»Nimm fürlieb, Wasili Andrejitsch,« sagte der Alte. »Das geht schon nicht
anders: dem Feiertag zu Ehren muß man ein Gläschen trinken.«
Der Anblick und der Geruch des Branntweins, namentlich jetzt, wo er
durchgefroren und ermattet war, versetzten Nikita in starke Erregung. Er
machte ein finsteres Gesicht, schüttelte sich den Schnee von der Mütze und
vom Mantel ab, trat vor die Heiligenbilder und bekreuzte und verbeugte sich
dreimal vor ihnen, als ob er keinen der im Zimmer Anwesenden überhaupt
gewahr würde; dann erst wandte er sich zu dem alten Hauswirt, verbeugte
sich zuerst vor ihm, dann vor allen übrigen, die am Tische saßen, dann vor
den am Ofen stehenden Weibern, und nachdem er gesagt hatte: »Ich wünsche
Glück zum Feiertage,« begann er, ohne nach dem Tische hinzublicken, seinen
Mantel auszuziehen.
»Na, du bist aber mal gut bereift, Onkel,« sagte der älteste Sohn mit einem
Blick auf Nikitas Gesicht, Augen und Bart, die ganz mit Schnee gepudert
waren. Nikita legte den Mantel ab, schüttelte ihn noch einmal aus, hängte
ihn an den Ofen und trat an den Tisch. Man bot ihm ebenfalls Branntwein an.
Es war ein Augenblick qualvollen Kampfes: beinahe hätte er das Gläschen
genommen und die verlockend duftende, helle Flüssigkeit in den Mund
gegossen; aber er blickte Wasili Andrejitsch an, erinnerte sich an sein
Gelöbnis, erinnerte sich an die vertrunkenen Stiefel, erinnerte sich an den
Böttcher, erinnerte sich an seinen Jungen, dem er versprochen hatte, ihm
zum Frühjahr ein Pferd zu kaufen; er seufzte und lehnte den Branntwein ab.
»Ich danke ergebenst; ich trinke nicht,« sagte er mit finsterer Miene und
setzte sich an das zweite Fenster auf die Bank.
»Warum denn nicht?« fragte der älteste Sohn.
»Das ist nun mal so: ich trinke eben nicht,« antwortete Nikita; er hob
seine Augen nicht auf, sondern schielte nach seinem Schnurr-und Kinnbart
und brachte die darin befindlichen Eisstückchen zum Schmelzen.
»Es bekommt ihm nicht,« bemerkte Wasili Andrejitsch und aß zu dem Gläschen
Schnaps, das er getrunken hatte, einen Fastenkringel hinterher.
»Nun, dann ein Täßchen Tee,« sagte die freundliche alte Frau. »Du bist
gewiß tüchtig durchgefroren, guter Mann. Was trödelt ihr denn so lange mit
dem Samowar, ihr Weiber?«
»Er ist fertig,« antwortete eine junge Frau, fächelte mit einem Vorhang dem
überkochenden, zugedeckten Samowar Luft zu, trug ihn mit Mühe heran, hob
ihn in die Höhe und setzte ihn mit einem lauten Stoß auf den Tisch.
Unterdessen hatte Wasili Andrejitsch erzählt, wie sie vom Wege abgekommen
seien, wie sie zweimal zu demselben Dorfe gelangt wären, wie sie irre
gefahren und wie sie mit den Betrunkenen zusammengetroffen seien. Die Leute
vom Hause wunderten sich, setzten ihm auseinander, wo und warum sie vom
Wege abgekommen seien, und wer die Betrunkenen gewesen wären, und belehrten
ihn, wie er fahren müsse.
»Von hier nach Moltschanowka kann ein kleines Kind fahren; man braucht nur
auf die Stelle aufzupassen, wo der Weg von der großen Landstraße abbiegt;
da ist ein Gebüsch. Wunderlich, daß ihr euch nicht hingefunden habt!« sagte
der Schulze.
»Ihr solltet die Nacht über hierbleiben. Die Frauen werden euch ein
Nachtlager zurechtmachen,« redete ihnen die Alte freundlich zu.
»Morgen früh fahrt ihr dann weiter; das wäre schon das Beste,« fügte der
Alte bekräftigend hinzu.
»Es geht nicht, Bruder. Die Geschäfte!« erwiderte Wasili Andrejitsch. »Was
man in einer Stunde versäumt hat, bringt man in einem Jahre nicht wieder
ein,« fuhr er fort und dachte dabei an den Wald und an die Händler, die ihm
bei diesem Kaufe zuvorkommen konnten. »Wir werden ja doch wohl hinkommen?«
wandte er sich an Nikita.
Nikita gab lange keine Antwort und tat, als wäre er mit dem Auftauen seines
Bartes vollauf beschäftigt.
»Wenn wir nur nicht wieder den Weg verfehlen,« sagte er endlich mürrisch.
Nikita war mißgestimmt, weil er ein leidenschaftliches Verlangen nach
Branntwein hatte; das Einzige, was ihm über dieses Verlangen hätte
hinweghelfen können, war Tee; aber Tee war ihm noch nicht angeboten worden.
»Wenn wir nur glücklich bis dahin kommen, wo der Weg abzweigt,« sagte
Wasili Andrejitsch. »Dann können wir uns ja nicht mehr verirren; dann geht
es durch Wald bis zu unserem Ziele.«
»Sie haben zu bestimmen, Wasili Andrejitsch, ob wir fahren sollen oder
nicht,« sagte Nikita, indem er ein ihm hingereichtes Glas Tee in Empfang
nahm.
»Wir wollen tüchtig Tee trinken, und dann vorwärts!«
Nikita schwieg und wiegte nur den Kopf hin und her. Behutsam goß er den Tee
in die Untertasse und wärmte an dem Dampfe seine durchgefrorenen Hände.
Darauf biß er von einem Stück Zucker eine kleine Ecke ab, verbeugte sich
vor den Wirtsleuten, sagte: »Auf Ihr Wohl!« und schlürfte dann die wärmende
Flüssigkeit ein.
»Wenn uns doch jemand bis an den Scheideweg bringen könnte,« sagte Wasili
Andrejitsch.
»Gewiß, das kann geschehen,« antwortete der älteste Sohn. »Peter kann ja
anspannen und euch bis an den Scheideweg begleiten.«
»Nun, dann spann an, liebster Freund. Ich werde dir dafür sehr dankbar
sein.«
»Was redest du, lieber Mann!« sagte die freundliche Alte. »Wir freuen uns
von Herzen, dir behilflich sein zu können.«
»Geh, Peter, und spanne die Stute an,« sagte der älteste Sohn.
»Schön,« erwiderte Peter lächelnd, nahm sofort seine Mütze vom Nagel und
lief hinaus, um anzuspannen.
Während das Pferd angeschirrt wurde, ging das Gespräch wieder zu dem
Gegenstande über, um den es sich zu der Zeit gedreht hatte, als Wasili
Andrejitsch vor das Fenster gefahren kam. Der Alte beklagte sich bei seinem
Nachbar, dem Dorfschulzen, über seinen dritten Sohn, der zu den Feiertagen
ihm selbst gar nichts und seiner Frau ein französisches Tuch als Geschenk
geschickt hatte.
»Das junge Volk entzieht sich ganz der elterlichen Zucht,« sagte der Alte.
»Ganz und gar,« erwiderte der Dorfschulze. »Es ist nicht mehr zum
Aushalten. Sie sind gar zu klug geworden. Da zum Beispiel dieser
Demotschkin, der hat seinem Vater bei einem Streite den Arm gebrochen. Das
kommt alles von der großen Klugheit her; da ist kein Zweifel.«
Nikita hörte zu, blickte den Redenden ins Gesicht und hätte sich offenbar
gern ebenfalls an dem Gespräche beteiligt; aber er war von dem Teetrinken
vollständig in Anspruch genommen und nickte nur beistimmend mit dem Kopfe.
Er trank ein Glas nach dem andern, und es wurde ihm immer wärmer, immer
behaglicher. Im weiteren Verlaufe blieb das Gespräch lange bei ein und
demselben Gegenstande stehen, bei den schädlichen Folgen der
Wirtschaftsteilungen, und das Gespräch hatte offenbar nicht etwa einen
theoretischen Charakter, sondern es handelte sich dabei um die Teilung in
diesem Hause, eine Teilung, die der zweite Sohn forderte, der hier mit
dabei saß und mürrisch schwieg. Augenscheinlich war dies ein wunder Punkt,
und diese Frage war für alle Hausgenossen von größtem Interesse; aber aus
Anstandsgefühl mochten sie in Gegenwart Fremder ihre Privatangelegenheit
nicht erörtern. Indes konnte sich der Alte schließlich doch nicht halten
und erklärte mit einer Stimme, der man anhörte, daß ihm die Tränen nahe
waren, solange er lebe, werde er in keine Teilung willigen; jetzt habe er,
Gott sei Dank, ein wohleingerichtetes Haus; wenn aber die Wirtschaft
geteilt würde, dann könnten sie allesamt betteln gehn.
»So wie es bei den Matwejews gegangen ist,« sagte der Schulze. »Es war ein
schönes Anwesen; aber da haben sie es geteilt, und nun hat keiner etwas.«
»Dahin möchtest du es auch bringen,« wandte sich der Alte an seinen Sohn.
Der Sohn antwortete nichts, und es trat ein unbehagliches Stillschweigen
ein. Dieses Stillschweigen unterbrach Peter, der das Pferd angespannt hatte
und vor einigen Minuten wieder in die Stube gekommen war. Er hatte, seit er
in der Stube war, dem Gespräche zugehört und dabei fortwährend gelächelt.
»Eine solche Geschichte steht auch im Paulson,« sagte er. »Ein Vater gab
seinen Söhnen ein Rutenbündel zum Zerbrechen. Das Bündel konnten sie nicht
zerbrechen; aber jede einzelne Rute zerbrachen sie leicht. So ist es hier
auch,« sagte er und lächelte über das ganze Gesicht. »Es ist fertig,« fügte
er hinzu.
»Nun, wenn's fertig ist, dann wollen wir fahren,« sagte Wasili Andrejitsch.
»Und was die Teilung betrifft, Großväterchen, so gib du nur nicht nach. Du
hast alles erworben, und du bist Herr darüber. Mach eine Eingabe an den
Friedensrichter; der wird schon Ordnung stiften.«
»Immer macht er Randal, immer macht er Randal,« fuhr der Alte mit
weinerlicher Stimme in seinen Klagen fort. »Es ist gar nicht mehr mit ihm
auszukommen. Rein des Teufels ist er.«
Unterdessen hatte Nikita sein fünftes Glas Tee ausgetrunken, stellte aber
sein Glas auch jetzt noch nicht umgekehrt hin, sondern legte es auf die
Seite, in der Hoffnung, es werde ihm auch noch ein sechstes eingegossen
werden. Aber es war kein Wasser mehr im Samowar, und die Hausfrau goß ihm
nicht mehr ein; auch begann Wasili Andrejitsch sich anzuziehen. So war denn
weiter nichts zu machen. Nikita stand gleichfalls auf, legte sein Stück
Zucker, von dem er auf allen Seiten abgebissen hatte, in die Zuckerdose
zurück, wischte sich mit dem Schoße seines Halbpelzes den Schweiß vom
Gesichte und ging an den Ofen, um sich seinen Mantel anzuziehen.
Als er damit fertig war, seufzte er schwer auf, bedankte sich bei den
Wirtsleuten und verabschiedete sich von ihnen; dann ging er aus der warmen,
hellen Stube in den dunklen, kalten Flur, wo der eindringende Wind tobte
und heulte und der durch die Türritzen getriebene Schnee den Fußboden
bedeckte, und trat von da auf den dunklen Hof hinaus.
Peter, in einem Pelz, stand mitten auf dem Hofe bei seinem Pferde und sagte
lächelnd eine Strophe aus dem Paulson her:
»Der Schneesturm verdunkelt den Himmel schier,
Wild wirbeln die Flocken im Wind;
Bald klingt's, als heulte ein wildes Tier,
Und bald, als weinte ein Kind.«
Nikita nickte beifällig mit dem Kopfe und brachte die Lenkseile in Ordnung.
Der Alte, welcher Wasili Andrejitsch hinausbegleitete, kam mit einer
Laterne in den Flur, um ihm zu leuchten; aber die Laterne erlosch sofort.
Und auf dem Hofe konnte man sogar spüren, daß der Schneesturm noch ärger
geworden war als vorher.
»Na, das ist einmal ein Wetter!« dachte Wasili Andrejitsch. »Da kommen wir
womöglich gar nicht hin. Aber es muß sein; die Geschäfte! Und ich habe mich
ja auch schon fertig gemacht. Und das Pferd des Wirtes ist auch schon
angespannt. Mit Gottes Hilfe werden wir schon hinkommen.« Der alte Hauswirt
dachte gleichfalls, daß es nicht rätlich sei zu fahren; aber er hatte schon
einmal zum Bleiben zugeredet, ohne daß der Gast auf ihn gehört hatte.
»Vielleicht ist es auch nur mein Alter, was mich so ängstlich macht; sie
werden schon hinkommen,« sagte er bei sich. »Und wenigstens können wir uns
dann rechtzeitig schlafen legen und haben keine Mühe und Umstände.«
Auch Peter sah, daß es gefährlich war zu fahren, und hatte seine
Besorgnisse; aber das hätte er um keinen Preis gezeigt; vielmehr spielte er
den Couragierten und tat, als hätte er nicht die geringste Furcht; auch
hatten ihn wirklich die Verse über den Schneesturm dadurch einigermaßen
ermutigt, daß sie so vollständig das zum Ausdruck brachten, was draußen
vorging. Nikita hatte schlechterdings keine Lust zu fahren; aber er hatte
sich schon längst daran gewöhnt, keinen eigenen Willen zu besitzen und
anderen zu gehorchen. So hielt denn niemand die Abfahrenden zurück.
V
Wasili Andrejitsch trat zu seinem Schlitten (er konnte in der Dunkelheit
nur mit Mühe unterscheiden, wo dieser stand), stieg hinein und ergriff die
Leine.
»Na, dann fahr voran!« rief er.
Peter, der in seinem Schlitten kniete, trieb sein Pferd an. Der Braungelbe,
der schon lange gewiehert hatte, da er die Stute vor sich witterte, rannte
ihr nach, und sie kamen auf die Dorfstraße hinaus. Wieder fuhren sie durch
die Ortschaft, auf demselben Wege, an demselben Gehöfte mit der
aufgehängten, steif gefrorenen Wäsche vorbei, die jetzt nicht mehr zu sehen
war, vorbei an derselben Darre, die bereits fast bis zum Dache verschneit
war, und von der unaufhörlich der Schnee herunterrieselte, vorbei an
denselben traurig raschelnden, pfeifenden, sich biegenden Weidenbäumen, und
fuhren nun wieder hinein in das von oben und unten her tobende Meer von
Schnee. Der Wind war so stark, daß, da er von der Seite kam und gegen die
Fahrenden wie gegen ein Segel drückte, er den Schlitten aufkippte und das
Pferd zur Seite legte. Peter fuhr mit seiner flott austrabenden tüchtigen
Stute voran und stieß von Zeit zu Zeit einen ermunternden Schrei aus. Der
Braungelbe lief hinter ihr her.
Als sie so etwa zehn Minuten lang gefahren waren, wandte sich Peter um und
rief ihnen etwas zu. Weder Wasili Andrejitsch noch Nikita konnte es bei dem
Winde verstehen. Aber sie vermuteten, daß sie bei der Wegscheide angekommen
seien. Und wirklich bog Peter links ein, und der Wind, der bisher von der
Seite gekommen war, blies ihnen jetzt wieder entgegen, und da wurde auch
durch den Schnee hindurch etwas Dunkles sichtbar. Das war das Gesträuch an
der Wegscheide.
»Nun, dann fahrt mit Gott weiter!«
»Vielen Dank, lieber Peter!«
»Der Schneesturm verdunkelt den Himmel schier, wild wirbeln die Flocken im
Wind,« rief Peter und verschwand.
»Ei sieh mal, was das für ein Dichter ist,« sagte Wasili Andrejitsch und
schüttelte mit der Leine.
»Ja, es ist ein tüchtiger Bursche, so ein richtiger Bauer,« erwiderte
Nikita.
Sie fuhren weiter. Nikita hatte sich tief eingemummt und den Kopf so in
die Schultern hineingezogen, daß sein kleiner Bart ihm den Hals bedeckte;
so saß er schweigend da, darauf bedacht, die durch den Tee in seinem Körper
angesammelte Wärme nicht wieder zu verlieren. Vor sich sah er die geraden
Linien der Gabeldeichsel, die ihn fortwährend in die Täuschung versetzten,
als ob da ein vielbefahrener Weg sei, und das hin und her schaukelnde
Hinterteil des Pferdes mit dem nach einer Seite gewendeten, in einen Knoten
gebundenen Schwanze, und weiter vorn das hohe Krummholz und den auf und ab
gehenden Kopf und Hals des Pferdes mit der auseinanderflatternden Mähne.
Mitunter fiel sein Blick auf Merkstangen, so daß er wußte, daß sie noch auf
dem Wege fuhren und es für ihn nichts zu tun gab.
Wasili Andrejitsch führte die Zügel, überließ aber meist dem Pferde, selbst
dafür zu sorgen, daß sie auf dem Wege blieben. Aber trotzdem der Braungelbe
sich im Dorfe ausgeruht hatte, lief er doch nur ungern, und es machte den
Eindruck, als ob er vom Wege abbiegen wollte, so daß Wasili Andrejitsch ihn
einige Male zurechtlenken mußte.
»Da rechts ist eine Merkstange, da die zweite, da die dritte,« zählte
Wasili Andrejitsch im stillen. »Und da vorn ist auch der Wald,« dachte er,
da er etwas Dunkles vor sich erblickte. Aber was er für einen Wald gehalten
hatte, war nur ein Strauch. Sie fuhren an dem Strauche vorbei, sie fuhren
noch etwa sechzig Schritt weiter: aber es war weder von der vierten
Merkstange noch vom Walde etwas zu sehen.
»Der Wald muß doch gleich kommen,« dachte Wasili Andrejitsch, und erregt
durch den genossenen Branntwein und Tee, trieb er unaufhörlich das Pferd
mit den Zügeln an, und das folgsame, gute Tier gehorchte und lief bald im
Paßgang bald in kurzem Trabe dahin, wohin es gelenkt wurde, obwohl es
wußte, daß sein Herr es ganz und gar nicht nach der richtigen Seite lenkte.
Es vergingen noch zehn Minuten; der Wald wollte immer noch nicht kommen.
»Da haben wir ja wieder den Weg verloren!« sagte Wasili Andrejitsch und
hielt das Pferd an.
Nikita stieg schweigend aus dem Schlitten, und seinen Mantel haltend, der
infolge des Windes ihm bald dicht am Körper klebte, bald sich bauschte und
von ihm weg wollte, machte er sich daran, durch den Schnee zu waten; er
ging nach der einen, er ging nach der anderen Seite. Dreimal verschwand er
ganz aus der Sehweite. Endlich kehrte er zurück und nahm seinem Herrn die
Leine aus der Hand.
»Nach rechts müssen wir fahren,« sagte er kurz und in bestimmtem Tone und
wendete das Pferd.
»Na, wenn du das meinst, wollen wir nach rechts fahren,« erwiderte Wasili
Andrejitsch, überließ ihm die Leine und schob seine frierenden Hände in die
Ärmel. »Und wenn wir auch nur nach Grischkino zurückkommen.«
Nikita antwortete nicht.
»Nun, Freundchen, leg dich mal ordentlich ins Zeug!« rief er dem Pferde zu;
aber das Pferd ging trotz alles Schüttelns mit der Leine nur im Schritt.
Der Schnee lag stellenweise knietief, und der Schlitten kam bei jeder
Bewegung des Pferdes nur mit einem Ruck vorwärts.
Nikita griff nach der Peitsche, die am Vorderteile des Schlittens hing, und
schlug das Pferd. Das gute, an solche Behandlung nicht gewöhnte Tier machte
ein paar heftige Sätze und setzte sich in Trab, ging dann aber sogleich
wieder in Paßgang und in Schritt über. So fuhren sie etwa fünf Minuten. Es
war so dunkel, und der Schnee stiebte so dicht von oben und von unten, daß
mitunter nicht einmal das Krummholz zu sehen war. Manchmal schien es, als
ob der Schlitten auf einem Fleck stillstände und das Feld nach hinten hin
liefe. Plötzlich machte das Pferd kurz halt; offenbar witterte es vor sich
irgend etwas Unheimliches. Nikita sprang, die Leine hinwerfend, wieder
behende hinaus und ging vor das Pferd, um nachzusehen, weshalb es stehen
geblieben sei; aber kaum hatte er einen Schritt über den Kopf des Pferdes
hinaus gemacht, als ihm die Füße ausglitten und er einen Abhang
hinunterrutschte.
»Halt, brr, halt!« rief er sich selbst zu, während er hinabsank und einen
Halt suchte; aber es gelang ihm nicht eher, zum Stillstand zu kommen und
festen Fuß zu fassen, als bis er mit den Beinen in eine am Grunde der
Schlucht zusammengewehte tiefe Schneeschicht hineingefahren war.
Eine am oberen Rande der Schlucht überhängende Schneewachte war durch
Nikitas Fall erschüttert worden, stürzte auf ihn herunter und schüttete ihm
Schnee in den Nacken.
»Aber was ist das für ein Benehmen von euch,« sagte Nikita vorwurfsvoll,
sich an die Schneewachte und an die Schlucht wendend, und schüttelte sich
den Schnee aus dem Kragen.
»Nikita! He! Nikita!« rief Wasili Andrejitsch von oben. Aber Nikita
antwortete nicht auf den Ruf.
Er hatte keine Zeit; er mußte sich den Schnee abschütteln und dann die
Peitsche suchen, die er beim Herunterrutschen von dem Abhange verloren
hatte. Als er die Peitsche gefunden hatte, wollte er geradeswegs wieder da
hinaufklettern, wo er herabgeglitten war; aber dies war ein Ding der
Unmöglichkeit; er rutschte immer wieder zurück, so daß er unten umhergehen
mußte, um eine geeignete Stelle zum Aufstieg zu suchen. Ungefähr acht
Schritte entfernt von der Stelle, wo er heruntergerutscht war, kroch er
mühsam auf allen vieren die Anhöhe hinauf und ging nun am Rande der
Schlucht nach der Stelle zu, wo das Pferd sein mußte. Indessen Pferd und
Schlitten waren nicht zu sehen; aber da er gegen den Wind ging, so hörte
er, bevor er noch etwas sah, das Schreien Wasili Andrejitschs und das
Wiehern des Braungelben, die ihn riefen.
»Ich komme, ich komme. Was schreist du so?« sagte er vor sich hin.
Erst als er schon ganz dicht beim Schlitten war, erblickte er das Pferd und
den neben dem Schlitten stehenden Wasili Andrejitsch, der übermäßig groß
erschien.
»Zum Teufel, wo warst du denn geblieben?« schalt dieser ärgerlich den
Herankommenden. »Wir müssen zurückfahren. Meinetwegen wollen wir nach
Grischkino zurückkehren.«
»Zurückfahren möchte ich schon ganz gern, Wasili Andrejitsch; aber nach
welcher Seite sollen wir fahren? Hier ist eine so zerklüftete Gegend, wenn
wir da irgendwo mit dem Schlitten hineinfallen, kommen wir nicht wieder
heraus. Ich bin da so hinuntergeschurrt, daß ich mich nur mit Not und Mühe
wieder heraufgearbeitet habe.«
»Na, aber wir können hier doch nicht stehen bleiben; irgendwohin müssen wir
doch fahren!« sagte Wasili Andrejitsch.
Nikita gab keine Antwort. Er setzte sich auf den Schlitten, mit dem Rücken
gegen den Wind, zog sich die Stiefel aus und schüttelte den Schnee heraus,
der ihm da hereingekommen war; dann nahm er etwas Stroh und verstopfte
damit sorgfältig von innen ein Loch im linken Stiefel.
Wasili Andrejitsch schwieg, als ob er jetzt alle weiteren Entscheidungen
seinem Knechte anheimstelle. Nachdem Nikita seine Stiefel wieder angezogen
hatte, nahm er die Beine in den Schlitten herein, zog seine Fausthandschuhe
wieder an, ergriff die Leine und lenkte das Pferd an der Schlucht entlang.
Aber sie waren noch nicht hundert Schritte weit gefahren, als das Pferd
wieder jählings stehen blieb. Es hatte wieder eine Schlucht vor sich.
Nikita stieg wieder aus und begann wieder im Schnee umherzuwaten. Das
dauerte ziemlich lange. Endlich erschien er wieder, und zwar von derjenigen
Seite, welche der, nach der er sich entfernt hatte, gerade entgegengesetzt
war.
»Wasili Andrejitsch, wo sind Sie?« rief er.
»Hier,« antwortete Wasili Andrejitsch. »Nun, wie steht's?«
»Es ist nichts zu unterscheiden. Es ist zu dunkel. Überall Schluchten. Wir
müssen wieder gegen den Wind fahren.«
Wieder fuhren sie eine Strecke; wieder ging Nikita im Schnee umher und fiel
dabei; wieder setzte er sich in den Schlitten; wieder ging er und fiel; und
endlich blieb er, keuchend vor Erschöpfung, bei dem Schlitten stehen.
»Nun, was gibt's?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Ja, was gibt's! Ich bin ganz matt. Und das Pferd kann auch nicht mehr.«
»Was sollen wir nun also tun?«
»Warten Sie einen Augenblick.«
Nikita ging nochmals weg und kehrte bald zurück.
»Fahren Sie hinter mir her,« sagte er und ging vor dem Pferde voran.
Wasili Andrejitsch hatte ganz darauf verzichtet, irgendwelche Weisungen zu
geben, sondern tat gehorsam, was ihm Nikita sagte.
»Hierher, mir nach!« rief Nikita, sich schnell nach rechts wendend,
ergriff den Braungelben am Zügel und lenkte ihn in eine Schneewehe hinein.
Das Pferd sträubte sich anfangs, machte aber dann einen starken Satz, in
der Hoffnung, über die Schneewehe hinüberzuspringen; jedoch reichte seine
Kraft nicht dazu aus, und es versank in den Schnee bis an das Kumt.
»Steigen Sie doch aus!« schrie Nikita seinen Herrn an, der im Schlitten
sitzen geblieben war, faßte unter die eine Deichselstange und versuchte,
den Schlitten an das Pferd heranzuschieben. »Ja, es geht ein bißchen
schwer, Brüderchen,« wandte er sich an den Braungelben. »Aber was ist zu
machen? Gib dir mal rechte Mühe! Zu! Zu! Noch ein bißchen!« schrie er. Das
Pferd zog einmal und noch einmal an, vermochte aber trotzdem nicht, sich
herauszuarbeiten, und blieb wieder stecken. Es machte eigentümliche
Bewegungen mit den Ohren und legte schnuppernd den Kopf auf den Schnee, wie
wenn es über etwas nachdächte. »Na aber, Brüderchen, so ist das nicht gut,«
sagte Nikita ermahnend zu dem Braungelben. »Los, noch einmal!« Wieder zog
Nikita auf seiner Seite an der Deichselstange. Wasili Andrejitsch tat auf
der andern Seite dasselbe. Das Pferd drehte den Kopf hin und her; dann gab
es sich auf einmal einen starken Ruck.
»Na, zu! zu! Keine Angst, du wirst nicht ertrinken!« rief Nikita.
Ein Sprung, ein zweiter, ein dritter -- endlich hatte sich das Pferd aus
der Schneewehe herausgearbeitet und blieb nun, schwer atmend und sich
schüttelnd, stehen. Nikita wollte es weiterführen; aber Wasili Andrejitsch
war in seinen zwei Pelzen so außer Atem gekommen, daß er nicht imstande war
zu gehen und sich in den Schlitten warf.
»Laß mich erst wieder zu Atem kommen,« sagte er und knüpfte das Tuch auf,
das er sich in dem Dorfe um den Kragen seines Pelzes gebunden hatte.
»Hier macht das nichts aus; hier können Sie im Schlitten liegen,« erwiderte
Nikita. »Ich will das Pferd führen.«
Und während Wasili Andrejitsch im Schlitten lag, führte Nikita das Pferd am
Zaum etwa zehn Schritte abwärts, dann ein wenig aufwärts und machte halt.
Die Stelle, wo Nikita halt gemacht hatte, lag nicht in einer Mulde, wo sich
der Schnee hätte anhäufen können; aber sie war doch teilweise durch eine
Anhöhe gegen den Wind geschützt. Es gab Augenblicke, wo man im Schutze der
Anhöhe glauben konnte, der Wind habe sich ein wenig gelegt; aber das
dauerte nicht lange, und als wollte er diese Ruhepause wieder einbringen,
brauste darauf der Sturm mit verzehnfachter Gewalt einher, raste noch ärger
als vorher und brachte noch dichtere Schneewirbel mit sich. Ein solcher
Windstoß erfolgte gerade in dem Augenblicke, als Wasili Andrejitsch, der
sich wieder erholt hatte, aus dem Schlitten gestiegen und zu Nikita
herangetreten war, um mit ihm zu besprechen, was nun weiter zu tun sei.
Beide bückten sich unwillkürlich und warteten mit ihrem Gespräche, bis die
Wut dieses Windstoßes vorüber sein würde. Auch der Braungelbe drückte
unzufrieden die Ohren an und schüttelte mit dem Kopfe. Sobald der Windstoß
einigermaßen vorbei war, zog sich Nikita die Handschuhe aus, steckte sie in
seinen Gurt, hauchte in die Hände und machte sich daran, das Lenkseil vom
Krummholz abzulösen.
»Was tust du denn da?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Ich spanne das Pferd aus; was sollen wir denn noch weiter tun? Meine Kraft
ist zu Ende,« antwortete Nikita; es klang, als ob er sich entschuldigen
wollte.
»Können wir denn nicht irgendein Obdach erreichen?«
»Nein, wir können kein Obdach erreichen; wir quälen nur das Pferd zunichte.
Das liebe Tier ist ja schon jetzt ganz erschöpft,« sagte Nikita und wies
auf das Pferd, das gehorsam und zu allem bereit dastand und schwer keuchend
die von Schweiß feuchten Weichen bewegte. »Wir müssen hier übernachten,«
erklärte er, in demselben Tone, wie wenn er sich anschickte, in einer
Herberge über Nacht zu bleiben, und begann den Kumtriemen aufzubinden. Die
beiden Bügel des Kumts sprangen auseinander.
»Werden wir aber auch nicht erfrieren?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Was ist zu machen? Wenn wir erfrieren, müssen wir's eben hinnehmen,«
antwortete Nikita.
VI
Wasili Andrejitsch fühlte sich in seinen beiden Pelzen ganz warm, besonders
nachdem er sich in der Schneewehe so abgeplackt hatte; aber es lief ihm
doch kalt über den Rücken, als er zu der Überzeugung gelangte, daß er
wirklich werde hier übernachten müssen. Um sich zu beruhigen, setzte er
sich in den Schlitten und holte die Zigaretten und die Streichhölzer aus
der Tasche.
Nikita spannte unterdessen das Pferd aus. Er löste den Bauchriemen und den
Riemen des Rückenpolsters, nahm das Lenkseil und den Krummholzriemen ab und
drehte das Krummholz heraus; dabei redete er unaufhörlich mit dem Pferde
und sprach ihm Mut ein.
»Na, nun komm heraus, komm heraus,« sagte er zu dem Tiere, indem er es aus
der Gabeldeichsel herausführte. »Siehst du, hier werden wir dich anbinden.
Und Stroh lege ich dir unter und zäume dich ab,« sagte er und führte dabei
alles aus, was er sagte. »Wenn du erst ein bißchen gefressen haben wirst,
dann wird dir gleich vergnüglicher zumute sein.«
Aber der Braungelbe ließ sich augenscheinlich durch Nikitas Reden nicht
beruhigen und blieb aufgeregt. Er trat von einem Beine auf das andere,
drückte sich an den Schlitten, stellte sich mit dem Hinterteile gegen den
Wind und rieb seinen Kopf an Nikitas Ärmel.
Anscheinend nur, um nicht Nikita durch Ablehnung des freundlich angebotenen
Strohes zu kränken, das dieser ihm unter die Schnauze gehalten hatte, zog
der Braungelbe einmal mit einem plötzlichen Ruck ein Büschel Stroh aus dem
Schlitten; aber sofort sagte er sich auch, daß es sich jetzt nicht darum
handle, Stroh zu fressen, ließ es wieder fallen, und der Wind riß im
gleichen Augenblicke das Stroh auseinander, trug es davon und überschüttete
es mit Schnee.
»Jetzt wollen wir uns ein Signal machen,« sagte Nikita, wendete den
Schlitten mit dem Vorderteil gegen den Wind, band die Deichselstangen mit
dem Riemen des Rückenpolsters zusammen, richtete sie in die Höhe und
befestigte sie am Vorderteile des Schlittens. »So! Wenn wir nun verschneit
werden, werden es gute Menschen an den Deichselstangen sehen und uns
ausgraben,« bemerkte Nikita dazu. »Das habe ich von alten Leuten gelernt.«
Unterdessen hatte Wasili Andrejitsch seinen Pelz aufgemacht und rieb nun,
die Schöße desselben als Windschutz benutzend, ein Streichholz nach dem
andern an dem stählernen Schächtelchen; aber die Hände zitterten ihm, und
die aufflammenden Streichhölzer erloschen eines nach dem andern im Winde,
teils ehe sie noch recht in Brand geraten waren, teils gerade in dem
Augenblicke, wo er sie an die Zigarette heranbrachte. Endlich brannte ein
Streichholz gut und erleuchtete für einen Augenblick die Innenseite seines
Pelzes, seine Hand mit dem goldenen Ringe an dem nach innen gebogenen
Zeigefinger und das mit Schnee bedeckte Haferstroh, das unter dem Sacke
hervorschaute -- und die Zigarette kam in Brand. Ein paarmal zog er gierig
den Rauch ein, schluckte ihn hinunter, ließ ihn durch den Schnurrbart
hinaus und wollte eben noch einmal einen Zug tun, als der Tabak mitsamt dem
Feuer vom Winde weggerissen wurde und nach derselben Seite davonflog wie
vorher das Stroh.
Aber auch schon diese wenigen Schlucke Tabaksrauch hatten Wasili
Andrejitsch in heitrere Stimmung versetzt.
»Na, wenn wir hier übernachten müssen, dann meinetwegen!« sagte er in
entschlossenem Tone. Und beim Anblicke der aufgerichteten Deichselstangen
bekam er Lust, dieses Signal noch zu vervollkommnen und Nikita zu belehren.
»Warte mal, ich will noch eine Flagge machen,« sagte er und hob das Tuch
auf, das er sich vom Kragen abgebunden und in den Schlitten geworfen hatte.
Er zog die Handschuhe aus, reckte sich in die Höhe, um hinaufzureichen, und
band das Tuch mit einem festen Knoten an den Polsterriemen neben die
Deichselstangen.
Das Tuch begann sofort wild zu flattern; bald legte es sich eng an die eine
Deichselstange an, bald wehte es plötzlich zur Seite, spannte sich und
knatterte.
»Sieh nur, wie geschickt ich das gemacht habe,« sagte Wasili Andrejitsch,
wohlgefällig sein Werk betrachtend, und stieg wieder in den Schlitten.
»Beide zusammen hätten wir es hier wärmer; aber zwei können hier nicht
sitzen,« sagte er.
»Ich werde schon einen Platz finden,« antwortete Nikita. »Ich muß nur erst
das Pferd zudecken; ganz in Schweiß ist es geraten, das liebe Tier.
Erlauben Sie mal,« fügte er hinzu, und an den Schlitten herantretend, zog
er den Sack unter Wasili Andrejitsch hervor. Er legte ihn doppelt zusammen,
und nachdem er vorher den Umlaufriemen und das Rückenpolster abgenommen
hatte, bedeckte er den Braungelben mit dem Sacke.
»So wirst du es doch ein bißchen wärmer haben, mein Dummerchen,« sagte er
und legte dem Pferde über den Sack wieder das Rückenpolster und den
schweren Umlaufriemen auf.
Als Nikita mit dieser Arbeit fertig war, trat er wieder zum Schlitten. »Die
Packleinwand werden Sie wohl nicht nötig haben?« sagte er. »Und etwas Stroh
können Sie mir auch geben.«
Und nachdem er das eine und das andere seinem Herrn unter dem Leibe
weggezogen hatte, ging er hinter die Rücklehne des Schlittens, grub sich
dort im Schnee eine Grube und legte das Stroh hinein. Dann zog er sich die
Mütze tief ins Gesicht, wickelte sich fest in seinen Mantel, bedeckte sich
darüber noch mit der Packleinwand, setzte sich auf das ausgebreitete Stroh
und lehnte sich gegen das aus Bast verfertigte Hinterteil des Schlittens,
das ihn gegen den Wind und den Schnee schützte.
Wasili Andrejitsch schüttelte mißbilligend den Kopf zu dem, was Nikita tat,
wie er denn überhaupt gegen die Unbildung und Dummheit des niedrigen Volkes
eine starke Verachtung hegte, und traf nun auch seinerseits seine
Vorbereitungen für die Nacht.
Er breitete das übriggebliebene Stroh im Schlitten gleichmäßig aus, aber
so, daß es da, wo er mit der Seite des Körpers darauf liegen wollte, etwas
dichter war; darauf steckte er die Hände in die Ärmel und suchte sich mit
dem Kopfe eine bequeme Lage in einer Ecke des Schlittens am Vorderteil, das
ihm einen Schutz gegen den Wind gewährte. Zu schlafen beabsichtigte er
nicht. Er lag da und dachte nach; er dachte immer nur an ein und dasselbe,
was den einzigen Zweck und Inhalt, die Freude und den Stolz seines Lebens
bildete: wieviel Geld er schon erworben habe und noch erwerben könne, und
wieviel Geld andere Leute, die er kannte, erworben hätten und besäßen, und
auf welche Weise diese anderen ihr Geld erworben hätten und immer noch mehr
erwürben, und daß er, in derselben Weise wie sie, noch sehr viel Geld
erwerben könne.
»Die Eichen werden gute Schlittenkufen geben. Selbstverständlich auch
Balken. Und Brennholz mag wohl jede Dessätine noch dreißig Klafter
liefern,« so rechnete er, den Wert des Waldes abschätzend, den er im Herbst
besichtigt hatte und jetzt zu kaufen beabsichtigte. »Aber zehntausend Rubel
werde ich ihm doch nicht geben, sondern nur achttausend; und dann mache ich
ihm noch einen Abzug für die Lichtungen. Den Feldmesser werde ich
schmieren; hundert oder auch hundertfünfzig Rubel muß ich ihm wohl in den
Rachen werfen, dann wird er mir schon so ein fünf Dessätinen Lichtungen
herausmessen. Und für achttausend Rubel wird er mir den Wald schon lassen;
dreitausend lege ich ihm gleich ohne weiteres bar hin. Da mache ich mir
keine Sorge; er wird sich schon herumkriegen lassen,« dachte er und fühlte
mit dem Oberarm nach den Banknoten in der Brusttasche. »Und wie wir von der
Wegscheide an uns haben verirren können, das mag der Himmel wissen. Hier
müßte doch ein Wald sein und die Hütte des Waldwächters. Wenn doch ein Hund
zu hören wäre. Aber gerade wenn's nötig ist, bellen die verdammten Köter
nicht.« Er öffnete ein wenig den Kragen, horchte hinaus und blickte umher.
Zu sehen war in der Dunkelheit nur als schwarze Masse der Kopf des
Braungelben und sein Rücken, auf dem der Sack hin und her wehte; zu hören
war immer nur dasselbe Pfeifen des Windes, das Flattern und Knattern des
Tuches an der Deichsel und der wie Peitschenhiebe klingende Ton des gegen
die Bastwand des Schlittens getriebenen Schnees. Er mummte sich wieder ein.
»Wenn man das gewußt hätte, wäre man ja lieber da über Nacht geblieben. Na,
ganz egal, dann kommen wir eben morgen hin. Nur daß ich einen Tag verloren
habe. Aber bei solchem Wetter werden die andern auch nicht hinfahren.« Und
nun fiel ihm ein, daß er am nächsten Tage vom Fleischer Geld für Hammel zu
erhalten hatte. »Er wollte selbst kommen; nun wird er mich nicht zu Hause
treffen, und meine Frau wird nicht verstehen, das Geld in Empfang zu
nehmen; sie ist doch gar zu ungebildet. Auf die richtigen Umgangsformen
versteht sie sich nicht,« dachte er weiter, in Erinnerung daran, daß sie
nicht verstanden hatte, sich dem Landkommissär gegenüber zu benehmen, der
gestern zum Feiertage bei ihm zu Besuch gekommen war. »Es ist ja auch
erklärlich; sie ist eben ein Frauenzimmer; wo hätte sie denn auch etwas
gesehen und gelernt? Als meine Eltern noch lebten, wie sah damals unser
jetziges Hauswesen aus? Alles hatte nur einen sehr geringen Zuschnitt; mein
Vater war ja für einen Bauer wohlhabend, aber eben nur ein Bauer; eine
Graupenmühle und eine Herberge, das war das ganze Vermögen. Und was habe
ich in den fünfzehn Jahren daraus gemacht? Ich habe einen Laden, zwei
Schenken, eine Mühle, eine Getreidehandlung. Zwei Güter habe ich in Pacht.
Mein Haus und mein Speicher haben Blechdächer,« sagte er sich mit Stolz.
»Das ist jetzt eine andere Sache als zu Lebzeiten meines Vaters! Wer ist
jetzt in der ganzen Gegend der angesehenste Mann? Brechunow!«
»Und woher kommt das? Weil ich alle meine Gedanken auf das Geschäft richte,
weil ich mich anstrenge, weil ich es nicht so mache wie andre Leute, die
faulenzen oder sich mit Dummheiten abgeben. Aber ich gönne mir oft nicht
einmal in der Nacht den Schlaf. Und selbst wenn's schneit und stürmt, ich
fahre doch. Na, da geht denn auch das Geschäft nach Wunsch. Die Leute
denken, man könnte so spielend Geld erwerben. Nein, arbeiten muß man, sich
den Kopf zerbrechen. Sie bilden sich ein, man könnte durch irgendwelchen
Glücksfall in die Höhe kommen. Da, dieser Mironow, der ist jetzt Millionär.
Und warum? Gearbeitet hat er, gearbeitet. Dann gibt's einem der liebe Gott.
Wenn mich nur Gott gesund erhält.« Und der Gedanke, daß auch er ein solcher
Millionär werden könne wie Mironow, der mit nichts angefangen hatte, dieser
Gedanke regte Wasili Andrejitsch so auf, daß er das Bedürfnis verspürte,
mit jemand ein bißchen zu reden. Aber es war niemand da, mit dem er hätte
reden können. Wäre er nur nach Gorjatschkino hingekommen, dann hätte er mit
dem Gutsbesitzer sprechen und dem ein Licht darüber aufstecken können, was
er, Brechunow, für ein ausgezeichneter Mensch sei.
»Nun sieh mal an, wie das bläst! Wir werden noch so einschneien, daß wir
uns am Morgen gar nicht werden herausarbeiten können,« dachte er, während
er auf die heftigen Stöße des Windes horchte, der den Schnee gegen das
Vorderteil des Schlittens peitschte und so stark blies, daß die Bastwand
sich bog.
»Es war ein Fehler, daß ich auf Nikita gehört habe,« dachte er. »Wir
hätten weiterfahren sollen; irgendwohin würden wir schon gekommen sein. Und
selbst wenn wir wieder nach Grischkino zurückgekommen wären, so hätten wir
wenigstens bei Taras übernachten können. Aber nun kann man hier die ganze
Nacht sitzen. Ja, ich dachte doch vorhin an etwas Schönes; was war das nur?
Richtig, daß Gott einem nur für tüchtige Arbeit etwas gibt, aber nicht den
Taugenichtsen, Faulpelzen und Dummköpfen ... Aber ich muß ein bißchen
rauchen.« Er setzte sich hin, holte sein Zigarettenetui hervor, legte sich
auf den Bauch nieder und beschirmte die Flamme mit dem Schoße des Pelzes
gegen den Wind; aber der Wind fand trotzdem seinen Weg und löschte die
Streichhölzer eines nach dem andern aus. Endlich gelang es ihm mit
besonderer Kunst, eine Zigarette in Brand zu bekommen, und daß er das
erreicht hatte, freute ihn gewaltig. Allerdings rauchte weit mehr der Wind
als er selbst die Zigarette auf; aber er konnte doch etwa drei Züge tun und
kam dadurch wieder in vergnügtere Stimmung. Er streckte sich wieder im
Schlitten aus, jetzt mit dem Kopfe nach dem Hinterteil desselben, wickelte
sich ein, überließ sich wieder seinen Erinnerungen und Träumereien und
versank in Halbschlummer. Aber auf einmal war es ihm, als bekäme er einen
Stoß, und er wachte auf. Hatte der Braungelbe ein Maulvoll Stroh unter ihm
hervorgezogen, oder war es irgendwelche Aufregung in seinem Innern
gewesen -- genug, er erwachte, und das Herz begann ihm so schnell und so
heftig zu schlagen, daß es ihm schien, als zittere der Schlitten unter ihm.
Er öffnete die Augen. Um ihn herum war alles unverändert; nur heller schien
es ihm geworden zu sein. »Es tagt,« dachte er, »es kann nicht mehr lange
hin sein bis zum Morgen.« Aber sogleich fiel ihm ein, daß die größere
Helligkeit nur davon herrührte, daß der Mond aufgegangen war. Er richtete
sich auf und blickte zuerst nach dem Pferde. Der Braungelbe stand noch
immer mit dem Hinterteile gegen den Wind und zitterte am ganzen Leibe. Der
mit Schnee bedeckte Sack hatte sich auf der einen Seite umgeschlagen, der
Umlaufriemen war schief gerutscht, und der von Schnee bedeckte Kopf mit dem
flatternden Haarschopf und der flatternden Mähne war jetzt im Hellen
deutlicher sichtbar. Wasili Andrejitsch beugte sich über die Rückwand des
Schlittens und blickte nach hinten. Nikita saß noch immer in derselben
Stellung da, in der er sich hingesetzt hatte. Die Packleinwand, die er über
sich gebreitet hatte, und seine Beine waren dicht mit Schnee bedeckt. »Wenn
der Mensch nur nicht erfriert; seine Kleidung ist gar zu schlecht. Dann
werde ich noch dafür verantwortlich gemacht werden. Er hat sich auch bei
dem Umherlaufen übermäßig angestrengt, und die beste Konstitution hat er
sowieso nicht,« dachte Wasili Andrejitsch und wollte schon dem Pferde den
Sack abnehmen und Nikita damit zudecken; aber es war ihm doch zu kalt, um
aufzustehen und hin und her zu gehen; auch fürchtete er, das Pferd könne
ihm erfrieren. »Wozu habe ich ihn überhaupt mitgenommen? Daran ist nur sie
mit ihrer Dummheit schuld,« dachte Wasili Andrejitsch, in Erinnerung an
seine ungeliebte Frau, und streckte sich wieder auf seinem früheren Platze
aus, mit dem Kopfe nach dem Vorderteile des Schlittens. »So hat auch mein
Onkel einmal eine ganze Nacht im Schnee zugebracht,« fiel ihm ein, »und es
hat ihm nichts geschadet. Aber freilich, Sewastjan,« hier kam ihm ein
anderer Fall ins Gedächtnis, »als man den ausgrub, da war er tot, ganz
starr, wie ein geschlachtetes Rind, das man hat steif frieren lassen.«
»Wenn ich in Grischkino über Nacht geblieben wäre, dann wäre das nicht
passiert.« Und nachdem er sich sorgsam eingewickelt hatte, damit die Wärme
des Pelzes nirgends verloren ginge und er es überall, am Halse, an den
Knien und an den Füßen, warm hätte, schloß er die Augen und versuchte
einzuschlafen. Aber trotz aller Bemühungen behielt er immer das Bewußtsein,
ja er fühlte sich sogar vollkommen frisch und angeregt. Wieder begann er
seine Gewinne zu berechnen, und wieviel Geld ihm andre Leute schuldig
waren; wieder prahlte er vor sich selber und freute sich über seine
Persönlichkeit und über die Stellung, die er einnahm; --aber jetzt wurden
diese vergnüglichen Gedanken fortwährend durch die heranschleichende Angst
unterbrochen und durch den Ärger darüber, daß er nicht in Grischkino über
Nacht geblieben war. Er drehte sich mehrmals herum und legte sich anders
zurecht, in der Absicht, eine bequemere und mehr gegen den Wind geschützte
Lage zu finden; aber alles kam ihm unbequem vor; er richtete sich wieder
auf, veränderte seine Lage, wickelte sich die Beine ein, schloß die Augen
und verhielt sich ruhig. Aber dann machte sich entweder in den
zusammengekrümmten Beinen, die in den hohen Filzstiefeln steckten, ein
dumpfer Schmerz fühlbar, oder es zog auch irgendwo durch, und so dachte er
denn, nachdem er eine kurze Weile so gelegen hatte, wieder mit ingrimmigem
Ärger über sich selbst daran, daß er jetzt ruhig in der warmen Stube zu
Grischkino liegen könnte, und erhob sich wieder, wälzte sich herum,
wickelte sich ein und legte sich wieder anders zurecht.
Einmal kam es ihm vor, als höre er in der Ferne Hähne krähen. Ein Gefühl
der Freude stieg in ihm auf; er schlug den Kragen des Pelzes zurück und
horchte gespannt; aber wie sehr er auch sein Gehör anstrengte, es war
nichts zu hören als das Geräusch des Windes, der um die Deichselstangen
pfiff, und das Geräusch des Schnees, der gegen die Bastwand des Schlittens
schlug. Nikita saß noch immer so da, wie er sich am Abend hingesetzt hatte;
er hatte sich die ganze Zeit über nicht gerührt und seinem Herrn nicht
einmal geantwortet, der ihn einige Male angerufen hatte. »Der hat keinen
Kummer; er schläft gewiß,« dachte Wasili Andrejitsch ärgerlich, indem er
über die Rücklehne des Schlittens hinüber auf den dicht beschneiten Nikita
hinblickte.
So stand Wasili Andrejitsch wohl zwanzigmal auf und legte sich wieder hin.
Es schien ihm, als wolle diese Nacht gar kein Ende nehmen. »Jetzt muß der
Morgen schon nahe sein,« dachte er einmal, als er sich erhob und um sich
blickte. »Ich will mal nach der Uhr sehen. Ich werde zwar tüchtig frieren,
wenn ich meine Umhüllung aufmache; aber wenn ich erfahre, daß es auf den
Morgen zugeht, dann wird mir gleich fröhlicher zumute sein. Dann wollen wir
auch bald anspannen.« Im Grunde seines Herzens wußte Wasili Andrejitsch,
daß es noch nicht Morgen sein konnte; aber seine Angst wuchs immer mehr,
und er wünschte gleichzeitig, sowohl die Wahrheit festzustellen als auch
sich selbst zu täuschen. Vorsichtig öffnete er die Haken seines Halbpelzes,
steckte die Hand an der Brustgegend hinein und wühlte lange umher, bis er
zur Weste gelangte. Mühsam, mühsam zog er seine silberne, mit emaillierten
Blumen verzierte Uhr heraus und versuchte zu sehen, wie spät es war. Aber
ohne Licht war nichts zu erkennen. Er legte sich wieder auf den Bauch,
ebenso wie eine Weile vorher, als er sich die Zigarette anzündete, holte
die Streichhölzer heraus und machte sich daran, eines anzustreichen.
Diesmal ging er mit größerer Sorgfalt zu Werke: er suchte durch Betasten
mit den Fingern dasjenige Hölzchen heraus, welches die größte Phosphormasse
hatte, und es gelang ihm gleich beim erstenmal, es zum Brennen zu bringen.
Er hielt das Zifferblatt unter die Flamme und betrachtete es: aber er
traute seinen Augen nicht; es war erst zehn Minuten über zwölf. Die ganze
Nacht lag noch vor ihm.
»O weh, was ist das für eine lange Nacht!« dachte Wasili Andrejitsch und
fühlte, wie ihm ein kalter Schauder über den Rücken lief. Und nachdem er
sich wieder zugeknöpft und eingemummt hatte, drückte er sich von neuem in
seine Schlittenecke. Plötzlich vernahm er durch das eintönige Brausen des
Windes hindurch mit Sicherheit einen neuen Ton, einen Ton von etwas
Lebendigem. Dieser Ton schwoll gleichmäßig an, und nachdem er zu
vollständiger Deutlichkeit gelangt war, wurde er mit derselben
Gleichmäßigkeit wieder schwächer. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen,
daß es ein Wolf war. Und dieser Wolf heulte in solcher Nähe, daß man, da
auch der Wind von dort herüber stand, deutlich hören konnte, wie er durch
die Drehung der Kinnlade den Klang seiner Stimme veränderte. Wasili
Andrejitsch hatte den Kragen zurückgeschlagen und lauschte mit gespannter
Aufmerksamkeit. Der Braungelbe horchte gleichfalls, die Ohren bewegend,
angestrengt danach hin und wechselte, als der Wolf mit seinem Geheul
aufhörte, die Fußstellung und schnaubte warnend. Von nun an vermochte
Wasili Andrejitsch schlechterdings nicht mehr einzuschlafen, ja überhaupt
nicht innerlich ruhig zu sein. Wie sehr er sich auch bemühte, an seine
Rechnungen, an seine Geschäfte, an seinen Ruhm, seine angesehene Stellung
und seinen Reichtum zu denken, so bemächtigte sich seiner doch immer mehr
eine furchtbare Angst und drängte alle andern Gedanken zurück, und in alle
Gedanken mischte sich der Gedanke ein, warum er nicht über Nacht in
Grischkino geblieben sei.
»Was scher ich mich um den dummen Wald; meine Geschäfte gehen, Gott sei
Dank, auch ohne ihn gut. Ach, wenn ich doch ein Nachtlager unter Dach und
Fach hätte!« sagte er zu sich selbst. »Man sagt, daß Betrunkene am
leichtesten erfrieren,« dachte er, »und ich habe ziemlich stark getrunken.«
Und während er nun auf seine Empfindungen achtete, fühlte er, daß er zu
zittern anfing, ohne selbst zu wissen, weswegen er zitterte, ob vor Kälte
oder vor Furcht. Er versuchte, sich einzumummen und dazuliegen wie vorher;
aber er war nicht mehr imstande, das zu tun. Es war ihm unmöglich, ruhig
auf einem Fleck zu bleiben; es verlangte ihn, aufzustehen und irgend etwas
zu unternehmen, um die in ihm aufsteigende Angst, gegen die er sich
machtlos fühlte, zu übertäuben. Er holte wieder die Zigaretten und die
Streichhölzer hervor; aber es waren nur noch drei Streichhölzer übrig, und
die waren sämtlich schlecht. Bei allen dreien rieb sich die Zündmasse ab,
ohne daß sie Feuer gefangen hätten.
»Hol dich der Teufel, verfluchtes Biest! Fort mit dir!« schimpfte er, ohne
selbst zu wissen, auf wen, und schleuderte die verdrückte Zigarette von
sich. Auch das Streichholzschächtelchen wollte er schon wegschleudern; aber
er hemmte noch diese Bewegung seiner Hand und schob das Schächtelchen in
die Tasche. Es überkam ihn eine solche Unruhe, daß er nicht länger an
seinem Platze bleiben konnte. Er stieg aus dem Schlitten, stellte sich mit
dem Rücken gegen den Wind und band sich seinen Gurt anders um, nämlich
recht tief unten und recht fest.
»Wozu soll ich hier liegen und auf den Tod warten? Ich will mich auf das
Pferd setzen, und dann vorwärts!« Dieser Gedanke schoß ihm auf einmal durch
den Kopf. »Mit einem Reiter wird dem Pferde die Kraft nicht versagen. Ihm,«
dachte er mit Bezug auf Nikita, »kann es ganz gleich sein, ob er stirbt.
Was hat er für ein Leben! Um ein solches Leben kann es ihm nicht leid sein.
Aber ich habe, Gott sei Dank, so viel, daß ich mein Leben genießen
kann ...«
Er band das Pferd los, warf ihm die Zügel auf den Hals und wollte
aufsteigen; aber es mißglückte ihm. Dann stellte er sich auf den Schlitten
und wollte vom Schlitten aus aufsteigen. Aber der Schlitten schwankte unter
seinem Gewichte, und er kam wieder nicht hinauf. Beim dritten Male stellte
er das Pferd wieder dicht neben den Schlitten, und indem er vorsichtig auf
den Rand des Schlittens trat, gelang es ihm endlich insoweit, daß er mit
dem Bauche über den Rücken des Pferdes zu liegen kam. Nachdem er so ein
Weilchen still gelegen hatte, schob er sich einmal und noch einmal vorwärts
und brachte endlich das Bein über den Rücken des Pferdes hinüber; er setzte
sich zurecht und stützte sich mit den Füßen in Ermangelung von Steigbügeln
auf den langen Umlaufriemen. Nikita war von dem Stoße, den ihm der
schwankende Schlitten versetzt hatte, aufgewacht und richtete sich auf; und
es kam Wasili Andrejitsch so vor, als ob er etwas sagte.
»Das fehlte noch, daß man täte, was einem solche Dummköpfe raten! Na ja,
ich soll wohl hier um nichts und wieder nichts umkommen?« rief Wasili
Andrejitsch, schob sich die auseinanderflatternden Schöße seines Pelzes
unter die Knie, wendete das Pferd um und trieb es an, vom Schlitten weg in
der Richtung, wo nach seiner Meinung der Wald und das Wächterhäuschen sein
mußten.
VII
Nikita hatte von dem Augenblicke an, wo er sich mit der Packleinwand
eingehüllt und sich hinter der Hinterwand des Schlittens hingesetzt hatte,
dagesessen, ohne sich zu rühren. Wie alle Menschen, die mit der Natur leben
und die Not kennen, war er geduldig und konnte Stunden, ja Tage lang ruhig
warten, ohne in Unruhe oder Erregung zu geraten. Er hatte gehört, wie sein
Herr ihn vorhin einige Male angerufen hatte; aber er hatte nicht
geantwortet, weil er sich nicht bewegen mochte.
Der Gedanke, daß er in dieser Nacht sterben könne, ja aller
Wahrscheinlichkeit nach werde sterben müssen, kam ihm gleich damals, als er
sich hinter dem Schlitten niedersetzte. Obgleich ihm von dem getrunkenen
Tee und von der starken Bewegung beim Herumwaten durch die Schneewehen noch
warm war, so wußte er doch, daß diese Wärme nicht lange vorhalten und er
nicht mehr imstande sein werde, sich durch Bewegung zu erwärmen, weil er
sich entsetzlich müde fühlte. Er fühlte sich in demselben Zustande wie ein
Pferd, das völlig den Dienst versagt und erst gefüttert werden muß, um
wieder weiterarbeiten zu können. Außerdem war ihm der eine Fuß in dem
zerrissenen Stiefel ganz erstarrt, und er fühlte an ihm die große Zehe
nicht mehr. Und auch am ganzen Körper fror er immer heftiger.
Der Gedanke, daß er in dieser Nacht sterben werde, erschien ihm weder
besonders traurig noch besonders furchtbar. Besonders traurig konnte ihm
dieser Gedanke nicht erscheinen, weil sein ganzes Leben ganz und gar nicht
ein ununterbrochener Festtag, sondern vielmehr ein steter Frondienst
gewesen war, von dem er müde zu werden anfing. Auch besonders furchtbar
war ihm dieser Gedanke nicht, weil er, abgesehen von den Brotherren, denen
er, wie jetzt diesem Wasili Andrejitsch, hier auf Erden diente, sich von
dem höchsten Herrn abhängig fühlte, von Ihm, der ihn in dieses Leben
gesandt hatte, und weil er wußte, daß er, auch wenn er sterbe, in der Hand
dieses Herrn bleibe, und daß dieser Herr ihm nichts Übles tun werde.
»Es kann einem ja leid tun, so alles zu verlassen, worin man sich eingelebt
und woran man sich gewöhnt hat. Na, aber was ist zu machen? Dann muß man
sich eben auch an das Neue gewöhnen.«
»Und die Sünden?« dachte er auf einmal und erinnerte sich an seine
Trunksucht, an das vertrunkene Geld, und wie er seine Frau geschimpft und
mißhandelt und oft die Kirche versäumt und die Fasten nicht gehalten hatte,
und an alles, was ihm sonst noch vom Popen in der Beichte zum Vorwurf
gemacht worden war. »Gewiß, das sind Sünden. Aber habe ich die denn selbst
verschuldet? Offenbar hat mich doch Gott so geschaffen. Na ja, mögen es
Sünden sein. Was soll ich nun dabei tun?«
So überlegte er das, was ihm in dieser Nacht zustoßen konnte, und nachdem
er über diesen Punkt dergestalt mit sich ins reine gelangt war, überließ er
sich allerlei Gedanken und Erinnerungen, die ihm von selbst in den Kopf
kamen. Er dachte daran, wie Marfa gekommen war, und wie die Knechte sich
betrunken hatten und er sich geweigert hatte mitzutrinken, und dann wieder
an die jetzige Fahrt, und an die Stube im Hause des Bauern Taras, und an
die Gespräche über die Wirtschaftsteilungen, und an seinen Sohn, und an den
Braungelben, der es jetzt unter der Decke warm habe, und an seinen Herrn,
der sich so unruhig umherwälze, daß der Schlitten knarre. »Ich meine, dem
guten Manne tut es jetzt selbst leid, daß er gefahren ist,« dachte er. »Von
einem so angenehmen Leben mag man nicht gern Abschied nehmen; das ist eine
andere Sache wie bei unsereinem.« Und alle diese Erinnerungen und Gedanken
begannen sich in seinem Kopfe zu vermengen und wirr durcheinander zu
schlingen, und er schlief ein.
Als aber Wasili Andrejitsch beim Besteigen des Pferdes den Schlitten ins
Schwanken brachte und die Hinterwand, an die sich Nikita mit dem Rücken
lehnte, zurückwich und er von der einen Kufe einen Stoß in den Rücken
bekam, da wachte er auf und sah sich, ob er nun wollte oder nicht,
genötigt, seine Lage zu verändern. Mit Mühe streckte er die Beine gerade,
schüttelte den Schnee von ihnen ab und erhob sich; sofort aber durchdrang
auch eine peinigende Kälte seinen ganzen Körper. Nachdem er begriffen
hatte, was vorging, kam ihm der Wunsch, Wasili Andrejitsch möchte ihm den
Sack dalassen, den das Pferd nun nicht mehr nötig hatte, damit er sich mit
ihm zudecken könne, und er rief ihm das zu.
Aber Wasili Andrejitsch hielt sich nicht länger auf und verschwand in dem
stäubenden Schnee. Allein zurückgeblieben, überlegte Nikita einen
Augenblick lang, was er nun tun solle. Wegzugehen und nach einer
menschlichen Wohnung zu suchen, dazu fühlte er nicht mehr die Kraft in
sich. Auch sich wieder auf seinen alten Platz zu setzen war nicht mehr
möglich: der war schon ganz von Schnee bedeckt. Im Schlitten aber, das
fühlte er, würde er sich nicht warm halten können, weil er nichts hatte, um
sich zuzudecken, und sein Mantel und sein Pelz ihn gar nicht wärmten. Er
fror, als wäre er im bloßen Hemde. So stand er ein Weilchen und überlegte;
dann seufzte er, und ohne die Packleinwand vom Kopfe zu nehmen, legte er
sich im Schlitten auf den Platz, den vorher sein Herr eingenommen hatte.
Er ballte sich unten am Boden des Schlittens zu einem möglichst kleinen
Klumpen zusammen, konnte aber schlechterdings nicht warm werden. So lag er
etwa fünf Minuten lang, am ganzen Leibe zitternd; dann ging das Zittern
vorüber, und er verlor allmählich das Bewußtsein. Ob er sterbe oder
einschlafe, das wußte er nicht; aber er fühlte sich in gleicher Weise zu
dem einen wie zu dem andern bereit. Nur ganz unklar dachte er: »Wenn es
Gott gefällt, daß ich noch einmal hier in dieser Welt lebend aufwache und
wie früher als Knecht lebe und immer in derselben Weise fremde Pferde
pflege und fremden Roggen nach der Mühle fahre und in derselben Weise mich
betrinke und das Trinken abschwöre und in derselben Weise meinen
Arbeitsverdienst meinem Weibe und diesem Böttcher hingebe und in derselben
Weise darauf warte, daß mein Sohn heranwächst: so geschehe Sein heiliger
Wille. Und wenn es Gott gefällt, daß ich in einer andern Welt erwache, wo
alles ebenso neu und beglückend sein wird, wie mir hier auf Erden in meiner
ersten Kindheit die Liebkosungen meiner Mutter und das Spielen mit anderen
Kindern und das Schlittenfahren im Winter und die Wiesen und die Wälder neu
und beglückend waren, und daß für mich ein anderes, neues, wunderbares
Leben beginne: so geschehe Sein heiliger Wille.« Dann verlor Nikita völlig
das Bewußtsein.
VIII
Unterdessen ritt Wasili Andrejitsch, das Pferd mit den Füßen und den Enden
der Zügel antreibend, in der Richtung dahin, wo er aus irgendwelchem
Grunde den Wald und das Wächterhäuschen vermutete. Der Schnee verklebte ihm
die Augen, und der Wind schien ihn zurückhalten zu wollen; aber er trieb,
sich ganz vornüber beugend, unaufhörlich das Pferd an. Dabei schlug er
fortwährend seinen Pelz zusammen und schob ihn zwischen seinen Körper und
das kalte, mit Nägeln beschlagene Rückenpolster, das ihm beim Sitzen
hinderlich war. Das Pferd ging gehorsam, wiewohl nur mit großer Mühe, im
Paßgang dahin, wohin er es lenkte.
So ritt er ungefähr fünf Minuten, immer geradeaus, wie er meinte, ohne
etwas anderes zu sehen als den Kopf des Pferdes und die weiße Wüste, und
ohne etwas anderes zu hören als das Pfeifen des Windes um die Ohren des
Pferdes und um den Kragen seines Pelzes.
Plötzlich zeigte sich vor ihm etwas Dunkles. Das Herz in der Brust begann
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