskiy, -- »um Gott,
laß mich ausreden,« -- fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend,
ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. »Ich freue mich, daß die
Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.«
»Und warum kann sie es nicht?« frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend
und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie
empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.
Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach
unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden
könne, aber er sprach etwas Anderes.
»Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und
hoffe« -- er geriet in Verlegenheit und errötete, »daß du mir erlaubst,
unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. -- Morgen« -- begann er
nochmals -- aber sie ließ ihn nicht aussprechen.
»Und mein Kind?« rief sie. »Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn
verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!«
»Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du
verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.«
»Für wen erniedrigend?«
»Für alle, und am meisten für dich!«
»Du sprichst beleidigend -- sage das nicht! Diese Worte besitzen für
mich keinen Sinn,« sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt
nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe
und sie wollte ja lieben. »Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich
dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur
eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle
ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden
könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil -- stolz darauf -- stolz« --
sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der
Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte
auf.
Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er
ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.
Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte
nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er
empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne;
zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei,
daß er schlecht gehandelt habe.
»Ist denn eine Trennung unmöglich?« sprach er kleinlaut. Sie schüttelte
das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn
mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm
selbst ab.
»Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,« sprach sie trocken. Ihre Ahnung,
daß alles beim Alten bleiben würde -- hatte sie nicht getäuscht.
»Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann
entscheiden.«
»Ja,« antwortete sie, »aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit
sprechen.«
Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das
Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.
Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.
23.
Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli.
Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die
Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf
seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden
Papieren legend.
Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen
Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen
beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht
notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in
seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er
wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor
sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit
zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser,
als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner
Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben
würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung
des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt.
Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände
schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm
liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung
seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich
aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm
hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich
gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu
rufen.
Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit
seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs
der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die
Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte
sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies
gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende
Person -- einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung
in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten
auseinanderzusetzen.
Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der
Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls
Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite
gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische
Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und
seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue
Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger
Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey
Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.
Am andern Morgen -- es war Dienstags -- erwachend, entsann er sich mit
einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht
umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der
Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den
Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der
stattgehabten Sitzung.
Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey
Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag,
der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war
verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm
meldete, daß seine Gattin angekommen sei.
Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm
entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge
dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als
sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man
teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite
noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen,
daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte
sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr
kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie
begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu
treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung,
daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß
er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor
begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde,
und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen
Verhältnisse zur Klarstellung kämen.
Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als
sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im
Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich
mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie
erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort,
daß er an sie dachte.
Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich
erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna
nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr
entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf,
nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und
bat sie Platz zu nehmen.
»Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,« begann er, sich neben ihr
niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch
hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber
wieder inne.
Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen
verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte
sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand
Mitleid mit ihm.
Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.
»Ist Sergey gesund?« begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort
abzuwarten hinzu, »ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß
sogleich wegfahren.«
»Ich wünschte nach Moskau zu fahren,« antwortete sie.
»Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,«
versetzte er und verstummte dann wieder.
Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie
das Wort: »Aleksey Aleksandrowitsch,« sie blickte ihn an, ohne das Auge
unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, »ich bin
ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das
noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen,
Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.«
»Darnach habe ich Euch nicht gefragt,« antwortete er plötzlich mit
entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. »Das
habe ich ja vorausgesetzt.« Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er
offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine
Fähigkeiten, »aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,«
fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, »wiederhole ich auch jetzt,
daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich
ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen,
damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.« Er
betonte das Wort »angenehm« besonders. »Ich werde die Sache so lange
ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt
ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so
bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn
Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu
ergreifen, um meine Ehre zu wahren.«
»Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,«
antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend.
Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese
scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die
Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie
fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte
Klarheit über ihre Lage erlangen. »Ich kann nicht länger Euer Weib sein,
da ich« -- begann sie.
Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.
»Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer
Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das
Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß
ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie
mir unterschiebt.«
Anna seufzte und senkte das Haupt.
»Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen
Selbständigkeit, daß Ihr,« fuhr er zornerfüllt fort, »unverhohlen Eurem
Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie
es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung
der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den
Mann hat.«
»Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?«
»Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr
selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen
Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist
nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines
ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen
erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich
fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.«
Er erhob sich und schritt nach der Thür.
Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür
hinaus.
24.
Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn
nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn
jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.
Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es -- wie ihm wenigstens schien
-- nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern
gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten
und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.
Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus
hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen
gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem
solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr
Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten
betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte -- alles dies hatte seine
Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß
er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden
vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung
den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage
für alles bildete.
Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein
wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig
Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche -- alles das
war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit
den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten.
Aber er erkannte jetzt klar -- seine Arbeit an dem Werke, welches er
über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der
Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei -- daß die
Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger
Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen
Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben
zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach
der Berechnung als die beste erwies -- auf der anderen Seite die
natürliche Ordnung der Dinge.
Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung
seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des
Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die
Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und
das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.
Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren,
doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein
unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage
kam.
Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden
Pfennig der Einkünfte -- entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil
dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug
Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur
darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es
gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so
viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht
die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel;
daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er
mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache
war -- sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.
Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er
hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten
werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut
durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber
man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es
so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet
werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil
sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine
hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte
dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer
zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden
Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: »Habt keine Angst, die Weiber
werden das Heu schnell wenden.« Die Pflugscharen erwiesen sich als
untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen
war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur
die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin,
nur ruhig zu bleiben.
Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein
einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf
den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht
hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet
hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber
nur »macht was Ihr wollt«. --
Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke
auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie
vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde
mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb
dreier Tage gefallen seien.
Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner
Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn
lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete -- was doch als
höchstes Lob gilt, -- es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und
sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur
fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten
Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin
Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er
erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch
das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen.
Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen
klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen;
die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr
interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr
mit ihr befassen.
Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur
dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen
wollte und doch nicht konnte.
Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu
kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei
ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu
verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte,
nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie
zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er
wußte, daß sie sich dort befand.
Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn
zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.
»Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb,
weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,« sprach er zu
sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig
gegen sie. »Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne
die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen,
ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr
hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch
nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können?
Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat?
Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir
versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden,
der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja
Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen
können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber
ist das unmöglich, ganz unmöglich.«
Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um
einen Damensattel für Kity bat. »Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen
solchen,« schrieb sie ihm, »und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?«
Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges,
feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb
wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den
Sattel ohne Antwort.
Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen
konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder
verreisen müsse -- das wäre noch schlimmer gewesen. --
Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im
Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern
Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und
fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy,
welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst
geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn
zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon
lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen
Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er
sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders
auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd
halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.
25.
Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine
Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.
Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu
füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem
fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an
den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.
Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen,
sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin
in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten
Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie
erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber
sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu
nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg
sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu
scheuern.
»Soll ich den Samowar bringen?«
»Ja, bitte.«
Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und
eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch,
eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr.
Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles
erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs
gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden
mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der
Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er
nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren
Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am
Brunnen zu holen.
»Bei mir geht es hurtig!« rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. »Nicht
wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch
bisweilen zu mir,« begann er gesprächig, sich auf das Geländer der
Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner
Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein
kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche
an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und
stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren
zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren
Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere
noch jung.
Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte
sich daran sie auszuspannen.
»Was habt Ihr denn geackert?« frug Lewin.
»Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den
Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen
einspannen.«
»Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche
mitgebracht?« frug der an Wuchs größere der beiden Burschen,
augenscheinlich ein Sohn des Alten.
»Im Schlitten,« antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel
auf die Erde niederwerfend. »Du kannst sie anbringen, während zu Mittag
gegessen wird.«
Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern
niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge
hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder,
erschienen jetzt.
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