»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt,
wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.«
»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr
aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka,
wiederum errötend, hinzu.
Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war
dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum
ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte.
»Was macht denn jener Lewin?« frug sie.
»Er wird abreisen,« versetzte Warenka.
In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß
ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war.
»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle«
--
-- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.«
Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen
Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand
unbeweglich in der Kitys ruhen ließ.
Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht
schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen
Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte.
»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie.
»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« --
»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber
schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei
kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu
ihr gelaufen kamen.
»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie.
Warenka folgte ihnen.
32.
Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit
Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die
letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden:
Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode
geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel
aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte
Frau.
Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes
genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die
Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der
Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus
und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in
Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war
Warenka.
Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog
diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden
Verwandten mehr besaß.
Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im
Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben.
Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe
gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und
hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen.
Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische
Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie
äußerlich erschien.
Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch,
protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, --
sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten
Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse.
Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame
Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie
jedermann sie nannte.
Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts
Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka,
umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung
besaß.
Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache
war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es
bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein,
Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen.
Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer
mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue
Vorzüge an ihr.
Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu
einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage.
»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar
nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie
mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke
Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung
zum Singen zu haben schien.
Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die
Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten
eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch
ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt
sogleich ans Klavier.
Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber
vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie
dazu.
»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka
die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte.
Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten
sie.
»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine
Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.«
In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den
Fenstern angesammelt.
»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte
Warenka einfach.
Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von
deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor
allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar
nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür
gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur
zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei.
»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich
hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den
Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig,
und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu
thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was
verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem
gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte
ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses
ruhige Antlitz blickend.
Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes
Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend
und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend.
Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das
Präludium und schaute dann auf Warenka.
»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend.
Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen.
»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend
und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine
Erinnerung verknüpft.
»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und
lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und
schön, wie vorher.
Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich
zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben
dem Hause befand.
»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem
Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt
mir nur -- ist es nicht so?«
»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine
Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar
eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und
dieses Lied hatte ich ihm gesungen.«
Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf
Warenka.
»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und
er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von
hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich
auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen
Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies --
einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte.
»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann,
so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen
gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen
Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!«
»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht
unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute
nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend.
»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte
sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!«
»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie
Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln.
»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen
wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen
Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran
denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie
nicht mochte?«
»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich
geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« --
»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte,
sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr
eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte
der Scham, sie bereits überführt habe.
»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete
Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie,
sondern Kity anging.
»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen,
die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes
Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik.
»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht
gehandelt?«
»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!«
Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys.
»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne,
der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?«
»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es
gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich
hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.«
»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln,
ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge
mit dem Namen benennend.
»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!«
»Was heißt das?«
»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.«
»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es
giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte.
Und dabei ist das alles doch so nichtig.«
»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit
neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend.
»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka.
»Und das wäre?«
»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen,
was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der
Fürstin aus einem Fenster vernehmbar.
»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!«
»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch
zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.«
Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher
Neugier und Bitte in dem Blick:
»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es
also, sagt es mir!«
Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte
nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause
müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr.
Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich
von allen Anwesenden und wollte gehen.
»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst.
»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte
die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.«
Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine
Begleitung nötig habe, unterdrückte.
»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,«
sagte sie, ihren Hut ergreifend.
Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben,
was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten
unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich
nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde
verlieh.
33.
Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese
Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur
einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem
Leid.
Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft,
eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit
der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab
man ruhig auf die frühere blicken konnte.
Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich
bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte.
Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion,
welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf
kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus
verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte
mit dem Geistlichen auswendig lernte.
Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer
Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben
durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte.
Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie
mit einem geliebten Kinde, auf das man Sorgfalt verwendet wie in der
Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in
allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube
verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr
nichtig sei -- ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über.
Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in
jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in
ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was
denn nun das -Höchste- sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte.
Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend
ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang,
gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten.
Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug,
geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war.
Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen
Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel
hielt und eigentümlich lächelte.
So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten
sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln.
Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer
traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte,
blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen
wagte.
An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und
seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so
wollte Kity sein.
Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das -höchste Gut- sei,
begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern
sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches
sich erschlossen hatte.
Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte,
sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres
künftigen Lebens gemacht.
Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr
Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche
aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium
verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den
Verbrechern und den Sterbenden.
Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies
Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das
waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter,
noch Warenka mitteilte.
In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur
Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele
Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze
zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte.
Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem
Einfluß ihres =Engouements= -- wie sie es nannte -- für Madame Stahl und
namentlich für Warenka befinde.
Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern
dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den
Augen zu blinken that.
Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig
von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß
vollzog.
Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium
las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher
nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen
Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas
standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers
Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser
Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte.
Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen,
umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und
die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und
einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen,
wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß
ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies.
»=Il ne faut jamais rien outrer=,« sprach sie.
Die Tochter hatte nicht darauf geantwortet, sie hatte nur in ihrem
Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen
Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung
der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten,
wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock
nimmt.
Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und
zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele
offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen
Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen
nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt
hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen
würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter.
»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die
Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie
ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.«
»O nein, =maman=, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt.
»Warest du längere Zeit nicht dort?«
»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity.
»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der
Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu
erraten.
An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna
Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren.
Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete.
»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie,
als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht
mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?«
Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie
entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt
über sie zu sein scheine.
Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde
der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber
erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen
konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben
hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man
aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so
entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen.
Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener
Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem
runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum
Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen
Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von
der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen
bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie
»meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett
gehen wollte. Wie war das alles so gut!
Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung
Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen
spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity
furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften
Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen.
Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den
Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu
überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie
mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen
Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das
seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des
Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so
gut!
Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen
Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna
begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren
Mann unaufhörlich beobachtend.
Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des
Erkaltens der Anna Pawlowna sein?
»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in
Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr
übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf
Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er
schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch
unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach
gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange
gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er
so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt
und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll
Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er
ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser
Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens.
34.
Noch vor dem Schluß der Badesaison kehrte der Fürst Schtscherbazkiy von
seiner Reise von Karlsbad nach Baden und Kissingen zu russischen
Bekannten, bei denen er, wie er sagte »russische Luft schnappen« wollte,
wieder zurück zu den Seinigen.
Die Anschauungen des Fürsten und der Fürstin über das Leben im Auslande
waren vollständig entgegengesetzte.
Die Fürstin fand alles schön und bemühte sich, trotz ihrer
unanfechtbaren Stellung in der russischen Gesellschaft, im Auslande die
europäische Dame nachzuahmen -- was sie nicht war als russische
Standesperson. -- Sie verstellte sich infolge dessen und das nahm sich
bisweilen ungeschickt aus.
Der Fürst hingegen fand im Ausland alles schlecht, beschwerte sich über
die europäische Lebensweise, hielt an seinen russischen Gewohnheiten
fest und bestrebte sich absichtlich, im Auslande weniger als der
Europäer zu erscheinen, der er wirklich war.
Der Fürst kam magerer geworden und mit Hängefalten in den Backen, aber
in heiterster Laune zurück. Seine heitere Stimmung erhöhte sich noch,
als er Kity vollständig genesen wiedersah.
Die Mitteilung über das Freundschaftsverhältnis Kitys mit Madame Stahl
und Warenka, sowie die ihm von der Fürstin mitgeteilten Beobachtungen
der Veränderung, die mit Kity vorgegangen war, verstimmten den Fürsten
und erweckten in ihm das gewöhnliche Gefühl von Eifersucht gegen alles,
was außer ihm seine Tochter an sich zog, die Befürchtung, die Tochter
könnte sich seinem Einfluß entziehen und in Machtsphären geraten, die
ihm unzugänglich waren.
Aber diese unangenehmen Nachrichten wurden in das Übermaß an
Gutmütigkeit und Frohsinn versenkt, das stets in ihm vorhanden war und
durch die Karlsbader Kur eine besondere Verstärkung erfahren hatte.
Am Tage nach seiner Ankunft begab sich der Fürst in seinem langen
Paletot, mit seinen echt russisch, runzligen und gedunsenen Wangen, dem
gesteiften Kragen und in heiterster Stimmung mit seiner Tochter nach dem
Brunnen.
Der Morgen war schön; die sauberen freundlichen Häuser mit den kleinen
Gärtchen, der Anblick der deutschen Mägde mit den blühenden Gesichtern,
und roten Händen die lustig hantierten und der helle Sonnenschein
ergötzte das Herz.
Je näher sie indessen zu dem Brunnen kamen, um so häufiger trafen sie
auf Kranke und ihr Anblick war um so trauriger angesichts des
Vorhandenseins der gewöhnlichen Bedingungen für ein gemütliches Leben
nach deutschen Begriffen. Kity aber setzte dieser Widerspruch nicht mehr
in Erstaunen.
Die glänzende Sonne, das heitere schimmernde Grün, die Klänge der Musik,
bildeten für sie nur den natürlichen Rahmen aller dieser ihr bekannten
Gesichter, dieses Wechsels zur Verschlechterung oder zur Besserung, die
sie beobachtete, dem Fürsten jedoch erschien das Licht und der Glanz des
Junimorgens, die Klänge des Orchesters, welches einen lustigen modernen
Walzer spielte, und namentlich der Anblick der gesundheitstrotzenden
Mädchen, fast unpassend und ungeheuerlich, im Bunde mit diesen von allen
Enden Europas hier zusammengekommenen Todkranken, die niedergeschlagen
einhergingen.
Trotz eines Gefühles von Stolz, gleichsam wiedererwachter
Jugendlichkeit, welches er empfand, als die Lieblingstochter mit ihm Arm
in Arm dahinschritt, wurde ihm jetzt sein festes Auftreten mit seinen
vollen wohlbeleibten Gliedern gleichwohl förmlich peinlich. Er hatte
fast das Gefühl eines Menschen, der unbekleidet in einer Gesellschaft
erscheint.
»Stelle mich doch deinen neuen Freunden vor,« sagte er zu seiner
Tochter, mit dem Ellbogen ihren Arm drückend; »ich liebe dein häßliches
Soden nur um deswillen, weil es dich so hübsch gesund gemacht hat; es
ist traurig, traurig hier bei Euch. Wer ist denn das dort?«
Kity nannte ihm die und jene bekannte oder unbekannte Person, die ihnen
begegnete. Gerade am Eingang zum Kurpark begegnete sie der blinden
Madame Berthe mit ihrer Führerin und der Fürst freute sich über den
milden Ausdruck im Gesicht der alten Französin, als diese die Stimme
Kitys vernahm.
Mit der ganzen Höflichkeit der Franzosen sprach sie den Fürsten sogleich
an, lobte denselben, daß er eine so reizende Tochter besitze, und hob
Kity fast in den Himmel, indem sie dieselbe einen Schatz, eine Perle und
einen Engel des Trostes nannte.
»Also sie ist ein -zweiter- Engel,« lächelte der Fürst, »denn sie nannte
schon als Engel Nummer eins Mademoiselle Warenka!«
»O! Mademoiselle Warenka ist allerdings der reine Engel, =allez=!«
versetzte Madame Berthe.
In der Veranda begegneten sie Warenka selbst. Dieselbe schritt den
beiden eiligst entgegen, eine kleine elegante rote Tasche in der Hand
tragend.
»Papa hier ist angekommen!« begrüßte Kity sie.
Warenka machte, einfach und natürlich wie alles war was sie that, eine
Bewegung, die zwischen Verbeugung und Gruß die Mitte hielt, und wandte
sich dann sofort im Gespräch an den Fürsten, unbefangen und natürlich,
wie sie mit jedermann sprach.
»Gewiß kenne ich Euch, sehr wohl« -- sagte der Fürst zu ihr mit einem
Lächeln, in welchem Kity mit Freude erkannte, daß ihre Freundin dem
Vater gefiel. »Wohin eilt Ihr denn so schnell?«
»=Maman= ist hier,« sagte sie, sich an Kity wendend, »sie hat die ganze
Nacht nicht schlafen können und der Doktor hat ihr eine Ausfahrt
angeraten. Ich bringe ihr eine Arbeit.«
»Das ist also Engel Numero eins,« sagte der Fürst, nachdem Warenka
gegangen war.
Kity sah, daß er Lust hatte sich über Warenka lustig zu machen, dies
aber nicht über sich gewann, weil sie ihm gefallen hatte.
»Nun so werden wir wohl noch alle deine Freunde sehen; auch Madame
Stahl, wenn sie geruht, mich zu erkennen,« fügte er dann hinzu.
»Hast du sie denn schon gekannt, Papa?« frug Kity mit einem Schreck,
indem sie bemerkte, wie in den Augen des Fürsten der Funke des Spottes
bei der Erinnerung der Madame Stahl aufleuchtete.
»Ihren Mann habe ich gekannt, und auch sie ein wenig, schon bevor sie
unter die Pietisten gegangen ist.«
»Was ist das, Papa, eine Pietistin?« frug Kity, schon erschreckt davon,
daß das, was sie so hoch an Madame Stahl schätzte, einen Namen hatte.
»Ich weiß es selbst nicht recht, und weiß nur, daß sie für alles Gott
dankt, für jedes Unglück -- auch dafür, daß ihr Mann gestorben ist. Die
Sache ist natürlich lächerlich, da beide in Unfrieden miteinander gelebt
haben. -- Aber wer ist denn das, jene mitleiderregende Person dort?«
frug der Fürst, welcher einen Kranken von kleiner Figur auf einer Bank
sitzen sah, in einem zimmetfarbenen Überzieher und weißen Beinkleidern,
welche seltsame Falten um die fleischlosen Knochen der Beine warfen. Der
Herr hatte seinen Strohhut über dem spärlichen lockigen Haarwuchs
gelüftet, und die hohe krankhaft von dem Hute rotgefärbte Stirn
entblößt.
»Das ist Petroff, ein Maler,« antwortete Kity errötend. »Und das ist
seine Gattin,« fügte sie dann hinzu, auf Anna Pawlowna zeigend, welche
gleichsam mit Absicht gerade, als sie herankamen, hinter dem Kinde
hereilte, welches auf dem Wege davonlief.
»Wie traurig und wie gut sieht dieses Gesicht aus,« sagte der Fürst.
»Weshalb bist du denn nicht zu ihm getreten? Er wollte dir doch etwas
sagen?«
»Gehen wir hin!« antwortete Kity, sich entschlossen nach ihm umwendend.
»Wie steht es mit Eurer Gesundheit heute?« frug sie Petroff.
Dieser erhob sich, auf seinen Stock gestützt und blickte schüchtern auf
den Fürsten.
»Meine Tochter,« nahm dieser das Wort, »Ihr seid mir bereits bekannt.«
Der Maler verbeugte sich und lächelte, ein selten weißes Gebiß dabei
zeigend.
»Wir hatten Euch gestern erwartet, Fürstin,« sagte er zu Kity.
Er wankte, als er dies sagte, und bemühte sich, indem er diese Bewegung
wiederholte, zu zeigen, daß er dies mit Absicht gethan hatte.
»Ich wollte kommen, aber Warenka sagte mir, Anna Pawlowna habe geschickt
mit der Nachricht, Ihr würdet nicht ausfahren.«
»Weshalb sollte ich nicht ausfahren?« antwortete Petroff errötend und
sogleich zu husten beginnend, während er mit den Augen sein Weib suchte.
»Annetta, Annetta!« sprach er laut: auf seinem weißen Hals, der dünn wie
ein Strick war, erschienen starke Adern. Anna Pawlowna kam herbei »Wie
konntest du der jungen Fürstin sagen lassen, wir würden nicht
ausfahren?« raunte er zornig, da er die Stimme verloren hatte.
»Guten Tag, Fürstin,« grüßte diese mit einem gekünstelten Lächeln, das
ihrem früheren Verkehr unähnlich war. »Es freut mich sehr, Eure
Bekanntschaft zu machen,« wandte sie sich an den Fürsten, »man hat Euch
lange erwartet, Fürst!«
»Wie konntest du der Fürstin sagen lassen, daß wir nicht ausfahren?«
raunte nochmals der Maler heiser, noch heftiger, und sich
augenscheinlich besonders darüber erregend, daß ihm die Stimme versagte,
und er seiner Rede nicht denjenigen Ausdruck zu geben vermochte, den er
ihr zu geben wünschte.
»Mein Gott! Ich dachte, wir würden nicht ausfahren,« versetzte die Frau
mürrisch.
»Gewiß, wenn« -- er hustete und winkte mit der Hand.
Der Fürst lüftete den Hut und ging mit seiner Tochter fort.
»O, o,« seufzte er tief auf, »o diese Unglücklichen!«
»Ja, Papa,« erwiderte Kity. »Und dabei, mußt du wissen, haben sie drei
Kinder, keinen Dienstboten und fast gar keine Unterhaltsmittel. Er
empfängt bloß etwas von der Akademie,« erzählte sie lebhaft und sich
bemühend, die Erregung zu unterdrücken, die in ihr infolge der seltsamen
Veränderung im Verhalten Anna Pawlownas gegen sie aufgestiegen war. »Und
dort ist auch Madame Stahl,« fuhr sie fort, auf einen Fahrstuhl zeigend,
in welchem, von Kissen umgeben ein Etwas in Grau und Blau unter einem
Sonnenschirm lag.
Das war Madame Stahl. Hinter ihr stand ein griesgrämiger stämmiger
deutscher Arbeiter, der sie rollte; daneben stand ein blonder
schwedischer Graf, den Kity dem Namen nach kannte. Einige Kranke blieben
um den Wagen herum stehen und schauten nach der Dame, als sei diese ein
außergewöhnliches Wesen.
Der Fürst trat zu ihr hin und sogleich bemerkte Kity in seinen Augen den
Funken des Spottes, der sie in Verwirrung setzte. Er trat zu Madame
Stahl und begann mit ihr in jenem vorzüglichen Französisch, welches
jetzt nur noch Wenige sprechen, außerordentlich höflich und
liebenswürdig ein Gespräch.
»Ich weiß nicht, ob Ihr Euch meiner noch entsinnt. Ich selbst muß dies
aber schon thun, um Euch für Eure Güte meiner Tochter gegenüber, danken
zu können,« sagte er zu ihr, seinen Hut abnehmend und ohne sich wieder
zu bedecken.
»Fürst Alexander Schtscherbazkiy,« sagte Madame Stahl, ihre himmelnden
Augen zu ihm erhebend, in denen indessen Kity ein Mißvergnügen bemerkte.
»Sehr erfreut. Ich habe Eure Tochter so lieb gewonnen.«
»Eure Gesundheit ist noch immer nicht gebessert?«
»Ich bin völlig daran gewöhnt,« versetzte Madame Stahl und machte den
Fürsten mit dem schwedischen Grafen bekannt.
»Ihr habt Euch indessen nur sehr wenig verändert,« fuhr der Fürst fort.
»Ich habe wohl seit zehn oder elf Jahren nicht die Ehre gehabt, Euch zu
sehen.«
»Ja; Gott schickt uns ein Kreuz und verleiht auch die Kraft es zu
tragen. Man staunt oft darüber, in was man sich in diesem Leben schicken
kann. -- Von der andern Seite!« -- wandte sie sich plötzlich launisch zu
Warenka, die ihr das Plaid nicht gut genug um die Füße gewickelt hatte.
»Wohl, damit man Gutes thue,« sagte der Fürst und seine Augen lachten.
»Darüber dürfen wir nicht richten,« antwortete Madame Stahl, den
Schimmer eines gewissen Ausdrucks auf dem Gesicht des Fürsten bemerkend.
»Ihr werdet mir also jenes Buch senden, liebster Graf?« wandte sie sich
an den jungen Schweden.
»Ah,« rief der Fürst, den Moskauer Obersten erblickend, welcher in der
Nähe stand, verabschiedete sich von Madame Stahl, und schritt mit seiner
Tochter und dem Moskauischen Obersten, der sich an ihn angeschlossen
hatte, von dannen.
»Das ist unsere Aristokratie, Fürst!« sagte der Moskauische Oberst, im
Wunsche, ironisch zu sein. Er hatte ein Vorurteil gegen Madame Stahl,
weil diese nicht mit ihm bekannt war.
»Immer dieselbe,« versetzte der Fürst.
»Ihr habt sie aber doch schon vor ihrer Erkrankung gekannt, Fürst, das
heißt, bevor sie sich gelegt hat?«
»Ja wohl. Sie wurde zu meiner Zeit krank.«
»Man sagt, sie wäre seit zehn Jahren nicht ein einziges Mal
aufgestanden.«
»Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht
gebaut.«
»Papa, unmöglich!« rief Kity.
»Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon
wissen. O, über diese leidenden Damen!«
»Nein, Papa!« entgegnete Kity eifrig, »Warenka vergöttert sie, und dann
thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl
kennt jedermann!«
»Mag sein,« antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend,
»aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man
auch frägt.«
Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können,
sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken
wollte.
Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich
der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in
ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der
Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen
hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus
einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das
weggenommen wird, worauf die Robe ruhte.
Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es
eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte,
weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch
keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr
gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen.
35.
Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche
Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt bei dem die
Schtscherbazkiy wohnten.
Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten,
sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte,
Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen
und dort zum Frühstück decken.
Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner
heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach
einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben
logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische
Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem
Kastanienbaum versammelt hatte.
In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die
Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf
welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand,
in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und
Törtchen.
Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in
geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe
ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten,
die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun
unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit
welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm
versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine
vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen.
Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war
aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit
ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war.
Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in
Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert
hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin.
Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was
der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka -- was Kity noch nie
bemerkt hatte -- ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören,
welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen.
Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht
erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater
-- ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen
und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte.
Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu
Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum
Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity
konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein
Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr
Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm.
»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin
lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend.
»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so
wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt
es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr
anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.«
»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin.
»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so,
Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen
soll.«
»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des
Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna.
»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen,
Erbswurst -- ich kenne alles!«
»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,«
meinte der Oberst.
»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie
Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll
ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht,
sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch
noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich
an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht
es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus in Ruhe, ereifert sich
über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat
keinerlei Eile.«
»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein.
»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat
für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit
keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht
langweilig.«
»Ich -- o nichts.«
»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er
sich an Warenka.
»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen
ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich
und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen.
Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere.
Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie
sich früher vorgestellt hatte.
»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und
das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer
Papa!«
Kity schwieg.
»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka.
»=Maman= wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug
Kity, Warenka ausforschend.
»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann
versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka.
»Gut, auch ich werde kommen.«
»Aber, was wollt Ihr da?«
»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit
aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm
ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?«
»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart
in Verlegenheit geraten.«
»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den
Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?«
»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig.
»O bitte, sprecht nur!«
»Soll ich alles sagen?«
»Alles, alles!« --
»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei -- nur dies, daß Michael
Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar
nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd.
»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend.
»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen
nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus
diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja,
wie reizbar diese Kranken sind!«
Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach
allein weiter, im Bemühen, sie zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie
sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich
in Worten oder in Thränen äußern werde.
»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt
nicht übel.« --
»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den
Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin
vorbei ins Weite starrend.
Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der
Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken.
»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie.
»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war,
alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich
auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des
Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von
mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei,
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