»Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina
Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich
mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.«
»Ihr seid sehr, sehr seltsam,« wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll
Herzlichkeit ins Gesicht schauend. »Nun gut; thun wir also, als hätten
wir nicht hiervon gesprochen. -- Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?«
frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.
»Wo ist meine Schaufel, Mama?« frug dasselbe russisch.
»Ich spreche französisch, also sprich du auch so!«
Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie
Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann
in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.
Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt
im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.
»Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?« dachte er
bei sich, »wie unnatürlich und falsch ist das.« Sogar die Kinder fühlen
es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,« so dachte
er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche
wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der
Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder
auf diese Weise zu erziehen.
»Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.«
Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz
dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das
Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand
er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und
Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich
etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage,
all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte -- Grischa und Tanja
hatten eine Rauferei miteinander gehabt.
Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief
hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.
Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit
wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es
schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte,
gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie
erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur
die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene
Kinder mit rohen, brutalen Anlagen -- ungezogene Rangen. --
Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu
denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.
Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu
trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes
bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber
dachte er, »ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen
und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur
nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann
bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie
haben.«
Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr
zurück.
11.
In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner
Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag,
mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte
aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren
waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden,
als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er
nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte
ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.
Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar,
wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin
selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu
einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden
sollten.
Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden
Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre
schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und
dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern
gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden
Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der
Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien
und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen.
In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime
abgeteilt und aufgebaut.
An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel
Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit
welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie
an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und
beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.
Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei
einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders
und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere
Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.
Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut,
er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von
seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen
betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.
Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich
zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten
durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um
die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren
hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune
bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.
Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen
gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines
Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf
seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe,
und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne.
Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern
selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten.
Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit
hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die
weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem
Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in
zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.
Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen
Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut
herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet
graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und
aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf
der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem
andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln
hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke
mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde
herniederhing.
»Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,« sagte der
Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. »Na, das nenne ich
Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die
auf!« er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. »Seit
Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. -- Ist das die
letzte?« rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des
Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.
»Die letzte, Väterchen!« schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und
lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib,
welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.
»Wer ist das, dein Sohn?« frug Lewin.
»Mein jüngster,« antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.
»Ein tüchtiger Bursch.«
»O, nicht doch.«
»Schon verheiratet?«
»Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.«
»Kinder da?«
»Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben
ihn aber beschämt;« antwortete der Alte. »Doch wie gesagt, das Heu ist
vortrefflich,« wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.
Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden
jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem
Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges
hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel
gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.
Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze,
umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken
aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel
hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen
Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten
Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen
dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in
gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den
Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger
Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und
legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu
mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der
ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße,
nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um
die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und
lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im
Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst
erwachte Liebe sichtbar.
12.
Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das
hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf
den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu
den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf
den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken
an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen
prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach.
Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe
bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener,
rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an
wieder auf.
Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als
nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran,
sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen,
die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und
lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien,
Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde
Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von
Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig
liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören.
Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte,
ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen
körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt.
Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu
gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen
wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten
augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten
wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung
daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen.
Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer
Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die
Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre
Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit
genossen sie? -- Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose
Grübeleien.
Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des
Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam
Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in
dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar
der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige,
müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte -- in ein ebenso
arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln.
Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen;
das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren
heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot
und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden.
Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen;
er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten
in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht
hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim
Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller
Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn.
Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur
noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde,
die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen
schnaubten.
Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute
nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei.
»Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?« frug er sich selbst
und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was
er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles
was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei
Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren.
Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden
lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung
gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die
zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er
jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit
dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin
jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so
schmerzlich empfand.
Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er
diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte.
Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen?
Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit?
Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten?
Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu
finden.
»Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare
Rechenschaft geben,« sprach er zu sich, »ich werde es aber später schon
klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über
mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren
thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,« sagte er zu
sich. »Wie herrlich,« dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte
stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen
Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. »Wie ist doch
alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese
Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und
nichts war an ihm zu erblicken -- als zwei weiße Streifen. Ja, ganz
ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben
gewandelt.«
Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu.
Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe;
eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht,
bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor
Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet.
»Was war das? Da fährt jemand?« dachte er, als Schellengeläute an sein
Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der
Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche
entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die
Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke
sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem
Boden rollten.
Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken,
wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin.
In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an
dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges
Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens
festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen,
Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg
auf das Morgenrot der kommenden Sonne.
Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen
Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten
ihre Züge.
Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in
der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war,
die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu
vereinigen -- und das war sie -- es war Kity. Er erkannte, daß sie nach
Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.
Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte,
alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im
Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort
allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite
des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die
Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so
qualvoll belastet hatte.
Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war
verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden
zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die
öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet,
einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.
Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke
zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen
Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem
Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen
wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine
geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr
vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des
Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und
mehr verkleinerten.
Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit
Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke
zu antworten.
»Nein,« sprach Lewin zu sich selbst, »so schön dieses einfache
Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja
sie.«
13.
Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am
nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte,
nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten
Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht
gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von
Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er
die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.
Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und
instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe
nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.
»Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,« sprachen sie. Und
in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch
die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch
einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. »Ich kann nichts thun; bitte geht
hinaus!« pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen.
Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre
Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit
den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey
Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen
sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie
eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte,
daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der
herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich,
jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen
rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an.
Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des
Totenhaften, der Anna so betroffen machte.
Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und
reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit
die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst
zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage
seinen Entschluß mitteilen.
Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen
bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey
Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes
seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre
Thränen in ihm hervorgerufen worden war.
Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner
Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener
Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der
Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten.
Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem
schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz,
nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf
selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich,
seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist,
was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an
sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und
nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird.
Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam
und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben
könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche.
»Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe
dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im
Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,« sprach er zu sich, und in
der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte.
Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren
Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht
erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine
Verworfene gewesen sei. »Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben
an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich
kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,«
sagte er zu sich, »nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun;
sie existiert für mich nicht mehr.«
Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen
im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört,
ihn zu interessieren.
Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage
darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst
vorteilhafteste -- infolge dessen also auch richtigste -- Weise von
diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall,
und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und
nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.
»Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung
würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus
der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich
werde diesen Ausweg finden,« sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr
verfinsternd. »Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.«
Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der
erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten
»schönen Helena«, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von
Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner
Erinnerung auf: »Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf
Paskudin, Dram -- ja Dram, -- ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch;
ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,« zählte Aleksey Aleksandrowitsch
weiter auf. »Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von
Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch
darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl
dafür gehabt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl
auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige
Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt
hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer
verrieten, wurden. »Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen
kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum,
wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.«
Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche
seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.
»Darjaloff hatte sich geschlagen« -- --
Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch
viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch
schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey
Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken,
welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem
Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf
häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität
treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein
Leben einer Gefahr aussetzte.
Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß
er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte
geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so
mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in
Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte,
daß er sich in keinem Falle schlagen würde.
Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert -- nicht
so wie in England -- daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen
befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch
besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten.
Aber welches Resultat wird dabei erreicht? »Gesetzt, ich forderte jemand
zum Zweikampf,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und
erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer
Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah
ein, daß er dies nie thun würde. »Gesetzt, ich forderte ihn zum
Zweikampf; man instruiert mich,« fuhr er fort, sich auszumalen, »man
postiert mich, ich drücke ab,« sprach er zu sich und drückte dabei die
Augen zu, »und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe« -- er
schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen
-- »was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke
begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen
Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen
über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch
wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, -- ich selbst sollte
getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer --
verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug
hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als
ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine
Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden
nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland
braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es
wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie
eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur
einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und
falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint
demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine
Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein,
der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.«
Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey
Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von
ganz besonderer Wichtigkeit.
Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey
Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen
jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl
er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung -- es gab
deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten
Gesellschaft -- an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey
Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der
Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.
In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die
untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld
nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur
scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen
Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch,
daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung,
daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.
Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich
befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen,
die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber
verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack
seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall
überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die
Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft
mehr herabgesetzt haben würde, als sie.
Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß
führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur
Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein
hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter
möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung
nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen,
selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle
Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan
vereinigen würde.
In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie
ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit
seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege -- das des Wunsches,
sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen,
damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.
Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey
Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen
Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich
erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine
kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid
wickelte.
»Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie
Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich
einfach von seinem Weibe trennen;« spann er seine Gedanken weiter und
beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen
Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und,
was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei
einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.
»Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,« sprach er laut zu sich, von neuem
sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, »ich kann
nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich
werden!«
Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er
noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im
Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau
ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz
gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch
die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese
Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er,
daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann
von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung
musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er
sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu
behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun,
um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich
dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.
»Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen
Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie
die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie
einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu
beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung,
daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer
Beziehungen zu dem Liebhaber.
Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe
schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch
eine weitere wichtige Erwägung.
»Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit
der Religion,« sagte er sich, »nur mit ihm stoße ich das
verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit,
sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen
Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.«
Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen
sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen
Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, -- obwohl er in
diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte,
ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt,
da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie
ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine
vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude
zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr
niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den
Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch
gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr,
und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr
einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die
nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher.
Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung
wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch
keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen
leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war.
»Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten
Verhältnisse werden sich wieder einstellen,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß
ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie
muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht
unglücklich werden kann.«
14.
Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur
vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar
einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte.
Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die
Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren
und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen.
»Niemand vorzulassen,« antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit
einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune
galt, indem er das Wort »-niemand-« betonte.
In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab;
dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem
Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen
angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann,
seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen
auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und
begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an
sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort »=vous=« anwendend,
welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das »Ihr«, der
russischen Sprache.
»Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch
meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung
mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt
mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen.
Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen,
so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit
welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie
kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem
Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser
Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist.
Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn.
Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr
bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt,
daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der
Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit
zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen
können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich
indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu
können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch
ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht
später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung
nötig sind, werden getroffen werden.
Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner
Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß.
A. Karenin.
=P. S.= Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein
könnte.« --
Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich
damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort,
kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es
hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt -- um die goldene Brücke des
Rückzuges. --
Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven
Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt
hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei
ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten
Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte.
»Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna
gelangt,« sprach er und stand auf.
»Zu Diensten, Excellenz -- befehlen den Thee in das Kabinett?« --
Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat,
mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die
Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die
eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem
namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey
Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten
frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer
Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der
Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen
auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand
mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren.
Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er
plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck »brr«
denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig
in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen,
vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die
eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf
das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an
sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit
entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches
Interesse in Anspruch nahm.
Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung
eingedrungen und in seinem Kopfe -- er konnte dies ohne Selbstüberhebung
sagen -- ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen,
und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde
aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen
gewähren werde.
Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder
verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen
Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften
halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der
Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium
der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der
vorliegenden Verwickelung oblag.
Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs
als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder
strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz,
seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm
seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller
offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der
Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung
der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun
hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom
zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement
Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium
Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die
Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in
derselben gepflogen worden war.
Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der
Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von
dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen
worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital
völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu
nichts führen konnte.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich
erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der
ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften
fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine
undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit
anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem
Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen
ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische
Familie -- die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente.
Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater
derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die
Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten
Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem
Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand,
dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon
diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte
die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und
Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung
der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß
er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die
Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der
Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in
der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey
Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die
angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub
dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von
Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches
Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage
der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene
Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber
etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der
Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche
seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen
wären.
Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es
solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die
Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die
Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den
offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte
eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck
der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von
folgenden Gesichtspunkten aus: =a=) vom politischen, =b=) vom
administrativen, =c=) vom ökonomischen, =d=) vom ethnographischen, =e=)
vom materiellen und =f=) vom religiösen.
Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über
diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn
Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen
Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und
viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber
eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No.
17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und
vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des
Gesetzes gehandelt habe.
Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs,
als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem
er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das
Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen
Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach
dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald
verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen
Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt
worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als
er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte,
letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte.
15.
Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als
dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie
diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte,
aus vollem Herzen, sie verändern zu können.
Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in
der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber,
ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand.
Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue
sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens
keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr
zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie
konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte
sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz,
den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm
sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie
dachte.
An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von
dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch
zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre.
Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr
auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und
dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen
konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben
Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was
daraus erfolgen werde.
Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war
fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
»Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem
Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen,
allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht
gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber
sagen wollen und doch nicht gesagt?«
Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über
ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff,
daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt
erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht
abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar.
Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher
gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun
thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es
könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause
hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt
offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle,
wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf.
Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe,
als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht
anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb.
Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und
welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann
gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über
sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte
es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und
ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen.
Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat
endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und
errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten
sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie
brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran
erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse
Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu
einer Partie Croquet kämen.
»Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht,
ich erwarte Euch,« endete Bezzy.
Anna las das Billet und seufzte schwer.
»Nichts; ich brauche nichts,« sprach sie zu Annuschka, die ihr die
Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; »geh, ich will mich
sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.«
Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern
verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit
herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im
Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in
sich zusammensinkend.
Sie wiederholte unaufhörlich: »Mein Gott, mein Gott,« aber weder das
erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.
Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie,
obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie
auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey
Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.
Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung,
daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete,
möglich sei.
Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis
vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie
fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden
Augen die Gegenstände sich verdoppeln.
Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie
eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand,
oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte -- sie wußte
es nicht.
»O, was thue ich!« sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in
beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung
gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den
Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann
umherzuwandeln.
»Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,«
sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der
nämlichen Lage antraf.
»Sergey? Was ist mit Sergey?« frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum
erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres
Sohnes.
»Er hat etwas verbrochen, glaube ich,« fuhr Annuschka lächelnd fort.
»Was hat er denn verbrochen?«
»Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr
wohl eine derselben heimlich verspeist.«
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