ihm freudig zu pochen, und er ritt auf dieses Dunkle zu, in welchem er
bereits die Wände von Bauernhäusern zu erkennen glaubte. Aber dieses Dunkle
war nicht unbeweglich, sondern schwankte fortwährend und war kein Dorf,
sondern ein Grenzrain, der mit hohen, aus dem Schnee herausragenden
Beifußstauden bewachsen war, welche der durch sie hindurchpfeifende Wind
immer nach einer Seite bog. Und ohne eigentlichen Grund schauderte beim
Anblicke dieser vom Winde unbarmherzig mißhandelten Beifußstauden Wasili
Andrejitsch zusammen und trieb eilig das Pferd weiter, ohne zu beachten,
daß er beim Heranreiten an die Beifußstauden die frühere Richtung
vollständig verändert hatte und jetzt das Pferd nach einer ganz anderen
Seite trieb, immer noch in der Vorstellung, daß er nach der Seite ritte, wo
sich das Wächterhäuschen befinden müsse. Aber das Pferd strebte immer nach
rechts, und deshalb lenkte er es die ganze Zeit über mehr nach links.
Wieder erblickte er etwas Dunkles vor sich. Er freute sich, überzeugt, daß
es diesmal nun sicher ein Dorf sei. Aber es war wieder ein mit Beifuß
bewachsener Rain. Und wieder schwankten die Stauden wild hin und her und
flößten dem einsamen Reiter eine unerklärliche Angst ein. Und nicht genug
damit, daß dies ebensolche Beifußstauden waren; es führte an ihnen auch
eine vom Winde fast verwehte Pferdespur vorbei. Wasili Andrejitsch hielt
an, beugte sich hinunter und blickte scharf hin: es war eine leicht mit
Schnee überdeckte Pferdespur, und sie konnte von keinem anderen Pferde
herrühren als von seinem eigenen. Er war offenbar im Kreise herumgeritten,
und zwar auf einem kleinen Raume. »So gehe ich zugrunde,« dachte er; aber
um nicht ganz von der Furcht übermannt zu werden, trieb er das Pferd noch
heftiger an und starrte immer in den weißen Schneenebel hinein, in welchem
er nichts sah als ab und zu aufschimmernde und sofort wieder verschwindende
leuchtende Punkte. Einmal glaubte er, das Bellen von Hunden oder das Heulen
von Wölfen zu hören; aber diese Laute waren so schwach und unbestimmt, daß
er nicht wußte, ob er wirklich etwas höre oder es sich nur einbilde. Er
hielt das Pferd an und horchte mit größter Spannung.
Plötzlich ertönte nicht weit von seinen Ohren ein furchtbares, betäubendes
Schreien, und alles erzitterte und erbebte unter ihm. Wasili Andrejitsch
klammerte sich an den Hals des Pferdes; aber auch dieser ganze Hals
zitterte, und das furchtbare Geschrei wurde noch entsetzlicher. Einige
Sekunden lang vermochte Wasili Andrejitsch gar nicht zur Besinnung zu
kommen und sich darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen war. Aber
was geschehen war, bestand nur darin, daß der Braungelbe, sei es um sich
Mut zu machen, sei es um jemand zur Hilfe herbeizurufen, ein lautes,
schallendes Gewieher ausgestoßen hatte.
»Zum Teufel noch einmal! Was hast du mir für einen Schreck eingejagt,
verdammtes Vieh!« sagte Wasili Andrejitsch vor sich hin.
Aber auch nachdem er die wahre Ursache seiner Angst erkannt hatte, konnte
er sich von dieser Angst nicht mehr frei machen.
»Ich muß mich sammeln, muß meine Gedanken zusammennehmen,« sagte er zu
sich, konnte sich aber dabei doch nicht zur Ruhe zwingen und trieb das
Pferd unaufhörlich an, ohne zu bemerken, daß er jetzt mit dem Winde ritt,
und nicht mehr gegen den Wind. Sein Körper fror, schmerzte und zitterte,
namentlich zwischen den Beinen am Schritt, wo er ungeschützt war und das
Rückenpolster berührte. Der Gedanke an das Wächterhäuschen war ihm ganz aus
dem Sinn gekommen, und er wünschte jetzt nur noch eines: zu dem Schlitten
zurückzukehren, um nicht so einsam und allein wie diese Beifußstauden
mitten in dieser furchtbaren Schneewüste zugrunde zu gehen.
Auf einmal sank das Pferd unter ihm weg; es war in eine Schneegrube
hineingeraten und begann nun mit den Beinen um sich zu schlagen, fiel aber
zur Seite. Wasili Andrejitsch sprang herunter, wobei er den Umlaufriemen,
auf den er sich mit dem Fuße gestützt hatte, ganz seitwärts verschob und
das Rückenpolster, an dem er sich beim Abspringen gehalten hatte, schief
zog. Sobald er vom Pferde heruntergesprungen war, kam das Pferd wieder mit
sich zurecht, tat einen Ruck nach vorn, machte einen Sprung, dann noch
einen, stieß wieder ein Gewieher aus, und indem es den auf dem Boden
schleifenden Sack und den Umlaufriemen hinter sich her schleppte,
verschwand es seinem Herrn aus den Augen und ließ diesen allein in der
Schneemasse zurück. Wasili Andrejitsch lief ihm nach; aber der Schnee war
so tief und seine Pelze so schwer, daß er nicht mehr als zwanzig Schritte
machen konnte, wobei er mit jedem Beine bis über das Knie einsank; dann
blieb er atemlos stehen. »Der Wald, die Hammel, die gepachteten Güter, der
Laden, die Schenken,« dachte er, »was wird nun aus alledem werden? Was
geschieht denn hier mit mir? Das kann doch nicht sein!« fuhr es ihm durch
den Kopf. Und infolge einer eigenartigen Gedankenverknüpfung erinnerte er
sich an die vom Winde gepeitschten Beifußstauden, an denen er zweimal auf
seinem Ritte vorbeigekommen war, und es überkam ihn ein solches Grauen, daß
er an die Wirklichkeit dessen, was mit ihm vorging, gar nicht zu glauben
vermochte. Er dachte: »Ob mir auch nicht etwa das alles nur träumt?« und
wollte aufwachen; aber da war kein Schlaf, aus dem er hätte erwachen
können. Das war wirklicher Schnee, der ihm das Gesicht peitschte und ihn
beschüttete, und das war eine wirkliche Einöde, in der er jetzt allein
geblieben war, wie jenes Beifußgestrüpp, und einem unvermeidlichen,
baldigen, allen Sinnes und Verstandes baren Tode entgegensah.
»Königin des Himmels, wundertätiger Nikolaus!« rief er aus, indem er sich
an die gestrigen Kirchengebete erinnerte und an das Heiligenbild mit der
schwarzgewordenen Malerei und dem goldenen Rahmen, und an die Kerzen, die
er zum Anzünden vor diesem Heiligenbilde verkaufte, und die ihm sofort
wieder zurückgebracht wurden, und die er dann, da sie kaum angebrannt
waren, wieder in seinem Kasten verwahrte. Und nun betete er zu ebendiesem
wundertätigen Nikolaus um seine Rettung und gelobte ihm einen
Dankgottesdienst und Kerzen. Aber zugleich war er sich in zweifelloser
Weise darüber klar, daß dieses Heiligenbild und sein Rahmen und die Kerzen
und die Geistlichen und die Gebete, daß das alles zwar dort in der Kirche
sehr wichtig und nötig sei, ihm aber hier nichts helfen könne, und daß
zwischen diesen Kerzen und Gebeten einerseits und seiner jetzigen
jammervollen Lage andrerseits keinerlei Zusammenhang bestehe und auch nicht
bestehen könne.
»Ich darf nicht den Mut verlieren,« sagte er sich. »Ich muß den Spuren des
Pferdes folgen, sonst werden die auch noch verweht.« Und er setzte sich
wieder in Bewegung. Aber trotzdem er eigentlich beabsichtigte ruhig zu
gehen, begann er doch zu laufen, fiel fortwährend, erhob sich wieder und
fiel von neuem. An solchen Stellen, wo der Schnee nicht tief lag, war die
Spur des Pferdes kaum noch zu erkennen. »Es ist um mich geschehen,« dachte
Wasili Andrejitsch; »ich verliere auch diese Spur noch.« Aber in diesem
Augenblicke bemerkte er, als er nach vorn sah, etwas Dunkles. Das war der
Braungelbe, und der Braungelbe nicht allein, sondern auch der Schlitten mit
der aufgerichteten Deichsel. Der Braungelbe, dem das Rückenpolster und der
Umlaufriemen und der Sack ganz schief gerutscht waren, stand jetzt nicht
auf seinem früheren Platze, sondern näher bei der Deichsel und schlug mit
dem Kopfe hin und her, den ihm der Zügel, auf welchen er getreten war, nach
unten zog. Es stellte sich heraus, daß Wasili Andrejitsch in derselben
Vertiefung stecken geblieben war, in welcher ihm vorher mit Nikita zusammen
das gleiche begegnet war, und daß das Pferd ihn zum Schlitten
zurückgebracht hatte, und daß die Stelle, wo er vom Pferde gesprungen war,
von dem Standorte des Schlittens nicht mehr als fünfzig Schritte entfernt
gewesen war.
IX
Nachdem Wasili Andrejitsch sich zu dem Schlitten hingeschleppt hatte, hielt
er sich an ihm fest und stand lange so da, ohne sich zu rühren, bemüht,
sich zu beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Nikita befand sich nicht
mehr an seinem früheren Platze; aber im Schlitten lag etwas, was schon ganz
mit Schnee bedeckt war, und Wasili Andrejitsch erriet, daß das Nikita sei.
Wasili Andrejitschs Furcht war jetzt vollständig verschwunden, und wenn er
jetzt etwas fürchtete, so war es eben nur jener entsetzliche Angstzustand,
den er auf dem Pferde und namentlich damals, als er allein in der
Schneegrube zurückgeblieben war, durchgemacht hatte. Um keinen Preis durfte
er es dahin kommen lassen, daß ihn diese Angst von neuem überfiel, und
damit sie ihn nicht überfalle, durfte er nicht an sich selbst denken,
sondern er mußte an etwas anderes denken, mußte etwas tun. Und daher
stellte er sich zunächst mit dem Rücken gegen den Wind und machte seinen
Pelz auf. Dann, sobald er ein wenig zu Atem gekommen war, schüttelte er den
Schnee aus den Stiefeln und aus den Handschuhen. Hierauf band er sich
seinen Gurt von neuem um, und zwar fest und tief unten, so wie er sich zu
umgürten pflegte, wenn er aus seinem Laden heraustrat, um das von den
Bauern gebrachte Getreide vom Wagen zu kaufen; so gürtete er sich auch
jetzt zur Vorbereitung auf seine Tätigkeit. Das erste, was ihm nötig
schien, war, das Bein des Pferdes frei zu machen. Das tat Wasili
Andrejitsch denn auch, und nachdem er den Zügel unter dem Fuße des Pferdes
hervorgezogen hatte, band er den Braungelben wieder an die eiserne Krampe
am Vorderteile des Schlittens, am alten Fleck, und trat nun von hinten an
das Pferd heran, um an ihm den Umlaufriemen, das Rückenpolster und den Sack
in Ordnung zu bringen. Aber in diesem Augenblicke sah er, daß sich im
Schlitten etwas bewegte und Nikitas Kopf sich aus der Schneedecke erhob.
Der Knecht brachte es offenbar nur mit großer Anstrengung fertig, sich
aufzurichten und hinzusetzen; darauf machte er mit der Hand ganz seltsame
Bewegungen vor seiner Nase, wie wenn er da Fliegen wegjagen wollte, und
sagte etwas; wie Wasili Andrejitsch meinte, rief er ihn zu sich heran.
Wasili Andrejitsch ließ den Sack, wie er war, ohne ihn zurechtgelegt zu
haben, und trat zum Schlitten hin.
»Was willst du?« fragte er. »Was sagst du?«
»Ich ... ich ... ster ... sterbe, nun ... ist's da,« brachte Nikita mühsam
in Absätzen heraus. »Meinen Arbeitslohn ... geben Sie meinem Jungen ...
oder meiner Frau ... ganz gleich.«
»Was hast du denn? Sind dir die Glieder erfroren?« fragte Wasili
Andrejitsch.
»Ich fühle ... der Tod kommt ... Verzeihen Sie mir ... wenn ich Ihnen Übles
getan habe ... um Christi willen,« sagte Nikita mit weinerlicher Stimme und
fuhr dabei unaufhörlich mit den Händen vor seinem Gesichte umher, als
wollte er Fliegen wegscheuchen.
Wasili Andrejitsch stand etwa eine halbe Minute lang schweigend da, ohne
sich zu rühren; dann trat er plötzlich mit derselben Entschlossenheit, mit
der er bei einem vorteilhaften Kaufe dem Verkäufer den Handschlag zu geben
pflegte, einen Schritt zurück, streifte die Ärmel seines Pelzes auf und
machte sich daran, mit beiden Händen den Schnee von Nikita und aus dem
Schlitten wegzuscharren. Nachdem er dies ausgeführt hatte, machte Wasili
Andrejitsch eilig seinen Gurt auf, schlug den Pelz auseinander, drückte
Nikita durch einen Stoß, den er ihm versetzte, nieder und legte sich dann
auf ihn, so daß er ihn nicht nur mit seinem Pelze, sondern auch mit seinem
ganzen warmen, erhitzten Körper bedeckte.
Mit den Händen stopfte Wasili Andrejitsch die Seitenteile seines Pelzes
zwischen die Bastwand des Schlittens und Nikitas Leib, und mit den Knien
hielt er den Saum des Pelzes fest; so lag er auf dem Bauche, mit dem Kopfe
gegen die Wand des Vorderteiles gelehnt. Jetzt hörte er weder die
Bewegungen des Pferdes noch das Pfeifen des Sturmwindes; er horchte nur auf
Nikitas Atmen. Nikita lag anfangs lange da, ohne sich zu bewegen; dann
seufzte er laut und rührte sich; offenbar fing er an warm zu werden.
»Na, siehst du wohl! Und da redest du von Sterben! Lieg ganz still und
wärme dich! So handeln wir ...« begann Wasili Andrejitsch zu reden.
Aber weiter konnte er zu seiner größten Verwunderung nicht sprechen, da ihm
die Tränen in die Augen traten und der Unterkiefer hastig zu zucken anfing.
Er hörte auf zu sprechen und schluckte nur das, was ihm in die Kehle kam,
hinunter.
»Das hat mich ja gehörig angegriffen, ich bin ganz schwach geworden,«
dachte er bei sich. Aber diese Schwäche war ihm nicht unangenehm; im
Gegenteil, sie rief in ihm ein ganz besonderes Gefühl der Freude hervor,
wie er es bisher noch nie kennen gelernt hatte.
»So handeln wir!« sagte er zu sich selbst und empfand dabei eine ganz
eigenartige feierliche Rührung. So lag er ziemlich lange Zeit schweigend
da, wischte sich die Augen an dem Pelzwerk ab und stopfte den rechten
Pelzschoß, den der Wind immer wieder zurückschlug, unter sein Knie.
Aber er verspürte eine brennende Lust, jemandem etwas über seinen freudigen
Gemütszustand zu sagen.
»Nikita!« rief er.
»Mir ist wohl, mir ist warm,« erscholl es von unten als Antwort.
»So ist es recht, Bruder! Beinah wäre ich ins Verderben geraten. Du wärest
erfroren, und ich wäre ...«
Aber hier fingen ihm wieder die Kinnbacken an zu zittern, und seine Augen
füllten sich wieder mit Tränen, und er konnte nicht weiterreden.
»Na, das schadet nichts,« dachte er. »Ich weiß doch selbst über mich, was
ich weiß.« Und er verstummte.
Einige Male blickte er nach dem Pferde hin und bemerkte, daß dessen Rücken
unbedeckt war und der Sack sowie der Umlaufriemen auf den Schnee
herunterhingen; er sagte sich, daß er aufstehen und das Pferd zudecken
müsse; aber er konnte sich nicht entschließen, Nikita auch nur für einen
Augenblick zu verlassen und den freudigen Gemütszustand, in welchem er
selbst sich befand, zu stören. Angst empfand er jetzt gar keine.
Es war ihm warm, von unten her durch Nikita, von oben her durch den Pelz.
Nur die Hände, mit denen er die Seitenteile des Pelzes rechts und links von
Nikitas Körper festhielt, und die Füße, von denen der Wind fortwährend den
Pelz zurückschlug, begannen ihm zu erstarren. Aber er dachte nicht an seine
eigenen Glieder; er dachte nur daran, wie er den unter ihm liegenden
Knecht warmhalten könne.
»Keine Bange; das werde ich schon zurechtbekommen!« sagte er bei sich
selbst in bezug darauf, daß es ihm gelingen werde, Nikita warmzuhalten, mit
derselben Ruhmredigkeit, deren er sich bei seinen Käufen und Verkäufen zu
bedienen pflegte.
So lag Wasili Andrejitsch lange, lange. Anfangs zogen ihm Gedanken an
diejenigen Dinge durch den Kopf, die vor seinen Augen umherzitterten: an
den Schneesturm, an die Deichselstangen, an das Pferd unter dem Krummholz;
und er dachte an Nikita, der unter ihm lag. Dann mischten sich Erinnerungen
an das Fest hinein, und an seine Frau, und an den Landkommissär, und an den
Kerzenkasten, und wieder an Nikita, der nun unter diesem Kasten lag. Dann
sah er Bauern vor sich, welche verkauften und kauften, und weiße Wände und
Häuser mit Blechdächern, und unter den Häusern lag wieder Nikita. Dann
verwirrte sich das alles miteinander, eines ging in das andre über, und wie
die Farben des Prismas sich zu dem einheitlichen weißen Lichte verbinden,
so flossen alle diese verschiedenen Eindrücke in ein einziges Nichts
zusammen, und er schlief ein. Lange Zeit schlief er, ohne zu träumen; aber
vor der Morgendämmerung stellten sich die Traumgesichte wieder ein. Es war
ihm, als stände er bei seinem Kerzenkasten, und die Frau des Bauern Tichon
verlange von ihm zum Feiertage eine Kerze für fünf Kopeken; er will die
Kerze herausnehmen und ihr geben; aber er kann die Hände nicht heben; die
stecken zusammengeballt in den Taschen. Er will um den Kasten herumgehen;
aber seine Beine bewegen sich nicht, und die neuen, sauberen Gummischuhe
sind an den steinernen Fußboden angewachsen, und er kann sie nicht in die
Höhe heben, und auch die Füße kann er nicht aus ihnen herausziehen. Und auf
einmal ist der Kerzenkasten kein Kerzenkasten mehr, sondern ein Bett, und
Wasili Andrejitsch sieht sich mit dem Bauche auf dem Kerzenkasten liegen,
das heißt auf seinem Bette in seinem Hause. Und so liegt er auf dem Bette
und kann nicht aufstehen, und dabei muß er doch aufstehen; denn gleich wird
ihn der Landkommissär Iwan Matwjeitsch abholen, und er muß mit Iwan
Matwjeitsch hingehen, entweder um mit dem Gutsbesitzer um den Wald zu
handeln, oder um dem Braungelben den Umlaufriemen in Ordnung zu bringen.
Und er fragt seine Frau: »Nun? Ist der Landkommissär noch nicht
gekommen?« -- »Nein,« antwortet sie, »er ist noch nicht gekommen.« Und er
hört, daß ein Wagen sich der Haustür nähert. »Das wird er gewiß
sein.« --»Nein, es fährt vorbei.« -- »Mikolawna, du, Mikolawna, kommt er
denn immer noch nicht?« -- »Nein.« Und er liegt auf dem Bette und kann gar
nicht aufstehen, und dieses Warten ist angstvoll und freudig zugleich. Da
plötzlich eine große Freude: der, auf den er gewartet hat, kommt, und nun
ist es gar nicht der Landkommissär Iwan Matwjeitsch, sondern jemand anders,
aber doch gerade der, auf den er wartet. Er ist gekommen und ruft ihn bei
seinem Namen, und der, welcher ihn da bei seinem Namen ruft, das ist
ebenderselbe, der ihn vorhin angerufen und ihm geheißen hat, sich auf
Nikita zu legen. Und Wasili Andrejitsch freut sich, daß dieser Jemand
gekommen ist, um ihn abzuholen. »Ich komme!« ruft er freudig. Und dieser
Ausruf weckt ihn auf.
Und er erwacht; aber nun er erwacht ist, ist er ein ganz anderer als der,
welcher er beim Einschlafen war. Er will aufstehen und kann es nicht; er
will den Arm bewegen, er kann es nicht; das Bein, auch das kann er nicht.
Er will den Kopf umdrehen; auch dazu ist er nicht imstande. Er ist darüber
erstaunt, aber in keiner Weise betrübt. Er begreift, daß das der Tod ist;
aber auch darüber grämt er sich nicht im geringsten. Er erinnert sich
daran, daß Nikita unter ihm liegt und warm geworden ist und lebt, und es
kommt ihm vor, als wäre er selbst Nikita, und Nikita er selbst, und als
steckte sein Leben nicht in ihm selbst, sondern in Nikita. Er strengt sein
Gehör an und hört Nikitas Atmen, ja sogar ein schwaches Schnarchen
desselben. »Nikita lebt; also lebe auch ich,« sagt er triumphierend zu sich
selbst. Und eine ganz neue Empfindung, eine Empfindung, die er in seinem
ganzen Leben noch nicht gekannt hat, überkommt ihn.
Er erinnert sich an sein Geld, an seinen Laden, an sein Haus, seine
Einkäufe und Verkäufe und an Mironows Millionen, und es wird ihm schwer, zu
begreifen, warum dieser Mensch, welcher Wasili Brechunow geheißen hat, sich
mit all den Dingen beschäftigt hat, die in Wirklichkeit seine Beschäftigung
gebildet haben. »Nun, er hat eben nicht gewußt, worauf es ankommt,« dachte
er mit Bezug auf diesen Wasili Brechunow. »Ich habe es nicht gewußt; aber
jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich es ohne jeden Irrtum; -jetzt weiß ich
es-.« Und wieder hört er den Ruf dessen, der ihn schon einmal gerufen hat.
»Ich komme, ich komme!« antwortet freudig und gerührt sein ganzes Ich. Und
er fühlt, daß er frei ist und nichts ihn mehr zurückhält.
Und weiter sah und hörte und fühlte Wasili Andrejitsch in dieser Welt nun
nichts mehr.
Ringsum tobte noch immer in gleicher Weise der Schneesturm. Unverändert
wirbelte der Schnee und bedeckte den Pelz des toten Wasili Andrejitsch,
und den am ganzen Leibe zitternden Braungelben, und den kaum noch
sichtbaren Schlitten, und den warm gewordenen Knecht Nikita, der tief unten
im Schlitten unter seinem nun toten Herrn lag.
X
Vor Tagesanbruch wachte Nikita auf. Es weckte ihn die Kälte, die ihm wieder
in den Rücken zu dringen begann. Es hatte ihm geträumt, er käme mit einer
seinem Herrn gehörigen Fuhre Mehl von der Mühle, verfehlte bei Ljapino die
Brücke und bliebe mit der Fuhre stecken. Und nun sah er sich im Traume, wie
er unter die Fuhre kroch und sie zu heben versuchte, indem er sich mit dem
Rücken dagegen stemmte. Aber seltsam! Die Fuhre bewegt sich nicht und
haftet fest an seinem Rücken, und er vermag weder die Fuhre zu heben noch
unter ihr wieder hervorzukriechen. Das ganze Kreuz ist ihm zerquetscht. Und
dabei ist sie eiskalt! Es ist klar, daß er sich Mühe geben muß
hervorzukriechen. »Na, nun ist's genug!« sagt er zu jemand, zu demjenigen,
der ihm die Fuhre auf den Rücken preßt. »Nimm die Säcke herunter!« Aber die
Fuhre wird immer kälter und kälter und drückt ihn immer schlimmer, und auf
einmal hört er ein sonderbares Klopfen und wird davon vollständig wach und
erinnert sich an alles Vorhergegangene. Die kalte Fuhre, das war sein
erfrorener, toter Herr, der auf ihm liegt. Und derjenige, der da geklopft
hatte, das war der Braungelbe gewesen, der zweimal mit den Hufen gegen den
Schlitten geschlagen hatte.
»Andrejitsch, he, Andrejitsch!« ruft Nikita, der schon die Wahrheit ahnt,
vorsichtig seinen Herrn an und krümmt mit Anstrengung seinen Rücken, um in
die Höhe zu kommen.
Aber Wasili Andrejitsch gibt keine Antwort, und sein Bauch und seine Beine
sind steif und kalt, und schwer wie Bleigewichte.
»Er muß wohl gestorben sein. Gott gebe ihm die ewige Seligkeit!« denkt
Nikita.
Er dreht den Kopf ein paarmal hin und her, gräbt sich mit der Hand durch
den auf ihm liegenden Schnee hindurch und öffnet die Augen. Es ist schon
hell. Der Wind pfeift noch ebenso um die Deichselstangen, und das
Schneetreiben ist noch ebenso dicht, nur mit dem Unterschiede, daß der
Schnee jetzt nicht mehr mit peitschendem Tone gegen die Bastwand des
Schlittens schlägt, sondern lautlos Schlitten und Pferd immer höher und
höher bedeckt und keine Bewegung und kein Atmen des Pferdes mehr zu hören
ist. »Der muß wohl auch erfroren sein,« denkt Nikita mit Bezug auf den
Braungelben. Und wirklich waren jene Hufschläge gegen den Schlitten, von
denen Nikita aufgewacht war, die letzten Anstrengungen vor dem Tode
gewesen, durch die der schon ganz erstarrte Braungelbe versucht hatte, sich
auf den Beinen zu halten.
»Mein Gott, Vater im Himmel, gewiß rufst du nun auch mich,« sagt Nikita zu
sich selbst. »Dein heiliger Wille geschehe. Aber mir ist doch bange. Nun,
zweimal braucht man nicht zu sterben, und daß man einmal stirbt, ist
unvermeidlich. Wenn's nur recht schnell ginge ...« Er steckt seine Hand
wieder unter, schließt die Augen und verliert das Bewußtsein, völlig
überzeugt, daß er jetzt sicher und gänzlich sterbe. --
Es war schon Mittag, als Bauern mit Schaufeln Wasili Andrejitsch und Nikita
ausgruben, achtzig Schritt seitwärts von der Landstraße und eine halbe
Werst vom Dorfe entfernt.
Der Schnee lag höher, als der Schlitten war; aber die Deichselstangen und
das Tuch daran waren noch sichtbar gewesen. Der Braungelbe stand bis an den
Bauch im Schnee; der Umlaufriemen und der Sack waren ihm vom Rücken
heruntergeglitten. Das Tier sah am ganzen Leibe weiß aus; den toten Kopf
hielt es gegen den erstarrten Kehlkopf gedrückt. Die Nüstern waren von
Eisstücken erfüllt, die Augen bereift und gleichfalls wie mit gefrorenen
Tränen überzogen. Das Pferd war in der einen Nacht so abgemagert, daß nur
Haut und Knochen an ihm übriggeblieben waren. Wasili Andrejitschs Körper
war starr geworden wie der eines geschlachteten, gefrorenen Tieres, und in
derselben Haltung, in der er auf Nikita gelegen hatte, mit gespreizten
Beinen, wurde er von diesem herabgewälzt. Die vorstehenden Habichtsaugen
waren überfroren, und der offene Mund unter dem kurzgeschnittenen
Schnurrbart mit Schnee vollgestopft. Nikita dagegen, obgleich völlig
erstarrt, war noch am Leben. Als man ihn aufweckte, war er überzeugt, daß
er bereits gestorben sei, und daß das, was mit ihm jetzt geschah, nicht
mehr in dieser, sondern in jener Welt vorgehe. Als er das Schreien der
Bauern hörte, die ihn ausgruben und Wasili Andrejitschs Leichnam von ihm
herunterwälzten, da war er zuerst darüber erstaunt, daß in jener Welt die
Bauern ebenso schrien wie auf Erden; nachdem er aber dann begriffen hatte,
daß er noch hier in dieser Welt sei, war er darüber eher betrübt als
erfreut, namentlich als er merkte, daß ihm an beiden Füßen die Zehen
erfroren waren.
Zwei Monate lag Nikita im Krankenhause. Drei Zehen wurden ihm abgenommen;
aber die übrigen heilten, so daß er wieder arbeiten konnte. Er lebte noch
zwanzig Jahre, zuerst als Knecht, dann in höherem Alter als Wächter.
Gestorben ist er erst in diesem Jahre, bei sich zu Hause, wie er sich das
gewünscht hatte, unter den Heiligenbildern und mit einer brennenden
Wachskerze in der Hand. Vor seinem Tode bat er seine Frau um Verzeihung und
verzieh auch ihr den Böttcher, nahm Abschied von seinem Sohne und seinen
Enkelkindern und starb, aufrichtig erfreut darüber, daß er durch seinen Tod
seinen Sohn und seine Schwiegertochter von der Last eines überflüssigen
Essers befreie, sowie darüber, daß er nunmehr wirklich aus diesem Leben,
das er satt hatte, in jenes andere Leben übergehe, das ihm von Jahr zu Jahr
und von Stunde zu Stunde immer verständlicher und lockender geworden war.
Ob es ihm dort, wo er nach diesem wirklichen Tode erwacht ist, besser oder
schlechter geht, ob er sich enttäuscht gesehen oder ebendas gefunden hat,
was er zu finden erwartete -- das werden wir alle bald erfahren.
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