dort lag. Aber es wollte mir nicht gelingen, sie zu öffnen. Und sie
entglitt meinen zitternden Händen und schlug hart zu Boden und sprang in
Stücke. Und heraus rollten klappernd zahnärztliche Instrumente und
zweiunddreißig kleine, weiße, elfenbeinschimmernde Dinger und
verstreuten sich rings auf den Fußboden ...
[Fußnote 1: Denn da Jupiter während der Winterzeit zweimal sieben Tage
Wärme schenkt, so haben die Menschen diese milde und gemäßigte Zeit die
Amme des schönen Eisvogels genannt. -- Simonides]
MORELLA
[Griechisch: Auto kath' auto meth' autou,
mono eides aiei on.]
Plato, Symposion
Ein Gefühl tiefer, jedoch höchst seltsamer Zuneigung verband mich mit
meiner Freundin Morella. Ein Zufall war's, der mich vor vielen Jahren
mit ihr zusammenführte, aber seit unserer ersten Begegnung brannte meine
Seele in fremder, entfesselter Glut. Das war nicht die Flamme des Eros,
das war ein seltsam wilder Seelenbrand, und bitter und qualvoll war
meinem Geist die wachsende Überzeugung, daß ich das rätselhafte Wesen
dieser Gluten auf keine Weise zu ergründen noch ihr Aufflammen und
Niedersinken zu beherrschen vermochte.
Und das Schicksal, das uns zueinander geführt hatte, band uns am Altar
zusammen. Doch sprach ich nie ein Wort, das Leidenschaft gewesen wäre,
dachte nie einen Gedanken, der Liebe bedeutet hätte. Morella aber floh
jede Geselligkeit und schloß sich innig an mich an und machte mich
glücklich -- denn Staunen und Träumen ist Glück.
Morellas Gelehrsamkeit war unergründlich. Bei meinem Leben! ihre
vielseitige Begabung war geradezu übernatürlich -- ihre Verstandeskräfte
waren gigantisch! Ich wußte das und wurde in vielen Dingen ihr Schüler.
Es begann damit, daß sie mir eine Anzahl jener mystischen Schriften
vorlegte, die man gemeiniglich nur als den Abschaum der frühen deutschen
Literatur ansieht. Das Studium dieser Werke bildete -- aus mir
unverständlichen Gründen -- ihre liebste und andauernde Beschäftigung,
und daß es auch die meine wurde, ist einfach dem unwiderstehlichen
Einfluß von Beispiel und Gewohnheit zuzuschreiben.
Mit alledem hatte, wenn ich nicht irre, mein Verstand wenig zu schaffen.
Soviel ich weiß, stimmte meine Weltanschauung durchaus nicht mit den
Idealen dieser Leute überein, und auch in meinem Tun und Denken war
keine Spur von ihrem Mystizismus zu entdecken. Ich wenigstens hatte
diese Überzeugung und überließ mich daher ruhig und blindlings der
Führung meiner Frau, der ich unerschrocken in allen ihren Studien
folgte. Und dann -- dann, wenn ich, über geächtete, verderbliche Blätter
gebeugt, fühlte, wie ein verderblicher Geist sein Feuer in mir
entzündete, kam Morella und legte ihre kalte Hand auf meine heiße Hand
und entfachte aus der Asche einer toten Philosophie irgendwelche fast
bedeutungslosen, doch eigentümlichen Worte, deren seltsamer Sinn sich
flammend in mein Gedächtnis grub. Und dann -- dann ging ich Stunde um
Stunde nicht von ihrer Seite und berauschte mich am Wohlklang ihrer
Stimme, bis diese mir zum Überdruß und schließlich zum Entsetzen wurde
und schwarze Schatten sich auf meine Seele lagerten und bis ich
erbleichte und tief im Innern vor den fast überirdischen Lauten
schauderte. Und so wurden plötzlich Glück und Freude zu Entsetzen und
namenlosem Abscheu, und Schönheit weckte Grauen, so wie einst aus dem
Tale Hinnom das Gehenna geworden war.
Es ist unnötig, über die einzelnen Probleme, die jene alten Bücher in
uns anregten und die lange, lange Zeit fast das einzige Thema unserer
Gespräche bildeten, viel zu sagen. Alle die, welche etwas von
»theologischer Moral« verstehen, kennen diese Fragen gut, und jene, die
darin unerfahren sind, würden mich sicherlich kaum verstehen. Der wilde
Pantheismus Fichtes, die gemäßigtere Lehre der Pythagoräer von der
Wiederkunft und vor allem die Identitätsdoktrinen, wie Schelling sie
aufstellte, bildeten den hauptsächlichsten Stoff für unsere Diskussionen
und schienen die phantasievolle Morella am tiefsten und schönsten
anzuregen. Jene sogenannte persönliche Identität definiert Locke, wie
ich glaube, als das dauernde Bestehen eines jeden vernunftbegabten
Daseins. Und da wir unter »Person« ein intelligenz- und vernunftbegabtes
Wesen verstehen und da alles Denken stets von Bewußtheit begleitet ist,
so formt dieses beides gemeinsam unser »Ich« und unterscheidet uns durch
Verleihung unserer »persönlichen Identität« von anderen denkenden Wesen.
Doch das »principium individuationis«, der Begriff dieser Identität, die
mit dem Tode verloren oder nicht verloren geht, war mir stets ein
Problem von außerordentlicher Bedeutung, nicht allein wegen seiner
verwirrenden und aufregenden Konsequenzen, sondern auch wegen der
sonderbaren und eifrigen Art und Weise, in der Morella es behandelte.
Doch die Zeit war gekommen, in der das Geheimnisvolle im Wesen meines
Weibes mich wie ein Alp, ein Zauber bedrückte. Ich konnte die Berührung
ihrer bleichen Finger nicht ertragen, ich konnte den sanften Klang ihrer
tönenden Sprache, den Glanz ihrer melancholischen Augen nicht ertragen.
Und sie wußte all dies und hielt es mir doch niemals vor. Sie schien
meine Schwäche, meine Manie zu kennen und nannte es lächelnd
»Schicksal«. Selbst die mir unbekannte Ursache für meine sich steigernde
Abneigung schien sie zu kennen, doch machte sie nie eine Andeutung, die
mir auf die Spur geholfen hätte. Aber sie war Weib und härmte sich und
schwand hin und welkte von Tag zu Tag. Mit der Zeit erschien und blieb
auf ihren Wangen eine bedeutungsvolle Röte, und die blauen Adern auf
ihrer bleichen hohen Stirn schwollen an. Und wenn mein Wesen für einen
Augenblick in Mitleid schmolz, so traf mich im nächsten das Aufleuchten
ihrer bedeutsamen Augen -- und meine Seele entsetzte sich und wurde von
einem Schwindel ergriffen, wie er uns befällt, wenn wir hinab in einen
grausig düsteren, unergründlichen Abgrund spähen.
Muß ich noch sagen, daß ich mit tiefem, aufreibendem Verlangen die
Stunde von Morellas Ableben herbeiwünschte? Ich tat es. Aber der
schwache Geist klammerte sich noch Tage, Wochen, Monate an seine
zerbrechliche Hülle, und es kam so weit, daß meine gemarterten Nerven
Herrschaft über mich gewannen. Dies Hinzögern machte mich rasend, und
mein teuflisches Herz verfluchte die Tage und die Stunden und die
bitteren Minuten, die länger und länger zu werden schienen, je mehr ihr
zartes Leben dahinschmolz, wie Schatten länger und länger werden im
sterbenden Tag.
Aber eines Herbstabends, als alle Winde im Himmelsraum schliefen, rief
mich Morella an ihr Bett. Ein trüber Nebel lagerte über der Erde und ein
warmer Glanz auf den Wassern, und die Farben des herbstlichen Waldes
glühten so bunt, als sei ein Regenbogen vom Firmament herabgefallen und
in Millionen bunte Scherben zersplittert. »Dies ist der Tag der Tage«,
sagte sie, als ich zu ihr trat. »Der Tag der Tage -- sei es zum Leben
oder Sterben. Ein schöner Tag für die Söhne der Erde und des Lebens --
ah, schöner noch für die Töchter des Himmels und des Todes!«
Ich küßte sie auf die Stirn, und sie fuhr fort:
»Ich sterbe, dennoch werde ich leben!«
»Morella!«
»Die Tage, da du mich lieben konntest, sind nie gekommen -- doch sie,
die du im Leben verabscheutest -- im Tode sollst du sie anbeten.«
»Morella!«
»Ich wiederhole es -- ich sterbe. Doch in mir lebt ein Unterpfand der
Neigung, die du -- ach wie gering! -- für mich, Morella, fühltest. Und
wenn mein Geist entflieht, wird das Kind leben -- dein Kind und meines,
Morellas! Doch deine Tage werden Tage der Sorge sein -- der Sorge, die
beständiger ist als alles andere, gleichwie die Zypresse ausdauernder
ist als alle anderen Bäume. Denn die Stunden deines Glückes sind
vorüber, und Freude erblüht nicht zweimal im Leben, nicht zweimal, wie
die Rosen von Paestum zweimal blühen im Jahre. Rebe und Myrte werden dir
unbekannt sein, und du wirst, gleich den Moslemin in Mekka, auf Erden
schon dein Leichentuch mit dir herumtragen.«
»Morella!« schrie ich auf, »Morella! Wie kannst du das wissen?«
Aber sie wendete das Gesicht ab, und ein leises Zittern überlief ihre
Glieder. Sie starb, und ihre herrliche, ihre entsetzliche Stimme war
tot.
Doch wie sie es vorausgesagt hatte, geschah es. Ihr Kind, das sie
sterbend geboren hatte und das den ersten Atemzug tat, als seine Mutter
den letzten tat, dies Kind, ein Mädchen, lebte. Und es entwickelte sich
geistig und körperlich außerordentlich schnell und war das vollkommene
Ebenbild von ihr, die dahingeschieden war, und ich liebte es mit einer
Liebe, deren Glut und Innigkeit mir oft wie eine Kraft aus einer anderen
Welt erschien.
Doch nicht lange, da verdunkelte sich der Himmel dieser reinen
Zuneigung, denn Grausen und Kummer jagten wie ungeheure
verderbenbringende Wolken darüber hin. Ich sagte schon, das Kind
entwickelte sich außerordentlich früh an Körper und Geist. Und in der
Tat, sein schnelles leibliches Wachstum war geradezu befremdend. Aber
schrecklich, o, schrecklich waren die tobenden Gedanken, die mich
überstürzten, wenn ich des Kindes geistiger Entwicklung folgte. Wie
konnte es anders sein? Entdeckte ich doch täglich in den Vorstellungen
der kindlichen Seele die abnorme Begabung und das ausgereifte Wissen des
Weibes, vernahm aus dem kindlichen Munde die genialsten Erfahrungssätze,
die Menschen jemals aufgestellt haben, und sah im Auge des Kindes die
Weisheit und Leidenschaftlichkeit vollkommener Reife glühen.
Als alle diese Erscheinungen meinen erschreckten Sinnen offenbar wurden,
als meine Seele sie in sich aufgenommen hatte -- war es da zu
verwundern, daß ein entsetzlicher Argwohn mich befiel in der quälenden
Erinnerung an die grausigen Phantasien und unerhörten Theorien der
verstorbenen Morella?
Und ich verbarg dies junge Wesen, das ich anbetete, vor den Blicken und
Einflüssen der Welt, und in der vollständigen Abgeschlossenheit meines
Heims wachte ich mit aufreibender Sorge über alles, was dieses geliebte
Wesen betraf.
Und wie die Jahre dahinflossen und ich Tag um Tag in ihr heiliges und
mildes und beredtes Antlitz spähte und ihr Wachsen und Reifen bemerkte,
Tag um Tag, geschah es, daß ich Tag um Tag neue Dinge fand, in denen die
Tochter vollständig ihrer Mutter -- der schwermütigen und toten --
glich. Und stündlich verdichteten sich diese Schatten einer
unnatürlichen Ähnlichkeit und wurden immer tiefer und immer bestimmter
und immer beängstigender -- und immer grauenvoller anzusehen. Daß ihr
Lächeln dem Lächeln ihrer Mutter vollkommen glich, das hätte ich
ertragen können; aber dann, plötzlich, schauderte ich, denn ihr Lächeln
war nicht nur dem Morellas gleich -- es war mit ihm identisch! Daß ihre
Augen den Augen Morellas glichen, konnte ich hinnehmen, aber manchmal,
oft, drang der Tochter Blick in die Tiefen meiner Seele mit einer
verwirrenden Eindringlichkeit, wie sie eben nur Morella eigen sein
konnte. Und in den Umrissen der hohen Stirn und in den seidigen Locken
ihres Haares, in den bleichen Fingern, die mit diesen Locken spielten,
und in der klagenden Musik ihrer Stimme und vor allem -- o! vor allem in
den Redewendungen der Toten, die von den Lippen der Lebenden und
Geliebten flossen, fand ich Nahrung für die aufreibendste Gedankenarbeit
und für das rastloseste Entsetzen -- für den Wurm, der niemals sterben
wollte!
So vergingen die ersten zehn Jahre ihres Lebens, und noch immer hatte
meine Tochter keinen Taufnamen. »Mein Kind« und »mein Liebling« sind ja
übliche Benennungen, wie Vaterliebe sie findet, und die strenge
Abgeschlossenheit, in der sie lebte, schloß jeden weiteren Verkehr aus
und machte einen anderen Namen überflüssig. Morellas Name war mit ihr
gestorben. Ich hatte der Tochter niemals von der Mutter gesprochen; es
war unmöglich, von ihr zu sprechen. Tatsächlich hatte also das Kind in
seinem jungen Leben keine anderen Eindrücke empfangen als diejenigen,
die sich ihm in den engen Grenzen unserer Zurückgezogenheit bieten
konnten.
Doch schließlich vermeinte mein abgehetzter Geist durch die Zeremonie
der Taufe Erlösung zu finden. So führte ich also das Kind zur Taufe. Und
als ich vor dem Taufbecken stand, suchte ich nach einem Namen. Viele
Namen voll Weisheit und Schönheit, aus alter und neuer Zeit, aus meiner
Heimat und aus fremden Ländern, drängten sich mir auf die Lippen, und
viele, viele Namen für Sanftes und Frohes und Gutes. Was trieb mich nur
dazu an, die Ruhe der Toten und Begrabenen zu stören? Welcher Dämon
veranlaßte mich, jenen Namen zu flüstern, bei dessen Erinnerung schon
das Blut mir stürmisch zum Herzen schoß? Welcher Unhold sprach aus den
Tiefen meiner Seele, als ich in schweigender Nacht mitten im düsteren
Kreuzgang in das Ohr des heiligen Mannes die Silben flüsterte:
»Morella!« Und wer anders als Satan selbst veranlaßte mein Kind, bei
diesem kaum vernehmbaren Laut zusammenzuschrecken, die verglasten Blicke
gen Himmel zu heben und mit zuckendem Gesicht, auf dem die Schatten des
Todes kämpften, auf die schwarze Marmorplatte unserer Familiengruft
niederzusinken und zu antworten: »Hier bin ich!«
Klar, kalt und vollkommen deutlich trafen diese einfachen Worte mein Ohr
und rollten von da wie geschmolzenes Blei zischend in mein Gehirn. Jahr
um Jahr kann dahingehen, doch niemals die Erinnerung an diesen
Augenblick! Wahrlich, noch wußte ich nichts von Blumen und Reben -- doch
Zypresse und Schierling umdrohten mich Tag und Nacht. Und ich wußte
nichts mehr vom Wandel der Zeit, und der Stern meines Schicksals losch
aus am Firmament, und die Erde verlor ihr Licht, und die Gestalten, die
sie belebten, glitten an mir vorbei wie Schatten, und mitten unter ihnen
sah ich nur -- Morella! Die himmlischen Winde atmeten nur einen Laut,
und die rieselnden Wellen der ewigen Wasser murmelten immerfort --
Morella! Aber sie starb, und mit meinen eigenen Händen trug ich sie zu
Grab. Und ich lachte ein langes, bitteres Lachen, als in der Gruft, in
die ich die zweite bettete, nicht eine Spur zu finden war von der ersten
-- Morella.
ELEONORA
Sub conservatione formae specificae salva
anima.
Raymond Lully
Ich entstamme einem Geschlecht, das dafür bekannt ist, eine flammende
Leidenschaftlichkeit und eine zügellose Phantasie zu besitzen. Von mir
sagt man, daß ich wahnsinnig sei; aber noch ist die Frage nicht gelöst,
ob Wahnsinn nicht etwa erhabenste Erkenntnis ist, ob vieles, was
herrlich, ob alles, was vollkommen ist, nicht vielleicht einer
Krankhaftigkeit des Denkens entspringt, einer durch Überanstrengung des
normalen Intellekts hervorgerufenen Reizbarkeit des Geistes. Alle, die
bei Tage träumen, wissen von vielen Dingen, die denen entgehen, die nur
den Traum der Nacht kennen. Visionen lassen sie den Glanz der Ewigkeiten
schauen, und in ihr Wachsein nehmen sie das erschütternde Bewußtsein
mit, an der Schwelle der Erkenntnis des großen Rätsels gestanden zu
haben. Augenblicke offenbaren ihnen mit Blitzesgrelle viel von der
Weisheit des Guten, mehr noch von der bloßen Kenntnis des Bösen. Sie
haben nicht Ruder noch Kompaß und dringen dennoch in das unendliche Meer
des ewigen Lichtes vor -- und weiter, gleich den Fahrten des nubischen
Geographen, bis ins Meer der Schatten: »aggressi sunt mare tenebrarum,
quid in eo esset exploraturi.«
Nehmen wir also an, ich sei wahnsinnig. Ich gebe zum wenigsten zu, daß
mein Geistesleben aus zwei ganz verschiedenen Zuständen besteht: dem
Zustand klarer, nicht anzuzweifelnder Vernunft, der die Erinnerung an
die Begebenheiten der ersten Epoche meines Lebens umfaßt, und einem
Zustand voller Schatten und Zweifel, dem die Gegenwart gehört und die
Erinnerung an die Geschehnisse der zweiten großen Epoche meines Lebens.
Darum könnt ihr dem, was ich von meinem ersten Lebensabschnitt sagen
werde, Glauben schenken; von dem aber, was ich von der späteren Zeit
berichte, glaubt nur so viel, als euch glaubwürdig erscheint -- oder
bezweifelt das Ganze. Doch falls ihr nicht zweifeln könnt, so mögt ihr
vor den Rätseln meiner Seele den Ödipus spielen.
Sie, die ich in meiner Jugend liebte und von der ich jetzt kühl und klar
das Folgende berichte, war die einzige Tochter der einzigen Schwester
meiner früh verstorbenen Mutter. Eleonora war der Name meiner Kusine.
Wir hatten immer zusammengewohnt -- im »Tale des vielfarbigen Grases« --
unter tropischer Sonne. Kein fremder Fuß betrat jemals dies Tal, denn es
lag weit weit droben inmitten gigantischer Berge, die es ragend
umstanden und seinen lieblichen Gründen Schatten spendeten. Kein Pfad
führte dorthin, und um in unser seliges Heim zu gelangen, hätte man das
Gezweig von vieltausend Waldbäumen gewaltsam durchbrechen und die
Herrlichkeit von viel Millionen duftender Blumen zertreten müssen. So
lebten wir also ganz einsam und kannten nichts von der Welt außerhalb
des Tales -- ich und meine Kusine und ihre Mutter.
Aus den nebelhaften Regionen der höchsten Berge, die unser Reich
umschlossen, kam ein Fluß daher, schmal und tief, und seine Flut war
glänzender als alles -- ausgenommen Eleonoras Augen. Er wand sich in
verstohlenen Krümmungen durchs Tal und tauchte dann in eine dunkle
Schlucht, zwischen Bergen, die noch düsterer und geheimnisvoller waren
als jene, aus denen er gekommen war. Wir nannten ihn den »Fluß des
Schweigens«, denn es war, als ob sein Fluten alles beruhige und stille
mache. Kein Murmeln klang aus seinen Tiefen, er ging so sanft dahin, daß
die beperlten Kiesel auf seinem Grunde, die wir oft bewunderten, sich
niemals rührten -- in regungsloser Ruhe lagen sie, jeder funkelte ewig
am alten Platz.
Das Ufer des Flusses und der vielen glitzernden Bächlein, die ihm auf
allerlei Umwegen zuströmten, und ebenso alle Flächen, die von den Ufern
sich ins Wasser bis zum Kieselgrund hinuntersenkten, waren von kurzem,
dichtem, gleichmäßigem Rasen bedeckt, der lieblich duftete. Und weiter
noch dehnte sich dieser sanfte grüne Teppich -- durchs ganze Tal, vom
Fluß bis an den Fuß der Höhen, die es umgürteten. Diese wundervolle
weite Grasfläche war über und über mit gelben Butterblumen, weißen
Gänseblümchen, blauen Veilchen und rubinroten Asphodelen besprenkelt,
und ihre unbeschreibliche Schönheit redete laut zu unsern Herzen von der
Liebe und der Herrlichkeit Gottes.
Und hie und da erhoben sich im Grase wie seltsam verschlungene
Traumgebilde Gruppen phantastischer Bäume, deren Stämme nicht senkrecht
aufragten, sondern in anmutigen Biegungen dem Licht entgegenstrebten,
das um Mittag in die Mitte des Tales hereinleuchtete. Ihre Rinde war
ebenholzschwarz und silbern gefleckt und war zarter als alles --
ausgenommen Eleonoras Wangen. Ja, man hätte diese Bäume für gigantische
Schlangen halten können, die der Sonne, ihrer Gottheit, huldigten, wären
nicht die glänzend grünen, großen Blätter gewesen, die von ihren Gipfeln
in langen, bebenden Reihen niederhingen und mit dem Zephir tändelten.
Lange Jahre durchstreifte ich Hand in Hand mit Eleonora das Tal, ehe die
Liebe in unsere Herzen einzog. Es war an einem Abend in Eleonoras
fünfzehntem und meinem zwanzigsten Lebensjahre, da saßen wir, einander
eng umschlungen haltend, unter den Schlangenbäumen und blickten hinab in
den Fluß des Schweigens und auf unser Bild, das sich in seinen Wassern
spiegelte.
Wir sprachen nichts mehr an diesem süßen Tage, und selbst am andern
Morgen fand unsere Rede nur wenige zitternde Worte.
Wir hatten in den Wassern Gott Eros gefunden und ihn in uns aufgenommen,
und wir fühlten nun, daß durch ihn die feurigen Seelen unserer Vorfahren
in uns entzündet waren. Alle Leidenschaftlichkeit und blühende
Phantasie, die Jahrhunderte lang unser Geschlecht auszeichneten,
ergriffen unsere Herzen wie ein Rausch und hauchten in das Tal des
vielfarbigen Grases eine wahnsinnige Seligkeit. Alle Dinge veränderten
sich. Die Bäume, die nie vordem ein Blühen gekannt hatten, entfalteten
seltsame, sternförmige, strahlende Blüten. Das Grün des Rasenteppichs
vertiefte sich, und als -- eine nach der andern -- die weißen
Gänseblümchen dahinschwanden, brachen an ihren Orten rubinrote
Asphodelen auf -- zu zehn auf einmal. Und Leben regte sich auf unseren
Pfaden, denn der hohe, schlanke Flamingo, den wir bis dahin noch nie
gesehen, entfaltete vor uns sein scharlachfarbenes Gefieder, und mit ihm
kamen und glühten alle heiteren Vögel. Gold- und Silberfische belebten
den Fluß, und aus seinen Tiefen hob sich leise, doch lauter und lauter
werdend, ein Murmeln, das schließlich zu einer sanften, erhabenen
Melodie anschwoll, erhabener als der Sang aus des Äolus Harfe und süßer
als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme.
Und eine schwere, mächtige Wolke, die wir seit langem in den Regionen
des Abendsterns beobachtet hatten, setzte sich gemächlich in Bewegung.
Und durch und durch karmin- und golderglänzend lagerte sie sich über
unser Tal und sank Tag um Tag friedvoll tiefer und tiefer, bis ihre
Ränder auf den Gipfeln der Berge ruhten, deren nebelhaftes Grau sie in
Glanz und Pracht verwandelte. Und sie lagerte über uns und schloß uns
ein wie in ein zauberhaftes Gefängnis von seltsamer Herrlichkeit.
Der Liebreiz Eleonoras war der der Seraphim; aber sie war so schlicht
und unschuldig wie das kurze Leben, das sie inmitten der Blumen gelebt
hatte. Keine Arglist lehrte sie, die Inbrunst, die ihr Herz entflammte,
zu verbergen, und während wir miteinander im Tale des vielfarbigen
Grases wandelten und über all seine Veränderungen sprachen, enthüllte
sie mir die geheimsten Tiefen ihrer Seele.
Und eines Tages sprach sie unter Tränen von jener letzten traurigen
Veränderung, der alle Menschen unterworfen sind, und von nun an weilte
sie nur bei diesem einen schmerzvollen Thema, das sie in jedes unserer
Gespräche einflocht, so wie die Sänger von Schiras in ihren Liedern
dieselben Bilder wieder und wieder anwenden.
Sie hatte die Hand des Todes auf ihrer Brust gefühlt, sie wußte, daß sie
in so vollkommener Schönheit erschaffen worden war, nur um -- gleich der
Eintagsfliege -- früh zu sterben. Doch alle Schrecken des Todes waren
für sie in dem einen Gedanken vereint, von dem sie mir in abendlicher
Dämmerstunde am Fluß des Schweigens sprach. Es bekümmerte sie, zu
denken, ich könne, nachdem ich sie im Tale des vielfarbigen Grases
begraben hätte, seine selige Verborgenheit verlassen und die Liebe, die
jetzt ganz ihr gehörte, irgendeinem Mädchen der Alltagswelt da draußen
schenken. Und damals und dort warf ich mich ohne Besinnen Eleonora zu
Füßen und tat ihr und dem Himmel den Schwur, daß ich mich niemals mit
einer Tochter der Welt in Ehe verbinden -- daß ich niemals ihrem
geliebten Andenken, dem Andenken der innigen Zuneigung, mit der sie mich
segnete, untreu werden wollte. Und ich rief den allmächtigen Herrn des
Weltalls zum Zeugen für meines Schwurs aufrichtigen Ernst. Und der
Fluch, den ich von ihm und von ihr, der Heiligen im Paradiese, für den
Fall meines Treubruches auf mich herabrief, schloß eine so entsetzliche
Strafe in sich, daß ich hier nicht davon sprechen kann.
Und die strahlenden Augen Eleonoras erstrahlten noch heller bei meinen
Worten. Und sie seufzte, als sei eine tödliche Last ihr vom Herzen
genommen, und sie zitterte und weinte bitterlich. Aber sie nahm meinen
Schwur an -- denn was war sie anderes als ein Kind --, und er ließ sie
erleichtert dem Sterben entgegensehen. Und als sie einige Tage später
friedvoll entschlief, sagte sie zu mir, sie wolle um deswillen, was ich
für den Frieden ihrer Seele getan habe, mit dieser Seele über mich
wachen; sie wolle, sofern es möglich sei, in den wachen Stunden der
Nacht mir sichtbarlich erscheinen. Wenn aber dies außerhalb der Macht
der Seelen im Paradiese läge, so wolle sie mir ihr Gegenwärtigsein
wenigstens durch allerlei Zeichen kund tun. Sie werde mit den
Abendwinden mich umkosen und die Luft um mich her mit dem Duft der
Weihrauchschalen erfüllen. Mit diesen Worten auf den Lippen gab sie ihr
junges, reines Leben auf, und mit ihr endete die erste Epoche meines
eigenen Lebens.
Bis hierher habe ich wahrheitsgetreu berichtet. Doch wenn mein Denken
auf dem Wege der Vergangenheit die Grenze, die der Tod meiner Geliebten
gezogen, überschreitet und in die zweite Periode meines Lebens eintritt,
dann sammeln sich Schatten um mein Hirn, und ich fühle, daß ich an
meinem gesunden Gedächtnis zweifeln muß. Doch ich will fortfahren.
Die Jahre schleppten sich träge dahin, und immer noch wohnte ich im Tale
des vielfarbigen Grases. Aber wiederum hatte eine Veränderung alle Dinge
befallen. Die sternförmigen Blüten krochen zurück in die Stämme der
Bäume und kamen nie wieder zum Vorschein. Das tiefe Grün des
Rasenteppichs verblaßte, und die rubinroten Asphodelen welkten hin, eine
nach der andern. Und an ihren Orten brachen -- zu zehn auf einmal --
dunkle, blauäugige Veilchen auf, und ihre Augen standen immer voll Tau
und blickten kummervoll. Und Leben entschwand von unsern alten Pfaden;
denn der hohe, schlanke Flamingo entfaltete nie mehr sein scharlachrotes
Gefieder, trauernd flog er aus unserm Tale fort, den Bergen zu, und mit
ihm zogen alle heiteren Vögel, die ihn begleitet hatten. Und die Gold-
und Silberfische schwammen davon durch die Schlucht, die an der einen
Seite unser Reich begrenzte, und zierten nie wieder den lieblichen Fluß.
Und die sanfte Melodie, die erhebender gewesen war als der Sang aus des
Äolus Harfe und süßer als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme, sie
sank wieder zu leisem Murmeln herab und wurde leiser und leiser, bis sie
erstarb und der Fluß wieder in seinem vormaligen feierlich-düsteren
Schweigen dahinfloß. Und dann -- zuletzt -- hob sich die mächtige Wolke
von den Gipfeln der Berge, die wieder in ihr nebelhaftes Grau
zurücktauchten, und schwamm gemächlich davon, den fernen Regionen des
Abendsternes zu, und mit ihr verschwand das strahlende Gold und all die
glänzende Pracht, mit der sie das Tal des vielfarbigen Grases
überschüttet hatte.
Jedoch was Eleonora versprach, erfüllte sich. Denn ich hörte um mich das
Schwingen der himmlischen Weihrauchschalen, und Ströme himmlischer Düfte
durchfluteten immer und immer das Tal. Und in einsamen Stunden, wenn
mein Herz in heftigem Pulsschlag erbebte, umschmeichelten sanfte Winde
mit süßem Seufzen meine Stirn. Die dunklen Nächte füllte oft ein
schwaches Flüstern, und einmal -- o, einmal nur! -- weckte mich aus
einem todähnlichen Schlafe der Kuß geisterhafter Lippen, die meinen Mund
berührten.
Aber all dies vermochte nicht die Leere meines Herzens auszufüllen, und
grenzenlos wuchs sein Verlangen nach jener Liebe, von der es vordem so
übervoll gewesen war. Und endlich kam es soweit, daß mir das Tal des
vielfarbigen Grases, durch das mich die Erinnerungen hetzten, zur Qual
wurde, und ich vertauschte es für immer gegen die Eitelkeiten und das
friedelose Glück der Welt.
* * * * *
Ich fand mich in einer fremden Stadt, in der alle Dinge nur dazu
dienten, die Erinnerung an die süßen Träume, die ich so lange Jahre im
Tal des vielfarbigen Grases geträumt hatte, aus meinem Gedächtnis
auszulöschen. Ein prächtiges Hoflager mit Pomp und Festen, betäubendes
Waffengeklirr und strahlende Frauenlieblichkeit verwirrten und
berauschten mein Hirn. Doch bis jetzt war meine Seele ihrem Schwur treu
geblieben, und immer noch verkündete mir Eleonora in den stillen Stunden
der Nacht ihr Gegenwärtigsein.
Plötzlich aber hörten diese Anzeichen auf, und die Welt wurde schwarz
vor meinen Augen, und ich stand in atemlosem Schreck vor dem glühenden
Gedanken -- der grauenhaften Versuchung, die mich befallen hatte. Denn
an den fröhlichen Hof des Königs, dem ich diente, kam aus irgendeinem
fernen, fernen, unbekannten Lande ein Mädchen, von deren Schönheit mein
ganzes ruchloses Herz entflammt und hingerissen ward -- zu deren Füßen
ich mich ohne Sträuben niederwarf in wehrloser, abgöttischer Liebe. Ach,
wie armselig war die Leidenschaft, die ich dem jungen Kinde im Tale des
vielfarbigen Grases geschenkt hatte, wenn ich sie mit der Glut und dem
Wahnwitz und den beseligenden Ekstasen verglich, in denen jetzt meine
Anbetung emporjauchzte, mit dem trunkenen Schluchzen, in dem meine Seele
zu Füßen der himmlischen Ermengard dahinschmolz! O, herrlich war der
Engel Ermengard! Und vor dieser Erkenntnis versank alles andere. -- O,
göttlich war der Engel Ermengard! Und ich ertrank im Blick ihrer
unergründlichen Augen und sah und suchte nur sie.
Ich vermählte mich mit Ermengard -- und fürchtete nicht den Fluch, den
ich auf mich herabgeschworen hatte, und seine Schrecken suchten mich
nicht heim. Da kam noch einmal -- ein einziges Mal -- durch das
Schweigen der Nacht das süße Seufzen wieder zu mir, und es formte sich
zu einer wohlbekannten, inbrünstigen Stimme:
»Schlafe in Frieden! Denn der Geist der Liebe lebt und herrscht. Und
wenn du glühenden Herzens Ermengard umarmst, bist du -- aus Gründen, die
dir dereinst im Himmel offenbar werden sollen -- deines Gelübdes an
Eleonora entbunden.«
DIE INSEL DER FEE
Nullus enim locus sine genio est.
Servius
»La musique,« sagt Marmontel in seinen »Contes Moreaux,« die wir in
allen unsern Übersetzungen beharrlich als »Moralische Geschichten«
bezeichnet finden, als ob man ihren Sinn verhöhnen wollte -- »la musique
est le seul des talents qui jouisse de lui-même: tous les autres veulent
des témoins.« Er verwechselt hier die Freude an schönen Klängen mit der
Fähigkeit, sie hervorzurufen. Die musikalische Begabung ist ebensowenig
wie jedes andere Talent da, wo kein zweiter ihre Äußerungen würdigt, zur
Gewährung eines vollkommenen Genusses befähigt, und nur in Verbindung
mit andern Begabungen bringt sie die Wirkungen hervor, die erst in der
Einsamkeit ganz genossen werden mögen. Der Gedanke, den der »raconteur«
entweder nicht klar genug dargestellt oder dessen Darstellung er einer
nationalen Vorliebe für Pointierung geopfert hat, ist zweifellos der
sehr begründete, daß wir gute Musik am tiefsten zu würdigen verstehen,
wenn wir einsam sind. Der Gedanke in dieser Form wird ohne weiteres
jedem richtig erscheinen, der die Musik um ihrer selbst und ihrer
seelischen Wirkung willen liebt. Doch noch eine Freude ist den
verstoßenen Sterblichen vergönnt, eine, die vielleicht mehr noch als die
Musik der gesteigerten Einsamkeit bedarf. Ich meine den Genuß, den die
Naturbetrachtung bietet. Wahrlich, wer Gottes Herrlichkeit auf Erden
recht gewahren will, der muß diese Herrlichkeit in Einsamkeit
betrachten. Mir wenigstens erscheint die Anwesenheit nicht nur
menschlicher, sondern überhaupt lebendiger Wesen jeder Art, außer den
grünen Dingen, die aus dem Boden wachsen und keine Stimme haben, als
Befleckung der Landschaft, als etwas, was der seelischen Harmonie des
Bildes zuwiderläuft.
In Wahrheit! ich liebe die Vorstellung, daß die dunklen Täler und grauen
Felsen und die schweigsam lächelnden Wasser und die Wälder, die in
unruhigem Schlummer seufzen -- und die stolzen wachsamen Berge, die auf
alles herunterblicken --, daß alles dies nur ungeheure Gliedmaßen eines
gewaltigen lebendigen und empfindenden Ganzen sind -- eines Ganzen,
dessen Gestalt (die Kugel) die vollkommenste und umfassendste ist, die
es gibt; dessen Weg den andern Planeten zugesellt ist, dessen zarte Magd
der Mond[2], dessen mittelbarer Herr die Sonne ist; dessen Lebensdauer
Ewigkeit, dessen Sinn der Wille Gottes ist; dessen Freude Wissen ist;
dessen Geschicke sich in Unendlichkeit verlieren; dessen Kenntnis seiner
selbst etwa unsrer Kenntnis der mikroskopischen Kleinwelt gleichkommt --
eines Daseins, das wir als völlig unbelebt und rein stofflich ansehen,
ähnlich, wie diese winzigen Wesen uns betrachten mögen.
Unsre Teleskope und unsre mathematischen Entdeckungen geben uns trotz
des scheinheiligen Geredes der Geistlichkeit überall die Gewißheit, daß
Raum und also Masse in den Augen des Allmächtigen eine große Bedeutung
hat. Die Kreise, darin die Sterne sich bewegen, sind als die besten
befunden worden für eine ungehinderte Bewegung der größtmöglichen Anzahl
Körper. Die Form dieser Körper ist gerade so, daß sie bei einer
gegebenen Oberflächengröße die größtmögliche Anhäufung von Materie
gestattet, während die Oberfläche selbst so beschaffen ist, daß sie eine
größere Zahl von Bewohnern aufnehmen kann, als wenn sie irgendeine andre
Gestalt hätte. Auch ist die Tatsache, daß der Raum selbst unendlich ist,
kein Argument dagegen, daß die Masse ein Zweck Gottes ist; denn eine
unendliche Materie mag vorhanden sein, um ihn zu füllen, und da wir
deutlich sehen, daß die Materie grundsätzlich von Leben erfüllt ist --
in der Tat, soweit unser Urteil reicht, ein leitender Grundsatz in den
Maßnahmen der Gottheit -- so ist es kaum logisch, dieses Leben auf die
Regionen des Kleinen, wo wir es täglich nachweisen können, zu
beschränken und nicht auf die des Erhabenen auszudehnen. Da wir ohne
Ende Kreis in Kreise laufen sehen, alle aber sich um eine ferne Mitte
drehen, um die Gottheit, sollten wir da nicht gleicherweise Leben in
Leben vermuten, das kleinere im größeren und alle im göttlichen Geiste?
Kurz, wir sind infolge unsrer Selbstüberhebung in einem gewaltigen
Irrtum, wenn wir annehmen, der Mensch sei in seiner zeitlichen oder
zukünftigen Bestimmung von größerer Wichtigkeit für das Universum als
der gewaltige Talkörper, den er beackert und verachtet und dem er eine
Seele abspricht, aus keinem tieferen Grunde, als weil er sie nicht in
Tätigkeit sieht[3].
Solche und ähnliche Vorstellungen haben meinen Betrachtungen in den
Bergen und Wäldern, an den Flüssen und am Meere eine Beimischung
gegeben, die von der Alltagswelt zweifellos als »phantastisch«
bezeichnet werden würde. Meine zahllosen, meist einsamen Wanderungen in
solchen Gegenden pflegten meinen Geist ungewöhnlich lebhaft zu
beschäftigen, und die Hingabe, mit der ich manchen düstern Talgrund
durchstreifte oder in die Himmelsspiegelung manches strahlenden Sees
blickte, wurde sehr vertieft durch das Bewußtsein, daß ich -allein-
wanderte und Umschau hielt. Welcher geschwätzige Franzose[4] war es
doch, der mit Beziehung auf das Werk von Zimmermann sagte: »la solitude
est une belle chose; mais il faut quelqu'un pour vous dire que la
solitude est une belle chose«? Dem Epigramm ist nicht zu widersprechen;
aber dies »il faut« -- diese Notwendigkeit ist doch ein Unding.
Es war auf einer meiner einsamen Wanderungen in weit entfernten
Gegenden, wo Berg an Berg geschlossen war und trauervolle Flüsse und
schwermütige Sümpfe sich einherwanden oder schlummernd lagen, als ich an
einen kleinen Fluß mit einer Insel kam. Es war im laubreichen Juni. Ich
warf mich auf den Rasen unter die Zweige eines unbekannten duftenden
Gesträuches, um in Betrachtung des Bildes versunken zu ruhen. Ich
fühlte, nur so sollte ich es ansehen, dies entsprach seinem Charakter.
Auf allen Seiten -- außer gen Westen, wo die Sonne im Untergehen war --
erhoben sich grüne Waldesmauern. Der Fluß, der in seinem Lauf eine
scharfe Wendung machte und sich so plötzlich den Blicken entzog, schien
aus seinem Gefängnis keinen Ausweg zu haben, sondern vom grünen Laub der
Bäume im Osten aufgesogen zu werden, während auf der anderen Seite (so
erschien es mir, als ich da lag und nach oben sah) geräuschlos und
unaufhaltsam ein gold- und purpurroter Wasserfall aus den
Abendrotquellen des Himmels ins Tal herniedersprühte.
Etwa in der Mitte des beschränkten Ausschnitts, den mein träumerisches
Auge faßte, ruhte eine kleine runde, üppig begrünte Insel auf der Brust
des Wassers,
Und Licht und Schatten woben Duft,
Als hänge sie schwebend in der Luft.
So spiegelglatt war das glasige Wasser, daß sich kaum erkennen ließ, an
welcher Stelle des grünen Rasenhanges sein Reich begann.
Meine Lage gestattete mir, mit einem einzigen Blick sowohl das östliche
wie das westliche Ende der Insel zu umfassen, und ich bemerkte eine
eigentümliche Verschiedenheit an ihnen. Das Westende war wie ein
strahlender Harem von Gartenschönheiten. Es glühte und errötete unter
den schrägen Blicken der Sonne und lachte mit heiteren Blumen. Das Gras
war kurz, feucht, süß duftend und von Goldwurz durchblüht. Die Bäume
waren geschmeidig, heiter, aufrecht, hell, schlank und anmutig, von
morgenländischem Bau und Laub, mit sanfter, glänzender und buntfarbiger
Rinde. Alles schien gesättigt von einem tiefen Bewußtsein von Leben und
Lust, und obgleich vom Himmel keine Winde bliesen, so war doch alles
bewegt durch das leichtbeschwingte Gaukelspiel unzähliger
Schmetterlinge, die man für beflügelte Tulpen hätte halten können.[5]
Das andre oder östliche Ende der Insel war in schwärzeste Schatten
gehüllt. Eine traurige, doch schöne und friedvolle Dunkelheit durchdrang
hier alle Dinge. Die Bäume waren von düsterer Farbe und trauernd in
Gestalt und Haltung; -- wie sie sich da in trübe, feierliche und
gespenstische Formen hüllten, erweckten sie eine Vorstellung von
tödlichem Leid und frühzeitigem Tod. Das Gras hatte den dunklen
Farbenton der Zypresse, und seine Halme ließen die Köpfe hängen, und
hier und dort sah man im Grase viele kleine häßliche Hügel, schmal und
niedrig und nicht sehr lang, die wie Gräber aussahen und doch keine
waren, obgleich Raute und wilde Rosen sie ganz und gar überwucherten.
Der Schatten der Bäume sank schwer aufs Wasser nieder, als wolle er sich
darin begraben, die Tiefen des Elementes mit Dunkelheit sättigend. Ich
bildete mir ein, wie die Sonne tiefer und tiefer sank, löse sich
Schatten um Schatten trübe vom Stamme, der ihm Leben gegeben hatte, und
werde vom Strome aufgetrunken, während jeden Augenblick neue Schatten
aus den Bäumen hervortraten, um die Stelle ihrer eingesargten Vorgänger
einzunehmen.
Als dieser Gedanke meine Phantasie erfaßt hatte, regte er sie weiter und
weiter an, und ich versank in Träumerei. »Wenn je eine Insel verzaubert
war,« sprach ich bei mir selbst, »so ist es diese. Hier ist der
Zufluchtsort der wenigen gütigen Feen, die noch vom Untergang verschont
geblieben sind. Sind jene Hügel ihre grünen Gräber? -- Oder geben sie
ihr Leben auf, wie Menschen ihr Leben dahingeben? Ist ihr Sterben nicht
vielmehr ein trauervolles Hinschwinden, so daß sie nach und nach ihr
Dasein an Gott zurückgeben, wie diese Bäume Schatten um Schatten
hingeben, ihr Wesen verhauchen und auflösen? Was der vergehende Baum dem
Wasser ist, das seinen Schatten einsaugt und schwärzer wird von jeder
solchen Beute, mag nicht das Leben der Fee für den Tod, der es
verschlingt, das gleiche sein?«
Als ich so mit halbgeschlossenen Augen sann, indes die Sonne eilig zur
Rüste ging und wirbelnde Strömungen rund und rund um die Insel jagten,
mit tanzenden weißen Streifen der Rinde des Feigenbaumes auf den Wellen,
Streifen, die in ihrer wechselvollen Lage auf dem Wasser von einer
lebendigen Phantasie mit allem Erdenklichen zu vergleichen gewesen wären
-- während ich so sann, war mir, als nehme die Gestalt einer solchen
Fee, über die ich nachgesonnen hatte, langsam aus dem Glanze der
Westseite der Insel ihren Weg ins Dunkel. Sie stand aufrecht in einem
seltsam gebrechlichen Kahn, den sie mit dem Schatten eines Ruders
lenkte. Solange sie unter dem Einfluß der zögernden Sonnenstrahlen
blieb, schien ihre Haltung Freude auszudrücken, aber Trauer wandelte sie
an, als sie der Schatten berührte. Langsam glitt sie dahin und hatte
schließlich die Runde um die Insel gemacht und erschien wieder auf der
Lichtseite. »Der Zirkel, den die Fee soeben vollendet hat,« sinnierte
ich weiter, »ist der Kreislauf ihres kurzen Lebensjahres. Sie ist durch
ihren Winter und ihren Sommer geflutet. Sie ist dem Tode um ein Jahr
näher: denn es ist meinen Blicken nicht entgangen, daß, als sie in die
Dämmerung kam, ihr Schatten von ihr abfiel und vom dunklen Wasser
verschlungen ward, dessen Schwärze noch schwärzer davon wurde.«
Und wieder erschien das Boot mit der Fee, doch in ihrer Haltung war mehr
Sorge und Unsicherheit und weniger biegsame Lust. Sie flutete wiederum
aus dem Licht und ins Dunkel (das sogleich tiefer wurde), und wiederum
fiel ihr Schatten von ihr ab ins ebenholzschwarze Wasser und wurde von
seiner Schwärze verschlungen. Und wieder und wieder machte sie die Runde
um die Insel (indessen die Sonne zu ihrer Schlummerstätte eilte), und
bei jedem Heraustreten ins Licht lag mehr Trauer auf ihrer Gestalt, die
schwächer und feiner und unbestimmter wurde, und bei jedem Übergang ins
Dunkel sank ein tieferer Schatten von ihr ab, der von immer düstererem
Schwarz verschlungen wurde. Endlich aber, als die Sonne gänzlich
verschwunden war, glitt die Fee, jetzt nur noch wie das Gespenst ihres
früheren Seins, mit ihrem Boot trostlos in das Bereich der
ebenholzschwarzen Flut, und ob sie daraus wieder zum Vorschein kam, kann
ich nicht sagen, denn Finsternis deckte alle Dinge, und ich gewahrte
ihre zauberhafte Gestalt nicht mehr.
[Fußnote 2: Mond im Englischen weiblich, Sonne männlich. A. d. Üb.]
[Fußnote 3: Wo Pomponius Mela in seiner Abhandlung »De Situ Orbis« von
Flut und Ebbe spricht, sagt er: »Entweder ist die Welt ein großes Tier,
oder« usw.]
[Fußnote 4: Balzac, dem Sinne nach; ich weiß nicht mehr die Worte.]
[Fußnote 5: Florem putares nare per liquidum aethera. -- P. Commire]
LANDORS LANDHAUS
Während einer Wanderung, die mich letzten Sommer durch einige der
Flußtäler der Grafschaft Neuyork führte, sah ich mich, als der Tag zur
Neige ging, in gewisser Verlegenheit, welchen Weg ich einschlagen
sollte. Das Land war auffallend hügelig, und in der letzten halben
Stunde hatte mich der Pfad, bei meinem Bemühen, mich in den Tälern zu
halten, so verwirrend um und rundum geführt, daß ich nicht mehr ahnte,
in welcher Richtung das reizende Dorf B... lag, wo ich die Nacht zu
bleiben gedachte. Es hatte, genau genommen, den Tag über eigentlich
keinen Sonnenschein gegeben, dennoch war es ungewöhnlich warm gewesen.
Ein Nebelschleier, wie lauter Altweibersommer, verhängte alle Dinge und
vermehrte natürlich meine Unsicherheit. Nicht daß ich die Sache sehr
wichtig nahm. Sollte ich nicht vor Sonnenuntergang, selbst nicht vor
Einbruch der Dunkelheit auf das Dorf stoßen, so war es doch mehr als
wahrscheinlich, daß irgendein kleines Farmhaus oder dergleichen
auftauchen würde, wenn auch die Gegend (vielleicht weil sie sich mehr
malerisch als fruchtbar erwies) nur spärlich bewohnt war. Jedenfalls
wäre ein Biwak im Freien, mit meinem Rucksack als Kissen und meinem
Jagdhund als Wächter, so recht nach meinem Geschmack gewesen. Ich
schlenderte daher wohlgemut weiter und hatte meine Flinte Ponto
aufgeladen, als ich schließlich, da ich eben Betrachtungen darüber
anstellte, ob die zahlreichen kleinen Lichtungen, die hier- und dorthin
führten, überhaupt Pfade vorstellen sollten, auf dem verlockendsten von
ihnen zu einem richtigen Fahrweg geriet. Jeder Irrtum war
ausgeschlossen. Leichte Räderspuren waren sichtbar, und obgleich das
hohe Strauchwerk und das aufgeschossene Unterholz sich oben
zusammenschlossen, gab es am Boden nicht das geringste Hemmnis, selbst
nicht für ein virginisches Berggefährt, meiner Meinung nach das
anspruchsvollste, hochfahrendste Vehikel seiner Art. Abgesehen davon,
daß der Weg frei in den Wald führte (wenn die Bezeichnung Wald nicht
allzu wuchtig ist für dieses Beieinander lichter Bäume) und daß er
deutliche Räderspuren aufwies, glich er auch nicht entfernt irgendeinem
der Wege, die ich je gesehen hatte. Die besagten Spuren waren kaum
wahrnehmbar auf einer Fläche, die eine lebhafte Ähnlichkeit mit grünem
Genueser Samt besaß. Es war Gras, gewiß, aber Gras, wie wir es außer in
England selten sehen, so kurz, so dicht, so eben und von so leuchtender
Farbe. Nicht das geringste Hindernis fand sich in der Radspur, nicht
einmal ein Span oder ein dürrer Zweig. Die Steine, die einst den Weg
gehemmt hatten, waren zur Seite der Rasenfläche sorgsam niedergelegt,
nicht geworfen worden, so daß sie diese mit einer sozusagen nachlässigen
Sorgsamkeit malerisch abgrenzten. Büsche wilder Blumen wuchsen in den
Zwischenräumen in verschwenderischer Fülle.
Was ich aus alledem machen sollte, wußte ich natürlich nicht. Hierin lag
unzweifelhaft Kunst. Das überraschte mich nicht; alle Wege sind im
herkömmlichen Sinne Kunstwerke; auch kann ich nicht sagen, daß lediglich
die Übertreibung des Künstlerischen so wundersam erschien; alles, was
hier geschehen war, mochte -hier-, wo soviel natürliche »Anlage« vorlag
(wie man das in Büchern über Landschaftsgärtnerei findet) mit sehr wenig
Arbeit und Ausgaben getan worden sein. Nein, es war nicht die Fülle,
sondern der Charakter des Künstlerischen, was mich veranlaßte, mich auf
einen der umblühten Steine niederzulassen und wohl eine halbe Stunde
oder länger diese feenhafte Allee voll staunender Bewunderung hinauf und
hinunter zu blicken. Eines wurde mir, je länger ich schaute, mehr und
mehr deutlich: ein Künstler, und zwar ein Künstler mit außerordentlich
scharfem Blick für Formen, hatte alle diese Anordnungen im voraus
überlegt. Man war mit größter Sorgfalt bedacht gewesen, zwischen dem
Hübschen und Anmutigen einerseits und dem »Pittoresken«, im wahren Sinne
der italienischen Bezeichnung, andrerseits die rechte Mitte zu halten.
Es gab wenig gerade und keine auf die Länge ungebrochene Linie. Dasselbe
Bild in Krümmung oder Farbe bot sich, soweit das Auge reichte, meist
zweimal, doch nicht öfter. Überall in der Einförmigkeit war Abwechslung.
Es war ein Stück »Komposition«, in der selbst der anspruchsvollste
kritische Geschmack kaum eine Verbesserung hätte vorschlagen können.
Als ich diesen Weg betrat, hatte ich mich nach rechts gewandt, und nun
erhob ich mich und verfolgte dieselbe Richtung. Der Pfad war so
gewunden, daß ich seinen Lauf nie mehr als zwei, drei Schritte weit vor
mir sah. Seine Anlage erfuhr nicht die geringste Wandlung.
Plötzlich traf das sanfte Murmeln eines Wassers mein Ohr, und einige
Augenblicke später, als der Pfad mich noch überraschender als bisher um
die Ecke führte, gewahrte ich, daß am Fuße eines gerade vor mir
liegenden sanften Hanges irgendein Gebäude lag. Ich konnte infolge des
Dunstschleiers, der das ganze kleine Tal drunten erfüllte, nichts
deutlich erkennen. Jetzt erhob sich jedoch ein leichter Wind, denn die
Sonne war am Untergehen, und während ich auf dem Hügelkamm stehen blieb,
zerteilte sich der Nebel in krause Fetzen und flutete über die Szene.
Wie die Dinge so allmählich zum Vorschein kamen, Stück um Stück, hier
ein Baum, da ein Wasserblinken und hier wieder ein Stück Schornstein,
war mir nicht anders zumute, als sei das Ganze eines jener geschickten
Trugbilder, wie sie zuweilen unter der Bezeichnung »Vexierbilder«
dargeboten werden.
Mit der Zeit jedoch, als der Nebel sich völlig verzogen hatte, war auch
die Sonne hinter die sanften Hänge hinabgesunken, kam nun aber, als habe
sie ein leichtes »chassez« nach Süden gemacht, wieder in volle Sicht,
indem sie in purpurnem Glanz durch eine Kluft im Westen des Tales
hereinschimmerte. Plötzlich also und wie mit Zauberhand wurde dieses
ganze Tal und alles, was darin war, strahlend sichtbar.
Der erste »coup d'oeil«, als die Sonne in die angegebene Stellung glitt,
machte mir einen ähnlichen Eindruck, wie ihn mir in meiner Knabenzeit
das Schlußbild eines gut inszenierten Schauspiels oder Melodramas
hervorrief. Nicht einmal die Ungeheuerlichkeit in der Farbengebung
fehlte, denn die Sonne drang durch die Kluft in sattem Orangerot und
Purpur, während das lebhafte Grün des Grases im Tal durch den
Dunstschleier, der noch immer darüber schwebte, als widerstrebe ihm die
Trennung von einem so zauberhaft schönen Bild, mehr oder weniger auf
alle Dinge zurückgestrahlt wurde.
Das kleine Tal, in das meine Blicke so unter der Nebelschicht
hinabtauchten, konnte nicht mehr als vierhundert Meter Länge haben, die
Breite wechselte von fünfzig zu hundertundfünfzig oder auch zweihundert
Metern. An seinem Nordende war es außerordentlich schmal und
verbreiterte sich, aber nicht gerade regelmäßig, nach Süden hin. Die
größte Breite erreichte es ungefähr achtzig Meter vor dem südlichen
Ende. Die Hänge, welche das Tal umgaben, konnten nicht eigentlich Hügel
genannt werden, höchstens an ihrer Nordseite. Hier erhob sich eine
steile Felswand bis zu einer Höhe von neunzig Fuß und mehr, und wie ich
schon sagte, war das Tal hier nicht breiter als fünfzig Meter. Wer sich
aber von diesem Felsenriff nach Süden wandte, der fand zur Rechten und
Linken Abhänge, die sowohl weniger hoch wie auch weniger steil und
weniger felsig waren. Mit einem Wort, nach Süden hin wurde alles
schräger und sanfter, und doch war das ganze Tal von mehr oder weniger
hohen Erhebungen umgürtet, abgesehen von zwei Punkten. Von einem
derselben habe ich schon gesprochen. Er lag gegen Nordwesten, und hier
war es, wo die Sonne in der geschilderten Weise in das Amphitheater
ihren Weg fand, durch eine sauber geschnittene natürliche Kluft in der
granitenen Umfassung. Dieser Einschnitt mochte an seiner breitesten
Stelle zehn Meter betragen -- soweit das Auge das zu schätzen vermochte.
Er schien wie eine natürliche Chaussee sachte aufwärts zu führen, in die
Gründe noch undurchforschter Berge und Wälder. Die andere Öffnung befand
sich genau am südlichen Talende. Hier waren die Hügel im allgemeinen
kaum mehr als sanfte Wellungen, die von Osten nach Westen in einer
Breite von etwa hundertundfünfzig Metern verliefen. In der Mitte dieser
Strecke lag eine Senkung, die bis auf die Bodenhöhe des Tales herabging.
Wie in allem andern, so bot die Szene auch hinsichtlich der Vegetation
ein nach Süden hin niedrigeres und sanfteres Bild. Nach Norden, an dem
steilen Felshang, erhoben sich nicht weit vom Gipfel die prächtigen
Stämme vom weißen und schwarzen Walnußbaum, vom Kastanienbaum und
vereinzelten Eichen, und die besonders von den Walnußbäumen streng
wagerecht gebreiteten Äste sprangen weit über den Felsrand vor. Nach
Süden fortschreitend sah man zunächst dieselben Baumarten, nur weniger
hochgewachsen und majestätisch; dann begegnete man der schlankeren Ulme,
dem Sassafras und der Robinie -- diesen folgte die sanftere Linde, der
Judasbaum, Trompetenbaum und Ahorn -- und schließlich kamen noch
anmutigere und bescheidenere Arten. Die ganze südliche Hügelwelle war
nur mit wildem Strauchwerk bedeckt bis auf ein paar vereinzelte
Silberweiden und Silberpappeln. Drunten im Tale selbst (denn man muß
beachten, daß die genannte Vegetation nur auf den Felsen oder
Hügelwänden wuchs) sah man drei einzeln stehende Bäume. Der eine war
eine Ulme von schöner Größe und herrlicher Gestalt; sie stand als
Wächter am südlichen Eingang des Tales. Der zweite war ein Nußbaum, viel
größer als die Ulme und alles in allem ein viel edlerer Baum, wenngleich
beide ausnehmend schön waren. Er schien den nordwestlichen Zutritt zu
bewachen, wie er da aus einer Felsengruppe seine vornehme Gestalt mitten
in den offenen Rachen der Schlucht hinausreckte, in einem Winkel von
fast fünfundvierzig Grad, weit hinaus in den Sonnenschein des
Amphitheaters.
Etwa dreißig Meter östlich von diesem Baum stand jedoch der Stolz des
Tales und ohne Frage der prächtigste Baum, den ich je gesehen habe,
ausgenommen vielleicht die Zypressen von Itchiatuckanee. Es war ein
dreistämmiger Tulpenbaum -- ein Liriodendron tulipiferum -- eine der
wilden Magnolienarten. Die drei Stämme trennten sich vom Mutterstamm in
etwa drei Fuß Höhe, strebten nur ganz allmählich auseinander und waren
dort, wo der breiteste Stamm Laub ansetzte, nicht mehr als vier Fuß
auseinander. Das war in einer Höhe von ungefähr achtzig Fuß. Die ganze
Höhe des Baumes betrug einhundertundzwanzig Fuß. Nichts kommt an
Schönheit dem leuchtkräftigen Grün der Blätter des Tulpenbaumes gleich.
Gegenwärtig waren sie volle acht Zoll breit; ihre Pracht aber wurde
übertroffen von dem schwellenden Prunk üppiger Blüten. Man stelle sich
eine Million dicht zusammengedrängter strahlendster Tulpen vor! Nur so
kann sich der Leser eine Ahnung von dem Bilde machen, das ich ihm
vermitteln möchte. Und dann die stolze Anmut der sauberen, zart
gekerbten säulenartigen Stämme, deren größter zwanzig Fuß vom Boden
einen Durchmesser von vier Fuß hatte. Die unzähligen Blüten erfüllten im
Verein mit den Blüten anderer, kaum weniger schöner, allerdings weit
weniger majestätischer Bäume das Tal mit Wohlgerüchen, die köstlicher
waren als die Wohlgerüche Arabiens.
Den eigentlichen Boden des Amphitheaters bildete Gras von derselben
Beschaffenheit, wie ich es auf dem Weg gefunden hatte, höchstens noch
weicher, üppiger und von einem noch wundervolleren sammetartigen Grün.
Es war schwer zu fassen, wie all diese Schönheit erzielt werden konnte.
Ich habe von den zwei Öffnungen im Tal gesprochen; aus der ersten gen
Nordwesten ergoß sich ein Bächlein, das mit sanftem Murmeln und einigem
Schäumen die Schlucht herunterkam, bis es gegen die Felsengruppe
prallte, aus der der einzelstehende Walnußbaum aufschoß. Hier umkreiste
es den Baum und wandte sich dann etwas nach Nordwesten, den Tulpenbaum
einige zwanzig Fuß südlich lassend; nun veränderte es seinen Lauf nicht
eher, als bis es etwa die Mitte zwischen der östlichen und westlichen
Grenze des Tales erreicht hatte. An dieser Stelle bog es nach mehreren
Krümmungen im rechten Winkel ab und verfolgte eine im allgemeinen
südliche Richtung, bis es sich eilig in einem kleinen See von
unregelmäßiger, aber ziemlich ovaler Form verlor, der schimmernd nahe am
südlichen Talausgang lag. Dieser See hatte vielleicht an seiner
breitesten Stelle hundert Meter Durchmesser. Kein Kristall konnte klarer
sein als seine Wasser. Sein Grund, den man deutlich sehen konnte,
bestand überall aus strahlend weißen Kieseln. Seine Ufer, von besagtem
Smaragdgrün, rundeten sich in den klaren Himmel hinunter, und so klar
war dieser Himmel, so vollkommen spiegelte er zuzeiten alle Gegenstände
von oben, daß es schwer festzustellen war, wo das wirkliche Ufer
aufhörte und das widergespiegelte begann. Die Forelle und einige andre
Fischarten, von denen es im Weiher wimmelte, erweckten alle den Anschein
von fliegenden Fischen. Es war schwer, nicht anzunehmen, daß sie einfach
in der Luft hingen. Ein leichtes Birkenboot, das friedlich auf dem
Wasser lag, wurde von dem so köstlich polierten Spiegel bis in seine
feinsten Rippen mit unerhörter Treue wiedergegeben. Eine kleine Insel im
heitern Schmuck vollerblühter Blumen und nur gerade groß genug, um ein
malerisches kleines Bauwerk zu tragen, offenbar ein Wasservogelhaus,
erhob sich im See, nicht weit von seinem nördlichen Ufer -- mit dem es
durch eine unbegreiflich zierlich wirkende und doch ganz primitive
Brücke verbunden war. Sie bestand aus einer einzigen breiten und dicken
Planke aus Tulpenholz. Sie war vierzig Fuß lang und überspannte den Raum
zwischen Ufer und Ufer in leichtem, doch gut wahrnehmbarem Bogen, der
jede Schwankung ausschloß. Aus dem Südende des Sees ergoß sich wieder
der Bach, der sich ungefähr dreißig Meter in Windungen ergötzte und dann
schließlich durch die (schon beschriebene) Niederung inmitten der
südlichen Hänge hindurchfloß und, in eine Tiefe von hundert Fuß
hinuntertaumelnd, seinen vielfach gewundenen Weg zum Hudson nahm.
Der See war tief -- an manchen Stellen bis zu dreißig Fuß, der Bach aber
hatte selten mehr als drei, während seine größte Breite etwa acht
betrug. Sein Bett und die Ufer glichen denen des Weihers -- wenn etwas
daran auszusetzen war, so war es dies, daß die malerische Wirkung
vielleicht durch übertriebene Sauberkeit beeinträchtigt wurde.
Die Weite des grünen Feldes wurde gelegentlich durch einen Zierstrauch
unterbrochen, wie Hortensie, Schneeball oder duftendes Jasmingesträuch;
häufiger noch durch eine Geraniumgruppe, die in allen Varietäten üppig
blühte. Diese letzteren standen in Töpfen, die sorgfältig in die Erde
gegraben waren, um den Eindruck wildwachsender Pflanzen hervorzurufen.
Überdies war der Wiesensammet anmutig von Schafen belebt, die als
stattliche Herde das Tal durchstreiften, in Gesellschaft dreier zahmen
Rehe und einer beträchtlichen Anzahl strahlendgefiederter Enten. Ein
sehr großer Bullenbeißer schien allen diesen Tieren, dem einzelnen wie
der Gesamtheit, eine wachsame Aufmerksamkeit zu widmen.
An den östlichen und westlichen Felsen -- dort, wo die Begrenzung nach
den höhergelegenen Teilen des Amphitheaters hin mehr oder weniger steil
war -- zog sich in verschwenderischer Fülle Efeu hin, so daß man nur hie
und da ein Fleckchen vom nackten Fels hindurchschimmern sah. Der
Westabhang war gleicherweise fast vollständig mit selten prächtigen
Reben bedeckt, die zum Teil vom Fuße des Felsens aufstrebten, zum Teil
am Hange selbst hervorwuchsen.
Die geringe Erhebung, welche die untere Abgrenzung dieser kleinen
Besitzung bildete, wurde von einer sauberen Steinmauer gekrönt, deren
Höhe genügte, das Entweichen des Wildes zu verhindern. Nirgends sonst
war eine Einfriedigung zu bemerken; denn nirgends sonst war ein
künstlicher Abschluß nötig. Würde zum Beispiel ein versprengtes Schaf
versuchen, sich durch die Schlucht aus dem Tal zu entfernen, so würde es
sein Vorwärtskommen nach wenigen Schritten durch den steilen
Felsenvorsprung gehemmt sehen, über den der Wasserfall herabstürzte, der
gleich, als ich mich der Ansiedlung näherte, meine Aufmerksamkeit erregt
hatte. Kurz, der einzige Ein- und Ausgang bestand in einem Tor, das
einen Felspfad sperrte, wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der
ich stehen blieb, um die Szene zu betrachten.
Ich habe geschildert, wie der Bach in seinem Laufe viele unregelmäßige
Windungen machte. Seine beiden Hauptrichtungen liefen, wie ich sagte,
zuerst von West nach Ost und dann von Norden nach Süden.
Da, wo die Strömung den Bogen machte und wieder nach rückwärts lief,
schloß sie eine fast kreisrunde Schlinge, so daß eine Halbinsel
entstand, die beinahe eine Insel war. Auf dieser Halbinsel stand ein
Wohnhaus -- und wenn ich sage, daß dieses Haus, gleich der
Höllenterrasse, die Vathek sah, »était d'une architecture inconnue dans
les annales de la terre«, so meine ich lediglich, daß das Ganze mich
durch seine Eigenart wie auch durch seine Zweckmäßigkeit ungemein
verblüffte -- mit einem Wort, durch »Poesie« -- (denn ich könnte kaum
mit anderen Bezeichnungen, als den vorstehend gewählten, eine genaue
Definition für abstrakte Poesie geben) -- und ich meine nicht, daß das
»outre« in irgendeiner Hinsicht bemerkenswert war.
In der Tat, nichts hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher wirken
können als dieses Landhaus. Sein wundersamer Eindruck lag ausschließlich
in seiner künstlerischen bildhaften Anlage. Während ich hinsah, hätte
ich mir vorstellen können, ein hochbedeutender Landschaftsmaler habe es
mit seinem Pinsel hergestellt.
Der Aussichtspunkt, von dem aus ich das Tal zum ersten Male sah, war zur
Betrachtung des Hauses nicht der beste, aber doch fast der beste Platz.
Ich will es daher so beschreiben, wie es sich mir später bot -- von dem
Steinwall am Südende des Amphitheaters aus gesehen.
Das Hauptgebäude hatte eine Länge von ungefähr vierundzwanzig Fuß und
eine Breite von sechzehn -- sicher nicht mehr. Seine Gesamthöhe vom
Boden bis zur Dachspitze konnte nicht mehr als achtzehn Fuß betragen. An
der Westseite dieses Bauwerks war ein zweites angefügt, das in allen
seinen Teilen etwa ein Drittel kleiner war: -- seine Vorderseite stand
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