Diese unaufhörlich ins Innere der Seele zurückgedrängten Leiden hatten
auf die Dauer dieser Frau etwas seltsam Krankhaftes verliehen. Ohne
Zweifel hatten allzu heftige Erschütterungen das Mutterherz auch
körperlich beeinträchtigt, und eine Krankheit, vielleicht eine
Herzerweiterung, bedrohte langsam ihr Leben, ohne daß Julie sich dessen
bewußt war. Die wahren Schmerzen liegen anscheinend so ruhig in dem
tiefen Bett, das sie sich bereiten -- sie scheinen dort zu schlummern,
aber sie nagen noch immer an der Seele, gleich jener furchtbaren Säure,
die das Kristall zerfrißt.
In diesem Augenblick rannen zwei Tränen an den Wangen der Marquise
hinab, und sie erhob sich, als wenn ein Gedanke, schmerzlicher als alle
anderen, ihr plötzlich weh getan hätte. Sie hatte ohne Zweifel über
Moinas Zukunft nachgedacht. Und indem sie die Schmerzen voraussah, die
ihrer Tochter harrten, fiel ihr alles Unglück des eigenen Lebens wieder
schwer aufs Herz.
Die Lage dieser Mutter wird verständlich sein, sobald wir die ihrer
Tochter dargelegt haben.
Graf Saint-Héreen war vor einem halben Jahre abgereist, um eine
politische Mission zu erfüllen. Moina, die zu aller Eitelkeit der
geliebten Frau noch die Launen des verhätschelten Kindes hinzufügte,
hatte teils aus Leichtsinn, teils zur Befriedigung der tausend
weiblichen Koketterien, und vielleicht auch um deren Macht zu erproben,
während der Abwesenheit ihres Gatten ein Vergnügen daran gefunden, mit
der Leidenschaft eines gewandten, doch herzlosen Mannes zu spielen, denn
wenn dieser auch erklärte, vor Liebe toll zu sein, so war es doch eben
nur jene Liebe, die sich mit all dem kleinlichen gesellschaftlichen
Ehrgeiz des Gecken verträgt. Madame d'Aiglemont, die eine langjährige
Erfahrung gelehrt hatte, das Leben zu kennen, die Männer zu beurteilen,
die Gesellschaft zu fürchten, hatte die fortschreitende Entwickelung
dieser Liebelei beobachtet und ahnte nun den Untergang ihrer Tochter, da
sie sie in die Hände eines Mannes gefallen sah, dem nichts heilig war.
Mußte es nicht für sie das Entsetzlichste sein, einen Wüstling in dem
Manne zu erkennen, dem Moina mit Freuden zugehörte? Ihr geliebtes Kind
befand sich also am Rande eines Abgrunds. Das war für sie eine
fürchterliche Gewißheit, und doch wagte sie nicht, sie zu warnen; denn
sie fürchtete sich vor der Komtesse. Sie wußte im voraus, Moina würde
auf keinen der klugen Ratschläge hören, Julie hatte keine Gewalt über
diese Seele, die ihr gegenüber von Eisen, gegen alle andern aber von
Wachs war.
Ihre Mutterliebe wäre groß genug gewesen, der Tochter ihr Mitleid nicht
zu versagen, wenn eine durch die edlen Eigenschaften des Verführers
gerechtfertigte Leidenschaft ihre Tochter unglücklich gemacht hätte;
allein Moina folgte einer Regung der Gefallsucht, und die Marquise
verachtete den Grafen Alfred de Vandenesse, weil sie wußte, daß er der
Mann dazu war, seinen Kampf mit Moina wie eine Schachpartie zu
behandeln.
Obwohl Graf Alfred de Vandenesse dieser unglücklichen Mutter Abscheu
einflößte, war sie doch gezwungen, die letzten Gründe ihres Widerwillens
in den tiefsten Falten ihres Herzens zu begraben. Sie hatte in engen
Beziehungen zu dem Marquis de Vandenesse, Alfreds Vater, gestanden, und
diese in den Augen der Welt sehr respektable Freundschaft berechtigte
den jungen Mann, mit Madame de Saint-Héreen vertraulich zu verkehren, in
die er von Kind auf »verschossen« gewesen zu sein behauptete.
Auch wenn Frau d'Aiglemont sich entschlossen hätte, zwischen ihre
Tochter und Alfred de Vandenesse ein furchtbares Wort zu schleudern, das
sie hätte trennen können, so wäre es doch umsonst gewesen; sie war
überzeugt, daß es ihr nicht gelungen wäre, sie auseinanderzubringen,
trotz aller Gewalt dieses Wortes, mit dem sie sich außerdem in den Augen
ihrer Tochter entehrt haben würde.
Alfred war zu verderbt, Moina zu geistreich, um an eine solche
Enthüllung zu glauben, und die junge Komtesse würde sie als eine
mütterliche Kriegslist ausgelegt und sich darüber hinweggesetzt haben.
Frau d'Aiglemont hatte ihren Kerker mit eigenen Händen erbaut und sich
darin eingemauert -- nun mußte sie dort sterben und ruhig zuschauen, wie
das schöne Leben Moinas, das ihr Stolz, ihr Glück, ihr Trost geworden
war, ein Dasein, das ihr tausendmal teuerer war als das ihrige, zugrunde
ging. Ein schreckliches, unglaubliches Leiden, für das es keine Worte
gibt! Ein bodenloser Abgrund!
Sie wartete ungeduldig, daß ihre Tochter aufstände, und dennoch
fürchtete sie sich vor ihr, gleich dem Unglücklichen, der, zum Tode
verurteilt, gern mit dem Leben zu Ende sein möchte und doch fröstelt bei
dem Gedanken an den Henker. Die Marquise hatte beschlossen, einen
letzten Versuch zu machen; aber sie hatte wohl weniger Angst vor einem
Fehlschlag, als vielmehr davor, daß ihr Herz eine neue, schmerzliche
Wunde empfangen könnte, die ihr den letzten Rest von Mut rauben würde.
Mit ihrer Mutterliebe war es eben schon so weit gekommen: sie liebte
ihre Tochter und schreckte vor ihr zurück, wie man einen Dolchstoß
fürchtet und ihm dennoch entgegenrennt. Das mütterliche Gefühl ist in
liebenden Herzen so groß, daß eine Mutter, ehe sie zur Gleichgültigkeit
gelangt, sterben oder sich an eine große Kraft, die Religion oder die
Nächstenliebe, anlehnen muß.
Seit die Marquise aufgestanden war, hatte ihr unseliger Geist ihr einen
Teil von diesen Tatsachen vorgehalten, die so unbedeutend zu sein
scheinen, im geistigen Leben aber große Ereignisse bilden. In der Tat
ruft manchmal eine Gebärde ein ganzes Drama hervor, die Betonung eines
Wortes zerreißt ein ganzes Leben, die Gleichgültigkeit eines Blickes
tötet die glücklichste Liebe.
Die Marquise d'Aiglemont hatte leider schon zu viele solche Gebärden
gesehen, zu viele solche Worte gehört, zu viele solche Blicke erhalten,
alles Lieblosigkeiten, die ihre Seele tief schmerzten und bei deren
Erinnerung sie sich keinen Hoffnungen hingeben konnte. Alles das hatte
ihr bewiesen, daß Alfred ihr das Herz der Tochter geraubt hatte, daß das
Kind sich nicht mehr aus Freude daran, sondern nur noch aus Pflicht mit
der Mutter beschäftigte. Tausend ganz unbedeutende Dinge waren ihr ein
Zeugnis für das abscheuliche Verhalten, das die Komtesse sich ihr
gegenüber angewöhnte -- eine Undankbarkeit, die die Marquise vielleicht
als eine Strafe ansah. Um die Handlungsweise ihrer Tochter zu
entschuldigen, faßte sie sie sogar als Willen der Vorsehung auf. Sie
wollte eben noch die Hand anbeten können, die sie schlug.
An diesem Morgen dachte sie an alles, und alles bereitete ihr so tiefes
Herzweh, erfüllte sie mit so großem Kummer, daß der Becher überlaufen
mußte, wenn der geringste Schmerz hinzugefügt wurde. Ein kalter Blick
hätte jetzt der Marquise Tod sein können. Es ist schwer, diese
häuslichen Geschehnisse zu beschreiben, aber einige werden vielleicht
genügen, um alle anzudeuten und zu bezeichnen. So hatte die Marquise,
die etwas schwerhörig geworden war, Moina niemals dazu bewegen können,
lauter zu sprechen, wenn sie mit ihr redete; aber als sie sie mit der
Naivität der Leidenden einmal bat, einen Satz zu wiederholen, den sie
nicht verstanden hatte, so gehorchte die Komtesse wohl, doch mit so
unverhohlenem Unwillen, daß Frau d'Aiglemont ihre bescheidene Bitte nie
mehr wiederholte. Seit diesem Tage trug die Marquise Sorge, nahe an
ihre Tochter heranzurücken, wenn diese etwas erzählte oder plauderte;
aber oft schien die Komtesse sich über die Schwerhörigkeit der Mutter zu
ärgern und machte ihr gar leichtsinnigerweise deshalb Vorwürfe.
Folgendes unter Tausenden herausgerissene Beispiel konnte eben nur ein
Mutterherz merken, alle diese Dinge wären einem Zuschauer vielleicht gar
nicht aufgefallen; denn solche Feinheiten sind für andere Augen, als die
einer Mutter, unbemerkbar. Madame d'Aiglemont hatte eines Tages zu ihrer
Tochter gesagt, die Prinzessin de Cadignan hätte sie besucht, und Moina
rief bloß: »Wie? sie hat sich deinetwegen bemüht?« Die Miene, mit der
diese Worte gesprochen wurden, die besondere Betonung, die die Komtesse
ihnen gab, verrieten, wenn auch in kaum merklicher Form, eine
Verwunderung, eine vornehme Geringschätzung. Angesichts solcher
Gefühlshärte muß in der Tat ein allzeit junges, zartes Herz die Sitte
der Wilden, ihre Greise zu töten, wenn sie sich an den Zweigen eines
stark geschüttelten Baumes nicht mehr halten können, als
menschenfreundlichen Brauch empfinden.
Frau d'Aiglemont erhob sich, lächelte und ging hinaus, um im geheimen zu
weinen. Die wohlerzogenen Leute, und vor allem Frauen, verraten ihre
Gefühle nur durch unmerkliche Bewegungen, an denen aber jedes
mitfühlende Herz, zumal wenn es in seinem Leben ähnliches Unglück
erlitten hat, wie diese mürbe gemachte Mutter, die innere Erregung nicht
minder deutlich erkennen kann.
Niedergedrückt von ihren Erinnerungen, dachte Frau d'Aiglemont jetzt an
diese eine von all jenen winzigen, und doch so schmerzlichen, so
grausamen Kleinigkeiten, und in diesem Augenblick kam ihr die bittere,
unter einem Lächeln verborgene Verachtung stärker als je zum
Bewußtsein. Aber ihre Tränen versiegten, als sie die Jalousien des
Zimmers öffnen hörte, wo ihre Tochter ruhte. Sie eilte auf dem Pfade,
der an dem Gitter vorbeiführte, wo sie soeben noch gesessen hatte, den
Fenstern zu. Im Gehen fiel ihr noch auf, daß der Gärtner den Sand dieses
seit einiger Zeit sehr schlecht gehaltenen Weges mit ganz besonderer
Sorgfalt geharkt hatte. Als Frau d'Aiglemont unter den Fenstern ihrer
Tochter ankam, wurden die Jalousien rasch zugemacht.
»Moina!« rief sie.
Keine Antwort.
»Die Frau Komtesse ist im kleinen Salon,« sagte Moinas Kammermädchen,
als die Marquise ins Haus trat und fragte, ob ihre Tochter aufgestanden
sei.
Frau d'Aiglemonts Herz war zu voll, ihr Geist zu sehr von Gedanken
erfüllt, als daß sie in diesem Augenblick über so nebensächliche
Umstände nachgedacht hätte; sie ging sogleich in den kleinen Salon, wo
sie die Komtesse im Morgenkleid fand. Über das noch ungeordnete Haar
hatte sie ein Häubchen geworfen, die Füßchen steckten in Pantoffeln, im
Gürtel trug sie den Schlüssel ihres Schlafzimmers. Ihr Gesicht verriet
fast stürmische Gedanken und lebhafte Farben. Sie saß auf einem Diwan
und schien nachzudenken.
»Weshalb stört man mich?« sagte sie in hartem Tone. »Ah, Sie sind's,
meine Mutter,« setzte sie zerstreut hinzu, sich selbst unterbrechend.
»Ja, mein Kind, es ist deine Mutter ...«
Der Ton, in dem Frau d'Aiglemont diese Worte aussprach, verriet eine
Inbrunst, eine Rührung, aus deren Art man, um sie einigermaßen zu
kennzeichnen, das Wort Heiligkeit anwenden muß. Sie legte darein in der
Tat so deutlich den heiligen Charakter einer Mutter, daß die Tochter
betroffen war und sich zu ihr umwandte, mit einer Bewegung, die
Ehrfurcht, Unruhe und Reue ausdrückte. Die Marquise schloß die Tür des
Salons, zu dem doch niemand gelangen konnte, ohne in den davorliegenden
Zimmern Geräusch zu verursachen. Diese Abgelegenheit sicherte vor
unberufenen Zeugen.
»Meine Tochter,« sagte die Marquise, »es ist meine Pflicht, dich über
eine der wichtigsten Krisen in unserm Leben, im Frauenleben aufzuklären.
Du befindest dich jetzt in ihr, vielleicht ohne es zu ahnen, aber ich
werde dich nicht sowohl als Mutter wie als Freundin darauf aufmerksam
machen. Indem du dich verheiratet hast, erlangtest du die volle Freiheit
des Handelns, du bist darin nur deinem Gatten Rechenschaft schuldig;
aber ich habe dich so wenig die mütterliche Gewalt fühlen lassen -- und
das war vielleicht ein Unrecht -- daß ich mich im Recht glaube,
wenigstens einmal im Leben, in einer ernsten Lage, wo du des Rats
bedarfst, dir meine Meinung zu sagen. Denke daran, Moina, daß ich dich
mit einem Manne von hohem Range vermählt habe, auf den du stolz sein
kannst, den ...«
»Mutter,« rief Moina in widerspenstigem Tone, sie unterbrechend, »ich
weiß, was Sie mir sagen wollen -- Sie wollen mir eine Predigt über
Alfred halten ...«
»Du würdest es nicht so gut erraten, Moina,« fuhr die Marquise fort und
versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten, »wenn du nicht fühltest ...«
»Was denn?« versetzte sie in fast hochmütigem Tone. »Aber, Mutter, ich
muß doch sagen --«
»Moina,« rief Madame d'Aiglemont mit großer Kraft, »du mußt unbedingt
aufmerksam anhören, was ich dir zu sagen habe ...«
»Ich höre,« sagte die Komtesse und kreuzte die Arme, halb im Trotz, halb
in Unterwürfigkeit. »Gestatten Sie jedoch, meine Mutter,« setzte sie mit
unglaublicher Kaltblütigkeit hinzu, »daß ich Pauline rufe. Sie soll
einen Gang besorgen.«
Sie klingelte.
»Mein liebes Kind, Pauline darf nicht hören --«
»Mama,« versetzte die Komtesse in ernsthaftem Tone, der der Mutter sehr
sonderbar vorkommen mußte, »ich habe --«
Sie hielt inne, denn das Kammermädchen erschien.
»Pauline, gehen Sie selbst zu Baudran und fragen Sie, warum ich meinen
Hut noch nicht habe.«
Sie setzte sich wieder und sah aufmerksam ihre Mutter an. Die Marquise,
deren Herz zu brechen drohte und deren Augen trocken waren, empfand in
diesem Augenblick ein Gefühl, dessen Schmerz nur von Müttern begriffen
werden kann. Sie nahm das Wort, um Moina über die Gefahr zu belehren, in
der diese schwebte. Aber ob nun die Komtesse sich verletzt fühlte durch
das Mißtrauen, das ihre Mutter gegen den Sohn des Marquis de Vandenesse
hegte, oder ob sie auf eine jener unbegreiflichen Torheiten verfiel, die
sich nur aus der Unerfahrenheit der Jugend erklären lassen, jedenfalls
benützte sie eine Pause, die ihre Mutter machte, um ihr mit einem
gezwungenen Lachen zuzurufen:
»Mama, ich habe nur Eifersucht auf den Vater in Ihnen gesucht ...«
Bei diesem Worte schloß Frau d'Aiglemont die Augen, senkte den Kopf und
stieß den leisesten aller Seufzer aus. Sie blickte nach oben, als
gehorche sie dem unüberwindlichen Gefühl, das uns in den großen Krisen
des Lebens veranlaßt, Gott anzurufen; dann heftete sie einen Blick
schrecklicher Majestät und doch auch tiefen Schmerzes auf ihre Tochter.
»Mein Kind,« sagte sie in verändertem Tone, »du bist jetzt
unbarmherziger gegen deine Mutter gewesen, als der Mann war, den sie
hintergangen hat, und als selbst vielleicht Gott sein wird.«
Frau d'Aiglemont erhob sich; aber als sie an der Tür stand, drehte sie
sich noch einmal um. Sie sah in den Augen ihrer Tochter nichts als
Befremdung und ging hinaus. Sie konnte noch bis zum Garten gehen; dort
verließen sie die Kräfte. Ihr Herz zog sich in heftigem Schmerz
zusammen, und sie sank auf eine Bank. Ihre über den Sand hinirrenden
Augen erkannten die frische Fußspur eines Mannes, dessen Stiefel sehr
deutliche Eindrücke zurückgelassen hatten. Es war kein Zweifel mehr,
ihre Tochter war verloren, und sie glaubte nun auch den Grund zu
erkennen, weshalb Moina Pauline weggeschickt hatte. Dieser grausame
Gedanke brachte eine Deutung mit sich, die noch häßlicher war, als alles
übrige. Sie vermutete, der Sohn des Marquis de Vandenesse hätte im
Herzen Moinas die Ehrfurcht vernichtet, die eine Tochter der Mutter
schuldig ist.
Der Herzkrampf nahm zu, sie sank in Ohnmacht, ohne es selbst zu spüren,
und saß wie eingeschlafen da.
Die junge Komtesse fand, ihre Mutter hätte sich zuviel herausgenommen
und ihr einen deutlichen »Rüffel« gegeben. Sie glaubte, am Abend würde
die alte Dame durch eine Liebkosung oder irgendwelche Aufmerksamkeit ihr
unpassendes Benehmen wieder gutmachen.
Als sie im Garten den Schrei einer Frau hörte, neigte sie sich
nachlässig hinaus, und im selben Augenblick rief Pauline, die noch nicht
fortgegangen war, um Hilfe und hielt die Marquise in den Armen.
»Erschrecken Sie doch meine Tochter nicht!« war das letzte Wort, das
diese Mutter aussprach.
Moina sah, wie ihre Mutter blaß, leblos, nur noch mit Mühe atmend,
hereingetragen wurde. Die Sterbende bewegte die Arme, als wenn sie sich
sträuben oder sprechen wollte. Entsetzt über diesen Anblick, lief Moina
hinter ihrer Mutter her und half schweigend ihr Bett zurechtzumachen und
sie auszukleiden. Sie erkannte nun, daß sie an diesem Ende schuld war,
und dieses Schuldbewußtsein drückte sie zu Boden.
In diesem letzten Augenblick erkannte sie, was im Herzen der Mutter
vorgegangen war, und konnte nun doch nichts mehr gutmachen. Sie wollte
allein mit ihr sein; und als niemand mehr im Zimmer war, als sie die
Hand, die für sie immer eine liebkosende Hand gewesen war, kalt werden
fühlte, da zerfloß sie in Tränen.
Über dieses Weinen erwachend, konnte die Marquise ihre Moina noch einmal
ansehen; und als sie das Schluchzen hörte, das den zarten, halb
entblößten Busen zerreißen zu wollen schien, betrachtete sie ihre
Tochter und lächelte. Dieses Lächeln bewies der jungen Muttermörderin,
daß das Herz einer Mutter ein Abgrund ist, in dessen Tiefe sich noch
immer ein Verzeihen findet.
Sobald man um den Zustand der Marquise wußte, wurden reitende Boten
abgesandt, um den Arzt, den Chirurgen und die Enkelkinder der Frau
d'Aiglemont zu holen. Die junge Marquise d'Aiglemont und ihre Kinder
trafen zu gleicher Zeit mit den Ärzten ein, und als sich noch die
Dienerschaft hinzugesellte, war es eine feierliche, schweigende,
schmerzlich gespannte Versammlung. Die junge Marquise, die vergebens auf
einen Laut gehorcht hatte, klopfte leise an die Tür des Zimmers. Bei
diesem Zeichen fuhr Moina aus ihrem Schmerz empor und stieß ungestüm die
beiden Flügel auf. Sie sah mit scheuen Blicken diese Familienversammlung
an und stand vor all den Leuten in einem Zustande, der in seiner
Unordnung und Wirrnis deutlicher redete, als Worte es vermocht hätten.
Angesichts so tiefer, eindringlicher Reue blieben alle stumm. Man konnte
die kalten, krampfhaft auf dem Totenbette ausgestreckten Füße der
Marquise sehen. Moina lehnte sich an die Tür, sah ihre Verwandten an und
sagte mit hohler Stimme:
»Ich habe meine Mutter verloren!«
Ende.
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