Heuchelei!« --
»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka.
»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu
thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend,
bald schließend.
»Aber zu welchem Zwecke nur?«
»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu
scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von
jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein,
braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!«
»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr
sprecht doch gerade, als ob« --
Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht
aussprechen.
»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die
Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die
Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin?
Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre!
Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht
mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich
thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies
ist anders, anders!« --
»Was ist anders?« frug Warenka unsicher.
»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber
lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber,
wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!«
»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka.
»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!«
»Kity!« -- erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und
zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« --
Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt
zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige
und ging zur Mutter.
»Was ist dir? Du siehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer
Stimme.
»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte
nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr
sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen!
Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr
sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen.
Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und
betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den
Kopf.
»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich
weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« --
»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka,
lächelnd.
Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte
sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie
sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte,
aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie
glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte.
Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin
lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu
sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand
sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte,
ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen,
welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und
sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach
Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt
worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt
war.
Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat
Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen.
»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf
geantwortet.
»Niemals werde ich heiraten!« --
»Dann werde ich niemals kommen!«
»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures
Versprechens eingedenk!« sagte Kity.
Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte
wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und
heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren
Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung.
Dritter Teil.
1.
Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit
erholen und ging -- anstatt wie üblich ins Ausland -- Ende Mai auf das
Land zu seinem Bruder.
Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam
jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.
Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay
für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und
Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in
Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar
unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten.
Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt
seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war
das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein
nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und
dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.
Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die
Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey
Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen
Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin
auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut
zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und
unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne
sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder
solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu
Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er
dieses Volk verstehe.
Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für
ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen
Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer
gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der
Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als
Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in
Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen,
sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere
Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit,
Trunksucht und Verlogenheit.
Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk
liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er
liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die
Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als
daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk.
Aber das Volk lieben oder nicht lieben -- als etwas Besonderes -- das
konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle
seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich
auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst,
noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und
sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.
Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem
Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich
auch als Ratgeber -- die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig
Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen -- so hatte er doch
nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage,
ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden
haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.
Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die
Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen
beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der
Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten
hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine
früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.
Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das
Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht
liebte -- ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von
Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als
etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem
logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar
abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache
aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals
seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu
demselben fühlte.
Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden
Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets
seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte
Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen
Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß
keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war,
daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst
überführt wurde.
Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch,
von Gefühl, =bien établi= wie er sich französisch ausdrückte, aber mit
einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken
des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen
Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er
ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß
darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.
Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von
hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und
begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem
Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den
Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen
Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht
gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein
Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber
doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an
jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich
bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.
Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey
Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom
Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur
nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem
befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In
dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich
sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die
Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie
wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion
einer neuen Maschine handelte.
Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder
das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der
Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch
nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während
Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt
auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er
doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen
welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er
liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und
natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher
ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen
Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey
Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten
zu lassen und träge dabei zu plaudern.
»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für
mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und
rollte man ihn wie eine Kugel.«
Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem
zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche
Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie
schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen
nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze
Erfindung.
»Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein
Bruder.
»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin
und eilte auf das Feld hinaus.
2.
In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und
Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr
eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam
und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein
zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien
hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem
Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem
berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm
seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen
Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen
Angelegenheiten beklagte.
Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte,
angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle
Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden,
und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte
Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen
Unterhaltung geriet.
Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an
den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß
er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.
Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen
mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.
Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt
steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge
für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht,
wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde
wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases
durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der
frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem
weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen
Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die
herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem
duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen,
der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln
Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.
Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze
Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden,
alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden
Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit
thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.
Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu
gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich
entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von
der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln
sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der
Bäume, aus dem heurigen Jahr.
Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu
sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die
Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber
unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald
gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des
Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in
Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über
das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen
und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht
wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu
der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der
Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.
Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey
Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er
sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei
welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras
zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte
geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an
den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.
Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel,
während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das
graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese
hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf
dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.
Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg
heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge,
der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.
»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen.
»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann!
Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder
haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd
ausgespannt,« --
»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.«
»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr
schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut
ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.«
»Und was meinst du zum Wetter?«
»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.«
Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.
Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich
gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin
bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er
Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als
möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des
Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst
sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein
Ende zu machen.
»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin.
»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du
aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz
hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur
in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen
Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort,
»stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht
etwas zum Wasser.«
»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig.
3.
»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das
ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was
mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich
habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du
nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des
Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten,
dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld,
aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine
geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.«
»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern,
»aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?«
»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden!
Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es
etwa einfach die Faulheit?«
»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe,
daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin.
Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen,
sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort
etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein
Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?
»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und
derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich
nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?«
»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von
diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der
Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und
ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber
doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen
eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle
diese Arbeiten sehr wichtig sind.«
»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey
Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das
nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil
derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst
du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was
er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom
Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie
schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er.
»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches
Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz
löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein
Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da
sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst
du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du
versicherst« --
-- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei
sich.
-- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das
Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines
jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem
Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht
nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey
Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig
entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in
deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb --
überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.«
Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder
seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies
aber kränkte und erbitterte ihn.
»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es
möglich wäre« --
»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein,
ärztliche Hilfe einzuführen?« --
»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises,
mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe
ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten.
Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.«
»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele
aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« --
»Wozu brauchen wir Schulen?«
»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung
bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.«
Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet
infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten
Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.
»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die
Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen
Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar
nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht
schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre
Kinder in die Schule schicken müßten.«
Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete
Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan
entworfen.
Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus,
lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.
»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig.
So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des
Semstwo schicken müssen?«
»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.«
»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter,
welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.«
»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in
entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei
weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn
sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.«
»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch
finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die
beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren
Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr
erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er,
»erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?«
»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich
darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß
ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte
Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden
sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch
unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.
Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.
»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort,
»so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache
dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu
arbeiten wünschen.«
»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,«
meinte Konstantin Lewin, errötend.
»Wie? Soeben sagtest du doch« --
»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« --
»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.«
»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran
glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so
sehr darum sorgen soll.«
»Inwiefern?«
»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch
vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort.
»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey
Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem
das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin
Erbitterung hervorrief.
»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die
bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche
Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als
Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen
könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht
besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und
einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht
erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht
thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar,
wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo
eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines
Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren,
dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen
möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein
persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.«
»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das
persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die
Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch
gearbeitet!«
»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die
Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um
ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln,
welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll
ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele
Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr
Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder
an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen
unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all
den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der
Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr
Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<«
Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich
Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm
schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.
Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.
»Was willst du denn eigentlich sagen?«
»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein
eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften.
Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen
wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen
Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und
geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das
Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin
bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu
urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen,
oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich
nicht, das kann ich nicht. «
Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem
Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.
»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein,
wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach
altem Stil verurteilte?«
»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies
nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem
völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere
Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die
wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor
uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag
nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.«
Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung
Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung
diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was
sein Bruder damit andeuten wollte.
»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein
Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst
in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem
allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:
»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die
nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine
allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort
entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er
das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.
Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine
gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei
sich.
»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die
Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin,
jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem
persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das
gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen
Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern,
teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig
umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich
historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren
Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.«
Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des
philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war
und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber
dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es
handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum.
Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum
handelt, der vorübergehen wird.«
Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei,
fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von
seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob
deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen
wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder
nicht verstehen konnte?
Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über
eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem
Bruder zu antworten.
Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd
los und beide fuhren heim.
4.
Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches
mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen
hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem
gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern
genommen und selbst angefangen zu mähen.
Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge
öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor
seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den
Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu
mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er
mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage
sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen.
Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das
Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast
entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem
Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu
Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm
dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für
die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die
Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die
größte und beste, schneiden lassen wollte.
»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen
mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich
bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
Der Verwalter lächelte und sagte:
»Zu Diensten!«
Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will
morgen mit der Heuernte beginnen.«
»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch.
»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon
bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen
Tag mit arbeiten.«
Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« --
»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin.
»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch
kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott.
»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt
man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.«
»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie
müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein
Sonderling ist.«
»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und
zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.«
»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte
hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.«
»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.«
Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst,
aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der
Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren
bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen
Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe
begonnen hatten, abgelegt worden waren.
Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der
hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden
Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer
zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen
Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen
Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen
weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen
tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich
niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister
im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit
seiner Sense breite Reihen schneidend.
Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit,
welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm
reichte.
»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie
von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense
hinreichend.
Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend,
traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber
heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn.
Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der
hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der
Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn
gewandt hatte.
»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann
der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er,
hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
»Wir wollen sehen,« sagte der Alte.
Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand
niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte,
mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in
Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang.
Er vernahm hinter sich Stimmen:
»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!«
sagte einer.
»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer.
»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den
Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der
Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser
Einem würde dies übel bekommen!«
Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht
antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit
herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer
noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber
Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde
aushalten können, so ermüdet war er.
Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und
beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment
blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf,
wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.
Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter
ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er
sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu
schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es
nun.
Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt,
ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend,
ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und
schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte
erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und
begann zu dengeln.
So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders
sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die
Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend,
langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in
der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das
Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief,
von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit
Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich
freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön
aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem
ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem
vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell
zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe
zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren
schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte
anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu
bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen
der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen,
den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense
hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der
Reihe, bei welchem Erholung winkte.
Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit
ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden
Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft
wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und
ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken
und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur
frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze
Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches
Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es
jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine
Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen
gewährte.
Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er
beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken
fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit.
Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und
angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder
die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte,
blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise
etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?«
dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne
Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten
und nun frühstücken mußten.
»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm.
»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!«
Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die
nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom
Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde.
Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der
Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
»Er wird es verderben,« sagte er.
»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen
Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!«
Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den
Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch
Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen
war.
5.
Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in
der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine
Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem
Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten
Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar
nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im
Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe
niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in
das saftige Gras schnitte.
Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche
Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren,
arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte,
lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als
einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien
ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn
überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen
Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft
und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des
Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken
braucht, was man thut.
Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige
Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den
Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen
Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des
Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und
Lewin damit regalierte.
»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine
Augen zwinkerten dabei.
Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet,
wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem
rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense,
während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller
Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter
überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide,
ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der
Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense
schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding
mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne
sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und
sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene
Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen
Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen,
so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der
Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen
Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und
beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen
kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald
beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er
ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter
aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob
sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend
und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern
dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk
auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der
Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu
gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie
lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe
Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer
Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen
und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen
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