Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges
Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so
verlegen machte.
Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame
Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten
Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl
hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß
schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts
bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem
Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute
weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser
Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung -- das alles gleichgültig
sei und man sich in das Verderben fügen müsse.
Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der
beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten,
aber nicht kennen wollten.
Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig
allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend,
welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu
haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und
saß nun wartend allein.
Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse
hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören.
Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte
Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit
ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so
wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes,
des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte
ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes.
Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen
Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe,
sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu.
»Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?« frug er sie auf französisch,
ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er
sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach
der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß
er in Furcht und Vorsicht handeln müsse.
»Nein; ich bin gesund,« versetzte sie, sich erhebend und seine
dargereichte Hand fest drückend. »Ich erwartete dich nicht« --
»Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!« rief er aus.
»Du hast mich erschreckt,« antwortete sie: »ich bin allein und erwarte
meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher
kommen.«
Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen.
»Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu
verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,« fuhr er französisch
fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte
russische »Ihr« ebenso wie das gefahrbringende russische »du« umgehen
wollte.
»Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!«
»Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,« fuhr er fort ohne ihre Hände
freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. »Woran dachtet Ihr?«
»Nur immer an Eins,« antwortete sie lächelnd.
Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute
zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne
einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine,
an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe.
Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran,
weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel -- sie kannte deren vor
der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch -- alles dies so
leicht war, für sie selbst aber so qualvoll.
Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger
Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er
antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im
Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone
Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu
erzählen.
»Soll ich es sagen oder nicht?« dachte sie hierbei, in seine ruhigen,
freundlichen Augen blickend. »Er ist so glücklich, so beschäftigt mit
seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er
nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen
wird.«
»Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich
eintrat,« fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, »sagt mir es doch,
bitte!«
Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend,
verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen
Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte
spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder
jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so
sehr gewonnen hatte.
»Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig
sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen
soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,« sprach er in beschwörendem
Tone.
»Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der
Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht;
weshalb eine solche Probe machen,« dachte sie bei sich selbst, ihn
beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und
mehr zu zittern begann.
»Bei Gott beschwöre ich Euch,« wiederholte er, ihre Hand ergreifend.
»Soll ich sprechen?«
»Ja, ja!«
»Ich bin gesegnet,« sprach sie leise und langsam.
Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus
den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme.
Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann
ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf.
»Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,« dachte sie
und drückte ihm dankbar die Hand.
Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so
begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte.
Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes
seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm
Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er
ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr
verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so,
möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen.
Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung
mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand,
erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen.
»Ja wohl;« sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. »Weder ich noch Ihr
haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei
aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir
müssen unfehlbar ein Ende machen,« sagte er, sich umblickend, »mit
dieser Lüge, in der wir leben.«
»Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?« frug sie leise.
Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem
Lächeln.
»Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.«
»Es ist ja ohnehin schon vereinigt,« bemerkte sie kaum vernehmbar.
»Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.«
»Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!« frug sie, mit
traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. »Giebt
es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines
Gatten?« --
»Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,«
sagte er. »Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du
dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit
der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.«
»O, nur nicht mit dem Manne,« versetzte sie mit treuherzigem Lächeln.
»Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht
da.«
»Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein
Gewissen über ihn.«
»Aber er weiß es doch nicht,« sagte sie und eine helle Röte stieg ihr
plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen
der Scham traten ihr in die Augen. »Wir wollen nicht mehr von ihm
sprechen.«
23.
Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht,
wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war
stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen,
mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung.
Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder
wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie
selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder
aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht
liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste.
Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu
geben.
»Weiß er nun etwas oder nicht,« frug Wronskiy in seinem gewohnten,
festen, ruhigen Ton, »weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts
an. Wir können nicht -- Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht
so bleiben, besonders jetzt.«
»Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?« frug sie mit dem alten
leichtsinnigen Spott.
Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht
auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge
derselben ausführte, es müsse gehandelt werden.
»Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.«
»Nicht übel, wenn ich dies thäte,« antwortete sie.
»Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?«
»Ich kann Euch alles im voraus erzählen« -- ein böser Glanz entzündete
sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: »Aha,
Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches
Verhältnis getreten« -- bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was
Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das
Wort verbrecherisch. »Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen
in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam
gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen
nicht der Schande überliefern -- ebensowenig wie meinen Sohn,« wollte sie
hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, »der
Schande nicht überliefern,« ergänzte sie und sprach noch weiter in
dieser Weise. »Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen
Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von
sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen,
um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun,
was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine
Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,« fügte
sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an
alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles
zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte,
und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie
sich vor ihm schuldig gemacht hatte.
»Aber Anna,« fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich
bemühend, sie zu beruhigen, »es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen
und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.«
»Und wie stände es mit einer Flucht?«
»Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses
Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern
ich sehe, daß Ihr leidet!«
»Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,« sagte sie
bitter.
»Anna,« antwortete er vorwurfsvoll zärtlich.
»Ja, ja,« fuhr sie fort, »ich werde Eure Geliebte werden und alles ins
Unglück stürzen.«
Sie wollte wiederum hinzufügen »auch mein Kind«; aber sie vermochte
nicht, dieses Wort auszusprechen.
Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften
Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu
ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er
ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort »Sohn«
bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte.
Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der
Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute,
über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als
echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit
Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten
geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit
dem Sohne werden solle.
»Ich bitte, ich beschwöre dich,« sagte sie mit plötzlich völlig
verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend,
»sprich nie mit mir hierüber!«
»Aber, Anna« --
»Nie! -- Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche
meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung
nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir;
sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen?
Nein, nein, versprich« --
»Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts
dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht
Ruhe finden kannst.«
»Ich?« fuhr sie fort. »Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies
geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust
du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.«
»Ich verstehe dich nicht,« sagte er.
»Ich weiß wohl,« unterbrach sie ihn, »wie schwer es deiner ehrenhaften
Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran,
wie du für mich dein Leben untergraben hast.«
»Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,« sagte er, »wie konntest du
meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht
vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.«
»Ich unglücklich?« sagte sie, sich ihm nähernd, und ihn mit verzücktem
Lächeln der Liebe anblickend, »ich erscheine mir wie ein hungriger
Mensch, dem man Speise gereicht hat. Mag sein, daß er dabei friert und
sein Kleid zerrissen ist, daß er sich schämt darob -- er ist aber doch
nicht unglücklich. Ich unglücklich? Nein, hier ist mein Glück!«
Sie vernahm die Stimme ihres heraneilenden Söhnchens und erhob sich jäh,
die Terrasse mit schnellem Blick überfliegend.
Ihr Blick erglühte in jenem Feuer, das er kannte, mit schneller Bewegung
erhob sie ihre mit Ringen bedeckten schönen Hände, nahm ihn beim Kopfe
und blickte ihn mit langem Blicke an, dann näherte sie ihr Antlitz mit
halbgeöffneten lächelnden Lippen, küßte ihn schnell auf den Mund und
beide Augen und stieß ihn dann von sich. Sie wollte forteilen, doch er
hielt sie.
»Wann?« frug er flüsternd, sie mit entzückten Blicken messend.
»Heute, um ein Uhr,« flüsterte sie und ging dann, unter einem schweren
Seufzer, mit ihren leichten und schnellen Schritten dem Sohne entgegen.
Sergey hatte den Regen im großen Parke abgewartet, mit seiner Amme in
einer Laube sitzend.
»Also auf Wiedersehen,« sagte sie zu Wronskiy. »Nun muß ich bald zu den
Rennen. Bezzy hat versprochen, mich abzuholen.«
Wronskiy blickte nach seiner Uhr und ging eiligst von dannen.
24.
Als Wronskiy nach der Uhr an dem Balkon des Hauses der Karenin blickte,
war er so in Verwirrung, so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er wohl
die Zeiger auf dem Zifferblatt sah, aber nicht zu erkennen vermochte,
welche Zeit es war. Er schritt nach der Chaussee hinaus und begab sich,
vorsichtig durch den Morast watend, zu seinem Wagen.
Wronskiy war derart von seiner Empfindung für Anna erfüllt, daß er gar
nicht mehr daran gedacht hatte, welche Zeit es sei, und ob es noch Zeit
sei, zu Brjanskiy zu fahren.
Er besaß nur noch, wie dies so häufig vorkommt, die äußere Fähigkeit des
Gedächtnisses, welche ihm zeigte, wie die Dinge hintereinander zu
erledigen waren. Er trat zu seinem Kutscher, welcher auf dem Bocke in
dem schon schrägfallenden Schatten einer dichten Linde träumte,
scheuchte die in Säulen schwärmenden Stechfliegen, die auf den nassen
Pferden tanzten, und weckte dann den Kutscher, sprang in den Wagen und
befahl, zu Brjanskiy zu fahren.
Als er ungefähr sieben Werst gefahren war, war er soweit zu sich
gekommen, daß er nach der Uhr sah und erkannte, es sei halb sechs und er
werde sich verspäten.
Am heutigen Tage fanden mehrere Rennen statt; ein Eröffnungsrennen, ein
Offiziersrennen von zwei Werst Distance, eines von vier Werst und das
Rennen, an welchem er selbst teilnahm.
Zu seinem eignen Rennen konnte er noch kommen, aber wenn er zu
Brjanskiy fahren wollte, so konnte er eben noch ankommen, und er kam
dann erst an, wenn der ganze Hof schon anwesend sein würde.
Dies war unangenehm; doch er hatte Brjanskiy sein Wort gegeben, zu ihm
kommen zu wollen und entschied sich deshalb dafür, weiter zu fahren,
indem er dem Kutscher befahl, die Troika nicht zu schonen.
Er kam zu Brjanskiy, hielt sich bei demselben fünf Minuten auf und eilte
dann zurück. Diese schnelle Fahrt beruhigte ihn.
All das Bedrückende, das in seinen Beziehungen zu Anna lag, all das
Unbestimmte, was noch nach der stattgehabten Unterredung zwischen ihnen
obwaltete, verschwand jetzt ganz aus seinem Kopfe, und mit Wonne und
Lebhaftigkeit dachte er jetzt an das Rennen, daran, daß er dennoch eilen
müsse, und nur bisweilen flammte dazwischen die Erwartung der
Glückseligkeit des Wiedersehens, welches ihm für die heutige Nacht
zugesagt war, in hellem Lichte in seiner Vorstellungskraft auf.
Die Spannung auf das bevorstehende Rennen ergriff ihn mehr und mehr, im
Maße, als er weiter und weiter in die Atmosphäre der Rennbahn gelangte,
und die Equipagen überholte, die von den Landgütern und von Petersburg
her zu den Rennen fuhren.
In seinem Quartier war niemand mehr anwesend; alle waren schon zu den
Rennen gegangen und sein Lakai erwartete ihn an der Thür. Während er
sich umkleidete, teilte ihm dieser mit, daß das zweite Rennen schon
begonnen habe und viele Herren bereits nach ihm gefragt hätten. Auch von
dem Marstall sei schon zweimal der Groom gekommen.
Ohne Hast kleidete er sich um -- er hastete niemals und verlor nie die
Selbstbeherrschung -- und befahl alsdann, nach den Baracken zu fahren.
Von diesen aus konnte er schon das Gewoge der Equipagen, der Fußgänger
und Soldaten sehen, welche die Rennbahn umgaben und die von Menschen
wimmelnden Tribünen.
Es fand wahrscheinlich soeben das zweite Rennen statt, da er gerade zur
Zeit seines Eintritts in die Baracken die Glocke vernahm.
Als er sich dem Stalle näherte, begegnete ihm Machotins weißfüßiger
Fuchs »Gladiator« den man in einer orangefarbenen und blauen Decke, an
welcher sich ungeheuer große blaue Ohrklappen befanden, nach der Bahn
führte.
»Wo ist Kord?« frug er den Knecht.
»Im Stalle; er sattelt.«
In dem geöffneten Stallraum war Frou-Frou schon gesattelt. Man war im
Begriff, ihn herauszuführen.
»Bin ich also doch nicht zu spät gekommen?«
»=All right, all right=! Alles in Ordnung,« antwortete der Engländer.
»Seid nur nicht aufgeregt.«
Wronskiy überflog nochmals mit einem Blicke die herrlichen, ihm so
teuren Formen des Pferdes, welches am ganzen Körper bebte, und ging
dann, sich nur mit Überwindung von diesem Anblick losreißend, aus der
Baracke.
Er kam zu den Tribünen gerade zur günstigsten Zeit, um keinerlei
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Soeben ging das Zwei-Werste-Rennen zu Ende und aller Augen richteten
sich auf den Reiter von der Kavaliergarde der die Tete desselben führte
und den Leibhusaren der ihm folgte und auf die Rosse, welche mit
Aufgebot der letzten Kräfte daherjagend, sich dem Pfosten näherten.
Aus der Mitte und von außerhalb des Kreises drängte sich alles nach dem
Pfosten hin und eine Gruppe von Soldaten und Offizieren des
Kavaliergarderegiments gab mit lauten Rufen ihrer Freude über den zu
erwartenden Triumph ihres Offiziers und Kameraden Ausdruck.
Wronskiy trat unbemerkt in die Mitte dieses Kreises, fast zur nämlichen
Zeit, als die Glocke ertönte, welche das Ende des Rennens anzeigte und
der hochgewachsene Kavaliergardist, welcher Sieger geblieben war, über
und über mit Kot bespritzt, sich auf dem Sattel zurückbeugte und seinem
grauen Hengst, der von Schweiß dunkel geworden war, die Zügel ließ.
Der Hengst, der nur mit Mühe die Füße noch heben konnte, mäßigte die
rasende Schnelligkeit seines großen Körpers und der Kavaliergardist
schaute sich, gleich einem Menschen der aus einem schweren Traume
erwacht, im Kreise um, zu lächeln versuchend. Ein Haufe von Freunden und
Fremden umringte ihn.
Wronskiy mied mit Absicht jenen gewählten Trupp aus der hohen Welt, der
sich gemessen und doch frei bewegte und vor den Tribünen im Gespräch
umherging.
Er wußte, daß dort auch Anna Karenina war, sowie Bezzy, und das Weib
seines Bruders und begab sich daher mit Absicht, um sich nicht zu
zerstreuen, nicht dahin.
Es trafen ihn indessen unaufhörlich Bekannte die ihn anhielten, ihm
Einzelheiten über die schon beendeten Rennen erzählten und ihn frugen,
weshalb er sich verspätet habe.
Zur selben Zeit, als die Teilnehmer am Rennen in die Rennkasse berufen
wurden, um ihre Preise entgegenzunehmen und als alles sich nach dorthin
wandte, trat Alexander, der ältere Bruder Wronskiys, ein Oberst in
Epauletten, von kleiner Gestalt, und ebenso stämmig gebaut wie Aleksey,
aber frischer und röter im Gesicht, mit roter Nase und offenem,
trunksüchtigen Gesicht zu ihm.
»Hast du meinen Brief empfangen?« begann derselbe. »Man kann dich ja
niemals antreffen!«
Aleksander Wronskiy war ungeachtet seines ausschweifenden, namentlich
dem Trunke huldigenden Lebens, wegen dessen er bekannt war, ein
vollendeter Hofmann.
Als er jetzt mit seinem Bruder über eine für ihn so sehr unerquickliche
Angelegenheit sprach, nahm er doch in dem Bewußtsein, daß jetzt vieler
Augen auf sie gerichtet sein konnten, eine lächelnde Miene an, als
scherze er gleichsam über eine Kleinigkeit mit seinem Bruder.
»Ich habe ihn empfangen, verstehe aber wahrhaftig nicht, um was du dich
hierbei zu sorgen hättest,« antwortete Aleksey.
»Ich muß mich um das kümmern, was von mir soeben hervorgehoben wurde,
daß man dich nämlich nirgends findet, und man dir am Montag in Peterhof
begegnet ist.«
»Es giebt Angelegenheiten, die nur der Beurteilung derjenigen
unterstehen, die davon direkt interessiert werden, und die
Angelegenheit, um die du dich so sehr kümmerst, ist eine solche« --
»Ja, ja, aber dann dient man eben nicht, nicht« --
»Ich bitte dich, dich nicht einzumischen; und damit genug« --
Das finstere Gesicht Aleksey Wronskiys wurde bleich und sein
hervorstehendes Unterkinn zitterte, was bei ihm nur selten vorkam.
Als Mensch von sehr gutem Herzen erregte er sich nur selten, geschah
dies aber einmal, und bebte erst das Kinn bei ihm, dann war er -- und
dies wußte auch Aleksander Wronskiy -- gefährlich. -- Aleksander
Wronskiy lächelte heiter.
»Ich hatte dir nur einen Brief der Mutter geben wollen. Antworte ihr und
zerstreue dich nicht vor deinem Rennen.«
»=Bonne chance=,« fügte er hinzu, lächelte und ging. Gleich nach ihm aber
hielt Wronskiy wiederum eine freundschaftliche Begrüßung auf.
»Man will wohl seine Freunde gar nicht kennen! Guten Tag =mon cher=!«
redete ihn jetzt Stefan Arkadjewitsch an, dessen Gesicht auch hier,
inmitten des Glanzes von Petersburg, nicht minder in den gewundenen
frisierten Backenbärten vor Röte schimmerte, als in Moskau. »Ich bin
erst gestern angekommen und freue mich sehr, deinen Sieg mit ansehen zu
können; wann werden wir uns heute sehen?«
»Komm morgen ins Kasino,« antwortete Wronskiy, und drückte ihm sich
empfehlend den Ärmel seines Paletots, worauf er nach dem Mittelpunkt des
Rennplatzes schritt, woselbst schon die Pferde zu dem großen Rennen mit
Hindernissen hereingeführt wurden.
Die schweißtriefenden, abgematteten Pferde des vorigen Rennens wurden,
von den Grooms geführt, nach Hause gebracht, und eins nach dem anderen
erschienen zum bevorstehenden Rennen neue, meist englische Pferde, in
Hauben, mit ihren hängenden Leibern, seltsamen, ungeheuren Vögeln
ähnlich.
Rechts brachte man das feurige Vollblut Frou-Frou, welches wie auf
Sprungfedern auf seinen elastischen und ziemlich langen Beinen
dahinschritt. Unfern davon nahm man dem spitzohrigen Gladiator die Decke
ab. Die runden, reizend schönen, vollkommen ebenmäßigen Formen des
Hengstes mit dem prächtigen Hinterteil, den ungewöhnlich kurzen, steif
auf den Hufen aufstehenden Beinen, zogen unwillkürlich die
Aufmerksamkeit Wronskiys auf sich.
Dieser wollte nun zu seinem Pferde gehen, aber wieder hielt ihn ein
Bekannter zurück.
»Dort ist ja Karenin!« sagte derselbe zu ihm, mit dem er ins Gespräch
kam. »Er sucht seine Frau, die sich mitten auf der Tribüne befindet.
Habt Ihr sie noch nicht gesehen?«
»Nein, ich habe sie nicht gesehen,« versetzte Wronskiy, nicht einmal
einen Blick nach der Tribüne werfend, auf der man ihm die Karenina
zeigte. Hierauf begab er sich zu seinem Pferd.
Wronskiy hatte kaum die Sattelung gemustert, über welche noch einige
Anordnungen zu geben waren, als man die Teilnehmer am Rennen zu der
Rennkasse berief, um die Nummern zu ziehen und den Start zu erläutern.
Mit ernsten, strengen Gesichtern, viele bleich, gingen siebzehn Herren
zur Bude und nahmen ihre Nummern.
Wronskiy hatte Nummer sieben. Man vernahm den Ruf »Aufsitzen«. In der
Empfindung, daß er zusammen mit den übrigen Teilnehmern am Rennen den
Mittelpunkt bildete, auf den sich aller Augen gerichtet hielten, begab
er sich in einem Zustand von Spannung, bei welchem er gewöhnlich
gemessen und ruhig in seinen Bewegungen wurde, zu seinem Pferd.
Kord hatte sich für die Feier der Rennen mit seinem Paradeanzug, einem
schwarzen hochzugeknöpften Überzieher, steif gestärktem Kragen, der ihm
die Backen aufstemmte und einem runden schwarzen Hut und Kanonenstiefeln
geschmückt. Er war, wie stets, ruhig und gemessen, und hielt eigenhändig
das Pferd an beiden Zügeln, vor demselben stehend.
Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner
Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den
Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker,
zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück.
Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber
zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe.
»Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.«
Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß
er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde.
Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von
welchem gestartet werden mußte.
Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys, ging
rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen
wollte.
Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie
eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den
Engländern nachzumachen.
Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem
Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte.
Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine
»Nervenschwäche«, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten,
daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein
Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so
entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem
Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz
und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten.
Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm
freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen
bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator.
»Also keine Überstürzung,« sagte Kord zu Wronskiy, »und denket nur an
das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht;
überlaßt ihn sich selbst wie er will!«
»Gut, gut,« sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend.
»Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur
letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!«
Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und
kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und
leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel
brachte.
Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete
er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und
Kord ließ die Hände los.
Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten
habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte
sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem
geschmeidigen Rücken.
Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach.
Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den
Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte
sich sorglich -- mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. --
Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach
dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren
vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des
Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin
überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine
langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er
liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen
gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe
an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte.
Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei
Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden
Trab über, den Reiter dabei hochwerfend.
Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter
Wronskiy.
25.
Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer
großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor
sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden;
nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe
mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter
Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein »irländisches Bankett«, welches --
als eines der schwierigsten Hindernisse -- aus einem Wall bestand, der
von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die
Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen
oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein
trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne.
Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa
hundert Faden seewärts von demselben und auf diesem Abstand hin befand
sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite,
welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt
durchreiten konnten.
Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der
Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen.
Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er
endlich beim viertenmale »los« rief und die Reiter davonflogen.
Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der
Reiter während diese starteten.
»Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!« hörte man es von allen
Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen.
Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu
Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon
trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie
dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem
Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle
geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon
Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen.
Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment,
und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte,
bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in
den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und
vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem
Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen
voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr
tot als lebendig war.
In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über
sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die
Bewegung des Pferdes nicht zu leiten.
Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im
selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum
bemerkbar, gleichsam fliegend, folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben
Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich
fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana
jenseits des Flusses wälzte. -- Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die
Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte.
Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur,
daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß
oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer
fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem
Rücken, vermied das Pferd und flog weiter.
»Braves Pferd!« dachte Wronskiy.
Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd
gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große
Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden,
hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen,
diesen auszustechen.
Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der
gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter,
auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als
es »zum Teufel« ging -- wie die feste Mauer genannt wurde.
Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten
Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und
die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des
Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der
nämlichen Entfernung hielten.
Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem
kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys.
»Bravo!« sprach eine Stimme.
Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor
ihm selbst, die Bretter der Barriere auf.
Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter
ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein
Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu
zeitig vor der Barriere sprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an
diese angeschlagen.
Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine
Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im
selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen
Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht
entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung.
Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt
Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits
erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung
bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite
aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum.
Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen
noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz
in der gleichen Weise die Überholung versuchte.
Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt
neben der Croupe des Gladiator.
Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem
Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den
großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und
überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel.
Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm
schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er
fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe
hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das
abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des
Gladiator.
Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden
leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen
des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude,
daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der
Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war.
Wronskiy führte das Rennen und that somit, was er gewollt, und was ihm
Kord geraten hatte -- jetzt war er seines Erfolges sicher. -- Seine
Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er
hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte
sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben
so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen
Gefühl nach, noch besaß.
Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor
den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das
»irische Bankett« zu.
Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden
zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels.
Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und
hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das
Pferd wußte, was es galt.
Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich,
stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere,
welches es weit über den Graben hinweg trug.
In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen
Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort.
»Bravo, Wronskiy!« vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen,
welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner
Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme
Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen.
»Mein prächtiges Pferd,« dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das,
was hinter ihm vorging. »Er hat es auch genommen,« dachte er, hinter
sich das Stampfen des Gladiator hörend.
Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite
übrig.
Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit
großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu
arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und
nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht
nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick und
auf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen
hervor und es atmete scharf und kurz.
Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch
zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er
sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der
Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine
Schnelligkeit vermehrt hatte.
Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog
ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu
seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell
genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte
nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf
den Sattel niedergelassen.
Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas
Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft
über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht
neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und
Machotin vorüberflog.
Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd
wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es
nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose
Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich
zu erheben.
Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener
Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das
Rückgrat gebrochen.
Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß
Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend,
einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor
ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit
seinem schönen Auge anblickend.
Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein
Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch,
mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach
vorn, aber nicht imstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich
vergeblich und fiel wieder auf die Seite.
Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden
Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und
zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte
nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke
anschauend.
»O!« stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, »o, was habe ich
gethan!« -- rief er aus. »Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld,
durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses
unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!«
Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen
herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein
Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden.
Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu
antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen.
Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht
aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging.
Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an
sich das schwerste Unglück -- ein nicht wieder gut zu machendes Unglück,
und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug.
Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer
halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung.
Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine
der schwersten und peinlichsten seines Lebens.
26.
Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin
blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur
darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher.
Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad
nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit
alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie
gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich
wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging
alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb.
Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin
Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine
Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer
konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau
sein.
Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch
gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche
Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen
Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter.
»Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,« schien er zu sagen, sich
in Gedanken zu ihr wendend, »um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun
bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,«
sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht
hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine
vergeblichen Anstrengungen, sagt, »möge es nun über dich kommen, mögest
du nun verbrennen dafür!« --
Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff
noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem
Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine
Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und
verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes
Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind,
ruhten.
Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend
kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche
ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete.
»Nun, junger Mann!« wandte er sich an ihn.
Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem
Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er
gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte
auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch
welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem
die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine
Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in
demselben schlummerten.
Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was
er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte,
friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr
in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt.
Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs
etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes
frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines
Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er
auch gar nicht daran.
Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich
hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf,
in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna.
Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf
verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein
einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf
das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam
gemacht.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem
Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben
sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen.
Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft
viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen
und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach
Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis
zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete
sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine
an.
Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne
sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten
Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft
sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief
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