Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen
Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an
ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben
gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in
den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß
ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze,
unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu
Wronskiy treten würde, geblieben sei.
Diese Stütze -- war ihr Söhnchen. --
Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn
konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen
und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein
unabhängiges Leben fortsetzen -- wiederum dachte sie voll Erbitterung
und mit Selbstvorwürfen an ihn -- sie konnte den Sohn nicht verlassen.
Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses
Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte.
Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn
ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das
Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und
diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die
ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr
auch diese Ruhe.
Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit
energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee
nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.
Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem
Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck
gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er
seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er
mitgebracht hatte.
Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief
durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war »=A Mama=!« und
verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen
müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden
und mit den Blumen zu ihr gehen sollte.
Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das
Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber
Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin
mit sich nehmen sollte; »nein, ich nehme sie nicht mit,« beschloß sie,
»ich werde allein fahren mit meinem Kinde.«
»Aber das ist ja sehr häßlich,« sagte sie hierauf laut, und ergriff
Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem
Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und
küssend. »Laßt ihn mit mir allein,« sprach sie hierauf zu der
verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres
Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder.
»Mama -- ich -- ich -- ich -- will nicht,« -- begann das Kind, sich
bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner
harre wegen des Pfirsichs.
»Mein Sergey,« sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen
hatte, »das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun?
Hast du mich lieb?« Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten.
»Kann ich ihn denn nicht lieben?« sprach sie zu sich selbst, sich in
seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. »Sollte er
mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich
nicht vielmehr bemitleiden?«
Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen,
erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse
hinaus.
Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter
eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das
frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft.
Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren
Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff.
»Geh hinein, geh zu Mariette,« sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr
gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab.
»Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß
dies alles gar nicht anders kommen konnte?« sprach sie zu sich selbst.
Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der
Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und
sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne
Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und
wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, »ich
brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,« sagte sie zu sich selbst.
»Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich
mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur
die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu
schreiben!«
Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich
an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:
»Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben.
Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht
und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört,
aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid
großmütig und laßt es mir.« --
Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben,
dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte,
sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu
schließen, ließen sie innehalten.
»Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil« --
Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand;
»nein,« sprach sie zu sich, »gar nicht nötig,« und das Schreiben
zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut
ausschloß, und siegelte es zu.
Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.
»Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,« schrieb sie, lange
sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen
erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch
schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham
ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des
Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in
kleine Stücke zerreißen.
»Nicht nötig,« sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie
teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau
reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.
16.
In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und
Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden
geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte
sich Zeitungspapier.
Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins
Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der
Treppe.
Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen
hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als
Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden
Equipage lenkte.
Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey
Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.
»Geh und erkundige dich, was es giebt,« sagte sie und legte, ruhig und
auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in
einen Sessel niedergelassen hatte.
Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres
Gatten adressiert war.
»Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,« meldete er.
»Gut,« versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener
das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder
eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das
Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.
»Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der
Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,« las sie. Sie las weiter,
rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an.
Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über
ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr
erwartet hatte.
Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles
gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie
gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als
nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien
ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.
»Er hat recht, hat recht,« sprach sie, »natürlich, er hat stets recht,
er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher
Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt
das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu
erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und
kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man
weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles
erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, -- daß er auch nicht ein
einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das
Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt
hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht,
mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden?
Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er
selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit
ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen
kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so
geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte
er mich -- und ihn getötet -- alles würde ich ertragen, alles verziehen
haben, aber mit nichten -- er! -- Wie konnte ich nur nicht im voraus
erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen
Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene,
mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen -- --
»Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,«
rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dies ist die
Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will -- und nach ihren thörichten
Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht,
weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem
Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir -- wie er ja stets nur
gehöhnt hat, -- und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe,
nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt,
selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn
verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste
abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die
Kraft habe, das zu vollbringen. »Unser Leben soll sein wie es früher
war,« rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück.
»Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches
in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das
alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu
lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben
hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn
und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der
Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und
werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er
mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser,
als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden
ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!«
schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.
Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu
schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie
nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe,
aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und
entehrend sie auch waren.
Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben,
faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach
in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder
weinen.
Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung
ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles
beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als
früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm,
und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese
Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu
verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und
Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie,
soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie
eben hatte.
Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer
ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden
Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein
sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit
welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.
Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu
Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden
sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie
gestrafte Kinder weinen.
Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung
kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte
sie sich als ob sie schriebe.
»Der Kurier bittet um Antwort,« meldete der Diener.
»Antwort? Ja« -- sagte Anna Karenina, »er soll warten, ich werde
schellen.« --
»Was kann ich schreiben?« sann sie, »was soll ich ganz allein
entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?«
Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie
erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten
besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie
selbst abziehen könnte.
»Ich muß Aleksey sehen,« -- so nannte sie Wronskiy in Gedanken, -- »er
allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren,
vielleicht sehe ich ihn dort,« sagte sie zu sich selbst, vollständig
übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde
nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er
auch nicht hinkommen.
Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Ich habe Euer
Schreiben erhalten. A.« -- Hierauf schellte sie und übergab den Brief
dem Diener.
»Wir werden nicht reisen,« sagte sie der eintretenden Annuschka.
»Gar nicht?«
»Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich
will zur Fürstin!« --
»Welches Kleid befehlen Sie?« --
17.
Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen
hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden
Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten
neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen
Nachahmung »=Les sept merveilles du monde=« nannte.
Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch
zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich
gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der
einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa
Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In
Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre
Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun
wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.
Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen
Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem
Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen
und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und
entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht
kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.
Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai,
selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: »Vom Grafen an
die Fürstin,« und den Brief übergab.
Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm
eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen
wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun.
Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört,
und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür
hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume
erwartend.
»Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist
es nicht genehm, nach dem Garten?« meldete ein anderer Diener im
Nebenzimmer.
Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die
nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar
nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und
doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so
unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette,
welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht
vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des
feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus.
Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles
machte sich schon von selbst.
Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden
Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.
Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten,
die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der
gerühmten Fürstin verleben durfte.
Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin
bemerkte es sogleich.
»Ich habe schlecht geschlafen,« antwortete Anna, nach dem Diener
blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet
Wronskiys brachte.
»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sprach Bezzy, »ich bin
etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man
kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,« wandte sie sich an
Tuschkewitsch, »um mit Mascha den >=Croquet-ground=< zu probieren, dort,
wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach
Herzenslust ausplaudern, >=we'll have a cosy chat=<, nicht wahr so?«
wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand
drückend, welche den Sonnenschirm hielt.
»Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich
muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit
Menschengedenken versprochen habe zu kommen,« versetzte Anna, welcher
die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht
nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar
Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick
noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären
können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil
Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und
versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.
Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie
einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie
gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie
sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und
Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres
verfallen können.
»O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,« antwortete Bezzy,
aufmerksam die Züge Annas musternd. »Ich würde mich gekränkt fühlen,
wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten,
daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. -- Den Thee für uns
in den kleinen Salon!« sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den
Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des
Dieners und las es. »Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,«
fuhr sie französisch fort, »er schreibt, daß er nicht kommen kann,«
sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht
in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die
für eine Partie Croquet.
Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie
diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets
für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.
»Ah,« antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon
interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: »Wie könnte Eure
Gesellschaft jemand kompromittieren?« Dieses Spiel mit Worten, dieses
Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, -- wie überhaupt für alle
Frauen, -- einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht
die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die
Art und Weise des Verbergens selbst. »Ich kann nicht katholischer sein
als der Papst,« sagte sie; »Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme
der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt
sind, so kann auch ich« -- sie hob das »ich« besonders hervor, --
»nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine
Besuchspflicht erfüllen« --
»Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und
Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen -- das
geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den
ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr
werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten
Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus
einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm.
Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.«
Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte
Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde
führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.
»Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.« Bezzy ließ sich an dem
Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein
Couvert. »Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es
sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das
nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde
verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!« rief sie, schon
von der Thür herüber, »ich muß noch eine Anordnung treffen!« --
Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet
Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: »Ich muß
Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort
sein.« Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte,
gab es in ihrer Gegenwart hinaus.
In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der
ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein
=cosy chat=, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in
Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum
Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa
Merkalowa stehen.
»Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,« sagte Anna.
»Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach
den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht
angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman
und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten
begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon
welche machte.«
»Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,« begann Anna,
nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich
zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie
frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, »sagt mir doch
nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem
sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es
damit?«
Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.
»Eine neue Mode,« sagte sie. »Man hat sie allgemein angenommen, und
sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.«
»Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?«
Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter
aus, was bei ihr selten der Fall war.
»Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage
eines >=enfant terrible=!<« Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen
es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende
Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. »Man wird
sie wohl fragen müssen,« antwortete sie endlich unter Lachthränen.
»Nein; Ihr lacht,« antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von
diesem Lachen mit angesteckt, »aber ich habe das nie verstehen können.
Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.«
»Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach
und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter
zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst,
daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette
weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.«
»Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?« frug Anna, in der Absicht
das Thema zu wechseln.
»Ich glaube nicht,« versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin
anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden
Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine
Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in
ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.
»Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,« fuhr sie fort, jetzt
nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; »ich verstehe
Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die,
wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens
hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird
sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt
vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,« sprach Bezzy mit
feinem Lächeln, »aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und
dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber
auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht
geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.
»Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst
kenne,« versetzte Anna ernst und gedankenvoll. »Bin ich schlechter als
die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.« --
»=Enfant terrible, enfant terrible=,« wiederholte Bezzy, »so sind sie
eben.« --
18.
Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine
weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.
Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte,
er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die
Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt
hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur
für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon,
durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ
sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.
Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in
kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen
derb nach Männerart die Hand.
Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich
überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher
ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.
Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem
Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in
seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe
kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung
unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und
unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in
diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber
wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und
unten versteckte, aufhöre.
Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.
»Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast
überfahren,« begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd
und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf
die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. »Ich fuhr mit Waska --
ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.« Und seinen
Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und
laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als
Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.
Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort
zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:
»Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt
gefälligst,« lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.
»Nicht jetzt,« sagte sie.
»Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.«
»Gut, gut; ah,« wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, »ich bin
doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen -- ich habe Euch
einen Gast mitgebracht; hier ist er« --
Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie
vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet
seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war
ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den
Fersen folgte.
Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an.
Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen
Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.
Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte
und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel
Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu
schmächtig und zu aufgeschossen.
Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy
hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes
festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß
dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber
ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der
Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem
sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt --
aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem
Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.
Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften
Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben,
die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine
ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es
jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach
dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr
Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.
»Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!« begann sie, auf Anna zutretend.
»Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr
waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so
gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?« sagte sie, das Auge mit
ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.
»Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,«
versetzte Anna errötend.
Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.
»Ich werde nicht mitkommen,« sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend.
»Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das
Croquetspielen.« --
»Ach, ich liebe es schon,« antwortete Anna.
»Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man
Euch anschaut -- Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.«
»Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste
Gesellschaft Petersburgs?« frug Anna.
»Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch
langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus
nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich -- entsetzlich langweilig.« --
Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem
Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff
blieben beim Thee zurück.
»Wie langweilig ist doch das Leben,« sagte Bezzy; »Sappho sagt, daß man
sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.«
»O, es war doch sehr öde!« sagte Lisa Merkalowa, »wir begaben uns alle
nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, -- immer die Alten,
immer die Alten; -- immer ein und dasselbe! -- Den ganzen Abend wälzte
man sich auf den Diwans; -- was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr
es nur an, Euch nicht zu langweilen?« wandte sie sich plötzlich an Anna.
»Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau,
die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, -- aber
jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr
das anfangt!«
»Ich thue nichts Besonderes,« antwortete Anna, über diese
herausfordernden Fragen errötend.
»Dies ist die beste Art und Weise,« mischte sich Stremoff ins Gespräch.
Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch
frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem
Gesicht.
Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden
brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als
der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als
kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders
liebenswürdig zu sein.
»Nichts Besonderes?« ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des
Gesprächs, »dies ist allerdings das beste Mittel. -- Ich habe Euch schon
lange gesagt,« wandte er sich an Lisa Merkalowa, »daß es zu dem Zwecke,
sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde
langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht,
einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat
soeben Anna Arkadjewna gesagt.«
»Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht
nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,« sagte Anna lächelnd.
»O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder
wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!«
»Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu
können, muß man gleichfalls arbeiten.«
»Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand
etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das
will ich auch nicht.«
»Ihr seid doch unverbesserlich,« fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa
anzublicken, wiederum an Anna wendend.
Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit
ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie
nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin
Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem
Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr
angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu
beweisen.
Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte
Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.
»Ach, geht doch nicht,« bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß
Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.
»Es ist ein allzugroßer Kontrast,« sagte er, »nach dem Besuch dieser
Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch
noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier
andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen
anregt,« sagte er zu ihr.
Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften
Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die
Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der
großen Welt ringsum -- alles das erschien ihr so frei und angenehm,
während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur
für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den
schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben
solle.
Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte,
wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung,
die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie
mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte -- da verabschiedete sie sich
und fuhr davon.
19.
Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen
weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.
Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung
der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in
Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an
setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.
Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu
haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener,
fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller
seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, »sich seine Fehler vorwerfen«,
oder auch »=faire la lessive=«.
Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert
und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische
Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.
Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war,
kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch
gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.
Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die
kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich,
daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer
Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei,
und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den
nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht
sein könnten, als man selbst.
So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne
Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben
würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in
ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade
jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu
schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.
Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren
die Geldgeschäfte.
Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen
schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er
siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der
Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere
nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben,
während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht
der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei
Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche
sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld
bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine
Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa
viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und
zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden
Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte.
Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug
es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf
bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar
nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte,
daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in
der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy
übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben
müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren
Auseinandersetzungen haben wollte.
Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend
Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger
wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall,
den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und
dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der
völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden,
für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß
er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens
sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur
achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel
Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche
Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein -- aber der
Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend
Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches
allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war
den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer
Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja
heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den
väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend
Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses
Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller
Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.
Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst
verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die
Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den
ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch
zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit
aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses
und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu
senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein
Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem
Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in
einer schwierigen Lage befand.
Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um
Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher
erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin
Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg
in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem
Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der
Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund
seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich
ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage
losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser
Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne,
daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er,
wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel
gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.
Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und
daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder
passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner
Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, -- und er
begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies
wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu
bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein,
und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er
mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht
schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und
seine Rennpferde verkaufen.
Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr
als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht
Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem
Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die
Rechnungen.
Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren
Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner
Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in
Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.
20.
Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen,
als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt
vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.
Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von
Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und
Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine
Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.
Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen
müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht
zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand
betrügen dürfe, -- höchstens den Ehemann, -- daß man eine Beleidigung
nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.
Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie
galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein
ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.
Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu
Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle
Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und
Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.
Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst
einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von
dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe
gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein
Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie
sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken
lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem
Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung
nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.
Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten
von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen,
davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher
aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der
Frau zu achten, die er liebte.
Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit
jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er
sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige
und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer
beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann
ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern,
-- und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.
Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen
ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit
schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter
fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun
seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht
bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im
Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der
ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein
Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies
auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar,
es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem
er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel
sein.
»Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies,
daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet
hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt
auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie
fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt
habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf
Urlaub gehen.«
Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht,
brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die
wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das
Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.
Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen;
der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl
so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner
Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im
militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte
er einen großen Fehler gemacht.
Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen,
hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung,
dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte
sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte.
Er, der sich =nolens volens= eine unabhängige Lebensstellung gesichert
hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte,
als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und
nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.
In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen
Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.
Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles
ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus
führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als
nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.
Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus
verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes
beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft
erwacht.
Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen
gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus
gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die
Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war,
im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen
und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien
heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine
Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden
pflegte.
Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen
begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als
Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine
Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen
konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend,
wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister
war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel
ihm beliebte.
»Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht,
aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann
die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht
sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich.
Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir
verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens
nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht
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